"Worauf es denn lebenspraktisch in letzter Instanz ankommt,

ließe sich schließlich auch katechetisch, gar volkstümlich sagen.

Nicht zufällig stand Blumenberg in guter Verbindung zum

 Engelforscher Wolff

mit seiner Souveränität in der Verfügbarkeit

über einschlägig kanonisches Bilderbuchwissen."

 

Hermann Lübbe

 

 

   

Wir haben keine Vorbilder mehr, weil wir große Menschen nicht mehr ertragen. Zugleich vermissen wir Leitbilder gelungenen Menschseins, Typen mit Ecken und Kanten, Leuchttürme im Meer der Meinungen, Menschen mit Rückgrat, kluge Köpfe, die über den Tag hinaus denken, die von 2000 Jahren Geschichte des Geistes Rechenschaft ablegen können und so erzählen, dass in unseren Kindern und Enkelkindern neue Flammen des Geistes entzündet werden. 

 

Es gibt sie nicht mehr, die großen Menschen und Erzieher. Aber es wird sie bald wieder geben, wenn die ökologische Bewegung in die geistige Dimension eintritt und erkennt: Zur Umwelt gehören nicht nur Pflanzen und Tiere, Meere und Wälder, zu unserer geistigen Umwelt gehört die Vielfalt der Kulturen, der Traditionen, der Religionen. Auch sie will vor dem Untergang für kommende Generationen bewahrt werden.

 

Die geistige Umwelt braucht dringend Klimaaktivisten! Bald werden die Kinder der neuen Zeit auf die Folgen des geistigen Klimawandels verweisen: die Wüsten der Unwissenheit und das Artensterben all jener Dichter und Philosophen, Maler und Musiker, die einst Vielfalt und Reichtum der Überlieferung ausmachten. Ein Verlangen nach Substanz und geistiger Vollwertkost wird kommen. 

 

Für diesen Bildungshunger steht der Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996), der mein Lehrer und väterlicher Freund war. Das ginge nur mich etwas an und verdiente keine öffentliche Erinnerung, wenn dieser große Erzieher nicht ein Vorbild für alle Menschen wäre, die mehr wollen als das Geschwätz ständig wechselnder Meinungen, als das ewige Plappern des Mainstreams, den schnell hinausposaunten Kommentar, die eitle Aufregung und Empörung. 

 

In diesem Jahr hätte Hans Blumenberg seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Leider wurde er nicht so alt wie Ernst Jünger. Doch er lebt und wirkt wie alle großen Geister in jenem Raum der Menschlichkeit, dessen Türöffner die Bildung ist. 

 

Wenn ich auf Blumenbergs bewegtes Lebens zurückblicke, dann schaue ich in die Zukunft. So geht es ja mit den großen Menschen der Vergangenheit: Sie sind uns immer weit voraus.

 

Hans Blumenberg redete Klartext. Er hatte Mut, sich unbeliebt zu machen. Deshalb besaß er ein Profil. Wahrheit war für ihn nicht verhandelbar und keine Sache von Mehrheitsentscheidungen. Blumenberg war ein Mann, der für seine Überzeugungen einstand. Er ließ sich nicht von den Tagesmoden blenden.  Ein Mensch mit Substanz. Ein Mensch, der aus der Mitte lebt. Wir vermissen Menschen wie Hans Blumenberg. Wir warten auf neue Lehrer und Lehrerinnen. Wenn sie erscheinen, wird wieder Frühlingsluft an deutschen Schulen und Universitäten wehen.