Meine wunderbare Reise durch Schweden

 

„Wir fliegen und wir singen:

Schweden, du herrliches Land!“ 

Hans Christian Andersen. In Schweden

 

 

 

Anna aus Gävle:

Geh’ mit mir!

 

 

Es gibt Nordland-Reisende und Südland-Reisende. Woher kommt die Neigung zu bestimmten Landschaften? Vielleicht durch eine sehr frühe Begegnung mit einem Mädchen aus Schweden. Sie hieß Anna, war sehr schlank und recht groß, sodass ich mich beim Küssen auf die Zehenspitzen stellen musste. Anna schmeckte nach Kamille, Pfefferminze und Salbei. Merkwürdiger Weise erinnerte mich ihr  Geruch an unser Badezimmer. Annas Haare waren hellblond, beinahe weiß, doch kurz geschnitten. Wenn sie Zöpfe getragen hätte und kleiner als ich gewesen wäre, hätte ich mich in sie verliebt.

 

Anna stammte aus Gävle, einer Stadt nördlich von Stockholm. Warum ihre Eltern den weiten Weg ins Zillertal gefahren waren und nicht in Schweden dem Wintersport nachgingen, ist mir noch heute rätselhaft. 2000 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt, traf ich Anna in einer Diskothek von Mayrhofen. Natürlich war mir der Besuch nicht erlaubt. Ich war fünfzehn oder sechzehn. In diesen wunderbaren Jahren scheute ich außerhalb der Schule keinen Einsatz. In der Pension Fleidl teilte ich mir ein Zimmer mit Bruder Volker. Wenn die Stunde des Aufbruchs gekommen war, schloß ich die Zimmertür von Innen ab, kletterte aus dem Fenster und rutschte über das Fallrohr der Dachrinne nach unten zu Anna. 

 

Die Flucht über das Fallrohr war notwendig, denn niemand konnte die Pension verlassen, ohne unbeobachtet an der guten Stube von Rosi und Johann Fleidl vorbeizukommen. Hier saßen in abendlicher Runde auch die Stammgäste der Familie, zu denen die Großeltern gehörten. Sie hatten die silberne Ehrennadel mit dem Steinbock für 25 Aufenthalte in Mayrhofen erhalten. Opa Franz trug sie gut sichtbar an seiner Jacke wie früher das Parteiabzeichen und später die Nadel der Gewerkschaft deutscher Eisenbahner.

 

Spät in der Nacht führte mich Anna auf ihr Zimmer. „Geh’ mit mir!“, hatte sie gesagt.  Annas Zimmer hatte ein eigenes Waschbecken. Auf der Ablage neben der Zahnbürste stand eine kleine Flasche Vademecum Munvatten, wie es der Vater benutzte. Das schwedische Mundwasser des Arztes Elias Nordström hatte 1892 auf der Pariser Hygiene-Ausstellung eine erste Goldmedaille gewonnen. Ihr folgten viele weitere Auszeichnungen. Sie waren auf der Verpackung neben der Krone des Königlichen Hoflieferanten abgebildet. 

 

Vademecum Mundwasser galt als eine Art Wundermittel. Es wehrte Plack und Karies ab und schenkte den frischen Atem schwedischer Wälder und Seen. Die Mutter wusste auch, dass „Vademecum“ aus dem Lateinischen kam. Sie begleitete damals meinen Lateinunterricht, lernte mit und übertraf meine Leistungen mühelos. „Vademecum“, sagte sie, bedeute „Geh’ mit mir!“ 

 

Das hatte ich getan und war Anna gefolgt. Hinter einer Verbindungstür lag das Schlafzimmer ihrer Eltern, was Anna in keiner Weise zu stören schien. Sie zog mich auf ihr Lager. Das alte Bauernbett knarrte bei jeder kleinen Bewegung. Während des Küssens versuchte ich daher die Tür ins Elternschlafzimmer im Blick zu behalten. Ich machte mir unnütze Gedanken über schwedische Väter. Anna wird gewusst haben, was sie tat. Ich aber fühlte mich wie in einer Falle. So gingen wir auf die Straße, küssten uns weiter und merkten nicht, dass Annas Vater plötzlich hinter seiner Tochter stand. Er bat sie, auf ihr Zimmer zu gehen. Mich lud er nicht zum Mitkommen ein. Vielleicht sah es der Vater als selbstverständlich an, dass ich mit auf Annas Zimmer käme und ich hatte mir unnötige Sorgen gemacht.

 

Meine Vorstellung von einer schwedischen Familie war durch die Trollbilder des Malers und Botanikers Rolf Lidberg geprägt. Der bucklige Künstler mit langen Haaren und Rauschebart malte Szenen aus dem Familienleben der Trolle, in denen es entspannt zuging. Reproduktionen seiner Trollbilder hingen damals in vielen deutschen Jugendzimmern. Der schwedische Troll und seine Familie war eine Alternative für unser deutsches Familienleben. Ich hatte ein Bild kopiert und auf Presspappe gemalt. Es zeigte einen Troll, der mit einem Mädchen eine Blume betrachtete. Bei Anna und mir waren die Größenverhältnisse umgekehrt. Aber ihre Unbesorgtheit, ihre Entspanntheit und Gelassenheit zeigten einen schwedischen Lebensstil, der mich in den Bann schlug. Annas Haltung war trollmäßig. 

 

Aus Gävle erhielt ich Briefe in den schwedischen Landesfarben: Die Umschläge waren gelb und mit blauen Briefmarken zu 65 Öre frankiert. Das Motiv zeigte einen fliegenden Schwan, auf dessen Rücken ein kleiner Junge saß, der Wichtel Nils Holgersson.

 

 

 

Schweden lag im Norden. Der Schwan und der kleine Wichtel flogen westwärts. Vielleicht gab es dafür einen Grund. Vielleicht auch nicht. Schweden war voller Geheimnisse.

 

 

Trotz der schönen Marken schlief der Briefwechsel mit Anna bald ein. Ich vergass Anna. Jahrzehnte später zog mein jüngstes Kind mit einer schwedischen Freundin in die Nähe von Gävle. Da war Anna wieder gegenwärtig. Was mochte aus ihr geworden sein? Ich würde es nie erfahren. Sie blieb immer das fünfzehnjährige Mädchen aus Schweden, das sie einst gewesen war.  

 

 

„Unverhofftes Wiedersehen“ heisst eine berühmte Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel, die wir in der achten Klasse gelesen hatten. Hebel berichtete vom Schicksal eines jungen Bergmannes, der in den Kupfergruben von Falun den Tod fand. Seine junge Frau hielt ihm 50 Jahre lang die Treue. In der Tiefe des Bergwerkes wurde der Leichnam des Bräutigams ein halbes Jahrhundert lang konserviert und dann unversehrt gefunden. Die alt gewordene Braut schaute in das Antlitz ihres jugendlichen Bräutigams. 

 

In Gävle besuchte ich meinen Sohn. An nächsten Tag wollten wir etwas besichtigen. Der Hof von Carl Larsson lag in der Nähe und die berühmten Erzgruben von Falun. Carl Larsson ist der Maler vom glücklichen Familienleben in Schweden. Sein Haus ist heute ein Museum. Ich wählte eine Grubentour. Das war ein großer Fehler. Kaum waren wir in die Tiefe gestiegen, musste mich die Führerin wieder nach Oben begleiten.

 

Hans Christian Andersen ging es ähnlich, als er auf seiner zweiten Schwedenreise die Bergwerke von Falun besuchte. In seinem Reisebericht „I Sverrig“ (1851) schreibt er:

 

„Über Gefle und Dannemora, dessen schwindelerregende Gruben ich von oben sah, kehrte ich nach Uppsala zurück. Ich habe früher den Rammelsberg im Harz, die Baumannshöhle, das Salzbergwerk von Hallein, die Katakomben in Rom und auf Malta besucht, es war nirgends ein Vergnügen, sondern unheimlich, erdrückend wie ein Alptraum - ich gehe nicht gern unter die Erde, es sei denn, wenn man meinen toten Körper dort versenkt.“

  

 

 

 

 

 

Wasserzauber

 

Mein Urfreund Rüdiger kannte auch eine Schwedin und einen Campingplatz in Småland. Rüdigers Vater war passionierter Angler, Camper und Motorbootfahrer. Mit ihm fuhr Rüdiger manchen Sommer auf den Campingplatz Toftaholm, wenige Kilometer südlich von Värnamo. Hier verbrachten sie die gesamten Sommerferien. Wie schön musste Toftaholm sein, dass der Freund dafür den Preis der räumlichen Trennung fünf Wochen lang in Kauf nahm! Meine Familie fuhr zwei Wochen an die See. Erst ging es nach Borkum, später nach Dänemark. Von unserem Ferienhaus in Lønstrup  fuhren wir einmal nach Frederikshavn und von dort mit der Fähre weiter nach Göteborg. Ein Tagesausflug schenkte mir die erste Berührung mit Annas Heimat.

 

Toftaholm war ein Kraftort. Kraftorte heißen Kraftorte, weil sie den Besuchern Kraft spenden. Rüdiger kam nicht nur braun gebrannt aus dem Sommerurlaub zurück. Er hatte an Muskelkraft gewonnen, wie ich beim Armdrücken leider merken musste. Kraftorte kräftigen auch den Geist und die Seele. Diese kräftigende Kraft spürte ich aus der Ferne. Nach Schweden durfte reisen, wer will. Seit der Einweihung der  Vogelfluglinie im Jahr 1963 durch Bundespräsident Lübke verging die Fahrt tatsächlich wie im Flug, wenn man das Durchhaltevermögen von Rüdigers Vater hatte.

 

Münsteraner wissen, warum der Name "Toftaholm" einen guten Klang für westfälische Ohren besitzt. "Tofte", sagen wir, wenn etwas richtig "jovel" ist, also mehr als „toll". Toftaholm kannte ich nur aus Rüdigers Erzählungen. Hier wurden die im deutschen Alltag streng eingehalten Essens- und Schlafenszeiten an den langen Sommerabenden aufgehoben. Wenn die Sonne am Himmel stand, die Eltern den gegrillten Fisch genossen hatten und nun mit Nachbarn in fröhlicher Runde im Vorzelt einen zwitscherten, scherte sich kein Erwachsener, welche jugendlichen Kräfte sich draußen an den Ruderbooten entwickelten. Im vergangenen Jahr kam Rüdiger noch mit Berichten von gefangenen Fischen aus den Ferien zurück. Nun hießen die Fische nicht mehr Hecht und Lachs, sondern Britta und Lina. 

 

Das war also mein Bild von Toftaholm, bevor ich es im Alter von 16 Jahren zum ersten Mal mit eigenen Augen sah. Heute wollte ich Toftaholm noch einmal sehen. Denn hier liegt der Anfang von vielem, was später kam und wieder ging wie die Wellen am Ufer des Sees.

 

Wenn Großes bevorsteht, kündigt sich gelegentlich noch Größeres an: Ein Wasserrauschen in der Nacht weckte mich. Es gluckerte zwischen Waschmaschine und Wasserboiler. Keine Ahnung, was die Ursache war. Ich drückte den Notschalter, stoppte den Wasserfluss - die Hauptsicherung flog raus - und wir standen im Dunkeln.

 

Einen Moment der Dunkelheit hatten wir bereits in der ersten Woche erlebt. Aus der Mediathek des Hauses hatte ich "Die besten Filme von Mr. Bean" gewählt. Eine schöne Erinnerung an die Kindheit meiner Kinder. Doch mitten im Film fiel plötzlich der Strom aus. Dergleichen kommt in Schweden vor, wenn etwa eine Tanne unter der Eislast zusammenbricht und auf die Stromleitung stürzt. Aber Schnee lag noch in weiter Ferne. Vielleicht hatte der längst erwartete Elch sein Geweih am Strommast gefegt? Sehr unwahrscheinlich.

 

Der Ursachen gibt es viele. Merkwürdig war der Augenblick des Stromausfalls. Wir sahen eine Szene aus Mister Beans Zimmer. Um Strom zu beziehen, musste er ein Geldstück in einen Stromzähler werfen. War der bezahlte Strom verbraucht, stand der Fernseher still. Genau das passierte, als bei uns im Haus der Strom ausfiel. Er kam ohne unsere Hilfe zurück.

 

Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll. Vielleicht war eine Nixe am Werk? Wasserfrauen haben wir in unseren kleinen Hausseen bislang nicht gesehen. Zwischen Ureinwohnern und Siedlern hat es zu allen Zeiten Konflikte gegeben. So erzählte mir mein afghanischer Freund Shir Mohammad von einem Dschinn, der seiner Mutter das Leben schwer machte. Sie hatte sich in Jalalabad ein Haus gebaut und einen Brunnen bohren lassen. Doch immer wieder versiegte das Wasser. Ein Dschinn-Mullah konnte die Ursache herausfinden. Seit Urzeiten lebte auf dem Gelände ein Geist, der seine Lebensqualität durch die neuen Siedler beeinträchtigt sah und deshalb mit einem Wasserzauber den Brunnen versiegen ließ. Dem Dschinn-Mullah gelang eine friedliche Beilegung des Konfliktes. Über seine Methoden durfte Shir Mohammad nichts erzählen. Vielleicht lag bei uns ein ähnlicher Fall von Widerstand gegen die Aneignung fremden Boden vor, vielleicht sogar ein nationaler Konflikt, da unser Vermieter ein Däne war? Dergleichen Fragen lassen sich auf die Schnelle und vor allen Dingen nicht im Dunkeln klären.

 

Zum Glück hatten wir eine Taschenlampe, und irgendwann hielt die Sicherung und das Wasser schwoll nicht mehr.  Wir gingen wieder zu Bett.

 

Dass es unsichtbare Kräfte und geheimnisvolle Mächte gibt, bedarf im Land des schwedischen Geistersehers Emanuel Swedenborg keiner Diskussion. Aber wer konnte einen möglichen Nixenzauber aufklären? Wir glauben so viel über Natur und Umwelt zu wissen und können doch die einfachsten Fragen nicht lösen! Durch mein Studium der Psychoanalyse wusste ich, dass sich innere Spannungen durch okkulte Erscheinungen lösen können. Schließlich unternahm ich eine Reise in die Vergangenheit! Carl Gustav Jung berichtet von dergleichen sichtbar gewordenen Spannungszuständen in seinem Elternhaus. Ernst Jünger setzte einst dem Spuk eines Poltergeistes in seinem Haus mit Revolverschüssen ein Ende. Unser Vermieter, per mail verständigt, war weder Nixenexperte noch Analytiker, aber er  kündigte den Besuch eines Elektrikers an: Ygnve besitze die Codierung zum Öffnen unserer Haustür und werde morgen oder übermorgen kommen. 

 

 

 

Campingplatz Toftaholm

 

Über die alte Reichsstraße 1 fahren wir nach Toftaholm. Plötzlich tauchen am Straßenrand zwei kunterbunt gekleidete Gestalten auf und winken mit den Armen. Ich halte an, wende den Wagen und fahre zurück. Die beiden Tramper steigen ein. Mutige Nordlandfahrer, die ohne Auto für einige Wochen in den Wäldern leben. Sie hat sich aufgebrezelt und Signalrot auf die Lippen gezogen. Die Haare sind frisch gewaschen und noch nicht vollständig getrocknet. Er trägt Halbglatze mit langem grauen Haarkranz. 

 

Der Bus nach Ljungby kam an diesem Tag fünf Minuten früher. In der Stadt gebe es ein Museum, das eigens für einen Künstler errichtet worden sei. Unbedingt sehenswert! Die Fahrt lässt Zeit für Plaudereien, auch über Privates. Sybilla ist Sozialpädagogin, Hans-Eberward pensionierter Pastor. Die letzten zwanzig Jahre war er Seelsorger in einem Altenheim. In Ljungby abgekommen, biete ich einen Austausch der Mails an. Fehlanzeige: Kein Internet, kein Handy, keine Scheckkarte - man kann in den schwedischen Wäldern auch noch ganz natürlich leben. Vielleicht sehen wir uns mal in Hannover, sagt der Pastor. „Aber wo?“, frage ich mich im Stillen.

  

Der Campingplatz in Toftaholm ist schon geschlossen, die Wohnwagen sind verhüllt, die Boote an Land gezogen. 

 

„Warum liegen sie nicht mit den Kielen nach oben, sodass kein Wasser hineinkommt?“, fragt Undine. 

 

Warum? Warum? Ich habe keine Ahnung, und es ist mir an diesem Tag auch wirklich egal, warum die Camper ihre Boote nicht vor dem Wetter schützen. Undine meint, ich sei gereizt. Ob ich mir noch Gedanken über den Nixenzauber mache? Sie hat einen Tanzplatz entdeckt. Er ist mit dicker blauer Folie vor dem Wetter geschützt. Es ist die gleiche Folie, mit der ein nahe stehender Wohnwagen verhüllt ist. Undine bewegt sich auf dem Tanzboden und vollführt eine Übung aus dem letzten Frauentechnik-Seminar für Tangueras. Ich folge nicht ihrer Einladung zu einem gemeinsamen Tanz. 

 

„Jetzt entspanne dich mal!“, sagt Undine. „Herbsttango am See. Die Blätter fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten.“ 

 

Ich weiß, dass sie ein berühmtes Gedicht zitiert. Aber ich denke nur an ein kleines rotes Holzhäuschen, in dem ich vor bald einem halben Jahrhundert übernachtet habe. Plötzlich steht die Hütte vor mir. Frisch renoviert. Ich setze mich auf die kleine Stufe unter dem Vordach. 

 

Die Schwedenfahrten begannen in jener merkwürdigen Mischung aus Mut und Übermut, mit der einst Parzival in die Welt zog. Es kam die Zeit, da ich ohne Eltern und Geschwister reisen wollte. Wer über etwas Geld verfügte, kaufte sich einen Interrail-Pass und fuhr bis Marokko. Interrail kam für mich nicht infrage, weil wir als Angehörige eines Eisenbahners in Deutschland umsonst mit der Bahn fuhren. Im Ausland hatten wir eine Fahrt frei und bekamen weitere Reisen für sehr wenig Geld.

 

Der Vater bewunderte meine Reiselust in den Norden und sprach dies auch offen aus. Vielleicht wäre auch er gerne in den skandinavischen Weiten gewandert. Aber mit vier Kindern im Schlepptau? Wir hatten Familienferien in Jütland gebucht. Die zwei Wochen in Lønstrup verbrachte ich mit Büffeln für die Nachprüfung im Fach „Mathematik“. Dann durfte ich mit dem Auslandsfreifahrtschein der DB nach Kopenhagen fahren, um hier zwei Kumpel aus Münster zu treffen. Gemeinsam besuchten wir den dänischen Freund Jens Berg und übernachteten in seinem Elternhaus. Er hatte sturmfreie Bude. Das traf sich gut. Unsere Reisekasse war halb leer, und Jens Eltern besaßen eine gut gefüllte Tiefkühltruhe. Die gerechte Verteilung des Besitzes war eines unserer Hauptanliegen. 

 

Jens Berg kannte ich aus Lønstrup. Lieber hätte ich Mette besucht, die einer Mode der Zeit folgend nur mit Bikinihöschen am Strand promenierte und ihre spitzen Mädchenbrüste zeigte. Die ungewohnte Freizügigkeit enthüllte viel, versprach aber gar nichts. Auch Mettes Mutter ließ wie alle Däninnen das Oberteil fallen. Dergleichen nixenhafte Freude an der Nacktheit findet der Badende an Dänemarks Stränden nicht mehr. Auch die Islandpullover über nackter Haut, mit denen sich die kleinen und großen Meerjungfrauen am Abend vor der Kälte schützend, sind aus der Mode gekommen.

 

Von Kopenhagen wollten wir nach Stockholm fahren. Dafür hatten die Freunde drei Wochen Zeit. Mir waren sieben Tage gewährt worden. Zuerst einmal mussten wir nach Schweden übersetzen. Für die Fähre hatten wir kein Geld. Trampen zu dritt - das ging vielleicht bei Mädchen. Wir hatten lange Haare und niemand trug einen Bart. Aber als trampende Mädchen kamen wir nur bei völliger Dunkelheit durch. 

 

 

Eine günstige Methode über das Wasser zu kommen, war die Fahrt mit dem Nachtexpress Kopenhagen-Stockholm. Er verließ die Hauptstadt aller Meerjungfrauen gegen 24.00 Uhr. Doch ohne Fahrkarte war nichts zu machen. Die preiswerteste Karte führte nach Alvesta, und die buchten wir, bestiegen den Zug, flätzen uns in ein schön gepolstertes Abteil, entführten die Wasserkaraffe, deren Inhalt im Gang vor der Toilette zur Erquickung der Fahrgäste bereit stand und erregten durch unser Treiben beim Schaffner bald ungewollte Aufmerksamkeit. Er kontrollierte unsere Fahrkarten. Unser Plan war so naiv, dass wir den Rauswurf in Alvesta um 2.00 Uhr in der Nacht nicht anders verdient hatten. Wir meinten, wenn wir uns schlafen stellten, werde uns der Schaffner bis Stockholm im Zug fahren lassen.

 

In Alvesta war es dunkel. Der Wartesaal geschlossen. Wohin gehen? Wir wanderten im Dunkel der Nacht an den Stadtrand und erwachten in einem Gemüsebeet. Um fünf Uhr wurde der Wartesaal geöffnet. Wir betraten ihn mit einem alten Trinker, der wie wir ein trockenes Plätzchen suchte. Er sprach kein Deutsch. Wir sprachen kein Schwedisch. Ich besaß noch eine grosse Tüte mit Keksen, die mir Oma Selma mit auf den Weg gegeben hatte. Die öffnete ich nun und schob den Keksbruch in meinen Mund. Dann kreiste die Tüte. Auch der  Trinker griff zu. Bei Jens Berg hatten wir von fremdem Eigentum genommen, nun teilten wir unseren letzten Besitz. Als einer der Freunde mein Zögern sah, ich ekelte mich nämlich vor dem Griff der schmutzigen Hand in meinen Keksbruch, sagte er: 

 

„Penner und Penäler: Der ist auch ein armes Schwein wie wir!“ 

 

Er musste es wissen. Denn Peter wurde von allen Schweins genannt. Denn Schweins wusch sich nie, weil er seinen natürlichen Geruch als angenehm empfand. 

 

An diesem Morgen im Wartesaal von Alvesta mussten wir uns entscheiden. Die Freunde beschlossen als Tramper den Weg nach Stockholm zu finden. Notfalls würden sie sich trennen, um leichter voran zu kommen.Was sollte ich tun? Ich dachte an Jens Berg in Kopenhagen. Doch seine Gastfreundschaft war ausgereizt. 

 

Alvesta: Ich hatte keine rechte Ahnung, wo ich eigentlich gelandet war. Im Wartesaal hing eine Karte. In Erdkunde war ich dank unseres Lehrers Flözotto immer gut gewesen. Deshalb vertraute er mir sogar das Amt des Kartenholers an. Ich studierte also die Karte und klärte meine Lage. Sie war gar nicht so hoffnungslos, wie es an diesem Morgen erscheinen mochte. Alvesta ist ein Verkehrsknotenpunkt in Småland! Irgendwo mussten hier Pippi Langstrumpf und die Kinder von Bullerbü wohnen. Plötzlich hatte ich Pippis Lied im Ohr und sollte es für den Rest des Tages nicht mehr loswerden: 

 

„Zwei mal drei macht vier, widewidewitt, und drei macht neune. Ich mach’ mir die Welt, widewide, wie sie mir gefällt.“

 

Es gibt im Leben Situationen, da verliert man den Durchblick. Dann ist es gut, wenn man seine Lage einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Der Ohrwurm brachte mich auf eine Idee. Ich fragte mich: Was hätte Pippi Langstrumpf in meiner Lage gemacht? Sie wäre nach Toftaholm geritten! Ich hatte weder ein Pferd noch einen blassen Schimmer, wo Toftaholm lag. Nur eines wusste ich sicher, dass dieser Ort so schön wie Bullerbü sein musste und dass es dort einen Freund gäbe. Denn Rüdiger hatte immer vom Campingplatz in Toftaholm geschwärmt. Ich war entflammt. Toftaholm war die Lösung meiner Probleme. In Toftaholm würde ich Rüdiger treffen. 

 

 

Es gibt Gewissheiten, die sind wider alle Vernunft. Ein vernünftiger Mensch  wäre jetzt in die nächste Telefonzelle gegangen und hätte bei Rüdigers Eltern in Münster angerufen. Aber ich kannte die Telefonummer nicht, hatte sie nie gebraucht, denn wir waren Nachbarn. Gewiss, auch in Schweden gibt es eine Telefonauskunft. Aber Rüdiger musste in Toftaholm sein, weil ich es mir wünschte. Eine Landkarte besaß ich nicht, und der Fahrer eines Volvo P 445 Duett brauchte sie nicht. Er war offensichtlich Bauer. Denn auf dem Dachgepäckträger transportierte er einen Käfig mit Hühnern. Die Verständigung klappte auf Anhieb, obwohl wir keine gemeinsame Sprache sprachen.

 

„Toftaholm?“, fragte ich.

 

„Ja visst!“, sagte er, schlug einmal mit der flachen Hand auf den Beifahrersitz und befreite ihn vom Staub. Ich durfte Platz nehmen. Die Gänse auf der Rückbank schnatterten in ihren Käfigen. Ich zeigte mit dem Finger auf meine Brust und nannten meinen Namen. 

 

Er antwortete: „Ja visst!“

 

Aus dem Autoradio erklang Musik in einer sehr fremden Sprache. Die Worte waren reine Unverständlichkeit. Das konnte kein Schwedisch sein. Auch Schwedisch war ein fremder Klangteppich, aber zuweilen glaubte ich doch ein Wort zu verstehen. „Ja  visst!“ zum Beispiel musste „Gewiss!“, „Na klar!“ oder „Logo!“ bedeuten. Zwischen den Liedern führte der Ansager eine kleine Plauderei, und bevor er ein neues Lied spielte, sagte er: „Yksi, yksi, nolla“.

 

„Svenska?“, fragte ich und wies mit dem Finger auf das Radio.

 

„Volvo. Ja visst!“, antwortete der Bauer.

 

„Yksi, yksi, nolla“, erwiderte ich.

 

„Det här är finska!“

 

Irgendwann hielt der gute Mann vor dem Lieferanteneingang des Landhotels Toftaholm Herrgård. Ich fragte nach dem Campingplatz. Er wies mir den Weg in Richtung Norden. Nach wenigen Kilometern erreichte ich das schwedische Paradies. Doch rasch stellte sich heraus, dass Rüdiger hier nicht zeltete. Ich traf eine junge Schwedin, mit der ich mich auf Englisch verständigen konnte. Rüdiger kannte sie gut. Annemaries Augen verrieten es mir. Rüdiger war gestern mit seinen Eltern abgereist. Annemarie zeigte mir das flach gedrückte Gras, auf dem Rüdigers Zelt gestanden hatte. 

 

Was tun? Wo konnte ich bleiben? Ich setzte meine Hoffnung auf Annemarie. Doch vor der Rezeption am Eingang des Campingplatzes wiegte sich ihr Freund ungeduldig in den Hüften. Ich schlenderte über den Platz in der Hoffnung auf ein Wunder. Vielleicht öffnete sich irgendwo der Reißverschluss eines Zeltes und jemand winkte mich armen Wanderer hinein? Höflich grüsste ich die Alten, die fröhlich an Campingtischen saßen und Fisch grillten. Vielleicht würde mich jemand zum Essen einladen? Ich war in Erwartung. Aber nichts geschah. Als ich zwei Jahre später erneut nach Schweden fuhr, hatte ich aus diesen Erfahrungen gelernt. Man muß dem Wunder auch die Hand reichen. Irgendwo ist immer Platz in einem Zelt und viele sind froh, wenn sie einen dankbaren Esser für die Grillreste gefunden haben. 

 

In Toftaholm mietete ich mir schließlich eine klitzekleine Holzhütte. Ausser zwei Pritschen mit Matratzen gab es kein Inventar. Ich holte meinen Schlafsack aus dem Rucksack und merkte bald, was ich immer geahnt hatte: In diesem Schlafsack würde ich frieren. Es war ein sogenannter Astronautenschlafsack, den mir Oma Selma bei Horten in der Sportabteilung gekauft hatte. Das Raumfahrtprogramm der Amerikaner hatte zwar irrsinnig viel Geld verschlungen, aber dem kleinen Mann viel Segen beschert, sagte der Verkäufer. Ohne Apollo und Gemini hätte es die Teflon-Pfanne nicht gegeben. Und dieser Schlafsack habe die gleiche Wirkung wie die moderne Bratpfanne. Hier werde jener Funken Energie gesammelt und verstärkt. Oma Selma war eine gelernte Schneiderin und befühlte das Material. Außen war es dünnes blaues Nylon, innen noch dünneres rotes Nylon und dazwischen lag eine Aluminum-Folie. 

 

Nun in der kalten Stuga von Toftaholm erfüllten sich meine Befürchtungen. Ich war vollständig angekleidet in den Astronautensack geschlüpft und bibberte. Hatte der Verkäufer nicht gesagt, man solle wegen der Energiegewinnung nackend oder nur mit Unterhose bekleidet in den Sack kriechen? Also entkleidete ich mich und fror noch mehr. Als draußen die ersten Vögel zu singen begangen und der Tag dämmerte, packte ich meine Sachen und verließ die Hütte. Am Ausgang des Campingplatzes stand ein Schild. Auf ihm waren zwei Worte mit Lötkolben ins Holz gebrannt:

 

 „Välkommen åter -  Kehrwieder!“ 

 

Per Anhalter erreichte ich Malmö und fand eine jener Unterkünfte, in der zwölf Doppelbetten auf zwanzig Quadratmetern Fläche so kunstvoll aufgestellt sind, dass wirklich vierundzwanzig Herumtreiber schlummern konnten.

 

 

 

Das Schild mit dem Abschiedsgruß hängt noch immer an alter Stelle. Alles ist noch so wie früher, als wäre die Zeit stehen geblieben. Doch wie einfach, wie genügsam erscheint mir heute dieser Ort. Wir gehen durch Pfützen, laufen über naßen Rasen. Auf den Steintischen und Stühlen wächst das Moos. Später war ich noch einmal mit Rüdiger hier. Undine schaut mich an, gespannt, wann ich endlich von unseren Abenteuern erzähle. Was habt ihr mit dem Boot unternommen? Wen habt ihr kennengelernt? Welche Fische hat Rüdiger geangelt? 

 

„Da gibt es keine Abenteuer zu erzählen“, sage ich. Das Abenteuer fand im Kopf statt. Und das Paradies musste irgendwo anders zu finden sein.

 

Durch die Schranke gehen wir zu unserem Ford Tourneo, dem Öko- und Sabbatomobil. Nachdem ich zehn Tasten mit Warnhinweisen weggedrückt habe, können wir nach Lunden fahren, nicht ohne unterwegs die verdiente Mahlzeit in der Fischräucherei Bolmen fisk einzunehmen.

 

"Ha du Lax?", waren meine ersten schwedischen Worte. Ich war von meinem Haus in Närlunda zum großen Vättern-See gefahren, um geräucherten Fisch einzukaufen. Der Fischhändler verstand mich und sagte: „Ja visst - logo!“  Und er schaute mich an, als wollte er sagen: „Willst Du mich etwa veräppeln?“

 

Ach ja, das rauschende Wasser in der Nacht. Die Ursache konnte nicht geklärt werden. Yngve, der Heizungsbauer kam, sah, dass alles funktionierte, drückte meine Hand und fuhr aus dem Wald zurück nach Älmhult.

 

 

 

 

 

Der Elch:

Ganz nah, aber auch ganz fern

 

 

 

Keine Stunde dauert die Fahrt von Lunden nach Alvesta. Hier endete meine erste schwedische Eisenbahnreise mit einem Rauswurf. Die zweite ging ich planmässiger an, kaufte mir eine Karte, einfache Fahrt, von Malmö über Alvesta nach Stockholm. Das war im Sommer 1973. Warum ich weiter in den Norden fahren und die Grenze zu Norwegen überschreiten wollte, kann ich Undine nicht erklären. Auf ihrer wunderbaren Reise mit Nils Holgersson ist sie inzwischen in Kiruna angekommen. Wir laufen bei unserem morgendlichen Spaziergang über verschneite Waldwege. Undine erzählt von den Samen.  

 

 

In Kiruna, sagt sie, werde Eisenerz abgebaut. Dort befänden sich die größten Lagerstätten der Welt. 

 

„Ja visst!“, antworte ich. 

 

Als ich in Kiruna Station machte, ging ich zur hellen Mitternachtsstunde von der Jugendherberge zu einer jener Stätten, wo Erz im Tagebergbau gefördert wird. Ein Bursche von 18 Jahren allein auf der wunderbaren Reise durch Schweden sollte eigentlich andere Interessen als die Besichtigung von Erzgruben haben, es sei denn, er will Bergbau studieren, meint Undine. 

 

„Damals wollte ich Lehrer werden oder Förster. Wie Schule funktioniert, wusste ich aus eigener Erfahrung sehr gut. Vom Amt des Försters hatte ich eine romantische Vorstellung, wie von vielem, das in meinem Kopf spukte.“

 

„Flötzotto!“, sagt Undine. „Es war bestimmt Dein alter Erdkundelehrer Flötzotto, der Dein Interesse an Kiruna weckte.“

 

Flötzotto hatte von den Kohlebergwerken in der UDSSR gesprochen. Jetzt fiel es mir wieder ein: Es war der Vater, der von Kiruna und Narvik erzählt hatte. Er war neun Jahre jung, als der Krieg ausbrach. Die in Kiruna geförderten Eisenerze waren für die Herstellung von Kriegsgerätschaften wichtig. Von Kiruna wurden sie mit der Eisenbahn nach Narvik transportiert und dort verschifft. Darüber wird in der Familie gesprochen worden sein, denn Opa Franz war als Lokomotivführer im Einsatz an der Westfront.

 

Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige“ sagt Undine, erschien 1906/1907 in zwei Bänden. Die Autorin habe sich vor Ort über den Bau der Erzbahn von Galliväre nach Kiruna informiert. Nun ließ ich mir am Abend die Beschreibung jener Stätten vorlesen, die ich als junger Bursche besucht hatte.

 

 

 

 

1974 fuhren endlos scheinende Züge über Abisko, Abiskojaure, Riksgrenze durch  die atemberaubende Landschaft. Dem Beispiel anderer Fahrgäste folgend, zog ich das Schiebefenster im Gang des Wagens hinunter und hielt meinen Kopf in die frische Luft. Das Bild dieser magischen Weite verband sich mit einer Melodie. Neben mir summte jemand ein Lied. Wir kamen in ein Gespräch. Der Mann sprach von Bo Hansson, einem schwedischen Musiker. Er habe Musik, inspiriert durch Tolkiens Roman vom „Herr der Ringe“ geschrieben. „Sagan Om Ringen“ hieß die Schallplatte. Soeben sei ein weiteres Album herausgekommen und aus ihm stamme die Melodie, die er beim Anblick der Fjälls gesummt habe. „Ur Trollkarlens Hatt“ hieß die Schallplatte. Ich erwarb sie nach der Reise und halte sie noch immer in meinem Archiv. 

 

Was Rüdiger und ich zwei Jahre später in Dalarna suchten, weiß ich nicht mehr. Heute hätte ich einen Grund: Das jährliche Tangofestival in Rättvik. Wahrscheinlich folgte Rüdiger einer Anzeige für Reisen nach Dalarna des Schwedischen Tourismusverbandes in der Mitgliederzeitschrift des ADAC. Vor allen Dingen wollte er endlich einmal über Toftaholm und das klassische Ziel aller Familienausflüge, die Gyllene Uttern am Vättern, hinaus kommen.

 

Der Sommer des Jahres 1975 war ohne einen Regentag. Ich hatte das Abitur bestanden und wartete auf den Beginn des Zivildienstes. Rüdiger diente seit einem Jahr bei der Bundeswehr und verbrachte seine freie Zeit mit der Lektüre von Hermann Hesses Büchern oder bastelte an seinem Bulli. Rüdiger besaß einen T 2 und zwei Tickets für eine Nachtfahrt mit der Vogelfluglinie. Er hatte sie für sich und seine Freundin erworben. Sie war verheiratet, wohnte mit ihrem Mann und zwei Katzen in einer Wolbecker Mansardenwohnung. Doch die Liebe zu Rüdiger war zunächst stärker. Die Freundin verließ ihren Mann und nahm sich in Münster eine eigene Wohnung. Ihr Mann rastete aus, fuhr betrunken von Wolbeck nach Münster und drohte die verschlossene Wohnungstür seiner Frau einzutreten. Es gelang ihr zu türmen. Aus einer Telephonzelle rief sie Rüdiger an. Rüdiger rettete sie, aber nicht aus der Ehe.

 

So fuhren Rüdiger und ich zuerst nach Kopenhagen. Wir standen vor den Auslagen der Tabaksgeschäfte und betrachteten die Pfeifen. Ich rauchte Mac Barens Tabak in dänischen Pfeifen und brachte es im Laufe der kommenden Jahre auf eine stattliche Sammlung. Auf dem Campingplatz von Toftaholm machten wir Station und fuhren die E4 weiter, nicht ohne den obligatorischen Stopp am Restaurant Gyllene Uttern gemacht zu haben. 

 

Nun öffneten sich die Weiten eines unbekannten Landes. Wir reisten ohne Karten und ohne Reiseführer. Im Rückblick sind für mich jene Orte interessant, die wir - wie das Kloster Vadstena am Vännern - links liegen gelassen haben. Jahrzehnte später, als ich ein Haus am Viken gekauft hatte, besuchte ich das Kloster der Heiligen Birgitta von Schweden (1303-1373) und erstand an diesem Ort mein Exemplar des Schwedischen Gesangbuches. Johannes Paul II. hatte im Jahr 1999 Birgitta von Schweden mit Katharina von Siena und Edith Stein zur Schutzpatronin Europas ernannt.

 

 

„Herre, visa mig vägen

och gör mig villig att vandra den.“

 

 

So lautet ein berühmtes Gebet der Heiligen. Vor ihrem Schrein stand auch Hans Christian Andersen. In seinem Reisebericht beschreibt er ausführlich die Geschichte des Klosters, den Besuch von Birgittas Zelle und die Andacht vor ihrem Schrein.

 

„Wir verneigen uns mit stillen, ernsten Gedanken vor dem Schrein, der die irdischen Überreste der heiligen Birgitta und ihrer Tochter, der heiligen Katharina, enthält; doch selbst ihre Erinnerungsglorie erlischt, denn es geht eine Sage im Volk, dass man die echten Gebeine während der Reformation in ein Kloster nach Polen brachte, man weiß nicht, in welches; Vadestena birgt nicht den Staub der heiligen Birgitta und ihrer Tochter.“

 

Dass die wunderbare Fluggemeinschaft um die Leitgans Akka von Kebnekajse in Dalarna Station gemacht hatte, wusste ich ebenfalls nicht. Und die Gyllene Uttern: Warum habe ich mir nicht die Suite 123 zeigen lassen, in der Greta Garbo wohnte, wenn sie am Vännern war? 

 

Zum Glück lässt sich manches Versäumnis nachholen. Greta Garbo hatte damals eine andere Fan-Gruppe als Rüdiger und mich. Heute befindet sich ein Bild der Garbo auf dem einhundert Kronenschein und deshalb haben Undine und ich sämtliche Garbo-Filme in den schwedischen Winter mitgenommen, aber nur zwei gesehen. Manches erschließt sich zu seiner Zeit. Anderes findet nie den Zugang zu uns. Ein Drittes wiederum wird Spiegel des selbst Erlebten. Gut, wenn man eine lesekundige Nixe zur Seite hat. Im Dalarna-Kapitel der wunderbaren Reise des Wichtels heisst es:

 

„Er hatte Leksand gesehen, Rättvik, Mora, Sollerön. Die Dörfer neben den Kirchen waren groß wie kleine Städte, und es hatte ihn überrascht, dass es hier oben im Norden so dicht besiedelt war. Die ganze Gegend war ihm viel heller und freundlicher erschienen, als er erwartet hatte. Er hatte nichts bemerkt, was unheimlich und erschreckend gewesen wäre.“ 

 

Dalarna ist das Bayern Schwedens. Hier ist man traditionsbewusst, pflegt alte Lieder und Gebräuche und lässt die Maistangen vom Fest der Mitternachtssonne noch im Hochsommer stehen, damit sich die zahlreichen Touristen an ihnen erfreuen können. Wir gehen in Spuren, ohne es zu wissen. Denn auch Hans Christian Andersen hat am Siljan-See Station gemacht. Selma Lagerlöf muss Andersens Reisebericht „In Schweden“ gekannt haben. Er beginnt märchenhaft: Der Dichter versteht die Sprache der Vögel und vernimmt den Lockruf eines Storches und die Anforderung: „Setz dich auf meinen Rücken, ich trage dich über den Sund.“ Wohin? In das ehemals dänische Schonen und weiter hinauf bis nach Dalarna:

 

„Hier ist es herrlich zur Mittsommerzeit. Die fernen Berge verdämmern in so reinem Blau, das Sonnenlicht strömt über die klare, blanke Wasserfläche, wo manchmal die Fee der Wüste, die Trollhexe des Mittelmeers, Fata Morgana, erscheint und ihr Luftschloß errichtet. Im Siljan-See, sagt der Dalarna-Bauer, schwimmt der Nöck als Flußpferd mit schilfgrüner Mähne. Sieh über das Wasser, dort nähern sich Boote mit Brautleuten und Gästen, mit Gesang und Spiel; sieh zu den nächsten Waldhängen hinauf, wo die rotgemalten Holzhäuser im Sonnenschein prangen, wo die Glocken der Ziegen läuten und voll und stark der Gesang ertönt, wie mit der Lure geblasen: ‚Huja! Huja!‘“

 

 

 

In Rättvik besuchten Rüdiger und ich eine jene Werkstätten, in denen die berühmten Dalapferde hergestellt werden und schauten einer hübschen Schwedin beim Anmalen eines Dalahäst zu. Wir fragten sie nach ihrem Namen. Sie sagte: „Flicka!“ „So heißen bei uns die Pferde“, lachte ich. Flicka hob ihren kleinen Hengst und antwortete: „Pojke!“ Mit unseren Schwedischkenntnissen stand es nicht zum Besten.

 

An Rohlingen übte ich mich in der Kunst des Schnitzens von Dalapferden und nahm einige von ihnen zur weiteren Verarbeitung mit. In Nusnäs erstand ich einen kleinen Melkschemel, sodass ich bei unseren Mahlzeiten nicht mehr auf der Erde sitzen musste. Meistens war es Knäckebrot mit Falukorv, jener Fleischwurst, deren Herstellung auf deutsche Bergarbeiter zurückging. „Knäckebrot“ bedeutet „knackendes Brot“, das hatte mir Anna erklärt. In dem Städtchen Leksand wird ein berühmtes Knäckebröd hergestellt - dreieckig in der Form oder als rundes Rad mit einem Loch in der Mitte. Die Fabrik besuchten wir nicht, tummelten uns dafür in strahlenweißen Marmorbrüchen. Dann ging die Fahrt mit dem T2 westwärts.

 

Ab Göteborg gingen Rüdiger und ich getrennte Wege. Keiner von uns kann sich mehr an einen Grund erinnern. Wahrscheinlich hatte ich ein großes Bedürfnis nach Alleinsein und einem ordentlichen Bett. Auf Campingplätzen herrscht immer eine Geräuschkulisse. Rüdiger nahm sie wahrscheinlich als freundliches Hintergrundrauschen wahr. Wenn die Mückenschwärme nachts um das Zelt summten, dann wusste er sich hinter den weißen Netzen des Innenzeltes sicher. Zelten war nicht mein Ding. Das Schlafen auf einer Luftmatratze ebenso wenig. Rüdiger fuhr an die norwegische Grenze, ich reiste nach Hause.

 

Ein halbes Jahr später träumte ich mich in die Berglandschaft Norwegens. Dann befestigte ich an einem kalten Februartag meine Ski auf dem VW Käfer und fuhr mit einem ehemaligen Klassenkameraden durch Dänemark in Richtung Hirtshals, wo wir die Fähre nach Norwegen nehmen wollten. Unterwegs ergriff mich ein Gefühl der Überforderung. Der hohe Mut des Aufbruchs war einer ganz anderen Stimmung gewichen. Wir kehrten um und fuhren nach Münster zurück.

 

Die Nordlandreise mit Gudrun sollte von Travemünde über das Baltische Meer nach Helsinki führen. Ein Brand in der Schiffsküche 

 

 

führte von Helsinki nach Kirkenes und weiter an die russische Grenze. Das war im Sommer 1976. Am Nordkap vorbei ging es über Tromsø nach Lappland. In Jokkmokk begegnete ich einem jungen Samen. Er wollte mir die Schaufel eines Achtenders verkaufen. Unter der Rückbank des VW Käfers hatte ein kleines Lager mit Whiskey und Zigaretten versteckt. Der Same wählte eine Stange Zigaretten.

 

Das Nordkap habe ich nicht besucht, obwohl es nur wenige Kilometer von der Reichsstraße entfernt liegt. Ich hatte das Interesse verloren. Nach Münster zurückgekehrt, entdeckte ich ein anderes Reiseland. Der Zivildienst war beendet. Das Studium begann. Ich betrat das Reich der Literatur und reiste über viele Jahre durch die unendlichen Weiten der geistigen Welt. Ich schrieb Geschichten und schickte Thomas Mann auf jene Reise nach Oslo und Norwegen, die ich irgendwo bei Åhus oder Aalborg abgebrochen hatte.

 

Die Elchschaufel aus Lappland lag über Jahre und Jahrzehnte in irgendeiner Ecke. Schweden haben zu Elchen keine sentimentale Beziehung. Der Elch ist ihnen vor allen Dingen ein Verkehrsproblem. Der beste Elch ist ihnen ein Elch in der Tiefkühltruhe.

 

 

 

Wie ich ein Haus in Schweden kaufte

 

Die Elchschaufel ist das Symbol Ostpreußens. Elche gehörten bei uns daheim zum entfernten Verwandtenkreis. Man konnte sie nicht besuchen. Sie lebten in der sogenannten russisch besetzen Zone. Nach Schweden konnte man reisen, in die Elchniederung nicht. Das änderte sich nach dem Fall der Mauer. Die Eltern fuhren mehrfach auf die Kurische Nehrung. Neringa heißt die große Nixe, die der Sage nach den Landstrich der Nehrung formte, und Neringa ist noch heute ein litauischer Vorname. Die Kurische Nehrung gehört seit dem Jahr 2000 zum Weltkulturerbe. Ernst Wiechert hat sie Anfang der Dreißiger Jahre erlebt und beschrieben:

 

„Und dies war nun allerdings eine fremde Erde, so fremd, dass es dergleichen in Deutschland und sogar in der Welt kaum gibt. Dieser rätselhafte Streifen weißen Sandes, zu Bergen getürmt, zum Teil von Menschenhand mühsam gebändigt, zum Teil noch immer auf einer unheimlichen Wanderung begriffen, Meer und Haff von einander scheidend, trägt auf eine ergreifende Weise die Züge der Ewigkeit und ist mehr als jede andere Form der Natur angetan, den Menschen an die Vergänglichkeit und Verlorenheit seines Lebens zu erinnern. Wenn irgendwo auf der Erde noch Einsamkeit ist, so ist sie hier, und es erfüllt das Herz mit einem unvergesslichen Schauer, auf dem Grat dieser weißen Gebirge zu sitzen und den Sand lautlos neben sich in den Abgrund rieseln zu sehen, der wie ein Abgrund der Zeit ist.“

 

(Jahre und Zeiten S. 373)

 

Der Großmelancholiker Wiechert hatte seine Heimat bereits nach dem Ersten Weltkrieg verlassen und arbeitete als Lehrer an einem Berliner Gymnasium. 1933 ließ er sich frühzeitig pensionieren. So entging er drohenden Konflikten mit der Schulbehörde und konnte sich seinen Büchern widmen. Er zog nach Bayern, wurde 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht und schrieb nach der Freilassung den Roman „Das einfache Leben“. Während des Krieges arbeitete er am ersten Band seiner berühmten Ostpreußen-Saga von den Jerominkindern. Das Manuskript vergrub er in seinem Garten wie auch den Bericht über seine Lagerhaft „Der Totenwald“. 1945 erschien der erste Band der Jerominkinder. Der zweite folgte 1946. In einem dritten Band hätte Wiechert Flucht, Vertreibung und Deportation in der Russenzeit thematisieren können. Er hat es nicht getan, „weil das, was dort geschehen ist, nicht geschrieben werden kann. Es kann nur beweint werden, und es gibt keine Sprache, die solcher Tränen mächtig wäre.“ (Jahre und Zeiten, S. 559)

 

Beweint wurde das Geschehene auch in Gudruns Familie. Sie waren als Spätaussiedler Anfang der Sechziger Jahre aus dem inzwischen polnischen Masuren über das Lager Friedland nach Hamm gekommen und wohnten nun in Münster. Gudrun war in polnischer Sprache aufgewachsen und weigerte sich nach der Übersiedlung Deutsch zu lernen. Sie verstummte für ein Jahr.

 

Mit Ernst Wiecherts Roman „Die Jerominkinder“ fuhren wir auf die Kurische Nehrung. Aber ich fühlte mich hier unwohl. Die alten Geschichten aus der Russenzeit lagen über der Landschaft. Das Grauen war in das Reich des Erhabenen eingebrochen. Zurückgekehrt von der Nehrung kam es bei einem Essen mit Dierk Rohwedder zu einem Gespräch über Grundstücke in Mecklenburg-Vorpommern. Dierk war ein hervorragender Koch, Journalist und ein Handwerker von Graden. In einem Dorf des Landkreises Hildesheim hatte er eine alte Scheune erworben und zu vier Eigentumswohnungen umgebaut. Ich hatte ihn durch seine Frau kennengelernt. Martina Prante leitete das Ressort Kultur der HAZ. Bei vielen schulischen und außerschulischen Aktivitäten hatte sie mich und die Schüler begleitet. 

 

Dierk wollte irgendwo an der Ostsee eine LPG erwerben, tat es dann wohl und verkaufte sich schwer. Ein Ferienhaus auf Rügen oder in Rerik wäre vielleicht ein Ersatz für den geplatzten ostpreußischen Traum, meinte er. Dierk hatte auch die Homepage eines Maklers entdeckt, der Ferienhäuser in Schweden verkaufte. Der Mann hieß Michael Vahl. Wie jener Erweckungsprediger, den Selma Lagerlöf in ihrem Auswandererroman „Jerusalem“ schildert, arbeitete auch Michael Vahl mit dem Gegensatz von Himmel und Hölle: Alles in Deutschland war mehr oder weniger schlecht. Alles in Schweden war mehr oder weniger heile Welt. Ich habe Michael Vahl nie persönlich kennengelernt. Die Art, in der er seine Ferienhäuser anpries, war übertrieben komisch und traf doch einen Nerv:

 

„Raus aus dem Wahnsinn Deutschland … Hinein in die Stille … Einfach ankommen und die Seele baumeln lassen … Endlich Platz und kein Gedrängel … Entschleunigung statt eines Lebens auf der Überholspur!“

 

Auch Hans Christian Andersen versuchte durch seine Schwedenreise dem Lärm der Zeit zu entfliehen. Dänemark und Deutschland führten Krieg. Eine neue Arbeit aus Andersens Feder stieß beim Kopenhagener Publikum auf Kritik. Die schwedische Reiseschriftstellerin Fredrika Bremer (1801-1865) empfahl ihrem melancholischen Freund zu Gesundung des Gemütes eine Schwedenreise und versah ihn mit Empfehlungsschreiben.

 

„Mein Gemüt war krank. Ich litt geistig und körperlich und bedurfte einer anderen Umgebung“, schreibt Andersen. Fredrika verabschiedet ihn mit dem Geschenk eines Silberbechers. „Eine Erinnerung an Fredrika Bremer“ ist dort eingraviert und ein Gelegenheitsgedicht beigefügt, in dem es heißt:

 

 

„Mit den Schwalben nach Norden Du reist,

Du Schwalbe der dänischen Lieder;

Wo Heim, Erde und Flüsse vereist,

Wärmst als Bote des Sommers Du wieder.

 

Und tausende Stimmen am schwedischen Strand

Werden willkommen Dich heißen.

Grüße auch Du das schwedische Land.

Den Freunden den Dank zu erweisen.“ 

 

 

Ich reiste ohne Becher und Begleitschreiben nach Schweden. Mein Leben war in jenen Jahren sehr intensiv geworden, vielfältig, reich an Erfahrungen und immer bewegt zwischen Lehrberuf, Familie und schriftstellerischer Berufung. Ich tanzte auf vielen Hochzeiten, hatte abenteuerliche Fahrten in die russische Arktis und nach Pakistan unternommen und mich auf die freie Stelle eines Schulleiters in Teheran beworben. In Peschawar hatte ich einen Jugendfreund besucht, der hier mit seinen drei Kindern lebte und arbeitete. Mir gefiel der starke familiäre Zusammenhalt, der sich bei einem Leben in der Fremde ergeben kann. 

 

Die Stelle in Teheran wurde einstweilen nicht wieder besetzt. Es hieß, der Leiter sei wegen einer verbotenen Liebe zu seiner eigenen Sicherheit nach Deutschland geschickt worden. Auch die Bewerbung um eine Schulleiterstelle in Prag hatte sich zerschlagen. 

 

Michael Vahls romantische Verklärung des gelobten Landes traf in mir eine ungestillte Sehnsucht. Dierk zeigte mir auf Vahls Webside eine gelbe Schwedenvilla am See Viken. Sie trug den Namen Rosenlund. Das Haus in Närlunda leuchtete unter dem blauen Himmel in prachtvoller Schneelandschaft, war komplett saniert und  bei seiner Qualität und einem großen Grundstück von 23,5 ha günstig zu erwerben. Ich telephonierte mit dem Makler. Er verwies mich auf seinen Mitarbeiter vor Ort. An einem Wochenende im Januar 2003 fuhr ich mit Gudrun nach Västergotland, besichtigte das Haus und kaufte es. 

 

Vier Jahre zuvor hatten wir Solschen verlassen und Haus Sonnenschein erworben. Kaum waren wir 1999 eingezogen und hatten die notwendigen Renovierungsarbeiten durchgeführt, verließ der älteste Sohn das Vaterhaus für immer. Er war 16 Jahre alt. Ich hatte Haus Sonnenschein von dem Psychologen Michael Kramer erworben. Er hatte hier nur zwei Jahre gewohnt. Dann ging seine Ehe auseinander. 

 

„Ein Haus Sonnenschein ist dieses Haus nicht!“, meinte altklug und doch treffend die kleine Julia Fleischhauer, die täglich mit dem alten Cockerspaniel Ben an dem Haus vorbei in den Wald ging.

 

Niemand sprach es aus, aber jeder fühlte es auf seine Weise: Hier würde kein Bleiben sein. Bald ging die Tochter nach Cork/Irland. Hier wollte sie die letzten beiden Jahre der Schule verbringen. Einmal wechselte die Gastfamilie, kam aber vom Regen in die Traufe.

 

Rosenlund war zuerst ein Haus für die vielen Ferien, die ich als Lehrer hatte. Der Vater war seit 2000 schwer an Krebs erkrankt. In den Osterferien des Jahres 2003 machten wir den Umzug. Die Elchschaufel, die Dalarpferdchen und der Melkschemel hatten mich auf allen Stationen des Lebens begleitet: Von den ersten Wohnungen in Münster nach Minden, von dort nach Osnabrück, Klein Solschen. und schließlich nach Bad Salzdetfurth. Jetzt führte ich sie nach Schweden zurück. Zu den ersten Ausstattungsgegenständen gehörten meine alte Braun-Anlage, der Wohnzimmerschrank und eine Sitzgruppe von Tante Martha. 

 

 

Nun besaßen wir ein Haus in Schweden und fuhren jede Schulferien hin. Ich legte mit Jaakob ein Labyrinth aus Feldsteinen, arbeitet an Geschenkbüchern, pflanzte auf einer freien Fläche vor Rosenlund 500 Fichten, kaufte ein Boot, das am Ufer des Vicken seinen Platz fand. Das Haus war alter Familienbesitz. Michael Drawert hatte es von seiner Mutter geerbt und in einer Auszeit renoviert. Michael war ein Angestellter bei IKEA/Älmhult und hatte einen Nervenzusammenbruch erlebt, über den er offen sprach. Der Konzern war gegenüber seinem Mitarbeiter so kulant, dass man ihm für zwei Jahre bei vollem Gehalt freistellte. Ich habe mich bei der ersten Begegnung mit Michael gefragt, wie er ein so schönes Haus verkaufen konnte. Hier  sei doch das Paradies auf Erden. Von hier gehe man doch nicht freiwillig weg! Michael zog mit seiner jungen Frau nach Norrland, um dort einen neuen Job anzufangen.

 

 

 

 

Die beste Methode schwedisch zu lernen

 

 Ein strahlend blauer Himmel wölbt sich über grünen Fichtenwäldern. Undine und ich  wandern über tief verschneite Waldpfade. In der Ferne heulen Kettensägen. Ein Trecker bahnt sich den Weg durchs Dickicht. Wir hören die Motorengeräusche, sehen das Gefährt aber nicht. Entastete Stämme liegen quer über dem Weg. Wir gehen an zwei Kanistern mit Motorenöl und Benzin vorbei. Dann macht der Weg eine Linkskurve und wir stehen vor einer offenen Schutzhütte. 

 

 

 Ein Tisch wird gedeckt: Pappteller, darauf Laugenbrezel, Weizenbier, einige Flaschen Schnaps. Auf dem Grill bruzzeln deutsche Bartwürstchen. Der Mann am Grill sieht aus, als habe er einen Altkleidercontainer geplündert. Bei zehn Grad Minus trägt er mehrere Lagen von Kleidung übereinander. Auch er hat bei IKEA gearbeitet und befindet sich jetzt im Ruhestand. Anfang der Achtziger Jahre kam er als Werbefachmann nach Älmhult. Seinen hessischen Dialekt hat er während der Jahrzehnte in der Fremde nicht verloren. Karl-Heinz gehört zu den Nachbarn eines Viehzüchters und Waldbesitzers. 

 

Wer eine Kettensäge führen kann, ist jetzt mit Anders Eriksson im Wald, die anderen rüsten hier die Mahlzeit. Mehrfach Male sei er verheiratet gewesen, sagt Karl-Heinz. Nun wohne er allein in den Wäldern. Früher habe er gedacht, in der schwedischen Natur könne man nur zu zweit leben. Heute genieße er die Freiheit des Alleinseins. Er habe verschiedene Freundinnen, und wenn er einmal nicht allein sein wolle, besuche er eine von ihnen.  

 

Dann tritt Andres Eriksson aus dem Wald. Sein Hals ist ungeschützt. Eine Kopfbedeckung trägt er nicht. Die Arbeit im Holz setzt Hitze frei. In der einen Hand hält Anders eine Thermoskanne, in der anderen eine Pulle Schnaps. 

 

Schweden gelten als trinkstark. Schon Ernst Moritz Arndt notiert in seiner „Reise durch Schweden im Jahr 1804: 

 

„Bei uns Teutschen sind übrigens die Schweden zum Theil wegen des vielen Trinkens eben so berühmt, als wie es wieder bei den Franzosen und Italienern sind. Es ist wahr, der Pöbel liebt hier die starken Geträke, wie er es schon an manchen Stellen Nor-Teuschlands thur, aber in der gebildeten Klasse ist man hier im Ganzen mäßsiger im Trinken, als in Teutschland.“ (S. 175f.)

 

Andres ist geschäftstüchtig und will uns gleich drei Raummeter Holz verkaufen. Undine meint, der Transport nach Deutschland sei zu teuer. Anders vermietet auch drei Ferienhäuser. Zwei von ihnen stammen aus der Zeit Linnés, sagt er. Sehr romantisch mitten im Wald gelegen ohne Strom, ohne Wasseranschluss, dafür mit Brunnen und Plumpsklo. Undine bedankt sich. Ein neues Haus befinde sich gerade im Bau. Den Fortschritt dokumentiert Andres bei Facebook. 

 

Undine erprobt ihre ersten Brocken Schwedisch. Ein halbes Jahr, meint Karl-Heinz, dauere es, bis man sich einigermaßen im Alltag verständigen könne. Nach einem Jahr könne man sich mehr oder weniger gut unterhalten, wenn man dem Sprecher auf die Lippen schaue. Zwei Jahre dauere es, bis man die gesprochene Sprache im  Raum wahrnehmen könne. Dann gibt Karl-Heinz noch einen Tipp: Die beste Methode schwedisch zu lernen sei, wenn ein Partner für ein halbes Jahr alleine nach Schweden komme.

 

Diese Methode, erwidere ich, habe ich bereits ausprobiert. Nicht für ein halbes Jahr, sondern nur für zwei Monate. Ich erzähle von dem Haus in Närlunda und wie wir den Baggerfahrer Stefan Eriksson kennengelernt haben. Seine Frau war mit einem deutschen Arzt durchgebrannt, und Stefan lebte mit den kleinen Töchtern Ebba und Lina allein. Wir besuchten uns gegenseitig, und ich  glaubte Gudrun in guten Händen, als ich im Januar 2005 allein zu meiner Schule zurückfuhr. Ostern wollte ich wieder in Schweden sein. Gudrun könnte in Ruhe die schwedische Sprache lernen und hatte in Stefan einen Begleiter und Ratgeber in allen schwedischen Fragen. 

 

Das Leben im Ausland hat eine eigene Dynamik, sage ich zu Karl-Heinz. Dies zeigen auch die Bücher von Vilhelm Moberg: Kristina stirbt bei der Geburt ihres letzten Kindes. Von Schweden hatte sie Samen eines heimatlichen Apfelbaumes nach Amerika gebracht. Die Saat ging auf. Als sie im Sterben liegt, trägt der Apfelbaum zum ersten Mal Frucht. Karl Oskar bringt der Sterbenden einen Apfel. Sie ist zu schwach, um einen Bissen zu kauen. Aber den Geschmack der Heimat nimmt sie noch wahr. „Ich bin wieder zu Hause!“ sind ihre letzten Worte. Als Karl Oskar Jahre später stirbt, ist keines seiner Kinder in der Lage, den Verwandten in der alten Heimat einen Brief auf Schwedisch zu schreiben, um vom Tod ihres Vaters zu berichten.

 

Zwischen Stefan und Gudrun bestand wohl eine Wahlverwandtschaft. Ich hatte sie nicht bemerkt. Gudrun lernte die schwedische Sprache und kündigte die Ehe auf. Die Scheidung legte sie in die Hände des Ältesten. Der Vater starb. Der Bruder wurde krank. Noch vor Weihnachten 2005 starb der Onkel. In Schule und Lehrerseminar vollzog sich ein großer Umbruch. 

 

Nach der Scheidung zogen Gudruns Eltern nach Schweden und lebten in Haus Rosenlund. Als sie von Polen nach Deutschland übersiedelten, hatten sie das Leben ihrer Tochter entwurzelt. Nun ließen sie alles hinter sich, was sie in der neuen Heimat aufgebaut hatten und wurden selbst entwurzelt. So schloss sich der Kreis ihres Lebens. Mein ältester Sohn ging eine Beziehung zu Stefans Tochter Lina ein. Bald bekamen sie ein Kind. Von Gudrun habe ich nie wieder eine Nachricht erhalten.

 

„Darauf einen Schnaps!“, sagte Karl-Heinz. 

 

Wir bedanken uns und schreiten weiter durch den Tann. Am Abend liest Undine wieder in der wunderbaren Schwedenreise des Nils Holgersson. Plötzlich hebt sie den Kopf und schaut mich an.

 

„In welcher schwedischen Provinz liegt dein Haus?“

 

„In Västergötland. Warum? Bist du gerade am See Viken und dem Göta-Kanal angekommen?“

 

„Selma Lagerlöf erwähnt beide nicht.“

 

„Hans Christian Andersen aber durchquerte auf seiner zweiten Schwedenreise den Viken. Er hatte eine Schiffsreise auf dem Göta-Kanal von Göteborg nach Stockholm gebucht“, sage ich. „In der schwedischen Hauptstadt wurde er von Oscar I. und der königlichen Familie empfangen. Er las ihnen ‚Das häßliche Entlein‘ und ‚Eine Mutter‘ vor und bewegte die könglichen Gemüter zu Tränen.“

 

Undine denkt nach.

 

„Wie heißt der Ort, an dem das Haus stand?“

 

„Undenäs“, sage ich. „Von Undenäs zur Undine.“ 

 

„Märchenhaft“, erwidert Undine. „Märchenhaft - das Leben.“

 

Über Nacht fällt Neuschnee. Am nächsten Morgen sehen wir die Spuren der Elche. Manchmal zeigt sich ein Elch. Doch immer wahrt er Distanz. Er bleibt stehen. Er schaut zu Undine hinüber, als erwarte er ihre vorsichtige Annäherung. Wenn sie auf den Elch zuschreitet, zieht er sich langsam in das Dunkel der Wälder zurück. 

 

Der Elch ist der Wald. Der Wald ist die Fülle des Lebens. Manchmal erkennen wir eine Gestalt, manchmal glauben wir einen Pfad zu sehen. Der Elch ist das Ganze. Das Ganze ist größer als der Teil. Wir sind nur Teile. Manchmal teilt sich das Ganze mit. Dann entzieht es sich wieder.