Was ist eigentlich typisch schwedisch?

 
 
 

 
„Vackra Carmencita, vad du dansar härligt!
Fritiof, o, du för mej i himmelen in,
där jag för alltid blott är din!
Schöne Carmencita, wie herrlich tanzt du!
Fritjof, o, du bist der Himmel für mich.
Ich gehöre immer dir!“

Evert Taube. Tango I Nizza


 
 
 
Die Kinder waren noch klein, und ich wollte mit ihnen einen ganz normalen Urlaub machen: Ein kleines weißes Haus an der Algave mieten. Vollpension und Schwimmbad für die Kleinen. Die Seele baumeln lassen. Neue Kraft für die Arbeit tanken. Nach einer Woche war es mir langweilig. Ich schnappte die Kinder und fuhr mit ihnen nach Fatima. In Lissabon machten wir auf einem Museumsparkplatz Station. Drogenhändler aus Afrika boten schwarzen Afghanen an. Ich zeigte auf die Kinder und hatte meine Ruhe.

Im Museums-Shop gab es viele CDs zu kaufen. Ich hatte keine Ahnung von der Musik dieses Landes. Hatte das Wort „Fado“ noch nie gehört. Doch ich wollte etwas Typisches aus Portugal hören, einen Schlüssel zu dieser Kultur bekommen. Was ist typisch für dieses Land? Und welche Musik hört die Jugend? Die Verkäuferin empfahl mir die Gruppe „Madredeus“ mit den Worten: „Das ist die Seele Portugals.“ Ich kaufte zwei CDs und höre sie nun schon seit Jahrzehnten. In dieser Zeit fand ich niemanden, der dem Urteil der Verkäuferin widersprochen hätte.

Seit jener Fahrt suche ich, wo immer ich bin, das Landestypische. Heute regnet es. Zum Glück. Denn Haus Lunden ist durch den großen Morsø-Ofen behaglich warm. Endlich einmal Zeit für die Suche nach einer Antwort auf die große Frage, die sich mir immer wieder in den letzten Jahrzehnten gestellt hat.

„Was ist eigentlich typisch schwedisch?“, frage ich Undine.

Sie nascht gerne Knäckebrot und Pfefferkuchen. Sie hat Elche in einem Park gefüttert, eine Tour auf dem Helge-Fluss unternommen. Das alles ist es nicht.

„Vielleicht Pippi Langstrumpf?“, frage ich.

Undine schüttelt den Kopf. Die Bücher Astrid Lindgrens sind in alle Sprachen der Welt übersetzt. Sie sind so wenig typisch Schwedisch wie IKEA. Fika, Köttbullar, Käsekuchen und System bolaget sind es auch nicht.

 
 
 
 

„Typisch schwedisch“, sagt Undine sei der nationale Dichter. Den haben wir in Deutschland verloren wie das Volkslied. Der Sänger, in dessen Worten sich ein ganzes Volk wiederfinden und aufgehoben wissen kann. Wenn er auf der Bühne oder im Stadtpark seine Stimme erhebt, dann singen alle Schweden seine Lieder mit, weil sie sich in ihnen erkennen.
 
 
 
 
 

Undine spricht von Evert Taube (1890-1976). Sein Portrait findet sich auf dem 50-Kronen-Schein. Die Rückseite zeigt seine Heimat - die Schäre Vinga im Kattegat vor Göteborg. Hier wuchs der Sohn eines Seemans auf, bevor er selbst die Weltmeere bereiste. In Argentinien arbeitete er für einige Jahre und brachte aus Buneos Aires den Tango mit, der fortan zu seinem Repertoire gehörte.
 

Evert Taube gehörte zu jenem deutsch-baltischen Adelsgeschlecht, dem auch Otto von Taube (1879-1973) entstammte. Jener polyglotte Dichter aus Estland, der acht Sprachen beherrschte und ein Buch über die Heiligen schrieb. Es trägt den Titel: „Brüder der oberen Schar“ (1955). Evert Taube besaß auch dieses dritte Auge, das in der Natur die Spuren einer höheren Macht sah. Er besang in fröhlichem Walzer- und Tangoklängen Wälder und Felder, Blumen und Bäume, das Wasser und das Meer, die Liebe und die Untreue, und vor allen Dingen den Tanz im Frühsommer draußen in der blühenden Natur. Land der Engel - Änglamark nannte er Schweden in der Hymne auf die Natur:


„Kall den änglamarken eller
himmeljorden om du vil….
Låt barnen dansa som
änglar kring lönn och alm…
Låt fåglar leva och sjunga för oss sin psalm..
Nennen sie es Land der Engel oder
den Himmel auf Erden, wenn du willst…
Lassen sie die Kinder wie Engel
um Ahorn und Ulme tanzen…
Lassen sie die Vögel leben und das Gotteslob singen…“


Die Tangos von Carlos Gardel wurden in viele Sprachen übertragen. Evert Taube, sagt Undine, sei so schwedisch, dass er nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Ich nehme einen 50-Kronen-Schein aus meiner Börse und betrachte das Gesicht dieses Barden.

 
 
 
 

„Wer ist eigentlich auf den Euro-Scheinen abgebildet?“, fragte ich mich. Ich kann mich beim besten Willen an kein Gesicht erinnern. Die alten DM-Scheine habe ich noch deutlich vor Augen, besonders das liebliche Antlitz unserer westfälischen Sibylle Annette von Droste-Hülshoff, viel schöner, als es in Wirklichkeit war. Auf den Euro-Scheinen ist niemand abgebildet. Europa habe kein Gesicht, sagt Undine. Vielleicht ist dieses Papier ohne Gesicht der Grund, warum ich diese Scheine nicht mag. Warum haben wir keinen Evert Taube? Vielleicht, weil Europa sein Antlitz längst verhüllt hat.

Es regnet nun schon den ganzen Vormittag. Wir fahren in der ICA Supermarkt, den ich nicht mag, weil sein Angebot überreich ist. Doch hier gibt es das Knäckebrot, das ich jeden Abend esse. Es gehört einfach zu meinen Abendritual. Draußen vor der Tür hockt eine Zigeunerin. Im Vorraum des Supermarktes drei verschleierte Frauen im schwarzen Tschador neben einer großen Mickeymouse. Dahinter ein Mann. Er verkauft Lose für Pferderennen.

„Vielleicht ist dieses Knäckebrot auch typisch schwedisch?“, fragte ich Undine. Ich habe meine Lesebrille nicht dabei, deshalb muss ich Undine glauben, die auf der Verpackung gelesen hat: „Made in Finnland“.
 
 
 
 
 
 
Ich verlasse die Brotregale und gehe den Weg zurück. Irgendwo habe ich zwischen Bestsellern und Malbüchern einen kleinen Stand mit CDs gesehen. Hier werde ich sogleich fündig. Sven-Bertil Taube singt die größten Erfolge seines Vaters. Der Titel der CD lautet „Änglamark“ - die Seele Schwedens.
 
 
 

Wir schieben die CD gleich in die High-Tech-Anlage unseres Sabbatomobils. So nennt Undine das Ökomobil, das ich extra für Tobit gekauft hat, damit er auf unseren Fahrten viel Platz zum Herumlümmeln hat.

Dann erklingt der „Tango in Nizza“ mit der schönen Carmencita. Taube hatte die kleine Carmen im Jahre 1914 am Rio de la Plata kennengelernt: „Vackra Carmencita, vad du dansar härligt!“ Wunderbar. Herrlich. „Das können wir auch“, sagt Undine. In Haus Lunden legen wir frisches Holz im Kamin nach. Die CD schieben wir in die Anlage. Und ich sage: „Vackra Undine, vad du dansar härligt!“