Klima, Kreuz, Katastrophen 

 

  

"Wir, die so unendlich viel wissen, die viel zu viel wissen, wir wissen nichts.

Wir wissen nichts von dem, worauf es für uns allein ankommt:

von dem Plan, in dem wir befasst sind und aus dem wir leben.

Aber darum wissen wir auch nicht, ob nicht diese unsere dunkle,

ganz von der Erlösung abgetriebene Welt der Erlösung am nächsten ist."

 

Margarte Susman.

Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes  (1946)

 

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"Der Autor wird sich auf die Katastrophenstimmung nicht einlassen. (...)

Überwindung der Todesfurcht ist Aufgabe des Autors;

das Werk muß sie ausstrahlen."

 

Ernst  Jünger. Autor und Autorschaft (1984)

 

 

 

Es herrscht Endzeitstimmung in allen Lagern. Zwischen denen, die den Klimawandel als einen vom Menschen gemachten Prozess sehen und jenen, die hier vom Menschen nicht beeinflussbare Veränderungen behaupten, liegt ein tiefer Graben. Was vom Menschen verursacht ist, kann durch Menschen wieder bis zum Ziel der Klimaneutralität zurückgenommen werten, wissen die einen. Andere verweisen auf die Geschichte der Erde. Sie sei voller Beispiele für extreme nicht vom Menschen gemachte Klimaveränderungen mit dramatischen Folgen für das Leben.

 

Wie eine ferne Schwester Johannes' des Täufers rief Greta Thunberg in Davos (2018): “I don’t want you to be hopeful. I want you to panic. I want you to feel the fear I feel every day.  I want you to act. I want you to act as you would in a crisis. I want you to act as if the house is on fire, because it is.”

 

 

 

In diesen Kontroversen bildet sich das Kreuz der Meinungen. Das Kreuz hat eine horizontale und zugleich vertikale Ausrichtung. Der Horizont steht für den Menschen und seine Verantwortung für die Erde. Über diesem Horizont strebt die Vertikale in eine andere Dimension. Sie ist unendlich viel größer, als alle Macht und aller guter Wille. Im Spannungsfeld dieser Möglichkeiten und Begrenzungen bewegen sich alle Fragen der Ökologie.

 

 

 

In Frankfurt haben Schüler an diesem Freitag wieder eine Demonstration gegen die drohende Klimakatastrophe angekündigt. Schon am Vormittag ist es schwül. Unerträglich heiße Sommertage liegen hinter mir. Seit vielen Wochen herrscht in Deutschland ein Klima wie in Andalusien und Nordafrika. Die Blumen und Bäume in meinem Garten habe ich lange mit Regenwasser versorgen können. Nun ist die Zisterne leer.

  

 

  

Ich kann verstehen, dass Menschen das Kreuz abhängen wollen: in Schulen und  anderen öffentlichen Gebäuden. Sie spüren die Ungeheuerlichkeit dieses Symbols und fühlen sich bedrängt, bevormundet oder vereinnahmt. Doch darf die Rücksichtnahme auf Menschen mit anderen Empfindungen, Werten und einem anderen Glauben oder Unglauben so weit gehend, dass das Eigene keinen Ort mehr in der Öffentlichkeit hat? Eine falsch verstandene Toleranz hat zur Selbstaufgabe und zu einer an Erstickung grenzenden Spracharmut geführt. Damit ist niemandem gedient.

  

 

  

Würden sämtliche Kruzifixe aus der Öffentlichkeit entfernt, so wäre das Kreuz dennoch überall sichtbar. Wie kein anderes Symbol ist es dem Menschen auf den Leib geschrieben. Wenn wir beide Arme ausbreiten, so wird das Kreuz sichtbar. Das Kreuz ist das Symbol des Menschen. Das Kreuz ist sperrig und widersprüchlich wie das Leben.

 

Zum Kreuz gehören Grenzerfahrungen wie Schuld und Sühne. Niemand kann ihnen entfliehen. Sie holen uns ein wie die Folgen der Umweltsünden. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts fühlen uns schuldig, vielleicht schuldiger als jede Generation vor uns. Haben wir doch die Folgen unseres Tuns unmittelbar vor Augen. Deshalb zahlen wir gerne eine Buße zur Kompensation unseres CO2 Fussabdrucks und haben bis zur nächsten Flugreise wieder ein gutes Gewissen. Doch diese Ausgleichszahlungen für Aufforstungsprogramme und effiziente Kochern in Entwicklungsländern bleiben ein moderner Ablasshandel. Wir müssen radikaler und damit ehrlicher denken lernen. 

 

 

 

Umwelt- und Ernährungsfragen haben im 21. Jahrhundert eine geradezu religiöse Dimension gewonnen. Zu recht. Denn in ihnen lebt das Bewusstsein für das Ganze, in das wir eingebunden sind. Das Ganze wird auch „Ökumene“ genannt. Der Mensch ist verantwortlich für die Erde. Zugleich macht er immer wieder die Erfahrung, dass das Ganze zu groß ist, um bewältigt zu werden. Handeln zu müssen und nicht handeln zu können - aus diesem Zwiespalt von Macht und Ohnmacht besteht das Leben. Die Betrachtung des Kreuzes führt hinein in dieses Geheimnis. Schnelle Ergebnisse und praktische Anwendungen sind hier nicht zu erwarten. Das Kreuz des Lebens will ausgehalten sein. Dann öffnen sich neue Horizonte.

 

 

Das Kreuz ist ein Geheimnis. Geheimnisse kann man nicht rasch und nebenbei erklären. Man muss sich auf sie einlassen, sie bedenken, betrachten, meditieren.  Zu dieser ruhigen Betrachtung möchte ich neun Anstösse geben. Sie führen  schrittweise in das Geheimnis des Kreuzes. Im letzten Kapitel richte ich den Blick auf die Apokalypse. Ihr Motto erklang in Davos, als Greta Thunberg sagte: „I want you to panic!“

  

Der Freitag ist der Tag ihres Protestes gegen die drohende Katastrophe. Dass diese jungen Menschen um Luisa Neubauer und Greta Thunberg am Tag der Kreuzigung Jesu demonstrieren, wissen sie nicht, und es muss sie auch kein Besserwisser darüber belehren. Sie werden auch kein Buch über das Symbol des Kreuzes lesen, um die Erfahrung zu teilen: Das Kreuz ist da. Die junge Generation spürt auf ihre Weise ein tiefes Eintauchen in die Passion. Sie sehen die Nägel und die Dornenkrone und ahnen, dass der bittere Kelch an ihnen nicht vorübergehen wird. Die Stunde ihrer Bewährung hat begonnen.

 

 

 

Leseprobe: Aus meinem neuen Buch "Das verleugnete Kreuz"

 https://issuu.com/claudius_verlag/docs/978-3-532-62846-1

 

andere Bücher:

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