Im Ostchor des Münsteraner Domes

 


Es gibt viele Weisen, den Ruhestand zu gestalten. Ein reif gewordener Herr kauft sich das neuste Reisemobil und juckelt an der Seite einer jugendlichen Mitvierzigerin durch Europa, ein anderer lernt Tango tanzen oder engagiert sich für den Schutz der Feldhamster. Hans Blumenberg hatte andere Pläne für die Restlebenszeit. Er entschied sich nach seiner Emeritierung (1985) für die Arbeit am Nachruhm. Dazu wählte er das Leben in strenger Klausur. Längst vergangen war die Zeit, da Hund und Kinder ihn vor die Haustür oder in den Garten locken konnten. Tot war der treue Colly Axel vom Bendeleck. Die Eisenbahnanlage, auf der Papa Blumenberg mit seinen Söhnen acht Züge gleichzeitig steuern konnte, war abgebaut. Die Kinder gingen ihre eigenen Wege. Nach und nach hatte Blumenberg ihre Zimmer okkupiert. Er bewohnte einen eigenen Trakt im Bungalow am Grünen Weg 30 von Altenberge. Das Städtchen liegt im platten Münsterland direkt neben der A1 und bietet noch immer wenig Ablenkung durch kulturelle Reize. Blumenberg war ein Bewohner der Randzonen.


In guten Zeiten hatte Blumenberg täglich bis zu 30 Seiten Text diktiert. Nun musste er ohne die Hilfe seiner Sekretärin Ute Vonnegut auskommen. Dennoch tippte er bis zu seinem Tod mit zwei Fingern so viele Briefe, Aufsätze und Bücher in die Schreibmaschine, dass die Beschäftigung von Jungforschern aus aller Welt auf lange Zeit gesichert ist. Im Lesesaal des Deutschen Literaturinstituts Marbach beugen sie sich über Karteikarten aus dem Nachlass des Philosophen. Zitieren darf nur, wer das nihil obstat der Rechteinhaberin bekommen hat. Seit Elisabeth Förster-Nietzsche haben fürsorgliche Schwestern, Töchter oder Ehefrauen immer wieder versucht, die Wirkungsgeschichte eines Nachlasses zu steuern.

Kein Kino, kein Theater, keine Teilnahme an Symposien, kein Auftritt in einem philosophischen Quintett, keine Gutachtertätigkeit für Ministerien und Verlage, kein Ehrenvorsitz bei einer Hans-Blumenberg-Gesellschaft: Der Philosoph lebte wie Diogenes. Nur war seine Tonne wegen der vielen Bücher, die untergebracht werden mussten, wesentlich geräumiger. Besucher schätze er zum Leidwesen seiner Frau Ursula nicht. Auch ließ er sich von gelegentlichen Besuchen eines Kindes oder Enkelkindes nicht stören. Meistens verschlief er die Zeit, denn er war ein Nachtarbeiter wie Marcel Proust, dessen Roman „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ er im Laufe seines Lebens vier mal gelesen hatte. Zum ersten Mal als Schüler in der Teil-Übersetzung von Walter Benjamin, später das vollständige Original in der Ausgabe der Bibliotheque de la Pleiades.

Der einzige Mensch, für den er sich selbst Dispens von der Klausur gewährte, war der jüngste Sohn und designierte Herausgeber seines Nachlasses. Tobias Blumenberg hat in einem Buch Rechenschaft von den nächtlichen Spaziergängen mit dem Vater abgelegt. Der Mann aus Altenberge war „Der Lesebegleiter“. Seine Leseerziehung folgte einer Didaktik der Unmittelbarkeit. Ihr hatte sich der ältere Bruder erfolgreich widersetzt. Lesen lernen soll ein Kind wie das Schwimmen - durch einen Sprung ins kalte Wasser. Passend zu dieser elementaren Pädagogik hatte der Vater seinem Sohn als erstes Leseerlebnis den Roman „Moby Dick“ von Herman Melville als eine Art anthropologischer Grundschule verordnet. Selbstverständlich nicht in einer kastrierten Jugendfassung. Auch als Lehrer war Blumenberg fest davon überzeugt, dass Studenten nicht alles verstehen können und auch nicht müssen. Ein guter Vortrag war für ihn unerschöpflich wie ein gutes Buch. In den Leselisten, die er geführt hat, findet sich neben dem Datum und der Bewertung im Notensystem von „sehr gut“ bis „mangelhaft“ auch eine Datierung der wiederholten Lektüre. Die vierte Lesung der „Recherche“ beendete er im Februar 1996 wenige Wochen vor seinem Tod. Auch Musik begleitete sein Leben bis zum letzten Atemzug, allen voran Bachs „Matthäuspassion“, die er über Jahrzehnte jeden Karfreitag hörte.

Nach dem Sommersemester 1985 hatte der Emeritus endgültig mit der Welt abgeschlossen. Nur Karthäuser wie der Heilige Bruno oder der Einsiedler Arno Schmidt lebten in ähnlicher Abgeschiedenheit. Aber Blumenberg wollte mit niemanden verglichen werden, weder mit dem Bargfelder Lästermaul noch dem Gründer der Grande Chartreuse. Er selbst scheute keine Vergleiche. So sprach er von den turbulenten Sechziger Jahren, die er in Gießen und Bochum erlebt hatte, als einer Zeit der Ochlokratie und der Wiederkehr erlittenen Terrors aus der Jugendzeit. Die Universität nannte er eine verrottete Institution, deformiert durch planlosen Reformeifer. Im besten Mannesalter war er 1970 auf den Münsteraner Lehrstuhl für Philosophie als Nachfolger von Joachim Ritter berufen worden. Hier in der bleiernen Zeit des deutschen Herbstes entstanden Werke geistigen Widerstandes wie „Arbeit am Mythos“ (1979) oder sein vielleicht schönstes Büchlein „Schiffbruch mit Zuschauer“ (1979) mit dem Pascal-Motto „Vous êtes embarqué“ („Ihr seid bereits eingeschifft“).

Curriculare Vorgaben haben Hans Blumenberg in der Auswahl seiner Themen nie irritiert. Das Lehrdeputat von sechs Semesterwochenstunden erfüllte er durch drei Vorlesungen, deren Themen sich bis zur Emeritierung nicht wiederholen. In der ersten Reihe des Hörsaales saß die akademische Jugend der späten Siebziger Jahre mit ihren Cassettenrekordern, allen voran Thomas Sternberg, der später das Zentralkomitee der deutschen Katholiken auf den synodalen Irrweg führen sollte.

Nur vereinzelt verirrten sich Hörerinnen in Blumenbergs Männerkolleg. Das Exzellenzcluster hatte eine unbeschreibliche Atmosphäre: den Zauber einer höheren Seinsmesse, eine Session für Eingeweihte und Liebhaber des kreativen Müßiggangs, die niemals nach der Prüfungsrelevanz der Vorlesung fragten. Wer ein Examen ablegen oder einen Titel erwerben wollte, war bei Blumenberg an der falschen Adresse.

Im Saal 8 des Münsteraner Barock-Schlosses erlebte seine Gemeinde die Genesis einer Philosophie der Nachdenklichkeit. Um dieses Glück der schöpferischen Aktes im Sprechen ging dem Lehrer. Blumenberg hatte Esprit und schöpfte aus dem Vollen. Deshalb waren seine Vorlesungen bei allen bildungsfähigen Hörern sehr beliebt. „hip“ oder „kultig“ würde man sie heute nennen. Blumenberg hätte gegen diese Wortwahl keinen Einwand erhoben. Einerseits war er Sprachpurist und ein Exorzist des Druckfehlerteufels, andererseits demonstrierte er gerne seine Kenntnis des neusten Sprachwandels. Die Wissenschaftsprosa seiner Bücher war frei von jenen Jargon wider den Zeitgeist, mit dem er in seiner Vorlesung die Lacher auf seiner Seite hatte. „Ich bin nicht Jesus!“, konnte er sagen. Mit spitzbübischem Lächeln kommentierte er die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Yehudi Menuhin (1979) „für besonders sanftes Geigespielen“. Als ein Zuhörer die Vorlesung vorzeitig verließ, rief ihm Blumenberg tröstend hinterher: „Gehen Sie nur. Mich langweilt die Vorlesung heute auch.“ An gendergerechter Sprache und Diversität, an Kinderunis mit Mütterbetreuung und Rechtschreibkursen für Erstsemester hätten er und seine Zuhörer boshafte Freude gehabt. Denn das Ziel aller Nachdenklichkeit ist die Konsensstörung. Auch hier erreichte Hans Blumenberg Meisterschaft. Das Heimsen von Wissenschaftspreisen und Ehrendoktortiteln überließ er andere Philosophen.

Heute in Zeiten der Bildungsinflation besuchen 57 % eines Jahrgangs die Universität. Mitte der Fünfziger Jahre waren es 3 %, doch auch sie stöhnten bereits über ein Lernniveau, das im Rahmen der vorgegeben Zeit nicht zu bewältigen sei. Der junge Philosophielehrer Hans Blumenberg war an der Universität Kiel auch für die Ausbildung angehender Gymnasiallehrer zuständig. Er reagierte auf die Klagen mit einem Feuilleton, das er unter dem Pseudonym seines Hundes Axel Colly schrieb.

„Der Student in Zeitnot“ erschien in den Düsseldorfer Nachrichten (12. Juni 1954). Studenten geraten bei ihrem Studium in Zeitnot, sagt Axel Colly, weil sie einfach zu viel Zeit haben und folglich im Studium zu viel herumdaddeln. Die Zeitnot des Studenten sei „die Kehrseite einer zeitverschleudernden, zutiefst ‚zerstreuenden‘ Lebensform. Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß das Geheimnis der seltenen Menschen, die immer Zeit zu haben scheinen, in der Fähigkeit zur Konzentration liegt. Der heutige Student muß so auffallend viel arbeiten, weil es ihm an dieser Fähigkeit fehlt.“ Dann lobt Axel Colly das Prüfungswesen: „Das Examen ist ein einzigartiger Faktor der Konzentration: ein oder zweimal im Studium sich ganz ‚zusammennehmen‘ zu müssen, auf Ausflüchte und Vorwände verzichten, Vermögen und Ausdruck in ein genaues Verhältnis zu zwingen - das ist doch ein Modell entscheidender Situationen des Lebens selbst.“
 
Das deutsche Bildungswesen brauche keine „Reformhyänen“, sondern klare Leistungsanforderungen, an denen die Jugend Orientierung und echte Herausforderung finde. „Sachlichkeit, Blick für das real Gegebene, Übersicht über verfügbare Möglichkeiten, Voraussicht gegenüber großen Ansprüchen“, darauf komme es an.
 
Blumenberg war der letzte Lehrer seiner Art. Er entstammte keiner philosophischen Schule und hat keine Schule begründet. Von der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster und der Philosophischen Fakultät erwartete er nichts. Deshalb hielt er auch keine Abschiedsvorlesung. Die Kollegen hatten es auch nicht anders erwartet. Sie wussten nichts über Hans Blumenberg und sahen in seinem zuweilen abweisenden Verhalten nicht den Selbstschutz einer verletzten Seele. Selbst für Blumenbergs Assistenten war seine Biographie von Geheimnissen umhüllt. Nur Karl-Heinz Gerschmann, ein jüdischer Konvertit, und die Sekretärin Ute Vonnegut standen ihm persönlich nahe. Mit Abschiedsszenen verband Blumenberg eine der größten Demütigungen seines Lebens. Er hatte die Reifeprüfung 1939 als bester Schüler in Schleswig-Holstein bestanden. Doch am Tag der Verleihung der Zeugnisse an der Nazi-Hochburg des Lübecker Katharineums weigerte sich der Schulleiter, dem Primus das Reifezeugnis auszuhändigen. Diesen Affront konnte Blumenberg der Schule und der Stadt nicht vergeben. Er blieb unversöhnt auch mit seiner eigenen Leidensgeschichte, von der er zwischen den Zeilen in seiner „Matthäuspassion“ (1988) erzählt. Als diese Identifikation mit dem Gekreuzigten erschien, trennte ihn nur noch ein Jahr vom erreichten Lebensalter seines Vaters Josef Carl Blumenberg (1880-1949). Der bald kommende 70. Geburtstag erfüllte ihn im Blick auf die Vollendbarkeit seines Lebenswerkes mit Sorge. Er wusste, dass er kein hohes Alter wie Ernst Jünger erreichen würde, und er spürte wohl auch die Vorboten des schweren Schlaganfalls, der ihn bald treffen sollte. So nutze er sehr bewusst die verbleibende Lebenszeit zu erhöhter Anstrengung bei spürbar abnehmender produktiver Kraft.

Er könne stolz auf seine Lebensleistung sein und es ruhiger angehen lassen, rieten alte Freunde und Wegbegleiter. Ihre gut gemeinten Vorschläge für altersgemäßes Freizeitverhalten, verärgerten Blumenberg. Er empfand sie als unsensibel und respektlos gegenüber seiner Lebensgeschichte als rassistisch ausgegrenzter und um viele Optionen betrogener hochbegabter Student der katholischen Theologie. Seine Generation hatte viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Mitschüler waren an den Fronten gefallen oder kamen an Leib und Seele schwer verwundet aus dem Krieg. Die meisten von ihnen konnten und wollten nicht über diese Traumatisierungen sprechen. So ging es auch Blumenberg. Er reagierte betroffen und wütend, wenn ehemalige Klassenkameraden behaupteten, andere hätten auch ein schweres Schicksal zu tragen gehabt. Lebensgeschichtliche Erfahrungen sind immer einmalig und unvergleichbar.

 

 

Im Totenkeller des Bischöflichen Gymnasiums Josephinum/Hildesheim

 

Hans Blumenberg entstammte einem alten Hildesheimer Geschlecht, das seit vielen Generationen Priester hervorgebracht hatte. Einige waren Mitglieder des Jesuitenordens. Der Vater handelte erfolgreich mit religiöser Kunst und hatte sich in der Lübecker Diaspora eine Existenz aufgebaut. Die Mutter, eine jüdische Konvertitin, übte den Beruf der Zahnarzthelferin aus. Hans Blumenberg war ihr erstes Kind. Ein jüngerer Bruder Rolf, genannt Hoffi, starb in jungen Jahren. Sein Tod hinterließ bei allen Familienmitgliedern einen bleibenden Schmerz und vielleicht auch Schuldgefühle. Der Vater wurde nun von herausragender Bedeutung für die Entwicklung des einzigen Kindes. Die Beziehung war fürsorglich und innig. Zugleich erkannte und förderte Josef Carl Blumenberg die vielfältigen Begabungen seines Erstgeborenen in jeder Weise durch gemeinsame Reisen in die Hildesheimer Heimat oder nach Italien. Er ließ die von seinem Sohn edierte Zeitschrift „Erdball und Weltall“ in einer Privatauflage drucken. Neben dieser geistigen Förderung stand eine gemeinsame Glaubenspraxis. Der junge Blumenberg war durch das strenge Exerzitium einer katholischen Grundschule mit allmorgendlicher Messe gegangen. Er diente über viele Jahre als Messdiener und engagierte sich in seiner Heimatgemeinde durch Vortragstätigkeit.

Als Blumenberg nach dem Abitur Priester werden und in den Orden der Jesuiten eintreten wollte, riet ihm der Vater, Deutschland zu verlassen und in Rom zu studieren. Ausweichen und Fliehen waren nicht seine Sache. Der Eliteschüler ging in die innere Emigration. Hier übte er sich im Widerstand durch reine Geistesmacht nach dem Vorbild des Pater Lampros aus Ernst Jüngers Parabel „Auf den Marmorklippen“ (1939). Eine Überlebenstechnik, die sein weiteres Leben bestimmen sollte. Von herausragender menschlicher Bedeutung wurde der Einfluß seines ehemaligen Deutschlehrers und Mentors Wilhelm Krüger. Neben dem Vater war er die prägende Figur in Blumenbergs Leben. Bei ihm fand er, der gerne mit Geschwistern aufgewachsen wäre, einen Familienanschluß. Wilhelm Krüger überlebte die letzten Kriegstage nicht. Blumenberg hielt dem Lehrer und seiner Witwe Else mit ihren vier Kindern Gundula, Birgit, Klas und Katharina die Treue und unterstütze sie finanziell.

Dass der vielfach Begabte ausgerechnet Priester werden wollte, bedarf heute im Zeitalter der Demaskierung und Selbstdemontage dieses Standes der Erläuterung. Der junge Blumenberg suchte das „Das Hochland“. Der metaphorische Titel von Carl Muths „Zeitschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst“ zielte auf den Erwerb eines überlegenen Blicks durch ein Studium Generale. Der Student Blumenberg besaß eine theologische Bibliothek mit 1200 Bänden und ein Abonnement dieser im April 1941 verbotenen Kulturzeitschrift. Nach dem Krieg gehörte er zu den Mitarbeitern des „Hochland“.

Erst in Paderborn, dann an der Jesuitenhochschule St. Georgen nahm Blumenberg das lateinische Studium der katholischen Theologie auf. Von dieser Prägung besonders durch die mittelalterliche Theologie zeugen seine frühen Hauptwerke „Die Legitimität der Neuzeit“ (1966) und „Die Genesis der kopernikanischen Welt“ (1975), die auch deshalb heute wenig rezipiert werden, weil die Kenntnis der alten Sprachen selbst unter ehemaligen Lateinschülern minimal geworden ist. Ein theologisches Examen durfte Blumenberg nicht ablegen. Zum Militärdienst wurde er nicht zugelassen. Vergeblich richtete er am 7. April 1941 ein Gesuch an den „Führer“ über eine Aufhebung dieser Entscheidung. Blumenberg war zu dieser Zeit Mittelpunkt eines Kreises seiner ehemaligen Klassenkameraden. Er schickte ihnen Bücher an die Front, darunter die neusten Veröffentlichungen von Ernst Jünger. Bei einem Fronturlaub trafen sie sich in Blumenbergs Zimmer, nicht nur, um sich einen Vortrag des jungen Universalgelehrten anzuhören.

Am 28. März 1942 wurde Blumenbergs Lübecker Elternhaus von britischen Bombern in Schutt und Asche gebombt. Die theologische Bibliothek verbrannte. Bimbo, der kleine schwarze Terrier seiner Mutter, wurde verschüttet und starb. Während der Vater ein Haus in Bargteheide erwarb und hier seinen Kunsthandel neu aufbaute, blieb der Sohn in Lübeck. In den Drägerwerken fand er eine Anstellung. Heinrich Dräger war Mitglied der Partei. Sonst hätte er ihm nicht helfen können, wird Blumenberg später sagen. Er ließ kriegswichtiges Gerät für Flugzeuge, U-Boote und Lazarette herstellen und konnte daher Blumenberg und anderen sogenannten „Halbjuden“ eine UK-Stellung vermitteln. Heute produziert Dräger FFP2-Masken (Dräger X-plore 1720 C) und jene Beatmungsgeräte, die während der Covid-19-Krise in den Kliniken zum Einsatz kommen.

Zwei Jahre vor seinem Tod erlitt der Philosoph einen schweren Schlaganfall. Koma und Pneumonie folgen. Die Ärzte machten den Angehörigen keine Hoffnung. Blumenberg aber kehrte noch einmal an seinen Schreibtisch zurück. Lebenslang geübt in höchster Selbstdisziplin schrieb er Aufsätze über Lebensthemen und Wegbegleiter: Ernst Jünger, Fridtjof Nansen, Rainer Maria Rilke. Lebenskreise schlossen sich. Pfarrer Walter Kropp (1919-2019), ein Freund aus gemeinsamen Tagen im Priesterseminar der Jesuiten, trat wieder in sein Leben. Erfüllt von Todesahnungen schrieb Blumenberg zu Beginn des Jahres 1996 vier Abschiedsbriefe. In seinem letzten Brief an mich spricht er ausführlich von Maria, bekennt seine Liebe zur Kirche und gesteht zugleich, dass er den Glauben verloren habe. Ein Paradox wie das Symbol des Kreuzes. Dann berichtet er von Kardinal von Galen, zu dessen Bischofsweihe (28. Oktober 1933) er mit seinem Vater von Lübeck nach Münster gereist war. „Gott schütze Deutschland“, habe Papst Pius XII. dem neuen Kardinal ins Ohr geflüstert. Dieses Segenswort setzte Blumenberg ans Ende seines Briefes.

Mit Ernst Jünger teilte Blumenberg das Interesse an letzten Worten. Sie sind von der Aura eines letzten Vermächtnisses umgeben, fordern aber auch bei allzu viel Weihrauch zur Parodie heraus. „Mehr Licht!“ oder „Mehr nicht!“ - Was immer Goethe am Ende seines Lebens gesagt haben mag, es ist eines Kommentars wert. Ernst Jünger hatte sich bereits in den Fünfziger Jahren Postkarten mit Eintragungen drucken lassen: Autor - Letztes Wort - Quelle. Blumenberg kannte Teile der Sammlung, soweit sie ihm durch Jüngers Biograph Heimo Schwilk zugänglich gemacht worden waren.

Wenige Jahre vor seinem Tod greift er in seiner Glosse „Ein Zeckenbiß“ einen anderen Kommentar des Uralten auf. Nach einem Zeckenbiss hatte „Bild“ (25. August 1993) ins Land posaunt: „Ernst Jünger (98): Herzinfarkt. Ein Jahrhundert-Mann kämpft mit dem Tod. Der umstrittene, aber fast geniale Schriftsteller Ernst Jünger erlitt einen Herzinfarkt! Ein großer Deutscher liegt im Sterben.“ Auf diese von Rolf Hochhuth in die Welt gesetzte Falschmeldung reagierte Jünger: „Von denen muß ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen.“

Der Kommentar hätte gut in Jüngers Sammlung letzter Worte gepasst, meinte Blumenberg, als er die Anekdote nach der Rekonvaleszenz kommentierte. Im Schlaganfall war er der Zeitmauer sehr nahe gekommen. Doch ein letztes Wort stand noch aus.

Der 28. März 1996 gilt als Todestag des Philosophen. So vermerkt es die schlichte Todesanzeige und erinnert mit dem Datum an den Brand der Lübecker Bibliothek. Seneca hat seinen Tod inszeniert und den Schülern noch letzte Worte diktiert. Heidegger starb ohne Zeugen im Bett. „Ich lege mich noch einmal hin“, gilt als sein letztes Wort. Das tat er, schlief ein und wachte nicht mehr auf. Auch Blumenberg starb allein, eingeschlossen in seinem Trakt. In dieser Klausur hatte er den letzten Monat seines Lebens mit theologischen Studien verbracht.

Neben dem Verstorbenen fand man eine Ausgabe des Neuen Testaments in der Übersetzung von Carl von Weizsäcker (1822-1899). Zu den letzten Lektüren gehörte der dritte Band der Konzilsgeschichte des Vaticanum I. (1869-1870) von Klaus Schatz SJ. Das Konzil hatte das Unfehlbarkeitsdogma („Infallibilitas“) verkündet. Blumenbergs geistliche Prägungen fanden weit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) statt, das er gelegentlich als Konzil der Besserwisser bezeichnete. Blumenberg war ein konservativer Denker und ein entschiedener Gegner all jener Reformer, die über Jahrhunderte Geglaubtes und Erinnertes dem Zeitgeist opfern wollten. Er hatte seine ersten drei Kinder taufen lassen und sie das Beten gelehrt. Der älteste Sohn trug den Namen des Evangelisten Markus, der zweite bekam die Namen der Könige Caspar und Balthasar. Der jüngste Sohn wurde 1959 nach dem alttestamentlichen Engelbuch Tobit genannt, aber nicht mehr getauft. Die Mutter, Ursula Blumenberg, blieb nach er Eheschließung Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche. Auch sie nahm ihren Glauben ernst, doch führen konfessionsverschiedene Ehen oftmals zur schleichenden Entfremdung von kirchlicher Praxis.

Hans Blumenbergs hatte die Modalitäten seiner Beisetzung geklärt und sich von einem Beerdigungsunternehmer eine VHS-Cassette über Seebestattungen schicken lassen. Seinen Verfügungen gemäß wurde seine Asche nicht in der Lübecker Bucht vor Travemünde oder Niendorf versenkt, sondern in der Kieler Bucht vor Laboe. Wer will, mag in der Wahl des Ortes ein Zeichen der Unversöhntheit seiner Vaterstadt sehen.

 

 

 

 

 

Als Meister Bashô (1644-1694) auf dem Sterbelager lag, baten ihn seine Schüler um ein Todesgedicht (Jisei). Japans größter Haiku-Dichter sagte: Sie mögen alle seine Gedichte als Sterbegedichte nehmen. Hans Blumenberg hätte diese Antwort gefallen. Dennoch wählte er ein allerletztes Wort in Form einer Briefmarke. Wie viele Männer seiner Generation gehörte Blumenberg zu den Briefmarkensammlern. Im Schreibtisch des Philosophen, den mir sein Sohn Tobias vererbte, liegen noch heute in der rechten oberen Schublade jene Marken, die er sorgsam aus den Briefumschlägen schnitt. Blumenberg frankierte seine Postsendungen mit bewusst ausgewählten Marken als indirekten Mitteilungen. So etwa das Postwertzeichen zum 100. Geburtstag von Julius Leber (1891-1945). Er war der Schwiegersohn von Georg Rosenthal (1874-1934). Die Entfernung dieses Schulleiters am Lübecker Katharineum gehört zu den frühesten politischen Schlüsselerlebnissen des Sextaners Blumenberg.

Am 7. März 1996, knapp zwei Wochen vor seinem Tod, brachte die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zum 50. Todestag Kardinal von Galens, des Löwen von Münster, heraus. Auf der Briefmarke stand der bischöfliche Wahlspruch. Er lautete: „Nec laudibus, nec timore“. Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht sollen Glauben, Denken und Handeln eines Bischofs beeinflussen. Ein Mann Gottes soll kein Ritter des Zeitgeistes sein, dem Volk wohl aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden.

Hans Blumenberg wählte diese Sondermarke zur Frankierung seiner Todesanzeige als sein letztes Wort: „Nec laudibus nec timore“. Es entstammt der Liturgie der Bischofsweihe. Ja, er hätte Bischof werden können oder Kardinal. Aber sein Gott hatte anderes mit ihm vorgehabt. Wenn Blumenberg die Wege des Herrn verärgert haben sollten, so war er jetzt versöhnt.

 

 

 

 

 

Gedenkmarke vom 7. März 1996:

"Nec laudibus, nec timore"

 

 

 

 

"Hic exspectat resurrectionem mortuorum...."