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Tango
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Schritte alter Meister:

Schwebende Hologramme

 

 

 

 

 

 

Tango im Nebelmeer. Auf der Terrasse vor unserem Zimmer liegen zehn Zentimeter Neuschnee. Ein guter Kühlschrank für Sekt und Weißwein. Das Hotel ruht auf einem Hügel. Wir hören das Rauschen der Wellen, aber wir sehen sie nicht. Dichte Nebelbänke verstellen den Blick auf das Meer. Zeit für einen Spaziergang durch die kleine Stadt. Wir sind Wanderer über dem Nebelmeer. Die Häuser tragen Namen wie „Zum Germanen“ oder „Deutschland“. Im Ortskern steht das Denkmal „Nixen auf dem Buskam“. Auf dem Sockel lesen wir Verse von Gorch Fock (1880-1916):

 

„Gottes sind Wogen und Wind,

aber Segel und Steuer sind Euer,

dass Ihr den Hafen gewinnt.“

 

Die Seebrücke ist vereist, dicke Eisschollen stapeln sich in der Brandungszone. So schön kann der Weltuntergang sein, wenn man Rügen mit den Augen von Caspar David Friedrich sieht. 

 

Tango im Nebelmeer. Eingeladen hat ein Lehrer aus Holland. Nach dem Abschluss seines Studiums der Architektur hatte er einen Traumjob. Er wurde zuständig für die Begutachtung sämtlicher Gebäude der holländischen Botschaften. So kam er in den ganzen Welt herum. In Buenos Aires entdeckte er 1989 den Tango und erlebte eine schicksalhafte Begegnung. Die Frau kam aus Deutschland. Beide gaben ihren Beruf für den Tango auf und wurden zum Traumpaar vieler Argentinier. 

 

Warum vergötterte eine ganze Nation zwei Europäer, die in Buenos Aires und bald in vielen Ländern der Erde argentinischen Tango tanzten? Der Tango erhielt schon einmal entscheidende Impulse aus Europa. Eine Blütezeit folgte. Dann kam eine Zeit des Vergessens. Das vom Tango begeisterte junge Paar aus Europa weckte wieder die Aufmerksamkeit für den Tango. Ihre Portraits finde ich in Zeitschriften und auf Briefmarken. Ein großer Automobilhersteller ließ ein Werbevideo mit dem Tango tanzenden Paar drehen. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verließ sie ihn. Diese Trennung liegt viele Jahre zurück, als wir Richard auf Rügen begegnen. 

 

Er hat sie alle erlebt und bei ihnen gelernt, jene großen Tänzer, deren Namen in keiner Geschichte des Tangos fehlen. Nun ist er selbst zu einer lebenden Legende geworden. In seinem Seminar geht es um die Schritte der alten Meister. Niemals wird einer von uns tanzen wie Antonio Todaro, und wer würde sich Juan Carlos Copes zum Vorbild nehmen wollen? Es geht nicht um Nachahmung. Es geht um die Berührung mit dem, was den Tango immer ausgemacht hat. Der Tango erfindet sich immer wieder neu. Wie alles Große erlebt er Zeiten der Begeisterung und Zeiten des Vergessens. Dann sind es die großen Einzelnen, die das Feuer hüten und die Fackel in dunkler Zeit weiterreichen: Leidenschaft, aber auch einzelne Schritte und Bewegungsabläufe, Bausteine für eigenes Tun.

 

Tango im Nebelmeer. Unangenehm war die Fahrt nach Rügen. Neuschnee auf der Autobahn vor Hamburg. Zum Glück müssen wir nicht durch den Albtraum Elbtunnel. Über die Ostseeautobahn geht es in Richtung Rostock. Hinter Lübeck erinnert ein Denkmal an jene Stelle, wo einst der Grenzzaun das Land teilte. 1989 war ein Schicksalsjahr für Deutschland und den jungen Tänzer aus Holland.

 

Bald erscheint der Hinweis auf die Abfahrt Grevesmühlen. Wir kennen den Ort von früheren Reisen. Von Grevesmühlen fuhren wir in ein Öko-Ressort am Meer mit vegetarischer Kost und Tango am Naturteich. Da bot die Wurstbude von Grevesmühlen die letzte Möglichkeit, noch einmal zu sündigen.

 

Wieder stehe ich am Tresen. Eine neue Bedienung. Ich studiere ihre Tätowierungen am Hals. Eine Schlange kriecht in ihr ärmelloses T-Shirt. Wie weit mag sie sich über den Körper hinabschlängeln? In einer Ecke des Raumes befinden sich zehn Stehtischchen. An jedem Tisch lehnt ein Mann. Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er an einem eigenen Tisch ungestört seine Wurst verzehrt!

 

„Was macht einen Mann aus?“, frage ich. 

„Rollenunsicherheit“, meint Undine. „Nur im Tango und in der Würstchenbude fühlt sich ein Mann als Mann.“  

 

Undine bleibt im Auto und liest in ihrem Buch über die Romantiker auf Rügen. Ich bestelle eine Bockwurst. Die Tätowierte überhört meine Bestellung. Ich werde unsicher. Spüre deutlich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Aber welchen? Das Schweigen der Frau berührt mich unangenehm. Unangenehm wie in manchen Stunden des Tangounterrichts verspüre ich meine Rollenunsicherheit. Ich habe etwas falsch gemacht. Aber was? Bei manchem Tangoschritt lag irgendwo der Fehler. Aber wo? Dann sagt die Domina hinter dem Tresen barsch:

 

„Guten Tag!“ 

 

Zehn Männer an zehn Stehtischen beißen die Zähne zusammen, legen ihr Würste auf den Pappteller und schauen auf mich. Blitzartig erfasse ich die Situation, hole den Gruß nach und erhalte eine Bockwurst mit exakt portionierter Senfbeilage: Nicht zu viel, nicht zu wenig. Hier kommt nichts um, denke ich. Hier herrscht Ordnung. Die Männer an den Stehtischen senken wieder den Blick. An jedem Tisch hätten vier Männer Platz. Ich grüße, wie ich es gelernt habe. Die Blicke der Männer konzentrieren sich auf die Würste. Eine Willkommenskultur für Landesfremde sieht anders aus, denke ich. Da hebt einer den Kopf. Ich schaue ihm höflich in die Augen, nicke freundlich, versäume auch den Gruß nicht - keine Reaktion. Schließlich entdecke ich ein Tischchen in der letzten Ecke. 

 

Ich grüße. Der Mann antwortet „Moin!“ Ich nehme Platz. Mein Tischnachbar ist Vertreter für Saatgut. In MäcPomm, sagt er, gehe es wurstig zu. Ich verstehe die Worte, aber nicht ihren Sinn. Am Anfang eines Verkaufsgesprächs stehe immer die Wurst, sagt der Vertreter. Mir fällt auf, dass der Saatmann eine rote Wurst verzehrt. Die möchte ich ebenfalls probieren. Nach einer unruhigen Nacht muss ich mein vegetatives Zentrum im Bauch stabilisieren. 

 

Essbesteck gibt es nicht. Ich gehe mit meinem Teller zum Tresen. Lobe die Brühwurst und bestelle eine Rotwurst. Die Tätowierte verzieht keine Miene, sagt militärisch kurz: „2.10“. Ich bin heilfroh, dass ich passendes Geld habe.

 

„Was führt dich in den Osten?“, fragt der Saatmann.

 

„Tango auf Rügen“, antworte ich.

 

Der Mann zuckt mit dem Kopf und macht eine ruckartige Bewegung mit dem Oberkörper zur Seite, als wollte er dem Anflug einer Hornisse ausweichen. Das soll wohl englischer Tango sein.

 

„Mitten in der Woche!?“, fragt er. 

 

Muss ich mich jetzt rechtfertigen?

 

„Hartz IV und Tango?“

 

Ich bin niemanden Rechenschaft schuldig.

 

Der Saatmann nimmt es gelassen. Er warnt mich vor den Blitzern in Langsdorf und Böhlendorf. 

 

„Ich nehme doch die Autobahn!“, erwidere ich. „Seit wann gibt es auf der A 20 Blitzer?“

 

„Du liest wohl keine Zeitung?“, sagt der Saatmann.

 

„Leider ja,“ antworte ich, „aber offensichtlich die falschen Artikel.“

 

Vom A-20-Krater bei Tribsees habe ich nichts gehört. Der Saatmann ist erstaunt über meine Unwissenheit. Ein Teilstück der neuen Autobahn sei abgesackt. Deshalb gebe es eine Umleitungsstrecke, die sich als Goldgrube für die Behörden erwiesen habe. 300 Mal täglich werde geblitzt. Das sind über 100000 Verwarn- und Bußgeldverfahren im Jahr. Der Landkreis habe das Personal verdoppeln müssen. Während mich der Saatmann auf den neusten Stand norddeutscher Straßenverhältnisse bringt, spüre ich ein Zwicken im Bauch. Die zweite Wurst war des Guten zu viel. Ich schaue zu der Tätowierten hinter dem Tresen. Soll ich die Wurst essen, obwohl ich satt bin? Soll ich die Wurst hinter meinem Rücken aus der Tankstelle schmuggeln und Tobit schenken? Ich finde, ein gewisses Maß an Anpassung gehört zu den angemessenen Verhaltensweisen in einem fremden Bundesland und verzehre vor den Augen der Tätowierten, der zehn Männer und dem Saatmann die Wurst.

 

Dann steige ich zu Undine ins Auto. Ungeblitzt fahren wir an Stralsund vorbei, nehmen die im Jahr 2007 eröffnete große Rügenbrücke und befinden uns in Nebelheim. Wir passieren Garz mit dem Ernst-Moritz-Arndt-Museum und erreichen unser Hotel. Die Hotelfachfrau an der Rezeption empfängt uns überschwänglich mit den Worten: 

 

„Schön, dass wir uns einmal persönlich sehen!“

 

Am Abend beginnt der Kurs. Schritte alter Meister im Nebelmeer: Antonio Todaro wurde im Jahr 1929 geboren. Juan Carlos Copes erblickte 1931 das Licht der Welt. Mein Vater war das Kind in der Mitte: In seinem Geburtsjahr 1930 putschte das Militär in Argentinien und es begann das „berüchtigte Jahrzehnt“ („década infame“) wie die Dreißiger Jahre später genannt werden sollten. Auswanderung, Flucht, Vertreibung gehören zur Geschichte des Tango. Mein Vater flüchtete aus Sagan/Schlesien, meine Mutter aus Königsberg. 1947 begegnen sie sich zum ersten Mal in einer Oldenburger Tanzschule von Peter Witte. Einmal in der Woche räumte der Lehrer sein Wohnzimmer aus, damit hier geübt werden konnte.

 

Der Vater neigte nicht zu Sentimentalitäten. Geschichten aus seinem Leben hielt er unter Verschluss. Als er einmal von der ersten Begegnung mit der Mutter in jenem Oldenburger Zimmer erzählen wollte, verschlug es ihm den Atem. Tränen standen in seinen Augen. 

 

Ricardo erzählt von seinen Lehrern. Er legt die Tangos der alten Meister auf und zeigt uns einige ihrer Schritte. Wir gehen in ihren Spuren, und sie sind uns nicht zu groß, denn wir gehen sie, wie es jedem von uns möglich ist. Der wahre Meister erdrückt nicht durch sein Vorbild. Er freut sich vielmehr an unseren Übungen. Ist alles Lernen ein In-Spuren-Gehen, eine Nachahmung des Vorbildes, eine Annäherung an ein Ideal? So war es einst in aller Pädagogik und so wird es immer sein. Väter, Mütter, Lehrerinnen und Lehrer sind Vorbilder. Sie geben eine Richtung vor. Sie schenken Orientierung. 

 

Antonio Todaro begann 1948 Tango zu tanzen. Er lernte mit anderen Jungs. So war es üblich. Denn erst mit einiger Erfahrung trauten sich die Tänzer, ein Mädchen aufzufordern. Wir tanzen nicht nur Schritte alter Meister, wir erleben ihr Werden und Wirken. Wir hören einen Bericht von Antonio Todaro, und ich frage mich, warum mich diese Geschichte aus längst vergangener Zeit berührt:

 

„In den Übungsstunden tanzte ich mit einem, und dann tanzte er mit mir. Es gab keine Lehrer, es gab niemanden, der sich um den Unterricht kümmert, wie das heute in einigen Salons der Fall ist. Wenn einer gut tanzte, schauten die anderen nicht mal hin, wenn er anfing. Sie machten sich ans Tanzen und übten untereinander. Die Anfänger übten untereinander. Schritt für Schritt, später ging es voran.

 

In meinem Fall war das so: Ich kam in den Club, setzte mich hin und schaute und schaute, und eines Tages kam ein Junge zu mir und sagte: Komm, komm! und fing an, es mir beizubringen. Heute, wo ich den Tanz beherrschte, muss ich sagen, dieser Bursche wusste noch nicht einmal, wie der Tango heißt, aber er ließ mich zum ersten Mal vom Stuhl aufstehen. Jahre später musste er Eintritt zahlen, um mich tanzen zu sehen. Denn ich machte Fortschritte, und wenn ich aufhörte zu arbeiten - ich war Maurer - hatte ich nur noch den Tango im Kopf.“

 

Die Anfänger tanzten in Vereinen, so hören wir. Wenn sie es sich leisten konnten, besuchten sie eine Schule, für deutsche Ohren etwas großspurig Akademie genannt. Hier unterrichtete ein Lehrer mit drei oder vier Tänzerinnen, mit denen die Jungen das Führen üben konnten. Um den Mädchen in den Salons imponieren zu können, musste man gut tanzen können. Antonio Todaro übte nach seiner Arbeit jeden Tag vier oder fünf Stunden lang. Abends, wenn er im Bett lag und zur Decke schaute, sah er sich tanzen. Er schaute neue Figuren und übte sie am kommenden Tag. Todaro erlebte den Tango als Berufung. Eine Berufung geschieht unmittelbar. Nicht der Tänzer entscheidet sich für den Tango. Der Tango entscheidet sich für den Tänzer. Und er macht dies in höchst vielfältiger Weise. Das ist vielleicht das Geheimnis aller Berührung, meint Richard.

 

„Der Tango berührt,“ sagte Todaro in seinem Todesjahr, „er ist ein schöner Tanz und man lernt nie aus. Keiner kann von sich behaupten, er wüßte alles. Er ist der beste Tanz. Ich lerne ihn schon seit 45 Jahren, das heißt doch, ich liebe ihn, er ist meine Leidenschaft. Mit 40 Jahren kann man nicht mehr Fußball spielen, aber ich kann mit 64 noch tanzen und lerne noch dazu. Fußball ist für eine begrenzte Lebenszeit. Der Tango ist für immer.“ 

 

Antonio Todaro und mein Vater hätten sich begegnen können. In Berlin auf einem der vielen Kurse, die Antonio Todaro gab. Sie hätten sich gewiss verstanden. Todaro war Maurer. Der Vater Elektriker. Ohne Strom wird es im Haus unwohnlich. Wie die Berufe, so ergänzten sich die Charaktere. Der große Meister des Tango und mein Vater mieden unnütze Worte und sprachen nicht während der Arbeit und nicht beim Tanz. 

 

Juan Carlos Copes, so erfahren wir, hatte ebenfalls mit siebzehn Jahren die Frau seines Lebens kennengelernt. Das war im Club „Estrella de Maldonado“. Sie hieß María Nieves und fand, er tanze so schlecht, dass er sich erst einmal wieder zurückzog und unter Männern übte, bis er sich ihr wieder zu nähern wagte. Copes und Nieves erlebten eine lange Karriere. Sie blieben auf der Bühne ein Paar, als er die Beziehung längst aufgekündigt hatte. Carmencita Calderón, die letzte Tanzpartnerin des legendären Cachafaz (Benito Bianquet), hielt Juan Carlos Copes für den größten Tänzer seiner Zeit. In einem Gespräch (1993) sagte sie: 

 

„Für mich ist Copes der beste Tänzer, den es gibt. Heute gibt es keinen anderen. Man sagt, der Virulazo wäre sehr gut. Aber Virulazo konnte nicht mehr als die Corrida, die er vom Cacha übernommen hatte. Er war ein Mann von 120 Kilo, er konnte sich nicht mit dem Cacha messen.“

 

Todaro hatte viele Tanzpartnerinnen. Die letzte war seine Tochter. „Es wäre natürlich besser gewesen, immer mit der gleichen zu tanzen. Je mehr Jahre man zusammen ist, desto besser kennt man sich im Tanz. Wenn er die Luft einzieht, weiß die Frau schon, was der Mann tun wird. Die Partnerin muß eine gute Tänzerin sein. Ich habe meine Partnerinnen selbst unterrichtet.“

 

Der Vater hatte es gerne, wenn wir ihn um einen Ratschlag baten. Auch Antonio Todaro wünschte sich einen Dialog mit der jungen Generation. Er hatte in den Jahren des Vergessens die Erinnerung an den Tango bewahrt, war nun ein reifer Mann geworden und suchte nach jungen Menschen, denen er sein Erbe anvertrauen konnte. Da kam Richard nach Buenos Aires. Todaro fand einen Schüler, der den Stil der Meister tanzen lernen wollte.

 

Wie der Vater, so besaßen die alten Meister das Tränencharisma. Das ist die Gabe zu weinen. Nicht vor Schmerz, nicht vor Glück, nicht aus Trauer, nicht vor Freude. Die Tränen fließen, weil sich plötzlich das Erhabene offenbart und unsere Seele berührt. Nicht wir weinen, es weint in uns. In Juan Carlos Copes eigenen Worten erfahren wir die Essenz des Tango, das Erbe der Väter:

 

„Als ich schon längst anerkannter Milonguero war, das heißt schon alle Tricks kannte, einschließlich der Kostümierung und allem Drum und Dran, da gab es immer noch Tangos, bei denen mir je nach dem, mit wem ich tanzte, die Tränen kamen. Das ist es, was ich eine wunderbare Beklemmung nenne. Das Mädchen, das bei mir war - ich war nie ein weicher Typ, ich wirke eher hart - sie hat es gesehen und so hingenommen. Denn sie wusste in diesem Moment, dass da der Tango zwischen uns beiden war. Mir ist das oft passiert. Wenn mir die Frau mit ihren Bewegungen so gut antwortete, dass wir auf einer großen Tanzfläche wie eine einzige Person waren, dann fühlte ich mich vollkommen durchdrungen von diesem Gefühl.

 

Du trugst also diesen Tango in dir, diese Musik, von der du besessen warst. Es war wie eine Droge, denn ich fühlte mich in einer anderen Welt. Und in diesem Moment war es mir gleichgültig, ob das Mädchen an meiner Seite hübsch oder häßlich war, ob sie lahmte, ob ihr ein Arm fehlte oder ein Auge. Mir war alles egal. Es war einfach etwas Erhabenes, und ich glaubte, beide teilten sich das. Es war ein Ritus. So sah ich das. Auch wenn all die Leute sagten, um Tanguero zu sein, also Tango-Tänzer oder -Sänger, müsse man saufen, müsse man spielen, müsse man Gigolo sein oder drogenabhängig. Ich entdeckte, dass die andere Seite des Tangos davon nichts brauchte - und ich war ein glühender Verehrer des Tango.“ 

 

Todaro wurde 64 Jahre alt. Der Vater 75 Jahre. Am letzten Tag unseres Seminars hätte er seinen 88. Geburtstag gefeiert. Undine und ich gehen ans Meer, das er so liebte. Dicke Eischollen türmen sich am Strand. Die Steine tragen hohe Mützen aus Schnee. Kleine Eisbrocken wabern  auf den Wellen. Möwen lachen. 

 

Abends tanzen wir die Schritte alter Meister nach der Musik von gestern. Sie ist die Musik von morgen, denn in ihr ist die Zeit aufgehoben. Wir tanzen die Musik der Zukunft und spüren die Vergangenheit in unserer Mitte wie schwebende Hologramme. Da ist der Vater, da tanzt Todaro, da Copes, da Carmencita: Sie lächelt und nickt mir zu. Da weiß ich, dass ich eine Tänzerseele habe. 

 

Wir fahren in das kleine Dorf Hagen. Es ist Ausgangspunkt für Wanderungen zur Stubbenkammer. Hier malte Caspar David Friedrich den „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818). Bald verweilen wir am Steilhang der Victoria-Aussicht. Ich stehe auf einer kleinen Aussichtsplattform hoch über der Ostsee. Unter mir branden die Wellen sanft an den Strand. Caspar Davids Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“ ist ein Hochzeitsbild. Die Bäume sind so arrangiert, dass sie die Form eines Herzens bilden. Noch immer ist die kleine Stubbenkammer ein Ort romantischer Gefühle. Denn alle Lust will Ewigkeit, währt aber in der Regel nur kurze Zeit. Das beweisen sogenannte Liebesschlösser mit eingravierten Namen. Sie hängen am Maschendrahtzaun neben einem Schild mit der Aufschrift „Betreten auf eigene Gefahr“. Gemeint ist nicht der Garten der Liebe, sondern der kleine Überhang, von dem aus der Blick in jene Tiefe der bizarren Kreideformation geht, wo die kleinen Schlüssel liegen.

 

Caspar David Friedrich war ein Einzelgänger. In der Dresdener Akademie lernte er die 19 Jahre jüngere Caroline Bommer (1793-1847) bei einem Tableau vivant kennen. „Lebende Bilder“ nannte man die Darstellung von Werken der Malerei oder Plastik durch eine Gruppe von Menschen. Die Dresdener Künstler veranstalteten zuweilen solche Standbilder, und zu den Darstellerinnen gehörte Caroline Bommer. Im Januar 1818 heiratete sie den damals recht gefragten Maler und fuhr im Sommer des Jahres mit ihm nach Rügen.

 

„Führten sie eine glückliche Ehe?“, frage ich Undine. 

 

Caspar David Friedrichs Thema ist das Scheitern. Als Kind hatte er erlebt, wie sein Bruder beim Schlittschuhlaufen im Eis einbrach und von der Tiefe verschlungen wurde. Nie war der Künstler mit dem Erreichten zufrieden. Er malte Totenlandschaften und auch sein eigenes Grab. Ein Selbstmordversuch war gescheitert. Zudem hatte der Einzelgänger ein düsteres Naturell, das sich auch in seinen Gesichtszügen ausdrückte. Das Selbstbildnis, das zur Zeit seiner Hochzeit entstand, zeigt einen Mann, vor dessen finsterem Blick Kinder Angst haben mussten.

 

Caspar David Friedrichs Arbeiten kamen aus der Mode. Der russische Dichter und Übersetzer Wassili Andrejewitsch Shukowski gehörte zu den wenigen Besuchern, die noch Bilder von ihm erstanden. „Zu Friedrich. Traurige Ruine. Er weinte wie ein Kind“, notiert der russische Sammler in sein Tagebuch. Friedrich hatte einen Schlaganfall erlitten, der seine späten Jahre überschattete. Seine Ehe war unglücklich, obwohl Caroline Bommer einfühlsam und geduldig mit ihm umging. Der Maler durchlitt immer wieder schwere depressive Phasen. Dann fühlte er sich verfolgt, glaubte, seine Frau betrüge ihn. Er wurde gegen sie und die Kinder gewalttätig. Noch zu Lebzeiten war er vergessen.

 

Wir bleiben noch einige Tage und besuchen die Insel-Milonga in Putbus. Anne und Philipp leiten die kleine Gruppe, die sich jeden Montag im Circus 3 trifft. In Putbus machen wir an einem Wildgatter Halt. Eine große Herde von Hirschen tritt zutraulich ans Gatter und lässt sich mit Kastanien füttern. Unter ihnen fällt eine weiße Hindin auf. Neben dem Gatter befindet sich die Schlosskirche. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in dem ehemaligen Kursalon des Schlosses errichtet. Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus (1783-1854) ließ im Jahr 1817 einen Speise- und Gesellschaftssalon für Badegäste bauen. 1844, im Geburtsjahr Nietzsches, wurde der alte Salon abgebrochen und ein neuer Kursalon mit Tanz- und Spielsälen, Wirtschaftsräumen und einer Konditorei errichtet. Fürst Wilhelm zu Putbus (1833-1907) führte 1891 den Umbau dieses Kursalons in ein Gotteshaus durch. Das Schloss des Fürsten Malte wurde 1962 gesprengt, die Steine abgetragen. Von der Anlage erhalten blieb nur die Seeterrasse. Sie ist umrandet von Büschen und Bäumen.

 

Pastor Georg Hildebrandt ist heute für die Schlosskirche zuständig. An die Glasscheiben der Eingangstür hat er einen Computerausdruck des Monatsspruch für März 2018 geheftet. Über einem Büschel blauer Perlblumen im Schnee ist zu lesen: 

 

„Jesus spricht: es ist vollbracht!“ (Johannes 19. 30)

 

Unter diesem Sterbewort Jesu findet sich der Hinweis:

 

„Kirche geschlossen.“

 

Der Circus ist ein kreisrunder Platz in der Mitte der Planstadt Putbus. Acht Straßen laufen auf ihm zusammen. Warum acht Straßen? Der Circus sei ein Achtort oder eine Stätte der Achtsamkeit, erfahren wir. Der Obelisk ein Energiezentrum. Überall in Putbus finden sich Symbole der Freimaurer. Freimaurer seien Menschen, die an sich arbeiten, gleichsam den Tempel einer neuen humanitären Gesinnung mauern. Die Milonga findet im Saal des Freimauerhauses stand. Wir betreten ihn über den Hinterhof und werden im Eingang von einem Portrait Ferdinand Hasenbalgs (1793-1852) begrüßt. Undine studiert die Informationstafel des „Professor Hasenbalg e.V.“ und sagt:

 

„Hasenbalg war ein Schulmeister. Fürst Malte übertrug ihm die Leitung des neu gegründeten Pädagogiums.“

 

Wir tanzen unter einem Sternenzelt. Unter der Decke hängt eine kreisrunde Holzplatte von etwa drei Metern Durchmesser. Sie kann über eine Vorrichtung bewegt und gesenkt werden. Wahrscheinlich ist sie Teil eines Einweihungsrituals. Die Sterne werden durch viele winzige Lämpchen symbolisiert. Dargestellt sei der Himmel über Putbus am 24. Juni, dem Johannistag. Die kleine Tangogemeinde ist Gast der 1847 gegründeten „Johannisloge Rugia zur Hoffnung“. Die Loge zählt zehn Mitglieder. Ausschließlich Männer natürlich, wie es der alte Brauch vorschreibt. Frauen mögen ihre Geheimnisse haben, doch Geheimbünde sind Männersache. Warum eigentlich?

 

Putbus liegt weit ab von allen Tangoszenen. Einen Lehrer hat die kleine Tangogemeinde nicht. Doch auch ohne Missionar blüht und wächst hier der Glaube an den Geist des Tango. Man übt sich in beiden Rollen von Führen und Folgen, trainiert das Gehen und die Ochos. Getanzt wird mit großer Begeisterung und erfüllt von jenem Zauber, der allem Anfang innewohnt. So muss der Tango in den Hafenvierteln von Buenos Aires einst begonnen haben: Egal ob im Rhythmus oder scharf daneben - es regierte die Freude an der Bewegung, der Erprobung neuer Figuren und die Lust auf eine Paarbeziehung. Im Sommer kommen Feriengäste und tanzen unter dem Johannishimmel, sagt Anne. Zuweilen werden auch Lehrer vom Festland eingeladen. Nicole und Luis waren hier. Hieß so nicht die Frau, der Richard vor Jahrzehnten in Buneos Aires begegnete?