Leseprobe: Aus meinem neuen Buch "Das verleugnete Kreuz"

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Vorwort: Kreuz, Klima, Katastrophen 

 

“I don’t want you to be hopeful. I want you to panic.

I want you to feel the fear I feel every day.

I want you to act. I want you to act as you would in a crisis.

I want you to act as if the house is on fire, because it is.”

Greta Thunberg in Davos

 

 

Kloster Mariaberg ist ein beliebtes Ausflugsziel. Hier gibt es eine Schenke, in der ein echter Mönch das Bier zapft. Das Wirtshaus ist immer rappelvoll. Die Kirche dagegen leer. Doch auf dem Glockenturm tut sich etwas. Kirchtürme  gelten als ideale Standorte für die neuen 5G-Mobilfunkanlagen. Deshalb läuft unter dem Kreuz ein Testverfahren - zum Ärger von Pater Guardian. Das Kloster brauche Geld zur Renovierung des Kirchendaches, meint der Bruder am Zapfhahn. Das Bier strömt auch an diesem Freitag. Früher war der Freitag ein Fastentag. Am Karfreitag durfte nicht getanzt werden. Denn an einem Freitag starb Jesus am Kreuz. 

 

 

 

In Frankfurt haben Schüler an diesem Freitag eine Demonstration gegen die drohende Klimakatastrophe angekündigt. Schon am Vormittag ist es schwül. Pater Guardian führt mich durch die angenehm kühle Kirche und lädt mich ein, in einer Zelle des Klosters zu übernachten. Das finde ich spannend und nehme die Gastfreundschaft gerne an. Ich freue mich auf eine himmlische Nacht mit beflügelnden Träumen.

 

Aus meinem Fenster blicke ich über die bewaldeten Berge des Spessarts. Unerträglich heiße Sommertage liegen hinter mir. Seit vielen Wochen herrscht in Deutschland ein Klima wie in Andalusien und Nordafrika. Die Blumen und Bäume in meinem Garten habe ich lange mit Regenwasser versorgen können. Nun ist die Zisterne leer.

 

In der Nacht zieht ein gewaltiges Gewitter auf. Endlich Regen! Herrlich wie es blitzt und donnert! Ich genieße das Spektakel der Entladungen. Plötzlich schlägt der Blitz irgendwo im Kloster ein. Vielleicht in die neuen Antennen neben dem Kreuz. Ich sehe es an den Funken, die aus dem Heizkörper springen. Eigentlich kann das nicht sein, denke ich. Jäh kippt meine Stimmung um. Mir wird mulmig. Ich blicke auf das Kreuz an der Wand mit dem Leib des Gemarterten. Warum kann ich den Anblick nicht ertragen? Ich schaue weg. Draußen zucken die Blitze. Ich drehe mich um. Die Nachttischlampe funktioniert nicht mehr. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Zugleich sind mir meine Gefühle peinlich. Kreuze schützen vor Unheil, denke ich. Der Böse weicht vor dem Kreuz. Was kann mir denn passieren? Ich komme nicht zur Ruhe. Mir wird das Kreuz unheimlich. Ich nehme das Kreuz von der Wand und lege es auf den Kleiderschrank.

 

 

Eine merkwürdige Geschichte. Ich gebe es zu. Vielleicht hätte ich diese Anstösse zu einer Debatte über das Kreuz mit Statistiken über die Zahl der Kirchenaustritte und ihre möglichen Gründe eröffnen sollen. Ich hätte von der Universität Wien erzählen können, wo die Kreuze aus den Hörsälen entfernt worden sind. Vielleicht hätte ich von dem Kreuz schreiben sollen, das die Kirche mit der AfD hat. Gewiss hätte ich von den Missbrauchsopfern unter dem Symbol des Kreuzes berichten können und von Bischof Heiner aus Hildesheim, der jetzt Licht in manches Dunkel bringen möchte.

 

 

 

Aber ich will nicht wiederholen, was alle wissen. Ich will auch nicht wissen, wo der Hausmeister die von den Wänden entfernten Kreuze „entsorgt“ hat. Viele Debatten werden noch immer geführt, als hätte es Friedrich Nietzsches (1844-1900) Aufschrei nie gegeben: „Was sind denn diese Kirche noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“

 

Ich will mit diesen Meditationen in den Kern der Dinge vorstoßen. Wir brauchen keine Debatten von Besserwissern und jenen, die um den heißen Brei herumreden. Nur der Blick auf die nackte Wahrheit und das eigene Betroffensein führt zu wahrer Begegnung.

  

Das Wesen des Kreuzes ist seine Widerständigkeit. Es passt einfach nicht zu der Wunschvorstellung von einem Leben ohne Leid und Schmerz mit bedingungslosem Grundeinkommen ohne die Mühen eigener Anstrengung.

 

 

 

Das Kreuz erregt Anstoß. Dazu braucht es nicht ein Sommergewitter und überspannte Nerven. Auf dem Flughafen sehe ich eine Nonne. Sie trägt gut sichtbar ein Kreuz über ihrem Gewand und auf dem Kopf einen Schleier. Eine Muslima kommt vorbei, deutet mit dem Finger auf das Kreuz, schüttelt das Haupt und zeigt der Ordensschwester einen Vogel: Das Kreuz ist für sie ein Irrsinn, ja Gotteslästerung! Der Islam ehrt den Propheten Jesus. Den sterbenden Sohn Gottes verachtet er zutiefst. Gott kann nicht leiden, sagt der Islam. Gott kennt nicht den Schmerz. Gott litt am Kreuz, weiß das Christentum. Das Wesen des Christentums ist das Kreuz. Ein Kreuz, dass nicht mehr anstössig ist, gleicht einem schal gewordenen Salz.

 

Auf den Spuren muslimischer Heiliger bereise ich den Norden Pakistans. Ich werde in den Kreis der Sufis am Schrein von Rahman Baba (1632-1706) eingeladen. Der Sonntag kommt. Ein normaler Arbeitstag in diesem Land. Mit einem Freund besuchte ich eine Kirche in Peshawar. Weder Kreuz noch Glockenläuten machen auf diesen Ort des Gebets aufmerksam. Wer hier überleben will, muss ein Leben im Verborgenen führen. Im Herbst des Jahres 2013 sprengen sich zwei Attentäter vor dieser Kirche in die Luft. Sie reißen über 70 Menschen mit sich in den Tod.

 

Ich kann verstehen, dass Menschen das Kreuz abhängen wollen: in Schulen und  anderen öffentlichen Gebäuden. Sie spüren die Ungeheuerlichkeit dieses Symbols und fühlen sich bedrängt, bevormundet oder vereinnahmt. Doch darf die Rücksichtnahme auf Menschen mit anderen Empfindungen, Werten und einem anderen Glauben oder Unglauben so weit gehend, dass das Eigene keinen Ort mehr in der Öffentlichkeit hat? Eine falsch verstandene Toleranz hat zur Selbstaufgabe und zu einer an Erstickung grenzenden Spracharmut geführt. Damit ist niemandem gedient.

 

Würden sämtliche Kruzifixe aus der Öffentlichkeit entfernt, so wäre das Kreuz dennoch überall sichtbar. Wie kein anderes Symbol ist es dem Menschen auf den Leib geschrieben. Wenn wir beide Arme ausbreiten, so wird das Kreuz sichtbar. Das Kreuz ist das Symbol des Menschen. Das Kreuz ist sperrig und widersprüchlich wie das Leben.

 

Zum Kreuz gehören Grenzerfahrungen wie Schuld und Sühne. Niemand kann ihnen entfliehen. Sie holen uns ein wie die Folgen der Umweltsünden. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts fühlen uns schuldig, vielleicht schuldiger als jede Generation vor uns. Haben wir doch die Folgen unseres Tuns unmittelbar vor Augen. Deshalb zahlen wir gerne eine Buße zur Kompensation unseres CO2 Fussabdrucks und haben bis zur nächsten Flugreise wieder ein gutes Gewissen. Doch diese Ausgleichszahlungen für Aufforstungsprogramme und effiziente Kochern in Entwicklungsländern bleiben ein moderner Ablasshandel.

 


 

Es herrscht Endzeitstimmung in allen Lagern. Zwischen denen, die den Klimawandel als einen vom Menschen gemachten Prozess sehen und jenen, die hier vom Menschen nicht beeinflussbare Veränderungen behaupten, herrscht ein tiefer Graben. Was vom Menschen verursacht ist, kann durch Menschen wieder bis zum Ziel der Klimaneutralität zurückgenommen werten, wissen die einen. Andere verweisen auf die Geschichte der Erde. Sie sei voller Beispiele für extreme nicht vom Menschen gemachte Klimaveränderungen mit dramatischen Folgen für das Leben.

 

In diesen Kontroversen bildet sich das Kreuz der Meinungen. Das Kreuz hat eine horizontale und zugleich vertikale Ausrichtung. Der Horizont steht für den Menschen und seine Verantwortung für die Erde. Über diesem Horizont strebt die Vertikale in eine andere Dimension. Sie ist unendlich viel größer, als alle Macht und aller guter Wille. Im Spannungsfeld dieser Möglichkeiten und Begrenzungen bewegen sich alle Fragen der Ökologie.

 

 

 

Umwelt und Ernährung haben im 21. Jahrhundert eine geradezu religiöse Dimension gewonnen. Zu recht. Denn in ihnen lebt das Bewusstsein für das Ganze, in das wir eingebunden sind. Das Ganze wird auch „Ökumene“ genannt. Der Mensch ist verantwortlich für die Erde. Zugleich macht er immer wieder die Erfahrung, dass das Ganze zu groß ist, um bewältigt zu werden. Handeln zu müssen und nicht handeln zu können - aus diesem Zwiespalt von Macht und Ohnmacht besteht das Leben. Die Betrachtung des Kreuzes führt hinein in dieses Geheimnis. Schnelle Ergebnisse und praktische Anwendungen sind hier nicht zu erwarten. Das Kreuz des Lebens will ausgehalten sein. Dann öffnen sich neue Horizonte.

 

 

 

Das Kreuz ist ein Geheimnis. Geheimnisse kann man nicht rasch und nebenbei erklären. Man muss sich auf sie einlassen, sie bedenken, betrachten, meditieren.  Zu dieser ruhigen Betrachtung will dieses Buch neun Anstösse geben. Sie führen  schrittweise in das Geheimnis des Kreuzes. Im letzten Kapitel richte ich den Blick auf die Apokalypse. Ihr Motto erklang in Davos, als Greta Thunberg sagte: „I want you to panic!“

  

Der Freitag ist der Tag ihres Protestes gegen die drohende Katastrophe. Dass diese jungen Menschen am Tag der Kreuzigung Jesu demonstrieren, wissen sie nicht, und es muss sie auch kein Besserwisser darüber belehren. Sie werden auch kein Buch über das Symbol des Kreuzes lesen, um die Erfahrung zu teilen: Das Kreuz ist da. Die junge Generation spürt auf ihre Weise ein tiefes Eintauchen in die Passion. Sie sehen die Nägel und die Dornenkrone und ahnen, dass der bittere Kelch an ihnen nicht vorübergehen wird. Die Stunde ihrer Bewährung hat begonnen. Seien wir also zuversichtlich!