Walzerklänge:

Noch einmal - Führen und Folgen

 

 

Wie Meerjungfrauen auf den Wellen:

Das Leben tanzen

 

 

 

Da erhob die kleine Meerjungfrau ihre schönen weißen Arme,

richtete sich auf den Fußspitzen auf und schwebte tanzend

über den Fussboden hin, wie noch keine getanzt hatte.“

Hans Christian Andersen. Die Kleine Meerjungfrau

 

 

Der dänische Tangokalender verzeichnet keine Veranstaltungen für die Westküste von Jütland. Zwischen Rømø und Skagen tanzen nur die Schaumkronen auf den Wellen. 

 

„Das sind die Meerjungfrauen“, sagt Undine. Sie trägt an diesem Tag ein dunkelblaues T-Shirt mit dem Aufdruck „Havfrue“.

 

Die frische Luft beflügelt meine Gedanken. Sie fliegen einmal um den halben Erdball. Ein Farbholzschnitt von Hokusai ist mir in den Sinn gekommen. Jeder kennt „Die große Welle von Kanagawa“. Die kleine Arbeit entstand zur gleichen Zeit wie das dänische Märchen von der kleinen Meerjungfrau. 

 

„Hokusai“, sage ich. 

 

Vor dem Hintergrund des Berges Fuji schießen drei Boote durch die tosende See. Über ihnen bricht die große Welle in schäumender Gischt zusammen. 

 

„Ob Hokusai in dieser Naturgewalt die Meerjungfrauen dargestellt hat?“ 

 

Japaner, sagt Undine, lieben Meerjungfrauen und dänisches Gebäck. „Little Mermaid Bakery“ nenne sich eine Kette mit gut 300 Filialen in Japan. „Hygge for Life“ laute ihr Motto. Eine Meerjungfrau ist ihr Logo.

 

Unsere Gedanken kommen und gehen wie die Wellen des Meeres. Wir wandern vor der Brandungszone von Vedersø Klit. Weiter nördlich liegt Klitmøller, Dänemarks „Cold Hawaii“. Dort schießen jetzt junge Meermänner und Meerfrauen auf ihren Surfbrettern durch die Gischt. Wir haben vor einigen Tagen den Ort besucht und die Fahrkünste bewundert. Wenn der Wind in die Segel fährt und sie tief gegen das Wasser beugt, dann strecken diese Meerfrauen und Meermänner ihre Körper in die entgegengesetzte Richtung. So halten sie die Balance.

 

Unsere Blicke richten sich auf den Kieselstrand. Wir suchen Lochsteine. Durch ihre Öffnung in der Mitte oder am Rand können sie einzeln oder zu einer Kette aufreiht werden. So ein Lochstein in den Hühnerstall gehängt, weiß Undine, inspiriere die Hühner zu verbesserter Legetätigkeit. Hühnergötter werden diese Steine genannt. Wegen der Hühnergötter schmecken dänische Frühstückseier besonders gut. Undine  sammelt nicht nur Lochsteine, sondern sie hat in ihrem Reisegepäck auch das passende Buch. Der Autor heißt Jewgeni Jewtuschenko. Der Hühnergott, sagt Undine und beugt sich zu einem runden Stein mit einer großen Öffnung in der Mitte hinab, verströme eine positive Energie. Jewtuschenko schreibe, es gäbe auch Menschen, die mit dem Klang ihres eigenen Lebens andere beruhigen oder sogar heilen können. Manche Menschen seien ein Requiem, andere eine Hymne, wieder andere seien Foxtrott oder eine Polka.

 

„Oder ein Tango!“, ergänze ich. „Gibt es einen russischen Tango?“

 

Undine hebt den Lochstein und schaut durch ihn auf das Meer als wäre er ein Fernrohr. „Pjotr Leschenko!“ „Wo?“ „Ich habe eine CD mit Aufnahmen aus den Dreißiger Jahren.“ Wie immer, wenn wir in stille Wochen reisen, haben wir Bücher und DVDs im Gepäck. Ich bin gespannt.

 

Zwanzig Kilometer südlich von Vedersø Klit gibt es die Diskothek „Popen“ und eine Bavaria Alm. Der große Supermarkt von Søndervig öffnet an 365 Tagen im Jahr. Kronings Internationales Antiquariat ist nur am Donnerstagnachmittag in den Sommermonaten geöffnet. Über 150000 Bücher stehen hier zum Verkauf. Wie viele Artikel der Supermarkt „Meny“ im Sortiment führt, weiß ich nicht. Hier gibt es neben der Tagespresse auch internationale Bestseller in deutscher Übersetzung. In den Regalen des Antiquariates stehen Bücher von Werner Bergengrün, Hans Carossa, Ricarda Huch, Edzard Schaper. Ich bin erstaunt über die Vielzahl deutscher Bücher und bewundere die Leselust der Dänen. Die Bücher kämen alle aus Hamburg, sagt die Besitzerin des Antiquariates. Ein Freund fahre einmal im Jahr nach Hamburg und rette diese Bücher vor dem Reißwolf.  

 

Undine lernt Dänisch. Deshalb sucht sie in der dänischen Abteilung nach einer illustrierten Ausgabe von Andersens Märchen „Den lille Havfrue“. „Meer“ heißt auf dänisch „hav“, „frue“ bedeutet „Frau“. 

 

„Warum wurde aus der dänischen Meerfrau eine deutsche Meerjungfrau?“, frage ich Undine. Sie ist nie um eine Antwort verlegen und flüstert sie mir ins Ohr.

 

Meerjungfrauen können auf den Wellen tanzen. Wenn wir Tango tanzen wollen, müssen wir an die Ostküste nach Aalborg, Randers oder Århus fahren oder den Teppich in unserem Ferienhaus zusammenrollen. Das machen wir seit drei Wochen und üben die Colgada. Wir studieren immer wieder die Videos eines Paares aus Basel und betrachten dabei jede Sequenz. Männerrolle und Frauenrolle. Wenn wir an unsere Grenzen kommen, unterbrechen wir die Übungen und vertagen sie auf den nächsten Abend. Manchmal merken wir, dass wir nicht in den Fluss kommen, aber wir wissen nicht, woran es liegt. Irgendwo stimmt eine Bewegung nicht. Aber an welcher Stelle? Und wer verhält sich falsch? Im Zweifelsfall immer der Führende, habe ich gelernt. Bei einer guten Führung klappt fast alles. Nicht so bei der Colgada. Dass sich die Geführte, gehalten von den Händen des Partners, fallen lässt, setzt Vertrauen in den Führenden voraus. Undine vertraut mir blind und überschätzt dabei meine Standfestigkeit. Sie lässt sich fallen und bringt mich mit ihrem Schwung aus dem Gleichgewicht. Ich stolpere und fange sie gerade noch auf. 

 

„Du musst dich in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Du bist das Segel, an dem ich mich festhalte.“ 

 

Vor langer Zeit hat Undine das Surfen gelernt. Das sagt sie. Ich glaube es nicht. Wer sich ein Kinderbuch von der kleinen Meerjungfrau auf Dänisch kauft und den japanischen Namen der Meerjungfrau kennt, so denke ich, der bewegt sich nicht unter Surfern. Nicht weit entfernt von unserem Ferienhaus liegt der Nissumfjord mit seinem Stehrevier. Da könnte Undine ihre Surfkünste unter Beweis stellen. Aber auf Demonstrationen dieser Art lässt sie sich nicht ein.

 

Die Colgada im Tango ist wie das Tanzen auf den Wellen. Man braucht dazu kein Surfbrett, aber einen Partner, an dem man Halt findet wie an dem Segel. Die Colgada ist eine Vertrauensübung. Wir halten uns an den Händen, beugen leicht die Knie und lassen uns fallen. Im Fallen halten wir uns gegenseitig wie im Kinderspiel aus längst vergangenen Tagen. Eine Kreisbewegung um eine unsichtbare Mitte. Im Laufe unserer Ferientage wird sie sichtbar: Wir haben Spuren hinterlassen. Auf den Holzbohlen ist das Muster unserer Bewegungen zu sehen, obwohl wir vor jedem Tanz mit dem Nilfisk den Sand aufgesaugt haben. 

 

Wir brechen auf, nicht ohne den Boden mit Bienenwachs gepflegt zu haben. Nun fahren wir nach Århus. Eine junge Stadt voller Studenten. Doch wie überall zieht es vor allen Dingen die älteren Semester zur Tango Lesson. Es ist Sonntagnachmittag. Wer kommt, bereichert das Kuchenbüffet mit einer Gabe: Original dänisches Blätterteiggebäck, also ohne Meerjungfrauen-Logo, und Sahnetorten. Flødebøller - das sind Schaumküsse in allen Geschmacksvarianten. Undine liebt Flødebøller, nicht nur die Süßigkeit, sondern vor allen Dingen das Wort. Wie wenige andere Wörter enthält es den unverkennbaren Klang der dänischen Sprache. Wer Flødebøller aussprechen könne, der sei in Dänemark angekommen, heißt es.

 

Von Århus fahren wir nach Odense. Hier wurde Hans Christian Andersen geboren. Das Lächeln einer Ballerina begrüßt uns vom Plakat der örtlichen Ballettschule. Auf der Tafel vor dem Wirtshaus steht mit Kreide geschrieben: „Today is a good day“. Wie wahr!  Wir besuchen eine kleine Galerie mit großen Rumvorräten. Der Galerist und Rumkenner hat sich natürlich auf Nixenmalerei spezialisiert. Damit folgt er den Wünschen japanischer Touristen. Wir teilen mit den Japanern die Nixenliebhaberei und kaufen ein Bild für Undines Badezimmer und für mich eine Flasche Rum. 

 

Im Hans-Christian-Andersen-Park spielen Studenten mit Frisbee-Scheiben oder lassen den Bumerang geübt über den Körpern sonnenhungriger Mädchen kreisen. Zwei Pizzen - groß wie Wagenräder - schweben an den Strauchrosen vorbei, getragen von schönen Burschen. Heute findet in Andersens Park eine Salsa-Party unter freiem Himmel statt. Nächste Woche gibt es Tango. Dann werden wir Odense leider verlassen haben. 

 

„Schade“, sagt Undine. „Tango mit Hans Christian Andersen, das wär’s gewesen.“

 

Wir wohnen natürlich im Andersen-Hotel direkt neben dem kleinen Hans-Christian-Andersen-Museum. Irgendwie bekommt die Stadt nicht genug von ihrem berühmtesten Sohn. Auf der Bank vor dem Hotel sitzt der Dichter in Bronze gegossen. Ein sehr großer Mann neben Undine. Eine Skulptur neben der Tür zeigt Andersens Meerjungfrau mit einem Messer in der Hand. Scherenschnitte der Wasserfrau säumen die Treppe zum Ausstellungsraum im ersten Stock des Museums. Im aufgeschlagenen Gästebuch sehen wir fremde Schriften. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, was diese Zeichen zwischen Krikelakrak und Kalligraphie bedeuten. Überhaupt: Warum sind so viele Besucher aus Japan in Odense? Ist es das Märchen des Dichters oder das dänische Gebäck, dass sie anzieht? Angeblich steht die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau in japanischen Schulbüchern. Warum aber beugen sie die Knie vor den gusseisernen Deckeln der Kanalisation mit Andersens Profil? Warum gehen sie in die Hocke vor der Skulptur des tapferen Zinnsoldaten? 

 

Im Museum ein Bett mit achtzehn bunten Decken. Irgendwo darunter liegt die Erbse. Andersen war die Prinzessin auf der Erbse - hochsensibel und überempfindlich. Ein unglücklich Liebender, voll krankhafter Schwermut und dem Hang, das Traurige im Leben zu suchen, und zugleich offen für die Berührung durch jeden Sonnenstrahl und voller Freude an den kleinen Dingen des Lebens.  

 

Über die Große-Belt-Brücke fahren wir weiter von Fünen nach Seeland und an Kopenhagen vorbei in den Norden. Jetzt sitzt Undine auf der Terrasse unseres Ferienhäuschens und schaut auf die Schiffe im Katzenloch. Kattegat - so nannten die Niederländer das Meer zwischen Jütland im Westen und Schweden im Osten. Auf dem Tischchen neben Undine liegen Erinnerungsstücke: Eine geöffnete Dose mit Nixenkeksen und das dänische Buch von Hans Christian Andersen: „Die kleine Meerjungfrau“. Es ist die Geschichte einer Balletttänzerin und ihrer Verwandlungen.  Eine Erfahrung von Liebe, Tod und neuem Leben. Eine Tango-Geschichte, meint Undine, die Geschichte einer Berührung. Na klar, erwidere ich. Was denn sonst? Dass Meerjungfrauen gute Schwimmerinnen sind, leuchtet ein. Gewiss sehen sie herrlich aus, wenn das Wasser auf ihren feuchten spitzen Brüsten wie Perlen im Sonnenlicht glänzt. Ich will glauben, was die alten Sagen berichten. Dass sie gerne und verführerisch singen, haben wir noch auf der Schule gelernt. Sirenen und Loreley und das „feuchte Weib“ aus Goethes „Fischer“. Männerphantasien der alten Zeit.  

 

Andersen, sagt Undine, mache aus der Wasserfrau eine Balletttänzerin, die wie ein Sommervogel über den Boden schwebe. Er wollte ja selbst Balletttänzer werden, damals, als es in Odense noch keine Ballettschule gab und er als junger Bursche ohne Schulabschluss nach Kopenhagen reiste. Andersen ist die Meerjungfrau, sagt Undine. Eine gewagte Behauptung, meine ich. 

 

In Kopenhagen, lese ich im Internet, werde eine dejlig Milonga stattfinden. So fahren wir los. Von unserem Sommerhaus ist es nur ein Katzensprung nach Kopenhagen. Wir nehmen uns Zeit für einen Umweg über die Küste. Fahren durch Orte mit schönen Namen wie Liseleje, Tisvildeleje, Rågeleje, vorbei am ehemaligen Zisterzienerkloster Esrum nach Helsingør. Wir wollen Rudolph Tegners „Tänzerinnenbrunnen“ sehen. Drei Tänzerinnen des Königlichen Dänischen Balletts standen dem Bildhauer Modell. Undine entziffert ihre Namen am Brunnenrand. Sie tanzen einen Reigen und schwingen dabei fröhlich ihre Beine. Die Energie ihrer Bewegung hebt ihre Körper aus der Achse. 

 

„Lege deine Hände in meine Hände!“, sagt Undine. Dann lässt sich fallen. Ich bin überrascht. Mit dieser Bewegung habe ich nicht gerechnet. Ich stolpere kurz, finde wieder einen sicheren Stand und fange Undine auf. „Noch einmal!“, lacht Undine und schwingt ein Bein. Wieder lässt sie sich nach hinten fallen. Jetzt fange ich sie sicher auf. Dabei strecke ich meinen Körper in die Gegenrichtung und halte so unser Gewicht. Jetzt haben wir wieder die Balance gefunden. 

 

„Herrlich!“, sagt Undine. „Wir haben das Schweben nicht verlernt.“

 

Wir fahren weiter nach Kopenhagen. An der Langeline im Norden der Stadt befindet sich ein Park, ein kleiner Hafen für Segelboote und eine lange Promenade. Hier steht  das Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen, die Skulptur der Kleinen Meerjungfrau. Sie wurde wie der „Tänzerinnenbrunnen“ von dem Bierbrauer Carl Jacobsen (1842-1914) gestiftet. 

 

Der Sohn des Gründers der Carlsberg-Brauerei hatte am 26. Dezember 1909 im Königlichen Theater eine Vision, erzählt meine Nixenspezialistin. Er sah die Tänzerin Ellen Price (1878-1968) in der Rolle der Kleinen Meerjungfrau und beauftragte den Bildhauer Edvard Eriksen (1876-1959) eine Skulptur zu fertigen. Natürlich fühlte sich die Primaballerina durch das Angebot geehrt, doch nackend wollte sie nicht Modell sitzen.  So nahm der Bildhauer als Vorbild für den Körper der Skulptur seine Frau Eline Eriksen (1881-1963) und für das Haupt die Tänzerin. Am 23. August 1913 wurde die Skulptur an der Langelinie aufgestellt. Einen Monat zuvor war Tegners „Tänzerinnenbrunnen“ fertig gestellt worden. 

 

Die Kleine Meerjungfrau ist von zierlicher Gestalt, kleiner als Undine. Sie sitzt auf einem großen Findling im Wasser. Besucher aus Asien lassen sich in Ausflugsbooten zur Skulptur fahren. Dreißig Sekunden Aufenthalt, dann muss der Kapitän dem nächsten Schiff Platz machen. Alle Besucher möchten ein Photo von der Meerjungfrau schießen und hoffen auf einen Moment, wo kein Boot aus dem Hintergrund auftaucht. Auch ich stehe mit meiner kleinen Leica vor Undine und der Meerjungfrau und warte auf die Sekunde, die nur uns Dreien gehört. Mehr Zeit steht keinem Besucher bei der Audienz am Meer zu. Aber die Photographierenden kann ich ohne Zeitdruck photographieren. Selfie mit Meerjungfrau: Auf der Landseite stehen verschleierte Frauen vor der zarten Nacktheit der Tänzerin. Die Skulptur zeigt die Meerjungfrau in der letzten Phase ihrer Verwandlung zum Menschen. 

 

Wir nehmen oberhalb der Skulptur auf einer Bank Platz und erfreuen uns an den Besuchern. Undine erzählt von Hans Christian Andersen: Als junger Bursche kommt er nach Kopenhagen und tanzt vor der Balletttänzerin Margarethe Schall. Sie hält den Burschen im Konfirmationsanzug schlicht für verrückt und lässt ihn vom Hausdiener aus ihrer Wohnung entfernen. Der Tänzer Carl Dahlén nimmt sich seiner an. Doch bald wird auch er Klartext sprechen müssen: Bei seiner hochgewachsenen Gestalt und Schuhgrösse 48 habe Andersen keine Aussicht auf eine Karriere als Solotänzer. Andersen fühlte sich wie ein Hund, der gegen den Strom schwimmen muss und dabei noch mit Steinen beworfen wird.

 

Während Undine erzählt, springt plötzlich ein Hund ins Wasser und schwimmt auf die Meerjungfrau zu. „Tøben!“, ruft ein Frau. Aber der Hund kommt nicht zurück. Er klettert auf die grossen Steine mit der Meerjungfrau, und schüttelt sich das Fell. Sämtliche Cameras und Handy richten sich auf den Hund. 

 

„Meerjungfrauen tanzen gerne“, sagt Undine. „Unter Wasser ist ihr Körper federleicht. Schwierig wird ihr Tanz erst, wenn sie das Wasser verlassen.“

„Warum bleiben sie dann nicht in ihrem Element?“

„Weil die Liebe sie berührt hat“, sagt Undine.

„Der Prinz.“

„Genau. Die Meerjungfrau glaubte in dem Prinzen die große Liebe ihres Leben gefunden zu haben. Deshalb wird sie Mensch.“

„Aber es ist eine tragische Liebe. Denn der Prinz wird eine andere Frau heiraten. Er erkennt nicht ihr wahres Wesen.“

„Sie tanzt für ihn, schöner als alle anderen tanzen. Sie leidet an ihrer unerfüllten Liebe. Sie opfert sich für ihn.“

„Eine Tangogeschichte.“

„Die Geschichte einer Berührung.“

„Die Meerjungfrau lässt den Prinzen hinter sich und entwickelt sich weiter. Sie sucht weiter, was sie berührt hat. Ist es nicht so beim Tango? Du wirst berührt. Aber nicht allein der Mensch, den du in den Armen hältst, berührt dich. Da geht etwas durch ihn hindurch und will dich berühren. Etwas von weit her wie die Strahlen der Sonne.“

 

Wir fahren in den Süd-Westen von Kopenhagen. Dort liegt Karen Mindes Kulturhaus mit dem Tango-Pavillon. Orte, an denen Tango getanzt wird, haben nicht selten eine merkwürdige Geschichte . Der Tango Pavillon steht auf einem weiträumigen Gelände mit Hasenställen und einer Pferdewiese. Am Rand einer Schafweide sitzen Kinder und üben das Spinnen von Wolle. Der Pavillon ist aus Holz gefertigt worden. Durch die Fenster eines Türmchens dringt von oben Licht in den kreisförmigen Raum. Die Seitenwände hinter den Tischen und Stühlen können geöffnet werden. Doch so warm ist es an diesem Sommerabend nicht.

 

Der Tango Pavillon, so erfahren wir, ist vor über 120 Jahren errichtet worden. Damals stand hier eine Schule für taubstumme Mädchen. Die kleine Meerjungfrau hatte keine Stimme. Sie folgte dem Prinzen, aber sie konnte sich ihm nicht in Worten mitteilen. Und für die Sprache der Seele war dieser Mann taub. 

 

„Eine Tragödie“, sage ich.

„Eine Verwandlung“, entgegnet Undine.

 

Der Tango Pavillion wurde als Ort der Berührung errichtet. Hier konnten die jungen Frauen mit Füßen, Armen und Herz sprechen. Vieles kann nicht in Worte gefasst werden. Aber man kann das Leben tanzen. 

 

 

Schritte alter Meister:

Schwebende Hologramme

 

Schwedischer Tango mit Leonard Cohen:

Die Versöhnung

 

 

„Jag vill ha dej, vill ha dej, vill ha dej“

Rikard Wolff. Ta min vals

 

Vor uns auf der Überholspur donnert ein schwerer Sattelschlepper an der Kolonne der LKWs vorbei. „Thomas Schmitz - Cargo Bull“ lese ich auf dem Heck. Ich übe mich in Geduld. Werfe einen Blick zur Seite. Auf Undines Schoß liegt eine Landkarte und darüber ein Buch, das ich nicht kenne. „Gehen, ging, gegangen“ heißt der Titel. Das klingt nach Tango. Ja, ich bin einen weiten Weg gegangen. Er hat sich gelohnt. Ich bin angekommen.

 

„Gewiss einer der vielen Tango-Romane, die in Mode gekommen sind“, sage ich. 

„Nein, Pflichtlektüre für den Grundkurs Deutsch im kommenden Schuljahr“, antwortet Undine. „Eine Flüchtlingsgeschichte.“

 

Undine und ich sind auf dem Weg nach Schweden. In Lübeck machen wir Station und besuchen das Günter-Grass-Haus. 1964 war ich das erste Mal in dieser Stadt. Mit den Eltern besuchte ich die Borkumer Schönheitskönigin des Jahres 1963. In diesem Jahr erschienen die „Hundejahre“. Woran die Jury in der Seemannsbar von Borkum erkannte, dass Uschi die schönste unter allen Sommergästen war, haben mir die Eltern nicht verraten.

Uschis Mann besaß in Schleswig-Holstein die Generalvertretung für Pril. So kehrten wir aus Lübeck mit einem großen Paket voller Pril-Flaschen und vier kleinen Plastikenten zurück. Diese Enten gehören zu meinen frühen Lübecker Erinnerungsbildern wie die zersprungene Glocke der Marienkirche, die Foltergeräte im Holstentor und die winzigen Bettkammern im Heiligen-Geist-Hospital. 

 

Erst später erfuhr ich, dass in der Hauptsaison auf Borkum jede Woche eine Schönheitskönigin gewählt wurde. „Auf Borkum ist alles anders!", sagen die Insulaner. Bei unserem Bummel durch Lübeck lesen wir über einem Bäckerladen: „Normal ist nix für uns“.

 

„Warum habe ich mich bei der Lektüre von Grass’ Büchern fast immer gelangweilt“, frage ich mich. Undine wagt eine Antwort. Grass habe keine Transzendenz. Nie war ich versucht, eine Formulierung in seinen Romanen zu unterstreichen. Kein Wort, kein Satz, kein Funkenflug des Geistes. Als Grass das „Treffen in Telgte“  (1979) veröffentlichte, wurde er vom Germanistischen Seminar der Universität Münster eingeladen. Gastgeber war Günther Weydt. Er galt als bedeutender Grimmelshausen-Forscher. Ich hatte den „Simplicissimus“ gelesen, liebte die Lieder Paul Gerhardts und hatte in Martin Opitz' „Schäfferei von der Nimfen Hercine“ die erste Begegnung mit einer Undine. 

 

Im großen Hörsaal des Fürstenberghauses traf die akademische Elite der Barockforschung auf einen politischen Schriftsteller, der sich in ihr Gebiet vorgewagt hatte. Welche Fragen würde das gelehrte Publikum stellen? Ich war gespannt. Grass trank Rotwein und las. Er beendete seine Lesung und schenkte sich nach. Niemand fragte etwas. Schweigen. Grass schwieg. Die klugen Männer schwiegen. Da trat Professor Weydt ans Mikrophon und richtete eine Frage an den bildenden Künstler Grass.

 

„Herr Grass, können Sie die Titelbilder Ihrer Bücher nicht direkt auf den Buchdeckel pressen lassen?“

 

Niemand verstand die Frage, und der Spezialist für die Barock-Literatur, deren berühmte Vertreter Günter Grass auf ein erfundenes Treffen ins westfälische Telgte geladen hatte, erläuterte das Problem. Auf den Schutzumschlägen fänden sich  Zeichnungen von Grass. Bei der Inventarisierung durch die Bibliothekare werden Schutzumschläge entfernt. Daher die Bitte, die Bilder direkt auf den Umschlag zu setzen. 

 

Dieses Problem, sagte Grass, leerte sein Glas und griff zur Flasche, müsse der Professor mit seinen Bibliothekaren klären.

 

Die Veranstaltung war zu Ende, denn niemandem fiel eine zweite Frage ein.

 

„Welche Frage hättest Du Günter Grass gestellt?“, frage ich Undine.

„Keine Frage. Ich hätte ihn zum Tango aufgefordert.“

 

Im Jahr 1999 erhielt Grass den Nobelpreis für Literatur. Einige Jahr später wurde die Aberkennung dieser Auszeichnung gefordert. Grass hatte sich zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt. Wieder einige Jahre später fiel die Verleihung des Literatur-Nobelpreises aus, weil Mitglieder des Komitees in eine Korruptionsaffäre verwickelt waren. Damals am Lucia-Tag des Jahres 1999 aber tanzte Günter Grass mit seiner Tochter Tango auf dem Ball der Nobelpreisträger. 

 

In der Lübecker Ausstellung entdecken wir sein Buch „Letzte Tänze“ (2003) mit Gedichten, Lithografien und Zeichnungen. Ich blättere darin und stoße auf „Tango Nocturno“:

 

„Der Herr knickt die Dame,

nein, biegt sie, so beugsam die Dame,

der Herr gibt sich steif.

 

Zwei Körper, die eins sind, doch nichts

von sich wissen, geschieden in Treue,

in Treue vereint.

 

Die Hand in der Beuge, gedehnt tropft die Zeit,

bis plötzlich die Uhr schlägt:

fünf eilige Schritte.

 

Wir stürzen nach vorne und retten uns rücklings,

wo nichts ist als Fläche,

nach vorne zurück.

 

In Angst, doch ich fange - der Sturz

ist gespielt nur - mit rettendem Händchen

dich oft geübt auf.

 

Sind leer jetzt mit Haltung und schauen

im Schleppschritt, beim Leerlauf mit Haltung

uns unbewegt zu.

 

Das ist der Tango, die Diagonale.

Aus Fallsucht zum Stillstand.

Ich höre dein Herz.“

 

 

Grass tanzte also den englischen Tango - Fallsucht und Diagonale. Ich habe es mir gedacht. Kurz vor unserem Aufbruch nach Schweden hatte ich unsere Bücherbestände gesichtet und um die Hälfte reduziert. Gepäckerleichterung auf der Reise. Unter den ausgemusterten Beständen befanden sich auch die signierten Werke von Grass. Wohin mit den Kisten voller Bücher? Einige Dutzend konnte ich an das Antiquariat der Benediktinerinnen vom Kloster Marienrode verschenken. Als ich sie ablieferte und in das Depot trug, saß dort ein Mann mit Mundschutz vor einer Flasche mit reinem Alkohol. Er hatte irgendeine Sache ausgefressen und musste zur Buße 200 Stunden Sozialarbeit leisten. Ein Kloster ist der rechte Ort für Buße, dachte ich. Der stille Büßer mit dem Mundschutz und Gummihandschuhen tränkte ein Baumwolltuch mit Alkohol und strich damit den Schimmel von einer lateinischen Ausgabe der Bekenntnisse des Heiligen Augustin. Der Winter war sehr kalt gewesen, das Lager ungeheizt. Eine Leitung war geplatzt und hatte eiskaltes Wasser über die Kirchenväter ergossen. Der Büßer schaute nicht von seiner Arbeit auf. Ich stellte meine Bücherkisten ab und verließ den Raum. 

 

Der größte Bestand an ausgemusterten Büchern wanderte in den Papiercontainer. „Das kannst du doch nicht machen!“, hatte Undine empört gerufen und die Entsorgung unterbrochen. „Stelle die Kisten doch ins Foyer der Universitätsbibliothek.“ Also fuhr ich nach Hildesheim. Kaum hatte ich die ersten Kisten ausgeladen, erschien ein Hausmeister und stellte mich zur Rede: Ob ich mir vorstellen könnte, wie es hier aussähe, wenn alle Dozenten und Professoren ihre Altbestände auf diese Art entsorgten? Das konnte ich mir gut vorstellen. Deshalb wollte ich meine Bücher gleich in den Container werfen. Zum Glück war der Papiercontainer um die Ecke soeben entleert worden. Ich füllte ihn bis zum Rand. Den Grass brachte ich mit den Büchern von Heinrich Böll und Martin Walser in das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft auf der Domäne Marienburg. Da gibt es neben dem Dienstzimmer der Direktorin einen großen runden Tisch. Auf ihm legte ich die Bücher ab und einen Zettel mit dem Hinweis „Zum Mitnehmen“.  

 

Die Ausstellung im Günter-Grass-Haus besteht weitgehend aus Monitoren. Hier könnte ich Informationen abrufen, indem ich mit dem Finger den Bildschirm berühre. Ich zögere. „Wie oft wird eigentlich das Display am Tag gereinigt?“, frage ich Undine und wische mit einem Papiertaschentuch über jene Stelle, an der ein Bericht über den Untergang der Wilhelm Gustloff abgerufen werden kann.

 

„Was ist aus den Büchern von Günter Grass geworden?“, fragt Undine. Eine gute Frage. Aber sie führt weg vom Tango. Ich könnte sie kurz beantworten, aber ich will nicht. Ich denke an Tante Ulla, die den Untergang der Wilhelm Gustloff überlebt hat, und an die Musiker auf der Titanic. „Näher mein Gott zu Dir!“, sollen sie inmitten des Untergangs gespielt haben. Wer weiß das? Gab es „Letzte Tänze“ auf der Titanic? Vielleicht sogar Tango? 

 

Schonen oder Skåne heißt die Landschaft, die wir durchfahren. Wir haben die Fähre von Helsingør nach Helsingborg genommen. Im Westen liegt der Kullaberg, wo einmal im Jahr die Tiere tanzen. Allen voran die Kraniche. „Es ist etwas Wunderbares und Fremdes  an ihrem Tanz“, sagt Undine und schaut aus ihrem Buch auf mich. Dann liest sie mir aus dem „Nils Holgersson“ vor, während draußen am Rand der großen Strasse die ersten Schilder mit Elchen auftauchen:

 

„Es lag etwas Wildheit in ihrem Tanz, und trotzdem war das Gefühl, das er weckte, eine milde Sehnsucht. Niemand dachte mehr an Kämpfen. Statt dessen wollten alle, die Geflügelten und die, die keine Flügel hatten, sich ins Unendliche erheben, über die Wolken hinaufsteigen, herausfinden, was jenseits davon lag, den Körper zu verlassen, der sie beschwerte und zur Erde hinabzog, und fortschweben, dem Überirdischen entgegen. Solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem, was hinter dem Leben verborgen war, verspürten die Tiere nur einmal im Jahr, und das war an dem Tag, an dem sie den großen Tanz der Kraniche sahen.“ 

 

Das Buch erschien 1907. Im Jahr 1912 hatte der Tango die Hauptstädte Europas erobert. Auch Stockholm. Tango in Schweden! Dem Tango gehört die Nacht. Doch in Schweden auch die Mittagsstunde. Wir wollen in Malmö Tango tanzen und fahren durch den Morgennebel nach Älmhult. Dort erreichen wir den Riksväg 23, die Straße nach Malmö. Bei Sösdala stoßen wir auf ein Gräberfeld in Form eines Schiffes. Etwas weiter südlich liegt das Bosjökloster mit einer 1000 Jahre alten Eiche, die von der Äbtissin einst gepflanzt wurde und alle Zeiten und Händel überdauert hat. 

 

Die Fahrt nach Malmö führt in eine Stadt, die mir nicht gefällt. Nur Mietskasernen aus Beton und Hässlichkeit. Wo sind die roten Holzhäuser? Eben! In den Wäldern! Wo ist die berühmte Altstadt? Am Bahnhof! Wo liegt der? Weit entfernt von der Fredriksbergsgatan 7. Hier erwartet uns eine Tango Fika der Tangokompaniet. Die Fika gilt als typisch für schwedische Gemütlichkeit. Fika ist ursprünglich die kleine oder große Kaffepause.

 

Die jungen Mitarbeiter von Daniel Carlsson haben ein Büffet aufgebaut: Warme Köttbullar, gekochte Eier, Käse, Schinken, dazu Gurken und Tomaten. Die Malmöer Tangogemeinde begibt sich um 12.30 Uhr auf die Piste. Dann ist das Büffet verputzt. Sonntags-Tango zur Mittagszeit hat einen familiären Charme - auch durch die Kinder, die sich auf alten Sofas lümmelnd die Zeit mit Videospielen vertreiben, während sich ihre Mütter von mir führen lassen. Kerstin, die Heilerziehungspflegerin aus der Universitätsstadt Lund hat eine Klientin mitgebracht. Sie trägt neonrote Turnschuhe und sieht Dustin Hoffmann durchaus ähnlich. Der Mathematiklehrer aus Malmö spricht so schnell und unsauber Deutsch, wie er Undine durch die Milonga hetzt. Göran ist ein fröhlicher Bursche mit offenem Herzen. Wie viele Tänzer aus Schweden und Dänemark berichtet er von Fahrten nach Hamburg oder Berlin. Ja, Berlin, gefalle ihm gut, nur nicht das Mala Junta. Da wollte man ihn nicht zur Practica zulassen, weil er zu schlecht tanze. Ja, sagt Göran, das habe an seiner Partnerin gelegen. Mit der habe er schlecht getanzt, weil sie schlecht getanzt habe. Die Kursleiterin ließ diese Ausrede nicht gelten. Görans Tanzlust blieb ungebremst.

 

Schweden gelten als zurückhaltend. Sie bleiben gerne unter sich und lassen auch neue Nachbarn nicht leicht in ihre Kreise. Hier erleben wir ein anderes Schweden: Da alle Tangotänzer eine große Familie bilden, gehören wir zur Tangokompaniet selbstverständlich dazu. Schweden gelten auch als wortkarg. Doch der Tango löst ihre Zunge. Vor Beginn der Tanda, nachher, während des Tanzes oder zwischen zwei Stücken halten sie inne und quatschen.

 

An den Toilettentüren sehen wir die Hinweise „Förande“ und „Följande“. Ein schöner gleich klingender Anlaut. Doch wo gehe ich hin? Wo Undine? Följande bedeutet Folgende. Förande bezeichnet die Führenden. Führende sind die Männer. Frauen die Folgenden. Führende können auch Frauen sein. Im Land der vollendeten Gleichberechtigung darf die Tanguera auf der Tanzfläche Förande sein und doch Följande bleiben.

 

Wir verlassen das Tanzlokal und wandern durch Berge von Hagelkörnern. Kündigt sich Ende September bereits der Winter an? Ich stürme vorwärts. Der Weg entlang der mehrspurigen Straßen zieht sich hin. Überall an den Straßenrändern haben sich riesige Pfützen gebildet. Vorbeifahrende Autos spritzen Fontänen über den Gehweg. Wir wollen die Altstadt von Malmö sehen.  Das Ziel scheint nicht näher zu kommen. Wie sollen wir ohne Stadtplan aus diesem Irrgarten wieder zum Parkplatz finden? Jetzt nicht umkehren. Das Ziel kann hinter jeder Straßenecke liegen. Doch immer öffnen sich neue Häuserschluchten. Also umkehren. Jetzt, wo wir schon so weit gelaufen sind? Ja, gewiss. Was suchen wir, wo wir doch alles und mehr an diesem frühen Nachmittag gefunden haben? Aber wir verpassen doch etwas? Na und! Man verpasst immer etwas. 

 

Wir sind zurück in unserem Haus am See. Gewiss gibt es auch in der Nähe die Möglichkeit, Tango zu tanzen. Nur wo verstecken sich die Tänzer und Tänzerinnen? Durch Facebook entdecke ich „Tango Experimental“ in Halmstad, und so machen wir uns auf den Weg.

 

Die Stadt liegt an der Ostsee neben Tylösand und gehört zu der Provinz Halland. Einen Tag vor Michaelis wirkt der mondäne Badeort trotz des wunderbaren Wetters wie ausgestorben. Die kleinen weißen Wochenendhäuser stehen leer, die Buden und Strandlokale sind geschlossen. Der blaue Wegweiser am Prinz-Bertil-Wanderweg zur „After beach party“ weist ins Leere. Auch „Rock’N’Roll-Brunch“ im Hotel war gestern. Die Saison ist beendet. Wir gehen über weißen Sand und Muschelfelder am Wasser entlang. Unser Blick fällt auf eine kleine Insel mit einem roten Leuchtturm. Ich singe: „I want to marry a lighthouse keeper and keep him company.“ So ein Blödsinn.

 

Auf der Höhe des Seezeichens geht der Sandstrand in eine bizarre Felsenlandschaft über. Gelbe Flechten rufen den Stein ins Leben. Noch einmal der Rosen Du: Zwischen Wegesrand und Felsen blüht noch immer Rosa rugosa, Kartoffel- oder Apfel-Rose, auch Sylter Rose oder Kamtschatka-Rose genannt. Das Meer weitet die Seele und öffnet Erinnerungsräume. Ich lege mich auf einen der Felsen am Meer, schließe die Augen und atme durch. Heute bin ich wieder in Schweden angekommen. 

 

Wir gehen den Prinz-Bertil-Wanderweg am Meer entlang. Tylösand verehrt die Künstler und Lebenskünstler wie Prinz Bertil, der als Prinz von Schweden und Herzog von Halland sehr populär war. Der schnelle Prinz war nicht nur ein Autonarr wie die meisten Schweden, sondern er hatte „Benzin im Blut“ und fuhr Erfolge als Rennfahrer ein. Dabei bediente er sich des Decknamens Monsieur Adrian, was völlig sinnlos war, da jeder wusste, wer auf das Gaspedal trat.

 

Der heutige Schweden-Prinz Carl Philipp, erzählt Undine, habe sich als Renn- und Skifahrer einen Namen gemacht - trotz einer anerkannten Lese- und Rechtschreibschwäche. Er habe auch eine Dyskalkulie. Undine kennt sich in allen Begabungen und Sonderbegabungen aus. Sie hat auch die aktuellen Sprachregelungen verinnerlicht wie es sich für eine Beamtin gehört. Denn nur eine Lehrerin von gestern würde Dyskalkulie mit „Rechenschwäche“ übersetzen. Die kleinen Prinzen und Prinzessinnen in den deutschen Schulen haben keine Schwächen, sondern besondere Begabungen. Alle sind auf ihre Weise hochbegabt wie der Bruder der Prinzessinnen Victoria und Madeleine, sage ich. So könne Carl Philipp vielleicht nicht gut rechnen, dafür aber einen BMW M3 GT und einen Porsche 911 GT fahren. 

 

„Seit wann kennst du dich mit Autos aus?“, fragt Undine. „Du kannst ja nicht einmal das Navi bedienen.“

 

Ich lege mich auf eine Bank, bette mein Haupt in Undines Schoß und lasse mich lausen wie der Teufel mit den drei goldenen Haaren von seiner Großmutter. Elche haben wir noch nicht gesehen, wohl aber Schwärme von Elchfliegen. Sie verkriechen sich gerne in Haaren. Undine findet keine Elchfliege. Wunderbar. Ein herrlicher Tag in einem wunderbaren Land! Über uns kreisen die Möwen und lachen. „Ich bin damals viel zu früh nach Schweden gegangen“, sage ich.  Ich hatte ein Haus in Undenäs gekauft. Gudrun hatte sich in unseren Nachbarn verliebt und die Ehe geschmissen. 

 

Wir betreten das Kulturhaus im Volkspark und sind gespannt auf den Abend. Lena begrüßt uns. Die Mitglieder des Tangovereins treffen sich jeden Donnerstag, und pünktlich um 18.30 Uhr sind alle da. Kaffee und Muffins werden gereicht und schon ist Undine auf der Tanzfläche. Herzlich, herrlich ist die Atmosphäre. Hier tanzen Anfänger und Fortgeschrittene zu klassischen Tangos und Nontangos. Die Veranstaltung heißt Practica. Damit ist im Unterschied zur Milonga eine Lernsituation gemeint, die offen ist für das Experiment. Auch wer keinen Tango tanzen kann, tanzt einfach mit. Undine ist bald Mittelpunkt und nicht lange, da werden wir von Ulla eingeladen. Übernächsten Samstag trifft sich die Gruppe in Ullas Haus. Jeder bringe etwas zu essen mit und dann werde getanzt. 

 

Undine tanzt mit einem Japaner. Er ist Zahnarzt in der Stadt. Undine tanzt mit einem Syrer. Ich spreche mit einer Rumänin: Tango ist nicht nur ein Tanz. Tango ist nicht nur ein Lebensgefühl. Tango ist eine unsichtbare Gemeinschaft, die im Tanz sichtbar und erfahrbar wird. Am Tisch unterhalten wir uns über die Spiritualität des Tango. Was ist die Essenz des Tango? Ich sage, nach meiner Erfahrung steht vor dem Tango fast immer ein Bruch, ein Verlust, eine Trennung, eine Krankheit. 

 

Diese Voraussetzungen gelten auch für Schweden, sagt Lena. Und Ulla, die so herzlich lacht, erzählt vom Tod ihres Mannes und wie sie danach zum Tango kam und das Lachen wieder lernte. Was ist also das Wesen des Tangos? Healing. Heilung. Da sind sich alle Schweden einig. Wir umarmen uns und tanzen wieder und alles ist heil.

 

Die Zeit ist fortgeschritten. Die letzten Lieder erklingen. Es verschlägt uns fast den Atem. Undine und ich schauen uns an. Die schwedischen Worte ergreifen mich unmittelbar wie etwas Altvertrautes, das plötzlich wieder ins Leben tritt.: „Ja vill ha dej, vill ha dej, vill ha dej“. „Ist das nicht Leonard Cohen?“, frage ich Undine. Der schwedische Sänger stimmt den Refrain an: „Ay, ay, ay, ay!“ „Das ist Flamenco mit Walzerklängen“, antwortet Undine.

 

Wir hören Schwermut aufgelöst in Walzerklänge. „Ta min vals“, gesungen von Rikard Wolff. Nichts wird verschwiegen. Alles verwandelt in Bewegung. Ich tanze mit einer Schwedin. Ob ich früher Ballett getanzt habe, fragt sie mich. Alles wird ganz leicht. Was ist der Tango? Ein Wunder. Das Mysterium der Wandlung.

 

Zum Abschied umarmen wir uns. Umarmungen sind heilsam. Dann geht es durch die nächtlichen Wälder in unser Haus. Zwei Stunden Fahrt liegen vor uns. Im Nachhall der Begegnung vergeht die Zeit wie im Fluge. Die Dunkelheit ist nicht mehr dunkel. Die Wege schon vertraut. Wir lassen das Radio ausgeschaltet und legen auch keine CD ein. Undine summt „Take this waltz“, und plötzlich fragt sie mich, ob ich mich noch an das erste Gedichtbüchlein erinnere, das sie mir einst geschenkt habe. Welche Frage. Es waren Gedichte von Federico Garcia Lorca. Damals tanzte Undine Flamenco und führte uns dank ihrer Sprachkenntnisse auf unseren Reisen nach Spanien. Der Liedtext stamme von Lorca und das Gedicht trage den Titel „Pequeño vals vienés“. Und dann singt sie:

 

 

„Te quiero, te quiero, te quiero,

con la butaca y el libro muerto,

por el melancólico pasillo,

en el oscuro desván del lirio,

en nuestra cama de la luna

y en la danza que sueña la tortuga.

¡Ay, ay, ay, ay!“

 

 

„Was hat dieser Ruf zu bedeuten?“, frage ich Undine. „Ay, ay, ay, ay!“ Das sei der Duende sagt sie. „Duende?“ Wenn die Sufis sich sehr lange im Kreis gedreht haben, dann rufen sie den Namen Gottes. Allah, Allah, Allah. Die Zigeuner rufen Ay! Aber eigentlich rufen nicht sie, sondern es ruft in ihnen. Was ist dieses „es“? Der Gott? Der Engel? Die Muse? Nein, der Duende. Das Wort könne man nicht übersetzen. Es bezeichne eine Kraft, die von ganz unten kommt. Duende sei das Leben selbst, das Schöpferische. Zugleich sei es die Wunde, der Schmerz und der Tod. Es ist, als ob ein Vorhang aufgezogen werde. Der Duende verwundet und er heilt. Und wieder verwundet er und wieder heilt er. Er ist die Kraft des Schöpferischen. Der schöpferische Augenblick selbst, ein Geheimnis:

 

„Jag vill ha de, vil ha dej, vill ha dej

Ay, ay, ay, ay

Ta min vals, ta min vals…“

 

 

 

 

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