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Tango
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Schwedischer Tango mit Leonard Cohen:

Die Versöhnung

 

 

„Jag vill ha dej, vill ha dej, vill ha dej“

Rikard Wolff. Ta min vals

 

Vor uns auf der Überholspur donnert ein schwerer Sattelschlepper an der Kolonne der LKWs vorbei. „Thomas Schmitz - Cargo Bull“ lese ich auf dem Heck. Ich übe mich in Geduld. Werfe einen Blick zur Seite. Auf Undines Schoß liegt eine Landkarte und darüber ein Buch, das ich nicht kenne. „Gehen, ging, gegangen“ heißt der Titel. Das klingt nach Tango. Ja, ich bin einen weiten Weg gegangen. Er hat sich gelohnt. Ich bin angekommen.

 

„Gewiss einer der vielen Tango-Romane, die in Mode gekommen sind“, sage ich. 

„Nein, Pflichtlektüre für den Grundkurs Deutsch im kommenden Schuljahr“, antwortet Undine. „Eine Flüchtlingsgeschichte.“

 

Undine und ich sind auf dem Weg nach Schweden. In Lübeck machen wir Station und besuchen das Günter-Grass-Haus. 1964 war ich das erste Mal in dieser Stadt. Mit den Eltern besuchte ich die Borkumer Schönheitskönigin des Jahres 1963. In diesem Jahr erschienen die „Hundejahre“. Woran die Jury in der Seemannsbar von Borkum erkannte, dass Uschi die schönste unter allen Sommergästen war, haben mir die Eltern nicht verraten.

Uschis Mann besaß in Schleswig-Holstein die Generalvertretung für Pril. So kehrten wir aus Lübeck mit einem großen Paket voller Pril-Flaschen und vier kleinen Plastikenten zurück. Diese Enten gehören zu meinen frühen Lübecker Erinnerungsbildern wie die zersprungene Glocke der Marienkirche, die Foltergeräte im Holstentor und die winzigen Bettkammern im Heiligen-Geist-Hospital. 

 

Erst später erfuhr ich, dass in der Hauptsaison auf Borkum jede Woche eine Schönheitskönigin gewählt wurde. „Auf Borkum ist alles anders!", sagen die Insulaner. Bei unserem Bummel durch Lübeck lesen wir über einem Bäckerladen: „Normal ist nix für uns“.

 

„Warum habe ich mich bei der Lektüre von Grass’ Büchern fast immer gelangweilt“, frage ich mich. Undine wagt eine Antwort. Grass habe keine Transzendenz. Nie war ich versucht, eine Formulierung in seinen Romanen zu unterstreichen. Kein Wort, kein Satz, kein Funkenflug des Geistes. Als Grass das „Treffen in Telgte“  (1979) veröffentlichte, wurde er vom Germanistischen Seminar der Universität Münster eingeladen. Gastgeber war Günther Weydt. Er galt als bedeutender Grimmelshausen-Forscher. Ich hatte den „Simplicissimus“ gelesen, liebte die Lieder Paul Gerhardts und hatte in Martin Opitz' „Schäfferei von der Nimfen Hercine“ die erste Begegnung mit einer Undine. 

 

Im großen Hörsaal des Fürstenberghauses traf die akademische Elite der Barockforschung auf einen politischen Schriftsteller, der sich in ihr Gebiet vorgewagt hatte. Welche Fragen würde das gelehrte Publikum stellen? Ich war gespannt. Grass trank Rotwein und las. Er beendete seine Lesung und schenkte sich nach. Niemand fragte etwas. Schweigen. Grass schwieg. Die klugen Männer schwiegen. Da trat Professor Weydt ans Mikrophon und richtete eine Frage an den bildenden Künstler Grass.

 

„Herr Grass, können Sie die Titelbilder Ihrer Bücher nicht direkt auf den Buchdeckel pressen lassen?“

 

Niemand verstand die Frage, und der Spezialist für die Barock-Literatur, deren berühmte Vertreter Günter Grass auf ein erfundenes Treffen ins westfälische Telgte geladen hatte, erläuterte das Problem. Auf den Schutzumschlägen fänden sich  Zeichnungen von Grass. Bei der Inventarisierung durch die Bibliothekare werden Schutzumschläge entfernt. Daher die Bitte, die Bilder direkt auf den Umschlag zu setzen. 

 

Dieses Problem, sagte Grass, leerte sein Glas und griff zur Flasche, müsse der Professor mit seinen Bibliothekaren klären.

 

Die Veranstaltung war zu Ende, denn niemandem fiel eine zweite Frage ein.

 

„Welche Frage hättest Du Günter Grass gestellt?“, frage ich Undine.

„Keine Frage. Ich hätte ihn zum Tango aufgefordert.“

 

Im Jahr 1999 erhielt Grass den Nobelpreis für Literatur. Einige Jahr später wurde die Aberkennung dieser Auszeichnung gefordert. Grass hatte sich zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt. Wieder einige Jahre später fiel die Verleihung des Literatur-Nobelpreises aus, weil Mitglieder des Komitees in eine Korruptionsaffäre verwickelt waren. Damals am Lucia-Tag des Jahres 1999 aber tanzte Günter Grass mit seiner Tochter Tango auf dem Ball der Nobelpreisträger. 

 

In der Lübecker Ausstellung entdecken wir sein Buch „Letzte Tänze“ (2003) mit Gedichten, Lithografien und Zeichnungen. Ich blättere darin und stoße auf „Tango Nocturno“:

 

„Der Herr knickt die Dame,

nein, biegt sie, so beugsam die Dame,

der Herr gibt sich steif.

 

Zwei Körper, die eins sind, doch nichts

von sich wissen, geschieden in Treue,

in Treue vereint.

 

Die Hand in der Beuge, gedehnt tropft die Zeit,

bis plötzlich die Uhr schlägt:

fünf eilige Schritte.

 

Wir stürzen nach vorne und retten uns rücklings,

wo nichts ist als Fläche,

nach vorne zurück.

 

In Angst, doch ich fange - der Sturz

ist gespielt nur - mit rettendem Händchen

dich oft geübt auf.

 

Sind leer jetzt mit Haltung und schauen

im Schleppschritt, beim Leerlauf mit Haltung

uns unbewegt zu.

 

Das ist der Tango, die Diagonale.

Aus Fallsucht zum Stillstand.

Ich höre dein Herz.“

 

 

Grass tanzte also den englischen Tango - Fallsucht und Diagonale. Ich habe es mir gedacht. Kurz vor unserem Aufbruch nach Schweden hatte ich unsere Bücherbestände gesichtet und um die Hälfte reduziert. Gepäckerleichterung auf der Reise. Unter den ausgemusterten Beständen befanden sich auch die signierten Werke von Grass. Wohin mit den Kisten voller Bücher? Einige Dutzend konnte ich an das Antiquariat der Benediktinerinnen vom Kloster Marienrode verschenken. Als ich sie ablieferte und in das Depot trug, saß dort ein Mann mit Mundschutz vor einer Flasche mit reinem Alkohol. Er hatte irgendeine Sache ausgefressen und musste zur Buße 200 Stunden Sozialarbeit leisten. Ein Kloster ist der rechte Ort für Buße, dachte ich. Der stille Büßer mit dem Mundschutz und Gummihandschuhen tränkte ein Baumwolltuch mit Alkohol und strich damit den Schimmel von einer lateinischen Ausgabe der Bekenntnisse des Heiligen Augustin. Der Winter war sehr kalt gewesen, das Lager ungeheizt. Eine Leitung war geplatzt und hatte eiskaltes Wasser über die Kirchenväter ergossen. Der Büßer schaute nicht von seiner Arbeit auf. Ich stellte meine Bücherkisten ab und verließ den Raum. 

 

Der größte Bestand an ausgemusterten Büchern wanderte in den Papiercontainer. „Das kannst du doch nicht machen!“, hatte Undine empört gerufen und die Entsorgung unterbrochen. „Stelle die Kisten doch ins Foyer der Universitätsbibliothek.“ Also fuhr ich nach Hildesheim. Kaum hatte ich die ersten Kisten ausgeladen, erschien ein Hausmeister und stellte mich zur Rede: Ob ich mir vorstellen könnte, wie es hier aussähe, wenn alle Dozenten und Professoren ihre Altbestände auf diese Art entsorgten? Das konnte ich mir gut vorstellen. Deshalb wollte ich meine Bücher gleich in den Container werfen. Zum Glück war der Papiercontainer um die Ecke soeben entleert worden. Ich füllte ihn bis zum Rand. Den Grass brachte ich mit den Büchern von Heinrich Böll und Martin Walser in das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft auf der Domäne Marienburg. Da gibt es neben dem Dienstzimmer der Direktorin einen großen runden Tisch. Auf ihm legte ich die Bücher ab und einen Zettel mit dem Hinweis „Zum Mitnehmen“.  

 

Die Ausstellung im Günter-Grass-Haus besteht weitgehend aus Monitoren. Hier könnte ich Informationen abrufen, indem ich mit dem Finger den Bildschirm berühre. Ich zögere. „Wie oft wird eigentlich das Display am Tag gereinigt?“, frage ich Undine und wische mit einem Papiertaschentuch über jene Stelle, an der ein Bericht über den Untergang der Wilhelm Gustloff abgerufen werden kann.

 

„Was ist aus den Büchern von Günter Grass geworden?“, fragt Undine. Eine gute Frage. Aber sie führt weg vom Tango. Ich könnte sie kurz beantworten, aber ich will nicht. Ich denke an Tante Ulla, die den Untergang der Wilhelm Gustloff überlebt hat, und an die Musiker auf der Titanic. „Näher mein Gott zu Dir!“, sollen sie inmitten des Untergangs gespielt haben. Wer weiß das? Gab es „Letzte Tänze“ auf der Titanic? Vielleicht sogar Tango? 

 

Schonen oder Skåne heißt die Landschaft, die wir durchfahren. Wir haben die Fähre von Helsingør nach Helsingborg genommen. Im Westen liegt der Kullaberg, wo einmal im Jahr die Tiere tanzen. Allen voran die Kraniche. „Es ist etwas Wunderbares und Fremdes  an ihrem Tanz“, sagt Undine und schaut aus ihrem Buch auf mich. Dann liest sie mir aus dem „Nils Holgersson“ vor, während draußen am Rand der großen Strasse die ersten Schilder mit Elchen auftauchen:

 

„Es lag etwas Wildheit in ihrem Tanz, und trotzdem war das Gefühl, das er weckte, eine milde Sehnsucht. Niemand dachte mehr an Kämpfen. Statt dessen wollten alle, die Geflügelten und die, die keine Flügel hatten, sich ins Unendliche erheben, über die Wolken hinaufsteigen, herausfinden, was jenseits davon lag, den Körper zu verlassen, der sie beschwerte und zur Erde hinabzog, und fortschweben, dem Überirdischen entgegen. Solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem, was hinter dem Leben verborgen war, verspürten die Tiere nur einmal im Jahr, und das war an dem Tag, an dem sie den großen Tanz der Kraniche sahen.“ 

 

Das Buch erschien 1907. Im Jahr 1912 hatte der Tango die Hauptstädte Europas erobert. Auch Stockholm. Tango in Schweden! Dem Tango gehört die Nacht. Doch in Schweden auch die Mittagsstunde. Wir wollen in Malmö Tango tanzen und fahren durch den Morgennebel nach Älmhult. Dort erreichen wir den Riksväg 23, die Straße nach Malmö. Bei Sösdala stoßen wir auf ein Gräberfeld in Form eines Schiffes. Etwas weiter südlich liegt das Bosjökloster mit einer 1000 Jahre alten Eiche, die von der Äbtissin einst gepflanzt wurde und alle Zeiten und Händel überdauert hat. 

 

Die Fahrt nach Malmö führt in eine Stadt, die mir nicht gefällt. Nur Mietskasernen aus Beton und Hässlichkeit. Wo sind die roten Holzhäuser? Eben! In den Wäldern! Wo ist die berühmte Altstadt? Am Bahnhof! Wo liegt der? Weit entfernt von der Fredriksbergsgatan 7. Hier erwartet uns eine Tango Fika der Tangokompaniet. Die Fika gilt als typisch für schwedische Gemütlichkeit. Fika ist ursprünglich die kleine oder große Kaffepause.

 

Die jungen Mitarbeiter von Daniel Carlsson haben ein Büffet aufgebaut: Warme Köttbullar, gekochte Eier, Käse, Schinken, dazu Gurken und Tomaten. Die Malmöer Tangogemeinde begibt sich um 12.30 Uhr auf die Piste. Dann ist das Büffet verputzt. Sonntags-Tango zur Mittagszeit hat einen familiären Charme - auch durch die Kinder, die sich auf alten Sofas lümmelnd die Zeit mit Videospielen vertreiben, während sich ihre Mütter von mir führen lassen. Kerstin, die Heilerziehungspflegerin aus der Universitätsstadt Lund hat eine Klientin mitgebracht. Sie trägt neonrote Turnschuhe und sieht Dustin Hoffmann durchaus ähnlich. Der Mathematiklehrer aus Malmö spricht so schnell und unsauber Deutsch, wie er Undine durch die Milonga hetzt. Göran ist ein fröhlicher Bursche mit offenem Herzen. Wie viele Tänzer aus Schweden und Dänemark berichtet er von Fahrten nach Hamburg oder Berlin. Ja, Berlin, gefalle ihm gut, nur nicht das Mala Junta. Da wollte man ihn nicht zur Practica zulassen, weil er zu schlecht tanze. Ja, sagt Göran, das habe an seiner Partnerin gelegen. Mit der habe er schlecht getanzt, weil sie schlecht getanzt habe. Die Kursleiterin ließ diese Ausrede nicht gelten. Görans Tanzlust blieb ungebremst.

 

Schweden gelten als zurückhaltend. Sie bleiben gerne unter sich und lassen auch neue Nachbarn nicht leicht in ihre Kreise. Hier erleben wir ein anderes Schweden: Da alle Tangotänzer eine große Familie bilden, gehören wir zur Tangokompaniet selbstverständlich dazu. Schweden gelten auch als wortkarg. Doch der Tango löst ihre Zunge. Vor Beginn der Tanda, nachher, während des Tanzes oder zwischen zwei Stücken halten sie inne und quatschen.

 

An den Toilettentüren sehen wir die Hinweise „Förande“ und „Följande“. Ein schöner gleich klingender Anlaut. Doch wo gehe ich hin? Wo Undine? Följande bedeutet Folgende. Förande bezeichnet die Führenden. Führende sind die Männer. Frauen die Folgenden. Führende können auch Frauen sein. Im Land der vollendeten Gleichberechtigung darf die Tanguera auf der Tanzfläche Förande sein und doch Följande bleiben.

 

Wir verlassen das Tanzlokal und wandern durch Berge von Hagelkörnern. Kündigt sich Ende September bereits der Winter an? Ich stürme vorwärts. Der Weg entlang der mehrspurigen Straßen zieht sich hin. Überall an den Straßenrändern haben sich riesige Pfützen gebildet. Vorbeifahrende Autos spritzen Fontänen über den Gehweg. Wir wollen die Altstadt von Malmö sehen.  Das Ziel scheint nicht näher zu kommen. Wie sollen wir ohne Stadtplan aus diesem Irrgarten wieder zum Parkplatz finden? Jetzt nicht umkehren. Das Ziel kann hinter jeder Straßenecke liegen. Doch immer öffnen sich neue Häuserschluchten. Also umkehren. Jetzt, wo wir schon so weit gelaufen sind? Ja, gewiss. Was suchen wir, wo wir doch alles und mehr an diesem frühen Nachmittag gefunden haben? Aber wir verpassen doch etwas? Na und! Man verpasst immer etwas. 

 

Wir sind zurück in unserem Haus am See. Gewiss gibt es auch in der Nähe die Möglichkeit, Tango zu tanzen. Nur wo verstecken sich die Tänzer und Tänzerinnen? Durch Facebook entdecke ich „Tango Experimental“ in Halmstad, und so machen wir uns auf den Weg.

 

Die Stadt liegt an der Ostsee neben Tylösand und gehört zu der Provinz Halland. Einen Tag vor Michaelis wirkt der mondäne Badeort trotz des wunderbaren Wetters wie ausgestorben. Die kleinen weißen Wochenendhäuser stehen leer, die Buden und Strandlokale sind geschlossen. Der blaue Wegweiser am Prinz-Bertil-Wanderweg zur „After beach party“ weist ins Leere. Auch „Rock’N’Roll-Brunch“ im Hotel war gestern. Die Saison ist beendet. Wir gehen über weißen Sand und Muschelfelder am Wasser entlang. Unser Blick fällt auf eine kleine Insel mit einem roten Leuchtturm. Ich singe: „I want to marry a lighthouse keeper and keep him company.“ So ein Blödsinn.

 

Auf der Höhe des Seezeichens geht der Sandstrand in eine bizarre Felsenlandschaft über. Gelbe Flechten rufen den Stein ins Leben. Noch einmal der Rosen Du: Zwischen Wegesrand und Felsen blüht noch immer Rosa rugosa, Kartoffel- oder Apfel-Rose, auch Sylter Rose oder Kamtschatka-Rose genannt. Das Meer weitet die Seele und öffnet Erinnerungsräume. Ich lege mich auf einen der Felsen am Meer, schließe die Augen und atme durch. Heute bin ich wieder in Schweden angekommen. 

 

Wir gehen den Prinz-Bertil-Wanderweg am Meer entlang. Tylösand verehrt die Künstler und Lebenskünstler wie Prinz Bertil, der als Prinz von Schweden und Herzog von Halland sehr populär war. Der schnelle Prinz war nicht nur ein Autonarr wie die meisten Schweden, sondern er hatte „Benzin im Blut“ und fuhr Erfolge als Rennfahrer ein. Dabei bediente er sich des Decknamens Monsieur Adrian, was völlig sinnlos war, da jeder wusste, wer auf das Gaspedal trat.

 

Der heutige Schweden-Prinz Carl Philipp, erzählt Undine, habe sich als Renn- und Skifahrer einen Namen gemacht - trotz einer anerkannten Lese- und Rechtschreibschwäche. Er habe auch eine Dyskalkulie. Undine kennt sich in allen Begabungen und Sonderbegabungen aus. Sie hat auch die aktuellen Sprachregelungen verinnerlicht wie es sich für eine Beamtin gehört. Denn nur eine Lehrerin von gestern würde Dyskalkulie mit „Rechenschwäche“ übersetzen. Die kleinen Prinzen und Prinzessinnen in den deutschen Schulen haben keine Schwächen, sondern besondere Begabungen. Alle sind auf ihre Weise hochbegabt wie der Bruder der Prinzessinnen Victoria und Madeleine, sage ich. So könne Carl Philipp vielleicht nicht gut rechnen, dafür aber einen BMW M3 GT und einen Porsche 911 GT fahren. 

 

„Seit wann kennst du dich mit Autos aus?“, fragt Undine. „Du kannst ja nicht einmal das Navi bedienen.“

 

Ich lege mich auf eine Bank, bette mein Haupt in Undines Schoß und lasse mich lausen wie der Teufel mit den drei goldenen Haaren von seiner Großmutter. Elche haben wir noch nicht gesehen, wohl aber Schwärme von Elchfliegen. Sie verkriechen sich gerne in Haaren. Undine findet keine Elchfliege. Wunderbar. Ein herrlicher Tag in einem wunderbaren Land! Über uns kreisen die Möwen und lachen. „Ich bin damals viel zu früh nach Schweden gegangen“, sage ich.  Ich hatte ein Haus in Undenäs gekauft. Gudrun hatte sich in unseren Nachbarn verliebt und die Ehe geschmissen. 

 

Wir betreten das Kulturhaus im Volkspark und sind gespannt auf den Abend. Lena begrüßt uns. Die Mitglieder des Tangovereins treffen sich jeden Donnerstag, und pünktlich um 18.30 Uhr sind alle da. Kaffee und Muffins werden gereicht und schon ist Undine auf der Tanzfläche. Herzlich, herrlich ist die Atmosphäre. Hier tanzen Anfänger und Fortgeschrittene zu klassischen Tangos und Nontangos. Die Veranstaltung heißt Practica. Damit ist im Unterschied zur Milonga eine Lernsituation gemeint, die offen ist für das Experiment. Auch wer keinen Tango tanzen kann, tanzt einfach mit. Undine ist bald Mittelpunkt und nicht lange, da werden wir von Ulla eingeladen. Übernächsten Samstag trifft sich die Gruppe in Ullas Haus. Jeder bringe etwas zu essen mit und dann werde getanzt. 

 

Undine tanzt mit einem Japaner. Er ist Zahnarzt in der Stadt. Undine tanzt mit einem Syrer. Ich spreche mit einer Rumänin: Tango ist nicht nur ein Tanz. Tango ist nicht nur ein Lebensgefühl. Tango ist eine unsichtbare Gemeinschaft, die im Tanz sichtbar und erfahrbar wird. Am Tisch unterhalten wir uns über die Spiritualität des Tango. Was ist die Essenz des Tango? Ich sage, nach meiner Erfahrung steht vor dem Tango fast immer ein Bruch, ein Verlust, eine Trennung, eine Krankheit. 

 

Diese Voraussetzungen gelten auch für Schweden, sagt Lena. Und Ulla, die so herzlich lacht, erzählt vom Tod ihres Mannes und wie sie danach zum Tango kam und das Lachen wieder lernte. Was ist also das Wesen des Tangos? Healing. Heilung. Da sind sich alle Schweden einig. Wir umarmen uns und tanzen wieder und alles ist heil.

 

Die Zeit ist fortgeschritten. Die letzten Lieder erklingen. Es verschlägt uns fast den Atem. Undine und ich schauen uns an. Die schwedischen Worte ergreifen mich unmittelbar wie etwas Altvertrautes, das plötzlich wieder ins Leben tritt.: „Ja vill ha dej, vill ha dej, vill ha dej“. „Ist das nicht Leonard Cohen?“, frage ich Undine. Der schwedische Sänger stimmt den Refrain an: „Ay, ay, ay, ay!“ „Das ist Flamenco mit Walzerklängen“, antwortet Undine.

 

Wir hören Schwermut aufgelöst in Walzerklänge. „Ta min vals“, gesungen von Rikard Wolff. Nichts wird verschwiegen. Alles verwandelt in Bewegung. Ich tanze mit einer Schwedin. Ob ich früher Ballett getanzt habe, fragt sie mich. Alles wird ganz leicht. Was ist der Tango? Ein Wunder. Das Mysterium der Wandlung.

 

Zum Abschied umarmen wir uns. Umarmungen sind heilsam. Dann geht es durch die nächtlichen Wälder in unser Haus. Zwei Stunden Fahrt liegen vor uns. Im Nachhall der Begegnung vergeht die Zeit wie im Fluge. Die Dunkelheit ist nicht mehr dunkel. Die Wege schon vertraut. Wir lassen das Radio ausgeschaltet und legen auch keine CD ein. Undine summt „Take this waltz“, und plötzlich fragt sie mich, ob ich mich noch an das erste Gedichtbüchlein erinnere, das sie mir einst geschenkt habe. Welche Frage. Es waren Gedichte von Federico Garcia Lorca. Damals tanzte Undine Flamenco und führte uns dank ihrer Sprachkenntnisse auf unseren Reisen nach Spanien. Der Liedtext stamme von Lorca und das Gedicht trage den Titel „Pequeño vals vienés“. Und dann singt sie:

 

 

„Te quiero, te quiero, te quiero,

con la butaca y el libro muerto,

por el melancólico pasillo,

en el oscuro desván del lirio,

en nuestra cama de la luna

y en la danza que sueña la tortuga.

¡Ay, ay, ay, ay!“

 

 

„Was hat dieser Ruf zu bedeuten?“, frage ich Undine. „Ay, ay, ay, ay!“ Das sei der Duende sagt sie. „Duende?“ Wenn die Sufis sich sehr lange im Kreis gedreht haben, dann rufen sie den Namen Gottes. Allah, Allah, Allah. Die Zigeuner rufen Ay! Aber eigentlich rufen nicht sie, sondern es ruft in ihnen. Was ist dieses „es“? Der Gott? Der Engel? Die Muse? Nein, der Duende. Das Wort könne man nicht übersetzen. Es bezeichne eine Kraft, die von ganz unten kommt. Duende sei das Leben selbst, das Schöpferische. Zugleich sei es die Wunde, der Schmerz und der Tod. Es ist, als ob ein Vorhang aufgezogen werde. Der Duende verwundet und er heilt. Und wieder verwundet er und wieder heilt er. Er ist die Kraft des Schöpferischen. Der schöpferische Augenblick selbst, ein Geheimnis:

 

„Jag vill ha de, vil ha dej, vill ha dej

Ay, ay, ay, ay

Ta min vals, ta min vals…“