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"Господь мій і Бог мій
забери від мене все,
що не пускає мене ближче до Тебе


Господь мій і Бог мій
даруй мені все
що наближає мене до Тебе


Господь мій і Бог мій
Забери мене від мене
І зроби мене цілковито Твоїм"

 

Niklaus von Flüe

 

 

In Friedenszeiten wird selten von Engeln gesprochen. Oftmals lehrt erst die Not das Beten. Dann werden die Engel manchmal in Krisen und Kriegen zu einer tiefen und erschütternden Erfahrung. Von ihr zu sprechen ist kaum möglich. Denn hier geht es um Lebenszeugnisse und innere Gewissheiten. Sie eignen sich nicht für politische Propaganda und Phyletismus.

 

Das Schutzengelbuch Tobit berichtet von einer Engelerfahrung inmitten des Krieges. Tobit half, wo er konnte. Der fromme Jude speiste die Hungrigen, spendete Kleidung und Medizin, begrub die Erschlagenen. Ein Unglück folgte dem Nächsten, und doch war in dieser Dunkelheit der Engel an seiner Seite. Rembrandt van Rijn hat ihn später immer wieder ins Bild gesetzt. Raphael („Gott heilt“) lautet sein sprechender Name, „Friede sei mit euch! Fürchtet euch nicht!“ (Tobit 12.17) seine Botschaft.

 

 

 

 

Über dem Himmel von Kiew wollen die eingeschlossenen Bewohner in den Wolkenformationen Engel erkannt haben. So berichtet Swajatoslaw Schwetschuk (*1970), Erzbischof der griechisch-katholischen Kirche, in einer Videobotschaft:

 

„Wir sehen heute,

dass der Erzengel Michael zusammen mit der ganzen himmlischen Heerschar

für die Ukraine kämpft.

So viele Menschen aus der ganzen Ukraine wenden sich an mich und sagen,

dass sie leuchtende Engel über dem Land der Ukraine gesehen haben.“

 

 

 

 

 

Ukrainische Militärpfarrer tragen Michaels Bild an der Uniform. Schwetschuk wurde in der Nähe von Lviv (Lemberg) geboren und war von 1983 bis 1989 Alumne des Priesterseminars der grausam verfolgten Untergrundkirche. Dann setzte der polyglotte Priester sein Studium in Buenos Aires und Rom fort. Visionen können Einbildung oder Wunschdenken sein. Eine echte Vision beweist sich in der Wirklichkeit. Dann hätten die Angreifer keine Chance.

Michael ist der Schutzpatron der Stadt, in der die Kiewer Rus geboren wurde. Seit dem 16. Jahrhundert steht er im Wappen Kiews. In der Sowjetunion wurde sein Bildnis 1969 durch Kastanienblätter ersetzt und 1991 wieder eingeführt. Am Dnepr steht das berühmte Michaelskloster. Seit dem frühen Mittelalter diente es als Grablege der Kiewer Fürsten. In der Zeit bitterster Verfolgung unter Stalin wurde die Kirche gesprengt. Tausende Priester starben in den Lagern. Kurz vor der letzten Jahrtausendwende konnte der Wiederaufbau abgeschlossen werden. Das Kloster des Erzengels Michael ist seitdem auch eine Gedenkstätte für den Holodomor (1932-33). Ein anderer Gedächtnisort ist die „Allee der Engel“ in Donezk. Hier wird an die im Krieg getöteten Kinder erinnert.

 

 

 

Die Briefmarke zeigt die wundertätige Ikone der Gottesmutter von Swjatohirsk/Oblast Donezk

(Свято-Успенська Святогірська Лавра/Swjato-Uspenska Swjatohirska Lawra).

Das Kloster wurde 1922 durch Kommunisten aufgehoben und als Erholungsheim genutzt.

1992 wurde es wieder eröffnet. Es gehört zur ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats.

Die russische Luftwaffe bombardierte das Heiligum am 12. März 2022.

 

 

 

Auf dem Majdan, dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit, wurde 2002 auf dem Ljadski-Tor eine Statue des Schutzpatrons aufgestellt. Sie zeigt den wehrbereiten Engel mit Schwert und Schild. Auf ihn nimmt Bischof Schwetschuk in seiner Videobotschaft Bezug:

 

„Hier in Kiew nehmen wir wahr,

dass der Schutzpatron unserer Stadt der Erzengel Michael ist,

der mit dem Schrei Wer ist wie Gott? Luzifer in den Abgrund stürzte -

denjenigen, der sich gegen Gottes Wahrheit erhob

und der Anführer der teuflischen Armeen war.“

 

Michael ist der Engel der Apokalpyse. Nach seinem Erscheinen in einer Höhle des Monte Gargano (492) wurden Michael in ganz Europa Heiligtümer errichtet. Wie der Mont St. Michelle in der Normandie oder die winzigen Inseln Skellig Michel vor der Küste Irlands sind sie viel besuchte Reiseziele. Doch kaum ein Tourist verbindet mit der Gestalt eines kämpfenden Engels eine Erfahrung. Als Friedensboten standen Engel für atomare Abrüstung bis hin zum völligen Gewaltverzicht. Tatsächlich gehört die Befriedung der Gemüter zu den zentralen Aufgaben der Engel. Ohne Unterlaß vermitteln sie in den Konflikten des Alltags in Familien, Kindergärten, Schulen, in Bussen und Bahnen, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Ihr Mittel ist die Stimme des Gewissens, das Lächeln im Gesicht eines anderen Menschen, die helfende Hand und alles selbstlose Tun, das Innehalten in Geduld, das mutige Dennoch - in allen diesen kleinen Wundern des Alltags wirken die Engel des Friedens als unsichtbare Helfer. Ihr Dienst ist ohne Eigennutz. Wir brauchen diese Engel in Menschengestalt. Friedensstifter mit Engelszungen. Helfer mit Engelsgeduld. Doch manchmal verlieren selbst Engel die Geduld. Dann kommt Michaels Stunde. 

 

In Krieg und Krise sind Engel in besonderer Weise gefordert. Frieden auf Erden (Lukas 2.14) verkündeten sie bei der Geburt Jesu. Diese himmlischen Heerscharen gehören zu einer wehrhaften Truppe, auf deren Beistand Jesus jederzeit hätte zugreifen können, wenn er es gewollt hätte. Er predigte den Frieden in friedloser Zeit. Jesus lebte in einer Zeit der Okkupation. Sein Heimatland war von Römern in Besitz genommen worden. Ihr Abschreckungsmittel gegen jeden Widerstand war die öffentliche Kreuzigung. Jesus hätte seinen Tod am Kreuz verhindern können. Eine Bitte hätte genügt, und Gott hätte ihm „sogleich mehr als zwölf Legionen Engel“ (Matthäus 26.53) geschickt. Das ist eine Übermacht von 72000 kampfbereiten Engeln.

 

Diese Engel des Friedens sind nicht bedingt abwehrbereit, sondern unüberwindlich starke Helden wie der Erzengel Michael. Friedrich von Spee (1591-1635) hat ihn besungen:

 

„Unüberwindlich starker Held,
Sankt Michael!,
komm uns zu Hilf,
zieh mit zu Feld!
Hilf uns im Streite,
zum Sieg uns leite,
Sankt Michael!“

 

Der Appell stand noch im alten Gotteslob (GL 606) und fiel wie andere Engellieder der Revision zum Opfer. Zum Glück hat die Kirche einen langen Atem und ein weit in die Tiefe der Gotteserfahrungen reichendes kulturelles Gedächtnis. Seit dem 24. Februar 2022 kehren auch jene himmlischen Heere wieder ins Bewusstsein, die über Jahrzehnte als unzeitgemäß galten, weil sie dem friedensbewegten Geist der Utopie nicht entsprachen. Michaels Schwert und Schild sind auch Symbole für den geistlichen Kampf, in den der Mensch gestellt ist. Doch geht es nicht nur um das Schwert der Unterscheidung der Geister und den Schild des Glaubens. Johann Sebastian Bachs Kantate „Es erhub sich ein Streit“ (BWV 19) öffnet die Ohren der Hörenden für einen apokalyptischen Kampf hinter den Kulissen der sichtbaren Welt.

 

Der Teufel weiß, dass er wenig Zeit hat (Apokalypse 12.12). Seine Tage sind gezählt. Deshalb will er die Welt in seinen eigenen Untergang reißen. In diesem wahnhaften Versuch der Konvergenz von Lebenszeit und Weltzeit, sah Hans Blumenberg (1920-1996) das Wesen aller Diktatoren. Sie müssen wie der Satan von Michael und seinen Engeln an die Kette gelegt werden, weiß Johann Sebastian Bach:

 

„Gottlob! der Drache liegt entzwei.


Der unerschaffne Michael


Und seiner Engel


Heer hat ihn besiegt.


Dort liegt er in der Finsternis


Mit Ketten angebunden,


Und seine Stätte wird nicht mehr


Im Himmelreich gefunden.


Wir stehen sicher und gewiß,


Und wenn uns gleich sein Brüllen schrecket,


So wird doch unser Leib und Seel
Mit Engeln zugedecket.“

 

Bei so viel Elan wird man dem „fünften Evangelisten“ Bach die dogmatische Ungenauigkeit vergeben. Denn „unerschaffen“ ist kein Engel, nicht einmal Michael. Im Zeitalter der Friedensutopien war die Vorstellung von kampfbereiten himmlischen Heeren verpönt. Deshalb wurde auch das Michaelsgebet Leo XIII. (1878-1903) abgeschafft. „Fürst der himmlischen Heerscharen (princeps militiae caeléstis),“ wurde einst nach jeder Messe gebetet, „stoße den Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umhergehen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle.“

 

 

 

Papst Franziskus hat diesen kleinen Exorzismus ausdrücklich empfohlen. In den Friedensandachten vieler Gemeinden oder am Ende der Messe wird heute wieder das alte Michaelsgebet gesprochen. Wer wie Bischof Schewtschuk die Kiewer Blockade erlebt, darf noch deutlicher werden. Er beendete seine Videobotschaft mit dem Gebet:

 

„Heute beten wir:

O Erzengel Michael und alle Mächte des Himmels,

kämpft für die Ukraine!

Stürze den Teufel,

der uns angreift und tötet,

der Verwüstung und Tod bringt!“

 

Christus hat den Tod besiegt. Diese Zeitenwende verkündeten die Engel am leeren Grab: „Fürchtet euch nicht!“ (Matthäus 28. 5) und „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ (Lukas 24. 5) Als die Frauen den Aposteln die Friedensbotschaft überbrachten, da „erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.“ (Lukas 24. 11)

 

Der Friede Gottes ist nicht von dieser Welt. Deshalb kann ihn keine Erfahrung des Schreckens widerlegen. Ostern 2022 führt in die Tiefe der Passion und in das Wunder der Auferstehung.

 

In alten Briefmarkenalben stehen  noch die Bilder des Dämons mit dem Aufdruck "Ukraine". Einst haben deutsche Soldaten Krieg gegen die Ukraine geführt. Jetzt suchen und finden die Kinder und Enkel der Opfer Schutz in deutschen Familien oder anderen Gemeinschaften: In Hannover tanzen Geflüchtete Tango. Dürfen wir hier von einem Wunder sprechen? Ja, wir erfahren es in diesen Tagen. Fürchtet euch nicht!

 

"Wo zwanzig Teufel sind,
da sind auch hundert Engel.
Wenn das nicht so wäre,
dann wären wir schon längst zugrunde gegangen."

 

Martin Luther

 

 

 

Und Königsberg?

Nach der Vertreibung aus Ostpreußen:

Wiederaufbau 1955 - Erbdrostenweg in Münster

 

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„Auch die Bolschewiki folgten diesem Konzept der Staatsbildung von oben. Und auch sie schufen eine Armee, in der Untertanen, aber keine Bürger dienten. Menschen, die solcher Behandlung ausgesetzt sind, geraten ausser sich, sobald sich ihnen eine Gelegenheit bietet, andere Menschen genau so zu behandeln, wie sie selbst behandelt wurden.


Die Gewaltexzesse der Roten Armee während des Zweiten Weltkrieges waren auch ein Resultat dieser Zurichtung. Wenn man den Nachrichten glauben darf, die sich über den Krieg in der Ukraine verbreiten, scheint sich das nun zu wiederholen.“

 

Jörg Baberowski in der NZZ vom 4. April 2022

 

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Über die Hölle

 

„Ich wache auf, öffne die Nachrichten und sehe das Video eines Russen, der einen ukrainischen Soldaten kastriert. Die verkohlten Leichen der gefangenen Soldaten des Asow-Regiments, die von einer russischen Rakete im Lager Oleniwka verbrannt wurden. Die neue Leiche eines ukrainischen Zivilisten – die Hände auf dem Rücken gefesselt, ein deutliche Anzeichen von Folter“, schreibt die ukrainische Dramatikerin Anastasiia Kosodii nach einem Besuch ihrer Heimat (Der Tagesspiegel vom 13. August 2022). „Mein Atheismus endete am 24. Februar, also glaube ich an Gott – oder vielmehr an Gottes Strafe für diejenigen, die sie verdienen. Ich frage mich nur, wie schnell sie kommen wird.“

 

Die Hölle als Ort der ausgleichenden Gerechtigkeit. Darüber können viele Menschen in Deutschland nur lachen. Sie haben „jedes Verständnis für eine transzendenzbezogene Weltanschuung verloren“, kommentiert Simon Strauss in seiner Glosse „Das geteilte Europa: Warten auf die Strafe Gottes“ (FAZ vom 18. August 2022). Er spricht vom „Lächeln der Überheblichen, die auch in bösen Zeiten besonders geistreich sein wollen. Das ist das entspannte Schwitzen der Vernünftigen, die, wenn überhaupt, nur an die Aufklärung glauben, weil sie ihnen das Navigationssystem beschert hat.“ In Polen glauben nach einer Umfrage 53,4 % an die Existenz der Hölle, in Deutschland gerade mal 15,7 %. Simon Strauss: „Näher am grausamen Kriegsgeschehen hingegen fühlt man den Zweifel, ob die Gewaltexzesse auf ukrainischem Boden nicht auch etwas damit zu tun haben könnten, dass zu viele die Angst vor einem seelengefährdenden Sündenfall verloren ha­ben. Auf einmal leuchtet die These von Hannah Arendt wieder ein, nach der die schlimmsten Gewaltverbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht geschehen wären, ‚wenn die Leute noch an die Hölle geglaubt hätten.‘“

 

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Die Briefmarke der deutschen Post zeigt den Engel Gabriel.

Sein Attribut ist die Lilie.

Gabriel ist der Engel der Geburt.

Seine Begegnung mit Maria wird am 25. März gefeiert.

Das Fest heisst

Maria Verkündigung

(Annuntiatione Beatae Mariae Virginis)

 

 

 

 

 

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