Das Gottesgeschenk
Dorothee und Niklaus von Flüe

 

 

Axel Springer gehörte zu den Verehrern des Schweizer Nationalheiligen

 

Niklaus von Flüe (1417-1487) gilt in der Schweiz als Nationalheiliger. Zwanzig Jahre lebte er ohne Nahrung in seiner Einsiedelei oberhalb des Vierwaldstätter Sees. Berühmt wurde der Bauer aus dem Flüeli-Ranft jedoch nicht als Hungerkünstler. Der Eremit im Tal der eiskalten Melcha mit seinen langen Wintern sehnte sich nach Einsamkeit, fand sie aber nicht. Denn viele Pilger und Eidgenossen suchten seinen Rat. Heilige brechen oft mit ihren Vätern, um allein Christus zu folgen. Niklaus von Flüe aber hatte mit Dorothee Wyss (1430/32-1495/96) zehn Kinder. „Er ist nie als ehebrüchig oder als Trinker vermerkt, er war weder leichtfertig noch wagemutig in Kriegen“, berichtet ein Zeitzeuge. Sein jüngstes Kind war gerade geboren worden. Doch er wollte nicht mehr Niklaus von Flüe sein, sondern Bruder Klaus. Gerade der suchende Mensch geht oft in die Irre. Hatte Gott dem Ehepaar mit seinem Kindersegen nicht ein eindeutiges Zeichen für den Sinn ihres Lebens gegeben?

 

 

Denkmal für Dorothee vor der Grabkapelle in Sachseln

 

 

Oberhalb der Klause liegt heute das Jugendstilhotel Pax Montana in einer Kulturlandschaft von großem Liebreiz. Das Essen ist herrlich und stammt ausschließlich von Produkten der Innerschweiz. Doch wer an einem regnerischen Herbsttag zur Klause des Einsiedlers hinabsteigt, der wird von einer unheimlichen Stimmung ergriffen. Wie konnte ein Mensch in der Kälte des Winters hier überleben? Bruder Klaus suchte kein Kloster auf Zeit, er wollte auch nicht in der Wildnis des Melchtales einige spirituelle Survivalwochen erleben. Seine Anfechtungen waren nicht psychologischer Art. Wie die Wüstenväter wurde er vom Teufel versucht. Das ist wörtlich zu verstehen.

 

 

Hier suchte der zehnfache Familienvater die Einsamkeit und fand sie nicht

 

„Prüfe, ob du wirklich Gott suchst!“, hatte Benedikt von Nursia allen Gottesfreunden zur Mahnung in seine Regel geschrieben. Bruder Klaus befand sich nicht in einer Midlifekrise. Die Sehnsucht nach Einsamkeit und Einssein mit Gott war ihm bereits als Kind ins Herz geschrieben. Als Bauer, Vater, Ehemann und Eidgenosse war er seinen Pflichten gewissenhaft nachgekommen. Dorothee und Niklaus waren zu bescheidenem Wohlstand gekommen. Die ältesten Kinder konnten den Hof besorgen. Die wachsende Freiheit von der familiären Verantwortung ließ die ureigene Sehnsucht nach Stille und Abgeschiedenheit aufflammen. Während die Kinder schliefen, durchwachte der Vater die Nacht im Gebet. Dorothee beobachtete ihren Mann und gab ihn schließlich frei. Von seiner Pilgerreise in Richtung Vogesen zu den Stillen im Lande kam er bald zurück. So entstand ein ganz spezielles Verhältnis zwischen den Eheleuten. Ihr Wohnhaus, wenngleich nicht mehr im Originalzustand, steht noch heute vor dem Eingang ins Melchtal mit seinen im ewigen Schnee liegenden Bergen. In dieser völligen Abgeschiedenheit hätte sich Bruder Klaus verkriechen können. Aber er wählte einen Ort, der nur wenige Minuten von seiner Familie entfernt lang. Natürlich hatte er Besuch von seinen Kindern und seiner Frau. Katzen streunten im Sommer durch die Wiesen und rieben zuweilen ihren warmen Leib am kalten Körper des Fastenheiligen. Ein Hund gehört zu jedem Hof. Katzen versorgen sich selbst. Hunde brauchen Essensreste. Doch wo nichts gegessen wird, gibt es auch keine Abfälle.

 

 

Engel brauchen keine Nahrung - ausgenommen das Engelbrot

 

Bruder Klaus hatte sich langsam an den Verzicht auf Nahrung gewöhnt. Nach einiger Übung aß er nichts mehr. Wie Anna Katharina Emmerick wurde er genau beobachtet. Weder Betrug noch Täuschung lagen vor. Besucher beschreiben eine äußerst hagere Gestalt mit eiskalten Gliedmaßen, aber weißen Zähnen. Wer nichts isst, kann auch keine Zahnfäule bekommen. Die Legende plagt sich nicht mit weltlichen Begründungen für das Fastenwunder: Ein Engel habe im Liestal den Gottsucher mit einer Lanze durchbohrt und ihm allen Hunger außer nach Gott genommen. Im fünfundsiebzigsten Jahr der Heiligsprechung versucht eine Ausstellung im Bruder-Klaus-Museum von Sachseln den Asketen als als Meister des Weglassens zu begreifen. Fastende aus vielen Religionen werden ins Bild gesetzt. Moslems, Juden, Buddhisten und zum Trost für alle Übergewichtigen ein schwer beleibter Kapuzinerpater, der trotz Heilfastens kein Pfund abgenommen hat. Niemand soll ausgegrenzt werden.

 

 

Ein Wunder? Dieser Fastenexperte soll trotz Fasten an Gewicht zunehmen.

 

Heilige sind Ausnahmemenschen. In der Überflussgesellschaft kann Bruder Klaus kein Vorbild für Zuckerfasten und Laktovegetarier sein. Der Heilige sperrt sich gegen jede Vereinnahmung. Das gilt auch für Dorothee. Feministische Stimmen fordern Gerechtigkeit für die Mutter von zehn Kindern. Ihre Heiligsprechung sei überfällig. Denn sie war Frau, Bäuerin und Beschützerin ihres Mannes. Ja, das war sie gewiss. Doch geht es in dieser Berufung nicht um Freigabe des Partners für eine neue Lebensform. Das Leben des Bruders Klaus in der Einsiedelei blieb für die Familie eine Zumutung. Dorothee hat sie ertragen. Das macht ihre Größe aus.

 

 

In der Einsiedelei: Reliquien - mit den Zähnen aus der Schwelle gebissen.

 

Bruder Klaus war als Büßergestalt ein strenger Ratgeber. Was ihn zur Buße bewegte, wissen wir nicht. Sein radikales Leben der Entsagung gab seinen Worten jenen letzten Ernst, dem sich kein Besucher entziehen konnte. Ins kulturelle Gedächtnis der Schweiz ist Bruder Klaus als politischer Heiliger eingegangen. Er stiftete Frieden unter den streitenden Eidgenossen und gab ihnen bei der Frage nach der Erweiterung des Bündnisses einen Rat von bleibender Bedeutung: „Macht den Zaun nicht zu weit!“ Doch wäre es falsch, ihn zum Experten für Fragen der Migration oder der Osterweiterung der NATO zu erklären.

 

 

Niklaus von Flüe ist ein Bruder des Heiligen Olaf

 

Bruder Klaus war ein Meister der Abgrenzung. Das Fresko der unteren Kirche im Ranft von Albert Hinter und Robert Durrer zeigt ihn als Retter der Schweiz im Ersten Weltkrieg und bezeugt: „Im August 1914, als der Weltkrieg Tod und Verderben brachte, haben wir dich um deine Fürbitte bei Gott angerufen. Lob und Dank dir seliger Bruder Klaus. Unser liebes Vaterland blieb wunderbar behütet und verschont.“ Ihm sei es auch zu verdanken, dass Hitler nicht in die Schweiz einmarschierte. Das Altarbild in der Pilgerkirche von Melchtal zeigt die abwehrende Hand des Heiligen.

 

 

Votivtafeln

 

Im Pax Montana übernachten Touristen aus aller Welt und wissen nichts von dem Drama, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft im Bauernhof von Dorothee Wyss abgespielt hat. Dafür verbringen die Dominikanerinnen eines Schweizer Klosters hier ihren Urlaub. Ihr Blick vom Rande des Tales in die Tiefe gibt ein malerisches Bild. Es wäre eines Caspar David Friedrich würdig. Alle echte Romantik weiß um die unwiederbringlichen Verluste. In dem Ort Melchtal steht ein Benediktinerinnenkloster mit einer Inschrift zur Ehre des seligen Nikolaus von Flüe über der Pforte “IN HONOREM BEATI NICOLAII DE FLUE“. Von 1868 bis 1998 befand sich hier ein Mädcheninternat. Im Jahr 2019 musste das Kloster aus Altersgründen und wegen fehlenden Nachwuchses aufgelöst werden. Der chinesische Milliardär Yunfeng Gao erwarb die Gebäude. Neben Arabern, Russen und Japanern wird die Innerschweiz auch von chinesischen Touristen gerne besucht. Der Käufer des ehemaligen Klosters hat neben dem Benediktinerkloster Engelberg ebenfalls ein Hotel erworben. Wo ist dieser Geist der Innovation in kirchlichen Dingen geblieben?

 

 

Ein Pilger vor dem Wohnhaus der Familie

 

Das Leben von Dorothee und Niklaus von Flüe ist sehr sperrig. Es passt nicht in unsere Zeit. Diese neigt dazu, Anliegen der Gegenwart von historischen Vorbildern abzuleiten und damit zu legitimieren. Doch war Dorothee keine Powerfrau und kein Urbild der Laienbewegung in der Kirche. Vielmehr entspricht sie einem höchst unmodern gewordenen Vorbild für Geduld und Demut. Wie Maria stellte sie sich in den Dienst und beugte sich unter einen Willen, der nicht ihren eigenen Wünschen entsprach. Der Name „Dorothee“ oder „Dorothea“ bedeutet „Geschenk Gottes“. Sie war für ihren Mann ein Gottesgeschenk und niemand kennt ihr Geheimnis. Dieses Charisma teilt sie mit unendlich vielen Müttern, Ehefrauen und Schwestern, die nicht ihr eigenes suchen. Dorothee erinnert an die uralte Tugend der Demut. Man kann sich in ihr üben, aber sie letztlich nur als Gnade empfangen und leben. Insofern ist die Heiligsprechung überfällig. Aber ist sie wichtig und notwendig, um Dorothee zu verehren und in ihr ein unzeitgemäßes Vorbild zu erkennen?

 

 

 

„Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Agnes Miegel

 

Das Photo zeigt Heimgart von Hingst, Agnes Miegel und Elise Schmidt

(Photo: Miegelgesellschaft, Dr. Marianne Kopp)

 

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"In Agnes Miegel verliert die Geisteswelt eine Dichterin,
deren Schaffen von der tiefen Liebe zur Heimat geprägt
in die deutsche Literaturgeschichte eingehen wird.
 
Willy Brandt, Fritz Erler, Herbert Wehner"
 
(Kondolenztelegramm nach Agnes Miegels Tod 1964,
zitiert bei Marianne Kopp. Mosaiksteine zu Agnes Miegel. Ein biographisches Lesebuch 2020. S. 223)

 

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Die junge Agnes Miegel (1879-1964)

(Photo: Gottheil und Sohn Königsberg)

 

 

Helene Miegel (1858-1913), die Mutter der Dichterin, war mit sechs Jahren Vollwaise. Ihr Bruder nahm sich das Leben. Im Alter von 18 Jahren hatte sie als Rotkäppchen verkleidet den Silvesterball der Königsberger Kaufmannschaft besucht und hier ihren späteren Mann kennengelernt. Gustav Adolf Miegel (1838-1917) war zwanzig Jahre älter als sie. Agnes blieb ihr einziges Kind, nachdem ihr jüngerer Bruder bei der Geburt gestorben war.

Nach Abschluss einer Königsberger „Höheren Mädchenschule“ besuchte Agnes Miegel ein Mädchenpensionat in Weimar. Hier wurde ihr bewußt, dass sie ihr Leben nicht nach dem klassischen Rollenmuster der Zeit verbringen wollte. Sie suchte nicht die Versorgung durch eine Ehe, sondern die geistige Unabhängigkeit als Dichterin.

Der erste Gedichtband der 22-jährigen Agnes Miegel erscheint unter dem schlichten Titel „Gedichte“ (1901) im Cotta Verlag. Er wird durch ein Widmungsgedicht („Eva“) an eine jung verstorbene Freundin und die Klage der Athene („Die Statue“) eröffnet. Das produktive Erlebnis der schöpferischen Verwandlung von Schmerzes in Schönheit, versteht die junge Dichterin als „Wunder“ der Sprache. Diese Gabe des dichterischen Wortes mit seiner therapeutischen Kraft entdeckt bereits die Schülerin, als sie ein erstes Gedicht auf die verstorbene Freundin wie im Diktat empfängt. In der kleinen Skizze „Meine ersten Verse“ vergleicht die leidenschaftliche Tänzerin („Mädchenlied“, „Liebe“, „Das Tanzlied der Margarete von Valois“) das Schreiben mit der Leichtigkeit tänzerischer Bewegung:

„Oh, wie die Feder über das Papier lief! Wie sie tanzte zwischen blauem Tintenfaß und blauen Linien! Es war wie ein Zauber. Man war immer noch voll Trauer und Sehnsucht, gewiß, aber da war eine Freude, eine Freude, strahlender als Sonne, glühend in der eigenen kleinen Brust, wie Wort auf Wort sich formte, diese Sehnsucht zu sagen.“

Agnes Miegels dichterischer Impuls entzündete sich in der Berührung durch Frauenschicksale und Frauengestalten. Weit entfernt von Erbaulichkeit und romantischen Gefühlen offenbart sich in den Gedichten eine bedingungslose Hingabe an Leben und Liebe. Dabei erkundet sie mit feministischem Spürsinn Möglichkeiten eines radikal gelebten Frauenlebens in der Jahrhundertwende. Wohl deshalb empörte sich Peter Harden, ein früher Kritiker, über diese feministische Ästhetik: „Agnes Miegel jedoch stellt den weiblichen Körper aufs Piedestal, begeistert sich für seine sinnliche Schönheit“.

Noch heute wirken viele Gedichte kühn, wie etwa die Identifikation mit der Liebesgöttin der alten Sumerer („Wie Ischtar“):

 

„Leben - nimm mich selber hin, -
Ich habe nichts als mich nur hinzugeben, -
Mehr gab dir Ischtar selbst, die Göttin, nicht,
Da sie den Weg betrat, den niemand mehr
Jemals zurückgeht.“

 

Wie Agnes Miegel im Kontext der Frauenbewegung der Jahrhundertwende wahrgenommen wurde zeigt eine Würdigung in den „Sozialistischen Monatsheften - Internationale Revue des Sozialismus“ (Juni 1904). Ihr Autor Arthur Schulz (1878-1917) stammte aus der Memelniederung, studierte in Königsberg Rechts- und Staatswissenschaft, durfte aber wegen seiner sozialdemokratischen Tätigkeit das Referendariat in Ostpreußen nicht absolvieren. Schulz stellt Agnes Miegel ebenbürtig neben Stefan George und Hugo von Hofmannsthal und nennt sie „die begabteste Dichterin der jüngsten Generation“. Ihre Gedichte seien „nach Inhalt und Form unschätzbare Dokumente eines weiblichen und höchstpersönlichen Liebesgefühls“, das weit über allen Subjektivismus hinaus ins Überpersönliche verweist „wie hinübergerettete Klänge aus den eleusinischen Mysterien, die Stimmen des ungeborenen Lebens, das aus der innersten Tiefe des weiblichen Wesens zum Lichte der Sonne hindrängt“. Auch das Thema ihrer Balladen handele „zum grösseren Teil von dem seelischen Erleben und Erleiden der Frauen.“ „Das Leitmotiv all dieser Balladen ist eine gegen die Gitter und Schranken des grauen Daseins stürmisch andrängende Sehnsucht nach Schönheit, Grösse und Lebensfreude. Über ihre Verse liegt eine im Sinne Nietzsches dionysische Grundstimmung, wie trunkenes Sonnenlicht, gebreitet.“

 

Börries von Münchhausen (1874-1945) rühmte sich als Entdecker der jungen Dichterin. Er hatte erste Gedichte in seinem Göttinger Musenalmanch (1898) veröffentlicht und ohne ihr Einverständnis redigiert. Als Agnes Miegel ein Jahr später nach Berlin zieht, um hier am Kaiser-Friedrich-Krankenhaus eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu beginnen, kommt es zu einer Affäre. Bald entdeckt sie, dass Börries von Münchhausen weitere Beziehung zu Frauen und zu ihrer Freundin Lulu von Strauß und Torney hat.

„Wie ihr zusammen gewesen seid, weiß ich nicht“, schreibt Agnes Miegel an Lulu, um dann im Brief vom 19. März 1902 ein Bekenntnis abzulegen, das sie in vielen Variationen wiederholen wird: „Ich liebe die Menschen. Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Die Affäre zwischen Lulu und Börries war ebenfalls kurz gewesen und endete in einem unüberbietbaren Zynismus des Freiherrn, der am 21. Februar 1902 an Lulu schrieb:

„Bis jetzt haben Sie manches vom geschlechtslosen trockenen Jüngferchen an sich gehabt, und die Enge des Lebens hatte ihren 28 Jahren die Altjüngferlichkeit von 38 gegeben. Von jetzt ab sind Sie aber - neben der Freundin - auch ein Weib für mich. Ein Weib, eins von den Weibern, den vielen, die ich geküsst und umarmt habe. Glauben Sie mir: Es ist - auch vom Hofstandpunkt! - keine schlechte Gesellschaft!“

Diese Erfahrungen stürzen Agnes Miegel eine tiefe Krise. Will, kann sie überhaupt Männer lieben? Will sie eine Familie und Kinder haben? Kinderwunsch und heterosexuelle Beziehung sind damals noch nicht zu trennen, ein Kind adoptieren kann eine alleinstehende Frau nicht, bedauert Agnes Miegel: „Weißt Du, es ist eigentlich gemein, daß ein selbständiges weibliches Wesen kein Kind haben darf.“ (Brief vom 19. Juli 1902 an Lulu)

Im Herbst 1902 folgt Agnes Miegel ihrer Freundin Lise Marczinowski nach England, wo sie für einige Monate im Boarding House der Clifton High School junge Engländerinnen betreuen. Organisiert werden diese pädagogischen Einsätze von Helene Adelmann (1842-1915), einer bedeutenden Gestalt der deutschen Frauenbewegung. Mit ihrem Buch „Ratschläge für deutsche Erzieherinnen in England“ (1895) und durch die Gründung eines Vereins in London bereitet sie die jungen Lehrerinnen gewissenhaft auf ihren Einsatz vor. Im Heim der deutschen Lehrerinnen in London besucht Agnes Miegel Kurse bei Helene Adelmann und Magdalene Gaudian und geht damit die Verpflichtung ein, nach der Rückkehr das deutsche Lehrerexamen nachzuholen.

In Clifton nimmt sie Abschied von allen Kinderwünschen. Sie schreibt an Lulu (20. November 1902):

„Gesund bin ich unberufen sehr, und wenn es mir möglich wäre, ein Neutrum zu werden und nicht alle 4 Wochen daran erinnert zu werden, daß ich schwächeren Geschlechtes bin, so wäre ich perfectly happy. (…) Ich versteh nicht wie ich mir mal Kinder wünschen konnte - es ist zu unästhetisch, die Schmerzen gehen ja vorbei - aber neun Monate sich zum horreur - oder mit Schiller zu reden, mir nicht zur Freude, anderen zum Schrecken, herumgehn, nachher ein Junges werfen und zuletzt alt und faltig herumzupilgern und Windeln zu waschen - all das könnte ich nicht mehr, und schon der Gedanke daran könnte mich vom Heiraten auch des Erzengels Michael abbringen. Obwohl man eigentlich annehmen könnte, daß einem Erzengel sowohl solche Gedanken als auch die nun wie soll ich sagen: Werkzeuge, dazu abgehen.“

In dieser Zeit der Rollenfindung entdeckt sie Hermann Hesses Erstlingswerk „Romantische Lieder“ (1898). Sie spiegeln eine ambivalente Stimmung von Liebesverlangen und Einsamkeit, Heimweh und Todessehnsucht. Agnes Miegel bedankt sich für die „wundervollen Heimwehverse“ (26. Januar 1903) einer verwandten Seele. So beginnt ein Briefwechsel voller Fürsorge. Hesse erzählt von seinem baltischen Großvater, Landarzt in Paide/Estland und Gründer eines Waisenhauses und rückt damit seine Biographie in Nachbarschaft zu Ostpreußen. Doch Agnes Miegel klärt selbstbewusst die Beziehungsebene: „Ich freue mich eines äußerst gesunden Appetits und bin, was für eine versemachende Weiblichkeit ja beinah bedauerlich ist, ausgesprochen rundlich“, schreibt sie (8. Februar 1903). „Daß Sie vergnügt sind oder sein können, wäre mir sehr tröstlich zu hören; denn ich hatte ordentlich Bange für Sie, ich bin so gern vergnügt.“

Aus England schickt sie ihm im Februar 1903 ihre „Gedichte“ mit einem Widmungsgedicht, in dem sie ihre Seelenlage im Bild der verwelkenden Rose offenbart:

 

„Staub, Kinder, Lärm und Bettelnot
Und Pferdetrott und Sonnenbrand,
Und auf des schmutzgen Pflasters Rand
Lag halbverwelkt ein Röslein rot.

Gepflückt an ferner Gartenwand
Im Morgenschein, als Sommerzier,
Und starb nun arm und elend hier,
Im Großstadtstaub, am Straßenrand.“

 

Agnes Miegel und Hermann Hesse werden sich nie persönlich begegnen. Doch wird ihre Freundschaft über sechzig Jahre währen. Aus England zurückgekehrt will Agnes Miegel in Berlin das Lehrerinnenexamen ablegen (April 1904). Schwere gesundheitliche Probleme plagen sie. Sie glaubt zu erkennen, dass sie für den Lehrberuf nicht geschaffen ist. Ohne Abschluss kehrt sie in die elterliche Wohnung nach Königsberg zurück. Im April 1906 besucht sie die „Maidenschule zur landwirtschaftlichen Ausbildung“, eine wirtschaftliche Frauenschule in München-Geiselgasteig und wird auch diese Ausbildung nicht abschließen. Im Herbst 1906 kehrt sie für immer nach Königsberg zurück. Die Eltern brauchen ihre Hilfe.

Die zweite Geburt hatte bei Helene Miegel einen schweren manisch-depressiven Schub ausgelöst. Er kehrte in Steigerungen periodisch wieder. Agnes Miegel verzichtete auf berufliche Selbständigkeit und begibt sich wieder in die Abhängigkeit von den Eltern, um ihre Mutter in häuslicher Pflege begleiten zu können. Helene Miegel starb in geistiger Umnachtung in der Provinzial-Heil-und-Pflegeanstalt Kortau. Nach dem Tod der Mutter beugt sich Agnes Miegel, selbst seit früher Kindheit immer wieder von schwerer Krankheit aus der Bahn geworfen, den Rollenerwartungen und betreut über viele Jahre ihren pflegebedürftigen erblindeten Vater. Erst nach seinem Tod wird sie frei für ein selbstbestimmtes Leben.

Elise Schmidt (1896-1972) zieht in ihre Königsberger Wohnung. Die junge Frau stammt von der Küste des Baltischen Meeres, die Agnes Miegel wie die Kurische Nehrung seit früher Kindheit liebte und oft besuchte. In der Zeit des Einzugs der Lebensgefährtin schrieb sie das berühmte Gedicht über das Ostseebad „Cranz“. Ein Bild weiblicher Geborgenheit („im warmen Schoß“) voller Lebensfreude unter Frauen („Meeres Töchter“):

 

„An dieser Bucht hab ich als Kind gespielt,
Der Sand war sonndurchglüht und weich und warm.
Geborgen wie in einer Greisin Arm
Lag ich am Hang der Düne.

Drunten hielt
Schnaubend der Brandung schäumendes Gespann.
Auf flockig weiße Mähnen schien das Licht.
Und manchmal sahn, mit triefendem Gesicht
Grünäugig mich des Meeres Töchter an,
Und warfen Muscheln an den Strand und Tang
Und duckten jäh mit schrillem Möwenschrei.
Der feuchte Seewind strich an mir vorbei.
Ich aber lag geborgen an dem Hang
Der weißen Düne. In den Sand gekrallt
So wie ein Kätzchen liegt im warmen Schoß.
Und wohlig blinzelnd und gedankenlos
Spürt ich, sie wacht:
heilig, vertraut, uralt.“

 


Fast 46 Jahre wird diese glückliche Partnerschaft dauernd. 1955 wird Agnes Miegel ihre Freundin adoptieren, was damals wohl der einzige Weg einer juristisch legitimierten gleichgeschlechtlichen Beziehung war.

An der Seite ihrer Frau fühlt sich Agnes Miegel zu neuer dichterischer und journalistischer Arbeit befreit. Es folgen Jahre hoher Produktivität und zahlreicher Anerkennungen. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu Kants 200. Geburtstag wurde Agnes Miegel Ehrendoktorin der Albertina. Die Verleihung der philosophischen Ehrendoktorwürde an eine Frau, die zudem weder Abitur noch Studium vorzuweisen hatte, war eine ungewöhnliche Auszeichnung. Anlässlich des 50. Geburtstages am 9. März 1929 erhält sie das freie Wohnrecht in einer neuen, größeren Wohnung.

Nach der Machtergreifung arrangiert sich Agnes Miegel aus geopolitischen Gründen mit den Nationalsozialisten. Als Folge des Versailler Vertrages sind Königsberg und Ostpreußen vom Deutschen Reich durch einen Korridor getrennt. Dieses Lebensgefühl der Isolation wird durch die unmittelbare Grenze und das durchaus berechtigte Gefühl der Bedrohung durch die Sowjetunion mit ihren System der stalinistischen Lager gesteigert. Spät, im zweiten Kriegsjahr 1940 und nach der Besetzung des Baltikums durch die Rote Armee, tritt sie in die Partei ein. Wie Anna Achmatova wird sie das Requiem dieser apokalyptischen Zeit dichten („Abschied von Königsberg“, „Wagen an Wagen“, „Zum Gedächtnis der Tiere“).

In den Nächten vom 26./27. und 29./30. August 1944 wird Königsberg durch britische Bomber in ein Flammenmeer verwandelt. Ende Oktober ziehen endlose Flüchtlingstrecks durch die Stadt. Die Angst vor den Russen ist mehr als berechtigt wie die Eroberung Königsbergs durch Stalins Armee zeigen wird. Sie hat auch die Menschen in Schweden ergriffen. Am 6. Februar 1944 notiert Astrid Lindgren in ihr Tagebuch: „Die Russen sind nun beinahe bis zur estnischen Grenze vorgedrungen und die Esten fliehen in Scharen. Nach Finnland und Schweden. Viele kommen in kleinen Booten auf Gotland an. Alles lieber, als den Russen in die Hände zu fallen.“ (Lindgren 367)

„Alle Leute sind wie vom Fieber geschüttelt, aus Angst vor Russen, Abwandern, martervoll Sterben. Alles packt und schleppt, - selbst in ruhigsten Friedenszeiten könnte die Bahn so viel Gepäck in Monaten nicht bewältigen - jetzt verstopft es die Bahnsteige, die Hallen - und hindert alles - Es ist wie eine Massenpsychose, Gott bewahre einen, da rein zu geraten“, schreibt Agnes Miegel am 30. Oktober 1944 an Ina Seidel.

Am 26. Januar 1945 beginnt die Beschießung der Stadt. Am 27. Februar werden Teile der Bevölkerung evakuiert, unter ihnen Agnes Miegel und ihre Lebengefährtin. Für zwei Jahre finden sie Aufnahme in dem dänischen Flüchtlingslager Oksbøl. Dann ziehen sie nach Niedersachsen. Hier beziehen Agnes Miegel und Elise Schmidt die untere Etage eines Haus in Bad Nenndorf. 17 Jahre liegen zwischen den Lebensaltern der Frauen als die nächste Generation in ihr Leben tritt. Heimgart von Hingst (1922-1978) arbeitet als Schulsekretärin und wird nach Agnes Miegels Tod den Nachlass betreuen und ins Deutsche Literaturarchiv Marbach überführen.

In einem Verfahren vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss Hannover wird Agnes Miegel am 12. Februar 1949 freigesprochen. Noch lange über ihren Tod hinaus wurde sie besonders von Frauen viel gelesen. Agnes Miegels Werk erhält zahlreiche Auszeichnungen. Politiker wie Theodor Heuss oder Willy Brandt lassen sich gerne neben ihr ablichten. 1979 ehrt die Bundespost ihr Gedenken durch eine Briefmarke.

35 Jahre später beginnt eine Demontage, die Formen des Rufmordes und der Auslöschung der Erinnerung („damnatio memoriae“) annimmt. Dabei wurde besonders betont, dass Agnes Miegels Name auf der Liste jener Künstlerinnen und Künstler stand, die als unabkömmlich galten und deshalb von Kriegs- und Arbeitsdienst freigestellt wurden. Diese Liste der sogenannten „Gottbegnadeten“ (BArch R 55/20252a) ist öffentlich zugänglich. Sie nennt 1200 Personen, 30 Orchester und Kapellen, drei Chöre und vier Quartette.

Hier finden sich Namen von deutschen Künstlerinnen und Künstlern wie: Hans Carossa, Gerhardt Hauptmann, Richard Strauss, Carl Orff, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Hans Knappersbusch, Walter Gieseking, Wilhelm Kempff, Lina Carstens, Paula Wessely, Willy Birgel, Beppo Brem, O.W. Fischer, Willy Fritsch, Gustav Fröhlich, Gustav Knuth, Viktor de Kowa, Theo Lingen, Bernhard Minetti oder Heinz Rühmann.

 

 

Es ist daher Luise F. Puschs Urteil über Agnes Miegel entschieden zuzustimmen:

„Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.
 
Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.“

 

Agnes Miegel und ihr Werk ist es inzwischen still geworden. Eine Zeit des Vergessens schadet wahrer Dichtung niemals. Denn Miegels Gedichte liegen wie Perlen im Meer des kulturellen Gedächtnis’. Das Wahre, das Gute und Schöne ist unzerstörbar. Franz Lennartz nannte Agnes Miegel „die größte deutsche Balladendichterin seit der Droste-Hülshoff“ (Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts 1984) und Karl Ernst Knodt, ein früher Kritiker, sagte im altväterlichen Stil: „Der alte Fontane hätte an diesem Preussenmädchen seine besondere Freude haben müssen.“

 

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Literatur und Quellen

Werke (Auswahl)

Agnes Miegel. Gesammelte Werke. Band I-VI. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1952ff.

Agnes Miegel. Ostland. Gedichte. Diederichs Verlag. Jena 1940.


Agnes Miegel. Mein Bernsteinland und meine Stadt. Gräfe und Unzer Verlag. Königsberg 1944.

Agnes Miegel. Du aber bleibst in mir. Flüchtlingsgedichte. Hameln 1949.


Agnes Miegel. Alt-Königsberger Geschichten. Eingeleitet von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1981.

Agnes Miegel. Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1979.

 

Weiterführende Literatur (Auswahl)


Martin Kakies. Elche zwischen Meer und Memel. Hugo Bermühler Verlag. Berlin 1936.


Marianne Kopp. Agnes Miegel. Untersuchungen zur dichterischen Wirklichkeit in ihrem Werk. München 1988. (=Dissertation)

Marianne Kopp. Als ich nach Weimar in die Pension kam… Aus Briefen und Erinnerungen von Agnes Miegel über ihre Zeit im Mädchenpensionat 1894 bis 1896. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 2013-2015.


Marianne Kopp. Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung. Agnes Miegel an Lulu von Strauß und Torney. Briefe 1901 bis 1922. Maro Verlag. Augsburg 2009.

Marianne Kopp. Abschied von Königsberg. Zerstörung Königsbergs, Flucht, Flüchtlingsleben und Neubeginn. Agnes Miegels Lebensweg 1944-1953 dokumentiert in privaten Briefen. Jahresgabe 2017/2018 der Agnes-Miegel-Gesellschaft.

Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Berlin 2015.

Jürgen Manthey. Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Hanser Verlag. München 2005.


Wilhelm Sahm. Geschichte der Pest in Ostpreußen. Leipzig 1905.
 

Uwe Wolff. Agnes Miegel und das Leben in Quarantäne. Arnshaugk 2020.

 

 

 

 

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Ein Gespräch mit Jonas Maron

 

 

 

Der Fußschemel von Agnes Miegel

 

 

Lieber Uwe Wolff, nachdem Corona Ihren Dänemark-Urlaub durchkreuzt hatte, bewegten Sie sich stattdessen immerhin als Leser in Richtung Dünen-Landen, indem Sie auf Agnes Miegel zurückkamen, woraus Ihr Band zur Lektüre der Dichterin während der Quarantäne-Zeit hervorging. Braucht Agnes Miegel diesen Quarantäne-Konnex oder wäre ihr Werk auch ohnedies aktuell und seine Lektüre generell lohnenswert?

 

Den Quarantäne-Kontext braucht Agnes Miegels Werk nicht. Doch unser Leben war seit März 2020 durch die Quarantäne geprägt. In ihrer Fernsehansprache verglich die Bundeskanzlerin den Ernst der Lage mit dem Zweiten Weltkrieg („Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr…“) und verordnete nicht für möglich gehaltene Einschränkungen der Freiheit. Meinte die Kanzlerin, Corona sei ein dritter Weltkrieg gegen einen unsichtbaren Feind der Menschheit? Von Merkel kam ich zu Miegel. Ich suchte Orientierung und fand sie in ihren Gedichten.

Der ursprüngliche Titel des Buches sollte daher „Agnes Miegel lesen in der Corona-Krise“ lauten. Mein Verleger schlug dagegen den Titel vor, der jetzt auf dem Buch steht: „Agnes Miegel und das Leben in Quarantäne“. Damit ist das Zeitlose einer Erfahrung der Isolation wesentlich besser zum Ausdruck gebracht.

 

Welche waren Ihre ersten Eindrücke von Miegels Werk, lernten Sie es vielleicht bereits zu Schulzeiten kennen?


Im westfälischen Münster besuchte ich ein Gymnasium. Im Deutschunterricht ging es ausschließlich um formale Fragen der Interpretation. Mich aber erfasste der Klang eines Gedichtes unmittelbar und brachte meine Seele in Schwingung. Noch heute hallen Georges Verse „komm in den totgesagten park und schau“ oder Trakls „Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten“ in mir nach. Sie standen in Ernst Benders „Deutsches Lesebuch für Gymnasien“ der 7. Klasse. Zu diesen frühen Erlebnissen gehörten auch „Die Frauen von Nidden“ von Agnes Miegel. Bei Agnes Miegel war es die Stimmung großer Gelassenheit und Ergebenheit in das Schicksal, die mich wohl deshalb ergriffen, weil ich ihrer bedurfte. Bilder von Sand, Düne, Heide, Kiefern und Meer sah ich mit den Augen meiner Mutter und ihren Erzählungen von der Kurischen Nehrung, dem Land ihrer Kindheit.

 

Welche Miegel-Lieblingsgedichte würden Sie nennen und warum?

 

In der Quarantäne las ich wieder Gedichte, Erzählungen und Briefe von Agnes Miegel. Vieles war seit Jahren vertraut. Jetzt schaute ich die Gedichte mit anderen Augen. Meine Lieblingsgedichte wurden die frühen „Mädchenlieder“ der sehr jungen Dichterin: „Meine Schwester hat Hochzeit“, „Mainacht“, „Mädchengebet“, „Wie Ischtar“, „Einst“. Es gibt in der deutschen Sprache kaum vergleichbare Annäherung an das, was Agnes Miegel „Die wilde Sehnsucht meiner achtzehn Jahre“ („Das war ein Frühling“) nennt.

Agnes Miegel musste seit früher Kindheit sehr lange Phasen schwerer Krankheit durchstehen. Zudem war sie durch die jahrelange Pflege beider Eltern sehr in die Pflicht genommen. Doch wirkte und webte die jugendliche Lebenskraft noch immer in dieser Dichterin, als sie das 80. Lebensjahr längst überschritten hatte: „Mein Schritt der tanzt, mein Schritt der klingt,/ Mein Schritt von Jugend und Schönheit singt“ („Marie“). Die Schwester dieser Lebensfreude und Lebenslust ist die Schwermut. Hermann Hesse, dessen familiäre Wurzeln ins benachbarte Baltikum reichen, hat als einer der ersten Leser diese Gedichte bewundert. Was niemand weiß: Hesse stand über sechzig Jahre mit Agnes Miegel im brieflichen Austausch.

Die ersten Gedichte der Agnes Miegel sprechen also von Haltungen, die einen Menschen durch das ganze Leben tragen können. Sie sind auf den ersten Blick ganz unscheinbar und berühren doch den letzten Grund wie ihr Hymnus auf die „Hellen Nächte“, die zu Johanni überall in den Ländern um das Baltische Meer gefeiert werden:

 

„Als wir wach gelegen mit den Schwestern,
Als wir jung und gläubig lange Stunden
Flüsternd sprachen wenn der Nachtwind wehte,
Immer horchend ob am Gartentore
Nicht das Glück schon leis' den Riegel rührte.“
(„Johanni“)

 


In Miegels wohl bekanntesten Gedicht 'Die Frauen von Nidden', das sich bis heute in zahlreichen Anthologien findet, wird die Ohnmacht des Menschen den Naturgewalten gegenüber herausgestellt, doch auch die Einsicht der Frauen in die Unausweichlichkeit und vielleicht Notwendigkeit des Zugleich von Fluch und Segen, von gebender und nehmender Natur. Was, denken Sie, hätte Agnes Miegel zu Corona gesagt, hätte sie die Pandemie letztendlich vielleicht auch als Gesandte einer magna mater begrüßt, die die Menschen „zudeckt"?

 


Das Gedicht „Die Frauen von Nidden“ beschreibt eine letzte Haltung vor dem Unabwendbaren, die selbst die Kirche in der Corona-Krise nicht mehr einnehmen wollte. Die Kirche spricht nicht nur von dem Gott, der sich in Christus offenbart hat, der hier und heute in der Eucharistie gegenwärtig ist, sondern von dem kommenden Gott und der kommenden Welt. Dieser endzeitliche Bezug von Vertrauen und Vollendung ist verloren gegangen und mit ihm die christliche Moral. Ethik und Eschatologie bilden im Christentum eine Einheit. Wenn das Leben nicht mehr über sich hinausweist, dann bleibt nur der Moralismus. Daher rührt die Panik vor den möglichen Folgen von Corona. Gesundheit ist ein sehr hohes Gut, aber sie ist nicht das höchste. Das höchste Gut ist der Glaube. Die Fischersfrauen von der Kurischen Nehrung haben sich gegen die Folgen der Pest gewehrt. Sie haben alles dem Menschen Mögliche getan. Dann stehen sie vor der großen Wanderdüne, einem vielschichtigen Symbol der „Mutter Erde“ und nehmen ihr Schicksal an. Diese Schicksalsergebenheit ist im technischen Zeitalter immer schwerer einzunehmen.

Agnes Miegel hätte sich gegen die Schließung von Kirchenpforten gewehrt und gegen das Verbot des Gesangs in den Gottesdiensten. Hintergrund ihrer Ballade sind die großen Pestepidemien des 18. Jahrhunderts. Die Pest hat in Ostpreußen immer wieder sehr viele Opfer gefordert. Man wusste von der Notwendigkeit der Quarantäne und sorgte für ihre strikte Einhaltung. Aber niemals wurden die Kirchen geschlossen und niemals blieben die Sterbenden ohne Begleitung.

 

 

 


Wohn- und Arbeitszimmer

 

 

Agnes Miegels Tanten, so erzählen Sie, konnten ihrer Nichte noch aus eigener Anschauung von den großen Cholera-Epidemien der Jahre 1848 und 1855 berichten. Dabei sprachen sie allerdings den Namen der Seuche nicht aus, wie man auch den Namen des Teufels nicht laut ausspreche. Hand aufs Herz: Haben Sie das Wort 'Corona' im letzten halben Jahr laut ausgesprochen? Zeugt, dass wir den Namen der aktuellen Pandemie aussprechen, eher von mangelnder (Ehr-)Furcht der Natur gegenüber oder von der relativen Harmlosigkeit der aktuellen Pandemie?


Das Wort „Corona“ ist auch eine Metapher für das Gefühl einer unsichtbaren Bedrohung von apokalyptischer Dimension, für die Erfahrung, dass der Boden unter unseren Füßen schwankt und dass wir viele Gewissheiten verloren haben. Wir leben in einem Zeitalter der Angst und des Alarmismus. Das gilt auch für die Leichtfertigen, die nach Art des Totentanzes jetzt rauschende Feste feiern.

Die Angst wechselt in rasantem Tempo ihr Objekt: Gestern war es der Klimawandel, heute sind es Faschismus oder Rassismus. Den Menschen fehlt Vertrauen in das Bleibende, in die unverlierbare Kraft des Geistes und des Glaubens. Deshalb verehren sie auch die Dichter nicht mehr und gehen nicht mehr zur Messe. Verglichen mit den Seuchen, die in früheren Zeiten die Menschheit heimsuchten, ist die aktuelle Pandemie wahrscheinlich harmlos, weil wir über beste medizinische Hilfen verfügen wie keine Generation vor uns. Dennoch wird eine ganze Generation von Schülern in der Quarantäne des Homeschoolings festgehalten. Wir wissen, dass wir sterblich sind, aber wir wollen sein wie Gott. Deshalb haben wir Angst. Denn Corona ist die Grenzerfahrung aller Selbstbehauptung.

Mit Agnes Miegels Pestballade betreten wir eine Gegenwelt. Wie eine große Mutter deckt die Wanderdüne die letzten Menschen zu. Sie nehmen ihr Schicksal an und sterben daher in Frieden. Die Überwindung der Todesfurcht, sagte Ernst Jünger, sei Aufgabe des Autor. Das Werk müsse sie ausstrahlen. Viele Gedichte von Agnes Miegel strahlen diese Überwindung der Todesfurcht aus.

 

In 'Die Frauen von Nidden' betont Miegel die Zusammenhänge zwischen Herrlichkeit und Niedergang, wenn sie darauf beharrt, dass die Pest "des nachts gekommen, / Mit den Elchen über das Haff geschwommen“ sei. Die todbringende Krankheit ereilt die Menschen um Königsberg also nicht losgelöst, sondern als Kehrseite und Mitbringsel ihres hochverehrten ostpreußischen Symboltiers. Wer oder was ist der Corona-Elch, die schwarze Kehrseite welcher als positiv wahrgenommenen Entwicklungen könnte die aktuelle Pandemie bilden?


Der Elch ist nicht das Gute, sondern das Ganze. In seiner mythischen Gestalt findet das Heilige Ausdruck, wie es Rudolf Otto als mysterium tremendeum et fascinosum definiert hat. Die Erfahrung des Heiligen erhebt und erschüttert zugleich die Seele. Sie führt zum Staunen, zur Ehrfurcht, zu Stille und Schweigen, aus der sich schließlich Gesang und Lobpreis erheben. In unseren Tagen ist das Bild der Herrlichkeit verdunkelt. Das Mysterium ist verhüllt. Die Tenne ist gefegt.

Doch am Ende dieser Zeit der Wandlung werden wir das Geheimnis wieder mit eigenen Augen sehen. Die Kirche wird wieder an ihre Ursprünge anknüpfen und gesunden. Am Anfang stand nicht die „Volkskirche“, sondern die Gemeinde der Erwählten. Am Anfang der Dichtung stand nicht die Masse der Leser von Bestsellern, sondern die kleine Schar. Sie bildete den Kreis um den Meister. Bei Agnes Miegel wird dieser Kreis von Frauen gebildet, bei Stefan George von Männern. Über die Gründe lohnt es sich nachzudenken.


In verschiedenen Erzählungen stellt Agnes Miegel das schwere Schicksal von Mädchen und Frauen während der Cholera dar. Überhaupt, so schreiben Sie, habe keine Dichterin das Schicksal von Frauen so sehr in den Mittelpunkt ihres Werkes gestellt wie Miegel. Warum hat der moderne Feminismus die Dichterin bisher dennoch kaum für sich entdeckt?


Agnes Miegel steht am Anfang der Frauenbewegung im 20. Jahrhundert. Sie war eine Tochter der Sappho, lebte über vierzig Jahre mit einer Frau zusammen und „adoptierte“ gemeinsam mit ihr eine Tochter. Wer die frühen Gedichte und Briefe der Miegel liest und diesen biographischen Kontext kennt, stößt überall auf Zeugnisse einer gleichgeschlechtlichen Neigung. Agnes Miegel hat sie nach dem Tod ihrer Eltern an der Seite ihrer Frau gelebt.

In der Tat eignet sich keine deutsche Dichterin so gut für eine feministische Lesart wie Agnes Miegel. Warum sich diese bislang noch nicht durchsetzen konnte, hat politische Gründe. Ein selbstgerechter Moralismus legte den Finger auf die Wunde der Parteimitgliedschaft (seit 1940) und sprach über Agnes Miegel eine damnatio memoriae wie sie in der Sowjetunion nicht willkürlicher und undifferenzierter zu bestimmten Zeiten erhoben wurde. Luise F. Pusch (*1944), Frauensozialhistorikerin und feministische Linguistin, schreibt in ihrem Blog (https://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/miegel-und-seidel/ ) über Agnes Miegel:
 
„Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.
 
Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.“
 

 

Den Vortrag des Schumann-Stücks 'In den Talen der Provence' durch den legendären Tenor Raimund von zur Mühlen, den sie als junge Frau erlebt hatte, schilderte Agnes Miegel als Urerlebnis und Markstein auf dem Weg zur Dichterin. Als wie typisch oder notwendig schätzen Sie solche Urerlebnisse für Künstlerbiographien ein, sollte die Wendung zum Künstlertum etwas Bekehrungshaftes haben oder kann sie auch von Grund auf anvisiert sein? Inwieweit ist bei der späteren Stilisierung früher Erlebnisse zu bekehrungshaften Urerlebnissen Willkür im Spiel?

 

In der Apostelgeschichte berichtet Paulus drei Mal von seiner Bekehrung mit jeweils drei verschiedenen Akzentuierungen. Man mag darin Willkür, Nachlässigkeit in der Berichterstattung oder Stilisierung sehen. Bei jeder echten Berufung erfährt der Dihcter auch die Grenzen der Sprache. Daher spricht Ernst Jünger von „Fassungen“. Jeder Stil sei der Versuch einer erneuten Annäherung an die dichterische Erfahrung. Das höchste Glück für ihn, sagte einmal Hans Blumenberg, sei sagen zu können, was er sehe. Eben dies gelingt nur in immer neuer Annäherung und deshalb wiederholen sich die Dichter. In einem Werk mag es jene drei, vier Gedichte geben, von denen Gottfried Benn gesprochen hat. Sie werden bleiben. Agnes Miegel hat mehr als fünf bleibende Gedichte schreiben dürfen.

 

Auf andere Art prägend für Miegel wurde das Bildnis einer Gräfin, das sie im Weimarer Mädchenpensionat sah. Noch im hohen Alter bezeichnete sie diese Gräfin, deren Bildnis sie gesehen, doch die sie selbst nie kennengelernt hatte, als "große Liebe meines Lebens." Agnes Miegel lebte über Jahrzehnte mit ihrer Partnerin Elise Schmidt zusammen. "Ich bin mit meiner Elise so zufrieden wie Goethe mit seiner Vulpius", schreibt sie 1922 etwas vermessen an Lulu v. Strauß und Torney. Wie bekannt war dies im Dritten Reich, musste sie Repressionen fürchten? Und wenn nein, warum nahmen die Machthaber an männlicher Homosexualität größeren Anstoß als an weiblicher?


Agnes Miegel hatte sehr viel Mutterwitz. Sie ruhte frei von aller Eitelkeit in ihrer Berufung und machte sich keine Gedanken über Ruhm und Nachruhm. Wie die Droste konnte sie sagen „Meine Lieder werden leben, wenn ich längst entschwand…“ Sie war eine selbstbewusste Dichterin, aber sehr diskret in der Preisgabe ihrer Neigungen. Offiziell galt Elise Schmidt als ihre „Haushälterin“. Dieses Rollenspiel schützte beide vor Verfolgung. Auch schützte sie ihr außerordentlicher Status als vielfach ausgezeichnete Dichterin. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu Kants 200. Geburtstag wurde Agnes Miegel Ehrendoktorin der Albertina. Die Verleihung der philosophischen Ehrendoktorwürde an eine Frau, die zudem weder Abitur noch Studium vorzuweisen hatte, war eine ungewöhnliche Auszeichnung. Sie wurde Ehrenbürgerin von Königsberg. Anlässlich des 50. Geburtstages am 9. März 1929 erhielt sie das freie Wohnrecht.

Agnes Miegel hatte also keinen Grund, sich den Nationalsozialisten anzubiedern, um als Dichterin in ihrer Zeit wahrgenommen zu werden. Sie war berühmt und wusste sehr genau, dass das „Dritte Reich“ keine tausend Jahre dauern würde. Wohl niemand, der diese Zeit überlebt hat, stand nach 1945 mit weißer Weste dar, auch wenn er wie Agnes Miegel in einem Entnazifizierungsverfahren von jeder Schuld freigesprochen wurde.

 

 

Gedenktafel am Agnes-Miegel-Haus in Bad Nenndorf

 

 

Agnes Miegel, so schreiben Sie, habe sich mit den Nationalsozialisten arrangiert. Ist das nicht eine deutlich zu diplomatische Formulierung angesichts von huldigenden Gedichten, gewidmet 'Dem Führer', zu denen Miegel gewiss niemand hätte zwingen können und die zu allem Übel auch ästhetisch kaum geglückt wirken?


Nach der Machtergreifung arrangierte sich Agnes Miegel aus geopolitischen Gründen mit den Nationalsozialisten. Als Folge des Versailler Vertrages waren Königsberg und Ostpreußen vom Deutschen Reich durch einen Korridor getrennt. Dieses Lebensgefühl der Isolation wurde durch die Nachbarschaft zur Sowjetunion gesteigert. Die stalinistischen Säuberungen (Tschistka) mit über 20 Millionen Opfern, das System der Lager, die Moskauer Prozesse der Jahre 1936-38 wurden zurecht als Bedrohung empfunden. Der baltische Schriftsteller Edzard Schaper hat in seinem Roman „Die sterbende Kirche“ (Insel Verlag 1936) die Lage der Kirchen in der Diktatur beschrieben.

In seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ wehrt sich Brecht gegen alle Besserwisserei und Bigotterie kommender Generationen, die nicht im Absolutismus der Diktaturen leben mussten. Hans Blumenberg erlebte als Sohn einer jüdischen Mutter politische Bedrängnis und wurde durch den Lübecker Unternehmer Heinrich Dräger geschützt. Dräger stellte kriegswichtiges Gerät her und war Mitglied der Partei. Anders hätte er ihm nicht helfen können, wird Blumenberg im Rückblick sagen. In seinem Lebensbericht „Ungleiche Welten“ (1951) vergleicht Carossa den Nationalsozialismus mit dem „Ausbruch einer Epidemie“: „Den Gang der Dinge aufzuhalten war so unmöglich, als wollte jemand mit einem Fiedelbogen einen glühenden Lavastrom zum Stillstand bringen.“ Das gilt auch für Märtyrer wie Pater Maximilian Kolbe oder die literarischen Figuren Pater Lampros und den Fürsten von Sunmyra, zwei Märtyrergestalten aus Ernst Jüngers Heiligenlegende „Auf den Marmorklippen“ (1939).

 


Sie wiederum haben Ihr Miegel-Buch Ihrer Mutter zum 90. Geburtstag gewidmet. Die Zerstörung von Königsberg erlebte sie als Kind mit und machte die Erfahrung, dass äußerer und materieller Verlust in seinem Verweisen auf das Zentrale und Eigentliche, etwa die trotz allem überlebt habende Familie, eine rückversichernde Dimension entfalte. Inwiefern mangelt es uns heute sowohl an Verweisen auf dieses Eigentliche als auch am Eigentlichen selbst?

 


Wir sind nicht die erste Generation, die den Verlust der Mitte schmerzhaft spürt. Aber wir erleben ihn dramatischer als eine die ganze Welt umfassende Auflösung. Wir erfahren einen Verlust an Bildung und damit einen kulturellen Traditionsabbruch. Das religiöse Wissen hat die Schwundstufe erreicht. Wer kennt noch die Lieder Paul Gerhardts oder Gerhard Tersteegens? Wer kann sie singen? Wer spricht noch ein Gebet zu abendlicher Stunde am Bett der Kinder? Wer beugt am Sonntagmorgen die Knie vor dem Altar? Wo sich die Mitte verdunkelt, da gibt es auch keine gemeinsamen Werte mehr. Da triumphiert der Individualismus. Aber er trägt nicht wirklich, er verdeckt nur die Leere. Gottfried Benn hat den Verlust der religiösen Mitte eindrücklich in seinem Gedicht „Verlorenes Ich“ ins Bild gesetzt:

 

„Ach als sich alle einer Mitte neigten
Und auch die Denker nur den Gott gedacht,
Sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,
Wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,

Und alle rannen aus der einen Wunde,
Brachen das Brot, das jeglicher genoss-,
Oh ferne zwingende erfüllte Stunde,
Die einst auch das verlorne Ich umschloss.“

 

Niemand kann eine neue Epiphanie erzeugen. Sie ist keine Sache von politischen Gremien oder eines synodalen Weges. Sie kann erbeten, aber nicht herbeigeredet werden. Doch steht der Weg zu den Altären und zur Eucharistie jederzeit offen. Man muss nur den Eintritt wagen. Der Rest ist nicht Menschenwerk.

 

Auch nach dem Krieg, so schreiben Sie, wurde Miegel als Stimme der Vertriebenen von diesen hochgeschätzt, Politiker wie Willy Brandt suchten ihre Nähe. Wie bald rechnen Sie mit einem Bundeskanzler, der die Nähe zu Rolf Schilling sucht?


Theodor Heuss hielt nach dem Krieg die Hand über Ernst Jünger und Agnes Miegel. Helmut Kohl besuchte mehrfach Ernst Jünger. Er folgte dabei auch seinen Ratgebern Christoph Hoppe und Martin Hanz. Angela Merkel scheint in kulturellen Dingen schlechte Ratgeber zu haben. Auch Joachim Gauck versäumte den Besuch bei Rolf Schilling und vor allen Dingen bei dessen Verleger Uwe Lammla. Ich habe mich nach der Wende in breiter Front für das Werk von Rolf Schilling eingesetzt. Man muss es nicht mögen, aber niemand kann diesem Dichter der inneren Emigration den Respekt verweigern. Rolf Schilling ist sich selbst treu geblieben, indem er seinem dichterischen Auftrag unbeirrt folgte. In dieser Treue zu den anvertrauten Talenten dürfte er auch für diejenigen Vorbild sein, denen der Zugang zu seinem Werk versperrt ist. Ein Bundespräsident, der reuevoll die Knie vor den Medien beugt, weil er im Südtirol-Urlaub für einen Moment die Corona-Maske ablegte, wird diesen Unbeugsamen nicht besuchen. Aber vielleicht liest ein letzter für den Geist der Dichtung offener Berater im Bundeskanzleramt unser Gespräch und schickt eine junge Mitarbeiterin zu Rolf Schilling. Ich halte es nicht für unmöglich, denn ich weiß, dass in den Beraterstäben sehr kluge Köpfe sitzen.

 

 

Auf der Flucht über das Baltische Meer nahm Miegel 1945 drei Dinge mit: Das Neue Testament, ein Bild der Sixtinischen Madonna und das Bildnis der Heiligen Agnes von Jusepe de Ribera. Welche drei Dinge nähmen Sie mit auf die Flucht?

 

Die Flucht zwingt zu einer Reduktion auf das Wesentliche. Ich nähme allein Undine, meine Frau, mit auf die Flucht und hoffte, dass uns keine Macht der Welt trennen würde. Die Erfüllung dieses Wunsches ist vielen Flüchtenden verwehrt geblieben.

 

 

 

 

Hieronymus, Marcella und Paula:
Erziehung gegen die Mittelmäßigkeit

 


Manchmal leiten Schicksalsschläge eine Lebenswende ein: Marcella (330-410) gehörte zur alten römischen Aristokratie. Unmittelbar nach dem Tod ihres Vaters starb ihr Mann nur sieben Monate nach der Hochzeit. Rasch versuchte ihre Mutter eine neue Ehe mit Naeratius Cerealis zu arrangieren. Der Konsul des Jahres 358 war einige Jahrzehnte älter. Zu alt, fand Marcella, die das Schicksal doppelter Witwenschaft nicht heraufbeschwören wollte. „Da gab er ihr zu bedenken, dass auch Greise lange leben und junge Leute schnell sterben könnten.“ Marcella aber zog ein einfaches Leben auf dem Land vor, um sich ganz ihren Studien zu widmen. Ihre große Bibliothek zog bald die Gelehrten an. Zu ihnen gehörte Hieronymus (347-420).

Der hochgebildete und sprachbegabte Jüngling aus Kroatien machte schnell Karriere und zählt heute neben Ambrosius von Mailand, Gregor dem Großen und Augustin von Hippo zu den vier lateinischen Lehrern der alten Kirche. Er konnte wie ein Löwe zupacken, aber er schätzte noch mehr die Einsamkeit der Studierstube. Als „Hieronymus im Gehäus“ ist er von Albrecht Dürer und unzähligen Künstlern dargestellt worden. Der Philosoph Hans Blumenberg fühlte sich diesem Kirchenvater besonders verbunden und hat seine Briefe an Marcella gerne gelesen.

Hieronymus erfreute sich der Förderung seiner Arbeit durch Marcella und Paula (347-404). Nach dem Tod ihres Mannes Julius Toxotius erlebte die Mutter von vier Töchtern einen Nervenzusammenbruch. Sie entschied sich für ein asketisches Leben. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auf Marcellas Landgut dem späteren Übersetzer der biblischen Schriften in die lateinische Sprache (Vulgata) begegnete. Zu dem Kreis hochgebildeter Frauen um Marcella gehörten auch Paulas Töchter. Alle Frauen waren erfüllt von einem unbändigen Bildungshunger und einer Sehnsucht nach dem Reichtum des inneren Lebens. Sie hatten genug vom oberflächlichen Kulturleben, den Maskeraden der Eitelkeit, der vorgetäuschten ewigen Jugendlichkeit, den nichtigen Sensationen des Tages. Sie suchten ein christliches Leben aus dem Wesentlichen. Das gefiel dem römischen Salonklerus in keiner Weise. Marcella und Paula waren nicht zufrieden mit der Bildung aus zweiter Hand, mit seichten Predigten über Tagesaktualitäten, mit dürftigem Moralismus und Populismus. Sie suchten in der unmittelbaren Begegnung mit der biblischen Überlieferung auch das geistige Abenteuer.

Wo ist diese Verbindung von Christentum und Bildung geblieben? In seinem apostolischen Schreiben zum 1600. Todestag des heiligen Hieronymus beklagte Papst Franziskus den dramatischen Verlust religiöser Bildung. Der Besuch einer Buchhandlung zeige den marginalen Platz, den religiöse Bücher heute einnehmen. Der minimale Bestand „enthält auch keine gehaltvollen Werke.“ Ein Analphabetismus habe sich ausgebreitet: „Es mangelt an hermeneutischen Fähigkeiten, die uns zu glaubwürdigen Auslegern und Übersetzern unserer eigenen kulturellen Tradition machen.“

Hieronymus war ein entschiedener Gegner der Mediokratie. „Denn der Erlöser liebt nichts Mittelmäßiges“, betonte er, und machte sich damit nicht gerade beliebt. Das römische Reich war wie unsere Zeit dem Untergang geweiht. Hieronymus spricht vom „Grab des Weltgeistes“ und Frauen, die sich „vor der Schar ihrer Enkel wie zarte Jüngferchen herausputzen“. Mit dem asketischen Leben richteten die Frauen um Marcella ihre Blicke auf das Bleibende. Sie lernten Griechisch und Hebräisch bei Hieronymus. Paulas Tochter Blesilla war die Eliteschülerin des Meisters. Der Tod der jungen Witwe nach einem dreißigtägigen Fieberleiden löste in Rom eine antiasketische Stimmung aus. In seinem Beileidsschreiben an Marcella rät Hieronymus zur Gelassenheit: „Mögen sie ruhig noch schlimmere Spottreden führen, mögen die Dickwanste und vollgepfropften Schmerbäuche gegen uns hetzen! Unsere Blesilla wird darüber nur lachen und die Lästerreden dieser geschwätzigen Frösche unbeachtet lassen.“ Paula tröstet er mit der Gewissheit, dass ihre Tochter schon jetzt mit den Engeln im Himmel weile. Ihr Gedächtnis aber werde er durch seine wissenschaftliche Arbeit bewahren. „Keine Seite werde ich schreiben, die nicht Blesillas Namen enthält. Mit Christus weilt sie im Himmel, aber auch in der Menschen Mund wird sie weiterleben.“ Das religiöse Buch unserer Zeit weiß nichts mehr von jener Autorschaft im Dienst der Memoria.

Paula und ihre Tochter Eustochium kehrten Rom den Rücken. Mit Hieronymus begaben sie sich auf eine Reise über das Mittelmeer und ließen sich in Bethlehem nieder. Hier übernahmen sie die Leitung eines neu gegründeten Frauenklosters. Paulas Sohn blieb in Rom und heiratete Laeta, die Tochter eines Konsuls aus Numidien. Als sie nach vielen Fehlgeburten Eltern einer Tochter wurden, gaben sie ihr den Namen der Großmutter. Um die Erziehung der kleinen Paula war Hieronymus sehr besorgt. Denn Mittelmäßigkeit ist auch eine Folge vernachlässigter Bildung und Erziehung im Kleinkindalter. Hier wird mit Förderung und Forderung die Leselust als ein Weg zum selbstbestimmten Leben gepflegt. Gerade deshalb kommt dieser Grundlegung besondere Bedeutung zu. „Es ist schwierig, später auszumerzen, was der jugendliche Geist in sich aufgenommen hat.“

Hieronymus’ pädagogische Briefe haben sich erhalten und geben einen seltenen Einblick in die Erziehungspraxis der christlichen Elite jener Zeit. Mit Buchstaben aus Holz oder Elfenstein solle das Kind seinen Namen und dann weitere Wörter lernen. Aus ihnen könne es kleine Verse legen. Von elementarer Bedeutung ist auch die Leseerziehung. Das Wort will im schönen Klang gehört werden. In einer Kultur vor der Erfindung des Buchdrucks werden Bücher mit der Hand kopiert. Keine Frage, dass den ersten Versuchen des Kindes, mit dem Griffel auf der Wachstafel zu schreiben, besondere Begleitung zukommt. Kleine Geschenke für große Leistungen beflügeln die Motivation ebenso wie der geistige Wettstreit in einer Lerngruppe. „Man muß vor allem vermeiden, dass Paula Widerwillen gegen das Lernen faßt.“

Mittelmäßigkeit in der Lese- und Rechtschreibkompetenz sind auch eine Folge mittelmäßiger Lehrer, schreibt Hieronymus in seinem pädagogischen Ratgeber für Paulas Mutter. Nur die besten Lehrer sollten Lernanfänger begleiten dürfen! Jungen Lehrern fehle die notwendige Erfahrung für diese Aufgabe. Doch nicht jeder Gebildete ist auch ein guter Erzieher. Die christliche Pädagogik ist eine eigene Berufung. Sie setzt Wissen und Weisheit voraus und den Mut zum Widerspruch gegen Schludrigkeit und Tagesmoden. Bildung hat einen Wert in sich selbst. „Trage daher auch Sorge, dass deine Tochter sich nicht der törichten Manier gewisser Frauen anpasst, indem du sie etwa gewöhnst, die Worte nur halb auszusprechen und mit Gold und Purpur zu spielen.“

Hieronymus hat auch die Gefahren der Pubertät im Blick. „Dulde nicht, dass ein jugendlicher Windbeutel sie anlächelt.“ Die gebildete Seele bedarf auch des geschützten Raumes. Nicht an Edelsteinen und Seide solle sich die junge Frau erfreuen, sondern am Studium der heiligen Schriften. „Ihr Interesse wende sich vielmehr der Treue des Textes und seiner kritischen Behandlung zu!“

Im vorderen Orient erreichte Paula, Eustochium und Hieronymus die Nachricht vom Untergang Roms. In seinem Nachruf auf Marcella berichtet der Freund und Förderer von Hungersnot und Kannibalismus in der belagerten Stadt. Zustände wie sie beim Untergang Königsbergs wiederkehren werden. Auch die Greisin Marcella wird Opfer des Missbrauchs, mit dem Alarichs Horden in Rom wüten. Sie stirbt in den Armen ihrer Freundin Principia. „Sie verschied in deinen Armen und gab unter deinen Küssen ihren Geist auf, und während du weintest, lächelte sie im Bewusstsein, gut gelebt und ewigen Lohn verdient zu haben,“ schreibt Hieronymus in seinem Trostbrief an die Freundin. Die Briefe Marcellas und aller anderen Frauen haben sich nicht erhalten.

 

 

Wächterin des Unsichtbaren

 


Alle Welt kennt Bernadette Soubirous (1844-1879). Sie ist die erste Heilige, von der es Photos gibt. Doch wer spricht von Marie Dominique Peyramale? Er war der Pfarrer von Lourdes im Département Hautes-Pyrénées. Die Pyrenäen bilden ein großes Quellgebiet. Über und unter den Felsen sprudelt das Wasser. Im 19. Jahrhundert entstanden Kurorte. Manchmal gab es überraschende Heilungen und gelegentlich sogar Erscheinungen. Von Lourdes fährt heute der Skibus zu den Thermalquellen von Cauterets und weiter in höhere Regionen, wo elf Schneekanonen auch im Zeitalter des Klimawandels für fahrbare Pisten sorgen. Im Nationalpark Pyrenäen entspringt auch der Gave de Pau, durch dessen eiskaltes Wasser Bernadette nach der ersten Begegnung in der Grotte von Massabielle watete. Es war ihr fast zu warm, so erfüllt war sie von der Gegenwart der schönen Dame mit den gelben Rosen zwischen den Zehen. Die Erscheinungen zwischen dem 11. Februar und dem 16. Juli 1858, ihre Folgen für die Entstehung des Marienwallfahrtsortes Lourdes sind oft beschrieben worden. Nicht nur von französischen Autoren wie Emile Zola und Joris-Karl Huysmans, sondern auch von dem dänischen Konvertiten Johannes Jörgensen.

Der Heilige ist der Mensch in der Unmittelbarkeit Gottes. Er ist der Einzelne in seiner Berufung. Deshalb hatte nur Bernadette die schöne Dame gesehen und ihren Auftrag vernommen. Ihren Namen kannte sie nicht und hätte ihn auch nicht erfragt. Erst durch den Widerstand ihres Pfarrers wuchs diese intimste aller Begegnungen über Bernadette hinaus und wurde zum Wunder von Lourdes. Ein Rosenwunder hatte Peyramale (1811-1877) gefordert. Nicht gerade originell. Die Muttergottes ließ sich nichts vorschreiben. Sie schenkte ein Quellwunder und zeigte durch die Heilung eines Augenleidens, worum es in der Wunderfrage gerade heute geht: Der Mensch soll wieder sehend werden!

Durch Peyramales Initiative erfuhr Bernadette auch den Namen der Dame. Natürlich in der Sprache der Region. „Qué soy ér Immaculada Counceptiou“. Papst Pius IX. hatte vier Jahre zuvor das Dogma der „unbefleckten Empfängnis“ („Immaculata Conceptio“) verkündet. Bernadette konnte davon keine Kenntnis besessen haben, meinte der Pfarrer von Lourdes. So hielt er nun seine Hände über das Mädchen und stellt sich schützend vor sie. „Meine Herren, laden Sie scharf, denn nur über meine Leiche geht der Weg!“, läßt Franz Werfel (1890-1945) ihn sagen. Sein Roman „Das Lied der Bernadette“ (1943) geht bekanntlich auf ein Gelübde zurück, das er in Lourdes abgelegt hat. Bernadettes Sendung richtet sich damals wie heute gegen „den offiziellen Deismus und inoffiziellen Nihilismus des Zeitalters“.

In Amerika angekommen, schrieb Werfel von Januar bis April 1941 auf 600 Seiten die Geschichte der Bernadette. Das Buch erschien in einer Startauflage von 200000 Exemplaren und wurde auf Anhieb „National Bestseller Number One“. Es ist das meistgelesene Werk der Exilliteratur.

„Das Buch ist die Geschichte des Kindes, das mehr als andere sieht“, schreibt Werfel über Bernadettes Sendung. „Ihr größtes Verdienst ist, dass sie ihren Augen traut und sich nicht einreden lässt, dass sie verrückt ist.“ Über seine Sendung als Autor sagt er: „Schon in den Tagen, da ich meine ersten Verse schrieb, hatte ich mir zugeschworen, immer und überall durch meine Schriften zu verherrlichen das göttliche Geheimnis und die menschliche Heiligkeit – des Zeitalters ungeachtet, das sich mit Spott, Ingrimm und Gleichgültigkeit abkehrt von diesen letzten Werten unseres Lebens.“

Bereits 1943 wird der Roman von Henry King verfilmt. Die Rolle der Bernadette spielt Jennifer Jones (1919-2009) und wird dafür mit einem Oscar und dem Golden Globe ausgezeichnet. Den Pfarrer Peyramale verkörpert Charles Bickford, ein Mann mit geradezu archaischem Gerechtigkeitssinn. Als neunjähriges Kind erhielt Bickford eine Anklage wegen Mordversuches. Ein Autofahrer hatte seinen Hund totgefahren. Dafür sollte er büßen. Heilungen von jugendlichen Gewalttätern werden aus Lourdes nicht berichtet. Doch ist die wunderbare Wirkung der Quelle, die Bernadette einst auf Anordnung der Muttergottes freigelegt hatte, zuverlässig dokumentiert. Die klassischen Pilgerberichte beschreiben ausführlich die Leiden der Hilfesuchenden. Huysmans Buch überspannt dabei gelegentlich den Bogen in geradezu expressionistischer Detailverliebtheit in das Grauenhafte. Der Film „Lourdes“ (2009) von Jessica Hausner wurde am Originalschauplatz gedreht. Er zeigt am Beispiel einer Pilgergruppe aus Deutschland sehr einfühlsam die Erwartungen und Enttäuschungen.

150 Jahre nach der Verkündung des Dogmas der Immaculta Conceptio brach der schwer erkrankte Papst Johannes Paul II. nach Lourdes auf. Gezeichnet von Arthritis und der Parkinsonschen Krankheit wurde er selbst zu einem bewegenden Gleichnis aller Menschen, die seit den Visionen der Bernadette Heilung an Geist, Seele oder Körper in Lourdes suchten. Am Fest der Assumptio Mariae 2004 verwies er auf den untrennbaren Zusammenhang beider Dogmen. Knieend vor der Grotte von Massabielle sprach der Papst von der Heiligkeit des Ortes. Bernadette hatte die Grotte stets barfuß betreten wie einst Moses den heiligen Boden. Der Papst aber sprach von einer anderen Begegnung mit dem Heiligen. Er erinnerte an die Höhle auf dem Berg Horeb, wo Elija Gott begegnete, der in seinem sanften leisen Säuseln zu ihm sprach (1. Könige 19.12).

Was in der Grotte von Massabielle geschah, war keine reine Angelegenheit unter Frauen. Die Muttergottes hatte einige Aufträge an die gesamte Kirche mitteilen lassen. Anderes war nur für Bernadette bestimmt und blieb auch vor Peyramale ihr Geheimnis. Ein Papst, der sein ganzes Pontifikat unter den Schutz der Maria gestellt hatte („totus tuus“), war natürlich höchst sensibel für die besondere Berufung der Frau und ihre einmalige Rolle in der Kirche. Bernadette hatte als Einzige gesehen, was später viele glaubten. Nicht jeder erlebt Schauungen und Wunder. Aber jeder kann den Ort besuchen, an dem das Unsichtbare sichtbar geworden ist. An diese Hüter des Unsichtbaren wendet sich Johannes Paul II. mit den Worten:

„Von dieser Grotte aus richte ich einen besonderen Appell an euch Frauen. Durch ihre Erscheinung an diesem Ort hat Maria ihre Botschaft einem Mädchen anvertraut, gleichsam um die besondere Sendung der Frau in unserem Zeitalter zu betonen, das durch den Materialismus und die Säkularisierung versucht wird. Diese Sendung besteht darin, in der heutigen Gesellschaft Zeuginnen jener grundlegenden Werte zu sein, die sich nur mit den Augen des Herzens erkennen lassen. Ihr Frauen sollt Wächterinnen des Unsichtbaren sein!“

Vielleicht wäre der begeisterte Sportler in jungen Jahren von Lourdes mit dem Skibus ins Gebirge gefahren. Vielleicht hätte er eine Wundergeschichte auf die Bühne gebracht oder ein Lourdes-Gedicht geschrieben. Nun war er so schwach wie viele Lourdespilger, aber ungebrochen im Geist und in der Liebe. Noch immer besaß er ein sicheres Gespür für die kleine Geste am rechten Platz. Bernadette hatte von den gelben Rosen an den Füßen der Muttergottes berichtet und alle Geistlichen außer Peyramale hatten sich darüber lustig gemacht. So ist es noch heute, dass Menschen die Herrlichkeit nicht sehen und darüber noch lachen! Ein Hauch von spanischer Lebensfreude kommt durch die gelbe Rose in die Grotte von Lourdes. Die Muttergottes hatte, wie es im Flamenco alter Brauch ist, eine Rose geworfen und der Papst fing sie auf. Er trank aus der heiligen Quelle und legte in der Grotte eine goldene Rose nieder. Das konnte nur er, der große Liebende. Pfarrer Marie Dominique Peyramale hatte ein Rosenwunder gefordert. Es hatte sich schon längst ereignet, nur waren seine Augen gehalten. Dann aber wurde auch er sehend.

 

 

 

 

Hieronymus, Marcella und Paula:
Erziehung gegen die Mittelmäßigkeit

 


Manchmal leiten Schicksalsschläge eine Lebenswende ein: Marcella (330-410) gehörte zur alten römischen Aristokratie. Unmittelbar nach dem Tod ihres Vaters starb ihr Mann nur sieben Monate nach der Hochzeit. Rasch versuchte ihre Mutter eine neue Ehe mit Naeratius Cerealis zu arrangieren. Der Konsul des Jahres 358 war einige Jahrzehnte älter. Zu alt, fand Marcella, die das Schicksal doppelter Witwenschaft nicht heraufbeschwören wollte. „Da gab er ihr zu bedenken, dass auch Greise lange leben und junge Leute schnell sterben könnten.“ Marcella aber zog ein einfaches Leben auf dem Land vor, um sich ganz ihren Studien zu widmen. Ihre große Bibliothek zog bald die Gelehrten an. Zu ihnen gehörte Hieronymus (347-420).

Der hochgebildete und sprachbegabte Jüngling aus Kroatien machte schnell Karriere und zählt heute neben Ambrosius von Mailand, Gregor dem Großen und Augustin von Hippo zu den vier lateinischen Lehrern der alten Kirche. Er konnte wie ein Löwe zupacken, aber er schätzte noch mehr die Einsamkeit der Studierstube. Als „Hieronymus im Gehäus“ ist er von Albrecht Dürer und unzähligen Künstlern dargestellt worden. Der Philosoph Hans Blumenberg fühlte sich diesem Kirchenvater besonders verbunden und hat seine Briefe an Marcella gerne gelesen.

Hieronymus erfreute sich der Förderung seiner Arbeit durch Marcella und Paula (347-404). Nach dem Tod ihres Mannes Julius Toxotius erlebte die Mutter von vier Töchtern einen Nervenzusammenbruch. Sie entschied sich für ein asketisches Leben. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auf Marcellas Landgut dem späteren Übersetzer der biblischen Schriften in die lateinische Sprache (Vulgata) begegnete. Zu dem Kreis hochgebildeter Frauen um Marcella gehörten auch Paulas Töchter. Alle Frauen waren erfüllt von einem unbändigen Bildungshunger und einer Sehnsucht nach dem Reichtum des inneren Lebens. Sie hatten genug vom oberflächlichen Kulturleben, den Maskeraden der Eitelkeit, der vorgetäuschten ewigen Jugendlichkeit, den nichtigen Sensationen des Tages. Sie suchten ein christliches Leben aus dem Wesentlichen. Das gefiel dem römischen Salonklerus in keiner Weise. Marcella und Paula waren nicht zufrieden mit der Bildung aus zweiter Hand, mit seichten Predigten über Tagesaktualitäten, mit dürftigem Moralismus und Populismus. Sie suchten in der unmittelbaren Begegnung mit der biblischen Überlieferung auch das geistige Abenteuer.

Wo ist diese Verbindung von Christentum und Bildung geblieben? In seinem apostolischen Schreiben zum 1600. Todestag des heiligen Hieronymus beklagte Papst Franziskus den dramatischen Verlust religiöser Bildung. Der Besuch einer Buchhandlung zeige den marginalen Platz, den religiöse Bücher heute einnehmen. Der minimale Bestand „enthält auch keine gehaltvollen Werke.“ Ein Analphabetismus habe sich ausgebreitet: „Es mangelt an hermeneutischen Fähigkeiten, die uns zu glaubwürdigen Auslegern und Übersetzern unserer eigenen kulturellen Tradition machen.“

Hieronymus war ein entschiedener Gegner der Mediokratie. „Denn der Erlöser liebt nichts Mittelmäßiges“, betonte er, und machte sich damit nicht gerade beliebt. Das römische Reich war wie unsere Zeit dem Untergang geweiht. Hieronymus spricht vom „Grab des Weltgeistes“ und Frauen, die sich „vor der Schar ihrer Enkel wie zarte Jüngferchen herausputzen“. Mit dem asketischen Leben richteten die Frauen um Marcella ihre Blicke auf das Bleibende. Sie lernten Griechisch und Hebräisch bei Hieronymus. Paulas Tochter Blesilla war die Eliteschülerin des Meisters. Der Tod der jungen Witwe nach einem dreißigtägigen Fieberleiden löste in Rom eine antiasketische Stimmung aus. In seinem Beileidsschreiben an Marcella rät Hieronymus zur Gelassenheit: „Mögen sie ruhig noch schlimmere Spottreden führen, mögen die Dickwanste und vollgepfropften Schmerbäuche gegen uns hetzen! Unsere Blesilla wird darüber nur lachen und die Lästerreden dieser geschwätzigen Frösche unbeachtet lassen.“ Paula tröstet er mit der Gewissheit, dass ihre Tochter schon jetzt mit den Engeln im Himmel weile. Ihr Gedächtnis aber werde er durch seine wissenschaftliche Arbeit bewahren. „Keine Seite werde ich schreiben, die nicht Blesillas Namen enthält. Mit Christus weilt sie im Himmel, aber auch in der Menschen Mund wird sie weiterleben.“ Das religiöse Buch unserer Zeit weiß nichts mehr von jener Autorschaft im Dienst der Memoria.

Paula und ihre Tochter Eustochium kehrten Rom den Rücken. Mit Hieronymus begaben sie sich auf eine Reise über das Mittelmeer und ließen sich in Bethlehem nieder. Hier übernahmen sie die Leitung eines neu gegründeten Frauenklosters. Paulas Sohn blieb in Rom und heiratete Laeta, die Tochter eines Konsuls aus Numidien. Als sie nach vielen Fehlgeburten Eltern einer Tochter wurden, gaben sie ihr den Namen der Großmutter. Um die Erziehung der kleinen Paula war Hieronymus sehr besorgt. Denn Mittelmäßigkeit ist auch eine Folge vernachlässigter Bildung und Erziehung im Kleinkindalter. Hier wird mit Förderung und Forderung die Leselust als ein Weg zum selbstbestimmten Leben gepflegt. Gerade deshalb kommt dieser Grundlegung besondere Bedeutung zu. „Es ist schwierig, später auszumerzen, was der jugendliche Geist in sich aufgenommen hat.“

Hieronymus’ pädagogische Briefe haben sich erhalten und geben einen seltenen Einblick in die Erziehungspraxis der christlichen Elite jener Zeit. Mit Buchstaben aus Holz oder Elfenstein solle das Kind seinen Namen und dann weitere Wörter lernen. Aus ihnen könne es kleine Verse legen. Von elementarer Bedeutung ist auch die Leseerziehung. Das Wort will im schönen Klang gehört werden. In einer Kultur vor der Erfindung des Buchdrucks werden Bücher mit der Hand kopiert. Keine Frage, dass den ersten Versuchen des Kindes, mit dem Griffel auf der Wachstafel zu schreiben, besondere Begleitung zukommt. Kleine Geschenke für große Leistungen beflügeln die Motivation ebenso wie der geistige Wettstreit in einer Lerngruppe. „Man muß vor allem vermeiden, dass Paula Widerwillen gegen das Lernen faßt.“

Mittelmäßigkeit in der Lese- und Rechtschreibkompetenz sind auch eine Folge mittelmäßiger Lehrer, schreibt Hieronymus in seinem pädagogischen Ratgeber für Paulas Mutter. Nur die besten Lehrer sollten Lernanfänger begleiten dürfen! Jungen Lehrern fehle die notwendige Erfahrung für diese Aufgabe. Doch nicht jeder Gebildete ist auch ein guter Erzieher. Die christliche Pädagogik ist eine eigene Berufung. Sie setzt Wissen und Weisheit voraus und den Mut zum Widerspruch gegen Schludrigkeit und Tagesmoden. Bildung hat einen Wert in sich selbst. „Trage daher auch Sorge, dass deine Tochter sich nicht der törichten Manier gewisser Frauen anpasst, indem du sie etwa gewöhnst, die Worte nur halb auszusprechen und mit Gold und Purpur zu spielen.“

Hieronymus hat auch die Gefahren der Pubertät im Blick. „Dulde nicht, dass ein jugendlicher Windbeutel sie anlächelt.“ Die gebildete Seele bedarf auch des geschützten Raumes. Nicht an Edelsteinen und Seide solle sich die junge Frau erfreuen, sondern am Studium der heiligen Schriften. „Ihr Interesse wende sich vielmehr der Treue des Textes und seiner kritischen Behandlung zu!“

Im vorderen Orient erreichte Paula, Eustochium und Hieronymus die Nachricht vom Untergang Roms. In seinem Nachruf auf Marcella berichtet der Freund und Förderer von Hungersnot und Kannibalismus in der belagerten Stadt. Zustände wie sie beim Untergang Königsbergs wiederkehren werden. Auch die Greisin Marcella wird Opfer des Missbrauchs, mit dem Alarichs Horden in Rom wüten. Sie stirbt in den Armen ihrer Freundin Principia. „Sie verschied in deinen Armen und gab unter deinen Küssen ihren Geist auf, und während du weintest, lächelte sie im Bewusstsein, gut gelebt und ewigen Lohn verdient zu haben,“ schreibt Hieronymus in seinem Trostbrief an die Freundin. Die Briefe Marcellas und aller anderen Frauen haben sich nicht erhalten.