Tango tanzen ist nicht immer schön:

Verbindung im Paar

 

 

 „Früher ging es in der Tangowelt zu 90 Prozent

um Frauen, zu zehn Prozent um Tanz.“

Carlos Perez

 

 

Der Tango beginnt mit dem Gehen. Ich ging und ging. Irgendwann ergriff mich der Ehrgeiz. Vielleicht küsste mich sogar die Muse des Tanzes. Meine Schritte gewannen an Sicherheit. Ich fühlte mich bereit für die große Bühne. Berlin zog mich an. Hier konnte jeden Abend an verschiedenen Orten getanzt werden. In der Hauptstadt unterrichteten die berühmten Lehrer aus Argentinien. Berlin lag nur einen Katzensprung entfernt. Der ICE von Interlaken nach Berlin hielt in Hildesheim. Ich stieg ein und ließ mich durch das flache Land zwischen Hohen-eggelsen und Legende fahren, machte kurzen Halt in Braunschweig und Spandau. Am Hauptbahnhof wartete mein Freund. Graues, noch immer volles, leicht gelocktes Haar, Sonnenbrille, weiße Leinenhose und ein weißes Hemd, das sich über dem Bauch spannte - das war Hubert. Wir kannten uns seit Jahrzehnten. Unsere Freundschaft hatte länger gehalten als unsere Ehen. Meine Kinder waren  längst aus dem Haus, denn ich war früh Vater geworden. Hubert hatte sich Zeit gelassen. Seine Tochter machte gerade das Abitur und lebte mit ihm in einer Dreizimmer-Wohnung. Die schöne Villa am See war im Zuge der Scheidung an Huberts Frau gegangen. Hubert und Gisela hatten geheiratet, ließen sich scheiden und heirateten ein zweites Mal. Vergeblich - die Verbindung im Paar wollte  nicht gelingen. 

 

Hubert und ich hatten das Berufsleben abgeschlossen. Nun war Zeit für die Berufung. Ich hätte es nicht gedacht, aber ich fühlte mich zum Tangotänzer berufen. Undine, die mich auf den Weg gebracht hatte, musste daheim bleiben. Sie stand noch mitten im Berufsleben. Wahrscheinlich war sie froh, dass ich mich in der europäischen Hauptstadt des Tango einmal umschauen wollte. Ein echter Tänzer muss sich auf fremden Parkett bewähren.

 

Hubert wollte sehen, wie weit ich es im Tango gebracht hatte. Er hatte einen Milonga-Führer von Berlin besorgt. Auf dem Faltplan waren die Tanzschulen eingetragen. Wohin sollten wir am Abend gehen? Auf einigen Anzeigen waren Fotos der Tanzpaare abgebildet. Wir studierten die Bilder schöner Frauen. Einige Tänzerinnen sahen einfach klasse aus. Sie lachten herzlich, schauten verführerisch, waren ganz auf das innere Erleben konzentriert. Mädchenhafte Gestalten, reife sinnliche Frauen, ewig Junggebliebene. Wir entschieden uns für keine von ihnen, sondern wählten eine Tanzschule mit dem verheißungsvollen Namen „Tangotanzen macht schön“. Denn es sollte ein schöner Abend mit schönen Tänzerinnen werden.

 

Wir fuhren mit der U-Bahn, fanden den Ort und nahmen an einem kleinen Tischchen Platz. Hubert trank sein zweites Glas argentinischen Rotwein und summte fröhlich einen alten Tango. Er hatte ihn in der Einspielung von Max Raabe kennengelernt:

 

 „Oh, Donna Clara,

ich hab’ dich tanzen gesehn

und deine Schönheit hat mich toll gemacht.

Bei jedem Schritte und Tritte

biegt sich dein Körper genau in der Mitte

und herrlich gefährlich sind deine Füße, du Süße, zu sehn.“

 

Die Schönheit kann einen Mann toll machen. So ähnlich hatte es Plato formuliert und auch unsere Lehrerin. Ich blieb beim Mineralwasser, um beim Anblick der Schönheit die volle Konzentration zu haben, falls es zu einem Tango mit der schönen Donna Clara kommen sollte. Eine Tango tanzende Frau ist eine Tanguera. Der Mann ein Tanguero. Aber niemand spricht eine Tänzerin als Tanguera an. Wenn Max Raabe „du Süße“ singt, finden das fast alle Frauen herrlich gefährlich. Wenn ich eine Frau mit den Worten „Du Süße, wollen wir Tango tanzen?“ auffordern würde, wäre ich noch vor dem ersten Schritt unten durch. Wie immer im Leben kommt es darauf an, wer etwas sagt und wann er es sagt. Max Raabe darf es, ich nicht. Auch die Anrede „Chica“ kann ich mir nicht leisten. „Chica“ heißt „Mädchen“ oder „Mädel“. Dõna Martina darf ihre Schülerinnen so ansprechen, ich nicht.

 

Wir schauten in die Runde und studierten die an uns vorbei tanzenden Frauen. Hubert lobte ein schönes Gesicht mit mandelförmigen Augen, das lange blonde Haar, die Haltung der linken Hand und die gespreizten Finger auf dem Rücken des Partners, den kräftigen Tango-Po unter dem hautengen Röckchen - ja Tangotanzen macht schön und stärkt die Po-Muskulatur. Dõna Martina hatte von der Straffung der Po- und Beinmuskulatur gesprochen. Es stimmt. Nun glitten unsere Blicke vom Po zu den Füßen. Die Beinarbeit war herrlich. Auf sie komme es beim Tango besonders an, sagte ich Hubert. Die Kenner schauten nicht auf den Kopf, die Brust oder den Po, sondern auf die Beine der Frau. Deshalb gehe keine Frau ohne Beinrasur tanzen. Wir bewunderten die Beinarbeit von Donna Clara und ihren Schwestern. Ja, auch das stimmt: „Herrlich gefährlich sind deine Füße, du Süße, zu sehn.“ Die alten Tango-Lieder lügen nicht.

 

Unsere Blicke blieben auf die Füße gerichtet. Ich fühlte mich recht wohl in meiner neuen Rolle als Tangoexperte. Anhand praktischer Beispiele aus dem Tanzfluss konnte ich Hubert erläutern, warum die Füße nicht nur herrlich, sondern auch gefährlich werden konnten. Im Tango gibt es neben dem ruhigen Gehen und den achtsam schwingenden Bewegungen in Form einer Acht (Ocho) eine Reihe von Figuren, bei denen die Tänzerin ihr Bein hoch in die Luft hebt. Besonders auf einer vollen Tanzfläche drohen dabei Verletzungsgefahren für die anderen Tänzer. Die herrlich hohen Absätze können gefährlich wie Rasiermesser ein fremdes Bein aufschlitzen, einen Zeh plätten oder sich sogar im Saum des eigenen Satin-Röckchens verhaken, sagte ich. Die Nummer mit dem Röckchen hätte Hubert gerne gesehen, aber noch herrschte auf der Tanzfläche ein ruhiger Fluss der Bewegungen.

 

Plötzlich hörte ich eine Frauenstimme vom Nachbartisch: „Schau’ mal, da ist Eustachio!“ „El Hermoso“, sagte eine zweite Frau. „El Hermoso“ bedeutet „Der Schöne“. In Berlin gibt es viele Tango-Touristen, noch mehr namenlose Tänzer aus der Stadt und einige Platzhirsche. Wenn sie auf die Lichtung treten, halten die Chicas den Atem an und die Männer wissen, dass sie jetzt ins zweite Glied zurücktreten. Hubert und ich hatten keine Ahnung, wer Eustachio ist, aber wir erkannten den Platzhirsch sofort. Es ging gar nicht anders. Denn viele Frauen blickten in die Richtung, wo ein junger Mann mit langen schwarzen Locken stand. Rasch bildete sich um ihn eine Traube von hübsch gekleideten jungen Tänzerinnen. Eine Susi oder Zassa, wenn ich den Kommentar vom hinteren Tischchen richtig verstanden habe, gesellt sich zu ihm. 

 

„Die sind doch kein Paar mehr“, höre ich. Egal. Ich sehe nur: Sie lachen, schäkern und küssen den Mann im schwarzen Jacket auf beide Wangen. Susi oder Zassa spielt mit dem Kreuz, das Eustachio an einem goldenen Kettchen um den Hals trägt.

 

Nachdem ich einen argentinischen Lehrer bei einem Workshop für Anfänger  erlebt hatte, erkenne ich diesen Typus sofort: Eustachio sah so aus, wie man sich einen argentinischen Tangolehrer vorstellt. Thema des Workshops war das Gehen im rechten Rhythmus. Der Lehrer kam aus München und nannte sich El Primo. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit dem Bild eines Gorillas. Seine Oberbekleidung musste er seit längerer Zeit nicht mehr gewechselt haben, denn zwischen den Schulterblättern hatte sich eine Salzkruste gebildet. Bevor El Primo den Unterricht begann, blendete er von seinem Computer einen Tarzan-Ruf ein, animalisch, männlich, laut und lockend: „Ooooooohhh!“ Die Teilnehmerinnen lachten und freuten sich wie Jane. 

 

Eustachio, der Platzhirsch. Argentinier gelten als bessere Liebhaber, hatte ich in einer wissenschaftlichen Arbeit gelesen. Aufgewachsen in einem Land mit klassischer Rollenverteilung gingen sie mit ungebrochenem Selbstbewusstsein auf die Frauen zu. Gerade die emanzipierten Tänzerinnen in Deutschland hätten eine große Sehnsucht nach Hingabe. Ich berichtete Hubert von einer Diplomarbeit über „Geschlechterrollen im argentinischen Tango“ (2003). Ich hatte sie gelesen, weil ich mich für einen Workshop bei der Verfasserin interessierte. Sie heißt Melina Sedo. In dem Kapitel „Rangordnungen“ schreibt sie, was ich an diesem Abend sinngemäß weitergab:

 

„Im Tango gilt der als der Stärkste, der am besten tanzt. Guten Tänzern und Tänzerinnen sieht man vieles nach: Schlechte Manieren, politisch divergierende Meinungen, unattraktives Aussehen und Körpergeruch verlieren an Bedeutung. Ein guter Tänzer wird von fast jeder Frau (tänzerisch) begehrt. Gute Tänzer und Tänzerinnen steigen so zu einem Status auf, bei dem sie unter den kompatiblen Tanzpartnern frei wählen können. Den größten Status haben natürlich argentinische Tänzer. Schließlich lernen diese es ‚von Kindesbeinen an‘ oder ‚bekommen es schon in die Wiege gelegt’. Sie haben es ‚einfach im Blut’. Ein mittelmäßiger argentinischer Tänzer wird hierzulande eher zu Ruhm aufsteigen als ein einheimischer, auch wenn dieser ein hervorragender Tänzer ist.“ 

Hubert meinte, ich solle mir nicht so viele Gedanken über die anderen Tänzer machen, sondern einfach zur Tat schreiten und eine Chica auffordern. Aber je stärker er mir zusprach, desto größer wurde meine Hemmung. Wovor hatte ich Angst? Ich wusste es. Sprach es aber nicht aus. Es war der Argentinier. Es war der Platzhirsch. El Hermoso stand noch immer schäkernd am Rand der Tanzfläche. Er hatte sein Können an diesem Abend noch nicht gezeigt. Ein Argentinier muss sein Können nicht zeigen. Er hat eine natürlich Überlegenheit. Seine Anwesenheit berührte mich unangenehm. Da half es auch nicht, dass ich mir sagte, Eustachio tanze in einer anderen Liga und niemand verlange, dass ich mich mit ihm messen müsse. So ein Platzhirsch ist eben raumfüllend. Da kann man nichts machen, nur wegschauen.

 

Während wir am Rande der Tanzfläche plauderten und die Tänzerinnen taxierten, wurde Hubert von einer Frau aufgefordert. Sie hieß Ocka. Leider könne er noch nicht Tango tanzen, sagte er, aber er werde es lernen. Er liebe den Tango. Und schon war er in ein Gespräch über die Berliner Tanzschulen, ihre Lehrer und Methoden verwickelt.  Ocka studierte Germanstik. Sie kam aus Asien, das war unverkennbar und sie rechnete nicht damit, dass wir ihre Heimat kannten. Ocka kam aus der Mongolei. In Peking hatte sie Tango tanzen gelernt und dank des Goethe-Instituts die deutsche Sprache. Sie sprach ein wunderbares Deutsch. Ihr Studium finanzierte sie mit Karate-Unterricht für Mädchen in einem sozialen Brennpunkt Berlins. Wenn sie nicht tanzte, schrieb sie an ihrer Doktorarbeit über den „Steppenwolf“. Hubert hatte eine Hermann-Hesse-Biographie geschrieben, die sogar ins Chinesische übersetzt worden war. Wie sich bald herausstellte, hatte Ocka ausführlich aus dieser Lebensbeschreibung zitiert. Für Hubert war der Abend gerettet. Nur ich saß noch immer am Rande des Geschehens.

 

Schließlich nahm mich Hubert in die Pflicht. Ich sprach eine Frau an. Kein Hingucker wie die aufgebrezelten jungen Chicas, sondern eine Dame in meinem Alter. Gewiss würde sie gnädig mit mir umgehen. Ich nahm sie in die Arme, presste meine linke in ihre rechte Hand, tat einen ersten Schritt und stolperte in sie hinein. Das Fußkreuz wollte auch nicht so recht klappen. Gehen, ging, gegangen - das Gehen ist die Grundlage für schönes und entspanntes Tanzen, hatte Dõna Martina gesagt. Zum Glück war die Tanzfläche recht lang. Ich ging und ging und fühlte mich wunderbar. Dann kam die Kurve. Eine Linksdrehung wäre jetzt nötig. Verdammt von mal. Wie bekommt man beim Tango die Kurve? Ich hatte es in der Aufregung vergessen.

 

Die Milonga hat eine klare Struktur. Für drei Tänze bleibt das Paar zusammen. Tanda wird diese Einheit genannt. Dann verabschieden sich die Tanzenden und treten von der Tanzfläche wie von einer Bühne ab. Ein unsichtbarer Vorhang schließt sich und eine Zwischenmusik erklingt. Es ist die Cortina („Vorhang“). Sie setzt eine deutliche Zäsur zwischen zwei Tandas. Eine neue Partnerwahl kann beginnen. Zwei Tangos, dachte ich, liegen noch vor mir. Ich tanzte an Hubert vorbei und sah sein freundliches Nicken. Mein erster Tanz mit einer fremden Dame in der Tango-Metropole Berlin! Hubert macht mir Mut und Eustachio beachtete mich nicht. Ich fühlte mich frei.

 

Mein erster Tanz war zugleich mein letzter Tango in Berlin. Denn nach dem ersten Tanz drehte mir meine Partnerin den Rücken zu und entschwand. Sie habe Rückenschmerzen, erklärte sie im Weggehen. Ich war noch grün hinter den Ohren und verstand nicht, was sie mir gesagt hatte. So war ich überrascht, dass sie mit einer Partnerin trotz ihrer Rückenschmerzen weiter tanzte. Ein Wunder an Bewegung. Ich hielt den Atem an: So also geht Tango!

 

Tango tanzen ist nicht immer schön. Tango tanzen kann sogar ganz schön blöd sein. Nicht herrlich gefährlich, sondern einfach nur peinlich. Hubert meinte, ich sähe meinen ersten Auftritt auf internationaler Bühne zu selbstkritisch. Bald würden wir gemeinsam die Tangowelt erobern! Denn er wollte auch Tango lernen. Schließlich saß er in Berlin an der Quelle. Hubert hatte seine Tanzstunden in der Jugendzeit ernster genommen als ich und glaubte, auf den regelmäßigen Besuch von Kursen verzichten zu können. Er habe einige Tänzerinnen gesehen, die nie einen Tangokurs besucht haben und dennoch wunderbar tanzen können. Das Tanzen haben sie auf der Piste gelernt. Ein geübter Tänzer nahm sie in den Arm und ging mit ihnen durch den Raum. Dann brachte er ihnen den Ocho bei. Wer das Gehen beherrscht und den Ocho, kann Tango tanzen gehen. Sie sind die Grundlagen. Alles  weitere wächst der Tänzerin im Tanzen zu. Warum also nicht auch dem Tänzer? 

 

Tango tanzen macht ganz schön hungrig. Auch nach Mitternacht gab es um den Kottbusser Platz herum genügend Möglichkeiten zur Einkehr. Den Würgeengel oder Trinkteufel für den kleinen Hunger, das Hasir Okcakbasi für den Bärenhunger. Wir gingen mit Ocka zu Hasir Okcakbasi. Clara bestellte einen kleinen Salat ohne Knoblauch. Hubert entschied sich für das Sultan Menü. Wir verspeisten es zu Zweit direkt von der Platte. Das brachte mich auf eine Idee. Können wir nicht gemeinsam das Tanzen üben, um mehr Sicherheit auf der Piste zu gewinnen? In Buenos Aires üben Männer mit Männern so lange, bis sie sich ihrer Führungsaufgabe gewachsen fühlten. Also beschlossen Hubert und ich einen gemeinsamen Kurs zu besuchen. In Berlin gibt es eine große Queertango-Szene. Dort hoffte ich jene Feinfühligkeit und Toleranz zu finden, die ich von erfahrenen Tänzerinnen nicht erwarten durfte. Frauen machen sich schön, wenn sie auf die Milonga gehen. Wenn sie einen Rock mit weitem Faltenwurf tragen, dann wollen sie, dass dieses Kleidungsstück in schöner eleganter Bewegung schwingt. Alle Schönheit will gesehen werden. Deshalb wollen sich die Frauen von erfahrenen Tänzern führen lassen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Denn sie sind nicht die unbezahlten Nachhilfelehrerinnen für Anfänger. Tango tanzen macht schön, aber erst ab einem gewissen Niveau.

 

Ocka begleitete uns in Huberts Wohnung. Seine Tochter war irgendwo mit Freundinnen unterwegs und machte die Nacht zum Tage. Wir saßen noch einige Zeit gemeinsam im Wohnzimmer und sprachen über Hesses „Steppenwolf“ und seine Hauptfigur Harry Haller. Er war als Tänzer über die Anfänge nie hinausgekommen. Harry Haller versuchte sich im Stepp-Tanz, weshalb er auch Steppenwolf genannt wurde. Hubert erzählte über Hesses Frauen und seine Tanzversuche im Basler Hotel Krafft. Ocka war begeistert. 

 

Dann spielte er eine CD mit Aufnahmen von Alfredo de Angelis. Ocka nahm ihn in den Arm und versuchte Hubert das Gehen beizubringen. Ich zog mich in das verwaiste Ehebett zurück und überließ beide ihrem Schicksal.

 

Tango gilt als der Inbegriff von Zärtlichkeit, Hingabe und achtsamer Paarbeziehung. Deshalb gilt er auch als Partnerbörse. Hubert hatte über die Agentur „Wahre Liebe“ vergeblich versucht, eine neue Frau für ein gemeinsames Leben kennenzulernen. Seinen Einstieg in die Welt des Tangos wollte er professioneller angehen als ich. Der Freund nahm Einzelunterricht bei einer Berliner Tangolehrerin. Dies schien ihm der effektivste Weg, in die Rolle des Führenden zu wachsen, dem die Frauen in den Berliner Salons auch folgen wollten. Guggi empfing Hubert zur Einzelstunde in ihrem Studio hoch oben im sechsten Stock einer Mietskaserne. Da war Hubert bereits außer Puste, als er den Wohn- und Arbeitsraum erreicht hatte. Mit ihren schwarzen Adleraugen musterte Guggi den neuen Schüler und sagte, um junge Frauen anzumachen, sei der Tango nicht geeignet. Hubert nahm zehn Stunden Unterricht. Dann schrieb er ein neues Buch über Rilkes Frauen und hatte keine Zeit mehr für den Tango und die Suche nach einer neuen Partnerin. 

 

Den Plan eines gemeinsamen Kurses gaben wir ebenfalls auf. Ohnehin war er eine Schnapsidee. So nah Berlin lag, die Entfernung war doch zu groß, um hier in die Queertango-Szene einzusteigen. Doch bei unserer alten Lehrerin fand ich einen Mann, der die Rolle der Folgenden übte. Wir machten Fortschritte und gewannen an Sicherheit. Hans steckte sich eine Blume ins immer länger werdende Haupthaar und trug einen knallroten Gürtel um die schmalen Hüften. Zu Silvester oder in den Karnevalstagen wählte er aus dem abgelegten Fundus seiner Frau ein Kleid. In einem Container fand er sogar passende Schuhe mit hohen Absätzen in der Grösse 44. Hans war zwar einen Kopf größer als ich, aber seine Freiheit schenkte mir Mut, mutiger zu werden. Berlin war eine Erfahrung. Ich hatte einfach zu hoch gegriffen.