Drucken
Tango
Zugriffe: 6

Wie Meerjungfrauen auf den Wellen:

Das Leben tanzen

 

 

 

Da erhob die kleine Meerjungfrau ihre schönen weißen Arme,

richtete sich auf den Fußspitzen auf und schwebte tanzend

über den Fussboden hin, wie noch keine getanzt hatte.“

Hans Christian Andersen. Die Kleine Meerjungfrau

 

 

Der dänische Tangokalender verzeichnet keine Veranstaltungen für die Westküste von Jütland. Zwischen Rømø und Skagen tanzen nur die Schaumkronen auf den Wellen. 

 

„Das sind die Meerjungfrauen“, sagt Undine. Sie trägt an diesem Tag ein dunkelblaues T-Shirt mit dem Aufdruck „Havfrue“.

 

Die frische Luft beflügelt meine Gedanken. Sie fliegen einmal um den halben Erdball. Ein Farbholzschnitt von Hokusai ist mir in den Sinn gekommen. Jeder kennt „Die große Welle von Kanagawa“. Die kleine Arbeit entstand zur gleichen Zeit wie das dänische Märchen von der kleinen Meerjungfrau. 

 

„Hokusai“, sage ich. 

 

Vor dem Hintergrund des Berges Fuji schießen drei Boote durch die tosende See. Über ihnen bricht die große Welle in schäumender Gischt zusammen. 

 

„Ob Hokusai in dieser Naturgewalt die Meerjungfrauen dargestellt hat?“ 

 

Japaner, sagt Undine, lieben Meerjungfrauen und dänisches Gebäck. „Little Mermaid Bakery“ nenne sich eine Kette mit gut 300 Filialen in Japan. „Hygge for Life“ laute ihr Motto. Eine Meerjungfrau ist ihr Logo.

 

Unsere Gedanken kommen und gehen wie die Wellen des Meeres. Wir wandern vor der Brandungszone von Vedersø Klit. Weiter nördlich liegt Klitmøller, Dänemarks „Cold Hawaii“. Dort schießen jetzt junge Meermänner und Meerfrauen auf ihren Surfbrettern durch die Gischt. Wir haben vor einigen Tagen den Ort besucht und die Fahrkünste bewundert. Wenn der Wind in die Segel fährt und sie tief gegen das Wasser beugt, dann strecken diese Meerfrauen und Meermänner ihre Körper in die entgegengesetzte Richtung. So halten sie die Balance.

 

Unsere Blicke richten sich auf den Kieselstrand. Wir suchen Lochsteine. Durch ihre Öffnung in der Mitte oder am Rand können sie einzeln oder zu einer Kette aufreiht werden. So ein Lochstein in den Hühnerstall gehängt, weiß Undine, inspiriere die Hühner zu verbesserter Legetätigkeit. Hühnergötter werden diese Steine genannt. Wegen der Hühnergötter schmecken dänische Frühstückseier besonders gut. Undine  sammelt nicht nur Lochsteine, sondern sie hat in ihrem Reisegepäck auch das passende Buch. Der Autor heißt Jewgeni Jewtuschenko. Der Hühnergott, sagt Undine und beugt sich zu einem runden Stein mit einer großen Öffnung in der Mitte hinab, verströme eine positive Energie. Jewtuschenko schreibe, es gäbe auch Menschen, die mit dem Klang ihres eigenen Lebens andere beruhigen oder sogar heilen können. Manche Menschen seien ein Requiem, andere eine Hymne, wieder andere seien Foxtrott oder eine Polka.

 

„Oder ein Tango!“, ergänze ich. „Gibt es einen russischen Tango?“

 

Undine hebt den Lochstein und schaut durch ihn auf das Meer als wäre er ein Fernrohr. „Pjotr Leschenko!“ „Wo?“ „Ich habe eine CD mit Aufnahmen aus den Dreißiger Jahren.“ Wie immer, wenn wir in stille Wochen reisen, haben wir Bücher und DVDs im Gepäck. Ich bin gespannt.

 

Zwanzig Kilometer südlich von Vedersø Klit gibt es die Diskothek „Popen“ und eine Bavaria Alm. Der große Supermarkt von Søndervig öffnet an 365 Tagen im Jahr. Kronings Internationales Antiquariat ist nur am Donnerstagnachmittag in den Sommermonaten geöffnet. Über 150000 Bücher stehen hier zum Verkauf. Wie viele Artikel der Supermarkt „Meny“ im Sortiment führt, weiß ich nicht. Hier gibt es neben der Tagespresse auch internationale Bestseller in deutscher Übersetzung. In den Regalen des Antiquariates stehen Bücher von Werner Bergengrün, Hans Carossa, Ricarda Huch, Edzard Schaper. Ich bin erstaunt über die Vielzahl deutscher Bücher und bewundere die Leselust der Dänen. Die Bücher kämen alle aus Hamburg, sagt die Besitzerin des Antiquariates. Ein Freund fahre einmal im Jahr nach Hamburg und rette diese Bücher vor dem Reißwolf.  

 

Undine lernt Dänisch. Deshalb sucht sie in der dänischen Abteilung nach einer illustrierten Ausgabe von Andersens Märchen „Den lille Havfrue“. „Meer“ heißt auf dänisch „hav“, „frue“ bedeutet „Frau“. 

 

„Warum wurde aus der dänischen Meerfrau eine deutsche Meerjungfrau?“, frage ich Undine. Sie ist nie um eine Antwort verlegen und flüstert sie mir ins Ohr.

 

Meerjungfrauen können auf den Wellen tanzen. Wenn wir Tango tanzen wollen, müssen wir an die Ostküste nach Aalborg, Randers oder Århus fahren oder den Teppich in unserem Ferienhaus zusammenrollen. Das machen wir seit drei Wochen und üben die Colgada. Wir studieren immer wieder die Videos eines Paares aus Basel und betrachten dabei jede Sequenz. Männerrolle und Frauenrolle. Wenn wir an unsere Grenzen kommen, unterbrechen wir die Übungen und vertagen sie auf den nächsten Abend. Manchmal merken wir, dass wir nicht in den Fluss kommen, aber wir wissen nicht, woran es liegt. Irgendwo stimmt eine Bewegung nicht. Aber an welcher Stelle? Und wer verhält sich falsch? Im Zweifelsfall immer der Führende, habe ich gelernt. Bei einer guten Führung klappt fast alles. Nicht so bei der Colgada. Dass sich die Geführte, gehalten von den Händen des Partners, fallen lässt, setzt Vertrauen in den Führenden voraus. Undine vertraut mir blind und überschätzt dabei meine Standfestigkeit. Sie lässt sich fallen und bringt mich mit ihrem Schwung aus dem Gleichgewicht. Ich stolpere und fange sie gerade noch auf. 

 

„Du musst dich in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Du bist das Segel, an dem ich mich festhalte.“ 

 

Vor langer Zeit hat Undine das Surfen gelernt. Das sagt sie. Ich glaube es nicht. Wer sich ein Kinderbuch von der kleinen Meerjungfrau auf Dänisch kauft und den japanischen Namen der Meerjungfrau kennt, so denke ich, der bewegt sich nicht unter Surfern. Nicht weit entfernt von unserem Ferienhaus liegt der Nissumfjord mit seinem Stehrevier. Da könnte Undine ihre Surfkünste unter Beweis stellen. Aber auf Demonstrationen dieser Art lässt sie sich nicht ein.

 

Die Colgada im Tango ist wie das Tanzen auf den Wellen. Man braucht dazu kein Surfbrett, aber einen Partner, an dem man Halt findet wie an dem Segel. Die Colgada ist eine Vertrauensübung. Wir halten uns an den Händen, beugen leicht die Knie und lassen uns fallen. Im Fallen halten wir uns gegenseitig wie im Kinderspiel aus längst vergangenen Tagen. Eine Kreisbewegung um eine unsichtbare Mitte. Im Laufe unserer Ferientage wird sie sichtbar: Wir haben Spuren hinterlassen. Auf den Holzbohlen ist das Muster unserer Bewegungen zu sehen, obwohl wir vor jedem Tanz mit dem Nilfisk den Sand aufgesaugt haben. 

 

Wir brechen auf, nicht ohne den Boden mit Bienenwachs gepflegt zu haben. Nun fahren wir nach Århus. Eine junge Stadt voller Studenten. Doch wie überall zieht es vor allen Dingen die älteren Semester zur Tango Lesson. Es ist Sonntagnachmittag. Wer kommt, bereichert das Kuchenbüffet mit einer Gabe: Original dänisches Blätterteiggebäck, also ohne Meerjungfrauen-Logo, und Sahnetorten. Flødebøller - das sind Schaumküsse in allen Geschmacksvarianten. Undine liebt Flødebøller, nicht nur die Süßigkeit, sondern vor allen Dingen das Wort. Wie wenige andere Wörter enthält es den unverkennbaren Klang der dänischen Sprache. Wer Flødebøller aussprechen könne, der sei in Dänemark angekommen, heißt es.

 

Von Århus fahren wir nach Odense. Hier wurde Hans Christian Andersen geboren. Das Lächeln einer Ballerina begrüßt uns vom Plakat der örtlichen Ballettschule. Auf der Tafel vor dem Wirtshaus steht mit Kreide geschrieben: „Today is a good day“. Wie wahr!  Wir besuchen eine kleine Galerie mit großen Rumvorräten. Der Galerist und Rumkenner hat sich natürlich auf Nixenmalerei spezialisiert. Damit folgt er den Wünschen japanischer Touristen. Wir teilen mit den Japanern die Nixenliebhaberei und kaufen ein Bild für Undines Badezimmer und für mich eine Flasche Rum. 

 

Im Hans-Christian-Andersen-Park spielen Studenten mit Frisbee-Scheiben oder lassen den Bumerang geübt über den Körpern sonnenhungriger Mädchen kreisen. Zwei Pizzen - groß wie Wagenräder - schweben an den Strauchrosen vorbei, getragen von schönen Burschen. Heute findet in Andersens Park eine Salsa-Party unter freiem Himmel statt. Nächste Woche gibt es Tango. Dann werden wir Odense leider verlassen haben. 

 

„Schade“, sagt Undine. „Tango mit Hans Christian Andersen, das wär’s gewesen.“

 

Wir wohnen natürlich im Andersen-Hotel direkt neben dem kleinen Hans-Christian-Andersen-Museum. Irgendwie bekommt die Stadt nicht genug von ihrem berühmtesten Sohn. Auf der Bank vor dem Hotel sitzt der Dichter in Bronze gegossen. Ein sehr großer Mann neben Undine. Eine Skulptur neben der Tür zeigt Andersens Meerjungfrau mit einem Messer in der Hand. Scherenschnitte der Wasserfrau säumen die Treppe zum Ausstellungsraum im ersten Stock des Museums. Im aufgeschlagenen Gästebuch sehen wir fremde Schriften. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, was diese Zeichen zwischen Krikelakrak und Kalligraphie bedeuten. Überhaupt: Warum sind so viele Besucher aus Japan in Odense? Ist es das Märchen des Dichters oder das dänische Gebäck, dass sie anzieht? Angeblich steht die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau in japanischen Schulbüchern. Warum aber beugen sie die Knie vor den gusseisernen Deckeln der Kanalisation mit Andersens Profil? Warum gehen sie in die Hocke vor der Skulptur des tapferen Zinnsoldaten? 

 

Im Museum ein Bett mit achtzehn bunten Decken. Irgendwo darunter liegt die Erbse. Andersen war die Prinzessin auf der Erbse - hochsensibel und überempfindlich. Ein unglücklich Liebender, voll krankhafter Schwermut und dem Hang, das Traurige im Leben zu suchen, und zugleich offen für die Berührung durch jeden Sonnenstrahl und voller Freude an den kleinen Dingen des Lebens.  

 

Über die Große-Belt-Brücke fahren wir weiter von Fünen nach Seeland und an Kopenhagen vorbei in den Norden. Jetzt sitzt Undine auf der Terrasse unseres Ferienhäuschens und schaut auf die Schiffe im Katzenloch. Kattegat - so nannten die Niederländer das Meer zwischen Jütland im Westen und Schweden im Osten. Auf dem Tischchen neben Undine liegen Erinnerungsstücke: Eine geöffnete Dose mit Nixenkeksen und das dänische Buch von Hans Christian Andersen: „Die kleine Meerjungfrau“. Es ist die Geschichte einer Balletttänzerin und ihrer Verwandlungen.  Eine Erfahrung von Liebe, Tod und neuem Leben. Eine Tango-Geschichte, meint Undine, die Geschichte einer Berührung. Na klar, erwidere ich. Was denn sonst? Dass Meerjungfrauen gute Schwimmerinnen sind, leuchtet ein. Gewiss sehen sie herrlich aus, wenn das Wasser auf ihren feuchten spitzen Brüsten wie Perlen im Sonnenlicht glänzt. Ich will glauben, was die alten Sagen berichten. Dass sie gerne und verführerisch singen, haben wir noch auf der Schule gelernt. Sirenen und Loreley und das „feuchte Weib“ aus Goethes „Fischer“. Männerphantasien der alten Zeit.  

 

Andersen, sagt Undine, mache aus der Wasserfrau eine Balletttänzerin, die wie ein Sommervogel über den Boden schwebe. Er wollte ja selbst Balletttänzer werden, damals, als es in Odense noch keine Ballettschule gab und er als junger Bursche ohne Schulabschluss nach Kopenhagen reiste. Andersen ist die Meerjungfrau, sagt Undine. Eine gewagte Behauptung, meine ich. 

 

In Kopenhagen, lese ich im Internet, werde eine dejlig Milonga stattfinden. So fahren wir los. Von unserem Sommerhaus ist es nur ein Katzensprung nach Kopenhagen. Wir nehmen uns Zeit für einen Umweg über die Küste. Fahren durch Orte mit schönen Namen wie Liseleje, Tisvildeleje, Rågeleje, vorbei am ehemaligen Zisterzienerkloster Esrum nach Helsingør. Wir wollen Rudolph Tegners „Tänzerinnenbrunnen“ sehen. Drei Tänzerinnen des Königlichen Dänischen Balletts standen dem Bildhauer Modell. Undine entziffert ihre Namen am Brunnenrand. Sie tanzen einen Reigen und schwingen dabei fröhlich ihre Beine. Die Energie ihrer Bewegung hebt ihre Körper aus der Achse. 

 

„Lege deine Hände in meine Hände!“, sagt Undine. Dann lässt sich fallen. Ich bin überrascht. Mit dieser Bewegung habe ich nicht gerechnet. Ich stolpere kurz, finde wieder einen sicheren Stand und fange Undine auf. „Noch einmal!“, lacht Undine und schwingt ein Bein. Wieder lässt sie sich nach hinten fallen. Jetzt fange ich sie sicher auf. Dabei strecke ich meinen Körper in die Gegenrichtung und halte so unser Gewicht. Jetzt haben wir wieder die Balance gefunden. 

 

„Herrlich!“, sagt Undine. „Wir haben das Schweben nicht verlernt.“

 

Wir fahren weiter nach Kopenhagen. An der Langeline im Norden der Stadt befindet sich ein Park, ein kleiner Hafen für Segelboote und eine lange Promenade. Hier steht  das Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen, die Skulptur der Kleinen Meerjungfrau. Sie wurde wie der „Tänzerinnenbrunnen“ von dem Bierbrauer Carl Jacobsen (1842-1914) gestiftet. 

 

Der Sohn des Gründers der Carlsberg-Brauerei hatte am 26. Dezember 1909 im Königlichen Theater eine Vision, erzählt meine Nixenspezialistin. Er sah die Tänzerin Ellen Price (1878-1968) in der Rolle der Kleinen Meerjungfrau und beauftragte den Bildhauer Edvard Eriksen (1876-1959) eine Skulptur zu fertigen. Natürlich fühlte sich die Primaballerina durch das Angebot geehrt, doch nackend wollte sie nicht Modell sitzen.  So nahm der Bildhauer als Vorbild für den Körper der Skulptur seine Frau Eline Eriksen (1881-1963) und für das Haupt die Tänzerin. Am 23. August 1913 wurde die Skulptur an der Langelinie aufgestellt. Einen Monat zuvor war Tegners „Tänzerinnenbrunnen“ fertig gestellt worden. 

 

Die Kleine Meerjungfrau ist von zierlicher Gestalt, kleiner als Undine. Sie sitzt auf einem großen Findling im Wasser. Besucher aus Asien lassen sich in Ausflugsbooten zur Skulptur fahren. Dreißig Sekunden Aufenthalt, dann muss der Kapitän dem nächsten Schiff Platz machen. Alle Besucher möchten ein Photo von der Meerjungfrau schießen und hoffen auf einen Moment, wo kein Boot aus dem Hintergrund auftaucht. Auch ich stehe mit meiner kleinen Leica vor Undine und der Meerjungfrau und warte auf die Sekunde, die nur uns Dreien gehört. Mehr Zeit steht keinem Besucher bei der Audienz am Meer zu. Aber die Photographierenden kann ich ohne Zeitdruck photographieren. Selfie mit Meerjungfrau: Auf der Landseite stehen verschleierte Frauen vor der zarten Nacktheit der Tänzerin. Die Skulptur zeigt die Meerjungfrau in der letzten Phase ihrer Verwandlung zum Menschen. 

 

Wir nehmen oberhalb der Skulptur auf einer Bank Platz und erfreuen uns an den Besuchern. Undine erzählt von Hans Christian Andersen: Als junger Bursche kommt er nach Kopenhagen und tanzt vor der Balletttänzerin Margarethe Schall. Sie hält den Burschen im Konfirmationsanzug schlicht für verrückt und lässt ihn vom Hausdiener aus ihrer Wohnung entfernen. Der Tänzer Carl Dahlén nimmt sich seiner an. Doch bald wird auch er Klartext sprechen müssen: Bei seiner hochgewachsenen Gestalt und Schuhgrösse 48 habe Andersen keine Aussicht auf eine Karriere als Solotänzer. Andersen fühlte sich wie ein Hund, der gegen den Strom schwimmen muss und dabei noch mit Steinen beworfen wird.

 

Während Undine erzählt, springt plötzlich ein Hund ins Wasser und schwimmt auf die Meerjungfrau zu. „Tøben!“, ruft ein Frau. Aber der Hund kommt nicht zurück. Er klettert auf die grossen Steine mit der Meerjungfrau, und schüttelt sich das Fell. Sämtliche Cameras und Handy richten sich auf den Hund. 

 

„Meerjungfrauen tanzen gerne“, sagt Undine. „Unter Wasser ist ihr Körper federleicht. Schwierig wird ihr Tanz erst, wenn sie das Wasser verlassen.“

„Warum bleiben sie dann nicht in ihrem Element?“

„Weil die Liebe sie berührt hat“, sagt Undine.

„Der Prinz.“

„Genau. Die Meerjungfrau glaubte in dem Prinzen die große Liebe ihres Leben gefunden zu haben. Deshalb wird sie Mensch.“

„Aber es ist eine tragische Liebe. Denn der Prinz wird eine andere Frau heiraten. Er erkennt nicht ihr wahres Wesen.“

„Sie tanzt für ihn, schöner als alle anderen tanzen. Sie leidet an ihrer unerfüllten Liebe. Sie opfert sich für ihn.“

„Eine Tangogeschichte.“

„Die Geschichte einer Berührung.“

„Die Meerjungfrau lässt den Prinzen hinter sich und entwickelt sich weiter. Sie sucht weiter, was sie berührt hat. Ist es nicht so beim Tango? Du wirst berührt. Aber nicht allein der Mensch, den du in den Armen hältst, berührt dich. Da geht etwas durch ihn hindurch und will dich berühren. Etwas von weit her wie die Strahlen der Sonne.“

 

Wir fahren in den Süd-Westen von Kopenhagen. Dort liegt Karen Mindes Kulturhaus mit dem Tango-Pavillon. Orte, an denen Tango getanzt wird, haben nicht selten eine merkwürdige Geschichte . Der Tango Pavillon steht auf einem weiträumigen Gelände mit Hasenställen und einer Pferdewiese. Am Rand einer Schafweide sitzen Kinder und üben das Spinnen von Wolle. Der Pavillon ist aus Holz gefertigt worden. Durch die Fenster eines Türmchens dringt von oben Licht in den kreisförmigen Raum. Die Seitenwände hinter den Tischen und Stühlen können geöffnet werden. Doch so warm ist es an diesem Sommerabend nicht.

 

Der Tango Pavillon, so erfahren wir, ist vor über 120 Jahren errichtet worden. Damals stand hier eine Schule für taubstumme Mädchen. Die kleine Meerjungfrau hatte keine Stimme. Sie folgte dem Prinzen, aber sie konnte sich ihm nicht in Worten mitteilen. Und für die Sprache der Seele war dieser Mann taub. 

 

„Eine Tragödie“, sage ich.

„Eine Verwandlung“, entgegnet Undine.

 

Der Tango Pavillion wurde als Ort der Berührung errichtet. Hier konnten die jungen Frauen mit Füßen, Armen und Herz sprechen. Vieles kann nicht in Worte gefasst werden. Aber man kann das Leben tanzen.