Es ist ein Kreuz:

Der Tango und die Päpste

 

 

 

 

 

 

Tangotänzer wollen Tango tanzen. Ich will nicht nur Tango tanzen. Mich interessieren die Geschichten von gestern. Ich möchte wissen, wie alles begann. Deshalb lese ich Bücher und blättere in alten Zeitungen. Im Jahr 1913 hatte der Tango Grönland erreicht. Eine Entdeckung wie diese haut mich um. Andere mögen mit den Achseln zucken. Ich nicht. Ich lese einen Bericht des dänischen Arktisforschers Knud Rasmussen: Eine amerikanische Expedition errichtete ein Basislager. Von hier aus sollte das legendäre Crocker Land erkundet werden. Zur Ausrüstung der Expedition gehörte ein Grammofon. Die Tango-Titel sind nicht überliefert. Doch über das Schicksal der Forscher gibt es zuverlässige Informationen: Sie erlitten Schiffbruch, Erfrierungen, den Tod. Unter den Forschern und ihren lokalen Führern durch die Eiswüste kam es wegen der Frauen zu Konflikten. Crocker Land wurde nicht erreicht, konnte nicht erreicht werden, weil es gar nicht existierte. Der vermeintliche Entdecker hatte eine Luftspiegelung gesehen. Eine Illusion wie oftmals die Liebe im Tango.

 

Ob Grönland, Paris, Rom oder Wien: Wenige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte der Tango Europa erreicht. Er löste Begeisterung und starke Abwehr aus. Heute bekennt sich selbst der Papst zum Gott des Tangos. Das war nicht immer so. Für die Kirche war es ein Kreuz mit dem Tango. Doch auch die Literaturpäpste reagierten auf den Tanz mit Abwehr. Mich interessiert dieser Widerstand, weil ich ihn ja in mir selbst gespürt hatte. Als sich mir die Möglichkeit einer Romreise eröffnete, nutzte ich sie, obwohl ich das Fliegen eigentlich ablehne. Michael hatte die Reise organisiert. Er wollte noch einmal Rom sehen, die geliebte Stadt, in der er einst studiert hatte, und freute sich über Begleitung. Ich fuhr mit der Bahn nach Freiburg, um einige Tage bei ihm zu verbringen und ihn in die Mysterien des Tango einzuweihen. Danach wollten wir über Genf nach Rom fliegen.

 

Mit seinem Kumpel Benny besuchten Michael und ich eine Milonga im „El Cruce“. Michael und Benny lebten zölibatär. Michael freiwillig, Benny unfreiwillig. Benny war ein kastrierter Border-Colly-Mix, Michael war katholischer Priester und Professor. Er hatte ein weites, aber sehr schwaches Herz, wie sich zeigen sollte. Michael konnte einfühlsam über die Liebe predigen, Geige, Klavier und Orgel spielen, Kinder wickeln, junge Mütter trösten, Eheprobleme lösen und sehr viel mehr. Nur zum Tangotanzen konnte ich ihn nicht verführen, so oft ich auch von Kontemplation und Transzendenz sprach. 

 

„Tango tanzen – das ist ein Ritual, ein beinahe religiöser Akt“, sagt León Benarós (1915-2012). Ich denke, er hat Recht. Im Zeichen des Kreuzes setzten Benny, Michael und ich uns in eine Ecke des „El Cruce“ und beobachteten die Tanzenden: Benny trug ein rotes Halsband mit weißen Kreuzen, Michael hielt sein Gebetbuch mit goldenem Kreuz auf dem Buchdeckel in den Händen und tat so, als lese er einen Psalm. Ich probte unter dem Tisch mit meinen Füßen das Kreuz. Eine Frau war mir aufgefallen, weil sie dem Tanzlehrer folgend, anmutig über das Parkett schwebte und dabei die Füße mit einer atemberaubenden Leichtigkeit kreuzte. Ihre Augen hielt sie geschlossen und schaute versonnen, als habe sie einen jener beflügelnden Momente erfahren, der sich im Vorfeld der Erleuchtung durch ein verklärtes Lächeln ankündigt.

 

An diesem Glück der Berührung, der Bewegung, der Verdichtung und der erneut fließenden Energie wollte ich Anteil haben. Ich war aufgeregt, vergaß alles, was ich bei Giacomo über die korrekte Aufforderung zum Tanz gelernt hatte und stürmte auf das Parkett. Dann blieb ich vor der Tänzerin stehen, lächelte und fragte, ob sie mir die Gunst des nächsten Tanzes schenke. 

 

Milonga: So wird nicht nur die Tanzveranstaltung genannt, sondern auch eine Art Bauerntanz, der neben dem Tango-Walzer das musikalische Angebot bereichert. Wenn man kein Erdtänzer ist und die rhythmische Milonga nicht mag, sollte man vorsichtiger sein und erst einmal abwarten, welche Musik gespielt werden wird. Es kam eine schnelle Milonga. Papst Franziskus I. zieht die Milonga dem Tango vor. Das sagt mehr über seinen Charakter und sein Programm aus als seine Reden. Meine Tänzerseele ist für Milonga unempfänglich. Das hatte ich früh herausgefunden und meine Grenzen akzeptiert. Auch meiner Tänzerin blieb nichts anderes übrig. Ich hatte mich in eine aussichtslose Lage manövriert und versuchte meine Verlegenheit zu überspielen, indem ich während des Tanzes ein Gespräch begann.

 

Chantal ertrug mich drei Tänze lang mit Engelsgeduld und verabschiedete sich mit einem Lächeln. Es war aber nicht jenes holde Lächeln aus innerer Schönheit, sondern ein Blick voll Mitleid und Erbarmen. Beinahe hätte meine Entwicklung als Tänzer einen Rückschlag erlitten. Doch Michael erwies sich einmal mehr als erfahrener Seelsorger. Krisen und Kreuzwege gehören nun einmal zum Leben, sagte der Katholik und führte mich an die frische Luft.

 

Am nächsten Tag flogen Michael und ich nach Rom. Hier kannte er fast jeden Winkel der Stadt. Er liebte die stillen Momente in einem Straßencafé mit Blick auf die wogende Menge. Michael konnte über seine Zeit relativ frei verfügen. Undine nicht. Sie war mit einigen Stunden an die Hauptschule abgeordnet und musste Klassenarbeiten korrigieren. Den Arbeitsaufwand kann sich der Laie nicht vorstellen. Das Ausmisten des Augiasstalles oder Sisyphos’ Wälzen des Steins sind nichts gegen den Versuch einer Lehrerin, mit Hilfe des Rotstiftes aus dreißig Aufsätzen eine lesbare Fassung zu erstellen, die niemand lesen wird.

 

Michael und ich wohnten im Vatikan. Von der großen Dachterrasse unseres Hotels hatten wir einen direkten Blick auf die Zimmer des Apostolischen Palastes. Im milden Licht des römischen Frühlings richtete ich mir auf der Terrasse einen kleinen Arbeitsplatz ein. Wie man als Autor das Leben in vollen Zügen genießt, hatte ich bei Hanns Josef Ortheil gelernt: die Wahl des rechten Ortes zum Schreiben, gutes Essen, Wein, allerlei Leckereien und eine Liebesgeschichte im Kopf. Eine gute Liebesgeschichte wird erst durch Widerstände und Missverständnisse spannend. So ging es auch dem Tango, als er nach Europa kam. 

 

Der europäische Tango war eine Erfindung der gebildeten Kreise. Auf Bällen wurden Kontakte geknüpft oder vertieft. Hier lernen junge Gräfinnen und Fürstinnen reife Prinzen kennen, hier wurden Verlöbnisse vorbereitet und zusammen mit den Eheplänen politische und wirtschaftliche Bündnisse geschmiedet. Wer Erfolg auf dem Heiratsmarkt haben wollte, der musste den neuen Modetanz beherrschen.

 

Der Tango-Adel von Wien, Paris und Rom war katholisch. Gerüchte von der Erotik des Tangos waren an das päpstliche Ohr vorgedrungen. So kam es zu der Begegnung eines Tango-Paares aus dem römischen Hoch-Adel mit Papst Pius X. 

 

Der Papst wollte kein Urteil ohne eigene Anschauung fällen und lud zur Privat-Milonga im Vatikan ein. Die Tango-Tänzer Antici und Maria Mattei gehörten zum uralten römischen Adel und hatten im Laufe der über eintausendjährigen Familiengeschichte acht Kardinäle und einen Papst hervorgebracht. Maria Mattei hüllte, wie es bei Papst-Audizien üblich war, während des Tanzes ihr Haupt in einen  schwarzen Schleier. Der Papst fand den Tanz eher langweilig und empfahl die fröhliche Furlana, einen Bauernreigen aus Venetien, als tänzerische Alternative.

 

Auf welchem Weg der Rom-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung Informationen über die Privat-Milonga im Apostolischen Palast erhalten hat, wird sein Geheimnis bleiben. Auf seinen Bericht stieß ich durch eine Fügung des Himmels, wie sie wohl jeder Rompilger für seine Anliegen erhofft. Ich hatte vor unserer Fahrt ein Probe-Abonnement der Neuen Zürcher Zeitung abgeschlossen, gab ohne große Erwartungen die Begriffe „Papst“ und „Tango“ ein und stieß auf den Artikel „Der Papst als Tanzreformator“ vom 6. Februar 1914. Die Wege des Herrn sind unergründlich. Ich las:

 

„Natürlich fehlt es auch nicht an Damen und Herren, die dem verbotenen Tango eine verstohlene Träne nachweinen, zumal in der Zeit des römischen Karnevals. Möglicherweise wird daher auch in den Salons während des Karnevals zuletzt, wenn die Augen der Eltern und der sonstigen Kritiker durch die Festesfreude ein wenig getrübt sind, vom jungen Volk ein ganz klein bißchen Tango getanzt werden. Auch auf diesem Gebiete dürften die verbotenen Früchte von besonderer Süße sein. Hier in Rom ist übrigens dem Tango ein nicht ganz zu unterschätzendes Hindernis dadurch entstanden, dass angeblich nicht zwei Tanzmeister denselben Tango lehren, woraus sich beim Ball die allerdrolligsten Disharmonien ergeben sollen. Geben sich die meisten mit der Furlana als Ersatz für den argentinischen Wildentanz zufrieden, so gibt es doch auch Mißvergnügte, welche ihre ablehnende Haltung gegenüber der Furlana damit begründen, dass dieser Tanz ein Bauernreigen und sein Ursprung also plebejisch sei.“

 

Der Tanz des Ehepaars Mattei vor Pius X. ist verbürgt. Der Auftritt des Pariser Tangolehrers Casimiro Ain, genannt El Vasco Ain (1882-1940), vor dem Nachfolger dieses Papstes gehört zu den Wanderlegenden der Historiker des Tango. Der Baske Casimiro Ain soll auf Einladung des argentinischen Botschafters Don García Mansilla mit einer Botschaftsangestellten zum „Ave Maria“ von Francisco und Juan Canaro vor Papst Benedikt XV. Tango getanzt haben. Benedikt XV. habe anschließend das Tango-Verbot seines Vorgängers wieder aufgehoben. 

 

Gerne hätte ich in den Archiven des Vatikan Akteneinsicht beantragt. Ich war überzeugt, dass es Unterlagen über die Privat-Milonga geben musste. Michael  wunderte sich über meinen Eifer. Er meinte, ich solle der Tango-Frage keine größere Bedeutung beimessen, als es Pius X. getan hatte. Aus Sicht der Katholischen Kirche gehöre der Tango zu den Adiaphora, über die es sich nicht zu streiten lohne. Der eine Papst möge den Tango, der andere Papst möge ihn nicht. Die ewige Glückseligkeit hänge nicht von der Stellung eines Menschen zum Tango ab. 

 

Ich aber forschte weiter in den Archiven, die mir zugänglich waren und stieß auf einen Artikel der Linzer Tages-Post vom 14. Januar 1914. Er trug die Überschrift „Die Bischöfe gegen den Tango“. Ich las ihn für Michael und mich laut vor:

 

„Gleich den meisten Bischöfen Frankreichs hat nun auch der Erzbischof von Paris, Kardinal Almette, ein Rundschreiben an seine Geistlichkeit gegen den Tango gerichtet, worin er erklärt, der aus dem Ausland eingeführte Tanz sei sehr sündhaft und dürfe von keiner christlichen Person getanzt werden. In dem Rundschreiben des Kardinals Almette heißt es weiter: Die Beichtväter sollen jenen Personen, die in der Beichte das Geständnis ablegen, Tango getanzt zu haben, härtere Bußen auferlegen. Ein Pariser Tanzmeister versicherte nun einem Journalisten, kein Kirchenverbot werde der Tangosucht in Paris Einhalt tun können. Der Andrang zum Unterricht in diesem Tanze sei nicht zuletzt aus den aristokratischen Kreisen von St. German sehr groß.“ Die Münchener Polizei, berichtet die Tages-Post weiter, kündige an, „dass sie gegen anstößige Tänze jeder Art scharf vorgehen werde; so auch gegen den Tango. Dieser stehe auf  derselben Stufe wie der sogenannte Apachentanz“.

 

Das nächste Fundstück war aus der New York Times vom 16. Januar 1914. Sie berichtete von einen Bannstrahl Kardinal Basillo Pompilis gegen den Tango. Der römische Generalvikar verdammte den Tango als Ausdruck neuen Heidentums. Auch der Patriarch von Venedig, Cardinal Cavallani, stellt klar: Nur Menschen, die jede moralische Empfindung verloren haben, könnten Tango tanzen. Tango sei die größte Schande der Gegenwart. Werde das Tangotanzen gebeichtet, könne der Priester nicht einfach die Absolution erteilen. Zuvor müsse der Tango-Sünder versprechen, nie wieder Tango zu tanzen.

 

Michael und ich zogen durch die Gassen von Rom, aßen hier eine Kleinigkeit, tranken dort einen doppelten Espresso und zwei Grappa und kamen in die Via di Santa Chiara zum Schneider des Papstes. Michael brauchte ein neues Stehkragenhemd, wie Priester sie tragen. Ich mag Hemden mit Stehkragen. Sie würden mich gewiss beim Tanzen gut kleiden. Dann entdeckte ich leichte rote Socken. Ein schöner Kontrast zu meiner schwarzen Hose und den Schuhen meines Vaters, mit denen ich noch immer tanzte! Michael sagte, diese Socken werden von Kardinälen getragen. In der Renaissance hätte ich mit meinen langen Haaren vielleicht einen Kardinal abgegeben. Der Verkäufer schaute mich an und fragte Michael, ob ich Organist sei. Nein, Schriftsteller, antwortete Michael. Da lachte Herr Gammarelli und verkaufte mir sechs Paar rote Kardinalssocken. Mit ihnen habe ich viel getanzt. Sie sind wunderbar leicht, haben einen kräftigen Ton, aber sie halten nicht lange.

 

Wir kehrten in unser Hotel zurück und ich wanderte bei einer Flasche Lacrimae Christi weiter durch die digitalen Archive. Dabei stieß ich auf eine merkwürdige Allianz der Tango-Gegner. Literaturpäpste in Österreich, Italien und Frankreich, die argentinische Intelligenz und der Vatikan waren sich in der Ablehnung des neuen Tango einig! Die europäische Adelung des Tangos nahmen die Kulturträger in Buenos Aires mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis. Der Tango vom Rio de la Plata war nicht ihr Tanz. Nun erlebten die Angehörigen der argentinischen Oligarchie bei ihrem jährlichen Pariser Aufenthalt eine Tangobegeisterung unter den Damen der Oberschicht, der auch ihre eigenen Töchter erlagen.

 

Friedrich Nietzsche hatte über den Tanz philosophiert. Der Gott des Weines und des Rausches wurde verherrlicht und die Ekstase der Frau. Das war alles graue Theorie. Nun wollten Frauen die dionysische Praxis erfahren. In der Hauptstadt der Psychoanalyse beobachtete Peter Altenberg die Folgen der Tangobegeisterung. Die weibliche Hingabe an den Tanz löste Ängste aus:

 

„Der Tango ist eine ethische Angelegenheit: er ist der Ausgleich für alles, was der Mann der Frau schuldig geblieben ist! Ihre Verzweiflung heißt Tango! Irgendwo muss sie sich anständig austoben.“

 

Bilder von weiblicher Sehnsucht nach Hingabe, Ekstase und Unterwerfung wurden durch Filme wie „Apachentanz“ (1905) genährt. Er führt in die Pariser Unterwelt und zu Tanzszenen, die den Machismo des Bühnentangos vorwegnehmen. Auch die ersten argentinischen Tangolehrer in Paris spielen mit einer Männlichkeit, die auf die Unterwerfung der kultivierten europäischen Frau zielt. Apachentango wurde ein Stil genannt, in dem der Tänzer sich als Gaucho mit Hut, Stiefel, Münzgürtel und Peitsche verkleidet. In einer berühmten Szene aus dem Film „The four horsemen of the Apocalypse“ (1921) tanzen Rudolfo Valentino und Beatrice Dominquez den Apachentango. Ein später Nachhall dieses Machismo ist Max Beckmanns Bild „Apachentanz“ (1938). 

 

Dann stieß ich auf Karl Krauss. Er wird zu den bedeutenden Köpfen des frühen 20. Jahrhunderts gezählt. In seiner Zeitschrift „Die Fackel“ hat er über 37 Jahre lang das Zeitgeschehen kommentiert. Karl Krauss war Katholik und ein entschiedener Kritiker des Tango, erfahre ich. 1913 berichtet er von einer Eifersuchtsszene beim Wiener Concordiaball. Der Prokurist einer Bank erwürgte seine Tanzpartnerin und unternahm anschließend einen misslungenen Selbstmordversuch. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte dem Banker Sinnesverwirrung im Augenblick der Tat. Der Mörder wurde freigesprochen und tanzte weiter Tango. „Tod und Tango“ heißt Karl Krauss’ Bericht in der Zeitschrift „Die Fackel“:

 

„Zwei Tänzer, er und sie, doch wollte sie

mit ihm nicht mehr, nur mit dem anderen tanzen.

Er nur mit ihr, und da sie ihm entsprang,

holt’ er sie ein und trieb sie um den Tisch

im Tanz. Und so nahm er sie um die Taille,

und kam zu nah und drückte sie zu Tode.

Und blieb am Leben, als er selbst sich traf

und ward für den verbotnen Tanz verhaftet.“

 

Sidonie Nádherny von Borutin kenne ich. Sie war eine Schönheit und so adelig, dass sie ihren klugen Geliebten nicht heirateten konnte. Sie ging eine standesgemäße Ehe ein und hielt sich Karl Krauss als Geliebten. Auf den Wiener Bällen war das Paar  nur unter den Zuschauern zu finden. Als die Kapelle auf dem Touristenclub-Ball in den Sophiensälen einen Tango anstimmte, so berichtet Kraus, reagierte das Publikum mit Pfiffen und Protestrufen. Der sensible Kapellmeister leitete elegant zu einem Strauß-Walzer über und bekam enthusiastischen Beifall.

 

„Ich habe das Tanzen immer für eine der ärgsten Schweinereien gehalten. Für die feige Erlaubnis, sich öffentlich alles zu erlauben. Für das Zeremoniell der Geilheit. Für die Form, in der sich eine Moral, die sich vor der Liebe fürchtet, Mut bekommt und Mama das Knutschen erlaubt hat. Ja, hin und wieder darauf happig wird. Der Tango fatiert (bekennt) das immerhin, er ist wenigstens der Totentanz des untergehenden Geschlechtes: Mann und Weib messen einander, welcher Teil dem anderen mehr versagt, ihn mehr heruntergebracht hat. In Wien halten wir Gottseidank noch nicht so weit, und darum kann der Walzer über den Tango noch siegen.“ (21. Januar 1914)

 

Keine Angst vor der entfesselten Liebe bekundet der Dichter Klabund in seinem Gedicht „Tango“:

 

„Tango tönt durch Nacht und Flieder.

Ist's im Kurhaus die Kapelle?

Doch es springt mir in die Glieder,

Und ich dreh mich schnell und schnelle. 

 

Tango – alle Muskeln spannt er.

Urwald und Lianentriebe,

Jagd und Kampf – und wie ein Panther

Schleich ich durch die Nacht nach Liebe.“

 

Die Frage nach dem Ursprung des modernen Tango ist für mich geklärt. Der Tango ist ein europäisches Phänomen. Er entstand zeitgleich in Paris, Moskau, Helsinki und anderen Städten Europas und fand den Weg nach Buenoes Aires und Montevideo. Ob afrikanische oder indische Einflüsse in ihm aufgegangen sind, beschäftigte bereits die ersten europäischen Tänzer. Die Neue Zürcher Zeitung vom 15. Januar 1914 berichtet von heftigen Kontroversen und kommentiert spöttisch: „Wenn es so weiter geht, werden die Zeitungen bald eine eigene Abteilung für den Tango einrichten müssen“. Wie der Flamenco, so behaupteten einige, sei der Tango von Zigeunern aus Indien nach Spanien gebracht worden. Das Wort „Tango“ sei gleichbedeutende mit „Tanz der Zigeuner“. Andere verweisen auf die Sklaven in den Zuckerrohrplantagen Cubas. Ihre Tänze hätten den Tango beeinflusst. Dann wiederum galt der Tango als Trauertanz. Begleitet von einer Gitarre wurde er auf Beerdigungen getanzt. „Nur die Kunde steht noch aus, dass Tango schon vor hundert Jahren auf der Sennenchilbli irgendwo im Berner Oberland getanzt worden sei.“ 

 

Nie habe ein Tanz die Welt so schnell und vollständig in den Bann gezogen wie der Tango. Bei seiner Wanderung habe er viele Wandlungen vollzogen. Der Tango Argentino wie er in New York, London, Paris und Wien getanzt wird, sei nicht der argentinische Nationaltanz. „Die gute Gesellschaft in Buneos Aires soll ihn meiden; in Bürgerkreisen dulde man wohl die Tangomusik, aber nicht den Tanz selbst und nur das niedrige Volk, die zweideutigen Nachtlokale sind es, wo der Tango seine Heimstatt gefunden hat. Wie der Tango nun unter dem falschen Namen Tango Argentino nach Europa gekommen ist, weiß man nicht genau, es sind rund drei Jahre her, dass er zuerst in den Kabaretts und Restaurants des Pariser Montmarte auftauchte und da trug er schon diesen Namen.“ Die Neue Zürcher Zeitung berichtet auch von argentinischen Glücksrittern, die ihren Job als Kellner an den Nagel gehängt haben, nach Europa kamen und sich hier eine goldene Nase als Tangolehrer verdienten.

 

„Allerlei vom Tango“ ist der Artikel der Neuen Zürcher Zeitung überschrieben. Im zweiten Teil zitiert er einen Leserbrief, in dem sich ein Tänzer aus Zürich mit der Frage der Sittlichkeit des Tanzes beschäftigt: 

 

„Fortgesetzt lese ich absprechende Urteile; der Tango verstoße gegen die guten Sitten, darum Tango-Verbote, Missbilligung usw. Es ist sicher, dass die Verfasser dieser Artikel den richtigen Tango (Salon-Tango) gar nicht kennen oder nur auf der Bühne, in Nachtcafés oder Kneipen Tango tanzen gesehen haben. 

 

Was haben wir bis heute getanzt? Polka, Walzer usw., alles Tänze, welche eine unsinnige Dreherei und Hetzerei waren; während fünf bis zehn Minuten drehten sie alle wie die Wahnsinnigen und viele Tänzer fanden noch zuletzt, dass die Musiker zu wenig lang und zu langsam gespielt hätten. Ich frage nun, wo ist da das Ästhetische und das Vergnügen und Hygienische dabei? Anders der Tango! Welche Fülle von eleganten graziösen Bewegungen, Variationen, Körperwendungen, Kreuzungen, feinen Biegungen, welche dem Körper Gelenkigkeit und Schliff geben. Dann das Ruhige, Weiche, Gedehnte und dazu die etwas klagende  Musik, welche die Bewegungen noch reicher, noch vornehmer erscheinen lässt.

 

Natürlich kann nur ein guter Tänzer diese Tänze graziös ausführen, die anderen machen Karikaturen. Die neuen Tänze benötigen alle ein eingehendes Studium, da nicht bloß die Schritte, sondern speziell die elegante, graziöse Körperbewegung studiert und angeeignet werden müssen, was bei vielen Lernenden sozusagen unmöglich ist. Es sind eben nicht alle Leute zu Tänzern geboren.“

 

Das Wesen des Tangos, sage ich zu Michael, sei seine integrative Kraft. Ohne seine Substanz zu verlieren, könne er sich unterschiedlichen Kulturen und Moden anpassen. So bleibe er wie der Katholizismus eine feste Form, die sich lebend weiter entwickelt. Ohne diese Fähigkeit zur Anpassung und Integration bei gleichzeitigem Beharren in der Substanz wäre er nicht zu einem lebendigen Weltkulturerbe geworden. 

 

Ich schloss meinen MAC. Der Rotwein war zur Neige gegangen. Nun wusste ich Bescheid oder glaubte Bescheid zu wissen, wie Michael meinte. Aus Rom kam nie wieder ein Verbot des Tangos. Nur einmal, das zeigte das letzte Dokument, hat es der Wiener Kardinal Piffl gewagt, den Tango zu verbieten. Das war im Jahr 1924 und der Hochadel sorgte sehr rasch für eine Rücknahme des Verbotes, denn die Tangobälle waren zu einer Art Partnerschaftsbörse geworden. Die jungen Wiener Barone und Prinzen wollten Tango tanzen, und wer hier wie Mariedl und Lori von Thurn und Taxis die spanische und vier weitere europäische Sprachen beherrschte, bei der Messe das Kreuz schlagen konnte, aber beim Kreuz auf der Piste versagte, der hatte ein Handicap auf dem Heiratsmarkt. Die jungen Fürstinnen waren Mitglieder eines Geschlechtes, das bis auf den heutigen Tag treu an der Seite der katholischen Kirche steht. Die näheren Umstände der Wiener Tango-Affäre schildert Fürstin Marie von Thurn und Taxis, Großmutter von Mariedl und Lori, in ihrem Brief vom 16. Februar 1924 an Rainer Maria Rilke:

 

„Nur hat der Erzbischof, Kardinal Piffl (mit dem Namen kann man nur Dummheiten machen!) einen entsetzlichen Streich begangen – er hat die ‚modernen  Tänze’ verboten!!! Also Verzweiflung sur toute la ligne – die frömmsten Mütter schäumen. Nicht nur sie sind empört, dass man überhaupt annehmen kann, dass ihre Mädeln – ich bitte Sie ihre Töchter! – irgendwann irgendwie Anstand und Sitte vergessen könnten – Aber wie sollen dieselbigen Töchter jemals einen Ehegatten kriegen, wenn die jungen Herrn, welche die alten Tänze verachten, sich stützig melden und nicht kommen! Es ist ein heißer Kampf entbrannt – einerseits die rasenden Mütter mit einigen wohlwollenden Abbés und schlauen Jesuitenpatres – von der anderen Seite horribile dictu – die alten Jungfern (die den ganzen Skandal angestiftet haben und es enorm genossen, dem armen entsetzen Cardinal die schlüpfrigsten Geschichten aufzutischen) – hinter ihnen der orthodoxe Clerus und Seine Eminenz!! Aber die Mädeln kümmern sich nicht um den Kampf – es wurden alle Tänze umgetauft und es wird tapfer getanzt, Piffl-Tänze - und verkappte Teufelstänze! Et tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes!“

 

Michael und ich kehrten nach Freiburg zurück, ohne eine Milonga in Rom besucht zu haben. Vielleicht hätte Michael eines Tages die ersten Tangoschritte im gekreuzten System gelernt. Doch er starb bald nach unserer Rückkehr an den Folgen eines Herzinfarktes, der ihn unmittelbar nach der Feier einer Messe ereilt hatte.

 

Die Geschichte des Tangos kennt Tänzer, die auf der Tanzfläche ihr Leben vollendeten oder sich nach einer durchtanzten Nacht ins Bett legten und nicht wieder aufwachten. So starb auch Michael auf der Piste.

 

Tango sei der Totentanz der Moderne, behauptete Karl Krauss, und hatte in gewisser Weise nicht unrecht. Denn der Tango wurde auch von den Orchestern in den Vernichtungslagern gespielt. „Todestango“ hieß der ursprüngliche Titel der „Todesfuge“ von Paul Celan. Die Mitte des Tangos ist die Erfahrung des Kreuzes. Wie die mittelalterlichen Totentänze kennt auch der Tango das memento mori. Jeder Tango erzählt von einer Passion und verwandelt sie im Tanz zu einem Teil des Lebens und der Liebe.