Unser Sabbatjahr begann 2018 in Dänemark.
Dann fuhren wir nach Schweden.
Weitere Berichte werden folgen.
 
 
Undina arctica am Helge Å
 
 
 
 
 
 
 
 
"Volver" heisst einer der berühmtesten Tangos. "Volver" bedeutet "Zurückkehren". Doch vor der Rückkehr nach Lunden/Småland suchen wir in unserem Lübecker Hotel Stärkung für die Fahrt durch Schnee und Eis. Wir öffnen das Fenster und legen uns früh zu Bett, während gegenüber in dieser Halle Max Raabe vor ausverkauftem Haus singt. Zum Glück gab es keine Karten mehr, denn Undine steht auf Max. Um vier Uhr steht Tobit schwanzwedelnd mit seinem Kuscheltier in der Schnauze vor meinem Bett. Undine meinte, er müsse mal Pippilangstrumpf machen. Ich gehe also in die dunkle Nacht. Tobit stürmt auf diese Eisenplatten zu. Im Hintergrund ist Maxens Tourneebus zu sehen.
 
  
 
 
Eine Stimme erschallt:
 "Ist das ein Rüde?"
"Ja!", rufe ich.
Eine vermummte Gestalt tritt mit zwei Hunden aus dem Stahlplatten. Offenbar ein Kunstwerk.
"Sind Sie Max Raabe?", frage ich.
Der Mann sagt zu seiner Hündin: "Komm' Ellie!"
 
 
 
 
Ich erzähle Undine von der Begegnung. Max Raabe liebt Hunde! Sie hat es schon immer gewusst. Ich bin müde und total genervt. Undine aber will wissen, ob Max Raabe auch einen Golden Retriever habe.
 
Kaum wieder im Bett, johlen draußen Besoffene den Raabe-Hit:
"Mein Hund beißt jede hübsche Frau ins Bein..."
 
Nun gut, in der Ruhe liegt die Kraft, und ab 6.30 Uhr gibt es Frühstück. Max Raabe schläft jetzt gewiss in seiner Präsidentensuite. Undine duscht auf dem Zimmer, und ich gehe ins Schwimmbad und vollziehe hier das Reinigungswerk in einer Dusche.
 
 
 
 
Die Marienkirche um 8.00 Uhr. Ich gebe "Helsingør" ins Navy ein. Nach 20 Minuten Fahrt merke ich, dass wir in Richtung Flensburg durch ein dichtes Nebelfeld geleitet werden, dabei liegt Puttgarden gleich um die Ecke.
 
"Warum lassen sich moderne selbstbewusste und aufgeklärte Menschen von dieser Computertechnik aus Nord-Korea entmündigen?", fragt Undine.
 
Sie holt die alten Karten wieder hervor. Straßenschilder können wir noch immer selbständig lesen.
 
Fährhafen Puttgarden. Undine kontrolliert die Fährkarten. Unser Elch Hugolino beobachtet derweil das Servicepersonal und staunt über einen jungen Mann, der sich für seine Heimat engagiert.
 
 
 
 
 
Dieser Mann liebt seine Heimat, so heisst es auf dem Plakat am Fährhafen Puttgarden. Er weiß, dass auf dem Grund der Ostsee zwischen Puttgarden und Rødby seltene Algen wachsen. Die würden unter dem Bau des Fehmarnbelttunnels (17,6 km). Wir engagieren uns für die alten skandinavischen Fähren und fordern deren Anerkennung als Weltkulturerbe. Denn auf den Fähren ist immer etwas los.
 
 
Auf der Fähre  trifft der Reisende auch die unter strengem Artenschutz stehende Undinenart Undina arctica. Sie zeigt ihre rassetypischen (Darf man das sagen, ohne als rechts zu gelten?) Merkmale, dazu ein sehr freundliches Gesicht, mit dem sie Seemänner ins Wasser lockt.
 
 
 
Weil Undina arctica unter Naturschutz steht, darf sie auf der Vogelfluglinie ungehindert ihrem magischen Künsten nachgehen und Seemänner in den blanken Hans ziehen. Deshalb gibt es Warntafeln auf dem Schiff.
 
Mitglieder der Gruppe "Save the Mermaids" haben sich gegen diese Sicherheitshinweise gewehrt. Undinen dürfen in der Ausübung ihres Handwerks nicht behindert werden, heisst es. Sie besitzen sehr alte Rechte wie etwadie Eskimos/Inuit oder Indianer.
 
 
 
Kurz vor Kopenhagen versuchen wir noch einmal die Eingabe "Helsingør" und merken rechtzeitig, dass wir zur neuen Brücke nach Malmö geleitet werden. Hat der nordkoreanische Diktator einen Vertrag mit der Brückengesellschaft, dass sein Navy uns diesen Weg weist?
 
Wir erreichen die zweite Fähre: Hesingør-Helsingborg.
 
Die See war so still, wie wir sie noch nie erlebt hatten. Das versprach eine friedliche Ankunft in Schweden. Seit Frau Merkel den Deutschen eine Willkommenskultur für Menschen mit Fluchterfahrung verordnet hat, kontrollieren Dänen und Schweden wieder ihre Grenzen. Ich gebe der Grenzerin in Helsingborg unsere Dokumente. Tobits Ausweis reicht sie an ihren Kollegen weiter. Der zieht eine Plastik-Kanüle. Will er Tobit Blut abnehmen, um zu testen, ob er frei von Tollwut ist? Nein, ich muss mich einem Alkoholtest unterziehen! Warum? Sehe ich nach dieser Nacht so fertig aus?
 
"Vision Zero" lautet das Motto der schwedischen Polizei: Kampf den Verkehrstoten. Bei 0,2 Promille liegt die Grenze des Erlaubten. Bei Überschreitung wird der Führerschein für ein Jahr entzogen. Bei 1,0 Promille geht es ab ins Gefängnis. Und bei uns? Ich meine die Grenze liegt bei 1,5 Promille. Undine weiß es auch nicht. 
 
 
Schweden liegt im Schnee. Noch 1,5 Stunden Autobahn (E 4), dann bei Hamneda abbiegen, Lax kaufen und weiter in unser Ferienhaus. Da fließt er wie Old Man River: Unser Fluss, der Helge! Noch einmal um die Ecke, und wir sind angekommen!
 
 
Doch wo ist unser Elch Hugolino der Große? Der Fluss ist über die Ufer getreten und hat die Elchpfade für mich unpassierbar gemacht. Elche und Undinen können dagegen auch im Eiswasser schwimmen.
 
 
 
 
Überschwemmung. Die Rückverwandlung Smålands in eine polare Zone: Das mag Undina arctica. Ich mag nur bipolare Zonen: Schnee und ein warmes Haus mit Kaminofen.
 
 
 
Auch Tobit liebt den Schnee und spielt "tollwütiger Hund". Vielleicht hätte der Grenzer doch besser ihn testen sollen?
 
 
 
Ich bin nach der Fahrt über Eis- und Schneepisten der Ruhe bedürftig. Also: Ab ins Haus. Den Code zum Öffnen der Haustür kennen wir. Aber er funktioniert nicht. 
 
 
Was tun? Der Hausbesitzer ist Däne. Er hat seinen Job gekündigt und sich mit seiner Frau nach Sri Lanka zurückgezogen. "Happy lifestyle" nennt er dieses Leben. Wir besitzen seine mobilephone Nummer, aber kein Handy. Also: Undine arctica ins Auto, Tobit in seine Reisekiste und ab nach Älmhult ins IKEA Hotel. Auf dem Weg passieren wie die Kirche von Pjätteryd. Sie ist vor einiger Zeit renoviert und rosafarben angestrichen worden. Ein gutes Zeichen.
 
Es ist 16.00 Uhr. In der Kirche brennt Licht. Wir halten an und treffen auf die junge Frau des Priesters. Ihre Kinder hat sie mit mobilephones versorgt.  Der Gottesdienst beginnt gleich: Die Organistin sitzt vor ihrem Instrument, der Tontechniker vor seinen Steuerungsinstrumenten, die zwei Besucherinnen haben vor dem Altar Platz genommen. Für 800 Menschen wäre Platz, und die Kirche ist mollig warm. Der Sohn der Pastorengattin muss sein Spiel unterbrechen, denn wir wollen mit dem Vermieter Kontakt aufnehmen. Die Verbindung Pjätteryd-Sri Lanka steht. Peter sagt, er rufe wieder an. Er werde eine Lösung finden. So haben wir Zeit, den Gottesdienst zu verfolgen und einige Stossgebete zu stottern. Peter ruft wieder an. Er habe noch keine Lösung. Ja, die Hl. Theresa von Avila hat recht: Die Geduld erreicht alles. Aber meine Geduld hat ein Ende, spüre ich im Herzen. Doch vielleicht will Gott ein Opfer? Vielleicht ist jetzt die Stunde des Fegefeuers? Vielleicht ereilt mich jetzt das Sturmtief Friederike? Ein Anruf. Peter kündigt Hilfe an. Ein Freund wird kommen und versuchen die Tür zu öffnen. Also: Dank - Dank - Umarmung - Amen - und wieder nach Lunden!
 
 
 
 
 
 
Der Freund ist schon da und hat die Tür geöffnet. Wir atmen durch und betreten das eiskalte Haus. Was war? In dem Schloss steckt eine Batterie. Sie war leer. Seit Anfang Januar hat sich Småland mit Schnee und Dauerfrost auf die Ankunft von Undine arctica vorbereitet. In der Tür steckte wohl eine alte Batterie.
 
Meine Batterie ist auch leer, denke ich. Das ist Quatsch, sagt Undina arctica, Du hast keine Batterie, sondern einen Akku, und den wollen wir jetzt aufladen. Bald wird es warm. Der Ofen bullert, und die Elektroheizkörper glühen. Jetzt könnten wir Tango tanzen.  Ich singe einige Verse aus "Volver" - "Zurückkehren":
 

"Zurückkehren, mit welker Stirn.

Der Schnee der Zeit hat meine Schläfen versilbert. 

Fühlen, dass das Leben ein Hauch ist, dass zwanzig Jahre nichts sind."

 

Undina arctica meint, um dieses Lied zu singen, sei ich noch zu jung. Aber wie wäre es mit Mäxchen Raabe und seinem Hund, der so lustig mit dem Schwanz wendeln kann?