Weltuntergänge:

Evita Perón, Carlos Gardel und ein Hund 

 

 

 

 

 

Undines Hund heißt Tobit. Aber in seinem Hundepass steht der Name Barry, denn er stammt aus einem B-Wurf. Wenn wir gemeinsam auf Tangoreisen gehen, ist Undines Hund immer dabei. Er liebt Tango. Wenn diese Musik erklingt, legt er sich ohne Aufforderung an den Rand der Tanzfläche. Sein Kopf ruht auf der rechten Pfote, und aus seinen schwarzen Augen beobachtet er den Tanzfluss. Dass Undines Tangohund ausgerechnet bei unserer Reise in die Schweiz zu Hause bleiben muss, ist ihm nur recht. Denn so kann er wieder einmal bei seinem Freund Bernd Urlaub machen. Musik mag er, Museumsbesuche nicht. Wir aber wollen Barrys Namensgeber besuchen und in Bern Tango tanzen. 

 

Barry, der Bernhardiner, rettete vielen Menschen das Leben. Nach seinem Tod wurde er ausgestopft. Das ist bei Heiligen nicht ungewöhnlich. Der Leichnam von Carlos Gardel wurde nach seinem tödlichen Unfall konserviert. Pius X., der erste Tangopapst,  wurde einbalsamiert.

 

Wir sind im Totenmonat November nach Bern gekommen, um die neue Ausstellung mit dem Schweizer Wunderhund zu sehen. Unser kleines Hotel liegt am Bärengraben. Der Bär ist das Wahrzeichen von Bern. Hinter der Nydeckbrücke befindet sich der großen Bärengraben. Jedes Mal, wenn Undine und ich Bern besuchen, statten wir den Braunbären unseren Antrittsbesuch ab. Jetzt ist der Bärengraben leer. Auf einer Informationstafel erfahren wir, dass die Bären Winterschlaf halten. Winterschlaf, meint Undine, sei eine gute Möglichkeit, unbequeme Zeiten einfach zu verschlafen.

 

Eigentlich wollte ich eine Nacht im Bellevue Palace buchen. Doch unser Budget reichte nur für zwei Tassen heiße Schokolade und zwei Stücke Rüblitorte. Der Prachtbau beherbergt Zimmer und Suiten mit atemberaubender Aussicht auf die Berner Alpen. Im Bellevue Palace oberhalb der Aare werden Staatsgäste untergebracht. Hier residierte im Jahr 1947 Evita Perón (1919-1952) auf ihrer Werbetour für die Politik ihres Mannes, des argentinischen Präsidenten Juan Perón. Evitas Mutter hatte fünf uneheliche Kinder. Ihre Tochter verließ Geschwister und Mutter und kam mit fünfzehn Jahren in das berüchtigte Hafenviertel La Boca, wo sie sich als Tangotänzerin durchschlug. In La Boca befindet sich heute ihre Skulptur neben Carlos Gardel und Diego Maradona. Evita Perón engagierte sich an der Seite ihres Mannes für die Armen im Lande, scheute nicht den Kontakt zu Kranken und Aussätzigen und wurde so zu einer Ikone. In jungen Jahren starb sie an Krebs. Auch ihr Leichnam wurde konserviert und öffentlich ausgestellt. Nach dem Sturz ihres Mannes befürchteten Evitas Verehrer eine Schändung des Leichnams. So wurde er außer Landes gebracht und kehrte erst 1976 nach Buenos Aires zurück, wo er in sechs Metern Tiefe unter einer Stahlplatte sicher vor Diebstahl ruht.

 

In einer der zahlreichen Verfilmungen ihres Lebens bewegt sich Madonna in der Rolle der Evita Perón zu einem berühmten Lied von Carlos Gardel. Dass Evita nach „Por una Cabeza“ getanzt hat, ist sehr unwahrscheinlich. Denn Argentinien lauscht, wenn Gardel singt. Carlos Gardels letzter Auftritt fand am 23. Juni 1935 im Teatro Real von Bogotá statt. Er verabschiedete sich von dem Publikum mit dem Lied „Tomo y obligo“. Darin wird von einem verlassenen Mann erzählt, der seine Trauer und Wut mit Alkohol herunterspült. Ein echter Mann weint seiner Frau keine Träne nach, singt Carlos Gardel („un hombre macho no debe llorar“). Dann spricht er einen letzten Gruß: „Ich werde jetzt bald wieder meine alte Mutter sehen. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal hierherkommen werde, denn der Mensch denkt, Gott lenkt.“ 

 

So ist es. Am 24. Juni begibt er sich mit seinen Mitarbeitern auf den Bogotáer Flughafen Techo. Das Flugzeug hebt sich in die Luft und fliegt in Richtung Cali. Auf dem Olaya-Herrara-Flugplatz von Medellin findet eine planmäßige Zwischenlandung statt. Beim Start des Maschine kommt es zur Katastrophe. Gardels Flugzeug prallt mit einem anderen zusammen. Beide Fahrzeuge gehen in Flammen auf. Carlos Gardels Leichnam wird einbalsamiert. So kann er auf langen Wegen durch Kolumbien befördert werden. In der Hafenstadt Buenaventura wird sein Sarg nach New York eingeschifft. Acht Tage hält man dort zur Erinnerung an den Sänger die Totenwache. Dann wird er wieder auf einem Schiff zu einer Trauerfeier nach Montevideo gebracht und erreicht am 5. Februar 1936 Buneos Aires. 

 

Auf der großen Trauerfeier im Luna-Park-Station spielen die Orchester Francisco Canaro und Roberto Firpo zwei Mal Gardels Lied „Silencio“ („Stille“). Robert Maida singt diese Hymne an das Leben und Überleben in der Liebe: 

 

„Stille der Nacht. 

Alles ist ruhig. 

Stille der Nacht. 

Stille in den Seelen.“ 

 

„Silencio en la noche, 

ya todo esta en calma

Silencio en la noche, 

silencio en las almas.“

 

Carlos Gardel starb auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Sein Leichnam kam in einer Gruft auf dem La Chacarita-Friedhof vorläufig zur Ruhe, bis er ein Jahr später in ein Mausoleum überführt wurde, das seine Mutter für sich und ihren Sohn hatte bauen lassen.

 

Barrys Schrein steht im Berner Naturhistorischem Museum. Auf der linken Seite des Hotel Bellevue Palace führt eine Brücke über die Aare zu diesem Heiligtum. 

 

Über 40 Menschen hat Barry das Leben gerettet. Über seinen Tod gibt es widersprüchliche Berichte. Eine recht alte Überlieferung besagt, dass er auf dem Gipfel seiner Karriere irrtümlich von einem Jäger erschossen wurde. Der Mann hatte den großen Hund mit einem Wolf verwechselt. Dieser tragische Tod des gutmütigen Tieres passte gut zur Legende des Nationalhelden. Ein anderer Bericht glaubt zu wissen: Nachdem er vielen Menschen das Leben gerettet hatte, verließ Barry im Jahre 1812 das Hospiz auf der Passhöhe des Großen St. Bernhard und fraß sein Gnadenbrot in Bern. 

 

Im Berner Naturhistorischem Museum stoßen wir auf die Sonderausstellung „Weltuntergang Ende ohne Ende - Apocalypse Une fin sans fin“. Die Aussicht auf den Weltuntergang, meinen die Ausstellungsmacher, könne die Lebenslust beflügeln.

 

„Der Tanz auf dem Vulkan ist zur Selbstverständlichkeit geworden.“ Undine liest die Texte der kleinen Schautafeln vor. Die Filmausschnitte kann ich auch ohne Brille sehen. Zarah Leander singt vor deutschen Soldaten „Davon geht die Welt nicht unter“ und  „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n…“

 

„Das große Sterben“ im nächsten Raum lässt mich kalt. Ich bin schon lange aus dem Dinosaurier-Alter ’raus. Fünf Mal habe es in der Erdgeschichte ein Massensterben gegeben. Sind Artensterben und Klimaerwärmungen also der Normalfall? 

 

Was bleiben wird: Plastiglomerate wie die Ausstellungsstücke aus Hawai. Gesteine aus geschmolzenem Plastik, Basaltlava, verkohlten Pflanzenresten, Korallenbruchstücken und Sandkörnern. 

 

Was bleiben wird: Betongeröll wie die Bunker des Atlantikwalls. Jährlich werden weltweit 25 Milliarden Tonnen Beton gemischt. Das künstliche Gestein aus Zement, Wasser, Sand und Kies ist auf dem ganzen Planeten zu finden. Es wird Millionen von Jahren überdauern. 

 

Was bleiben wird: Hühnerknochen. Jedes Jahr schlachten die Menschen über 60 Milliarden Hühner und hinterlassen die Knochen ihres häuftigsten Haustiers fast überall auf der Erde. Vielleicht werden Hühnerknochen zu den wichtigsten Zeugen unseres Gewesenseins zählen?

 

Weltuntergänge gibt es viele. Gewiss sei nur einer: Die Sonne wird sich zu einem Roten Riesen aufblähen, die Erde verbrennen und danach zu einem Weißen Zwerg verkommen.

 

Bis zum großen Finale, liest Undine, dauere es noch 4,6 Milliarden Jahre. Doch bereits in rund zwei Milliarden Jahren werde es auf der Erde so heiß, dass alles Leben erlösche. 4,6 Milliarden Jahre sind eine relativ lange Zeit, sage ich. Der Tango ist gerade mal 100 Jahre alt, die Apokalypse des Johannes wird Ende des 21. Jahrhunderts 2000 Jahre alt. Weil kein Ausstellungsbesucher die letzten Tage der Menschheit erleben wird und weil in der Schweiz gleiches Recht für alle gilt, haben findige Museumspädagoginnen den Tag X multimedial erlebbar gemacht. Undine tritt in einen sehr schwach beleuchteten Raum. Die Spiegelfronten zu beiden Seiten laufen spitz aufeinander zu. Aufrechten Ganges schreitet Undine ins Äußerste: Da erstrahlen von der Decke tausende kleiner Glühlampen. Licht. Wärme. Hier im Letzten angelangt, bricht sich die Gestalt in den Spiegeln. Ein Undinen-Reigen im Licht. Und alle tragen eine weiße Bluse und darüber ein rosa Strickjäckchen!

 

Doch weil dieser letzte aller letzten Tage noch sehr weit weg ist, vielleicht viel weiter als 4, 6 Milliarden Jahre, darf Undine nach unserem Berner Ausflug weiter zu Schule gehen. Lehrer werden immer gebraucht, könnte man denken. Doch über die Bedeutung von Lehrern in der postapokalyptischen Welt herrscht kein Konsens unter den Wissenschaftlern. Sind Lehrer noch wichtig, wenn die Festen der Erde beben? Braucht es noch Erzieher, wenn es ums reine Überleben geht? Die Kultusminister in Deutschland stehen vor diesen letzten Fragen. Tausende von Flüchtlingskindern müssen beschult werden. Sie haben den Untergang ihrer Welt überlebt. Nun werden dringend Grundschullehrerinnen gesucht, und die Kultusminister stellen auch ohne Studium fast jeden Bewerber ein, der selbst einigermaßen lesen und schreiben kann.

 

Undine und ich stehen vor einer Schautafel von National Geographic. Das sind keine dummen Leute, behaupte ich. Aber unter den zehn Berufsfeldern in der postapokalyptischen Welt finden sich keine Pädagogen. Undine liest das Berufsranking für die Welt nach dem Artensterben und dem Schmelzen der Polkappen vor: Arzt, Ingenieur, Soldat, Landwirt, Fischer, Waffenproduzent, Survial-Experte, Zahnarzt, Fachfrau für Lederverarbeitung und an achter Stelle - Prostituierte. 

 

Das letzte große Aufglühen der Sonne zur Supernova und ihre Verwandlung in ein schwarzes Loch mag in weiter Ferne liegen. Eines ist gewiss: Die Adventszeit steht vor den Türen des Herzens. Advent ist Weltuntergang. Ende. Aus. Feierabend. Und dann plötzlich Licht! Barry steht mit Stachelhalsband und Fässchen in einem goldenen Schrein. Um dieses Zentralheiligtum haben Erlebnispädagogen eine interaktive Alpenlandschaft errichtet. Auf einem schneebedeckten Berg aus dicker Pappe steht das Hospiz. Mönche haben es einst errichtet, um den Reisenden Schutz, Unterkunft und eine freie Mahlzeit zu bieten. Hier oben auf dem Großen St. Bernhard lebten Barry und seine Eidgenossen.

 

„Ruf Barry!“ steht über einem Mikrophon. Undine macht den Test und ruft „Tobit!“ Nichts geschieht. Sie ruft: „Bambilo!“ Wieder geschieht nichts. Dann aber nennt sie den Namen des Heiligen Hundes. Ein fröhliches Bellen erklingt und Barry rollt über den Schnee. Auf seinem Rücken trägt er ein Mädchen, dass er vor dem Tod durch Erfrieren bewahrt hat. Er läuft auf das Hospiz zu. Eine Türglocke erklingt. Das Kind ist gerettet. Undine zitiert einige Verse:

 

„… schwer ermüdet, wankt

Der große Hund in die Kapelle;

Er dreht die Augen rings, er schwankt,

Ihm hängt das Eis vom zott'gen Felle,

Auf seinem Rücken liegt ein Kind,

Ein armes Knäbchen, schier erfroren:

Voll Reifen seine Löckchen sind;

Die Hände hat es eingeklemmt

In seines Trägers rauhe Ohren,

Mit schwachen Beinchen sich gestemmt

Um Barrys Leib: in Angst verloren,

Wagt's nicht zu schrein, nur allgemach

Ein Tränchen rinnt dem andern nach.“

 

 

Dann schaut mich Undine an und fragt: „Wer hat’s erfunden?“ Ich tippe auf Conrad Ferdinand Meyer. Voll daneben, lacht Undine. Aber Balladendichter sei nicht falsch. Deshalb brauche ich auch nicht Jeremias Gotthelf oder Gottfried Keller zu nennen. Meersburg und Münster, sagt Undine, Haus Rüschhaus, Burg Droste-Hülshoff. Na klar: Wer hat’s erfunden? Annette von Droste Hülshoff hat diese Ballade vom Hospiz auf dem Großen St. Bernhard geschrieben! Aber warum haben die Ausstellungsmacher aus dem „Knäbchen“ ein Mädchen gemacht? Ist die Genderforschung zu neuen Ergebnissen gekommen? Hat sich die Droste also geirrt?

 

Heilige Hunde sind unsterblich. Ihre Reliquien sind wie alles Irdische dem Fraß der Motten und dem Zerfall ausgesetzt. Nach weiteren einhundert Jahren sah das Fell des Heiligen Barry ziemlich verlaust aus. Deshalb wurde es im Jahr 1923 ein zweites Mal präpariert und erhielt seine heutige Gestalt. Für  den rechten Umgang mit Reliquien bedarf es eines sechsten Sinnes. Das gilt auch im Tango. „Reliquias Porteñas“ (1938) heißt eine berühmte Milonga von Francisco Canaro. Das Stück kommt ohne Worte aus. Die Reliquien oder Erinnerungstücke der Hafenbewohner von Buenos Aires sind also immaterieller Art. Auch der Tango ist eine Ikone. Nicht die Musik ist heilig, nicht der Tanz, nicht die Musiker, nicht die Tänzer. Wie Barrys Fell sind sie Fenster in eine andere Welt. Ikonen der Herrlichkeit und Schönheit. „Reliquias“ nennt sich auch ein Label, das die großen Musiker und Komponisten der Goldenen Ära des Tangos auf CD presst.

 

Unter den Arkaden weht uns ein eiskalter Wind entgegen. Undine kuschelt sich an meine Rechte und hakt sich ein. So kehren wir erst einmal in die Wärmestube des Hotels Nydeck zurück. Hier ist es Undine entschieden zu warm. Sie öffnet die Fensterflügel für intensives Stoßlüften, das den winzigen Raum in Windeseile auf den Gefrierpunkt hinunterkühlt. Ich folge dem Vorbild der Braunbären vom Berner Bärengraben, schlüpfe ins Bett und kuschele mich in die Decke.  So geht Winterschlaf! Undine schließt die Fensterflügel und dreht die Heizung auf die höchste Stufe. Der flache Heizkörper ist schmal und gut zwei Meter hoch. Der  Wärmeregulator befindet sich knapp unter der Zimmerdecke. Wohnen wir in einem Zimmer für Riesen? Undine weiß sich zu helfen, steigt auf den einzigen Stuhl und dreht den Regulator auf. Während sie im winzigen Bad verschwindet, lege ich mir mein schwarzes T-Shirt über die Augen, platziere die Oropax und versinke in meine innere Welt. Ich höre noch, wie Undine die knarrende Badezimmer öffnet und etwas zu mir sagt. Durch den Schallschutz verstehe ich die Worte nicht, aber ich weiß, was jetzt geschieht: Undine steigt auf den Stuhl und dreht die Heizung ab. Vertrautheit ist etwas Wunderbares, denkt es in mir. Dann denkt nichts mehr.

 

„Samichlaus!“ Kaum liege ich im wohligen Schlummer, werde ich von Undine geweckt. Ich entferne meine Ohrenstöpsel und höre ihre aufgeregte Stimme: „Schau’ mal aus dem Fenster. Die ganze Gasse ist voller Samichläuse!“ 

 

In der Schweiz bin ich so weit inkulturiert, dass ich den Samichlaus kenne. So nennt man in Helvetien den Nikolaus. Knecht Ruprecht heißt hier Schmutzli.  Ich höre das Gejohle auf der Straße unter unserem Fenster, halte aber Undines Mitteilung für eine Fake-News. Ich habe das Datum des heutigen Tages vergessen. So viel ist aber gewiss: Bis zum Nikolaustag ist es mindestens noch eine Woche. Andererseits: Andere Länder, andere Sitten! Vielleicht haben die Schweizer den Nikolaustag vorgezogen, um die stressige Adventszeit von Terminen zu entlasten? Vielleicht wollen sich die Schweizer nicht von der Katholischen Kirche und ihrem Heiligenkalender vorschreiben lassen, wann sie Nikolaus feiern dürfen? Ich trete ans Fenster und staune über die endlosen Schlange der Samichläuse. Sie rennen und rennen. Warum nur? Wohin? Die laufenden Nikoläuse kehren um. Einige sind außer Puste, stärken sich mit Schnaps und begeben sich auf den Rückweg. Ich verliere schnell das Interesse an dem Treiben und lege mich wieder ins Bett. Es ist er einzige Ort in dem winzigen Zimmer, wo ich zwei Quadratmeter Platz für mich finde. Unsere Betten stehen hintereinander. Undine aber bleibt vor dem Fenster stehen und kommentiert den Zug: Hunde mit Nikolausmützen kommen, Mädchen mit Nikolausflügeln, Großväter mit leuchtenden Heiligenscheinen… Wahrscheinlich laufen sie für einen guten Zweck, sage ich und drehe mich auf meine Schlafseite. 

 

Unten im Hotel befindet sich eine Beiz. Heute zapft ein Tamile das Feldschlösschen-Bier. In die Welt des Berner Dialektes ist er so tief zu Hause, dass ich Mühe habe ihn zu verstehen, als ich ein Bier bestelle. Er fragt, ob ich eine Flasche oder Stange wolle. Was ist eine Stange? Kein Berndeutsch, sagt Undine. Der dunkelhäutige Mann weiß, was sich draußen auf der Straße abspielt: Santa Run heißt das Spektakel. Startgebühr 36 Franken. Dafür bekomme man ein Nikolauskostüm gestellt. Guter Zweck? „Nein, Santa Run ist just for fun!“, lacht der Mann und reicht mir die Stange.

 

Am Abend in der Tangolounge werde ich den Segen des Heiligen Barry spüren: Im ausgebauten Dachboden der Neuengasse 24 herrscht Frauenüberschuss.  Barry sei dank!!! Die Tänzerinnen kommen aus Fribourg, Neuchatel, Biel, aus Zürich und  Basel. So halte ich nicht die ganze Schweiz, aber doch einige Kantone im Arm. Wunderbare Tänzerinnen, die sich leicht schwebend führen lassen. Nur das Paar aus Buenos Aires fällt durch einen hölzernen Stil auf. Es sind Tanzlehrer auf dem Weg nach Luzern. Später werden sie in Deutschland und Italien unterrichten.

 

Wir tanzen in den Samstag. Heute werden die Weihnachtsmärkte eröffnet. Der Markt der Kunsthandwerker liegt am Berner Münster. Das Westportal zeigt, was Advent einmal war: Christus kommt wieder auf die Erde. So steht es noch heute im Glaubensbekenntnis. Aber wer kennt noch das Glaubensbekenntnis? Und wer glaubt noch, was er spricht, aber nicht mehr bekennt? Wie Ganymed ist Christus zum allliebenden Vater gegangen. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Dann werden Schafe und Böcke geschieden. 

 

Wie die Bären im Bärengraben befindet sich die Kirche im Winterschlaf. Das Figurenportal des Berner Weltgerichts liegt hinter einem Drahtverhau: Christus und das ganze Endzeit-Szenario hinter Gittern. Unter Himmel und Hölle sind die Verkaufsstände errichtet worden. Wir leben in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Da fragt man sich in der Kirche: Dürfen wir unseren muslimischen Flüchtlingen diesen Weltenrichter vor Augen führen? Ist er denn auch für Juden, Buddhisten und Atheisten zuständig? Zeigt nicht der militante Islam, wohin Weltgerichtsvorstellungen letztlich führen: Erwählte und Verworfene, Gläubige und Ungläubige, Gerechte und Ungerechte? Wer fühlt sich vor Gott schuldig? Wer bedarf der Sühne durch das Blut Christi?

 

Unter dem Berner Weltgericht lässt es sich gut shoppen. Wie schön, wie vielfältig, wie fantasievoll sind die vielen Produkte der Kunsthandwerkerinnen! Zum Glück ist unser Koffer ebenso voll wie die beiden großen Tragetaschen. Mehr brauchen wir nicht. Eigentlich brauchen wir nichts von dem, was hier angeboten wird, weil wir es schon besitzen oder gerade entsorgt haben. 

 

Eine Bratwurst würde mir jetzt gut tun. Gibt es auf Schweizer Weihnachtsmärkten keine Bratwürste? Die schweizerischste aller Würste ist die Cervelat. Sie wird auch Nationalwurst genannt. 160 Millionen Cervelat werden jährlich produziert. Im Durchschnitt isst jeder Schweizer 21 dieser Brühwürste im Jahr. Cervelat werden am 1. August zum Nationalfeiertag gegessen. Vielleicht ist ein Weihnachtsmarkt nicht der richtige Ort für ihren Verzehr? Undine meint, ich solle doch eine Speise von den zahlreichen asiatischen Verkaufsständen erwerben. Aber ich bin auf die Cervelat fixiert so wie auf Sprüngli-Pralinen oder Biberli zu anderer Zeit. Vor dem Coop verkauft ein Afghane dicke Cervelat. Undine verzichtet auf die Nationalwurst und kauft sich Öko-Brötchen mit Ziegenkäse. 

 

Der erste Advent ist gekommen. Auf den großen elektronischen Werbetafeln wechseln die Bilder im Sekundentakt. Wir schauen empor. Vom obersten Stockwerk erklingt ein Klavierspiel. „Sitzt dort jemand?“, fragt Undine. Ich kann keinen Spieler erkennen. Zwei große blaue Anzeigen fesseln meine Aufmerksamkeit. „Ausfall“ - „Ausfall“ - „Ausfall“ lese ich und „ca. 30 Min. später“. Advent heißt Ankunft. Viele Züge kommen nicht rechtzeitig an. Manche fallen aus. Hildesheim liegt an der Bahnstrecke von Interlaken nach Berlin. Da gibt es einen durchgehenden Zug. Aber weil vor zwei Tagen ein ICE im Bahnhof von Basel aus den Gleisen gesprungen ist, müssen wir hier umsteigen. Am Ende kommen wir mit 87 Minuten Verspätung in Hildesheim an.