Wir tanzen einen Traum: 

Von den Elementen

 

 

 

 

Ich hatte als Tänzer ein starkes Selbstbewusstsein gewonnen und war überrascht, als ich eines Tages wieder die Stimme der kleinen, so großartigen Tänzerin Carmencita Calderon vernahm: „Gehen ist das schwierigste, alles weitere kommt später wie von selbst, wenn einer eine Tänzerseele hat.“ Mit dieser Stimme erwachte wieder der Zweifel in meinem Herzen. Es gibt echte Probleme und eingebildete Probleme. Wer kann sie unterscheiden? Probleme, die immer wiederkehren, gehören offenbar zum Webmuster des Lebens. Ihnen kann niemand entfliehen. 

 

Wenn einer eine Tänzerseele hat. Wenn aber einer keine Tänzerseele hat? Ich frage Undine. Aufmunternd meint sie: Wer sich über fünf Jahre immer strebend bemühe, der müsse eine Tänzerseele haben. Oder er jage einer Wunschvorstellung nach, antworte ich. Wir haben verschiedene Lehrer kennengelernt und bei ihnen Unterricht genommen. So weiß ich nun, wie ich nicht tanzen will. Doch meine Tänzerseele ist mir noch immer ein Geheimnis. Manchmal glaube ich sie zu spüren. Manchmal ist dort, wo sie sein sollte, einfach ein schwarzes Loch, wie es sie im Weltall geben soll. Tangotänzer, das habe ich inzwischen erfahren, zweifeln immer an ihren Fähigkeiten. Mal stimmt der Rhythmus nicht, mal die Verdoppelung beim Gehen. Schlimm wird es, wenn  die Verbindung im Paar unter Verkrampfungen leidet. Für alle Probleme, die echten oder die eingebildeten, gibt es die Lösung auf dem Festival „Tango tanzen mit den vier Elementen“. Die vier Elemente - das sind Feuer, Wasser, Erde und Luft. Es gibt Feuertänzer, Wassertänzer, Erdtänzer und Lufttänzer, sagt Baubo. Gemeinsam mit ihrer Frau leitet sie das kleine Festival. 

 

Ich möchte endlich wissen, welcher Typ ich bin und wodurch sich die einzelnen Tänzerseelen unterscheiden. Deshalb bin ich hier. Eine echte Harmonie im Paar, sagt Baubo, könne nur entstehen, wenn die Führenden fühlen, wen sie in der Umarmung halten. Das leuchtet ein. Ebenso die andere Seite der Umarmung: Die Geführten müssten spürten, wer sie führe. Umarmung oder Abrazo, wie die Argentinier sagen, gebe es nur zu Zweit. Einleuchtend! Das eine sei die Logik der Paarbeziehung, das andere die Praxis. Viele Beziehungen gehen in die Brüche, weil die Umarmung nicht stimme. Wenn sich Feuer und Wasser, Erde und Luft , Luft und Wasser oder Feuer und Erde begegnen, dann gäbe es Spannungen, Widersprüche, vielleicht auch Konflikte, ja Vulkanausbrüche, aber auch kreative Ergänzungen, Inspiration und pure Lebensfreude. Empathie ist also gefordert. Aber wer bin ich? 

 

Undine sind meine Zweifel fremd. Feuer, Wasser, Erde, Luft - Undine sagt, sie  sei eine Lufttänzerin. Aber Undinen gehören doch zu den Wassergeistern, erwidere ich. Einst war ich ein Wassergeist, sagt sie. Aber du hast mich beseelt. Jetzt bin ich eine Elfe. Dann singt sie ein kleines Lied:

 

„Um Mitternacht, wenn die Menschen erst schlafen,

Auf den Wiesen an den Erlen

Wir suchen unseren Raum

Und wandeln und singen

Und tanzen einen Traum.“

 

Ich finde, dass meine Lufttänzerin am ersten Tanzabend eher einer Erdtänzerin mit viel Bodenhaftung gleicht. Das liegt gewiss an der Korrektur der Abiturklausuren. Nach der Lektüre von zwanzig Arbeiten fühlt sich selbst eine Elfe, als habe man ihr die Flügel gestutzt.

 

Im niedersächsischen Zentralabitur steht dieses Schuljahr Goethes „Faust“ auf dem Lehrplan. Dazu passend ist die Landesbühne Hannover mit einer Neuinszenierung der alten Tragödie von Leer bis Einbeck auf Tournee gegangen. Auch in Hildesheim gab es eine Schulvorstellung, die Undine gegen mein Anraten mit ihrem Kurs besuchte. Die Fachkonferenz „Deutsch“ hatte den Besuch beschlossen. Es sei, so wurde argumentiert, ein Gebot der Fairness und Chancengleichheit gegenüber den Schülern, dieser Inszenierung beizuwohnen. Vielleicht werde in einer der Aufgaben des Zentralabiturs ein Bezug zu der Aufführung gefordert. Vor zwei oder drei Jahren stand der Deutschkurs einer Waldorfschule wie Ochsen vor dem Berg, weil die zuständige Lehrkraft die Pflichtlektüre nicht gelesen hatte. Dergleichen durfte sich nicht wiederholen.

 

Die Regisseurin entlarvte Goethes Sexismus und seine Missachtung reifer Frauen, wie sie in Macho-Sprüchen der Walpurgisnacht zum Ausdruck kommt: 

 

„Da seh’ ich junge Hexlein nackt und bloß,

Und alte, die sich klug verhüllen.“

 

Die Hexenbesen gaben Anlass zu manch obszönem Symbol. Eine meiner Tanzpartnerinnen aus dem Tango Milieu arbeitet als Schneiderin im Theater und war an der Fertigung beteiligt. Geradezu magisch in Szene gesetzt war die Reaktion des alten Faust auf die „Äpfelchen“ einer jungen Hexe. 

 

Ich hatte Undine und ihren Kurs ins Theater begleitet und musste während der Walpurgisnacht an den argentinischen Tänzer Chiche Faustino denken.  Faustino war wie sein Namensvetter ein Platzhirsch. Als der Neotango aufkam, sah man ihn gelegentlich mit jungen Hexlein im Evakostüm tanzen. Andere ließen sich den entblößten Oberkörper mit Handfarben bemalen. Dergleichen Treiben wurde nicht zur Mode. Doch halbnackte Hexlein sind noch immer auf Milongas zu sehen. Wie zu Goethes Zeiten sind es die Faustinos der Generation 50plus, die bei ihrem Anblick verrückt spielen. 

 

Zu ihnen gehört ein Tango-Tänzer mit langem weißen Haar. In jedem Ohr trägt er ein blaufarbenes Hörgerät. Über viele Jahrzehnte war er für die Beleuchtung in einem großen Theater zuständig. Nun reist er durch Mitteldeutschland und leuchtet kleine und große Tanzsäle aus. Joe Light hat Baubos Hexentanzplatz in sanftes Licht getaucht. Da sehen alle Frauen und Männer recht jugendlich aus. Tangolicht macht schön. 

 

Der Ofen bullert vor sich hin. Auf den Tischen brennen gelbe Kerzen. Ich sitze mit Undine vor dem Bild einer Nixe. Das Nixlein räkelt sich auf einem Sofa. Mit konzentriertem Blick schaut es mich an. Sehen Nymphen so aus, wenn sie zum Tanz aufgefordert werden wollen? Springen sie nicht lustig in seidenweichen weißen Kleidern herum? Plantschen sie nicht an den Stränden, tauchen Hände und Füsse ins feuchte Nass und bespritzen sich übermütig mit Wassertropfen? 

 

Kaum hat Undine auf einem Stuhl Platz genommen, trifft sie Baubos Blick. Er lädt nicht einfach zum Tango tanzen ein. Er fordert auf. Er fordert ein. Er ist einfach magisch. So geht Cabeceo! Undine lächelt. Sie kann gar nicht anders. Die Nixe auf dem Bild scheint auch zu lächeln. Der Raum verwandelt sich in ein Land des Lächelns. Undine entschwebt mit Baubo.

 

Ich bin selbstbewusster geworden und kann den Zauber des Zuschauens genießen. Ebenso wichtig wie das Üben, so habe ich bei den Meistern des Tango gelesen, sei das Zuschauen. Vielleicht finde ich auf diese Weise heraus, wer ich bin. Ein Erdtänzer bin ich nicht. Das weiß ich, seit ich Chiche Faustino habe tanzen sehen. Erdtänzer haben immer Bodenhaftung und betonen stark den Rhythmus. Ein Feuertänzer bin ich auch nicht. Feuertänzer tanzen wie auf heißen Kohlen. In ihrer Bewegung wird der Einfluss des Flamenco auf den Tango spürbar. Wenn Undine eine Lufttänzerin ist, bleibt für mich eigentlich nur noch der Wassertänzer übrig. Luft und Wasser ergänzen sich gut. Denn im Wasser wird der Körper schwebend leicht, und wie die Wolke gibt es sich der Strömung hin. 

 

Alles fließt, hatte Meister Antonio Todaro gesagt. Er bewegte sich aus der inneren Ruhe und Gelassenheit. „Ich ging tanzen, ich ging zuschauen. Ein Tänzer braucht vier oder fünf Jahre zum Lernen und Wachsen“, sagte er rückblickend. Alles fließen lassen - das ist die Kunst der Improvisation, von der Meister Eduardo Arquimbau spricht: „Nun, später ergeben sich die Dinge dann von selbst. Wenn wir beispielsweise in einem Club tanzen, machen wir einfachere Dinge, weil wir alles Schwierige zusammenfassen, was am Anfang so kompliziert aussieht. Um dahin zu kommen, braucht man 25 Jahre Tanzerfahrung. Die Leute, die gut tanzen, sind nicht die, die Schritte machen, sondern die, die zusammenfassen und improvisieren können.“

 

25 Jahre, um in den Fluss zu kommen! Ich hatte also sehr viel Zeit, um meine Tänzerseele kennenzulernen. Aber ich wollte nicht so viel Zeit haben. Ich wollte Klarheit gewinnen. Es war die Zahl der Silberhochzeit, die mich irritierte. Wenn eine Beziehung in die Brüche gehe, hatte Baubo gesagt, dauere es lange Zeit, bis ein Mensch wieder durch das Feuer des Lebens gereinigt und offen für einen Neuanfang sei. Für jedes Jahr einer vergangenen Partnerschaft brauche es die entsprechende Zahl an Jahren der Reinigung. Das wären bei mir 25 Jahre, dachte ich entsetzt. 25 Jahre auf glühenden Kohlen tanzen. So viel Zeit habe ich vielleicht gar nicht mehr. Baubo meint, 25 Jahre Reinigungsarbeit wären wahrscheinlich übertrieben. Ich könne den Weg zur Reife entscheidend verkürzen, wenn ich wüsste, wer ich bin und wer ich nicht bin. Erde, Wasser, Luft oder Feuer - das war eben die Frage. Aber es galt auch, karmische Zusammenhänge zu erkennen und energetische Blockaden zu lösen. Sie kenne da ein Medium.

 

Also - die Dinge fließen lassen, als wäre das Leben ein Rinnsal, ein Bach oder ein Strom. Warten. Beobachten. Schauen, was sich entwickeln will. Gelassen sein. Irgendwann erreicht jeder Fluss das große Meer. Das ist es wohl. Da findet die große Umarmung, der letzte Abrazo statt. War nicht jeder Tango eine Annäherung an diese letzte Umarmung, den ultimo Abrazo?

 

Ich schaue ins Land des Lächelns, fühle mich angesprochen, berührt und gestreichelt von lachenden Augen. Mir scheint das Lächeln wie ein Signal, mit dem die Frau auf sich aufmerksam machen möchte, als wollte sie sagen: Schau’ doch, wie schön ich bin! Ein anderes Lächeln gleitet ins Maskenartige, als fühle sich die Tänzerin nicht wohl in der Umarmung und mache nur gute Miene zu einem bösen Spiel. Dann wieder leuchtet ein Lächeln aus der Tiefe der Empfindung. Dieses Lächeln suche ich in der Umarmung. 

 

Der Abrazo! Eine Frau hüpft über Baubos neuen Tanzboden als tanze sie auf glühenden Kohlen. Ihr Partner scheint Tango mit Wrestling zu verwechseln. Ein Gancho ist kein Hüftwurf! Auf diese grobe Weise kann das holde Lächeln nicht entstehen. Aber nicht jeder sucht wie die Romantiker den verklärten Blick. Der Harz ist voller Elementargeister. Sie wohnen im Feuer, in der Erde, im Wasser und in der Luft, und jeder lacht und lächelt auf seine Weise. Hexen lächeln nicht. Sie könnten lächeln, aber sie wollen es nicht. Auch wollen sie sich nicht mehr von Männern führen lassen und freuen sich über jedem Impuls, den sie aushebeln können. Zwerge in den Höhlen des Harzes und auf dem Tanzboden lächeln ebenfalls nicht. Sie stampfen mit den Füßen, grunzen und prusten ihrer Tanzpartnerin ins Ohr. Außerdem schwitzen sie stark. Elfen lächeln holdselig, weil sie schön aussehen wollen. Wenn sie beim Tango an einem Spiegel vorbei tanzen, kontrollieren sie ihre Haltung. Sie können in der Regel sehr gut tanzen und jedem Führenden folgen. Aber sie tun es nicht immer. „Sieht das auch gut aus?“, fragen sie bei jedem neuen Schritt. 

 

Zwei Frauen umarmen sich. In leichten, wiegenden Bewegungen suchen sie ein gemeinsames Körpergefühl. Mann und Frau schweben durch den Raum, als wären sie ein Leib. Zärtlich lehnt sie ihre Schläfe an sein Haupt und schließt ihre Augen. Sie vertraut sich seiner Führung an. Ihr Gesicht verklärt sich. Ich sehe ihr sanftes Lächeln. Gilt es dem Partner? Gilt es mir? Ich fühle mich angesprochen. Ein einladendes Lächeln für den nächsten Tango. Ich möchte  diese Seele zum Lächeln bringen, dass sie sich wohlig fühlt in unserer Umarmung. Aber ich werde ihre Aufforderung, wenn es eine war, nicht erwidern. Denn vielleicht ist sie in meinen Armen nicht mehr die Frau, die sie jetzt für mich ist.

 

Im Abstand des Zuschauers wird sichtbar, was dem Tänzer verborgen bleiben muss. Das Lächeln beim Tango erinnert mich an ein friedlich schlummerndes Baby oder an Buddha oder die Gesichter der Seligen auf den Portalen französischer Kathedralen. Der Buddha lächelt, weil er das Nirwana erfahren hat. Die Erlösten stehen vor der Pforte des Paradieses. Sie wiegen ihre Leiber vor Entzückung und in Erwartung des Kommenden. Blicke der Seligen. Beseligende Blicke.

 

Das Lächeln ist uns angeboren. Jedes Neugeborene bringt es mit auf die Welt. Es wird Engelslächeln genannt. Bären sehen zwar recht putzig aus, aber sie können nicht lächeln. Deshalb sind sie so gefährlich, weil niemand in ihrem Gesicht lesen kann. Auch im Land des Lächelns sollte der Fremde nicht voreilige Schlüsse aus der Bewegung der Lachmuskulatur ziehen. „Muskel der Freude“ nannte der Physiologe und Neurologe Guillaume-Benjamin Duchenne (1806-1875) die Gesichtsmuskel in der Nähe der Mundwinkel. Nach ihm ist das Duchenne-Lächeln benannt, das mancher Tango-Tänzerin um die Augen liegt. Lächeln ist nicht immer Ausdruck der Freude. Es kann auch eine nervöse Ursache haben. Dauerhaft unbegründetes Lächeln ist sogar eine anerkannte Krankheit. Es wird Angelman-Syndrom genannt. 

 

Er machte die Frauen lächeln: Ein Jahrgang mit meinem Vater war der Pizzabäcker Domingo Monteleone, der sich Avellaneda nach einem Stadtteil von Buenos Aires nannte. Pepito Avellaneda  (1930-1996) war ein kleiner untersetzter Mann, in dessen Armen sich jede Frau wunderbar schlank fühlten musste. Pepito war ein Leben lang Amateurtänzer, unerschöpflich erfinderisch. Ein Freund der Nacht. Ein Tänzer, der immer lächelte und die Zigarette nicht ausgehen ließ. Mit 60 Jahren begann er in Kanada zu unterrichten, dann auch in Deutschland. Der Pizzabäcker Pepito war ein Lehrer des Lächelns, der wie alle Großen den Stil anderer Tänzer zu würdigen wusste. Tango war für ihn Musik, Tanz und Beobachtung. Er lernte auch durch Zuschauen. Ein Jahr vor seinem Tod sagte er:

 

„Wir sollen den Tango für die jungen Leute nicht kompliziert machen. Wenn ein junger Mensch den Tango mag, sollte er ihn einfach unkompliziert tanzen. Er sollte fühlen, dass er den Tango tanzt und dahingleitet, weil der Tango eine sanfte Sache ist. Der Tango ist poetisch. Der Tango ist für mich wie eine Droge, die in mir ist, die mich lebendig macht.“ 

 

Pepito Avellaneda war eine Nachteule. Wenn er nicht tanzte, redete, rauchte und trank er und beobachtete die tanzenden Paare. Die ersten Erfahrungen als Tänzer sammelte der Zwölfjährige auf dem Karneval. Er trug ein Hütchen, Flanellhemd, kurze Hose. Eine Pfeife baumelte an einem Band. So stellte er sich einen mexikanischen Schauspieler vor, einen Cantiflas. Er fasste allen Mut zusammen, um ein Mädchen aufzufordern. Ein Test sollte es sein, ganz ohne Tanzabsicht. Denn er konnte ja keinen Schritt. Das Mädchen zeigte Interesse und setzte so in Pepito eine Energie frei. Er bewegte sich im Rhythmus, tanzte ganz aus seinem Inneren heraus und erfand Schritt für Schritt. 1945 mit fünfzehn Jahren hatte er seinen ersten Auftritt im Teatro Roma. Ein Strom der Kreativität war befreit. Er trug ihn durch sein Leben und zauberte das Lächeln in die Gesichter der Frauen. „Wenn man Tango tanzt, spricht man nicht“, sagt Meister Eduardo Arquimbau. Peptio vertrat eine andere Lehre. Auch Worte beim Tanz können eine Frau zum Lächeln bringen.

 

Mit fünf Jahren hatte Pepito seine Mutter verloren. Seinen Vater begleitete er auf Milongas. Als er ein großer Tänzer geworden war, schätzte er noch immer die teilnehmende Beobachtung am Lächeln der Frauen. Pepito schaute den Tänzern gerne zu. Wenn ein bedeutender Tänzer kam, hörte er sogar mit dem eigenen Tanz auf, um ihn zu beobachten. Was der unermüdliche Erfinder neuer Schritte suchte, waren nicht Anregungen für neue Schrittfolgen. Er beobachtete die Gesichter und das Lächeln der Frauen. Der Tango ist Gefühl. Wer tanzt, lässt sich ergreifen. Doch auch der Beobachter wird ergriffen. In jedem Tango findet er etwas von sich selbst und seiner eigenen Lebensgeschichte.

 

Es gibt vier unterschiedliche Arten,  den Tango zu tanzen, sagt Baubo. Vielleicht gibt es auch 40. Aber vier reichen für den Anfang. Pepito war ein Lufttänzer. Das ist vielleicht das Geheimnis des Lächelns:

 

„Das Gefühl eines Paares ist sehr wichtig. Tanzen und leben - es ist eine Geschichte in drei Minuten, zweieinhalb Minuten. Du hörst den Text, und für die Dauer des Tangos erlebst du die ganze Geschichte. Der Tanz ist das Gefühl. Ich tanze und lasse mich davon ergreifen. Ich fühle es, aber ich erschaffe es gleichzeitig auch.

 

In jedem Tango findet man etwas von sich selbst. Da gibt es Dinge, die erinnern an Geschehnisse aus dem eigenen Leben. Natürlich kann ein Junge von 16 Jahren niemals verstehen, worauf das beruht, denn er hat die Schläge, die einen im Leben treffen, nicht erlebt.

 

In jedem Tango ist etwas, was dich innerlich anspricht. Der Tango ist ein Gedicht, er ist ein Gefühl, das man tanzen kann. Du tanzt einen Di Sarli wie ein Gedicht, es ergreift dich, du hältst eine Frau in den Armen…“

 

Der Abend schreitet voran. Die Mitternachtsstunde rückt näher. Plötzlich bleibt ein Paar vor dem Nixenbild stehen. Es unterbricht seine Bewegung und löst die Umarmung. Ein Raum entsteht. Die Tänzerin bewegt sich im Halbkreis. Er fühlt sich in ihre Bewegung ein. Eine neue Energie entsteht. Eine neue innige Umarmung, ein leises Lächeln am Ohr eines anderen Menschen.

 

Das Geheimnis des Lächelns ist die Erfahrung des Augenblicks: Ich bewege - ich werde bewegt. Wir bewegen uns. Wir verschmelzen. Wir fließen ineinander. Ein Erleben der Gegenwart in höchster Bewusstheit. Ich bin - hier und jetzt. Alles löst sich. Jetzt. Nicht erst morgen oder übermorgen. Nicht erst in zehn, fünfzehn oder fünfundzwanzig Jahren. Es gibt keine Vergangenheit, nichts, das nach mir greift und mich festhält. Im Tango wird eine Bewegung entwickelt, durchgeführt und wieder vergessen, sagt Baubo: „Wenn du mich fragst, was ich getanzt habe, werde ich dir sagen: Ich weiß es nicht mehr. Ich habe es nie gewusst. Ich habe mich führen lassen. Alles fließt.“

 

Alles fließt und ergreift mich. Ich erhebe mich und gehe auf die Nixe zu. Sie verlässt ihr rotes Sofa und legt ihr grünes Kleid an. Es ist ein Hochzeitskleid, durchfährt es mich. Ich kenne es. Nixen tragen doch leichte grüne Kleider, wenn sie ihre Scheu ablegen und sich mit einem Menschen verbinden wollen. Jetzt lächelt die Nixe. In meinen Armen wirkt sie viel kleiner als auf dem Bild. Ein wunderbares Gefühl. Eine herrliche Umarmung. Ich spüre es sofort und mit geschlossenen Augen: Das ist Undine. Wir schweben durch das Land des Lächelns.