Schau’ mir in die Augen: 

Tango im Sanatorium 

 

 

 

 

 

„Stundenlang, mein Kind, schau’ ich dich an,

denn du bist jung und du bist schön.

Du tanzt immer mit ‘nem anderen Mann

und scheinst mein Werben nicht zu sehen.“

Richard Tauber. Darf ich um den nächsten Tango bitten?

 

 

 

Die Ferien sind da! Undines meerblaue Augen leuchten. Ja, mit diesen Augen kann man Tango tanzen. Kein Wunder, dass Undine nicht zum Sitzen kommt. Die Augen sind das Fenster der Seele. An den Augen erkennt der erfahrene Tänzer, ob eine Frau zum gemeinsamen Tanz bereit ist.

 

„Ich weiß nicht, was Deine Augen mir angetan haben, wenn sie mich ansehen, dann sterbe ich vor Liebe“, sage ich zu Undine. Sie meint, ich solle nicht übertreiben. Zudem wolle sie noch lange mit mir Tango tanzen. Zum Sterben sei es zu früh. Undine ahnte, dass ich eines der berühmten Lieder des Tango zitierte. Es trägt den Titel „Ich weiß nicht, was Deine Augen mir angetan haben“ („Yo no sé qué me han hecho tuos ojos“) und ist Ada Falcón (1905-2002) gewidmet. 

 

Ada Falcón war eine große Sängerin. Als sie in der Blüte des Lebens stand, verliebte sich Francisco Canaro (1888-1964) in ihre geheimnisvollen grünen Augen und komponierte den berühmten Tango. Künstler sollte man nicht beim Wort nehmen. Francisco Canaro starb nicht vor Liebe. Aber die grünen Augen von Ada Falcón hatten es ihm angetan. Über zehn Jahre dauerte die Affäre mit der Sängerin. Dann setzte ihm seine Ehefrau ein Ultimatum. Canaro entschied sich für seine Frau und suchte sich bald eine neue Geliebte. Ada Falcón wurde Nonne. In einem Franziskanerkloster lebte sie über ein halbes Jahrhundert in großer Abgeschiedenheit. 

 

Geblieben ist der Tango-Walzer von ihren Augen und der alte Brauch, mit den Augen zum Tango aufzufordern. Denn die Augen sind das Fenster der Seele. Mirada oder Schauen wird diese diskrete Form der Annäherung genannt. Sie ist Thema einer praktischen Übung beim Dresdener Tango-Festival im Stadtteil Weißer Hirsch. Getanzt wird auf dem ehemaligen Gelände eines berühmten Sanatoriums. Heinrich Lahmanns Gesundheitsresort beherbergte zu seiner Blütezeit um 1910 bis zu 2000 Gäste aus aller Welt. So viele Tänzer sind nicht zum Tango-Festival von Barbara und Bernd gekommen. Aber der große Tanzsaal platzt aus allen Nähten. Nähe erzeugt Wärme. Leichte Kleidung ist angesagt. Heinrich Lahmann bediente mit Luftbädern, Fastenkuren, Reformkost und Reformkleidung ein Publikum, das sich lange Kuraufenthalte leisten konnte. Heute werden Kurse in Progressiver Muskelentspannung nach Jacobsen und Yoga von den Krankenkassen übernommen. Warum nicht auch eine Tango-Kur mit „doble B“? „Morgens Fango, abends Tango“, hieß es in den Siebziger Jahren, als die Rücklagen der Krankenkasse hoch und der Kurlaub beliebt war. Diese Zeiten sind vorbei. Tango-Kuren auf Kosten der AOK oder der Barmer Ersatzkasse gab’s nur einmal. Das kommt nicht wieder.

 

Die Veranstalter Barbara und Bernd sind das erste „doppelte B“ oder der B-Wurf von „doble A“, sagt Giacomo di Casa Nova. Giacomo ist ein Witzbold, aber seine Scherze verstehen nur Insider. „AA“ oder „doble A“ wurde Alfred Arnold genannt, der seit 1929 im Erzgebirge das Instrument des Tangos produzierte. Erfunden wurde das Bandoneon von Heinrich Band. Alfred Arnold schuf Instrumente von legendärer Qualität. Über 30000 Bandoneons lieferte er während der Goldenen Ära des Tango nach Buenos Aires und Uruguay, bis seine Firma im Jahr 1948 enteignet wurde. Was in der DDR produziert wurde, fand wegen des Niedergangs der Qualität keinen Absatz mehr.

 

Die Milonga am Nachmittag hat begonnen. Da ist noch viel Platz auf der Tanzfläche und Zeit für Plaudereien an den Tischen. Bei Heinrich Lahmann, erzähle ich, trafen sich Künstler und Kaufleute, Politiker und Pastoren. Rainer Maria Rilke und Clara Westhoff verbrachten ihre Flitterwochen im Sanatorium. 

 

„Wie abgedreht ist das denn!“, sagt eine Tänzerin. 

 

Wir übernachten in der Villa Ulenburg, berichte ich, in der Rilke und Clara Westhoff während des Kuraufenthaltes lebten. Lahmanns Sanatorium konnte bei weitem nicht alle Gäste aufnehmen. So mietete er verschiedene Villen im Stadtteil Weißer Hirsch. Ich mag die Vorstellung, in einem Zimmer zu schlafen, das Rilke einst bewohnt hat. Gewiss ist der Raum seit jenen Tagen mehrfach renoviert worden, aber die Aura des Dichters meine ich noch immer zu spüren.

 

„Rilke - oh Gott“, ruft mein Nachbar zu Linken. „Wegen Rilke habe ich die Abi-Klausur vergeigt!“

 

Ich frage den Tänzer, ob er sich an den Titel des Gedichtes erinnern könne. Irgendein Tier sei es gewesen, ein Elefant oder ein Löwe. „Vielleicht ein Panther?“, fragt Undine. Jetzt kommt dem Mann die Erinnerung. Natürlich ein Panther sei es gewesen, der mit geschlossenen Augen durch seinen Käfig tigere. Undine zitiert einige Verse:

 

„Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte…“

 

„Wunderschön“, sagt der Tänzer. „Das ist Juan Carlos Copes. Der konnte mit seiner Partnerin im allerkleinsten Kreise auf einem winzigen Tisch tanzen.“

 

„Das ist Rilkes Gedicht vom Panther“, erwidert Undine. 

 

Hinter unserem Tisch haben Mandy Winter und Gunda Stosiolek ihre Stände aufgebaut. Hemden, Hosen, Röcke, Kleider und natürlich Schuhe werden angeboten. Kleidungsfragen spielen im Tango eine große Rolle. Tango ist ein Fest der Sinne, besonders für die Augen. Tango ist „Schau“ oder wie in Buneos Aires gesagt wird „Mirada“. Sehen und gesehen werden. Was drüber oder drunter getragen wird, bedarf der feinen Abstimmung. Nicht zwicken und zwacken darf es, nicht verrutschen oder sich irgendwo einklemmen, vor allen Dingen darf es nicht sichtbar werden, wenn das Bein schwungvoll gehoben wird. 

 

Zu den Merchandise-Produkten von Heinrich Lahmann gehörte auch Leibwäsche. Dass Rilke Lahmannsche Unterwäsche trug, interessiert die Tänzer in unserer Runde. Normalerweise sind die Männer gegenüber Modefragen weniger offen und können vor allen Dingen die weibliche Leidenschaft für Schuhe nicht nachvollziehen.  Doch die rechte Passform der Herrenunterwäsche ist besonders beim Tragen der weit geschnittenen weichen Hosen von hoher Bedeutung für ein entspanntes Tanzgefühl im Schritt, heißt es unter den Experten. 

 

Als Rilke in diesem Saal weilte, wurde der Tango gerade am Rio de la Plata erfunden. Der Dichter tanzte nicht. Wenn nach dem Menü der Tanz begann, verließ er die Gesellschaft oder entzog sich den Blicken tanzfreudiger Damen in einem stillen Winkel des Saales. Noch heute gilt der Rückzug ins Halbdunkel, der gesenkte Blick oder das bewusste Wegschauen als klares Signal fehlender Tanzbereitschaft.

 

Art und Unart der Aufforderung zum Tango sind das Thema einer Practica von  Giacomo di Casa Nova und Maria Farussi aus Catania. Dass eine Dame die Aufforderung des Herrn abweisen könnte, ließ die Etikette in den alten Zeiten nicht zu. Heute ist ein Nein ein Nein. Um beim Tango nicht vor aller Augen abgewiesen zu werden, gibt es Techniken der Annäherung. Giacomo und  Maria trainieren sie in ihrer Practica. Männer gehen auf die eine Seite des Saales, Frauen auf die andere. Geübt werden soll die Aufforderung zum Tanz. Auch im Zeitalter der vollendeten Gleichberechtigung sei sie zumindest in Südeuropa noch Aufgabe der Männer. „Unsere Sache“ oder „Cosa Nostra“, sagen die Tangueros auf Sizilien.

 

Weil die Aufforderung ein sehr schwieriges Kapitel ist, bietet Giacomo seinen ganzen Charme und sein clowneskes Talent auf, um uns zu erheitern. Zuerst zeigt er mit Maria, was im Tango als absolutes „no go“ gilt: Er spitzt die Lippen und sendet ein Signal, das an das Gehabe junger Italiener erinnert, die am Abend im offenen Cabriolet eine Runde drehen und den Mädchen nachpfeiffen. So gehe es in Catania auf dem Corso zu, nicht aber beim Tango. Tango-Tänzer seien Männer der Ehre oder uomini d’onore wie der Sizilianer sage. Auch das Winken mit dem Arm oder das Schnalzen mit der Zunge sei keine passende Aufforderung zum Tango. 

 

Der ehemalige Artdirector einer Werbeagentur und Schauspieler zeigt uns, wie der Herr in den alten Zeiten die Dame seines Herzens aufforderte.  Giacomo schreitet durch den Saal, ergreift Undines Hand und spricht sie direkt an: 

 

„Darf ich um den nächsten Tango bitten?“ 

„Sehr gerne!“, antwortet Undine.

 

Giacomo nimmt Undine in den Arm und drückt sie mit festem männlichen Griff an sein tadellos sitzendes Jacket.

 

„Ja, so war es früher“, sagt er und bedankt sich bei Undine mit einem Handkuss. Früher, das war im Jahr 1930, als der Tenor Richard Tauber, der König des Belcanto, den wunderbaren Tango anstimmte:

 

 „Darf ich um den nächsten Tango bitten, süße kleine Frau.

Manchmal kommt das Glück bei Tangoschritten, süße kleine Frau.

Alles, was verliebte Herzen tragen, kann man sich so schön beim Tango sagen,

süße kleine Frau…“

 

Giacomo schmettert einige Verse des Liedes und bewegt sich dabei durch die Runde zu einer stattlichen Tango-Tänzerin. Sie ist gut einen Kopf größer als der feurige Lehrer aus Sizilien. Giacomo singt:

 

„Stundenlang, mein Kind, schau’ ich dich an,

denn du bist jung und du bist schön.

Du tanzt immer mit ‘nem anderen Mann

und scheinst mein Werben nicht zu sehen.“

 

Die Suche nach einem Tanzpartner beginne mit den Augen. Mit ihnen schweife der Blick durch den Saal. Er wandere durch die Reihen am Rande der Tanzfläche, er suche die Gesichter derjenigen, die an einem Tisch Platz genommen haben, er blicke hinüber zu jenen, die bereits durch ihr gut sichtbares Verweilen in der Nähe der Bar ein eindeutiges Signal der Tanzbereitschaft gegeben haben.

 

Jeder im Saal kennt diese Grundbegriffe des Tangos. Theorie ist aber noch nicht Praxis. Wie blinzelt man richtig? Treffen sich zwei Blicke, so könne die Aufforderung zum Tango durch ein Kopfnicken angenommen werden. Cabeceo werde diese Zustimmung genannt. Die beiden Partner gehen aufeinander zu, betreten die Tanzfläche und tanzen Tango. Was aber geschieht, wenn die Aufgeforderte den Blick nicht erwidert und den Kopf senkt oder zur Seite wendet? Dann, sagt Giacomo, wäre es extrem unhöflich, die Frau in einem weiteren Versuch direkt anzusprechen. Er berichtet aus dem Tangoclub Catania. Jabal, ein Tänzer aus dem Maghreb, wollte Maria zum Tango auffordern. Sie hatte den Blick von Jabal nicht erwidert. Daraufhin lief er quer durch den Saal, stellte sich vor Maria auf und fragte, ob sie ihre Brille vergessen habe. Maria trägt keine Brille. Sie wollte einfach zu diesem Zeitpunkt nicht mit Jabal tanzen. Punkt. Vielleicht hatte sie eine Verabredung, vielleicht brauchte sie eine Tanzpause, vielleicht wollte sie mit ihrem Freund reden. Noch einmal Punkt. Doch Jabal gab keine Ruhe. Maria, sagte Jabal vorwurfsvoll, habe soeben mit Abdul getanzt. Abdul tanze aber viel schlechter als er. 

 

So gehe es gar nicht, sagt Giacomo. Die Zurückweisung des Cabeceos bedürfe keiner Rechtfertigung. Eine andere Frage sei, warum einige Männer nie zurückgewiesen werden. Vielleicht, weil sie so hartnäckig sind wie Kevin Costner in dem Film „No way out - Es gibt kein Zurück“ (1987). Dreimal weise eine Frau seinen Blick ab. Doch unbeeindruckt starre Kevin Costner auf sie wie ein Hund auf die Wurst. Schließlich gebe die Frau nach und folge ihm auf die Tanzfläche. 

 

„Es gibt immer ein Zurück!“, sagt Giacomo und spricht weiter von Problemen der Aufforderung zum Tango. Carolina aus Milano ist eine bildhübsche Dame mit lockigem grauen Haar und Silberblick. Seit der Vollendung ihres fünfzigsten Lebensjahres, so habe sie Giacomo anvertraut, werde sie kaum noch aufgefordert. „Ich bin für die Männer durchsichtig geworden“, hatte Carolina gesagt. „Sie schauen einfach durch mich hindurch.“ Ein schwieriger Fall selbst für Giacomo. Er habe Carolina geraten, die Rolle der Führenden zu lernen und so ihre tänzerischen Qualitäten zu zeigen. Dann spricht Giacomo von einem Grenzbereich: Manche Tänzer schwitzen ein bisschen unter den Achseln, anderen stehe der Schweiß auf der Stirn und manche tragen ein klitschnasses Hemd. Wie soll sich die Dame verhalten, wenn sie der Blick eines völlig durchgeschwitzten Tänzers trifft? Selbstverständlich schaue sie zur Seite.

 

„Meine Herren“, sagt Giacomo, „die süßen kleinen und großen Frauen kleiden sich so wunderbar zum Tanz. Bitte achtet ebenfalls auf saubere, trockene und schöne Kleidung!“ 

 

Die Regeln der korrekten Aufforderung sind also in Erinnerung gebracht. Nun beginnen die praktischen Übungen. Meine Augen suchen ein Gegenüber. Ich nicke leicht mit dem Kopf und drei Frauen laufen auf mich zu. Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben. Beim nächsten Versuch gehe ich auf die Frau zu. Als ich vor ihr stehe, wendet sie sich mit der Bemerkung ab, sie habe mir zwar in die Augen geschaut, aber nicht mit dem Kopf zustimmend genickt.

 

„No panic“, sagt Giacomo, stehe auf seiner Unterhose, damit er immer konzentriert bei der Sache bleibe. Das sehe ich auch so und bleibe meinen etwas veralteten Methoden der Aufforderung zum Tango treu. Für unbeholfene Tänzer gibt es T-Shirts mit dem Appell „Tanz mit mir Tango!“ oder „Tango tanzen macht schön“. Einige Männer lassen sich auch Visitenkarten drucken: „Sie tanzten mit Dr. Sobotziki“. 

 

Ich spreche die Frauen und Männer, mit denen ich tanzen will, direkt an. Oder ich verabrede mich mit ihnen zum Tanz. Früher besaßen die Frauen Tanzkarten, in die sich die Männer eintragen konnten. Ich bin für die Wiedereinführung dieser Tanzkarten. Das alte Tangolied „Darf ich um den nächsten Tango bitten…“ weiß noch von einer anderen Methode der Aufforderung zum Tanz. Ich finde sie zauberhaft, habe sie aber noch nicht erprobt. Der Mann am Rande der Tanzfläche hat offensichtlich auch Schwierigkeiten mit der Mirada. Stundenlang schaut er die Tanzende an, doch sie registriert seinen werbenden Blick nicht. So schreibt er ihr ein Briefchen mit der Aufforderung: „Darf ich um den nächsten Tango bitten?“ Keine Mirada, keine SMS kann mit dem Charme eines handgeschriebenen Billetts mithalten. 

 

Nach der Milonga kehren wir in Rilkes Hochzeitszimmer zurück. Wir sitzen auf dem Balkon und genießen den Sekt „Dresdener Engel“ von Schloss Wackerbarth. Unter uns liegt das Lichtermeer von Dresden. Angeregt durch den Abend sprechen wir über das Sehen und die Wahrnehmung der Dinge.

 

Die Villa Ulenburg liegt in direkter Nachbarschaft zu jenen beiden Villen, die eine zentrale Rolle in Uwe Tellkamps Roman über die letzten sieben Jahre in der DDR spielen. Der Autor des „Turm“ ist untergetaucht und hat sämtliche Lesungen abgesagt, weil er und seine Familie wegen politischer Äußerungen Morddrohungen erhalten haben. Tellkamp hatte die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisiert: 95 Prozent der Flüchtlinge seien nach Deutschland gekommen, um in das Sozialsystem einzuwandern. 

 

Al-Wahid führte die Liebe nach Deutschland. Seit seinem siebten Lebensjahr, sagt er, lebe er von eigener Hände Arbeit. Er spricht sehr gut Deutsch, möchte aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Denn er sei Türke. Nun versorgt er die Gäste der Villa Ulenburg mit Frühstück und reinigt ihre Zimmer. Eine fromme Seele mit einem klaren Weltbild und Antworten auf alle Fragen des Lebens. Al-Wahid ist ein Hadschi. Er hat die Wallfahrt zur Kaaba nach Mekka unternommen. Als Schuster arbeitete er in Istanbul und als Bedienung in einem Saudi-Arabischen Restaurant. Dann kehrte er über Holland, Spanien und Griechenland in die Türkei zurück, wo er als Barmixer arbeitete und seine deutsche Frau kennenlernte. Nun haben sie ein gemeinsames Kind. 

 

Al-Wahid verrät, wie er das kleine Mädchen beruhigt: Er rezitiert Verse aus dem Koran. Über die Kopfhörer hört er Koranrezitationen auch beim Putzen der Zimmer. So hat er immer das Wesentliche im Blick. Ar-Rahman, der Barmherzige, heiße seine Lieblingssure. Er hatte sie uns zum Frühstück vorgespielt. Das Display von seinem Handy zeigte die deutsche Übersetzung an. In die Rezitation der heiligen Verse blendete sich eine Werbung von Tschibo ein. Al-Wahid schaute darüber hinweg. Dann holt er ein Handtuch aus der Küche, legt es auf den Boden und zeigt uns Gebetshaltungen. Wer diese Gebetsübungen fünf Mal am Tag halte, sagt er, bekomme kein Alsheimer. Tango halte ebenfalls Geist und Körper lebendig, sage ich, nehme Al-Wahid in den Arm und führe ihn über den Flur. Dabei singe ich: „Darf ich um den nächsten Tango bitten…“? Wenn ich Flüchtlinge in einer Sprachlernklasse unterrichten sollte, dann würde ich mit ihnen deutsche Tango-Texte lesen. Denn der Tango verbindet die Völker. 

 

„Wer hat eigentlich diesen schönen Tango komponiert?“, frage ich Undine. Wir wissen es beide nicht. Ich wette, auch Giacomo weiß es nicht. Die berühmten argentinischen Orchester kennt jeder. Doch wer weiß die Namen der Texter und Komponisten zu nennen? Wer kennt die Namen der Sänger? Auf einigen Milongas werden diese Informationen mit einem Beamer an die Wand geworfen. Undine hat ihr I-Book neben die Sektflasche mit den beiden Putten der Sixtinischen Madonna auf dem Etikett gelegt. Am Morgen hatten wir keinen Empfang, weil der Haustechniker während einiger Wartungsarbeiten den Strom abgestellt hatte. Nun spielt Undine den deutschen Tango. Bald weiß sie etwas über Texter und Komponisten zu erzählen. Kurt Schwabach (1898-1966) schrieb den Text. Von ihm stammt auch „Das lila Lied“ (1920), die erste Hymne der Homosexuellenbewegung. Die Musik stammt von Willy Rosen (1894-1944). Kurt Schwabach erhielt 1933 Berufsverbot, floh nach Tel Aviv, wo er seinen Lebensunterhalt als Tankwart, Kellner und Barmixer verdiente. Seine Mutter und seine Schwester wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück. Mit über 2000 gedruckten Titeln gehört er zu den Großen des deutschen Schlagers. Doch konnte sich dieser überaus produktive Geist den Schmerz nicht von der Seele schreiben. 1966 nahm er sich das Leben. Willy Rosen wurde 1944 in Auschwitz umgebracht. 1942 starb hier bereits der österreichische Librettist Fritz Löhner-Beda (1883-1942). Zu der Musik von Jerzy Petersburski schrieb er den deutschen Tango „Oh, Donna Clara“ (1930).

 

Die Toten blicken die Lebenden an. Über alle Zeiten hinweg sind sie gegenwärtig - die großen Meister des Tango, die Dichter und Komponisten, die Tänzerinnen und Tänzer. Der Saal ist gefüllt von ihrer Gegenwart. Der Cabeceo gilt auch ihnen. Er antwortet auf einen Blick aus der Tiefe der Zeit. Jeder spürt den Anruf auf seine Weise in der Melodie, im Rhythmus, in der Umarmung oder in der Gegenwart anderer Tänzer.

 

Am nächsten Nachmittag schwänzen wir die Milonga und fahren in die Galerie Alter Meister. Hier hängt die Sixtinische Madonna von Raffael. Wir haben sie oft besucht. Ich kann das Bild mit geschlossenen Augen sehen:

 

Ein Vorhang wird geöffnet. Begleitet von Engelscharen tritt Maria mit dem Kind aus dem Himmel. Sie hält es am Herzen - con corazon. An den Bildrändern knien Papst Sixtus und die Heilige Barbara. Mit bloßen Füßen schreitet Maria auf die Betrachter zu. Sie trägt ein rotes Kleid, darüber ein blaues Obergewand. Ein goldenes Kopftuch umhüllt ihr Haupt. Es ist üppig geschnitten und reicht auch für das nackte Kind. Der Knabe hat braunes zerstrobeltes Haar wie die beiden Putten am unteren Rand des Bildes. Der Blick der kleinen Engel richtet sich empor zu der Erscheinung.

 

Wir haben auf dem großen Sofa vor der Sixtinischen Madonna Platz genommen. Mir treten Tränen in die Augen. Warum versuche ich sie zu verbergen? Vor allen Dingen, was ist es, was mich ergreift? Vielleicht sind es die Augen. Der Blick von Maria und dem Kind trifft mich wie eine Aufforderung. Ich nicke mit dem Kopf, bekreuzige mich in Gedanken und erhebe mich. Santa Maria del Buen Ayre - Heilige Maria der guten Luft, nannten die Einwanderer ihre Stadt am Rio de la Plata. Das kann kein Zufall sein, denke ich.

 

„Stundenlang, mein Kind, schau’ ich dich an…“ Der alte Tango erklingt in mir.  Ich schaue ihn mit anderen Augen. In mir verknüpfen sich die Welten. Ich denke an das Schicksal von Komponist und Texter. Ihr Lied hat das Leiden überlebt wie auch Raffaels Bild. Als Dresden im Bombenhagel unterging, lag die Sixtinische Madonna in eine Kiste verpackt in einem Eisenbahntunnel außerhalb der Stadt. Leonid Rabinowitsch, Unterleutnant der 5. Gardearmee der 1. Ukrainischen Front, entdeckte sie und brachte sie mit anderen Bildern als Kriegsbeute nach Moskau. Vor dem Krieg war Rabinowitsch Bühnenmaler am Kiewer Opern- und Balletthaus und am jüdischen Theater. Als Soldat überlebte er den Kiewer Kessel, geriet in deutsche Gefangenschaft, konnte fliehen, kämpfte an der Seite russischer Partisanen und nahm schließlich an der Eroberung Dresdens teil. In seiner Heimat geriet er in den Terror der Stalin-Zeit. Dass er die deutsche Gefangenschaft überlebt hatte, machte ihn nun als Kollaborateur verdächtig. Dann wurde er als Jude verfolgt und ändere seinen Namen. Er schrieb einen Bericht über seine Entdeckung der Sixtinischen Madonna. Dieser wurde von Leo Arnstam  unter dem Titel ‚Fünf Tage, fünf Nächte‘ (1961) verfilmt, ohne Leonid Rabinowitsch zu erwähnen.

 

Doch wir sehen den Mann, der die Sixtinische Madonna entdeckte. Er steht neben dem Bild - hier und jetzt in der Galerie Alter Meister zu Dresden. Wir sehen Rabinowitsch am Abend bei der Milonga. Russische Soldaten nahmen 1945 Lahmanns Sanatorium in Besitz und nutzen es bis zur Wende als Lazarett. Jetzt tanzen wir Tango in dem großen Saal, der nach dem Krieg als Pferdestall diente. Wir hören das alte Lied mit einem Text, der gar nicht mehr in unsere Zeit passen will. Wir können den Tango von der „süßen kleinen Frau“ singen und statt einer Mirada kleine Billette schreiben. Und alles ist gut.