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Tango
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Kurz vor dem 50. Geburtstag warf mich das Leben aus der Bahn. Dann kam Undine. Sie meinte, ich solle das Leben tanzen lernen . Von diesem Weg berichte ich hier...

 

„Thanks for the dance

Bride of the inspired

One-two-three, one-two-three, one…“

Leonard Cohen

  

 

 

Sie führte, ich folgte:

Wie ich wider meinen Willen Tango tanzen lernte

 

„See me, feel me, touch me, heal me…“

(The Who)

  

„Der einzige Ort, wo der Mann führt,

ist im Tango.

Darüber hinaus führt er nirgends mehr.“

Pepito Avellaneda

 

 

Ein Sommer wie in Andalusien. Undine geht mit Tobit durch den duftenden Rosengarten,  den ich für sie angelegt habe. Sie dreht sich einmal im Kreis, hebt ihr leichtes Kleid und zeigt ihre nackten Füße. Wir hatten Jerez de la Frontera, Sevilla und Granada besucht und einen Ausflug nach Gibraltar unternommen. Hier kaufte sich Undine das lindgrüne Wickelkleid mit der silberfarbenen Stickerei für die bevorstehende Hochzeit. Wenn sie es wieder trägt, hat sie etwas Besonderes vor. Ich bin voller Erwartung und zu allem bereit. Doch als Undine ihr Geheimnis preisgibt, verflüchtigt sich mein hoher Mut. Undine spricht vom Tango. Mit vielem habe ich gerechnet, mit Tango nicht. Ich weiß, Paartänze sind wieder in Mode gekommen. Die Umarmung, das Spiel von Führen und Folgen. Viele wollen Salsa, Lindy Hop oder Tango tanzen. Ich nicht.

 

„Tango tanzen ist nicht meine Sache“, sage ich zu Undine. „Ich habe nicht die geringste Begabung.“

 

„So ein Unsinn!“, ruft sie lachend. „Jeder Mensch kann tanzen“, sagt sie. „Hast du es überhaupt ernsthaft probiert?“

 

„Aber natürlich. Sieben Tanzkurse habe ich besucht.“

 

„Sieben auf einen Streich. Mein Held! Ich weiß.“ Undine schenkt mir einen feuchten Kuss.  „Aber das ist lange her.“

 

In meiner Schulzeit zählte ich zu den leidenschaftlichen Besuchern der Tanzschule Grebe. Wo sonst konnte ein Junge im katholischen Münsterland ein Mädchen berühren? Auf unserem Gymnasium gab es keine Mädchen. Im Sommer beobachteten wir sie im Freibad. Die Schüler aus der Oberstufe durften sie berühren. Die Mädchen lagen auf dem Bauch, ließen sich den Verschluss ihres Bikini-Oberteils öffnen und den Rücken mit Nivea Sonnenöl ausgiebig massieren. Wir blieben Zuschauer. Doch in der Tanzschule konnte ich nicht nur Mädchen berühren, es wurde sogar von mir erwartet. 

 

„Meine Begabungen liegen auf einem anderen Feld“, sage ich. Diesen Einwand lässt Undine nicht gelten. Ich sei zwar von einigen Musen geküsst worden, doch gebe es ihrer neun an der Zahl. Alle wollten mich berühren. Es sei nicht fair, wenn ich der tanzfreudigen Terpsychore einen Korb gebe. Die Anspielung verstand ich sofort.

 

Im Musensaal der Wiener Hofburg hatten wir die strahlend weißen Skulpturen der Musen gesehen und uns gegenseitig vor der Muse des Tanzes abgelichtet. Die Tanzfreudige trug ein leichtes Kleid, das ihre runden Brüste und die Scham in durchsichtiger Nacktheit betonte. Mit beiden Händen lüftete sie zierlich das Kleid, sodass ihre schönen Füße sichtbar wurden. Anmutig setzte sie ihr rechtes Bein vor das linke, als wollte sie auf mich zuschreiten. Auf dem Foto, das Undine damals von mir und der Muse geschossen hat, nehme ich diese Aufforderung zum Tanz lächelnd an und breite die Arme aus. Aber das war nur Pose, sage ich jetzt, nur ein Spiel, aus dem Undine keine wirkliche Bereitschaft zum Tanz ableiten dürfe.

 

In der Tanzschule Grebe herrschte ein großer Mangel an Jungen. So musste ich keine Kursgebühr zahlen, sondern bekam noch eine „Aufwandsentschädigung“, wie Herr Grebe sagte, von fünf Mark pro Kurs und an jedem Übungsabend ein Freigetränk. Herr Grebe hatte auf Mallorca eine Diskothek geführt und war nun ins westfälische Münster gekommen, um eine Tanzschule zu eröffnen.

 

Über zwei Jahre ließ ich mich von Mädchen führen, denn sie wussten, wo es langgeht. Ich folgte Birgit, Petra, Susanne und vier weiteren „Damen“. So bezeichnete Herr Grebe die Mädchen. Uns nannte er „Herren“. Einen Anfängerkurs habe ich siebenmal hintereinander belegt. Weiter habe ich es nie gebracht und besaß auch keinen Ehrgeiz, in einen Kurs für Fortgeschrittene aufzusteigen. 

  

Als ich Undine kennenlernte, tanzte sie Flamenco. Um ihre Liebe zu gewinnen, lernte ich die Palmas. Im Flamenco müssen Männer nicht tanzen können. Es reicht, wenn sie den Tanz der Flamenca mit dem rhythmischen Klatschen der Hände begleiten oder die Gitarre spielen. Da ich kein Instrument spielen kann, klatschte ich die Palmas und war überrascht: Ich war im Rhythmus, weil der Rhythmus plötzlich in mir war. Ich klatschte wie wild. Keine sanfte Muse, ein kleiner Kobold hatte mich berührt. 

 

Undine zog ihre schwarzen Flamenco-Schuhe mit den Stahlnägeln im Absatz an. Sie tanzte im Wohnzimmer, auf den Holzdielen des Schlafzimmers und barfuß in der Dusche. Das Parkett zeigte bald die Spuren der Nägel von Undines Schuhen, die Decke bebte und die Duschwanne leckte. Einfach herrlich! Die Sonne war aufgegangen. Ich holte die uralten Schallplatten von Paco de Lucia hervor und legte sie auf den Teller meiner BRAUN-Anlage. Welch ein Klang! Welch ein rhythmisches Beben in meinem Körper! Ich las die Gedichte Frederico Garcia Lorcas und sang mit Undine diese herrlichen Zigeunerlieder. So wunderbar harmonisch ist das Leben, so herrlich beschwingt hätte es zwischen uns bleiben können, wenn Undine nicht die Idee mit dem Tango gehabt hätte. 

 

Ich hoffte auf Undines entspannten Umgang mit organisatorischen Dingen. Meine Einschätzung war nicht falsch. Es dauerte zwei Jahre, bis sie uns bei Doña Martina zu einem Tango-Kurs angemeldet hatte. 

 

Nun aber ist der Tag unserer ersten Tango-Stunde gekommen. Wir betreten das ehemalige Gelände der Bettfedernfabrik von Werner & Ehlers. Bis zum Jahr 1990 wurden hier Bettfedern gewaschen. Drei Jahre später eröffnete Josch das „Tango Milieu“. 

 

„Federn und Tango passen gut zusammen“, meint Undine. „Denn Tango ist wie Fliegen oder Schweben.“

 

„Tango Milieu“ heißt der Veranstaltungsort. Er liegt in einem ehemaligen Arbeiterviertel. Heute wird es von Menschen aus aller Herren Länder bewohnt. In Hannover-Linden geht es bunt und wuselig zu. "Bunt statt braun", lautet daher das Motto von Belit Onay. Er ist der erste Oberbürgermeister von Hannover ohne rotes Parteibuch. Hannover-Linden ist grünes Kerngebiet.

Hier sind die Vorfahrtsregeln im Verkehr manchmal aufgehoben. Das Stadt-Viertel erzeugt wie der Tango seine eigene Ordnung. Fahrradfahrer und Fußgänger haben sowieso eine eingebaute Vorfahrt. Gärten gibt es nicht. Wer keinen Balkon besitzt, verbringt seine Freizeit vor dem Haus. Stühle und Tische sind zum Nachbarschaftstreffen auf die Bürgersteige gestellt. Ein Parkplatz ist kaum zu finden. Aber niemanden stört es, wenn in einer zweiten Reihe geparkt oder der Wagen irgendwo hinter den Büschen abgestellt wird. Wir finden einen Parkplatz vor einem Gebäude mit einer großen Glasfront. Daneben erhebt sich ein hoher Turm mit einem spitzen Dach. Ein Minarett vermute ich, denn unter dem Turm sitzen verschleierte Mütter mit ihren Familien. Das Hammelfleisch auf dem Grill verströmt einen herrlichen Duft. Die Moschee sei eine Kirche, meint Undine. In jedem Fall ein Gotteshaus, sage ich. Tango ist auch eine Art multikultureller Gottesdienst, werde ich bald erfahren. Ein Gott des Argentinischen Tangos heißt Carlos Gardel. Unzählige Lieder hat er aufgenommen und viele Filme gedreht. Er ist der Inbegriff des argentinischen Mannes und Frauenhelden. Sein Portrait hängt auch im Tango Milieu. Jeder weiß, dass der argentinische Nationalheld Carlos Gardel aus Uruguay stammte und schwul war. Im Tango vereinigen sich die Widersprüche des Lebens zu einer höheren Einheit.

 

 

 

Mit zwölf Paaren bilden wir einen Kreis um Doña Martina. „Wo ist der Mann?“, denke ich. Auf der Suche nach einem Lehrer lasse ich meinen Blick durch den Saal schweifen. Links befindet sich eine Bühne mit einem Flügel. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen kleine Tische mit Bestuhlung, und die Musikanlage. Vor mir eine Spiegelwand, hinter mir die Bar. Kein Lehrer in Sicht. Herrenmangel, wie in alten Zeiten, denke ich. Doña Martina ist hier der Lehrer oder „der Kerl“, wie sie sagt. Sie hat in ihrem Leben schon vieles gemacht: Bücher geschrieben, ein Haus renoviert und nach dem Scheitern ihrer Ehe bei Josch Tango tanzen gelernt. Nun ist sie Tango-Lehrerin.

 

Noch bevor die erste Stunde beginnt, hat sie uns eine Lektion erteilt: Im Tango gibt es Führende und Folgende. In Argentinien gelte der Spruch: „Der Mann führt, die Frau verführt und glänzt. El hombre conduce, la mujer seduce y se luce.“ Ob ein Mann oder eine Frau führe, sei gleichgültig. Wichtig sei allein, dass der Führende auch führen kann. Als sie die Rolle der Führenden erlernte, sagt Doña Martina, habe sie beschlossen, wie ein Kerl zu führen. Die Rolle der Folgenden wird in unserem Kurs von Nicole übernommen.

 

Nun sind wir an der Reihe. Wir sollen uns mit Vornamen vorstellen und etwas zu unserer Motivation sagen. Nachname, Alter, Beruf spielen keine Rolle. 

 

Ein junges Paar spricht von der bevorstehenden Hochzeit, auf der es seine Gäste mit einem Tango überraschen will. Andere haben Salsa getanzt und suchen nun etwas Neues. Einige kommen vom Standardtanz, wo man den englischen Tango mit zuckenden Bewegungen und abrupten Kehrtwenden tanzt. Nun wollen sie den wahren Tango Argentino lernen. Ein anderes Paar will einfach runter vom Sofa, weg von den Knabberreihen und vielleicht einige Kilogramm abspecken. Ihre Nachbarn gestehen offen, dass sich ihre Paarbeziehung in einer Krise befindet. Sie erwarten vom Tango Erneuerung und gegenseitigen Respekt. Ein weiteres Paar will ganz einfach seine Liebe feiern, weil die Kinder aus dem Haus sind und sie jetzt wieder mehr Zeit füreinander haben. 

 

Doña Martina hatte die Stunde mit einer kleinen Demonstration eröffnet. Sie führte Nicole mit kleinen Schritten, unterbrach das Gehen, blieb auf der Stelle stehen und wiegte sie innig und leicht wie man ein Kind in den Armen hält. Diese Behutsamkeit der Bewegung gefiel mir.

  

 

 

Gleich würde ich mich vorstellen müssen und sagen, warum ich an einem Tango-Kurs teilnehme.

 

„Ich bin hier, weil es Undine will“, sage ich.

 

Einige Frauen blicken ihren Partnern in die Augen oder tätscheln ihre Arme. Ich habe Heiterkeit erregt und die unerwartete Zustimmung der Lehrerin. Doña Martina sagt, die Frauen sollen sich glücklich schätzen, dass sie einen Partner für diesen Kurs gefunden haben. 90 Prozent aller Frauen wünschen sich einen Tango-Kurs und einen Tanzpartner an ihrer Seite.

 

„Mädels, seit froh, dass ihr eure Kerle aufs Parkett gebracht habt und meckert nicht gleich, wenn sie die ersten Schritte nicht schnallen!“

 

Was immer die „Mädels“ in ihrem Beruf machen, welche Position sie ausüben, wie viel Geld sie verdienen, sagt Doña Martina, spiele beim Tango keine Rolle. Im Tango müssen sie sich führen lassen. Die Worte lösten Beifall und großspuriges Gehabe bei einigen Männern aus. Doña Martina lacht und zitiert den argentinischen Meister Eduardo Arquimbau (*1936), der noch immer auf die Piste gehe:

 

„Eine Figur lernst du in zehn Minuten, gutes Gehen in zehn Jahren.“

 

Alle großen Tänzerinnen und Tänzer hätten die Wichtigkeit des Gehens hervorgehoben, sagt unsere Lehrerin und nennt als Kronzeugin den Namen einer Hundertjährigen. Hundert Jahre: Da horchen alle auf. Mit neunzig Jahren einigermassen über das Parkett gehen - das wollen viele. Mehr muss nicht sein. Auch sollte man das Schicksal nicht durch übermäßige Ansprüche herausfordern. Carmencita Calderón (1905-2005) heißt die Gesegnete. Unsere Lehrerin zitiert einen ihrer Sprüche und kann nicht ahnen, welche Verunsicherung sie bei mir auslösen wird:

 

„Gehen ist das schwierigste, alles weitere kommt später wie von selbst, wenn einer eine Tänzerseele hat.“

 

Der Tango ist wie das Leben. Das lerne ich in dieser ersten Stunde: Er beginne mit der Aufrichtung und den ersten Gehversuchen. Weil der Tango aus Südamerika kommt und weil in Buenos Aires und Montevideo Spanisch gesprochen wird, sagt Doña Martina, wird die erste Übung im Tango „Caminar“ genannt. „Camino“ bedeute „Weg“. Camino sei auch der Pilgerweg.

 

Wir begeben uns also auf den Weg und üben das Gehen. Zuerst allein. Dann mit dem Partner in offener Umarmung, bei der zwischen den Körpern ein kleiner Abstand bleibt. Später in einem der höheren Kurse werden wir das Gehen in geschlossener Umarmung, bei der Brust an Brust ruht, erproben. Die gestreckten Oberkörper gehen dabei in eine leichte Beugung, sodass genügend freier Raum für die Bewegung der Füße bleibt. Die Knie federn, damit der Gang weich wird.

Das gemeinsame Gehen in geschlossener Umarmung ist eine der schwierigsten Übungen. Es verlangt Einfühlungnahme, Klarheit des Impulses, Innigkeit, Zärtlichkeit. Wer führen will, muss sich in den Geführten hineinversetzen können. Er muss wissen, wo er steht, welches Bein er belastet und wie groß sein Schritt ist, sonst wird er sein Gegenüber zum Stolpern bringen oder gar mit Füßen treten. Führung setzt Fühlungnahme voraus. Genau das ist der Punkt, der meine alten Zweifel weckt. Ich soll Undine führen, aber ich kann es nicht. Mal laufe ich los und bringe sie ins Stolpern. Dann trete ich ihr auf den nackten Zeh. 

 

Ich kann nicht führen, sage ich zu Doña Martina. Unsere Lehrerin ist streng und lässt keine Ausreden zu. Ich solle mich auf die Schritte konzentrieren. Übung mache den Meister. Gut, ich schaue auf den Boden, um Undines Füße nicht zu berühren. Ich solle den Kopf erheben, sagt die Lehrerin und spüren, wo Undine stehe. Gereiztheit steigt in mir auf. Wusste ich doch gleich, dass der Tango nichts für mich ist. Führen und Folgen! Wer folgt denn heute noch? Wer wagt zu führen?

 

Die erste Stunde ist beendet. Wir gehen durch den kleinen Park. Die Familien sind in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Ein Geruch wie von brennendem Kamelmist liegt über dem Gelände. „Hier wird Marihuana geraucht“, sage ich. Ein Afrikaner sitzt mit seiner deutschen Freundin auf der Bank. Braune Haut, weiße Haut - die Farben der Welt. Ich nicke ihm zu. Er zeigt mir lächelnd sein Gebiss, gesund und strahlend weiß wie die Zähne von Carlos Gardel auf dem gerahmten Poster im Tango Milieu. „Emigranten aus Südeuropa sollen den Tango nach Argentinien gebracht haben“, sage ich. Eine andere Theorie behaupte den afrikanischen Ursprung des Tango. Sklaven hätten ihn einst über den Atlantik nach Südamerika gebracht. „Wer immer den Tango erfunden hat“, sagt Undine, „ohne Übungen werden wir ihm nicht näher kommen.“ Wohl gesprochen! 

 

 

Wir passieren das Messegelände und fahren auf die A7. Kein Stau weit und breit. Erst hinter Bockenem ist die Autobahn wegen Brückenarbeiten gesperrt. Wir verlassen die A7 bereits auf der Hildesheimer Börde und fahren durch die Busen- und Po-Landschaft vor Bad Salzdetfurth. Undine ist bester Laune. Sie hat ihren Willen bekommen und stimmt das übermütige Lied von Carlos Gardel an:

 

„Ich bin nun mal so,

da ist nichts zu machen,

für mich hat’s Leben

die Form einer Frau.“

 

Für mich auch. Doch heute fühle ich mich dem Leben nicht gewachsen. In der Nacht kreisen meine Gedanken über die Frage des rechten Gehens. Kein Wunder, dass ich nicht in den rechten Schlaf finde. Gut, denke ich. Auf das Gehen kommt es an. Das habe ich verstanden. Gehen kann doch nicht so schwer sein. Irgendwie werde ich das richtige Gehen schon hinbekommen. Es war ja bisher nie ein Problem gewesen. Ich habe weder Spreiz- noch Plattfuß, weder Hohl- noch Klumpfuß. Meine Gelenke funktionieren wunderbar. Niemand in meiner Familie brauchte jemals eine künstliche Hüfte. Also, was soll’s? Ich kann die Treppen im Doppelsprung nehmen, robbe mich beim Unkrautjäten auf Knien über den Gartenkies und durchs Rosenbeet. Der Körper funktioniert. Wie aber steht es um meine Seele? Hier liegt offenbar meine Schwachstelle. Wie es in schlaflosen Nächten so geht, springen meine Gedanken. Andersens kleine Meerjungfrau kommt mir in den Sinn. Wieso eigentlich? Die Meerjungfrau hatte keine Seele. Aber sie war eine gute Tänzerin. Rätselhaft! Die Meerjungfrau hatte eine Tänzerseele. Wieso wollte sie mehr? 

 

Das Wort „Tänzerseele“ spukt in meinem Kopf. Alles weitere komme später wie von selbst, hat Carmencita Calderón gesagt, wenn … ja, wenn man eine Tänzerseele habe. Habe ich eine Tänzerseele? Bislang habe ich immer gedacht, die Identitätsbildung sei spätestens mit Vollendung des zwanzigsten, spätestens aber dreißigsten Lebensjahres abgeschlossen. Nun hatte ich durch Undines Idee mit dem Tango ein Problem, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es in meinem Alter noch einmal haben werde. 

 

Die Urheberin meiner Selbstzweifel schlummert friedlich neben mir. Ich stehe auf, gehe die knarrende Treppe hinunter in mein Arbeitszimmer und blättere in einem Buch mit Gesprächen alter Meister des Tango. Carmencita Calderón ist natürlich auch dabei. Sie spricht über das Wohlgefühl durch eine harmonische Paarbeziehung. Es geht um Empathie und Achtsamkeit. Ich lese:

 

„Ich schaue nie zu Boden. Die linke Schulter stütze ich auf die rechte des Mannes, dadurch spüre ich, welche Bewegungen er mit den Beinen machen wird. Deshalb kann ich allen folgen. Eine wirkliche Tänzerin muss alle Tänzer begleiten können. Und wenn sie nicht gewohnt ist, mit ihnen zu tanzen, weil sie zum ersten Mal tanzt, wie kann sie ihm da gut folgen? Nun, ich stütze mich ab, ich lehne mich gut an, und schon gehe ich ganz instinktiv. Das ist eine ganz natürliche Sache, ich kann das nicht erklären. Die Beine berühren sich nicht. Die Frau ist dazu verpflichtet, ihm zu folgen. Der Mann dagegen ist der Schöpfer.“

 

Das Folgen ist also eine ganz natürliche Sache, denke ich und hole mir aus dem Kühlschrank einen Bocksbeutel. Ich muss ja nicht das Folgen lernen. Die Frau sei verpflichtet, dem Mann zu folgen, sagt Carmencita. Gut, das würde man heute anders formulieren als die große alte Dame des argentinischen Tango: Der Mann spreche eine Einladung zu einer bestimmten Bewegung aus. Die Frau nehme dieses Angebot an und folge ihm, soweit seine Führungsimpulse für sie stimmig sind. Dadurch führe sie im Folgen. 

 

Aber wie führt der Mann, der nicht führen kann? Ich fülle erneut mein Glas. Dieses Spiel von Führen und Folgen erscheint mir wie ein Modell aus längst überlebten Zeiten. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade die Argentinier den Tango lieben, dieses Volk, das immer wieder im Laufe seiner Geschichte den Diktatoren gehuldigt hat?  

 

Als wir das nächste Mal zum Tanzkurs gehen, ist das Führungsproblem wieder da und wird zu unserem ständigen Begleiter. Auf den Rückfahrten singt Undine keine fröhlichen Lieder mehr. Wir schweigen uns an. Manchmal erhebe ich einen Vorwurf: Undine lasse sich einfach nicht von mir führen. Sie sei zu wenig kooperativ und empathisch. Wenn ich keine eindeutigen Führungssignale gebe, erwidert sie, könne sie auch nicht folgen. Aber ich lerne noch das Führen, da könne sie mir im Folgen entgegenkommen, sie wisse doch, wohin ich sie führen wolle. 

 

Führen und Folgen, sagt Dõna Martina, machen noch keine schöne Verbindung im Paar. Es gehe im Tango um das schöne Führen und das schöne Folgen. Gerade habe ich mich zum ersten Mal richtig wohl gefühlt und die Lehrerin gefragt, ob sie mit meinen Fortschritten zufrieden sei. Das hätte ich nicht machen sollen. Mögen andere Lehrer alles durch freundliches Kopfnicken absegnen oder bei jedem Schritt in Lobeshymnen schwelgen, die strenge Dõna Martina bleibt unbestechlich. Das Gehen funktioniere schon ganz gut, aber es müsse auch im Rhythmus der Musik sein, und, worauf es beim rechten Gehen ankomme: „Immer die Füße schließen!“ Die Lehrerin wendet sich an alle Männer: Sie sollten darauf achten, dass sie nicht breitbeinig wie Seemänner bei Windstärke zehn über die Piste gehen. Die Piste, das ist die Tanzfläche oder der Salon. Ruhig sollen wir uns bewegen, nicht aus der Reihe tanzen, die Verbindung im Paar halten und uns im Einklang mit der Musik bewegen. Das erste aller Tango-Gebote aber laute: Ein tanzendes Paar solle ein schöner Anblick sein. 

 

 

 

Jeden Sonntag veranstaltet Dõna Martina eine Milonga. Es ist gut, einen Kurs zu besuchen, sagt sie, aber das Tango tanzen lerne man nur auf der Piste. Dabei sei es wichtig, den Tanzpartner zu tauschen. Im Standardtanz seien die Bewegungsmuster vorgegeben, im Tango werden sie in jeder Begegnung neu entworfen. Tango sei Berührung. Nur wer sich auf seinen Partner wirklich einlasse, erfahre diese Berührung. 

 

Also besuchen wir eine Milonga. Undine schwebt über das Parkett und folgt mühelos den unterschiedlichen Führungsstilen ihrer Tanzpartner. Neben mir sitzt Nicole und versucht mich zu trösten. Sie sagt: „Schau’ einfach nicht hin!“ Wegschauen ist nicht meine Art. Lerne ich Tango tanzen, um die Augen vor der Wirklichkeit zu schließen? Ich bin eifersüchtig. Das sei am Anfang ganz normal, meint Nicole. Berührung solle der Seele gut tun, denke ich. Doch diese Berührung tut weh. Am besten sei es, sagt Nicole, wenn auch ich eine Frau zum Tanzen auffordere. Ich frage mich, ob sie von sich spricht. Nicole ist mir als Tänzerin überlegen, da traue ich mich nicht.

 

 

 

Die Rückfahrt dauert immer fünfzig Minuten. Dieses Mal fühlt sie sich sehr lang an. Ich verliere die Haltung, werfe Undine vor, sie habe zu eng getanzt, zu sehr gelächelt, habe mich vergessen, spreche vom Liebesverrat. Der Liebesverrat ist das große Thema des Tango. Das wusste ich bereits, jetzt habe ich es erfahren. Der Tango spricht die Wahrheit. Bisher hatten wir ein glückliches und harmonisches Leben gehabt. Nun führt uns der Tango in eine ernste Krise. „Das muss ich mir nicht antun!“, sagt Undine. Recht hat sie. Was sollen wir tun? Aufhören oder Weitermachen? „Führe du doch!“, sage ich. „Aber dann musst du folgen“, antwortet sie. Das Folgen stelle ich mir noch schwerer vor. Warum, um alles in der Welt beschäftigen wir uns mit einem Problem, dem heute kein Lehrer, kein Politiker mehr gewachsen ist? Undine gibt mir noch eine Chance. Also melden wir uns zur nächsten Kursstufe an.

Wir üben eine neue Figur und streiten uns mit zusammengebissenen Zähnen  über die richtige Schrittfolge. Ich schaue mich um: Überall funkt und blitzt es. Dõna Martina kommt und hilft. Wir finden dennoch nicht die richtige Verbindung. Woran liegt es? Bin ich zu blöd? 

  

Wir nehmen eine Einzelstunde, um die Verbindung im Paar zu klären. Anschließend nehmen wir noch mehr Einzelstunden bei dem Lehrer einer anderen Tanzschule. Vielleicht kann sich nur ein Lehrer wirklich in die Nöte eines Mannes, der führen soll und nicht führen kann, einfühlen? Jasper heißt der Lehrer. Er selbst nennt sich „die Diva“.  

 

Wenn ein Paar nicht so richtig in den Tanzfluss komme, sagt Jasper, müsse es an seiner Paarbeziehung arbeiten. Jasper hat in Amsterdam als Zen-Coach gearbeitet. Jasper und Jule geben Seminare für Paare in Beziehungskrisen. Aber so weit sind wir noch nicht. Unsere Paarbeziehung ist sogar wunderbar, wenn nicht der Tango wäre, sage ich. Jasper schaut mich skeptisch an und lächelnd überlegen. Ja, viele glaubten, ihre Beziehung sei harmonisch. Aber der Tango lüge nicht. Der Tango spreche die Wahrheit, immer und in jedem Augenblick. Jasper und Jule waren ein Paar. Jetzt sind sie nur noch ein Tanzpaar, denn Jule tanzt mit Jasper, ist aber mit Diego befreundet. Diego ist Tangolehrer aus Buenos Aires und gibt Kurse für weit Fortgeschrittene in Berlin. 

Also beleuchten wir die Paarbeziehung. Wir tanzen vor und Jasper beobachtet uns. Sein Urteil ist klar und entschieden: Bei mir stimme fast nichts - Haltung des Armes, Druck der Hand, Kopfhaltung, Torsion des Thorax. „Wie kann das sein?“, frage ich erschüttert. Jule meint, ich hätte mich bisher viel zu stark auf das Gehen konzentriert und dabei völlig verkrampft. Auch eröffne ich das Gehen durch einen Rückschritt. Sie schüttelt den Kopf: Wer lehre denn noch so etwas? 

 

Liegt es an mir? Führe ich falsch? Liegt es an Undine? Vielleicht ist sie mehr Flamenca als Tanguera? Vielleicht will sie einfach nicht folgen? Als Lehrerin an einem Gymnasium ist sie das Führen gewohnt. Führen ist in ihrem Beruf geradezu überlebenswichtig. Vielleicht hat sie eine berufliche Deformation. Dergleichen denkt man in Momenten der Verzweiflung, aber hält natürlich den Mund. Als erfahrener Coach spürt Jasper, dass mich etwas umtreibt und an der Seele nagt. Er ermutigt mich, alles offen auszusprechen, denn nur so werde ich weiterkommen. 

 

 

 

Es gibt Probleme, die lassen sich nur durch einen Fachmann richtig beurteilen. Er wird auch die angemessenen Lösungswege finden. Das ist mir klar. Schließlich habe ich über sehr viele Jahre Lehrer und Lehrerinnen ausgebildet und verstehe etwas von Unterrichtstechnik. Jasper nickt. Er nimmt Undine in die Arme und führt sie so elegant wie zügig durch die Übung und legt zum Abschluss einige Figuren hin, die wir noch nie gesehen haben. „Wunderbar“, sagt Jasper zu Undine. „Es klappt wunderbar!“ Während die beiden über das Parkett schweben, hat mich Jule in den Arm genommen. Sie korrigiert meine Armstellung. Sie überprüft den Druck meiner linken Hand. Sie zeigt mir die richtige Torsion. Dann ist die Stunde beendet. Zum Tanzen bin ich nicht gekommen. Geduld, sagt Jasper, ich müsse Geduld haben und üben, üben, üben. Tango sei wie das Spielen eines Musikinstrumentes. Alles brauche seine Zeit. Aber nicht jeder könne eine Stradivari spielen, sagt Jule und lächelt wieder. Dieses Mal schaut sie in Richtung der Tür. Dort steht Diego, ihr Meister. Ich mag keine Argentinier. Aber ich halte den Mund.

 

„Musste Jasper dich vorführen?“, sage ich auf der Rückfahrt und ärgere mich über meine Eifersucht. Undine meint, er gebe nur zwei Lösungen für unser Führungsproblem: Entweder wir geben den Tango auf und haben zu Hause wieder friedliche und entspannte Abende oder ich begebe mich auf den Weg und werde selbst ein Meister. Ich entscheide mich für den Weg des Meisters. Wenn ich mich weiter entwickeln wolle, sagt Undine, dann müsse ich Erfahrungen sammeln. Wo sei dies besser möglich als in Berlin. Ich solle doch mal meinen Urfreund Hubert besuchen. Vielleicht können wir gemeinsam auf die Piste gehen?

 

 

 

 

Hinweise:

Sämtliche Photos sind von Viktoria Fedirko (Lithuania/Litauen) im Park von Schloss Basthorst gemacht worden. http://www.viktoriafedirko.com

 

Wir befanden uns in einem Sabbatjahr, das wir weitgehend in der Einsamkeit der Wälder Smålands verbrachten. Hier tanzten wir Tango in unserem roten Haus oder fuhren ans Meer oder tanzten auf den Seen im Winter, lasen Bücher, schauten DVDs und wanderten mit Tobit nie betretene Pfade. In den Abenden begann ich unsere Geschichte mit dem Tango aufzuschreiben. Das Buch ist bisher unveröffentlicht. Hier habe ich das erste Kapitel eingestellt.