Himmel und Erde aus einem Guss:
Theophanu & Bernward von Hildesheim

Zum 1000. Geburtstag des Künstlerbischofs (20. November 2022)

 

 

 

Wenige Jahre vor der Kirchenspaltung von 1054 erlebte das deutsche Herrscherhaus der Ottonen einen ökumenischen Frühling. Mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu (um 960-991) kamen griechische Sprache und östliche Weisheit in ein lateinisch geprägtes Christentum. Theophanu war vom Bosporus gekommen, um an der Seite Kaiser Ottos II. die Vision des römischen Erneuerungsgedankens zu leben. Sie wird dem Kaiser der Jahrtausendwende das Leben schenken. Die Ottonen dachten kühn. „Kaiser, Rom und Renovatio“ lautete ihr Programm. Seit der Reichsteilung war Rom nicht mehr die Mitte der Welt. Doch unter den Ottonen blühte die ökumenische Vision vom Balkan bis nach Skandinavien. Im Osten Europas, so Percy Ernst Schramm (1894-1970), „war die Römische Kirche in einem Triumphzug begriffen, der zu den stolzesten und erfolgreichsten Episoden der Römischen Mission gehörte.“ Wo stünde die Kirche heute, wäre Russland damals für Rom gewonnen worden?

Theophanu gehörte zu den ungewöhnlichen Frauen, die als Teilhaberinnen am Königtum („consortes regni“) die Reichspolitik entwickelten und umsetzten: Mathilde, die Frau Heinrichs I., und die später heilig gesprochenen Frauen Adelheid und Kunigunde. Als Theophanus Mann in jungen Jahren an Malaria starb, führte sie mit ihrer Schwiegermutter Adelheid die Regierungsgeschäfte für ihren vierjährigen Sohn Otto III. (980-1002). Seine schulische Bildung übernahm sie selbst und suchte sich neben einem griechischen Gelehrten aus ihrer Heimat die Unterstützung eines jungen Priesters aus dem Harz. Die Begegnung zwischen Theophanu und dem späteren Künstlerbischof und Heiligen Bernward von Hildesheim (960-1022) gehört zu den Sternstunden der Ökumene. Ohne die Frau aus Byzanz wäre jenes viel gerühmte frühromanische Weltkulturerbe aus Kirchenbauten und Bronzegüssen in Hildesheim nicht entstanden.

 

 

Auch gekrönte und ungekrönte Staatsoberhäupter drückten einst die Schulbank. Theophanu engagierte sich in der Elternarbeit, doch mischte sie sich nicht in Bernwards pädagogische Entscheidungen ein. Sie kannte seine erzieherische Begabung und ihre eigene Grenze. Es war ihre große Mutterliebe. „Selbst die Kaiserin ging aus Furcht, die Liebe ihres Kindes zu verlieren, in ihrer Nachgiebigkeit so weit, dass sie zu allem, wonach ihm sein jugendlicher Sinn stand, bereitwillig ja sagte“, berichtet Thangmar, der Biograph des Reichsbischofs. Er schildert einen anspruchsvollen Lehrer, der durchaus den Mut hatte, sich bei den Höflingen unbeliebt zu machen. Durch konsequentes Handeln fand er Zugang zu dem hochbegabten, aber eigenwilligen Sprößling. „Nur Bernward verstand es, ihn durch Strenge von dem, was er nicht tun durfte, abzuhalten und dennoch seine Zuneigung in vollem Maß zu gewinnen.“

Hatte Theophanu ihren frühen Tod geahnt und deshalb ihren Sohn dem vielseitig begabten Erzieher anvertraut? Er stand an der Seite des elfjährigen Vollwaisen, und dieser dankte es ihm durch seine Freundschaft und ein kostbares Geschenk zur Bischofsweihe (993): ein Splitter vom Kreuz Christi. Kaiserin Helena hatte einst das wahre Kreuz auf der Schädelstätte gefunden und damit Pilgerströme nach Jerusalem ausgelöst. Fromme beugten sich über das Kreuz und berührten es mit den Lippen. Gauner bissen heimlich mit ihren Zähnen in das heilige Holz und stahlen auf diese Weise einen Splitter von der wichtigsten Kontaktreliquie der Christenheit. Einst wirkten Reliquien Wunder. Heute fristen sie in vielen Pfarreien ein Nischendasein in den Rumpelkammern, als ob die Gemeinde dem Himmel keine Kraft mehr zutraute.

Bernward aber war durch die Schule Theophanus gegangen. Wie die Ikone, so galt die Reliquie als Fenster zum Himmel. In ihr war Gottes Sohn, Maria, ein Engel oder ein Heiliger gegenwärtig. Die byzantinische Prinzessin mit dem sprechenden Namen hatte ihn gelehrt, worauf es im Glauben ankommt: Gott immer wieder neu zu erfahren, indem man sich wie bei einer eucharistischen Anbetung seiner Gegenwart aussetzte. „Theophanie“ bedeutet „Gotteserscheinung“. Von den Erscheinungen Gottes erzählt die Bibel: Am Anfang war Gott sichtbar. Er wandelte in der Abendkühle durch den Garten Eden (Genesis 3. 8). Menschen und Tiere konnten ihn von Angesicht zu Angesicht sehen. Nach dem Sündenfall trat Gott ins Bilderlose, bis er in Jesus zur Ikone wurde (2. Korinther 4.4). Das Bild eines Menschen wurde zum Bild Gottes. Deshalb ist der Katholizismus bilderfreundlich.

 

 

Bernward fasste die Splitter vom heiligen Holz in ein Kreuz und ließ zu seiner Verehrung eine Kirche bauen. Er weihte sie dem Engel Michael, den neun Chören der Engel und der Muttergottes. Für diese Michaeliskirche fertigte er eine gewaltige zweiflügelige Bronzetür mit biblischen Bildern an. Sie erheben sich aus der Fläche in halbplastischen Figuren. In ihnen findet der höhere Urspruch des Menschen sinnlichen Ausdruck. Diese Bilder zum Berühren beginnen mit der Erschaffung des Menschen und führen über den Verlust des Paradieses zum Brudermord an Abel. Mann und Frau wurden einst als Ebenbild Gottes geschaffen. In ihnen leuchtete vor dem Sündenfall das Antlitz Gottes auf. Mit der Geburt Jesu beginnt die Wiederherstellung der Ebenbildlichkeit des Menschen. Das Relief mit Maria, Josef und dem Kind, dazu Ochs und Esel, ist durch Ikonen inspiriert. Die Bilderfolge des rechten Türflügels führt weiter zur Kreuzigung und zur Aufrichtung des Menschen. Christus reicht Maria Magdalena die Hand und hebt sie stellvertretend für alle Sünder vom Boden auf. Die Tür setzt das Geheimnis des Namens „Theophanu“ ins Bild: Gott will im Menschen gegenwärtig sein. Theophanu ist der Mensch als Ebenbild Gottes. Christus aber ist die Tür zum Vater.

Wir leben in einer Zeit der Bilderfluten. Doch kennen wir noch das Geheimnis des Bildes? Die berühmte Bronzetür wurde im Wachsausschmelzverfahren mit Erzen aus dem Rammelsberg hergestellt. Er liegt unweit der Kaiserpfalz zu Goslar und kann heute als Weltkulturerbe besucht werden. Biblische Bilderfolgen auf Türen gab es schon vor Bernward. Aber sie waren als Einzelteile aus Holz geschnitzt und wurden dann auf einen Türflügel montiert. Für Bernward waren Himmel und Erde aus einem Guss. Deshalb ist die Tür, wovon sie berichtet: der Himmel auf Erden und Kunst zum Niederknien. In dieser Ikone ist Christus selbst anwesend. Am Kreuznimbus erkennbar, ist er bereits bei der Erschaffung des Menschen gegenwärtig. Zum Anfang und Ende der Bilderfolge gehört die Erhebung des Menschen ins göttliche Licht.

Bernward überlebte Theophanu und ihren Sohn um viele Jahre. Das politische Projekt der Erneuerung des römischen Kaisertums scheiterte. Man kann die kommenden Jahrhunderte der Kirchengeschichte als eine Geschichte der Spaltungen und des Scheiterns des Einheitsgedankens sehen. Gerade auf diesem Hintergrund wird die bernwardinische Kunst zur ökumenischen Schau. Aus Bronze und Steinen schuf der Erzieher des Kaisers einen geistlichen Bau als Gleichnis der Einheit von Himmel und Erde, eine Theophanie der Schönheit, eine Ökumene des Lobpreises von sichtbarer und unsichtbarer Welt, von Menschen und Engeln. Fünf Engeldarstellungen auf der Bronzetür erinnern an die gemeinsame Geschichte von Mensch und Engel. Sie beginnt mit der Erschaffung des Menschen und vollendet sich nach dem Tod im gemeinsamen Leben in Gottes Gegenwart. Aus dieser Gewissheit ließ Bernward zu seinem eigenen Begräbnis einen Sarkophag mit den Bildern der neun himmlischen Engelchöre anfertigen.

 

 

Das Ziel aller ökumenischen Wege ist die Wiedergewinnung der Einheit der ganzen Kirche aus sichtbarer und unsichtbarer Welt. Sie überschreitet alle menschlichen Möglichkeiten. Die Ökumene vollendet sich durch Theophanie. Gott aber hat einen langen Atem, und daher darf alle Kirchendiplomatie gelassen bleiben, aber auch selbstbewusst mit dem Erbe umgehen. Das von Bernward gefertigte Kreuz mit den Splittern vom heiligen Holz steht heute im Dommuseum. Es ist aber nicht museal. Bernward hatte es in die Mitte der Liturgie gestellt und eine heilsame Begegnung ermöglicht. So kann sich Theophanie ereignen.