Als ich auf meiner Reise in die russische Arktis (1995) in St. Petersburg Station machte, besuchte ich auch jenes berüchtigte Schwimmbad mit Sprungturm, das in der Chruschtschow Ära in der Sankt-Petri-Kirche errichtet wurde. Inzwischen ist der Frevel beseitigt. Dem Missbrauch von sakralen Gebäuden in der Sowjetunion korrespondiert im Westen eine Welle der Umnutzung von Kirchen. So wurde in der Kirche des Heiligen Franz von Assisi im niederländischen Heerlen ein Schwimmbad errichtet. Der Boden lässt sich bis auf wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche heben. Die Besucher könnten wie Jesus auf dem Wasser wandeln, heisst es in der Werbung. 

Das Schiff der Kirche ist kein Vergnügungsdampfer mit Swimmingpool und Sauna. Und doch gab es eine Tradition kirchlicher Schwimmbäder, die mit den aufgelösten Knaben- und Priesterseminaren ihr Ende fand. Diese Bäder hinter Sichtschutzmauern im Freien oder verborgen im Keller wurden im Volksmund liebevoll „Zölibad“ genannt. Ihre Geschichte ist noch nicht geschrieben worden. Es gibt nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag.

Die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils hatten gewiss keine Vorstellung von den Wellen des Zeitgeistes, die ihre Botschaft von der Erneuerung der Kirche gerade im Bau von Schwimmbädern Gestalt werden ließ. Das Verhältnis von Kirche und Körper sollte nicht mehr gespannt sein. Keuschheit und ein natürlicher Umgang mit der Leiblichkeit sollten keinen Widerspruch bilden.

In Münster tummelten sich Mitglieder des Priesterseminars Collegium Borromaeum im Freibad an der Annette-von-Droste-Hülshoff-Allee. Es soll nun dem Neubau einer Kita weichen. Stolz ist man in Eichstätt auf das Zölibad des ehemaligen Knabenseminars und Alumnates. Die Baugrube wurde von Schülern und Studenten eigenhändig ausgehoben. Auch hier badeten Nonnen und Priester streng getrennt. Das Bad war sichtgeschützt. Es sei denn, man kletterte auf den Turm der Schutzengelkirche, in dem die Seminaristen ihre Messe feierten. Am Rand des Bades fanden auch die Prüfungsfeste statt. 1990 wurde das Eichstädter Zölibad planiert. Die Schließung des Knabenseminars im Schuljahr 1984/85 ging dem voraus. Vergeblich hatte man versucht, den Abwärtstrend der Anmeldungen mit „fortschrittlichen“ Lehrern aufzuhalten.

Das Bischöfliche Konvikt in Hildesheim hatte im Jahr 1934 sein 75jähriges Bestehen gefeiert. 1935 gab es unter den Schülern bereits HJ-Mitglieder. Die Partei plante aus dem Konvikt ein nationalsozialistisches Erziehungsheim zu machen. Um dem zu entgehen, ließ der damalige Bischof das Konvikt am 1. April 1939 schließen. Geistliche bezogen einige Wohnräume. Andere wurden von der Schutzpolizei des 3. Hildesheimer Polizeireviers genutzt. Am 22. März 1945 legten englische Bomber ganz Hildesheim in Schutt und Asche. Diese Bombardierungen haben im apokalyptischen Alterswerk von Klaus Berger einen Nachhall gefunden. 

Im Gebäude Domhof 24 detonierten Brandbomben. Drei Franziskanerinnen fanden den Tod. 1952 wurde das Bischöfliche Schülerheim wieder eröffnet. Unter der Leitung von Pfarrer Werner Holst (1968-1973) wurde der Zickzackbau mit dem Schwimmbad errichtet. Holst war als junger Mann nach dem Krieg mit dem Fahrrad nach Schweden gefahren und hatte hier über längere Zeit auf einer Insel gelebt. Er liebte Wanderungen und war ein großer Vogelexperte.

Hatten sich bislang die Vinzentinerinnen um die Haushaltsführung gekümmert, so übernahmen nun Schwestern von der Göttlichen Vorsehung aus Münster diese Aufgabe. 1979 wurde das Schülerheim aufgelöst. Die Nachfrage nach Internatsplätzen war sehr stark gesunken.

Über dem Eingang zum ehemaligen Knabenkonvikt Albertinum am Hildesheimer Domhof 24 wacht ein barocker Engel. Neben dem Internat liegt der sogenannte Zickzack-Bau. Die zweigeschossigen versetzten Betonklötze gehören wie viele kirchliche Neubauten zu den Bausünden der Sechziger Jahre. Nach dem Zweiten Vaticanum baute Josef Fehling in der Diözese Hildesheim Kirchen, als erwartete er eine katholische Erweckungsbewegung im endzeitlicher Dimension. Der  „schwimmende Pastor“ Ernst Kemming betrieb Ministrantenarbeit im Hallenbad. Kemming hatte 1963 die Bergleute und ihre Angehörigen beim "Wunder von Lengede" begleitet. Der unverwüstliche Gottesmann war 1936 vom Münsteraner Bischof Graf von Galen zum Priester geweiht worden. 

Unter der Leitung des jugendbewegten Pfarrers Werner Holst wurde der Zickzackbau mit dem Schwimmbad errichtet. Nach einem streng geregelten Benutzungsplan tummelten sich auch Priester und Nonnen im Becken und versuchen den Fluten der Gegenstromanlage standzuhalten. 

Die frühen Taufkapellen waren den römischen Bädern nachgebildet. Hier hatte das Wasser eine sakramentale Dimension. Es diente der Reinigung von Körper und Geist. Die kirchlichen Schwimmbäder folgten der Utopie einer Öffnung zur Welt. Sie besaßen Event-Charakter und sind deshalb untergegangen. So kam nicht die Fülle, sondern die Leere. Die Kellerräume des Zickzackbaus legen davon Zeugnis ab. Hinter Gittern gesichert, liegen hier Akten des Bischöflichen Archivs. Davor befindet sich eine Art Rumpelkammer. Übereinander gestapelte Tische und Stühle, leere Aktenschränke, eine Sackkarre, Kartons mit Aktenordnern. Zwischen diesem Gerümpel ziehen sich Bodenlinien, die teilweise mit einem gelbschwarzen Klebeband markiert sind. Sie lassen die Umrisse einer großen Fläche in der Mitte des Raumes erkennen. Da lag das Zölibad. Heute ist es wie ein geborstener schneller Brüter unter einer Betondecke begraben. Geblieben sind von dem Bad die mit Fließen ummauerten Deckenträger, die Duschecken, die Männertoilette. Daneben eine Muttergottes als Himmelskönigin mit einem segnenden Jesuskind auf dem Schoß. Der Knabe hält in der rechten Hand die Weltkugel. War dies die Muttergottes des Zölibades? Wohl kaum. Aber wo hatte sie gestanden? Und wer hatte sie an diesen Ort abgelegt?

 

 

 

Der berühmte Architekt Godehard Schwethelm (1899-1992) bezeugt schon durch den Vornamen seine katholische Herkunft. Der spätere Erbauer des Münchener Klinikums Großhadern schuf direkt unter einer Kirche in Elbingerode/Harz ein Schwimmbad, das noch heute von jenen Schwestern benutzt wird, für die es der Sohn eines Bauunternehmers errichtete. Aus dem Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg hat sich ein großer Komplex von Krankenhaus und Altenheim entwickelt. In einer psychosomatischen Klinik werden alkohol- und tablettenabhängige Menschen therapiert. Die meisten von ihnen kommen hier zum ersten Mal in Berührung mit dem christlichen Glauben. Im Kerker der Sucht kann die Sehnsucht nach äußerer und innerer Reinigung aufbrechen. Sie ist nicht nur das Ergebnis guter weltlicher Therapeuten, sondern vor allen Dingen Gnadengeschenk. Die Gottesdienste sind ebenso gut besucht wie das Schwimmbad unter der Kirche. Godehard Schwethelm baute in den Jahren 1932-34 eine Kirche im Stil der dreischiffigen Basilika mit Flachdach. Der gesamte Gebäudekomplex mit allen technischen und hygienischen Anlagen zeugt von jener Einfachheit und Schlichtheit, aus der Echtheit und Wahrhaftigkeit ihre Kraft für den Dienst am Nächsten entfalten. Was hat Gott mit mir vor? Wohin will er mich senden? Diese Fragen nach der Berufung und den anvertrauten Talenten stellen sich nicht nur Schwestern, die nach den evangelischen Räten leben wollen. Sie können auch für den Suchtkranken zu einer Lebenswende führen. Aber Heil und Heilung bleiben im Letzten unverfügbar. Therapien und Missionen können scheitern. 

 

 

Zu den spirituellen Wegbegleitern des Menschen gehören die Engel. In der Kirche erzählen sechs Glasgemälde, durchbrochen von ornamentalen Flügelsymbolen, von den Engeln des Lebens. Die Firma Heberle & Co. in Hagen-Haspe stellte die Fenster her. Auf ihnen sind teilweise die Namen der Sponsoren zu lesen. Diakonie ist Engeldienst. Im Raum der Kirche offenbart sich sein überweltlicher Ursprung. Engeldienst, schrieb Paul Girkon, Spezialist für Glasmalerei, bei der Betrachtung der beiden Lichtbänder in der Kirche, Engeldienst sei die „tiefste Sinngebung der dienenden Liebe, als Weisagung des überweltlichen, ewigen  Gehaltes, der im Glaubens- und Liebeswerk dienender Herzen und Hände wirkt.“ Zugleich bezeugt der Engeldienst das Geheimnis von Gottes Gegenwart. Die Engelbilder wurden von der früh an den Folgen der Leukämie verstorbenen Elisabeth Coester (1900-1941) entworfen. Ihr Talent zur Glasmalerei war um 1920 durch Paul Girkon entdeckt worden.

 

 

Dem Symbol der Flügel korrespondiert der Fisch auf dem Geländer über dem Eingang zum Schwimmbad. Das Wasser ist Symbol des ewigen Urgrundes, über dem der Geist seine Flügel breitet. Paul Girkon zeigte sich beglückt über die „Unbefangenheit, mit der die Lebensgemeinschaft in diesen Räumen ein Recht auf moderne Hygiene und Körperkultur zur Geltung bringt.“ Weltoffenheit muss nicht Verweltlichung zur Folge haben.