Carl von Linné, Ingvar Kamprad und der Möckeln 

„Ingenting är omöjligt - Geht nicht, gibt’s nicht.“

Ingvar Kamprad

 

 



 

Eine Kerze neben dem Bild von Ingvar Kamprad. Davor ein Kondolenzbuch der Bürger seiner Heimatgemeinde Agunnaryd. Ingvar Kamprads Vater war ein deutscher Einwanderer, der als Kleinkind mit seinen Eltern nach Schweden ausgewandert war. Das Kondolenzbuch für seinen Sohn finden wir im Supermarkt von Agunnaryd. Hier gibt es neben dem Verkaufsraum eine warme Stube und kostenlosen Kaffee, eine Spielecke für die Kinder und eine kleine Leihbibliothek. Der Gründer von IKEA ist Schwedens berühmtester Auswanderer und Einwanderer. Viele Jahre lebte er in der Schweiz. Im hohen Alter kehrte er in seine Heimat zurück. Das Bild vor dem Kondolenzbuch zeigt einen alten Schweden, dessen äußere Erscheinung sich in nichts von jenen Männern unterscheidet, die nördlich des Sees Möckeln in den Wäldern wohnen und wie wir zum Einkauf nach Agunnaryd fahren.

 

 
 
 
 
 

Möckeln heisst der große See in unmittelbarer Nähe unseres Hauses. Er entwässert in den Helge Å, der hinter den Birken und Espen an Lunden gemächlich vorbeifließt. Große Teile des Sees und des Flusses stehen unter Naturschutz, wie es die Ramsar-Konvention aus dem Jahr 1971 fordert. Das war ein Jahr vor Undines Geburt. Die im persischen Ramsar geschlossene Vereinbarung bezeichnet ein Übereinkommen über den Schutz von Feuchtgebieten, besonders als Lebensraum für Wasservögel. 

 

Zu den klassischen Bewohnern schwedischer Feuchtgebiete gehören die Nixen. Sie werden allerdings in der Ramsar-Konvention nicht unter Schutz gestellt. Doch was nicht ist, kann noch werden. Am 2. Februar wird unter Naturschützern der Weltfeuchtgebietstag gefeiert. Das wäre vielleicht ein geeignetes Datum, um für den Schutz der Nixen zu werben.

 

Am Möckeln wurde der Botaniker Carl von Linné (1707-1778) auf dem Hof Råshult geboren. Sein Vater war Pfarrer im Kirchspiel Stenbrohult. Carl von Linné war nicht nur der grösste Biologe aller Zeiten, wie es heute im Mediendeutsch hieße, sondern er glaubte auch an geheime oder okkulte Zusammenhänge in allen Ereignissen des menschlichen Lebens. Nichts war ihm Zufall, alles war Schicksal oder Fügung. In der sichtbaren und unsichtbaren Natur sah er die Kraft eines ordnenden Geistes. Diese Ordnung der Natur erkannte Linné und stellte sie in seinen Büchern dar. Er entwickelte das System der binären Nomenklatur mit dem er die Welt der Pflanzen und Tiere und Mineralien benannte. Die Welt der unsichtbaren Ordnung versuche er ebenfalls zu ergründen. Er sammelte Geschichten von Glück und Unglück. Die Sammlung nannte er „Nemesis Divina“ - Göttliche Vergeltung. Alle Schuld rächt sich auf Erden, und für alles soll es einen gerechten Ausgleich geben. 

 

Zusammenhänge fallen auf, stechen ins Auge, leuchten ein - oder auch nicht: Die Verbindung von Moeck, dem Mädchennamen unserer Mutter, zum wunderbaren See Möckeln bedarf keines Beweises. Sie ist evident. Zumal unsere Mutter in der Schule Möckel genannt wurde. Am Möckeln lebt heute der Gründer von IKEA. Im Möckeln leben seit jeher die Nixen. Ihr Leben und Lieben bildet eine große Lücke in der Forschung. Kurz gesagt: Wir wissen nix über die Nixen im Möckeln.

 

Über die Nixen sind viele Geschichten im Umlauf. Diese Geschichten werden Sagen genannt und wurden von Heimatforschern gesammelt. So galten Nixen je nach Standpunkt als Gestalten des Volksglaubens oder des Aberglaubens. Auch Literaturhistoriker widmeten sich den Nixen, soweit sie Eingang in die Dichtung gefunden hatten. Die Folge dieser alten Nixenforschung war eine Verdrängung der Nixe ins Reich der Fantasy-Literatur. Von Nixen wurde viel erzählt, aber niemand nahm sie wirklich ernst. An die Nixen vom Möckeln erinnert eine Schautafel. Doch sind die Informationen enttäuschend: Wenn man auf dem Möckeln eine Nixe sehe, lese ich, gebe es bald einen Wetterumschwung. 

 

Die Nixe als Wetterfrosch ist nun wirklich nicht spannend. Mich würden Informationen über die wetterwendischen Launen der Nixen mehr interessieren. Aber hier schweigt die Nixenforschung. Vielleicht um nicht einen Sturm der Entrüstung zu provozieren? Die Nixenforschung braucht endlich einen Mann wie Carl von Linné, der mit dem Marschallstab des Wortes Ordnung in diesen Bereich der Schöpfung bringt.

 

Wir fahren also an den Möckeln und entdecken in Möckelnäs eine Orangerie, die sich dem Erbe Carl von Linnés widmet. Sie im Jahr 2007 ist zur Erinnerung an den Forscher angelegt worden. Über dem Garten liegt der Herbst. Wir sind die einzigen Gäste. Am rechten Rand des Geländes befindet sich ein Verkaufsstand mit Stauden aus dem Linnéschen Garten. Auf kleinen Schildern ist mit zarter Handschrift der jeweilige Name verzeichnet. Ich suche nach Linnaea borealis der Landschaftsblume (Landskapsblomma) von Småland. Das Moosglöckchen war Linnés Lieblingsblume. Er ließ sie in sein Wappen setzen.  Dank eines Freundes erreichte er, dass sie nach ihm benannt wurde.  Was Ernst Jünger dafür getan hat, dass einige Käfer nach ihm benannt wurden, weiss ich nicht. Dass sein Name in Linnés System aufgehoben war, erfüllte ihn mit Stolz und Zuversicht auf ein Nachleben, dass die Wirkung aller Autorschaft bei weitem übertreffe.

 

Über dem Eingang zur Orangerie befindet sich ein lateinischer Spruch, dessen Sinn ich zuerst nicht verstehe:

 

„INNOCUE V VITO NUMEN ADEST“

 

Numen ist das Göttliche, das Heilige, das Numiose. Was aber bedeutet „V Vito“? Beim Nähertreten sehe ich, dass die Lücke zwischen den beiden Buchstaben V durch einen fehlenden Buchstaben gebildet wurde. 

 

„INNOCUE VIVITO, NUMEN ADEST“

 

„Lebe reinen Herzens, denn Gott ist gegenwärtig“ 

 

So lautet das Motto des Botanikers. Er ließ es sich über den Türsturz zum Schlafzimmer seines Sommerhause bei Uppsala malen, und er setzte es als Motto über die „Nemesis Divina“.

 

Möckelnäs Herrgård: Um den Hotelkomplex herum stehen zahlreiche Schilder, die darauf hinweisen, dass Picknicken trotz Allemansrät nicht erlaubt ist. Die einzige Person, die wir auf dem Gelände von Möckelnäs Herrgård sehen, ist eine Gärtnerin. Sie grüsst nicht. Sie arbeitet nicht. Was macht sie eigentlich? Neben ihr steht eine kleine grüne Tonne mit Laub. In den Händen hält sie einen Laubbesen des finnischen Herstellers Fiskars. Mit sehr langsamen Bewegungen wie in einem Energiesparmodus streichelt sie den feinkörnigen Kies auf dem Rundweg.

 

Wir fahren weiter zu den alten Steinbrüchen von Taxås Klint. Der schwarze Granit wurde hier gebrochen und verschifft. Unterwegs meint Undine ein Idyll zu sehen. Auf einer von alten Eichen bestandenen Wiese sieht sie grasende junge Kühe. Sie müssen sehr glücklich sein, weil sie im Freien leben dürfen. Geduldig wie immer halte ich den Wagen an. Undine nimmt die Camera und steigt aus. Ihre rosa Decke, zwei Jacken, den rosa Fjällråven, eine Wasserflasche, vier Karten lässt sie im Durcheinander zurück. Ich nutze die Zeit, um das NAVI neu zu programmieren. Den Ort habe ich eingegeben, die Straße. Jetzt noch die Start-Taste drücken. Undine öffnet die Tür zu den Rücksitzen. Das Programm stürzt ab. Auf dem Display erscheint der Hinweis „Rückseitige Tür geöffnet“. Undine wechselt die Schuhe und geht wieder auf die Weide zu. Ich rufe ihr nach, die Tür zu schließen. Warum?, sagt sie und weist darauf hin, dass sie doch gleich zurückkehren werde. 

 

 

 

 

 

Geduld ist die Tugend der reiferen  Jahrgänge. Ich löse den Sicherheitsgurt, verlasse meinen Sitz, gehe um den Wagen und schließe die Tür. Dann nehme ich wieder Platz und beginne die Programmierung von Neuem. Nach dem Besuch der Steinbrüche von Taxås Klint wollen wir zu Linnés Geburtsort fahren. Bevor ich den Namen Råshult eingeben kann, muss ich verschiedene Tasten bedienen, um Warnhinweise wegzudrücken. Dann steht Råshult auf dem Display und stürzt ab. Dafür erscheint der Hinweis „Beifahrertür offen“. Undine hat die Außentemperatur falsch eingeschätzt. Es ist wieder warm geworden und sie legt ihre Filzjacke ab. Zum Glück muss ich dieses Mal nicht aussteigen. Die Beifahrertür kann ich auch von Innen schließen, um die Programmierungsversuche fortzusetzen. Ich schaue auf die Weide. Undine ist beschäftigt. Ich atme durch und gebe meinen Vorsatz auf. Und eine wohltuende Erkenntnis erfüllt mich: Warum dieses Zeitfenster für die Programmierung nutzen? Wer treibt mich? Hier und jetzt, lautet das Motto. Ich steige aus und erfreue mich an Undines Exkursion in die Tierwelt.

 

Die jungen Damen im rotbunten Fell entpuppen sich als Jungbullen. Auch sie müssen sehr glücklich sein, weil sie hier im Freien grasen dürfen, bevor sie zu Ökofleisch verarbeitet werden. Sie stehen gut im Saft und stürmen herbei, als wollten sie den Elektrozaun durchbrechen. Ein verwunschener Ort. Keine Frage. Wir sind im Land der Trolle. Der Steinbruch im moosigen Zauberwald entpuppt sich als wilder Haufen von Trollsteinen. Auch die dichten Felder von Pfifferlingen am Rande des Wasser zeigen: Hier ist ein magischer Ort! Gut 30 Meter über dem Möckeln reicht der Aussichtspunkt hinauf. Hier haben wir einen herrlichen Ausblick auf die westliche Inselwelt des Sees. Der Blick auf die Karte zeigt: Wir befinden uns gegenüber von Lunden. 

 

In Carl von Linnés System der Natur kommen Trolle meines Wissens nicht vor. Das spricht in keiner Weise gegen ihre Existenz. Im Gegenteil! Es gibt Evidenzen, über die muss nicht diskutiert werden. Die Steine an Seen, Flüssen und in den Wäldern, die dichten Moospolster unter den Bäumen, die Unzahl der Beeren und Pilze spricht eine deutliche Sprache. Trolle gehören deshalb seit dem Jahr 2011 zum immateriellen Kulturerbe Schwedens. Damit sind lebende Traditionen gemeint, die seit Menschengedenken erzählt, getanzt, gesungen und gefeiert werden. 

 

Trolle und Tango gehören beide zu diesem Weltkulturerbe der UNESCO, wenngleich ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass Trolle Tango tanzen. Andererseits scheint männlichen Trollen der argentinische Machismo nicht fremd zu sein. Trolle lieben Menschenfrauen. Sie stehlen kleine Mädchen aus der Wiege und legen stattdessen ein Trollkind hinein. Von den Nachfahren dieser Wechselbälger gibt es viele zu sehen. In Schwedens Supermärkten fallen ihre derben Gesichtszüge und ihre Neigung zu Fettleibigkeit auf. Ihr Trollwesen zeigt sich auch in der völligen Sorglosigkeit bei der Kleiderwahl. Trolle haben offenbar einen Dress-Code. Wie Pippi Langstrumpf kombinieren sie immer die unmöglichsten Schuhe, Hosen, Strümpfe, Hemden, Jacken. Wer dieses Land zum ersten Mal bereist, ist oft verwundert, dass er nur selten jenem Typ des herrlich lächelnden Schwedenmädchens mit geflochtenen blonden Haaren begegnet, das die Titel der Reiseführer ziert. Wo sind die schönen Schwedinnen? Genau! Sie leben bei den Trollen in den unendlichen Wäldern.

 

Eine Trollbeauftragte wie in Island und Norwegen gibt es in Småland noch nicht. Doch mit neuer Achtsamkeit wird dieser Mitbewohner gedacht. Um den Möckeln herum finden sich Erinnerungstafeln mit Informationen über die Bewohner der Anderwelt. Etwas unterhalb unseres Hauses liegen die Reste einer frühen Industriekultur. In Gustavsfors FVO befand sich eine Eisenhütte. Später wurde hier Papier aus Kleiderresten hergestellt.  „Lumpen - Alteisen!“, riefen früher die Lumpensammler. Ich habe nie verstanden, warum sie Lumpen sammelten. Denn Lumpen waren wirklich Lumpen. Da gab es nichts mehr zu flicken. Nun weiß ich es. Und über die Trolle habe ich mich schon bei meiner ersten Norwegenreise durch die Sammlung von Asbjörnsen-Moe informiert.

 

Die industrielle Ausbeutung der Natur in Gustavsfors FVO und anderen Orten musste natürlich den Widerstand der Ureinwohner Schwedens hervorrufen. Es kam zu Übergriffen. Man fand Wechselbälger in den Krippen, und manche Menschenfrau verschwand in den Wäldern und kam erst nach Jahren wieder zurück. Einer dieser als Unholde diskriminierten Trollführer hieß Gåaryd. Auf ihn geht die berüchtigte Gattung der Gåarydtrolle zurück. 

 

Heute weiß man in Schweden: Der Troll ist ein Grenzfall der Integration. Man lässt ihn in den Wäldern gewähren. Durch diese Politik der stillen Duldung ist das Verhältnis zwischen Menschentöchtern und Trollen weitgehend konfliktfrei. Als Hauptursache für die Befriedung des schwedischen Trollwesens gilt unter Migrationsforschern jedoch ein neuer Trend. Psychologen der Universität Lund sprechen von einem „Gåardkomplex“. Als echter Naturbursche genießt der Troll bei vielen Frauen hohe Wertschätzung. Die typische Trollfrau, so heißt es in dem Forschungsbericht „Psychologia Gåardensis: A feministic study of western midlifecrises“ schlummerte bereits als Mädchen mit einem IKEA-Elch im Arm friedlich im Bett. Die Wände ihres Zimmers schmückte sie mit Postern der bekannten Trollbilder des schwedischen Malers Rolf Jonas Lidberg. 

 

Auf den Spuren Linnés erreichen wir den elterlichen Hof Råshult. Die Häuser sind gut in Schuß, die Bauerngärten tragen den Flor des Herbstes. Wir sind wieder die einzigen Besucher. Die kurze Sommersaison ist zu Ende. Das Hofcafé hat bereits geschlossen. Råshult ist besonders wegen dieses zertifizierten Öko-Cafés sehr beliebt. Wir öffnen ein Gatter und glauben vor Linnés Geburtshaus zu stehen. Da rührt mich ein Donnerschlag: Direkt hinter Råsholt führt die Hauptstrecke der Bahn. Alle Personen- und Güterzüge in den Norden oder Süden nehmen diese Strecke und donnern im Minutentakt vorbei. 

 

 

 

Nun gut: Die IKEA-Zentrale braucht die Bahnanbindung und Carl von Linné hatte Råshult bald verlassen. Er zog nach Uppsala, wo er wie Gustav I. Wasa und Nathan Söderblom im Dom begraben liegt. Von 2001 bis 2017 schmückte das Portrait Carls von Linné den 100-Kronen-Schein. Dann wurde es gegen Greta Garbos Bildnis ausgetauscht. Alte Köpfe müssen manchmal verschwinden. Und die neuen Köpfe weichen vielleicht eines Tages wieder den alten Köpfen. Dazu gibt es für Traditionalisten einen weiteren Trost: Der neue 20-Kronen-Schein trägt das Bildnis der Astrid Lindgren mit ihrem typischen Trollblick. Auf der Rückseite des Scheines befindet sich die Blume Linnés - das Moosglöckchen! So fahren wir beruhigt weiter den Möckeln hinauf.

 

Wenige Kilometer nördlich von Råshult liegt Agunnaryd. Das Städtchen in den småländischen Wäldern hat eine Kirche und einen Supermarkt, in dem wir gerne einkaufen. Einmal, weil es hier alles gibt, was ein Mensch braucht. Dann, weil es hier nichts von dem gibt, was wir nicht brauchen: Zum Beispiel drei Sorten Knäckebrot statt 333 oder 22 verschiedene Köttbullarsorten statt der einen, die gut schmeckt. Diese Reduktion auf das Wesentliche schafft Klarheit im Kopf und befreit von Entscheidungszwängen. Die Einfachheit des Angebotes passt auch zu Ingvar Kamprad vom Hof Elmtaryd aus Agunnaryd. Genau - IKEA wurde in Agunnaryd gegründet. Ingvar Kamprad verkaufte Weihnachtsgrusskarten, Rasierapparate, Kugelschreiber, Uhren und spezialisierte sich schließlich auf Möbel. 1958 gründete er in Älmhult das erste Möbelhaus einer Kette, die 1975 mit dem IKEA-Geschäft in Dorsten das Münsterland erreichte, wo ich nach dem soeben abgelegten Abitur meine ersten Möbel kaufte. Einige solide Bücherregale aus dieser frühen Zeit habe ich immer noch im Keller stehen, anderes ist verschenkt oder zu Anmachholz für den Kaminofen zerhackt worden. Ja, die ersten IKEA-Möbel konnte man noch unbesorgt verheizen! Das war Qualität aus polnischen Wäldern.

 

1978 bekommt Kuwait den ersten IKEA-Laden, 1983 Saudi-Arabien. Dies erfahren wir im IKEA-Museum von Älmhult. Ein Portrait des Gründers begrüsst uns. Kamprad hat blaue Augen und den Blick des Melancholikers. Er schaut gütig und traurig zugleich aus weichen Gesichtszügen. So sieht also das Gesicht des Welterfolges aus. Neben dem Portrait steht in jenen Druckbuchstaben, in denen Ingvar Kamprad zeitlebens geschrieben hat, seine Philosophie: „To create a better today live for the many people“. Am Ende der Ausstellung wird die Botschaft noch einmal in Appellen formuliert: „BÄTTRE“ - „ME. WE. YOU.“ - „TOGETHER“. Dann steht auf einer der bunten Tafeln noch ein Spruch, der mir aus dem Mund unseres Vaters sehr vertraut ist: 

 

 

„Ingenting är omöjligt - Geht nicht, gibt’s nicht.“

 

 

 

 

Ingvar Kamprad hatte eben unverkennbar deutsche Wurzeln. Es gibt Mama-Kinder und Papa-Kinder. Ingvar hat seine Mutter verehrt und geliebt. Als sie 1956 im Alter von 53 Jahren an Brustkrebs stirbt, gründet er eine Stiftung zur Erforschung von Krebskrankheiten. Die Ausstellung nennt drei weitere Vorbilder: Die Maler und Lebensreformer Karin und Carl Larsson, Ellen Key und ihr Buch „Skönheit för alla“ (1899) und für mich überraschend - Carl von Linné. Kamprad hatte den Geschäftssinn von seiner Mutter geerbt. Ihr früher Tod mag seinem wirtschaftlichen Genius auch eine philanthropische Richtung gegeben haben. Im Eingangsbereich wird die Frage nach der Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen gestellt. Carl von Linné gibt eine Antwort: Lebe einfach und im Einklang mit der Schöpfung! Der Text der  zweisprachigen Schautafel lautet: 

 

„Lev livet enkelt. Hushåll med naturens resurser.“ 

„Live a simple live. Use natural resourses wisely.“ 

 

Das ist also die IKEA-Version der alten Linnéschen Weisheit:

 

„Lebe reinen Herzens, denn Gott ist gegenwärtig“ 

 

Die Reinheit ist nicht nur eine Sache des Herzens, sondern des Leibes. Deshalb gibt es in allen IKEA-Läden Köttbollar. Hier in der Weltzentrale des Konzerns werden sie in arabischen, jüdischen und schwedischen Luxusvarianten zubereitet. Die jungen Köchinnen aus Schwarzafrika können sich sehen lassen. Sie stehen in gesunder Leibesfülle wie Birgit Nilsson und andere Wagner-Sängerinnen der alten Zeit hinter dem Tresen und rüsten die Mahlzeiten mit sichtbarer Freude. Heute herrscht wenig Betrieb, und so bleibt für sie ausreichend Zeit, an den Köttbollarn, Kartoffeln und Salaten zu naschen. So wohl gerundet kann man aussehen! 

 

„Glücklich das Kind, das einst von diesen Brüsten genährt werden wird!“, sage ich.