Drucken
Engel
Zugriffe: 366

„Es werde Licht!

Und es ward Licht.“

Genesis 1. 3

 

 

„Engel sind die Quelle des Lichtes

und der Energie der Schöpfung.

Sie sind der kristallene Glanz in jedem Diamanten.“

 M. Hisham Kabbani

 

 

Zu den berühmtesten und zugleich geheimnisvollsten Darstellungen des Engels Gabriel gehört ein romanisches Kapitell (Säulenaufsatz). Es befindet sich in der Kathedrale von Autun im Burgund. Gislebertus hat es zwischen 1125 und 1135 in  Stein gemeißelt. 

 

Zu sehen sind der Engel Gabriel und die Heiligen drei Könige. Über ihnen schwebt der Stern von Bethlehem. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand weist der Engel auf den Stern, mit dem Zeigefinger der rechten Hand berührt er den Ringfinger des obersten Königs. Damit wird der Dienst der Engel ins Bild gesetzt: Engel berühren uns. Ihre Botschaft lautet: Wach auf, und gehe ins Licht!

 

Engel sind Kinder des Lichtes. Der Stern, auf den sie weisen, ist das Licht der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens. Ohne diese Tugenden blieben wir Kinder der Dunkelheit. Das Wort „Engel“ bedeutet „Bote“ oder „Mittler“. Der Bildhauer hat das Wesen des Vermittlers durch die Armbewegung des Engels wunderbar ins Bild gesetzt: Das Licht des Himmels geht durch den Engel hindurch auf den Menschen. 

 

Engel sind ein Urbild des Dienstes für andere. Sie fragen nicht nach ihrem eigenen Vorteil. Sie schauen nicht auf die Uhr und zählen nicht die Stunden. Engel sind die Heilerziehungspfleger des Himmels. Sie  sind frei von aller Sorge um sich selbst und deshalb offen für den Dienst. 

 

Ihre Botschaft lautet: Lass dich vom Licht durchströmen! Halte es nicht fest. Verschenke das Licht der Hoffnung, der Liebe und des Glaubens! 

 

Der Engel verschenkt das Licht. Indem er sich nicht an den Besitz klammert, wird er selbst zu Lichtträger. Das ist der Sinn der Symbolik des Heiligenscheines (Nimbus).  Das Licht des Himmels leuchtet aus ihm wie aus den Augen der Kinder. Auch die Flügel sind Symbol. Kein Engel braucht sie zum Fliegen. Schneller als jede moderne Nachrichtentechnik durchdringen die warmen Liebesstrahlen des Engels die Welt. Die Flügel sind Ausdruck der Geborgenheit, die der Dienst des Engels schenkt.

 

Land des Lichtes, Nuristan, so nennen die Menschen im Nordosten Afghanistans ihre Heimat. Die Heiligen drei Könige stammen aus  diesem Kulturraum. Er erstreckt sich von Nuristan über Masar-i-sharif, der Geburtsstadt Zarathustra, bis nach Persien. Welcher Religion die Weisen aus dem Morgenland angehörten, wissen wir nicht. Die Beobachtung der Sterne spielte jedenfalls eine zentrale Rolle.  Welchen Namen auch immer ihre Götter trugen, in welcher Weise sie ihnen im Kult Ehre erwiesen, sie hatten keine Berührungsängste mit dem Licht einer neuen Religion. Als der Stern von Bethlehem am Himmel erscheint, machen sie sich auf den Weg.

 

Das Kapitell wird in der kunstgeschichtlichen Literatur unter dem Titel „Der Traum der Könige“ zitiert. Sein Thema ist aber nicht der Traum, sondern das Erwachen aus der Dunkelheit und der Aufbruch ins Licht. Die drei Könige liegen unter einer Decke. Ihr Faltenwurf erinnert wie die Falten auf dem Gewand des Engels an Wellen. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, verursacht er Wellen. Aus den tiefsten Tiefen des Universums erreichen uns Lichtwellen. 

 

Wellen sind Nachrichtenübermittler. Das Licht des Himmels durchflutet die Lagerstatt der Könige. Drei unter einer Decke: Das ist ein Symbol der Vertrautheit, ja der Einheit. Der Betrachter soll sich selbst im Spiegel der drei erkennen. Sie sind drei und doch eins. Im Spiegel der drei Weisen aus dem Morgenland  leuchtet unser eigenes Wesen hervor. Wir sind „dreieinig“. Wir bestehen aus Körper, Geist und Seele. Der unterste König symbolisiert unseren Körper und die Welt der Sinne. Der mittlere König steht für den Geist, die Vernunft und Rationalität. So ist es kein Zufall, dass beide Könige die Augen geschlossen haben. Sie schlafen. Bildhaft gesprochen: Die Welt der Sinne und der Rationalität sind „blind“ für die Berührung des Engels. Unsere Sinne können den Boten des Lichtes nicht erfassen, unsere Vernunft vermag seine Existenz nicht zu beweisen. Allein der obere König hat die Augen geöffnet. Sein auf der Decke liegender Arm wird vom Engel berührt. Dieser König steht für die Seele. Sie ist die Eintrittspforte für das himmlische Licht.

 

Über die Zeiten hinweg wird auch unsere Seele vom ausgestreckten Finger des Engels berührt. Und die Ohren des Herzens hören seine Stimme: Wach auf, steh auf, wende dich dem Licht zu! Jetzt sehen wir die Engel mit den Augen des Herzens.

 

 

 

Ein Gespräch über Engel im SWR 2:

 

https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/SWR2-Forum-Himmlische-Bodyguards-Wonach-wir-uns-sehnen-wenn-wir-an-Engel-glauben,swr2-forum-2019-12-03-100.html

 

 

 "Waiting for the mirakel to come..." - Berghuse/Danmark