Mit angehaltenem Atem - Epiphanie 1959:

Kindergarten St. Ida - Münster Gremmendorf

 

 

"Mit einem Wort: die Konversion ist nur eine Episode in einem meist bis zur Kindheit zurückführenden Ablauf."

Hugo Ball

 

 

 

Die Fünfziger Jahre, in die meine Generation geboren wurde, kannten noch ein starkes katholisches Profil und ein Leben in jener Gewissheit, die unwiederbringlich verloren scheint:

 

 

"Katholisch bin und bleibe ich,

nichts soll mich von der Kirche reißen ...

Die wahre Lehr' ist allgemein,

sie bleibt sich gleich zu allen Zeiten;

nicht wankend kann die Wahrheit sein,

es irren die, die sie bestreiten."

 

 

Einige erfüllt diese Heilsgewissheit im Rückblick mit Wut, andere mit Wehmut. Als Kind aus einer „Mischehe“ nahm ich es mit Faszination und zugleich einem Gefühl des Ausgeschlossenseins wahr. Erhebend die Gebete zum Schutzengel im Katholischen Kindergarten St. Ida. Geheimnisvoll das rot leuchtende Ewige Licht im Halbdunkel der Kirche und die Kreuzwegstationen an den Wänden. Gefährlich der Gang in die Nachbarstraße. Dort wohnten die Katholiken. Sie verteidigten ihr Revier gegen uns Kinder aus der evangelischen Straße, besonders wenn zu Fronleichnam der Straßenaltar aufgebaut wurde. Unter ihnen war nicht nur beim Schmücken des Altars das Leben aus der eucharistischen Mitte spürbar, die wir nicht besaßen. Sie waren durch das Messopfer gestärkt und zugleich gestählt durch die Freizeiten der St. Georgs-Pfadfinder, sie zeigten Flagge bei den Prozessionen zur Muttergottes von Telgte, gingen jeden Sonntag als Familie zur Heiligen Messe und beugten die Knie vor dem Lamm Gottes, das hinwegnimmt ihre Sünden. Diese Welt ist längst untergegangen:

 

 

"Gott Dank, dass ich katholisch bin

und stets geschützt vor falschen Lehren;

katholisch sein ist mein Gewinn.

nie soll der Irrtum mich betören;

katholisch bin und heiße ich,

katholisch leb' und sterbe ich;

so werd' ich nicht verderben:

katholisch ist gut sterben."

 

 

In meiner Familie besuchte nur die katholische Großmutter die Vorabendmesse. Evangelisch getauft und konfirmiert ging ich wie Oma Selma allein in den Gottesdienst, leitete später Kindergottesdienste und leistete den Zivildienst im Synodalen Jugendpfarramt. Im Studium der Evangelischen Theologie für das höhere Lehramt erlebte ich ab 1975 eine Welt ohne Geschichte. Wären nicht Lehrer wie Friedrich Ohly gewesen, ich hätte von dem Reichtum der Tradition wenig erfahren. Zwischen Bibel, Luther und Karl Barth lagen Wüstungen. Feinkörnig wie Sand war auch die Auslegung des Neuen Testaments durch Rudolf Bultmanns Epigonen. Was am Ende von der Heiligen Schrift übrig bliebt, war ein wenig Wüstenstaub an den Fingern.

So musste ich mich in meiner Identität als junger Lehrer und bald Ausbilder von Religionslehrern auf ein anderes Fundament stellen. Ich suchte nach erfahrungsbezogenen Zugängen zu Bibel, Gesangbuch und Kirchengeschichte, die sich bald als Schwerpunkte meiner Didaktik herausstellten. An Erzählungen von Engeln und Heiligen interessierte mich das in ihnen verborgene biographische Zeugnis vom Wunder des Glaubens. So stieß ich auf der Suche nach Orientierung auf Rudolf Ottos Buch "Das Heilige" (1917). Otto hatte am Gymnasium Andreanum die Reifeprüfung abgelegt. Nun unterrichtete ich an dieser Anstalt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Michaeliskirche des Heiligen Bernward.

 

https://www.andreanum.de/die-schule/alte-andreaner/122-rudolf-otto

 

Auch Hans Urs von Balthasars „Theodramatik“ und „Große Heilige“ von Walter Nigg schenkten mir Orientierung. Der reformierte Pfarrer einer kleinen Gemeinde bei Zürich hatte mit seinen Büchern über die Heiligen ein katholisches Publikum erreicht, das nun sein Erbe fern des Glanzes alter legendarischer Vergoldung sehen lernte. Walter Nigg moralisierte nicht, wie es heute wieder kirchlicher Brauch geworden ist, sondern erzählte auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen von den Labyrinthwegen des Herzens. So wurde Hagiografie zum Spiegel biografischer Selbsterkenntnis.

Bei Herder hatte ich Bücher über Engel, Heilige und die großen Symbole des Christentums veröffentlicht. Ich hielt Vorträge in Gemeinden, Kindergärten, Schulen, Akademien. 1995 lud mich Barbara Hallensleben zu dem Engelsymposion „Un ange passe…“ nach Fribourg ein und ermutigte mich, die Biografie Walter Niggs zu schreiben. Mit ihr wurde ich an der Katholischen Fakultät zum Doktor der Heiligen Theologie („Sacrae Theologiae Doctor“), wie es auf der lateinischen Urkunde hieß, promoviert.

Die Schülerin Erwin Iserlohs („Der Thesenanschlag fand nicht statt!“) ist Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene. Papst Franziskus berief sie unlängst in die Studienkommission zur Überprüfung einer Zulassung von Frauen zur Diakoninnenweihe. In Fribourg erlebte ich die geistige Weite und Vielfalt einer katholischen Theologie mit ökumenischem Horizont, die vor allen Dingen auch die Kirchen des Ostens in den Blick nimmt. Ich folgte der Einladung, Exerzitien zu halten, lernte wunderbare Ordensleute kennen, durfte ihr Gebetsleben und die Schönheit der Liturgie teilen. An der Seite von Pater Franz OFM begab ich mich auf Pilgerreise nach Assisi und hörte auf dem La Verna die Lauretanische Litanei.

 


Vor einem Austritt aus meiner Kirche scheute ich zurück. Ich habe das evangelische Kirchenlied - auch als Erbe meiner Mutter - immer geliebt, allen voran die vielstrophigen Gesänge Paul Gerhardts und Gerhard Tersteegens. Unzählige Male habe ich meinen Kindern „Der Mond ist aufgegangen“ oder „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ zum Einschlafen vorgesungen. Es gibt nichts Vergleichbares in meiner Muttersprache. Konnte ich nicht in der evangelischen Kirche katholisch sein? Seit Friedrich Heiler haben evangelische Pfarrer versucht, eine evangelische Katholizität in apostolischer Sukzession nach dem Vorbild der schwedischen Staatskirche zu leben. Einige von ihnen haben sich als Mitglieder einer Bruderschaft sogar zum Priester weihen lassen. In den meisten Fällen geschah dies, ohne dass der Kirchenvorstand davon erfuhr. Es gibt viel heimliche Weisheit und katholische Sehnsucht unter den evangelischem Pfarrern, aber noch mehr Angst vor Überfremdung unter den Gemeindemitgliedern. Evangelische Identität besteht oftmals aus reiner Abgrenzung gegenüber der katholischen Tradition. In der evangelischen Kirche kann man nicht katholisch sein. Man muss den Sprung in die Mitte wagen, gerade jetzt, wo die Altäre immer mehr verhüllt werden und der Mundbinde mehr zugetraut wird als der Eucharistie. Wir erleben „Die sterbende Kirche“ (1936), die Edzard Schaper in einem Roman beschrieben hat, aber auch den „Letzten Advent“ (1953), den ein Anschlussroman eröffnet. Die Kirche findet zu ihren Ursprüngen zurück und wird daran gesunden.

In einer Zeit der großen Wende gründete Benedikt von Nursia ein Kloster und stellte das Leben der Mönche in eine feste Ordnung, in demselben Jahr 529, als die Akademie Platons als höchstes Symbol der Weisheit dieser Welt geschlossen wurde. Benedikts Schule des Glaubens diente nicht nur der Stabilisierung des Einzelnen, sondern war als Kulturstiftung auch die Bewahrung einer von Auflösung bedrohten Tradition. Ich meine etwas von diesem Geist zu spüren, wenn ich die Heilige Messe mitfeiere. Hier wird eine Ordnung erfahrbar, die weltweit gilt und trägt. Im Messopfer wird die Mitte des Glaubens erfahrbar: Gottes Gegenwart. Hier beugen Menschen die Knie vor dem Geheimnis des Glaubens. Hier erfahren sie Vergebung und Befreiung. Christus spricht nur ein Wort, und die Seele wird gesund.

Zu den geheimnisvollen Fügungen auf dem Weg zur Mitte gehörte schließlich die Begegnung mit Pfarrer Thomas Blumenberg von St. Gallus in Detfurth. Ich wusste seit Jahren, dass in seiner Kirche einige der Vorfahren meines Lehrers getauft und gefirmt worden waren. Mir war auch bekannt, dass der Priester und der Philosoph entfernt miteinander verwandt waren. Aber erst meine Arbeit an der Biographie Hans Blumenbergs führte mich in die Messe dieses Pfarrers. Da fühlte ich: Hier gehörst du hin. So kam ich an, wo ich schon immer gewesen war.

 

 

 

 

 

St. Gallus-Kirche in Detfurth,

einst Mutter- oder Archidiakonatskirche des Flenithigaus.

 

 

 

Gallarus Oratory, Dingle, County Kerry (2000)

 

 

 

Petersdom, Vatikan (2008)

 

 

 

Erntedankfest 2020

 

 

Mariae Lichtmess 2. Februar 2021

 

 

Palmsonntag, 28. März 2021

 

 

Wasser des Lebens:

Osternacht

 

 

"Das Problem der Konversion ist das der Wiedergeburt,

ja der Heilsgeschichte selbst,

und man könnte sagen,

dass in Christus die Menschheit zu Gott konvertiert und zum Paradiese."

Hugo Ball