Tango tanzen ist nicht immer schön:

Verbindung im Paar

 

 

 „Früher ging es in der Tangowelt zu 90 Prozent

um Frauen, zu zehn Prozent um Tanz.“

Carlos Perez

 

 

Der Tango beginnt mit dem Gehen. Ich ging und ging. Irgendwann ergriff mich der Ehrgeiz. Vielleicht küsste mich sogar die Muse des Tanzes. Meine Schritte gewannen an Sicherheit. Ich fühlte mich bereit für die große Bühne. Berlin zog mich an. Hier konnte jeden Abend an verschiedenen Orten getanzt werden. In der Hauptstadt unterrichteten die berühmten Lehrer aus Argentinien. Berlin lag nur einen Katzensprung entfernt. Der ICE von Interlaken nach Berlin hielt in Hildesheim. Ich stieg ein und ließ mich durch das flache Land zwischen Hohen-eggelsen und Legende fahren, machte kurzen Halt in Braunschweig und Spandau. Am Hauptbahnhof wartete mein Freund. Graues, noch immer volles, leicht gelocktes Haar, Sonnenbrille, weiße Leinenhose und ein weißes Hemd, das sich über dem Bauch spannte - das war Hubert. Wir kannten uns seit Jahrzehnten. Unsere Freundschaft hatte länger gehalten als unsere Ehen. Meine Kinder waren  längst aus dem Haus, denn ich war früh Vater geworden. Hubert hatte sich Zeit gelassen. Seine Tochter machte gerade das Abitur und lebte mit ihm in einer Dreizimmer-Wohnung. Die schöne Villa am See war im Zuge der Scheidung an Huberts Frau gegangen. Hubert und Gisela hatten geheiratet, ließen sich scheiden und heirateten ein zweites Mal. Vergeblich - die Verbindung im Paar wollte  nicht gelingen. 

 

Hubert und ich hatten das Berufsleben abgeschlossen. Nun war Zeit für die Berufung. Ich hätte es nicht gedacht, aber ich fühlte mich zum Tangotänzer berufen. Undine, die mich auf den Weg gebracht hatte, musste daheim bleiben. Sie stand noch mitten im Berufsleben. Wahrscheinlich war sie froh, dass ich mich in der europäischen Hauptstadt des Tango einmal umschauen wollte. Ein echter Tänzer muss sich auf fremden Parkett bewähren.

 

Hubert wollte sehen, wie weit ich es im Tango gebracht hatte. Er hatte einen Milonga-Führer von Berlin besorgt. Auf dem Faltplan waren die Tanzschulen eingetragen. Wohin sollten wir am Abend gehen? Auf einigen Anzeigen waren Fotos der Tanzpaare abgebildet. Wir studierten die Bilder schöner Frauen. Einige Tänzerinnen sahen einfach klasse aus. Sie lachten herzlich, schauten verführerisch, waren ganz auf das innere Erleben konzentriert. Mädchenhafte Gestalten, reife sinnliche Frauen, ewig Junggebliebene. Wir entschieden uns für keine von ihnen, sondern wählten eine Tanzschule mit dem verheißungsvollen Namen „Tangotanzen macht schön“. Denn es sollte ein schöner Abend mit schönen Tänzerinnen werden.

 

Wir fuhren mit der U-Bahn, fanden den Ort und nahmen an einem kleinen Tischchen Platz. Hubert trank sein zweites Glas argentinischen Rotwein und summte fröhlich einen alten Tango. Er hatte ihn in der Einspielung von Max Raabe kennengelernt:

 

 „Oh, Donna Clara,

ich hab’ dich tanzen gesehn

und deine Schönheit hat mich toll gemacht.

Bei jedem Schritte und Tritte

biegt sich dein Körper genau in der Mitte

und herrlich gefährlich sind deine Füße, du Süße, zu sehn.“

 

Die Schönheit kann einen Mann toll machen. So ähnlich hatte es Plato formuliert und auch unsere Lehrerin. Ich blieb beim Mineralwasser, um beim Anblick der Schönheit die volle Konzentration zu haben, falls es zu einem Tango mit der schönen Donna Clara kommen sollte. Eine Tango tanzende Frau ist eine Tanguera. Der Mann ein Tanguero. Aber niemand spricht eine Tänzerin als Tanguera an. Wenn Max Raabe „du Süße“ singt, finden das fast alle Frauen herrlich gefährlich. Wenn ich eine Frau mit den Worten „Du Süße, wollen wir Tango tanzen?“ auffordern würde, wäre ich noch vor dem ersten Schritt unten durch. Wie immer im Leben kommt es darauf an, wer etwas sagt und wann er es sagt. Max Raabe darf es, ich nicht. Auch die Anrede „Chica“ kann ich mir nicht leisten. „Chica“ heißt „Mädchen“ oder „Mädel“. Dõna Martina darf ihre Schülerinnen so ansprechen, ich nicht.

 

Wir schauten in die Runde und studierten die an uns vorbei tanzenden Frauen. Hubert lobte ein schönes Gesicht mit mandelförmigen Augen, das lange blonde Haar, die Haltung der linken Hand und die gespreizten Finger auf dem Rücken des Partners, den kräftigen Tango-Po unter dem hautengen Röckchen - ja Tangotanzen macht schön und stärkt die Po-Muskulatur. Dõna Martina hatte von der Straffung der Po- und Beinmuskulatur gesprochen. Es stimmt. Nun glitten unsere Blicke vom Po zu den Füßen. Die Beinarbeit war herrlich. Auf sie komme es beim Tango besonders an, sagte ich Hubert. Die Kenner schauten nicht auf den Kopf, die Brust oder den Po, sondern auf die Beine der Frau. Deshalb gehe keine Frau ohne Beinrasur tanzen. Wir bewunderten die Beinarbeit von Donna Clara und ihren Schwestern. Ja, auch das stimmt: „Herrlich gefährlich sind deine Füße, du Süße, zu sehn.“ Die alten Tango-Lieder lügen nicht.

 

Unsere Blicke blieben auf die Füße gerichtet. Ich fühlte mich recht wohl in meiner neuen Rolle als Tangoexperte. Anhand praktischer Beispiele aus dem Tanzfluss konnte ich Hubert erläutern, warum die Füße nicht nur herrlich, sondern auch gefährlich werden konnten. Im Tango gibt es neben dem ruhigen Gehen und den achtsam schwingenden Bewegungen in Form einer Acht (Ocho) eine Reihe von Figuren, bei denen die Tänzerin ihr Bein hoch in die Luft hebt. Besonders auf einer vollen Tanzfläche drohen dabei Verletzungsgefahren für die anderen Tänzer. Die herrlich hohen Absätze können gefährlich wie Rasiermesser ein fremdes Bein aufschlitzen, einen Zeh plätten oder sich sogar im Saum des eigenen Satin-Röckchens verhaken, sagte ich. Die Nummer mit dem Röckchen hätte Hubert gerne gesehen, aber noch herrschte auf der Tanzfläche ein ruhiger Fluss der Bewegungen.

 

Plötzlich hörte ich eine Frauenstimme vom Nachbartisch: „Schau’ mal, da ist Eustachio!“ „El Hermoso“, sagte eine zweite Frau. „El Hermoso“ bedeutet „Der Schöne“. In Berlin gibt es viele Tango-Touristen, noch mehr namenlose Tänzer aus der Stadt und einige Platzhirsche. Wenn sie auf die Lichtung treten, halten die Chicas den Atem an und die Männer wissen, dass sie jetzt ins zweite Glied zurücktreten. Hubert und ich hatten keine Ahnung, wer Eustachio ist, aber wir erkannten den Platzhirsch sofort. Es ging gar nicht anders. Denn viele Frauen blickten in die Richtung, wo ein junger Mann mit langen schwarzen Locken stand. Rasch bildete sich um ihn eine Traube von hübsch gekleideten jungen Tänzerinnen. Eine Susi oder Zassa, wenn ich den Kommentar vom hinteren Tischchen richtig verstanden habe, gesellt sich zu ihm. 

 

„Die sind doch kein Paar mehr“, höre ich. Egal. Ich sehe nur: Sie lachen, schäkern und küssen den Mann im schwarzen Jacket auf beide Wangen. Susi oder Zassa spielt mit dem Kreuz, das Eustachio an einem goldenen Kettchen um den Hals trägt.

 

Nachdem ich einen argentinischen Lehrer bei einem Workshop für Anfänger  erlebt hatte, erkenne ich diesen Typus sofort: Eustachio sah so aus, wie man sich einen argentinischen Tangolehrer vorstellt. Thema des Workshops war das Gehen im rechten Rhythmus. Der Lehrer kam aus München und nannte sich El Primo. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit dem Bild eines Gorillas. Seine Oberbekleidung musste er seit längerer Zeit nicht mehr gewechselt haben, denn zwischen den Schulterblättern hatte sich eine Salzkruste gebildet. Bevor El Primo den Unterricht begann, blendete er von seinem Computer einen Tarzan-Ruf ein, animalisch, männlich, laut und lockend: „Ooooooohhh!“ Die Teilnehmerinnen lachten und freuten sich wie Jane. 

 

Eustachio, der Platzhirsch. Argentinier gelten als bessere Liebhaber, hatte ich in einer wissenschaftlichen Arbeit gelesen. Aufgewachsen in einem Land mit klassischer Rollenverteilung gingen sie mit ungebrochenem Selbstbewusstsein auf die Frauen zu. Gerade die emanzipierten Tänzerinnen in Deutschland hätten eine große Sehnsucht nach Hingabe. Ich berichtete Hubert von einer Diplomarbeit über „Geschlechterrollen im argentinischen Tango“ (2003). Ich hatte sie gelesen, weil ich mich für einen Workshop bei der Verfasserin interessierte. Sie heißt Melina Sedo. In dem Kapitel „Rangordnungen“ schreibt sie, was ich an diesem Abend sinngemäß weitergab:

 

„Im Tango gilt der als der Stärkste, der am besten tanzt. Guten Tänzern und Tänzerinnen sieht man vieles nach: Schlechte Manieren, politisch divergierende Meinungen, unattraktives Aussehen und Körpergeruch verlieren an Bedeutung. Ein guter Tänzer wird von fast jeder Frau (tänzerisch) begehrt. Gute Tänzer und Tänzerinnen steigen so zu einem Status auf, bei dem sie unter den kompatiblen Tanzpartnern frei wählen können. Den größten Status haben natürlich argentinische Tänzer. Schließlich lernen diese es ‚von Kindesbeinen an‘ oder ‚bekommen es schon in die Wiege gelegt’. Sie haben es ‚einfach im Blut’. Ein mittelmäßiger argentinischer Tänzer wird hierzulande eher zu Ruhm aufsteigen als ein einheimischer, auch wenn dieser ein hervorragender Tänzer ist.“ 

Hubert meinte, ich solle mir nicht so viele Gedanken über die anderen Tänzer machen, sondern einfach zur Tat schreiten und eine Chica auffordern. Aber je stärker er mir zusprach, desto größer wurde meine Hemmung. Wovor hatte ich Angst? Ich wusste es. Sprach es aber nicht aus. Es war der Argentinier. Es war der Platzhirsch. El Hermoso stand noch immer schäkernd am Rand der Tanzfläche. Er hatte sein Können an diesem Abend noch nicht gezeigt. Ein Argentinier muss sein Können nicht zeigen. Er hat eine natürlich Überlegenheit. Seine Anwesenheit berührte mich unangenehm. Da half es auch nicht, dass ich mir sagte, Eustachio tanze in einer anderen Liga und niemand verlange, dass ich mich mit ihm messen müsse. So ein Platzhirsch ist eben raumfüllend. Da kann man nichts machen, nur wegschauen.

 

Während wir am Rande der Tanzfläche plauderten und die Tänzerinnen taxierten, wurde Hubert von einer Frau aufgefordert. Sie hieß Ocka. Leider könne er noch nicht Tango tanzen, sagte er, aber er werde es lernen. Er liebe den Tango. Und schon war er in ein Gespräch über die Berliner Tanzschulen, ihre Lehrer und Methoden verwickelt.  Ocka studierte Germanstik. Sie kam aus Asien, das war unverkennbar und sie rechnete nicht damit, dass wir ihre Heimat kannten. Ocka kam aus der Mongolei. In Peking hatte sie Tango tanzen gelernt und dank des Goethe-Instituts die deutsche Sprache. Sie sprach ein wunderbares Deutsch. Ihr Studium finanzierte sie mit Karate-Unterricht für Mädchen in einem sozialen Brennpunkt Berlins. Wenn sie nicht tanzte, schrieb sie an ihrer Doktorarbeit über den „Steppenwolf“. Hubert hatte eine Hermann-Hesse-Biographie geschrieben, die sogar ins Chinesische übersetzt worden war. Wie sich bald herausstellte, hatte Ocka ausführlich aus dieser Lebensbeschreibung zitiert. Für Hubert war der Abend gerettet. Nur ich saß noch immer am Rande des Geschehens.

 

Schließlich nahm mich Hubert in die Pflicht. Ich sprach eine Frau an. Kein Hingucker wie die aufgebrezelten jungen Chicas, sondern eine Dame in meinem Alter. Gewiss würde sie gnädig mit mir umgehen. Ich nahm sie in die Arme, presste meine linke in ihre rechte Hand, tat einen ersten Schritt und stolperte in sie hinein. Das Fußkreuz wollte auch nicht so recht klappen. Gehen, ging, gegangen - das Gehen ist die Grundlage für schönes und entspanntes Tanzen, hatte Dõna Martina gesagt. Zum Glück war die Tanzfläche recht lang. Ich ging und ging und fühlte mich wunderbar. Dann kam die Kurve. Eine Linksdrehung wäre jetzt nötig. Verdammt von mal. Wie bekommt man beim Tango die Kurve? Ich hatte es in der Aufregung vergessen.

 

Die Milonga hat eine klare Struktur. Für drei Tänze bleibt das Paar zusammen. Tanda wird diese Einheit genannt. Dann verabschieden sich die Tanzenden und treten von der Tanzfläche wie von einer Bühne ab. Ein unsichtbarer Vorhang schließt sich und eine Zwischenmusik erklingt. Es ist die Cortina („Vorhang“). Sie setzt eine deutliche Zäsur zwischen zwei Tandas. Eine neue Partnerwahl kann beginnen. Zwei Tangos, dachte ich, liegen noch vor mir. Ich tanzte an Hubert vorbei und sah sein freundliches Nicken. Mein erster Tanz mit einer fremden Dame in der Tango-Metropole Berlin! Hubert macht mir Mut und Eustachio beachtete mich nicht. Ich fühlte mich frei.

 

Mein erster Tanz war zugleich mein letzter Tango in Berlin. Denn nach dem ersten Tanz drehte mir meine Partnerin den Rücken zu und entschwand. Sie habe Rückenschmerzen, erklärte sie im Weggehen. Ich war noch grün hinter den Ohren und verstand nicht, was sie mir gesagt hatte. So war ich überrascht, dass sie mit einer Partnerin trotz ihrer Rückenschmerzen weiter tanzte. Ein Wunder an Bewegung. Ich hielt den Atem an: So also geht Tango!

 

Tango tanzen ist nicht immer schön. Tango tanzen kann sogar ganz schön blöd sein. Nicht herrlich gefährlich, sondern einfach nur peinlich. Hubert meinte, ich sähe meinen ersten Auftritt auf internationaler Bühne zu selbstkritisch. Bald würden wir gemeinsam die Tangowelt erobern! Denn er wollte auch Tango lernen. Schließlich saß er in Berlin an der Quelle. Hubert hatte seine Tanzstunden in der Jugendzeit ernster genommen als ich und glaubte, auf den regelmäßigen Besuch von Kursen verzichten zu können. Er habe einige Tänzerinnen gesehen, die nie einen Tangokurs besucht haben und dennoch wunderbar tanzen können. Das Tanzen haben sie auf der Piste gelernt. Ein geübter Tänzer nahm sie in den Arm und ging mit ihnen durch den Raum. Dann brachte er ihnen den Ocho bei. Wer das Gehen beherrscht und den Ocho, kann Tango tanzen gehen. Sie sind die Grundlagen. Alles  weitere wächst der Tänzerin im Tanzen zu. Warum also nicht auch dem Tänzer? 

 

Tango tanzen macht ganz schön hungrig. Auch nach Mitternacht gab es um den Kottbusser Platz herum genügend Möglichkeiten zur Einkehr. Den Würgeengel oder Trinkteufel für den kleinen Hunger, das Hasir Okcakbasi für den Bärenhunger. Wir gingen mit Ocka zu Hasir Okcakbasi. Clara bestellte einen kleinen Salat ohne Knoblauch. Hubert entschied sich für das Sultan Menü. Wir verspeisten es zu Zweit direkt von der Platte. Das brachte mich auf eine Idee. Können wir nicht gemeinsam das Tanzen üben, um mehr Sicherheit auf der Piste zu gewinnen? In Buenos Aires üben Männer mit Männern so lange, bis sie sich ihrer Führungsaufgabe gewachsen fühlten. Also beschlossen Hubert und ich einen gemeinsamen Kurs zu besuchen. In Berlin gibt es eine große Queertango-Szene. Dort hoffte ich jene Feinfühligkeit und Toleranz zu finden, die ich von erfahrenen Tänzerinnen nicht erwarten durfte. Frauen machen sich schön, wenn sie auf die Milonga gehen. Wenn sie einen Rock mit weitem Faltenwurf tragen, dann wollen sie, dass dieses Kleidungsstück in schöner eleganter Bewegung schwingt. Alle Schönheit will gesehen werden. Deshalb wollen sich die Frauen von erfahrenen Tänzern führen lassen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Denn sie sind nicht die unbezahlten Nachhilfelehrerinnen für Anfänger. Tango tanzen macht schön, aber erst ab einem gewissen Niveau.

 

Ocka begleitete uns in Huberts Wohnung. Seine Tochter war irgendwo mit Freundinnen unterwegs und machte die Nacht zum Tage. Wir saßen noch einige Zeit gemeinsam im Wohnzimmer und sprachen über Hesses „Steppenwolf“ und seine Hauptfigur Harry Haller. Er war als Tänzer über die Anfänge nie hinausgekommen. Harry Haller versuchte sich im Stepp-Tanz, weshalb er auch Steppenwolf genannt wurde. Hubert erzählte über Hesses Frauen und seine Tanzversuche im Basler Hotel Krafft. Ocka war begeistert. 

 

Dann spielte er eine CD mit Aufnahmen von Alfredo de Angelis. Ocka nahm ihn in den Arm und versuchte Hubert das Gehen beizubringen. Ich zog mich in das verwaiste Ehebett zurück und überließ beide ihrem Schicksal.

 

Tango gilt als der Inbegriff von Zärtlichkeit, Hingabe und achtsamer Paarbeziehung. Deshalb gilt er auch als Partnerbörse. Hubert hatte über die Agentur „Wahre Liebe“ vergeblich versucht, eine neue Frau für ein gemeinsames Leben kennenzulernen. Seinen Einstieg in die Welt des Tangos wollte er professioneller angehen als ich. Der Freund nahm Einzelunterricht bei einer Berliner Tangolehrerin. Dies schien ihm der effektivste Weg, in die Rolle des Führenden zu wachsen, dem die Frauen in den Berliner Salons auch folgen wollten. Guggi empfing Hubert zur Einzelstunde in ihrem Studio hoch oben im sechsten Stock einer Mietskaserne. Da war Hubert bereits außer Puste, als er den Wohn- und Arbeitsraum erreicht hatte. Mit ihren schwarzen Adleraugen musterte Guggi den neuen Schüler und sagte, um junge Frauen anzumachen, sei der Tango nicht geeignet. Hubert nahm zehn Stunden Unterricht. Dann schrieb er ein neues Buch über Rilkes Frauen und hatte keine Zeit mehr für den Tango und die Suche nach einer neuen Partnerin. 

 

Den Plan eines gemeinsamen Kurses gaben wir ebenfalls auf. Ohnehin war er eine Schnapsidee. So nah Berlin lag, die Entfernung war doch zu groß, um hier in die Queertango-Szene einzusteigen. Doch bei unserer alten Lehrerin fand ich einen Mann, der die Rolle der Folgenden übte. Wir machten Fortschritte und gewannen an Sicherheit. Hans steckte sich eine Blume ins immer länger werdende Haupthaar und trug einen knallroten Gürtel um die schmalen Hüften. Zu Silvester oder in den Karnevalstagen wählte er aus dem abgelegten Fundus seiner Frau ein Kleid. In einem Container fand er sogar passende Schuhe mit hohen Absätzen in der Grösse 44. Hans war zwar einen Kopf größer als ich, aber seine Freiheit schenkte mir Mut, mutiger zu werden. Berlin war eine Erfahrung. Ich hatte einfach zu hoch gegriffen. 

 

 

 

 

 

 

Kurz vor dem 50. Geburtstag warf mich das Leben aus der Bahn. Dann kam Undine. Sie meinte, ich solle das Leben tanzen lernen . Von diesem Weg berichte ich hier...

 

„Thanks for the dance

Bride of the inspired

One-two-three, one-two-three, one…“

Leonard Cohen

  

 

 

Sie führte, ich folgte:

Wie ich wider meinen Willen Tango tanzen lernte

 

„See me, feel me, touch me, heal me…“

(The Who)

  

„Der einzige Ort, wo der Mann führt,

ist im Tango.

Darüber hinaus führt er nirgends mehr.“

Pepito Avellaneda

 

 

Ein Sommer wie in Andalusien. Undine geht mit Tobit durch den duftenden Rosengarten,  den ich für sie angelegt habe. Sie dreht sich einmal im Kreis, hebt ihr leichtes Kleid und zeigt ihre nackten Füße. Wir hatten Jerez de la Frontera, Sevilla und Granada besucht und einen Ausflug nach Gibraltar unternommen. Hier kaufte sich Undine das lindgrüne Wickelkleid mit der silberfarbenen Stickerei für die bevorstehende Hochzeit. Wenn sie es wieder trägt, hat sie etwas Besonderes vor. Ich bin voller Erwartung und zu allem bereit. Doch als Undine ihr Geheimnis preisgibt, verflüchtigt sich mein hoher Mut. Undine spricht vom Tango. Mit vielem habe ich gerechnet, mit Tango nicht. Ich weiß, Paartänze sind wieder in Mode gekommen. Die Umarmung, das Spiel von Führen und Folgen. Viele wollen Salsa, Lindy Hop oder Tango tanzen. Ich nicht.

 

„Tango tanzen ist nicht meine Sache“, sage ich zu Undine. „Ich habe nicht die geringste Begabung.“

 

„So ein Unsinn!“, ruft sie lachend. „Jeder Mensch kann tanzen“, sagt sie. „Hast du es überhaupt ernsthaft probiert?“

 

„Aber natürlich. Sieben Tanzkurse habe ich besucht.“

 

„Sieben auf einen Streich. Mein Held! Ich weiß.“ Undine schenkt mir einen feuchten Kuss.  „Aber das ist lange her.“

 

In meiner Schulzeit zählte ich zu den leidenschaftlichen Besuchern der Tanzschule Grebe. Wo sonst konnte ein Junge im katholischen Münsterland ein Mädchen berühren? Auf unserem Gymnasium gab es keine Mädchen. Im Sommer beobachteten wir sie im Freibad. Die Schüler aus der Oberstufe durften sie berühren. Die Mädchen lagen auf dem Bauch, ließen sich den Verschluss ihres Bikini-Oberteils öffnen und den Rücken mit Nivea Sonnenöl ausgiebig massieren. Wir blieben Zuschauer. Doch in der Tanzschule konnte ich nicht nur Mädchen berühren, es wurde sogar von mir erwartet. 

 

„Meine Begabungen liegen auf einem anderen Feld“, sage ich. Diesen Einwand lässt Undine nicht gelten. Ich sei zwar von einigen Musen geküsst worden, doch gebe es ihrer neun an der Zahl. Alle wollten mich berühren. Es sei nicht fair, wenn ich der tanzfreudigen Terpsychore einen Korb gebe. Die Anspielung verstand ich sofort.

 

Im Musensaal der Wiener Hofburg hatten wir die strahlend weißen Skulpturen der Musen gesehen und uns gegenseitig vor der Muse des Tanzes abgelichtet. Die Tanzfreudige trug ein leichtes Kleid, das ihre runden Brüste und die Scham in durchsichtiger Nacktheit betonte. Mit beiden Händen lüftete sie zierlich das Kleid, sodass ihre schönen Füße sichtbar wurden. Anmutig setzte sie ihr rechtes Bein vor das linke, als wollte sie auf mich zuschreiten. Auf dem Foto, das Undine damals von mir und der Muse geschossen hat, nehme ich diese Aufforderung zum Tanz lächelnd an und breite die Arme aus. Aber das war nur Pose, sage ich jetzt, nur ein Spiel, aus dem Undine keine wirkliche Bereitschaft zum Tanz ableiten dürfe.

 

In der Tanzschule Grebe herrschte ein großer Mangel an Jungen. So musste ich keine Kursgebühr zahlen, sondern bekam noch eine „Aufwandsentschädigung“, wie Herr Grebe sagte, von fünf Mark pro Kurs und an jedem Übungsabend ein Freigetränk. Herr Grebe hatte auf Mallorca eine Diskothek geführt und war nun ins westfälische Münster gekommen, um eine Tanzschule zu eröffnen.

 

Über zwei Jahre ließ ich mich von Mädchen führen, denn sie wussten, wo es langgeht. Ich folgte Birgit, Petra, Susanne und vier weiteren „Damen“. So bezeichnete Herr Grebe die Mädchen. Uns nannte er „Herren“. Einen Anfängerkurs habe ich siebenmal hintereinander belegt. Weiter habe ich es nie gebracht und besaß auch keinen Ehrgeiz, in einen Kurs für Fortgeschrittene aufzusteigen. 

  

Als ich Undine kennenlernte, tanzte sie Flamenco. Um ihre Liebe zu gewinnen, lernte ich die Palmas. Im Flamenco müssen Männer nicht tanzen können. Es reicht, wenn sie den Tanz der Flamenca mit dem rhythmischen Klatschen der Hände begleiten oder die Gitarre spielen. Da ich kein Instrument spielen kann, klatschte ich die Palmas und war überrascht: Ich war im Rhythmus, weil der Rhythmus plötzlich in mir war. Ich klatschte wie wild. Keine sanfte Muse, ein kleiner Kobold hatte mich berührt. 

 

Undine zog ihre schwarzen Flamenco-Schuhe mit den Stahlnägeln im Absatz an. Sie tanzte im Wohnzimmer, auf den Holzdielen des Schlafzimmers und barfuß in der Dusche. Das Parkett zeigte bald die Spuren der Nägel von Undines Schuhen, die Decke bebte und die Duschwanne leckte. Einfach herrlich! Die Sonne war aufgegangen. Ich holte die uralten Schallplatten von Paco de Lucia hervor und legte sie auf den Teller meiner BRAUN-Anlage. Welch ein Klang! Welch ein rhythmisches Beben in meinem Körper! Ich las die Gedichte Frederico Garcia Lorcas und sang mit Undine diese herrlichen Zigeunerlieder. So wunderbar harmonisch ist das Leben, so herrlich beschwingt hätte es zwischen uns bleiben können, wenn Undine nicht die Idee mit dem Tango gehabt hätte. 

 

Ich hoffte auf Undines entspannten Umgang mit organisatorischen Dingen. Meine Einschätzung war nicht falsch. Es dauerte zwei Jahre, bis sie uns bei Doña Martina zu einem Tango-Kurs angemeldet hatte. 

 

Nun aber ist der Tag unserer ersten Tango-Stunde gekommen. Wir betreten das ehemalige Gelände der Bettfedernfabrik von Werner & Ehlers. Bis zum Jahr 1990 wurden hier Bettfedern gewaschen. Drei Jahre später eröffnete Josch das „Tango Milieu“. 

 

„Federn und Tango passen gut zusammen“, meint Undine. „Denn Tango ist wie Fliegen oder Schweben.“

 

„Tango Milieu“ heißt der Veranstaltungsort. Er liegt in einem ehemaligen Arbeiterviertel. Heute wird es von Menschen aus aller Herren Länder bewohnt. In Hannover-Linden geht es bunt und wuselig zu. "Bunt statt braun", lautet daher das Motto von Belit Onay. Er ist der erste Oberbürgermeister von Hannover ohne rotes Parteibuch. Hannover-Linden ist grünes Kerngebiet.

Hier sind die Vorfahrtsregeln im Verkehr manchmal aufgehoben. Das Stadt-Viertel erzeugt wie der Tango seine eigene Ordnung. Fahrradfahrer und Fußgänger haben sowieso eine eingebaute Vorfahrt. Gärten gibt es nicht. Wer keinen Balkon besitzt, verbringt seine Freizeit vor dem Haus. Stühle und Tische sind zum Nachbarschaftstreffen auf die Bürgersteige gestellt. Ein Parkplatz ist kaum zu finden. Aber niemanden stört es, wenn in einer zweiten Reihe geparkt oder der Wagen irgendwo hinter den Büschen abgestellt wird. Wir finden einen Parkplatz vor einem Gebäude mit einer großen Glasfront. Daneben erhebt sich ein hoher Turm mit einem spitzen Dach. Ein Minarett vermute ich, denn unter dem Turm sitzen verschleierte Mütter mit ihren Familien. Das Hammelfleisch auf dem Grill verströmt einen herrlichen Duft. Die Moschee sei eine Kirche, meint Undine. In jedem Fall ein Gotteshaus, sage ich. Tango ist auch eine Art multikultureller Gottesdienst, werde ich bald erfahren. Ein Gott des Argentinischen Tangos heißt Carlos Gardel. Unzählige Lieder hat er aufgenommen und viele Filme gedreht. Er ist der Inbegriff des argentinischen Mannes und Frauenhelden. Sein Portrait hängt auch im Tango Milieu. Jeder weiß, dass der argentinische Nationalheld Carlos Gardel aus Uruguay stammte und schwul war. Im Tango vereinigen sich die Widersprüche des Lebens zu einer höheren Einheit.

 

 

 

Mit zwölf Paaren bilden wir einen Kreis um Doña Martina. „Wo ist der Mann?“, denke ich. Auf der Suche nach einem Lehrer lasse ich meinen Blick durch den Saal schweifen. Links befindet sich eine Bühne mit einem Flügel. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen kleine Tische mit Bestuhlung, und die Musikanlage. Vor mir eine Spiegelwand, hinter mir die Bar. Kein Lehrer in Sicht. Herrenmangel, wie in alten Zeiten, denke ich. Doña Martina ist hier der Lehrer oder „der Kerl“, wie sie sagt. Sie hat in ihrem Leben schon vieles gemacht: Bücher geschrieben, ein Haus renoviert und nach dem Scheitern ihrer Ehe bei Josch Tango tanzen gelernt. Nun ist sie Tango-Lehrerin.

 

Noch bevor die erste Stunde beginnt, hat sie uns eine Lektion erteilt: Im Tango gibt es Führende und Folgende. In Argentinien gelte der Spruch: „Der Mann führt, die Frau verführt und glänzt. El hombre conduce, la mujer seduce y se luce.“ Ob ein Mann oder eine Frau führe, sei gleichgültig. Wichtig sei allein, dass der Führende auch führen kann. Als sie die Rolle der Führenden erlernte, sagt Doña Martina, habe sie beschlossen, wie ein Kerl zu führen. Die Rolle der Folgenden wird in unserem Kurs von Nicole übernommen.

 

Nun sind wir an der Reihe. Wir sollen uns mit Vornamen vorstellen und etwas zu unserer Motivation sagen. Nachname, Alter, Beruf spielen keine Rolle. 

 

Ein junges Paar spricht von der bevorstehenden Hochzeit, auf der es seine Gäste mit einem Tango überraschen will. Andere haben Salsa getanzt und suchen nun etwas Neues. Einige kommen vom Standardtanz, wo man den englischen Tango mit zuckenden Bewegungen und abrupten Kehrtwenden tanzt. Nun wollen sie den wahren Tango Argentino lernen. Ein anderes Paar will einfach runter vom Sofa, weg von den Knabberreihen und vielleicht einige Kilogramm abspecken. Ihre Nachbarn gestehen offen, dass sich ihre Paarbeziehung in einer Krise befindet. Sie erwarten vom Tango Erneuerung und gegenseitigen Respekt. Ein weiteres Paar will ganz einfach seine Liebe feiern, weil die Kinder aus dem Haus sind und sie jetzt wieder mehr Zeit füreinander haben. 

 

Doña Martina hatte die Stunde mit einer kleinen Demonstration eröffnet. Sie führte Nicole mit kleinen Schritten, unterbrach das Gehen, blieb auf der Stelle stehen und wiegte sie innig und leicht wie man ein Kind in den Armen hält. Diese Behutsamkeit der Bewegung gefiel mir.

  

 

 

Gleich würde ich mich vorstellen müssen und sagen, warum ich an einem Tango-Kurs teilnehme.

 

„Ich bin hier, weil es Undine will“, sage ich.

 

Einige Frauen blicken ihren Partnern in die Augen oder tätscheln ihre Arme. Ich habe Heiterkeit erregt und die unerwartete Zustimmung der Lehrerin. Doña Martina sagt, die Frauen sollen sich glücklich schätzen, dass sie einen Partner für diesen Kurs gefunden haben. 90 Prozent aller Frauen wünschen sich einen Tango-Kurs und einen Tanzpartner an ihrer Seite.

 

„Mädels, seit froh, dass ihr eure Kerle aufs Parkett gebracht habt und meckert nicht gleich, wenn sie die ersten Schritte nicht schnallen!“

 

Was immer die „Mädels“ in ihrem Beruf machen, welche Position sie ausüben, wie viel Geld sie verdienen, sagt Doña Martina, spiele beim Tango keine Rolle. Im Tango müssen sie sich führen lassen. Die Worte lösten Beifall und großspuriges Gehabe bei einigen Männern aus. Doña Martina lacht und zitiert den argentinischen Meister Eduardo Arquimbau (*1936), der noch immer auf die Piste gehe:

 

„Eine Figur lernst du in zehn Minuten, gutes Gehen in zehn Jahren.“

 

Alle großen Tänzerinnen und Tänzer hätten die Wichtigkeit des Gehens hervorgehoben, sagt unsere Lehrerin und nennt als Kronzeugin den Namen einer Hundertjährigen. Hundert Jahre: Da horchen alle auf. Mit neunzig Jahren einigermassen über das Parkett gehen - das wollen viele. Mehr muss nicht sein. Auch sollte man das Schicksal nicht durch übermäßige Ansprüche herausfordern. Carmencita Calderón (1905-2005) heißt die Gesegnete. Unsere Lehrerin zitiert einen ihrer Sprüche und kann nicht ahnen, welche Verunsicherung sie bei mir auslösen wird:

 

„Gehen ist das schwierigste, alles weitere kommt später wie von selbst, wenn einer eine Tänzerseele hat.“

 

Der Tango ist wie das Leben. Das lerne ich in dieser ersten Stunde: Er beginne mit der Aufrichtung und den ersten Gehversuchen. Weil der Tango aus Südamerika kommt und weil in Buenos Aires und Montevideo Spanisch gesprochen wird, sagt Doña Martina, wird die erste Übung im Tango „Caminar“ genannt. „Camino“ bedeute „Weg“. Camino sei auch der Pilgerweg.

 

Wir begeben uns also auf den Weg und üben das Gehen. Zuerst allein. Dann mit dem Partner in offener Umarmung, bei der zwischen den Körpern ein kleiner Abstand bleibt. Später in einem der höheren Kurse werden wir das Gehen in geschlossener Umarmung, bei der Brust an Brust ruht, erproben. Die gestreckten Oberkörper gehen dabei in eine leichte Beugung, sodass genügend freier Raum für die Bewegung der Füße bleibt. Die Knie federn, damit der Gang weich wird.

Das gemeinsame Gehen in geschlossener Umarmung ist eine der schwierigsten Übungen. Es verlangt Einfühlungnahme, Klarheit des Impulses, Innigkeit, Zärtlichkeit. Wer führen will, muss sich in den Geführten hineinversetzen können. Er muss wissen, wo er steht, welches Bein er belastet und wie groß sein Schritt ist, sonst wird er sein Gegenüber zum Stolpern bringen oder gar mit Füßen treten. Führung setzt Fühlungnahme voraus. Genau das ist der Punkt, der meine alten Zweifel weckt. Ich soll Undine führen, aber ich kann es nicht. Mal laufe ich los und bringe sie ins Stolpern. Dann trete ich ihr auf den nackten Zeh. 

 

Ich kann nicht führen, sage ich zu Doña Martina. Unsere Lehrerin ist streng und lässt keine Ausreden zu. Ich solle mich auf die Schritte konzentrieren. Übung mache den Meister. Gut, ich schaue auf den Boden, um Undines Füße nicht zu berühren. Ich solle den Kopf erheben, sagt die Lehrerin und spüren, wo Undine stehe. Gereiztheit steigt in mir auf. Wusste ich doch gleich, dass der Tango nichts für mich ist. Führen und Folgen! Wer folgt denn heute noch? Wer wagt zu führen?

 

Die erste Stunde ist beendet. Wir gehen durch den kleinen Park. Die Familien sind in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Ein Geruch wie von brennendem Kamelmist liegt über dem Gelände. „Hier wird Marihuana geraucht“, sage ich. Ein Afrikaner sitzt mit seiner deutschen Freundin auf der Bank. Braune Haut, weiße Haut - die Farben der Welt. Ich nicke ihm zu. Er zeigt mir lächelnd sein Gebiss, gesund und strahlend weiß wie die Zähne von Carlos Gardel auf dem gerahmten Poster im Tango Milieu. „Emigranten aus Südeuropa sollen den Tango nach Argentinien gebracht haben“, sage ich. Eine andere Theorie behaupte den afrikanischen Ursprung des Tango. Sklaven hätten ihn einst über den Atlantik nach Südamerika gebracht. „Wer immer den Tango erfunden hat“, sagt Undine, „ohne Übungen werden wir ihm nicht näher kommen.“ Wohl gesprochen! 

 

 

Wir passieren das Messegelände und fahren auf die A7. Kein Stau weit und breit. Erst hinter Bockenem ist die Autobahn wegen Brückenarbeiten gesperrt. Wir verlassen die A7 bereits auf der Hildesheimer Börde und fahren durch die Busen- und Po-Landschaft vor Bad Salzdetfurth. Undine ist bester Laune. Sie hat ihren Willen bekommen und stimmt das übermütige Lied von Carlos Gardel an:

 

„Ich bin nun mal so,

da ist nichts zu machen,

für mich hat’s Leben

die Form einer Frau.“

 

Für mich auch. Doch heute fühle ich mich dem Leben nicht gewachsen. In der Nacht kreisen meine Gedanken über die Frage des rechten Gehens. Kein Wunder, dass ich nicht in den rechten Schlaf finde. Gut, denke ich. Auf das Gehen kommt es an. Das habe ich verstanden. Gehen kann doch nicht so schwer sein. Irgendwie werde ich das richtige Gehen schon hinbekommen. Es war ja bisher nie ein Problem gewesen. Ich habe weder Spreiz- noch Plattfuß, weder Hohl- noch Klumpfuß. Meine Gelenke funktionieren wunderbar. Niemand in meiner Familie brauchte jemals eine künstliche Hüfte. Also, was soll’s? Ich kann die Treppen im Doppelsprung nehmen, robbe mich beim Unkrautjäten auf Knien über den Gartenkies und durchs Rosenbeet. Der Körper funktioniert. Wie aber steht es um meine Seele? Hier liegt offenbar meine Schwachstelle. Wie es in schlaflosen Nächten so geht, springen meine Gedanken. Andersens kleine Meerjungfrau kommt mir in den Sinn. Wieso eigentlich? Die Meerjungfrau hatte keine Seele. Aber sie war eine gute Tänzerin. Rätselhaft! Die Meerjungfrau hatte eine Tänzerseele. Wieso wollte sie mehr? 

 

Das Wort „Tänzerseele“ spukt in meinem Kopf. Alles weitere komme später wie von selbst, hat Carmencita Calderón gesagt, wenn … ja, wenn man eine Tänzerseele habe. Habe ich eine Tänzerseele? Bislang habe ich immer gedacht, die Identitätsbildung sei spätestens mit Vollendung des zwanzigsten, spätestens aber dreißigsten Lebensjahres abgeschlossen. Nun hatte ich durch Undines Idee mit dem Tango ein Problem, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es in meinem Alter noch einmal haben werde. 

 

Die Urheberin meiner Selbstzweifel schlummert friedlich neben mir. Ich stehe auf, gehe die knarrende Treppe hinunter in mein Arbeitszimmer und blättere in einem Buch mit Gesprächen alter Meister des Tango. Carmencita Calderón ist natürlich auch dabei. Sie spricht über das Wohlgefühl durch eine harmonische Paarbeziehung. Es geht um Empathie und Achtsamkeit. Ich lese:

 

„Ich schaue nie zu Boden. Die linke Schulter stütze ich auf die rechte des Mannes, dadurch spüre ich, welche Bewegungen er mit den Beinen machen wird. Deshalb kann ich allen folgen. Eine wirkliche Tänzerin muss alle Tänzer begleiten können. Und wenn sie nicht gewohnt ist, mit ihnen zu tanzen, weil sie zum ersten Mal tanzt, wie kann sie ihm da gut folgen? Nun, ich stütze mich ab, ich lehne mich gut an, und schon gehe ich ganz instinktiv. Das ist eine ganz natürliche Sache, ich kann das nicht erklären. Die Beine berühren sich nicht. Die Frau ist dazu verpflichtet, ihm zu folgen. Der Mann dagegen ist der Schöpfer.“

 

Das Folgen ist also eine ganz natürliche Sache, denke ich und hole mir aus dem Kühlschrank einen Bocksbeutel. Ich muss ja nicht das Folgen lernen. Die Frau sei verpflichtet, dem Mann zu folgen, sagt Carmencita. Gut, das würde man heute anders formulieren als die große alte Dame des argentinischen Tango: Der Mann spreche eine Einladung zu einer bestimmten Bewegung aus. Die Frau nehme dieses Angebot an und folge ihm, soweit seine Führungsimpulse für sie stimmig sind. Dadurch führe sie im Folgen. 

 

Aber wie führt der Mann, der nicht führen kann? Ich fülle erneut mein Glas. Dieses Spiel von Führen und Folgen erscheint mir wie ein Modell aus längst überlebten Zeiten. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade die Argentinier den Tango lieben, dieses Volk, das immer wieder im Laufe seiner Geschichte den Diktatoren gehuldigt hat?  

 

Als wir das nächste Mal zum Tanzkurs gehen, ist das Führungsproblem wieder da und wird zu unserem ständigen Begleiter. Auf den Rückfahrten singt Undine keine fröhlichen Lieder mehr. Wir schweigen uns an. Manchmal erhebe ich einen Vorwurf: Undine lasse sich einfach nicht von mir führen. Sie sei zu wenig kooperativ und empathisch. Wenn ich keine eindeutigen Führungssignale gebe, erwidert sie, könne sie auch nicht folgen. Aber ich lerne noch das Führen, da könne sie mir im Folgen entgegenkommen, sie wisse doch, wohin ich sie führen wolle. 

 

Führen und Folgen, sagt Dõna Martina, machen noch keine schöne Verbindung im Paar. Es gehe im Tango um das schöne Führen und das schöne Folgen. Gerade habe ich mich zum ersten Mal richtig wohl gefühlt und die Lehrerin gefragt, ob sie mit meinen Fortschritten zufrieden sei. Das hätte ich nicht machen sollen. Mögen andere Lehrer alles durch freundliches Kopfnicken absegnen oder bei jedem Schritt in Lobeshymnen schwelgen, die strenge Dõna Martina bleibt unbestechlich. Das Gehen funktioniere schon ganz gut, aber es müsse auch im Rhythmus der Musik sein, und, worauf es beim rechten Gehen ankomme: „Immer die Füße schließen!“ Die Lehrerin wendet sich an alle Männer: Sie sollten darauf achten, dass sie nicht breitbeinig wie Seemänner bei Windstärke zehn über die Piste gehen. Die Piste, das ist die Tanzfläche oder der Salon. Ruhig sollen wir uns bewegen, nicht aus der Reihe tanzen, die Verbindung im Paar halten und uns im Einklang mit der Musik bewegen. Das erste aller Tango-Gebote aber laute: Ein tanzendes Paar solle ein schöner Anblick sein. 

 

 

 

Jeden Sonntag veranstaltet Dõna Martina eine Milonga. Es ist gut, einen Kurs zu besuchen, sagt sie, aber das Tango tanzen lerne man nur auf der Piste. Dabei sei es wichtig, den Tanzpartner zu tauschen. Im Standardtanz seien die Bewegungsmuster vorgegeben, im Tango werden sie in jeder Begegnung neu entworfen. Tango sei Berührung. Nur wer sich auf seinen Partner wirklich einlasse, erfahre diese Berührung. 

 

Also besuchen wir eine Milonga. Undine schwebt über das Parkett und folgt mühelos den unterschiedlichen Führungsstilen ihrer Tanzpartner. Neben mir sitzt Nicole und versucht mich zu trösten. Sie sagt: „Schau’ einfach nicht hin!“ Wegschauen ist nicht meine Art. Lerne ich Tango tanzen, um die Augen vor der Wirklichkeit zu schließen? Ich bin eifersüchtig. Das sei am Anfang ganz normal, meint Nicole. Berührung solle der Seele gut tun, denke ich. Doch diese Berührung tut weh. Am besten sei es, sagt Nicole, wenn auch ich eine Frau zum Tanzen auffordere. Ich frage mich, ob sie von sich spricht. Nicole ist mir als Tänzerin überlegen, da traue ich mich nicht.

 

 

 

Die Rückfahrt dauert immer fünfzig Minuten. Dieses Mal fühlt sie sich sehr lang an. Ich verliere die Haltung, werfe Undine vor, sie habe zu eng getanzt, zu sehr gelächelt, habe mich vergessen, spreche vom Liebesverrat. Der Liebesverrat ist das große Thema des Tango. Das wusste ich bereits, jetzt habe ich es erfahren. Der Tango spricht die Wahrheit. Bisher hatten wir ein glückliches und harmonisches Leben gehabt. Nun führt uns der Tango in eine ernste Krise. „Das muss ich mir nicht antun!“, sagt Undine. Recht hat sie. Was sollen wir tun? Aufhören oder Weitermachen? „Führe du doch!“, sage ich. „Aber dann musst du folgen“, antwortet sie. Das Folgen stelle ich mir noch schwerer vor. Warum, um alles in der Welt beschäftigen wir uns mit einem Problem, dem heute kein Lehrer, kein Politiker mehr gewachsen ist? Undine gibt mir noch eine Chance. Also melden wir uns zur nächsten Kursstufe an.

Wir üben eine neue Figur und streiten uns mit zusammengebissenen Zähnen  über die richtige Schrittfolge. Ich schaue mich um: Überall funkt und blitzt es. Dõna Martina kommt und hilft. Wir finden dennoch nicht die richtige Verbindung. Woran liegt es? Bin ich zu blöd? 

  

Wir nehmen eine Einzelstunde, um die Verbindung im Paar zu klären. Anschließend nehmen wir noch mehr Einzelstunden bei dem Lehrer einer anderen Tanzschule. Vielleicht kann sich nur ein Lehrer wirklich in die Nöte eines Mannes, der führen soll und nicht führen kann, einfühlen? Jasper heißt der Lehrer. Er selbst nennt sich „die Diva“.  

 

Wenn ein Paar nicht so richtig in den Tanzfluss komme, sagt Jasper, müsse es an seiner Paarbeziehung arbeiten. Jasper hat in Amsterdam als Zen-Coach gearbeitet. Jasper und Jule geben Seminare für Paare in Beziehungskrisen. Aber so weit sind wir noch nicht. Unsere Paarbeziehung ist sogar wunderbar, wenn nicht der Tango wäre, sage ich. Jasper schaut mich skeptisch an und lächelnd überlegen. Ja, viele glaubten, ihre Beziehung sei harmonisch. Aber der Tango lüge nicht. Der Tango spreche die Wahrheit, immer und in jedem Augenblick. Jasper und Jule waren ein Paar. Jetzt sind sie nur noch ein Tanzpaar, denn Jule tanzt mit Jasper, ist aber mit Diego befreundet. Diego ist Tangolehrer aus Buenos Aires und gibt Kurse für weit Fortgeschrittene in Berlin. 

Also beleuchten wir die Paarbeziehung. Wir tanzen vor und Jasper beobachtet uns. Sein Urteil ist klar und entschieden: Bei mir stimme fast nichts - Haltung des Armes, Druck der Hand, Kopfhaltung, Torsion des Thorax. „Wie kann das sein?“, frage ich erschüttert. Jule meint, ich hätte mich bisher viel zu stark auf das Gehen konzentriert und dabei völlig verkrampft. Auch eröffne ich das Gehen durch einen Rückschritt. Sie schüttelt den Kopf: Wer lehre denn noch so etwas? 

 

Liegt es an mir? Führe ich falsch? Liegt es an Undine? Vielleicht ist sie mehr Flamenca als Tanguera? Vielleicht will sie einfach nicht folgen? Als Lehrerin an einem Gymnasium ist sie das Führen gewohnt. Führen ist in ihrem Beruf geradezu überlebenswichtig. Vielleicht hat sie eine berufliche Deformation. Dergleichen denkt man in Momenten der Verzweiflung, aber hält natürlich den Mund. Als erfahrener Coach spürt Jasper, dass mich etwas umtreibt und an der Seele nagt. Er ermutigt mich, alles offen auszusprechen, denn nur so werde ich weiterkommen. 

 

 

 

Es gibt Probleme, die lassen sich nur durch einen Fachmann richtig beurteilen. Er wird auch die angemessenen Lösungswege finden. Das ist mir klar. Schließlich habe ich über sehr viele Jahre Lehrer und Lehrerinnen ausgebildet und verstehe etwas von Unterrichtstechnik. Jasper nickt. Er nimmt Undine in die Arme und führt sie so elegant wie zügig durch die Übung und legt zum Abschluss einige Figuren hin, die wir noch nie gesehen haben. „Wunderbar“, sagt Jasper zu Undine. „Es klappt wunderbar!“ Während die beiden über das Parkett schweben, hat mich Jule in den Arm genommen. Sie korrigiert meine Armstellung. Sie überprüft den Druck meiner linken Hand. Sie zeigt mir die richtige Torsion. Dann ist die Stunde beendet. Zum Tanzen bin ich nicht gekommen. Geduld, sagt Jasper, ich müsse Geduld haben und üben, üben, üben. Tango sei wie das Spielen eines Musikinstrumentes. Alles brauche seine Zeit. Aber nicht jeder könne eine Stradivari spielen, sagt Jule und lächelt wieder. Dieses Mal schaut sie in Richtung der Tür. Dort steht Diego, ihr Meister. Ich mag keine Argentinier. Aber ich halte den Mund.

 

„Musste Jasper dich vorführen?“, sage ich auf der Rückfahrt und ärgere mich über meine Eifersucht. Undine meint, er gebe nur zwei Lösungen für unser Führungsproblem: Entweder wir geben den Tango auf und haben zu Hause wieder friedliche und entspannte Abende oder ich begebe mich auf den Weg und werde selbst ein Meister. Ich entscheide mich für den Weg des Meisters. Wenn ich mich weiter entwickeln wolle, sagt Undine, dann müsse ich Erfahrungen sammeln. Wo sei dies besser möglich als in Berlin. Ich solle doch mal meinen Urfreund Hubert besuchen. Vielleicht können wir gemeinsam auf die Piste gehen?

 

 

 

 

Hinweise:

Sämtliche Photos sind von Viktoria Fedirko (Lithuania/Litauen) im Park von Schloss Basthorst gemacht worden. http://www.viktoriafedirko.com

 

Wir befanden uns in einem Sabbatjahr, das wir weitgehend in der Einsamkeit der Wälder Smålands verbrachten. Hier tanzten wir Tango in unserem roten Haus oder fuhren ans Meer oder tanzten auf den Seen im Winter, lasen Bücher, schauten DVDs und wanderten mit Tobit nie betretene Pfade. In den Abenden begann ich unsere Geschichte mit dem Tango aufzuschreiben. Das Buch ist bisher unveröffentlicht. Hier habe ich das erste Kapitel eingestellt.