Sonne, Mond und Sterne tanzen: 

Die grosse Herrlichkeit

 

 

 

 

 

 

Tango wie in der Toskana. Die LPG Fortschritt liegt auf einem Hügel in der Nähe von Schnellroda. Im Vorjahr hat ein Brand Teile der Anlage zerstört. Nun strahlen die renovierten Gebäude in mediteranem Charme. Nach der Wende wechselte mit dem Besitzer der Name. Die Schweineställe wurden zu Fremdenzimmern umgebaut, aus dem großen Kuhstall wurde ein Tanzsaal. Mit dem erneuten Besitzerwechsel kehrte der ursprüngliche Name wieder. Anton kam aus dem Rheinland und wollte vor den Toren von Halle ein Begegnungszentrum aufbauen. LPG Fortschritt fand er cool und seine Gäste offenbar auch. Tango ist nicht nur ein Tanz für Grenzgänger, er passierte ohne Kontrolle den Eisernen Vorhang. „Tango, das ist etwas zwischen Mann und Frau. Ein Tango passiert oder er passiert nicht und auch wenn er nicht passiert, ist das ein Tango“, so heißt es in dem DEFA-Dokumentarfilm  „Tango-Traum“ (1985) von Helke Misselwitz.

 

Undine und ich sind wieder in Ostdeutschland oder Mitteldeutschland wie es in den Dörfern um Schnellroda genannt wird. Tango wird in diesem Jahrhundertsommer eine Herausforderung für Geist und Körper. Die Hitze ist unerträglich. Im Speisesaal mit angebautem Wintergarten steht die Luft bei gefühlten 50 Grad. Zum Glück gibt es einen gepflasterten Innenhof mit einem Tanzzelt. Hinter dem Tanzsaal liegt der Naturbadeteich. Herrlich! Hier will Undine Kühlung finden, bevor die Milonga beginnt. Einen Bikini hat sie schon angelegt. Die Augen vieler Frauen richten sich auf ihn. Einige Tänzerinnen schütteln mit dem Kopf. 

 

„Stimmt etwas nicht?“, fragt Undine. Das Wasser sei wegen der lang andauernden Hitze umgekippt, erfahren wir. Gefährlich sei das Schwimmen zwischen Blaualgen nicht, wenn man das Wasser nicht trinke. Ich möchte einmal umgekipptes Wasser sehen und so machen wir uns auf den Weg.

 

Im Naturbadeteich tummelt sich eine Tänzerin zwischen Blaualgen. 

 

„Wer ist die Schwimmerin?“, fragen wir uns. 

„Alice!“, ruft eine junge Frau. Die Schwimmerin steigt ans Ufer und nimmt das ihr gereichte Badetuch.

 

Alle Gäste suchen jetzt Zuflucht im Schatten der Mauern. In kleinen Sitzgruppen werden bei frischen Salaten und einer Curry-Mango-Möhren-Suppe hitzige Themen diskutiert: Das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft in der Vorrunde der Fußballweltmeisterschaft, der Streit in der CDU/CSU über die Flüchtlingspolitik, der Krieg in Syrien, die neuen Fluchtrouten über das Mittelmeer, die Abschiebung des Leibwächters von Osama bin Laden, Trump, Putin, Erdogan, Integration und Inklusion in den deutschen Schulen. Dann kommt die Runde wieder zum Ausgangspunkt aller Gespräche in diesen Tagen zurück. Die stabile Wetterlage hat für den wärmsten April und Mai seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gesorgt. Ist dieser Sommer noch ein normaler Sommer oder schon ein Ausweis des Klimawandels?

 

Wer jetzt noch daran zweifle, dass wir die selbst verantworteten Folgen der globalen Erderwärmung zu spüren bekommen, dem sei nicht mehr zu helfen, sagt Alice, die Schwimmerin. Die Tangolehrer aus Italien empfinden die Temperaturen als angenehm. Nur fehlten Klimaanlagen in den Zimmern, wie sie in Spanien und Italien Standard sind. Nicht die Hitze sei das Problem, sondern die fehlende Technik. Es werde Zeit für ökologisch nachhaltiges Tanzen und klimaneutrale Tangoreisen, mahnt Alice. Sie erzählt von einem Tangolehrer aus Osnabrück. Er veranstalte Tangoreisen auf einer autofreien Nordseeinsel. Eine Tangoreise verursache durch Ab- und Abreise, Unterkunft, Verpflegung, Müllentsorgung und Warentransport 40 Tonnen CO2-Ausstoß. Um die Umweltschäden der Tangoreise zu kompensieren, zahle jeder Teilnehmende einen Betrag von acht Euro an die Organisation Atmosfair. Mit dem Kompensationsbeitrag der Tangogemeinde werden zum Beispiel Solaranlagen in südafrikanischen Städten finanziert. Klaus Töpfer, der ehemalige deutsche Umweltminister und Erfinder der Mülltrennung, sei Schirmherr von Atmosfair.

 

Endlich neigt sich der Tag, doch es will nicht kühler werden. Der Mond ist aufgegangen und steht blutrot über Gut Freudenberg. Dann tritt er in den Schatten der Erde. Wir erleben die längste Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts. Auf den Äckern stehen die Windräder still. Kein Lufthauch - nirgends. Die Veranstalter verschenken Fächer. „Bleib’ cool!“ ist darauf zu lesen.  

 

In der Schweiz, sagt eine Tänzerin aus dem Emmental, tragen die Polizeihunde Schuhe, um die Füße vor dem glühenden Asphalt zu schützen. Aus Griechenland, Schweden und Portugal werden Waldbrände gemeldet. Im Rhein sterben Fische bei Temperaturen von 27 Grad. Die Neuanpflanzungen von Weihnachtsbäumen in den neuen Bundesländern sind zu 100 Prozent vertrocknet. Wohin fliehen? Wir nehmen aus Rücksicht auf das Klima an den Kursen nicht teil und besuchen nur die Milongas in den späten Abendstunden. Den Tag verbringen wir in Halle. 

 

In der Marktkirche ist es angenehm kühl. Hier sehen wir die Totenmaske von Martin Luther. „Wie sollen wir uns verhalten, wenn morgen die Welt untergeht?“, wurde Luther gefragt. „Wenn morgen die Welt untergeht“, antwortete er, „würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Mir gefällt die Maske mit den blauen Glasaugen nicht und ich verlasse den Ort. Undine hört sich noch die Ausführungen der Kirchenführerin an. 

 

Draußen auf dem Marktplatz präsentiert Schlachter Hädicke seine Spezialitäten: Kaninchenköpfe und Putenhälse. Wieder schaue ich weg. Neben dem Verkaufswagen befindet sich eine Sitzgruppe. Zwei junge Männer erproben ihre Kraft an einem jungen Baum und biegen ihn bis zum Grund. Sie tragen die traditionelle Kleidung der Pakistani: Salwar Kamiz.  Kurta wird das knielange Männerhemd genannt. Es ist kragenlos wie die Priesterhemden von Gammarelli. Ein junges Mädchen tändelt mit einer Gruppe von Syrern. Wir verlassen den Marktplatz und gehen im Schatten alter Häuser. 

 

„Transphobie ist immer kacke“, hat jemand in lila Farbe auf eine marode Wand gesprüht. Schankräume der traditionellen Bierbrauerei „Zum Schad“ stehen zum Verkauf. Über dem Verkaufsbanner ist der verblassende Hinweis zu lesen, dass Hans Dietrich Genscher und Michail Gorbatschow am 8. September 2000 hier einkehrten. Das ist lange her. Vorzeit für die Schulkinder. Genscher und Gorbatschow kennen sie nicht, wohl aber den homo erectus. Er lebte vor der Wende in Mitteldeutschland, wie jedes Kind aus dem Geschichtsunterricht der fünften Klasse weiß. Auch das ist lange her - 370000 Jahre mehr oder weniger.

 

„Unserer Vorzeit“ steht in erhabener Schrift über dem Eingang des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle. Hier wollen wir hinein. Nicht weil wir uns für die Altsteinzeit, die Mittelsteinzeit, die Jungsteinzeit und die Frühbronzezeit interessieren, sondern weil wir Kühlung suchen. Draußen ist es noch immer unerträglich heiß wie auf den Basaren von Peshawar oder Lahore.

 

Wer hier nichts sucht, wird etwas finden. Ich weiß es, denn ich war da. Aber ich wusste nicht, dass diese alte Basar-Weisheit auch für Besuche von Museen der Vorzeit gilt. Wir fliehen die Hitze und stehen vor dem Unterkiefer eines Waldelefanten, dem Oberkiefer des Höhlenlöwen und dem Skelett des Auerochsen von Merseburg. Hochinteressante Objekte, wenn man sich für die Folgen von Klimaveränderungen interessiert. Vielleicht gibt es bald wieder Löwen und Elefanten in Mitteldeutschland? Unter dem rekonstruierten Kopf eines gewaltigen Elefanten, der einst zwischen Schöningen und Schnellroda weidete, stellt Undine eine Frage, die echten Schwung in unseren Museumsbesuch bringt:

 

„Hat der homo erectus eigentlich getanzt?“

 

Kinder sind Spezialisten zur Beantwortung von Fragen dieser Art. Irgendwo in Geolino oder der „Welt des Wissens“ werden sie über den Schwänzeltanz der Honigbiene gelesen haben. Leben ist Tanz. Das lehrte auch Friedrich Nietzsche.

Er ist wie der Waldelefant und der Auerochse ein Kind dieser Landschaft.  Vielleicht konnte der homo erectus tanzen. Zumindest erfüllt er eine Grundvoraussetzung für den Tango: Er konnte aufrecht gehen. Das Gehen ist seit 370000 Jahren Anfang und Ende aller Tänzer-Weisheit. Vielleicht ist der homo erectus zu einem Marschrhythmus ähnlich dem finnischen Tango durch die Täler von Saale und Unstrut gewandert. Wer weiß es?

 

„Der Narr könnte es gewusst haben“, sage ich und bin überrascht, dass der Name des Münsteraner Steinzeitforschers aus der Vor- und Frühgeschichte meines Lebens tritt. „Karl Josef Narr“, sagte ich zu Undine, „hatte unser Geschichtsbuch „Urgeschichte und Altertum“ geschrieben. Schade, dass ich es nicht mehr besitze. Narrs Sohn saß in unserer Klasse. Ich glaube, er spielte Geige oder Bratsche. Ja, die Geige. Ich sehe sie vor mir. Merkwürdige Räume der Erinnerung in uns. Ob Forscher sie eines Tages durch Bewusstseinsarchäologie erschließen können?“

 

Karl Josef Narr wurde Steinzeitforscher, weil er im Alter von fünf Jahren in seiner Düsseldorfer Heimatstadt eine überlebensgroße Plastik des Neandertalers gesehen hatte. Mit Hilfe kriminalistischer Techniken haben heutige Archäologen mögliche Gesichter des homo erectus entworfen. Ich stelle mir vor, dass diese Tänzer aus der Vorzeit auf unserer Milonga erschienen. Sie tanzen. Wir tanzen. Aber können wir gemeinsam tanzen? Fordern sie mit Augenzwinkern zum Tango auf oder greifen sie direkt zu? Wie reagieren sie, wenn sie einen Korb bekommen? Zücken sie den Unterkiefer eines Stieres und erschlagen die Tänzerin? Vertragen sie Alkohol? Mögen sie Salzstangen? Das Klima in Mitteldeutschland war vor 370000 Jahren so warm wie der Sommer 2018. Aber der homo erectus lief unbekleidet durch Halle. Tangotänzer mögen leichte Kleidung mit gewissen Durchblicken schätzen, aber Nackttanz ist nun doch etwas anderes.

 

Undine meint, ich verliere mich in Spekulationen. Sie hat gewiss recht. Ich gehe  oberflächlich mit den Ausstellungsstücken dieses Museums um. Rasch scanne ich die Informationstafeln, gehe an Vitrinen vorbei, deren Inhalt mich nicht interessiert und phantasiere mir den Rest dazu. Es ist einfach zu heiß. Den Schienbeinknochen eines Leipziger Waldelefanten hatte ich keines Blickes gewürdigt. Dabei waren auf ihm Ritzungen in einer rhythmischen Anordnung zu sehen. Sie bewiesen, dass der Handwerker Kultur besaß. Hier ging es nicht um ein Werkzeug aus alter Zeit. Hier befanden sich kommunikative Zeichen auf dem Knochen, eine Botschaft, eine Codierung. Ich werde übermütig und singe:

 

„Ran-tán-tan-tan, rata tan-tan tan-tán-tan-tan…..“ 

 

Undine lächelt. Das ist mir Lohn genug. Musik aus der Vorzeit! Undine wiederholt den Rhythmus und klatscht dazu. Die Aufsicht kommt, sieht und lächelt ebenfalls. Ja, ein heißer Tag für Deutschland. Ein normaler Sommertag für Uruguay. Die Ritzungen hielten die ersten Tangotakte des menschlichen Lebens fest: La Cumparsita - nicht in Uruguay erfunden, sondern in einem tropischen Sumpfgebiet bei Leipzig. So hätte es gewesen sein können. Aber so war es nicht.

 

Niemand weiß, warum der homo erectus eines Tages verschwand. Wurde es in Deutschland zu heiß? Kam die Eiszeit? Drangen fremde Völkerscharen aus dem Osten oder Süden nach Europa vor? Vermischten sich die Völker? Spalteten sie sich mit Nashorn und Elefantenzahn die Schädel? 

 

Ein Stockwerk tiefer kommen wir zu den Römern. Die konnten schreiben, und wir konnten einst dank des Lateinunterrichtes ihre Texte lesen. Spaß hat das so wenig gemacht wie der Russisch-Unterricht. Zum Glück haben die Ausstellungsmacher in Halle sämtliche Texte von Cäsar und Tacitus ins Neuhochdeutsche übersetzt.

 

Germanen - so bezeichneten Cäsar und Tacitus unsere Vorfahren. Sie selbst nannten sich Sueben. Unter den Sueben kam jener Haarknoten in Mode, der irriger Weise als argentinische Erfindung gilt. Der Suebenknoten ist urdeutsch oder ursuebisch. Beim Tango sehen wir ihn gelegentlich unter den jungen Tänzern. Die älteren Tänzer leiden dagegen heute unter Haarausfall. Früher war gewiss nicht alles besser, aber die Sueben trugen volles Haar noch im hohen Alter. Frauen wurden von ihnen verehrt, wie der Römer Tacitus in seiner „Germania“ berichtet:

 

„Sie glauben sogar, dass den Frauen etwas Heiliges und Seherisches innewohnt, und deshalb weisen sie weder ihre Ratschläge ab, noch lassen sie ihre Weissagungen unbeachtet.“

 

Das Heilige, die Seherin, die Weissagung: Eine Bibel aus Gold und Bronze, so meint Miranda J. Aldhouse-Green von der Universtät Wales, sei die berühmte Himmelsscheibe von Nebra. Sie wurde im Sommer 1999 von zwei Sondengängern auf dem Mittelberg bei Nebra gefunden. Zuerst hielten die beiden Schatzsucher den stark verschmutzten Fund für den Deckel eines Eimers und hämmerten unkontrolliert auf die kreisförmige Bronzeplatte. Dann erkannten sie ihren Wert und brachte das Kultobjekt mit der Darstellung von Sonne, Mond und Sternen einem Hehler. Der legte sie drei Tage in eine Lauge aus Prilwasser und bearbeitete sie anschließend mit Acopatz, einem Topfreiniger aus Stahlwolle. Das tat der 4000 Jahre alten Himmelsscheibe nicht gut. Über verschiedene Hehler wurde die Scheibe verkauft, bis der letzte Handel im Basler Hilton Hotel aufflog und den Hehlern der Prozess gemacht wurde. 

 

Stockdunkel ist der Raum, in dem die Himmelsscheibe ausgestellt ist. Ich zücke meine Camera, um das schöne Objekt abzulichten. Da ertönt aus der Tiefe des Raumes eine Stimme: „Photographieren verboten!“ Das Objekt sei doch nur eine Kopie, da das Original gerade in Berlin ausgestellt werde, erwidere ich und denke zugleich, wie sinnlos doch meine Aufnahme angesichts der vielen guten Photos im Netz wäre. Außerdem werden doch Objekte dieser Art erst durch eine Geschichte interessant. Die habe ich vor Augen: Auf der Himmelsscheibe mit Mond und Sternen ist eine kosmische Ordnung abgebildet. Im Tango wird sie Ronda genannt. Sie markiert das Ideal einer Bewegung aller TänzerInnen im Einklang mit dem Partner und zugleich allen weiteren TänzerInnen. 

 

Undine betritt den Raum und betrachtet die Ronda aus Sonne, Mond und Sternen. „Händel“, flüstert sie. „From harmony, from heav’nly harmony, this universal fram began.“ „Oh ja, die Ode zum Cäcilien-Tag. Jubal mit dem Muschelhorn. Orpheus, der mit seinem Saitenspiel die Bäume tanzen ließ, und Cäcilia, deren Musik die Engel auf Erden holte. Ein uralter Traum.“ „Leben wir ihn!“, antwortet Undine.

 

Unser Quartier ist ein Haus im Weingut Schulpforta. Anna baut hier mit syrischen Flüchtlingen Wein an. Die Bewässerungsanlage ist ausgefallen. So müssen die jungen Pflanzen mit der Gießkanne bewässert werden. Die alten Weinstöcke können sich aus dem Boden noch selbst versorgen. Ihre Wurzeln reichen tief. Mit Schutzanzug und Atemmaske versehen verspritzt Mustafa aus Pakistan in den frühen Morgenstunden einen Wirkstoff zur Abwehr von Schädlingen. Heute habe er die Spritze „geschrottet“, sagt Anna. Wie es weitergehen soll, weiß sie im Moment nicht. Aber sie wird eine Lösung finden.

 

Tangotanzen bei diesen Temperaturen sei nicht mehr schön, meint Michael. In Buenos Aires, sage ich, sei es gewiss noch heißer. Irrtum, entgegnet er. Dort friere man wegen der Klimaanlagen auf den Milongas. Ich war noch nie in Buneos Aires und habe auch nicht vor, dorthin zu fliegen. Die Stadt ist mir zu groß und unübersichtlich. Außerdem mag ich argentinische Tangotänzer nicht besonders. Ihr Stil ist nicht mein Stil. Aber ich respektiere Tänzer und Tänzerinnen, die sich von einer Pilgerreise nach Argentinien eine Art Initiation versprechen. 

 

Aus Argentinien stammt eine eiserne Regel für das Verhalten auf der Tanzfläche. Sie gilt weltweit als erstes Gebot für verantwortliches Tanzen. Die Paare bewegen sich in schöner Ordnung und Harmonie durch den Saal. Sie halten Abstand zu anderen Paaren. Sie drängeln nicht, sie überholen nur im Notfall. So ist garantiert, dass es beim Tanz nicht zu Zusammenstößen kommt. Wer in Argentinien einmal aus der Reihe tanzt, werde in Zukunft gemieden, sagt Sabine, die mit ihrem Mann Rudolf die praktischen Übungen bei 28 Grad  leitet. Tango ist Improvisation, und jedes Paar bildet eine eigene Welt. Doch nur gemeinsam mit anderen Paaren werden sie zu einem Weltall. Wie die Planeten in geordneten Bahnen um die Sonne kreisen und der Mond um die Erde, wie sich die Sterne in großen Spiralnebeln zu einer Ordnung zusammenfügen, so sollen sich auch die Paare mit ihrer Umwelt zu einem harmonischen Bild finden. Ronda oder Runde wird diese Ordnung genannt. Sabine und Rudolf haben in jeder Ecke der Tanzfläche einen Stuhl platziert. Um ihn herum sollen sich die Paare bewegen. So werden sie dazu angehalten, ein Bewusstsein für die tänzerische Umwelt zu entwickeln. Die Ordnung der Ronda beschränkt die Freiheit auf einen kleinen Raum. Sich als Paar allein auf einer großen Tanzfläche zu bewegen ist leicht. Hier können sich die Anfänger den erlernten Schrittfolgen hingeben und die Meister zeigen in weit ausladenden Bewegungen ihr Können. Doch umgeben von anderen Paaren, bleibt nur wenig Fläche für den eigenen Tanz. Die Bewegungen werden vielleicht langsamer, auf manche lieb gewordene Figur muss der Tänzer verzichten, weil ein zu großer Schwung die tänzerische Umwelt belasten oder gar schädigen kann. Eine rasche Entschuldigung ist angebracht, wenn ein allzu kühn geschwungenes Bein der Dame die Nachbartänzer berührt. Jeder Tänzer kann von Verletzungen berichten, die auf mangelndes Bewusstsein für die Umwelt zurückzuführen sind. 

 

Am Abend bei voller Tanzfläche ordnen sich die Tänzer in zwei oder drei Spuren und bewegen sich gegen den Uhrzeigersinn.  Wenn die Tanzfläche sehr voll ist, bleibe ich gerne als Zuschauer am Rande des Geschehens sitzen und freue  mich an den tanzenden Paaren. 

 

Undine möchte an einem Tanzspiel teilnehmen, zu dem sich sämtliche Paare einfinden. Rudolf wird sechs Stücke spielen und nach jedem Lied wechseln die Paare den Partner und lernen sich so gegenseitig kennen. Tänzerisches Umweltbewusstsein nimmt auch die anderen Paare in den Blick. Denn keiner tanzt für sich allein und alle sind untereinander vernetzt, ob sie es wissen oder nicht. Die Ronda ist der Versuch der Integration aller Paare zu einem großen Ganzen. Sie ist eine Utopie harmonischen Miteinanders höchst unterschiedlicher Menschen. Beim Gespräch über die Probleme der Zeit mögen sie kontrovers diskutiert und sich im Kreis gedreht haben, nun können sie sich in einem höheren Ganzen zusammenfinden und für ein paar Minuten zu einem Bild der Harmonie vereinigen. Die Christin aus Armenien und der Tänzer aus Istanbul, der Mann aus Marokko und die Frau aus Iran, die Jesidin und der jüdische Tänzer aus Russland.

 

Der erste Tango erklingt. Die große Herrlichkeit der Ronda soll sich nun bilden. Die schwitzenden Paare gehen auf die Tanzfläche. Einige Herren zücken bereits das Taschentuch und wischen sich über die Stirn. Auf manchem Dekolleté bildet sich eine Perlenschnur. In den Händen zerfließt die Creme. Tango in diesem Jahrhundertsommer ist eine kulturelle Hochleistung an Hingabe und Disziplin. Ich bin recht bemüht, alles richtig zu machen und die Ordnung einzuhalten.

 

Am Rande der Tanzfläche warte ich, bis mich das Paar zur Linken bemerkt hat. Dann fädele ich ein, ohne ein anderes Paar zu bedrängen. Ich füge mich auch in den Tanzfluss, tanze nicht zu lange auf der Stelle, mache keinen Rückwärtsschritt, wechsele nicht die Spur und tanze nicht in Lücken hinein. Ich weiß, Lückentanzen erzeugt nur Chaos. Wir aber wollen heute Abend trotz der mörderischen Hitze Kosmos erleben. Aus den Augenwinkeln nehme ich die benachbarten Paare wahr. Und Undine? Sie schließt wie fast alle Frauen die Augen und genießt. Das Paar vor mir genießt auch seine selbstverliebten Drehungen auf der Stelle. Mal geht es links, mal rechts herum. Dann wiegen sie sich auf der Stelle. Gleich dreht sich die Runde wieder, hoffe ich. Ein Irrtum. Überholen darf man beim Tango in der Runde nur im äußersten Notfall. Ist er gegeben, wenn ein Paar den Fluss aller Paare blockiert? Überholen darf man nur links. Ich studiere die Umwelt, glaube Herr der Lage zu sein. Denke auch, dass bei der Blockade eine echte Notlage vorliegt. Zugleich bin ich mir natürlich einer gewissen Ungeduld bewusst. Denn was wäre, wenn alle Paare nun meinem Beispiel folgten und aus der Reihe tanzten? Das Ökosystem Tango ist hochsensibel. Ein falscher Tritt, eine unachtsame Bewegung hat Folgen für alle. 

 

Kaum habe ich die Reihe gewechselt, sehe ich Alice hinter mir. Sie führt eine Frau mit großem Schwung und berührt meinen Arm. „Fährst du auch so Auto, wie du hier tanzt!“, ruft sie. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Undine kann keine Zeugenaussage machen. Sie hatte die Augen geschlossen. Mit schlechtem Gewissen tanze ich weiter. Dann folgt der Wechsel der Partner. Am Ende der Übungen suche ich Alice. Sie ist noch im Gespräch mit ihrer Partnerin. Ich warte. „Du kommst, um dich zu entschuldigen!“, sagt sie. „Keinesfalls“, entgegne ich, ich bin mir keiner Schuld bewusst.“ Sie habe mich beobachtet und bereits an anderer Stelle zwei Mal gesehen, dass ich gegen die Regel verstoßen habe. „Bist du die Tango-Polizei“, sage ich und weiß doch, wie sinnlos unser Gespräch ist. Das meint auch Alice. Auf diese Weise werden wir keine Übereinstimmung finden, sagt sie.