Am 20. September 2019 startete die Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts

zu einer High-Tech-Reise durch das Eis um den Nordpol.

Hier berichte ich von unserer Fahrt in das Sperrgebiet der russischen Arktis (1995).

Ich verdanke Ulrich Schacht die Möglichkeit,

Novaja Semlja, Severnaja Semlja und Franz-Joseph-Land gesehen zu haben.



 

 

Wir sind im Reich der Mitternachtssonne. Doch von romantischen Vorstellungen müssen wir Abschied nehmen.  Kein verklärendes rötliches Dämmerlicht hüllt uns ein. Um zwei Uhr nachts steht die Sonne leuchtend am Himmel, als wäre es Mittagszeit. Wir steigen durch eine Trümmerwüste. Aufgeplatzte Leitungsrohre, verlassene Häuser, verrostete Kettenfahrzeuge, tonnenweise Schrott, dazwischen alte Hinweisschilder auf radioaktive Strahlung. Draußen auf dem Grund der Karasee liegen nukleare U-Boote. Neue, noch verpackte  Gerätschaften verwittern bereits am Straßenrand,  eine Lieferung von Heizkörpern liegt vor den Häusern und dient als Fußabtreter. Landschaften wie aus einem Film von Andrej Tarkowskij ("Der Stalker"). Wir sind in der Zone.

 

Am 30. Oktober 1961 wurde in der Mitjuschikabucht ("Sukhoy Nos Zone C") die von dem Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow konstruierte "Zar-Bombe" AN 602 über Novaja Semjla gezündet. http://nuclearweaponarchive.org/Russia/TsarBomba.html

 

Das Bild wird sich in den kommenden Tagen auf Kap Tscheljuskin, Sredny oder Krenkl wiederholen. Die russischen Militär- und Forschungsstationen in Nordsibirien und auf den Inseln der Arktis bieten ein Bild der Verwahrlosung. Niemand lebt hier oben freiwillig. Keine besondere Prämie lockt die Soldaten. Die Ernährungslage ist schlecht, die Kleidung ungenügend, die Zukunft ungewiß. Stationen wie Uschakova sind aus Geldmangel aufgegeben worden. Wissenschaftler und Soldaten stehen vor dem Nichts.

 

 

Nach drei Stunden Schlaf in Dickson wurde unser Gepäck auf offenem Laster zum Flughafen transportiert. Visapapiere und Pässe waren erneut vorzulegen. Mit bedeutsamer Miene wurden sie von einer Frau in blauem Dienstkostüm und gefütterten Lederstiefeln kontrolliert, dann der Wodkaverkauf ohne Zollbeschränkung eröffnet. Bei unserer Rückkehr aus dem arktischen Archipel hatten wir sämtliche Koffer und die Kameraausrüstung ins Gebäude zu tragen. Die angekündigte Zollkontrolle wurde jedoch nicht vorgenommen. Lächelnd über allen Ungereimtheiten stand die Sonne und der weibliche Posten mit dem Maschinengewehr. Auch Alexander, Soldat und Turnlehrer in Dickson, hatte die Kalaschnikov geschultert, als er in gebrochenem Englisch das Gespräch mit uns suchte. Das Schild „UV-Strahlung“ klebte noch auf seiner Sonnenbrille. Der Zwanzigjährige besaß ein Diktiergerät und bat uns, einige englische Sätze darauf zu sprechen. Russische Politik interessiere ihn nicht, bekundete er offen. Das bestätigte er deutlich, als wir uns nach der Bibliothek in Dickson erkundigen. Stalin und Solschenicyn werden in einem Atemzug als politische Autoren genannt. Wir erleben das Ende der roten Arktis.

 

 

 

Am Kap Tscheljuskin war nicht mehr als eine Zwischenlandung geplant. Ein eisiger, naßkalter Wind fuhr durch das nebelverhangene Lager. In gefütterten Gummistiefeln warteten wir im Schlamm, während der Hubschrauber aufgetankt wurde. Auf einem Schild der Hinweis auf das Rauchverbot. Bei Zuwiderhandlung wurden zwei Monate Entzug der Zuckerration angedroht.  Aus der Nebelwand taucht ein Polarhund mit einem Knochen in der Schnauze auf. Sofort verbeißen sich sieben Hunde ineinander. Mit groben Fußtritten versucht sie der Tankwart vergeblich auseinanderzutreiben. Durch unsere Übersetzerin werden wir zu größter Vorsicht gemahnt. Fünf Eisbären seien im Gelände gesichtet worden. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie nicht geschossen werden. Eisbären kennen keine natürlichen Feinde. Sie gelten als unberechenbar und extrem schnell. „When you have seen them, you are dead!“ sagt Martin Harris. Jacobus de Korte hat einen anderen Blick auf die Natur. „Wenn Du einen Eisbären siehst, fängst das Leben erst richtig an!“ Skeptisch werden wir vom wachhabenden Offizier betrachtet. „Warum kommt ihr hierher?“ übersetzt Julischka. Seine durchdringend blickenden Augen fragen direkter: „Seid ihr gekommen, euch an unserem Elend zu weiden?“

 

Unerwartet bietet sich die Möglichkeit, die Polarstation Fedorov und das Denkmal am Kap zu besuchen.  Viktor schultert die Kalaschnikov und beordert einen Lastwagen. Wir legen uns auf die hölzerne Ladefläche und klammern uns während der holprigen Fahrt aneinander, um nicht abgeworfen zu werden. Durch die Risse in den Balken spritzt der Eisschlamm. Am Kap Tscheljuskin sind viele Entdeckungsreisende der Arktis gescheitert oder durch das Eis an der Weiterfahrt gehindert worden. Direkt am Ufer haben Soldaten auf hohen Wachtürmen Position bezogen. Vor ihren Augen gleiten Eisblöcke und Walrücken vorbei. Die breite Urinspur eines Eisbären zieht sich über eine Schneewehe. Grüne Steine mit langer gleichmäßiger Maserung liegen auf dem Boden. Einige Stellen sind mit leeren Patronenhülsen übersät. Zwei mannshohe Steintürme und ein aufgerichteter Baumstamm mit roten Farbstreifen markieren den Ort:  77° 42’ 07’’ nördlicher Breite, 104° 8’ Länge. Musik und Dialogfetzen der Radiostation durchdringen lautstark die Eiswüste.  Wir frieren trotz der Spezialkleidung. Viktors Hals und Hände sind ungeschützt.  Wärmende Kleidung wird den Soldaten nicht zugeteilt. Vielleicht geht deshalb die Zigarette im Mund niemals aus. Sechzig Kilometer von Kap Tscheljuskin entfernt befand sich ein Lager für politische Gefangene. Eine Ahnung von den Zuständen im GULAG beschleicht uns.

 

 

 

 

Viktor führt uns an leeren Treibhäusern vorbei. Im kleinen  Museum der Station Fedorov erweist er sich als kompetenter Führer.  Eine Spende für das Museum lehnt er ab. Das Geld würde zweckentfremdet werden. Offenbar ist er der einzige, der sich der geschichtlichen Bedeutung dieses Ortes bewußt ist. Am Ende unseres Besuches werden wir zum Tee eingeladen.  Wir betreten einen Raum, wahrscheinlich das Offizierskasino. In der einen Ecke ist ein Schlagzeug aufgebaut, in der anderen ein Farbfernseher, der vom Wirt stolz eingeschaltet wird, als wir Platz nehmen. Wie vielerorts in der Arktis ist auch hier eine Bildtapete mit Bäumen an die Wand geklebt worden.  Die Durchreiche gibt einen Blick in die große Küche frei, in der verlassen ein halbleeres Gurkenglas neben drei verrosteten Fleischwölfen steht.  Was der Gastgeber zu bieten hat, ist uns großzügig aufgetischt worden: Mehrere Schachteln mit großen Zuckerstücken, geöffnete Dosen mit gezuckerter Milch, ein pechschwarzer, zäher Brotaufstrich, ranzige Butter und ein großer Karton mit  geschmacksneutralen Hartkeksen. Es ist keine freiwillige Askese, die Viktors Gesichtszüge geformt hat. Vorstellungen über seine persönliche Zukunft hat er nicht. Im Abschiedsgespräch äußert er nur den Wunsch, hier oben während seiner Lagerzeit nicht zu verrohen.

 

Zehn Stunden dauert der Flug mit dem Hubschrauber MI-8 von Dickson über Kap Tscheljuskin ins Nordland. Aus zweihundert Metern Flughöhe gleitet der Blick über endlos scheinende Tundraweiten. Stellenweise ist der oberflächlich aufgetaute Permafrostboden weich wie dichte Moospolster, dann sumpfig. Kilometerweit haben sich die Spuren der Kettenfahrzeuge in den Tundraboden gefressen. Dreißig Jahre lang werden sie sichtbar sein. Durch eine Initiative des World Wide Fund for Nature (WWF) hat die russische Regierung große Teile der Taimyr-Halbinsel als „Großes arktisches Schutzgebiet“  ausgewiesen. Das Leben ist empfindlich, und die kurzen Sommer schenken ihm nur wenig Blütezeit. Fünf Sommer dauert es, bis sich ein knospendes Blümchen entfaltet hat. Niemand kann hier oben allein überleben. Alles Lebendige braucht Schutz. Die rotfarbene Flechte den Stein, das winzige Vergißmeinnicht die Grasnabe, der Eisbär die Schneehöhle, der Mensch den Hund und das Gespräch. Auch wir hocken dichtgedrängt zwischen den großen Benzintanks im Innenraum des Helikopters. Der Lärm der Rotorblätter ist ohrenbetäubend,  die technische Ausrüstung wirkt überaltert, doch beruhigt der Blick ins Gesicht des Funkers Sergej.

 


 

 

Der Pilot und die Besatzung sind Meister ihres Faches. Teilweise seit Jahrzehnten fliegen sie die militärischen und wissenschaftlichen Stationen des arktischen Archipels an. Jetzt sind die Angestellten der Aeroflot auf devisenbringende Besucher angewiesen. Der Kopilot erzählt von seiner Frau und der einjährigen Tochter, die tausende Kilometer von ihm entfernt leben müssen. Er entschuldigt sich für sein schlechtes  Englisch. Gerne würde er als Pilot in St. Petersburg oder Moskau arbeiten. Unterwegs hatten wir bei einer Zwischenlandung die Gastfreundschaft des Fischers  Jurij Rogatsch  und seiner Frau genossen. Vor der Waldtapete in ihrem Schlafzimmer aßen wir das zarte Fleisch der Lachsforellen aus dem Taimyr-Delta. Seit achtzehn Jahren lebt das Einsiedlerpaar  hier. Auch die Hunde  hatten uns freudig begrüßt. Einer kam uns auf drei Pfoten humpelnd entgegen. Einen Arzt für Mensch oder Tier gibt es in diesen hohen Breitengraden nicht. Eine Flugstunde  südlich des Deltas befindet sich  die wissenschaftliche Eremitage  „Biologische  Station Wilhelm Barents“. Sie ist nur in den Sommermonaten besetzt. Unser Helikopter setzt eine holländische Biologin mit einem Carepaket Wodka ab. Sie wird hier das Brutverhalten der Vögel (Calidris minuta) und die Nahrungskette erforschen.

 

 

 

Auf alles waren wir nach den bisherigen Erfahrungen gefaßt, nur nicht auf Unterkünfte vom heimeligen Komfort und der Sauberkeit alpiner Berghütten.  Die Radio- und Wetterstation  „Prima“ trägt ihren Namen zu Recht. Das Musterbeispiel eines ökologisch verantwortlichen Lebensstils im Naturpark Arktis liegt auf Bolschewik, der südlichsten Insel  des Nordlandes Sewernaja Semlja.  Wie andere Stationen sollte sie  wegen fehlender finanzieller Mittel geschlossen werden. Ihr Überleben  verdankt sie der Privatinitiative von Vladimir Baranov, dem Gründer der Gesellschaft BARC (Business Arctic), die auch unsere  kontrastreiche Reise in Zusammenarbeit mit ihrem niederländischen Partner Plantius organisiert.  Der Wissenschaftler und einstige Mitarbeiter am St. Petersburger Institut für Arktik und Antarktik wird uns auf den Flügen durch  Sewernaja Semlja, Franz-Josef-Land und Novaja Semlja begleiten.  Wie viele Menschen, die einen Blick auf den Grund der Dinge haben werfen dürfen, strahlt auch er Heiterkeit und Gelassenheit aus.  In den zahlreichen Taschen seiner Kleidung scheinen sich vom Eßbesteck bis zum Angelhaken alle Dinge dieser Welt zu befinden, die zum Überleben in der Arktis nötig sind. Der Generaldirektor von BARC ist auf unserer Reise Mediziner und Musiker, Goldgräber und Geologe, Koch und ein Biologe, dessen Wort die Tiere folgen. Auf Novaja Semlja spricht er zu den Dreizehenmöven,  in Franz-Josef-Land winkt er einer Walroßherde mit dem Handschuh zu und lockt sie mit dem Ruf „burre, burre“  ans Ufer. In der Maud-Bucht, fünfzehn Meilen östlich von Kap Tscheljuskin, wo Roald Amundson  im Winter 1918/19 für ein Jahr unfreiwillig im  schweren Packeis festsaß, läßt er uns vor den Blümchen niederknien, um ihren intensiven Duft wahrzunehmen.

 

Vier Russen wohnen das ganze Jahr über auf Prima. Die Station über dem 79. Breitengrad kann nur im Monat August von Eisbrechern aus Murmansk oder Archangelsk versorgt werden.  Sewernaja Semljas Inselwelt dehnt sich 360 km von Nord nach Süd und 324 km von West nach Ost aus.  Gut die Hälfte der Fläche ist vergletschert.  Die höchsten Berge reichen an die eintausend Meter.  Wale, Delphine, Walrosse, Rentiere, Eisbären, Schneehasen, Lemminge und Polarfüchse sind hier zu Hause. An den steilen Felswänden der Fjorde brüten  Seevögel. Einige Kolonien  bestehen aus zehntausend Brutpaaren. Prima beherbergt dagegen in diesem Jahr nur drei Reisegruppen.   Das sei zum Überleben zu wenig, erklärt Vladimir Baranov in morgendlicher  Runde.  Auf den Tischen  steht der köstliche Fisch, den wir am Nachmittag geangelt hatten. Oberhalb der Station befindet sich ein See, der zur Trinkwasserversorgung dient. Er ist ganzjährig zugefroren. Im Sommer beträgt die Eisdicke jedoch nur 150 Zentimeter. Wir hatten Löcher ins Eis gebohrt und Lachsforellen gefangen. Unsere russischen Begleiter ließen die Tiere auf dem Eis liegen, wo sie  lange Maul und Kiemen bewegten. Einige von uns befremdete der Brauch, und sie baten, die Fische zu köpfen. Entsetzt wiesen die Russen das Anliegen zurück. Wie könne man nur einem so edlen Tier den Kopf abschneiden!

 

 

 

Dennoch mundete die Lachsforelle bei Wodka und Tee allen  vorzüglich. Wie der Fisch den Weg vom Meer zum See gefunden habe,  sei eines der vielen Naturwunder des Nordlandes, die der wissenschaftlichen Erforschung harrten. Vladimir hatte russische Volksweisen gesungen und sich selbst abwechselnd auf dem Akkordeon und der Gitarre begleitet. Jetzt gab er einen Einblick in die wirtschaftliche Situation der Station. Prima sei auf zahlungskräftige ausländische Wissenschaftler angewiesen.

 

Zu den ersten  Besuchern auf Sewernaja Semlja gehörte der Direktor des Dortmunder Zoos, der hier die Migration der Eisbären beobachtete. Engländer, Norweger, Kanadier und Japaner haben von Prima aus Gletscherforschung betrieben und den Gletschern Wavilova und „Akademie der Wissenschaften“ Eiskerne entnommen. Diese geben Aufschluß über die klimatischen Verhältnisse weit zurückliegender Erdzeitalter. Doch nicht nur in die Vergangenheit richte sich der Blick des Forschers. Denn als Küche des Wetters bestimme die Arktis  das gegenwärtige Weltklima, und die Klimaforschung hier oben gebe Einblicke in den ökologischen Zustand des blauen Planeten. Weitere Einnahmequellen bildeten  Hubschrauberflüge zum Nordpol, die bisher neunmal durchgeführt worden seien, und der wissenschaftliche Tourismus. Etwa zweihundertfünfzig ausländische Besucher hätten bisher das Nordland besucht. In Planung sei  eine neue Form des Abenteuerurlaubes: Goldschürfen am Gletscher! Auch wir besuchen die rund einhundertfünfzig Goldwäscher, die in den drei Sommermonaten rund um die Uhr den Eisschlamm im Südwesten von Bolschewik nach Nuggets durchsuchen.

 

Sewernaja Semlja  bietet ein abwechslungsreiches Landschaftspanorama. Sanftwellige eisfreie Hochebenen  sind mit grünen Schiefertafeln bedeckt. Weder Grashalme noch Moose wachsen hier. Schwarze Flechten mit grauen Rändern bilden die ersten Spuren des Lebens zwischen den gewaltigen Brocken einer Geröllhalde. Der Frost hat die Steine aufgesprengt und steinerne Blütenornamente gebildet. Im Anorganischen prägen sie die Grundmuster des Lebendigen vor.  Orangerot leuchtende Flechten ernähren sich von den Mineralien. Die Reise führt in den Anfang der Schöpfung zurück, als Wasser und Land gerade getrennt worden waren und das Leben zu sprießen begann. Für den Menschen ist diese Natur noch nicht bereitet, deshalb ergreift sie  zuweilen seine Seele mit Faszination und Schrecken, als habe sie verbotenerweise einen Blick in die Werkstatt des Schöpfers geworfen.  Himmel, Erde und Wasser fließen ineinander über. Farben und Formen wechseln in Minutenschnelle. Türkisblau und grauschwarz bricht der Gletscher auf. Jahrtausendelang   wurde das Land von seinen  Eismassen weichgeknetet. Jetzt haben sie einen fruchtbaren Lehm der Schöpfung freigegeben, einen Erdenkloß, dem zum Lebendigwerden nur noch der Anhauch Gottes fehlt. Keine Kamera kann das Farbenspiel des jungfräulichen Bodens einfangen. In braunroten, ockergelben und lindgrünen Linien stürzen Berge den Canyon hinab. An ihren Rücken sind die Spuren des Walkens und Knetens deutlich sichtbar. Unten in den Schluchten murmelt rostfarbenes Wasser  über  rosige Gipsplatten.  Nur laufend kann sich der Mensch in dieser Landschaft bewegen. Wer stehenbleibt, versinkt bis zu den Knien im Boden.  Vor Jahrmillionen  war die Arktis eisfrei. Käme heute ein weltweiter Umschwung  des Klimas, hier oben wäre der fruchtbare Boden für eine neue Entfaltung des Lebens gegeben.

 

Auf Nowaja Semlja haben russische Wissenschaftler Atomversuche durchgeführt und große Teile der Insel verstrahlt zurückgelassen. Während wir das Winterlager von Willem Barents an der Nordspitze  dieser Nachbarinsel von Sewernaja Semlja besuchen, wird weltweit gegen die geplanten französischen Atomversuche im Pazifik protestiert. Seltsame Gedanken überfallen den Reisenden. Es ist, als werde hier im Nordland bereits eine neue Schöpfung vorbereitet.  Die arktische Landschaft ist weder schön, gewaltig noch erhaben, ihre Größe übersteigt alles Begreifen. Sie ist ein heiliger Raum, vor dem der Eindringling zurückschreckt, wie Moses vor der Stimme aus dem Dornbusch.  Eine Macht ergreift ihn, die alle Maßstäbe und Sorgen des Menschen relativiert, ja seine Bedeutung in Frage stellt:  In dieser Werkstatt des Lebens ist der Mensch ein kleines Gefäß und die Weltgeschichte nur das Muster darauf. Es kommt nicht auf den Menschen  an, ja selbst die von ihm geschaffenen Katastrophen und Zerstörungen wirken  bedeutungslos vor dem hier wehenden Anhauch der Ewigkeit. „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst?“ (Psalm 8.5).

 


 

 

Vor dem fünfstündigen Flug von Sewernaja Semlja über das Eismeer nach Franz-Josef-Land werden die vier großen Tanks des Hubschraubers in Sredny aufgefüllt. Die Haut des Tankwartes auf der Militärstation ist vom Frost gezeichnet. Ein erfrorenes Lächeln legt die Zahnhälse und das rotbläuliche Zahnfleisch frei. Drei junge Frauen sind gekommen und blinzeln gegen die Sonne.  In Sichtweite von Sredny liegt die Insel Domaschnij.  Hier stand in den dreißiger Jahren das Haus des russischen Arktisforschers Uschakov. Bären- und Walroßknochen liegen verstreut; zwischen den letzten Balken des Hauses brüten die Elfenbeinmöwen. Sie gelten als Schutzengel der Arktis und Symbole der Unsterblichkeit. Sergej, der Funker, verweist auf die Schwingen der Elfenbeinmöwe, die er als Tätowierung auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger trägt. Wenn der Helikopter ins Wasser stürze, sagt er, dann kämen die Möwen und trügen unsere Seelen in den Himmel. Nach zwei Stunden Flug besuchen wir den einsamsten Ort der Arktis, die verlassene Station Uschakova. Zwei Holzhäuser inmitten des Eismeeres auf dem Gletscher. Noch verpackte Ziegelsteine sind vor einem Haus gestapelt, ein moosiger Eisbärenschädel liegt zwischen alten Zeitungen und leeren Flaschen. Lebensmittelreste in der Vorratskammer. Wäsche hängt noch an der Leine und ein Feuerlöscher an der Wand. Mit weißem Pinselstrich sind die Umrisse eines nackten weiblichen Körpers an die Eingangstür gemalt. Doch schon beginnt eine dicke Eisschicht den Fußboden der Häuser zu überziehen. Über dem Hauptgebäude sind noch die Funkdrähte gespannt. Doch kein Mensch sendet aus diesem Eiland Botschaften, und auch die große Antenne empfängt keine Signale mehr. Auf ihren Drähten spielt der Polarwind das Lied vom ewigen Schlaf und der dunklen Nacht. Für wenige Stunden sind wir ausgesetzt auf den Eisbergen der Stille. Dann steigen wir wieder in den Helikopter .  Wie köstlich schmeckt jetzt der Himbeertee aus rotem Plastikbecher, und wie erwärmt sich die Seele am Wort!

 

 

 

Franz-Josef-Land wurde durch die  österreichisch-ungarische Nordpolexpedition (1872-1874) unter der Leitung von  Julius Payer und Carl Weyprecht entdeckt. Payer notierte hier zwischen 80° und 82° nördlicher Breite: „Nirgends auf der Erde kann ein Exil so vollständig sein wie hier, unter dem furchtbaren Triumvirat: Finsternis, Kälte und Einsamkeit. Selbst Engel müßte das Verlangen des Wechsels befallen.“ Vorbei an der Graham-Bell- Insel, Wilczek-Land und der Wiener-Neustadt-Insel nähern wir uns der Hayes-Insel. Bei der Landung rückt zuerst eine abgestürzte Antonov-26 in den Blick. Wir stehen in einer Lache aus Eisschlamm und Öl. Kein Hund begrüßt uns. Mit dem Koffer in der Hand und wehleidiger Stimme bittet ein junger Wissenschaftler aus Österreich  um eine Mitfluggelegenheit. Auch ein Mann mit einer Fischvergiftung wartet auf Hilfe.

 

Das Quartier der Station Krenkl (Hayes-Insel) befindet sich in einem desolaten Zustand, der alles in den Schatten stellt, was wir bisher gesehen hatten. Daß die Geschichte der Entdeckung  der Arktis auch eine Geschichte des Scheiterns ist, wird plötzlich wieder bewußt. Willem Barents starb noch bei seiner Rückkehr von Nowaja Semlja an Skorbut, Otto Krisch, Maschinist der Tegetthoff, liegt auf der Wilczek-Insel begraben, auf der Rudolf-Insel, dem nördlichsten Eiland von Franz-Josef-Land, liegt das Grab des Matrosen Sigurd Myhre, daneben der Propeller und andere Teile einer Antonov-26 und die Rotorblätter von zwei Hubschraubern. Als Franz-Josef-Land in den dreißiger Jahren von der Sowjetunion besetzt wurde, versuchte man sämtliche Spuren der bisherigen Erforschung des Archipels zu beseitigen. Planmäßig wurden amerikanische und norwegische Polarstationen eingeebnet. Wie unübersichtlich und wenig kontrollierbar die Inselwelt von Franz-Josef-Land jedoch ist, zeigt die Tatsache, daß inmitten des Zweiten Weltkrieges deutsche Soldaten auf Alexandra-Land eine Militärstation errichten konnten, die erst in den sechziger Jahren entdeckt wurde. Inzwischen hat sie ein Gletscher unter sich begraben.  Der Funker hatte von den Schutzengeln der Arktis gesprochen. Auf Domaschnij standen plötzlich drei Gestalten aus Licht und Wolken am Horizont. Ihre Erscheinung reichte vom Eis des Meeres bis in den Himmel. Der naive Versuch, sie mit der Kamera festzuhalten, mißlang.  Julius Payer hatte sich geirrt. Es gibt keinen Ort der Welt, wo sie nicht zu finden sind. Selbst auf der Station Krenkl erinnerte eine postkartengroße Nachbildung der berühmten Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow an ihre Anwesenheit.

 

Stille herrscht in der arktischen Landschaft, aber kein Schweigen.  Das ruhige Gespräch beim Eisangeln ist noch in weiter Ferne zu vernehmen; aus den Fjorden steigt das Geschrei der Möwen empor; die Walrosse grunzen und rülpsen am Meeressaum. Wer könnte die Worte des Windes übersetzen und  den Gesang der treibenden Eisberge?  Wer entziffert die Frostmuster der Steine?  Die eisige Stille der Arktis bricht Felsen und versteinerte Seelen auf. Nach jahrelangem Schweigen beginnt mancher Wanderer wieder das Gespräch mit Gott.  Die Geschichte der Entdeckung der Arktis ist auch ein Raum der Selbstbegegnung und des Überlebens.  Wir sind Gast auf der nördlichsten Funkstation der Welt. Hier auf der Rudolf-Insel lebt ein Ehepaar. Krapfen, Gebäck, Brot, Butter, Marmelade und Tee  werden aufgedeckt. Gesang ertönt. Der Funker hat ein kleines Museum eingerichtet: Steine, Eisbärenkrallen, Überreste der Ziegler-Expedition. Die Hausfrau führt uns durchs Gebäude. Im Schlafzimmer über dem Ehebett eine Muttergottes mit Jesuskind, dann durch einen Flur mit Nahrungsvorräten zur einer Tür, hinter der sich Unglaubliches verbirgt: Leinen- und ledergebunde Bücher, Regale vom Boden bis zur Decke gefüllt.  Es mögen zehntausend Bände sein. Wir versuchen, die Buchrücken zu entziffern. Alles ist in diesem Hort der Kultur zu finden. Auch Thomas Mann in der Arktis. Der Funker erzählt, er und seine Frau wohnten das letzte Jahr hier, dann werde die Station aus Geldmangel geschlossen. Vielleicht werden in wenigen Jahrzehnten andere Besucher kommen und eine Bibliothek der Weltliteratur unter dem Eis finden.

 


 

 

Auf der Jackson Insel  erinnert eine Gedenktafel in russischer und norwegischer Sprache an  Fridtjof Nansen und  Fredrik  Hjalmar Johansen, die hier vor genau einhundert Jahren neun Monate in Nacht und Eis überwinterten. Nach zwei Jahren Eisdrift mit der „Fram“ (Vorwärts) hatten sie auf 84° 4’ nördlicher Breite das Schiff verlassen, um zu Fuß den Nordpol zu erreichen.  Trotz unglaublicher Willensstärke scheiterte der Versuch, und nur einem guten Geschick hatten es die beiden zu verdanken, daß sie auf ihrem Rückweg Franz-Josef-Land erreichten. Auf Jackson ist noch der Fichtenstamm zu sehen, der als Firststück für ihre Winterhütte aus Stein, Eis- und Walroßfellen diente. Neun Monate dunkle Nacht, neun Monate, in denen nichts passiert, die Gedanken nichts mehr denken und das Herz im Schweigen versinkt. Was ist der Mensch? „Nur ein Staubkorn ist er vor der Macht, die alles, was wir sehen und nicht sehen, erschaffen hat, der Macht, die von Ewigkeit her alles regiert und in Ewigkeit alles nach ihren uns unfaßbaren Gesetzen regieren wird, der Macht, die uns auf dieser Reise so oft vom Untergange errettet hat!“ notiert Hjalmar Johansen in seinem Reisebericht. Noch immer ist die Arktis ein Ort der Selbstbegegnung und der Berührung mit dem Geheimnis der Schöpfung. Von St. Petersburg geht der Flug mit der SAS über Kopenhagen nach Hamburg. Als tief unten Deutschland sichtbar wird, überfällt Rührung den Heimkehrenden. Welche  Gnade,  Heimat zu haben!

 

 

 

Schnee in der Luft

von

Ulrich Schacht

 

 

SCHNEE IN DER LUFT die

Sonne sinkt ins Meer, von Osten

her ertrinkt die Welt im

 

Weiß. In Pfützen glänzt

das Eis vorm Haus die weißen Tische

Stühle - längst verschwunden. Schnee

 

in der Luft er deckt die

Schnitte Wunden wenn er

fällt, von Osten her ertrinkt die

 

Welt in Schweigen: Aufsteigen bis

ins All. Lautloser Fall. Tiefstes

Verneigen

 

 

 

Anmerkung zu Fridtjof Nansen

 

Fridtjof Nansens Bericht über die Fahrt mit der "Fram" gehört zur Weltliteratur. Er veröffentlichte ihn 1897 in zwei Bänden unter dem Titel:

Fram over polhavet. Den norske polarfaerd 1893-1896. H. Aschehoug & Co.s Forlag. Kristiana 1897.

Die deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel:

In Nacht und Eis. Die Norwegische Polar-Expedition 1893-1896. Zwei Bände. Mit einem Ergänzungsband von Bernhard Nordahl (Wir Framleute) und Hjalmar Johansen (Nansen und ich auf 86°14').

 

 

 

Nansen hat die Bände seiner Frau Eva gewidmet:

"Til hende som døbte skuten

og sad modig tilbage."

 

"Ihr, die das Schiff getauft

und den Muth hatte

zu warten."

 

Zwei Inseln des Archipels von Franz-Josef-Land benannte er nach seiner Frau Eva und seiner Tochter Liv. Unter dem Titel "Eva og Fridtjof Nansen" und "Nansen og Verden" (Oslo 1954/55)  veröffentlichte Liv Nansen-Høyer ein Portrait ihrer Eltern. Die gekürzte deutsche Übersetzung von Ellen de Boor trägt den Titel "Mein Vater Fridtjof Nansen. Forscher und Menschenfreund". F.A. Brockhaus Verlag. Wiesbaden 1957. Nansen ist heute ein norwegischer Nationalheld. Der Träger des Friedensnobelpreises 1922 zählt zu den bedeutenden Humanisten des 20. Jahrhunderts.

Im Osloer Frammuseet ist die Fram zu besichtigen. Mit ihr wurden weitere Fahrten ins Eis unternommen. So durch Otto Sverdrup nach Grönland und Kanada und durch Roald Amundsen zum Südpol. Über die Rückkehr ihres Vaters aus "Nacht und Eis" schreibt seine Tochter Liv:

"Nun aber geschah etwas Unerwartetes. Er entdeckte, dass es auch Kraft erforderte, wieder daheim zu sein. Der Übergang von der Größe und Einfachheit des Eismeeres zum lärmenden Leben der Zivilisation war allzu plötzlich." (95) "Eine seltsame Melancholie war über Nansen gekommen. Er war reizbar und unausgeglichen, den einen Tag himmelhochjauchzend, den anderen verstimmt und niedergeschlagen. Er klammerte sich an Eva als das einzige Beständige in seinem Leben." (97) "Erst, wenn die Aufgabe gelöst war, kam die Lebensmüdigkeit." (98) "Vater besaß - unter den mannigfachen Lebensumständen - eine vollkommene Selbstbeherrshcung. Er hatte sie als Kind ein für allemal gelernt, und sie lag seiner Familie im Blut.  Er war niemals untätig, und diese Eigenschaften allein vermochten ihn vor Melancholie und Pessimismus zu bewahren." (178) "Ich kann getrost sagen, daß Vater in seiner Veranlagung eine tiefreligiöse Natur war - doch ohne religiös-mythologische Vorstellungen. Er stand voll heiligem Staunen vor der Unendlichkeit und Größe des Weltalls: 'Der sternbesäte Himmel ist der wahrste Freund im Leben. Immer ist er da, immer gibt er Frieden, immer mahnt er dich daran, dass deine Unruhe, deine Zweifel, deine Schmerzen vorübergehende Kleinigkeiten sind.'" (273.