Walzerklänge:

Noch einmal - Führen und Folgen

 

 

 

 

Es ist Februar geworden. Hornung, sagt Undine. Sie lässt sich vom Zauber alter Wörter berühren. Manches Wort ist für sie reine Magie. „Satumaa“ zum Beispiel. „Lennä laulu sinne missä siintää satumaa“. Gerne wären wir nach Helsinki zum Frostbite Tango-Festival gefahren. Natürlich mit dem Schiff über das Baltische Meer.  Nicht mit der schnellen Fähre, damit viel Zeit bleibt für die Berührung mit Möwen und Meerjungfrauen.

 

Finnischer Tango, russischer Tango - wir lieben diese Musik, aber wir haben noch nie in Turku oder Tampere, in St. Petersburg oder Königsberg getanzt. Der Tango, behauptet Aki Kaurismäki, sei in Karelien erfunden worden, jener verwunschenen Landschaft im Grenzgebiet zwischen Russland und Finnland, die so viel Leid gesehen hat. Von Karelien habe er sich Mitte des 19. Jahrhunderts bis an den Bottnischen Meerbusen verbreitet und sei von finnischen Seeleuten nach Uruguay und Argentinien gebracht worden. Eine der vielen Legenden vom Ursprung des Mysteriums.

 

Der kleine Fluss mit dem Namen Innerste ist kein Ersatz für das Meer, und die Ortschaft Heinde ist nicht Helsinki. Aber ein Spaziergang am Wasser belebt, und am Abend können wir daheim vor dem Kaminofen Tango tanzend über die Ostsee fliegen. Jetzt fahren wir an die Innerste und laufen an den Steilufern entlang. Bald wird hier der Eisvogel in den Sandhöhlen brüten. Die Sonne wärmt an diesem Tag. Dürfen wir uns an ihren Strahlen erfreuen und die Gesichter in ihrem Lichte baden? Die Niederschläge seien zu gering, hören wir. Wieder drohe ein viel zu heißer Sommer. Ein Mädchen aus Stockholm hat sich auf den Weg nach Davos begeben, um vor den Weisen dieser Welt ein Lied vom Untergang anzustimmen. Furcht und Zittern möge über sie kommen, damit sie endlich erwachen und erkennen, was die Stunde geschlagen hat. Lange Zöpfe trägt die kleine Schwester von Oskar Matzerath. Das Wachstum, sagt sie, habe sie aus Protest eingestellt. Und weil das als Zeichen nicht reiche, schwänze sie jeden Freitag die Schule. Schwänzen ist keine Kunst. Aber wie stellt man das Wachstum ein, um ewig Kind zu bleiben? Auf dem Tango-Festival in Helsinki tanzen heute Timo Hakkarainen und Marjo Kiukaanniemi. Sie treten bei ihren Shows als tanzende Zwerge auf. Das hätte ich gerne einmal gesehen. 

 

Während wir uns von den Strahlen der Sonne durchdringen lassen, spricht das Trollkind aus Schweden vor Hamburger Schülern und Schülerinnen über Umweltschäden. Wir wandern durch eine Landschaft, die durch Schwermetalle aus dem Harzbergbau belastet wurde. Vor 1000 Jahren ließen die Ottonen hier nach Erzen graben. Inzwischen wächst an den Ufern der Innerste der Schwermetallrasen. Er steht unter Naturschutz wie die Auwälder und Uferstauden. Vielleicht wird die Erde nach der Katastrophe neue Pflanzen, Tiere und einen neuen Menschen hervorbringen? Vielleicht ist das Ende nur ein neuer Anfang? 

 

Wir haben das Steilufer verlassen und gehen durch ein Wäldchen auf eine Hochebene. Hier führt der Weg durch eine Allee. Zu beiden Seiten öffnet sich zwischen den Bäume der Blick auf die liebliche hügelige Landschaft des Vorharzes. Am Ende der Allee liegt ein alter Friedhof.

 

In der Sonne eines verfrühten Frühlings sprechen wir über letzte Dinge. Was kommt, wenn das Ende gekommen ist? Eine Tango-Freundin ist gestorben. Sie wurde kaum fünfzig Jahre alt. Ute und Franz haben mit uns bei Donã Martina das Tanzen gelernt. Andere Freunde sind ihr bereits vorausgegangen. Auch sie erreichten nicht das sechzigste Lebensjahr. Der Tango hält gesund, heißt es. Er sei gut für den Kreislauf, für Muskeln, Gelenke und Rücken. Er stärke das Immunsystem, beuge Herzkrankheiten und Demenz vor. Ute wollte nicht über ihre Krankheit sprechen, auch dann nicht, als sie schon längst von ihr gezeichnet war. Nein, das sei ganz normal, sagte sie, im Sommer nehme sie immer stark ab.

 

Tango tanzen macht nicht immer schön. Wir sprechen über den finnischen Tango. Finnlands größter Sänger hatte über sechshundert Tango-Titel aufgenommen. Olavi Virtas Leben (1915-1972) endete im Suff. Wegen Trunkenheit wurde er in ein Arbeitslager eingewiesen. Niemand nahm ihn auf, als er entlassen wurde. Er hatte kein Geld und keine Altersversorgung. Eine alte Zigeunerin bot ihm schließlich Zuflucht. Olavi Virta starb im Alter von 57 Jahren. Tango tanzen macht nicht jeden glücklich. Rauli Badding Somerjoki (1947-1987) heißt ein anderer legendärer Tango-Sänger aus Finnland. Er verkraftete seinen Erfolg nicht und verlor sich im Alkohol, sodass ihm selbst in seinen Stammkneipen der Zutritt verweigert wurde. Mit vierzig Jahren erlag er einem Herzinfarkt. In einem seiner letzten Lieder sang er:

 

„Sterne, Sterne, darf ich denn raus aus der Zeit

nicht bereits jetzt, ihr Sterne, in die Unendlichkeit?“

 

Unsere Freundin wollte nicht gehen. Sie wollte nicht raus aus der Zeit, sondern weiter mit uns Tango tanzen.Wir sprechen über unseren Freund Stanislaus. Er starb plötzlich an einem Herzinfarkt. Wir erinnern uns an Sarina. Vergeblich tanzte sie gegen den Tumor in ihrem Hirn. Vor der Friedhofsmauer stehen blühende Schneeglöckchen in großen Nestern. Ich schneide einige und binde sie zu Hause mit einer rosafarbenen Schleife zu einem Sträußchen. Eine kleine Gabe auf dem letzten Weg. Aus dem Regal mit unserer Sammlung von Lochsteinen wähle ich zwei besonders schöne Exemplare aus. Dann fahren wir nach Hannover-Lahe. 

 

Der Friedhof - die Stadt der Toten. Vor dem Parkplatz der Nekropole stehen dreistöckige Wohncontainer. Das Gelände ist umzäunt. Zwischen den Containern befindet sich ein Sportfeld. Afrikaner dribbeln mit einem Ball. Wir sind wie immer gut in der Zeit. Doch viele Menschen strömen bereits durch das Friedhofstor. Zu unserer Tango-Gemeinde gehören Tänzer und Tänzerinnen aus Marokko, Syrien, Persien und der Mongolei, aus Polen, Russland und der Ukraine. Sie sind Juden, Moslems und Christen. Die Männer und Frauen, die jetzt auf den Friedhof strömen, sind Jeziden. Das Symbol ihrer Religion ist der Engel Melek Tau. Die Mitglieder der Trauergemeinde begrüßen sich mit Bruderkuss auf die Wangen oder mit einem Kuss auf die ausgestreckte Hand. Die meisten Frauen tragen ihr Haar offen. Wenige haben sich einen lilafarbenen Schleier auf das Haupt gelegt. Eine Limousine wird vorgefahren. Der Beifahrer steigt aus und öffnet die Hintertür für eine alte Frau. Sie trägt einen weißen Schleier mit schwarzem Flor. Eine Braut in Trauer.

 

Einige hundert Trauergäste sind inzwischen gekommen. Wo ist Franz? Zwischen den Jesiden steht er mit zwei Begleitern vor einer Bank und hält Ausschau. Wir umarmen uns wortlos. Franz ist ein zurückhaltender Tänzer. Ute war offen und zugewandt. Eine beliebte Tänzerin. Auch ich tanzte gerne mit ihr. Weil sie die Impulse der Führung so leicht aufnahm, kam ich mit ihr in eine wunderbar fließende Bewegung. Was immer ich führte, sie folgte. Wenn ich meiner Freude über das Zusammenspiel von Führen und Folgen Ausdruck gab, sagte sie: „Wieso? Du führst mich doch!“

 

Nun war sie letzten Freitag ihrem Krebsleiden erlegen. Am Abend ihres Todestages ging Franz an den Ort, wo wir gemeinsam das Tanzen gelernt hatten. Neben dem Mischpult von Donã Martina steht ein Stuhl, der für Kriseninterventionen immer frei zu bleiben hat. Hier setzte sich Franz und erzählte, worüber er in den letzten Monaten hatte schweigen müssen.

 

Wir betreten die Leichenhalle mit dem geschlossenen Sarg. Donã Martina, Tänzerinnen und Tänzer, Arbeitskolleginnen, Verwandte sind gekommen. Auf den Plätzen das evangelische Gesangbuch. Neben der Orgel ein CD-Player. Der Pastor spricht vom Tango und kündigt ein Lied an. Wir hören „Desde el alma“ (1911) von Rosita Melo (1897-1981). Ute hatte dieses Lied besonders gemocht. „Von der Seele“ heißt der Titel. Jetzt ist der Augenblick gekommen, sich den Schmerz von der Seele zu reden. „Desde el alma“ ist ein Walzer.  Wir haben mit Ute nach diesem Lied getanzt und uns fröhlich im Kreis gedreht: Moulinette oder Giro nach links, Moulinette nach rechts, das ging so wunderbar leicht. Jetzt erklingen die Walzerklänge über dem Sarg. Das haut mich um. Der Tango verstummt nicht vor dem Tod, denke ich. Er hüllt ihn ein und nimmt ihn mit auf die Reise.

 

Der Pastor macht nicht viele Worte, beschwört nicht den Himmel, bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Er beschreibt den Leidensweg, den Ute bis zum Schluss allein mit Franz gehen wollte. Kein Wort über den Ernst der Lage zu ihrer Tochter. Kein Wort zu uns. Franz kannte sie seit dem Sandkasten, hören wir. Geheiratet hat sie einen anderen Mann. Die Ehe scheiterte. Nach einer Versöhnung heirateten sie zum zweiten Mal. Ein Kind der Versöhnung wurde gezeugt. Wieder scheiterte die Ehe. Ute ging zurück in ihre Heimatgemeinde, traf Franz und tanzte sich ihr altes Leben von der Seele.

 

Der Walzer „Von der Seele“ wurde von einem vierzehnjährigen Mädchen komponiert. Die junge Frau hieß Rosita Melo (1897-1981). Ihr Tango im Walzertakt entstand am Klavier. Noch fehlte der Text. Jahre später heiratete Rosita Melo den Dichter Victor Piuma Vélez. Victor dichtete zur Hochzeit einen Text, schenkte ihn seiner Frau und damit der Welt:

 

 

„Auch ich, aus ganzer Seele

brachte dir meine Zärtlichkeit dar,

bescheiden und arm,

aber rein und gut,

wie die Liebe einer Mutter,

wie die Liebe zu Gott.

Nach so vielem Leid

ließ deine heilige Liebe mich

die Bitterkeit vergessen,

die ich bis gestern

in Seele und Herzen bewahrte."

 

„Desde el alma“ (1911) von Rosita Melo und Victor Piuma Velez erzählt von einer Heilung. Rosita stammte aus einer Familie italienischer Auswanderer und war das jüngste von neun Geschwistern. Im Alter von vier Jahren begann sie nach Gehör Klavier zu spielen. „Aus ganzer Seele“ war ihre erste Komposition. Ein Welterfolg, an den Rosita durch keines ihrer weiteren Lieder anknüpfen konnte. Das eine ist das Bemühen, das andere die Gunst der Stunde. Rosita Melo hat sie einmal im Leben erfahren. Das reichte ihr. Sie arbeitete bis ins hohe Alter als Konzertpianistin und führte mit ihrem Mann eine glückliche Ehe. Victor Piuma Velez war Schriftsteller und Maler. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Finanzbeamter. „Von der Seele“ erzählt vom Wunder einer neuen Liebe:

 

„Nach so viel Leid

ließ deine heilige Liebe mich

die Bitterkeit vergessen,

die ich bis gestern

in Seele und Herzen bewahrte.“

 

Was aber gibt es zu sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? Gibt es einen letzten Trost? Vielleicht ein letztes Geheimnis, das sich im Liebesschmerz selbst verbirgt? Etwas, das nicht von außen kommt und gesagt wird, sondern sich im Schmerz selbst zeigt und nur im Schmerz erfahren werden kann, wenn man ihn aushält, sich in ihn gleichsam hineinbegibt? Vielleicht diese Erfahrung, von der ein anderer Text spricht, den Homero Manzi der Melodie unterlegte:

 

„Zusammen mit dem Schmerz,

der eine Wunde öffnet,

kommt das Leben

und bringt neue Liebe.“

 

„Junto al dolor

que abre una herdia

llega la vida

trayendo otro amor.“

 

Der Pfarrer schlägt das Kreuz zwischen Himmel und Erde und spricht ein Gebet. Dann öffnet sich eine Tür im Hintergrund. Die Sargträger treten in die Leichenhalle und verbeugen sich vor der Toten. Der Pastor kündigt einen zweiten Tango an. „Felicia“ (1908) komponiert von Enrique Saborido (1878-1941), schwungvoll, fast übermütig gespielt von D’Arienzo, den Ute besonders liebte. Die Musik setzt einen scharfen Kontrast zu dem, was nun bevorsteht. Unter den zahlreichen Legenden vom Ursprung des Tango gehört die Nachricht, dass der Tango ursprünglich auf Beerdigungen getanzt wurde. Ich hatte davon gelesen und war skeptisch geblieben. Nun hinter Utes Sarg gehend, denke ich an jenen Brauch vom Rio del la Plata, den wir in dieser Stunde neu entdecken.

 

Der lange Gang zum ausgehobenen Grab am Ende des Friedhofes. Als Euridike starb, folgte ihr Orpheus in die Unterwelt und erweichte mit seiner Musik das Herz der Totenrichter. Sie gaben Euridike frei. Gemeinsam stiegen sie hinauf in Leben und Licht. Orpheus führte. Euridike folgte. Doch eine Bedingung war an den Aufstieg geknüpft: Der Führende durfte sich nicht nach der Folgenden umschauen. Er sollte ihre Gegenwart mit geschlossenen Augen spüren und sich auf sein Gefühl verlassen. Orpheus aber drehte sich um, und Euridike entschwand. Wir gehen durch lange Gräberfelder und kommen nicht in Versuchung, den Blick zu wenden. Wir schauen voraus. Ute geht uns voran. Wir sprechen das Vaterunser und lassen Blütenblätter in die Tiefe schweben. 

 

Am Tor Jesidinnen. Sie reichen auch uns Wasserflaschen und Brot. Ich gebe Utes Tochter einen Lochstein, einst auf den Grabstein zu legen. „Ein Elfenstein!“, sagt sie. Ein weiterer Stein für Franz. Ihm ging es wie mir: Er wollte nicht Tango tanzen lernen. Doch sie führte und er folgte zu Donã Martina. Nun ist sie uns vorausgegangen und führt noch immer.

 

Wenn man einen Elfenstein vor das Ohr hält, dann erklingen die Zwischentöne, die in jedem Lied mitschwingen, aber mit bloßem Ohr nicht zu hören sind. Vor das Auge gehalten, wirkt ein Elfenstein wie eine Brille für die dem bloßen Auge unsichtbare andere Welt. Das Land der Träume, das Land der Seele. „Satumaa“ - „Märchenland“ nennen es die Finnen. „Satumaa“ ist der berühmteste finnische Tango - fast eine zweite Nationalhymne. Geschrieben wurde „Satumaa“ von Unto Mononen (1930-1968). Mit 38 Jahren erschoss er sich im Suff.

 

Der Tango reicht über den Tod hinaus. Manche Sorgen verflüchtigen sich rasch. Andere vergehen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Manche Heilung braucht mehr Zeit als die eigene Lebenszeit. Der Tango ist ein Wegbegleiter. In seinen schönsten Momenten erfahren wir jene beseligenden Ausblicke in das Märchenland. Dann spüren wir: Dieses Land gibt es. Ganz gewiss. Der Blick durch den Elfenstein bezeugt:

 

„Lennä laulu sinne missä siintää satumaa,

Sinne missä oma armain mua odottaa.

Lennä laulu sinne lailla linnun liitävän.

Kerro että aatoksissain on vain yksin hän.

 

Fliege, mein Lied, dorthin zu diesem Märchenland,

wo meine Liebste auf mich wartet.

Flieg dorthin wie ein Vogel.

Sage ihr, dass ich allein an sie denke.“

 

Führen und Folgen war das Thema der ersten Tangostunden. Führen und Folgen steht am Anfang. Führen und Folgen steht am Ende des Weges. Es gibt viele Arten zu gehen. Der Tango ist eine Einweihung in das gemeinsame Gehen. In der Berührung wird das Eine erfahren, das Eine, das am Anfang war und am Ende wieder sein wird.

 

„Ostern fahren wir wieder ans Meer!“, sagt Undine, als wir den Friedhof verlassen. 

„Wir werden am Strand tanzen und uns den Wind um die Nase blasen lassen.“

„Elfensteine sammeln.“

„Die Steine vor das Auge halten.“

„Durchblicken.“

„Para siempre.“

„Wir fahren nach Lemvig in Bjarnes Fisketeria.“

„Essen Rejersalat und Sterneskud.“

„Kaufen ein beim Slagter Mortensen.“

„Holen Wein und Käse.“

„Flødeböller.“

„Und dann?“

„Dann führe ich, und du folgst.“

„Aber ich kann nicht folgen.“

„Dann wirst du es lernen. Ich ziehe auch wieder mein Hochzeitskleid an.“