"Und der Engel des Herrn trat zu ihnen,

und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie;

und sie fürchteten sich sehr."

Lukas 2. 9

 

 Weihnachtliches Rudelsingen in der Michaeliskirche/Hildesheim (14. Dezember 2019) mit Fritz Baltruweit

 

Ein Weihnachtsfest ohne Engel ist undenkbar. Zu tief sind die himmlischen Wegbegleiter Teil der christlichen Lieder, Gebräuche und Geschichten von der Geburt Jesu. Damit folgen Kirche und Volksbrauch der schönsten aller biblischen Geburtsgeschichten, dem Evangelium des Lukas. Dieser Evangelist war nach eigenem Bekunden weder Zeuge der Geburt Jesu, noch hatte er ihn zu Lebzeiten gekannt. Wie ein Schriftsteller ordnete der Evangelist mit dem Symbol des Stieres die ihm vorliegenden Quellen. Er komponierte aus verschiedenen Überlieferungen sein überwältigendes Weihnachtsevangelium.  Dessen Kernstück ist die Geburt Christi. Es wird alle Jahre wieder am Heiligen Abend vorgelesen und bewegt noch immer die Herzen, wie damals die Worte der Hirten an der Krippe das Herz der Maria.

 

Engel sind Hebammen Gottes. Sie begleiten Geburtsprozesse von Säuglingen, von neuen Lebensabschnitten, von neuen Zeitaltern, von neuen Religionen. Zu Recht gehört in den kirchlichen Amtshandlungen der Schutzengelpsalm (91.11) zu den beliebtesten Tauf- und Konfirmationssprüchen. Das Buch Tobit, Luther zählt es zu den Apokyrphen, in allen anderen Kirchen von Ost und West gehört es zu den kanonischen Schriften des Alten Testamentes, hat Überlieferungen vom Schutzengel Raphael gültig ins Bild gesetzt: Raphael ist der Wegbegleiter des Menschen. Still und unerkannt steht er seinem Schützling zur Seite. Doch in entscheidenden Schlüsselszenen der Biographie greift er schützend, bewahrend oder heilend ein. Mit Raphael hat das alte Judentum die durch alle Zeiten bewahrte und tausendfach von Künstlern ins Bild gesetzte Gestalt des selbstlosen Wegbegleiters geschaffen: Der Schutzengel begleitet den jungen Tobias auf seinem Weg ins Leben. Seine wahre Engelnatur lässt sich nicht aus  Attributen wie Flügel, weißes Gewand oder Heiligenschein ablesen. Auf den Bildern der Künstler und im Kitsch illustrieren sie nur, was mit den Augen des Herzens gesehen werden will: Gott steht dem Menschen durch seinen Schutzengel zur Seite. Doch diesen Engel erkennt der Mensch erst, wenn er vorübergegangen ist. Schutzengel gelten als „ziemlich beste Freunde“: auf sie ist immer Verlass, aber sie reden wohltuend Klartext. 

 

Alle Engelnamen der Bibel sprechen vom Wirken Gottes: Raphael bezeugt „Gott heilt“. Gabriel bedeutet „Mann Gottes“. „Wer ist gleich Gott!“ ist die Bedeutung von Michaels Namen. Gerade zur Weihnachtszeit ist der Blick auf den Engel Michael recht hilfreich, um das Wesen der biblischen Engel zu verstehen. Wenn sie die Wege des Menschen begleiten, heisst dies nicht, dass sie alle Wege dulden. In der sogenannten Esoterik gibt es Engel, die alle Wünsche erfüllen. Sie gelten als das höhere Selbst oder als Stimme des Unbewussten. Seminare versprechen, den Kontakt zu Schutzengeln herzustellen. Diese spirituelle Engelindustrie bedient sich einer Mixtur von Engelvorstellungen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturkreisen. Sie regt ein biblisches Nachdenken über die wunderbaren Wegbegleiter des Menschen weder an, noch bildet sie eine Ergänzung zum christlichen Engelbild. Esoterische Engelvorstellungen sind für Psychologen und Kulturwissenschaftler von Interesse, weil sich an ihnen zeigen ließe, was wir verlieren, wenn wir nicht mehr auf das Evangelium hören. Gleiches gilt für die Engelwerbung. Sie hat inzwischen absurde Vielfalt und Beliebigkeit angenommen. 

 

Mit der Wiederkehr des Engelthemas um das Jahr des Mauerfalls erschienen auch die ersten Engelwerbungen. Dass sich der Gedanke des Schutzengels in eine gewisse Analogie zu den Angeboten der DEVK-Versicherung („Der Schutzengel ihres Kindes“) setzen lässt, leuchtet dem Kulturwissenschaftler vielleicht ein. Schmunzeln mag der Betrachter großformatiger Plakate, auf denen Niveau-Creme als „Schutzengel für die Haut“ beworben wird. Fettarmer Käse („Philadelphia“) und magenschonender Kaffee („Idee-Kaffe“) lassen ahnen, dass wir auch in Nahrungsdingen des Schutzes bedürfen. Doch inzwischen gibt es nichts, wofür Engel nicht mehr Werbung machen: Alkohol („Ich trinke Jägermeister, weil er der Himmel auf Erden ist“) und Zigaretten, Tampons („Schutzengel hatten schon immer Flügel - o.b. Flexia für besseren Schutz“) und Parfüm („Angel - So sanft kann Stärke sein“). Dergleichen Beliebigkeit des Engelbildes lässt sich beim besten Willen nicht mehr in das Christentum inkulturieren.

 

Wer noch an Fragen der christlichen Wahrheit interessiert ist, wer zwar dem Volk auf Mauls schaut, aber dem Zeitgeist nicht nach dem Mund reden will, wie es in unseren Kirchen immer wieder geschehen ist und geschieht, der findet bei dem Engel Michael Orientierung. Sein Attribut ist das Schwert der Unterscheidung der Geister. Er integriert nicht, was sich nicht einfügen lässt oder lassen will, er betreibt keine Inklusion, wo sie reine Augenwischerei ist, er verwischt nicht die Unterschiede zwischen den Kulturen, Mentalitäten und Religionen. Als Freunde des Menschen haben Engel Mut zur Wahrhaftigkeit.

 

 

 

Michaels Schwert der geistlichen Unterscheidung sorgt für klare Worte, wo Abgrenzungen notwendig geworden sind. Gott ist die Liebe. Sein Evangelium gilt allen Menschen guten Willens. Aber nicht alle Menschen haben  gute Absichten. Allen Menschen ist das Heil verkündigt. Aber nicht alle Menschen stellen sich unter diese Gnade. In der Welt gibt es einen geradezu titanischen Widerstand gegen die Botschaft Jesu. Dafür steht der Widersacher, der Teufel, der Allesdurcheinanderbringer, der Drache, die alte Schlange, gegen die Michael sein Schwert der Unterscheidung zurück (Apk 12).  Diesem Michael sind die großen Klöster Europas in Italien , in der Normandie, in Cornwall und in Russland geweiht. In seinem Geist formierte sich einst das Reich der Ottonen.

 

Weihnachten ist nicht das Fest des Friedens um jeden Preis. Die Engel aus Watte sollen weiterhin in den Fenstern daheim und in den Schulen hängen. Und noch immer gibt es auch für unsere neuen ausländischen Schüler keine bessere Inkulturation, als das gemeinsame Singen von himmlischen Weihnachtsliedern , die Anfertigung eines Adventskranzes für den Klassenraum oder das Basteln von Engeln und Sternen mit der Lehrerin. Wie viel Segen liegt in dieser unschätzbar wertvollen Pflege unserer Weihnachtstradition! Wer je einmal als kleiner Engel bei einem Krippenspiel mitgewirkt hat, der weiß, dass von diesen festlichen Stunden immer ein kleiner Nachglanz zurückgeblieben ist. Das gilt auch für unsere muslimischen Mitschüler, die gerne das weiße Gewand eines Engels zur Weihnachtsfeier überziehen. Denn auch der Islam verehrt wie das Judentum die Engel als Boten Gottes. Schließlich ist es Gabriel, der Mohammed den Koran diktiert und damit die Geburt dieser Schwesterreligion einleitet.

 

Aber wir Erwachsenen, die ihren Kinderglauben bewahren dürfen und sollen, wir schauen auch auf die kleinen Randnotizen der Bibel, wenn es um Gottes Engel geht: Vor dem verschlossenen Paradies herrscht keine Willkommenskultur für die Sünder. Denn dort steht der sechsflügelige Cherub mit dem flammenden Schwert. Grenzen müssen geschützt werden. Von den fatalen Folgen einer gewaltsamen Grenzüberschreitung erzählt die alte Sage vom Engelsturz der Gottessöhne (Gen 6.1-4). Die männlich gedachten Engel kommen auf die Erde und vereinigen sich mit den Menschentöchtern. Dieses Vorspiel der großen Klimakatastrophe der Sintflut hallt noch in den Erzählungen von Sodom und Gomorra nach. Hier sind es zwei der drei Engel, die zuvor Abraham und Sara besuchten und die Geburt des Sohnes ankündigten, die nun Lot begegnen (Gen 19.1). Ihre Gestalt muss von jünglingshafter Schönheit gewesen sein. Denn Dorfbewohner kommen und wollen sie sexuell missbrauchen (Gen 19. 5). Lot bietet stattdessen seine Töchter an. Dank des Beistandes der Engel kommt es nicht zu einem Missbrauch. Aber Sodom und Gomorra haben sich selbst das Urteil gesprochen.

 

 

 

Engel sind Boten des Endes. Dass die Adventszeit mit der Ankunft Gottes zugleich vom Ende der alten Welt spricht, haben wir vergessen. Die Apokalypse hat ihre Rhetorik auf den Klimagipfeln der Welt und in Greta Thunberg eine ihrer Prophetinnen. Kein Pfarrer, keine Pastorin könnte es sich heute erlauben wie die selbst ernannte schwedische Heilsbringerin in Davos auszurufen: „I don’t want you to be hopeful. I want you to panic.“

 

Weihnachten ist Endzeit. Jetzt erschließen sich Zusammenhänge. Jetzt öffnet sich der Horizont. Jetzt erscheint der Himmel Gottes und seiner Engel über der Erde. Zur Liturgie aller christlichen Kirchen in Ost und West gehören zwei Engelgesänge, die als Lobpreis aus Engelmund wenig wahrgenommen und von den Gemeinden in ihrer spirituellen Dimension selten empfunden werden. Es ist das Sanctus der Seraphim wie es der Prophet Jesaja (Jes 6.3) vernimmt und wie es zur Abendmahlsfeier (Messopfer) von der Gemeinde gesungen wird. 

 

Erik Peterson hob mit seinem Klassiker „Das Buch von den Engeln“ (1935) diese liturgische Funktion der Engel hervor. Ihm folgt in unseren Tagen der Neutestamentler Rainer Schwindt mit seinem Buch „Der Gesang der Engel“ (2018). Der systematische Theologe Johann Ev. Hafner legt eine moderne „Angelologie“ (2010) vor. Die wissenschaftliche Engelforschung oder griechisch Angelologie ist noch immer eine katholische Domäne. Engel aber sind weder katholisch, lutherisch noch orthodox, sondern biblische Verheißung für alle Christen.

 

Wissen wir noch, dass wir mit dem Sanctus in den ewigen Lobgesang der Engel einstimmen, dass hier im gemeinsam vorgetragenen Hymnus wahrlich Himmel und Erde zusammenkommen, die gefallene Schöpfung heil und wieder eins wird? Denn die Engel als geschaffenes Licht des ersten Schöpfungstages bilden nach der Lehre des Augustin, den stationären Teil des Gottesstaates, dessen pilgernden Teil die Menschen noch sind. In der Liturgie aber wird die Einheit der Schöpfung von Mensch und Engel gefeiert. Das gilt besonders für das Prunkstück des Gloria, dass die Engel bei den Hirten auf dem Feld zu Bethlehem anstimmen und dass die Gemeinde in jedem Gottesdienst wiederholt. Spürt sie noch das Geheimnis der Gottesgeburt, wenn sie singt: „Ehre sei Gott in der Höhe“ (Lk 2.14)? Angestimmt wird das Gloria von der „Menge der himmlischen Heerscharen“ (Lk 2.13), worunter im Sinne Michaels durchaus kämpferische und zur Auseinandersetzung bereite Engel zu verstehen sind. Sie bilden eine Art Schutzmacht hier bei der Geburt Jesu, aber auch im weiteren Lebenslauf des Gottessohnes. Als Petrus bei der Gefangennahme das Schwert zückt und dem römischen Soldaten Malchus ein Ohr abschlägt, verweist Jesus auf die hier nicht genutzte Möglichkeit, den Dienst der Heerscharen in Anspruch zu nehmen: „Meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel (=72000) schickte?“ (Mth 26.53) Gott ist der „Herr der Heerscharen“ oder der „Herr Zebaoth“.

 

Im Tempel von Jerusalem erscheint Gabriel und kündigt Zacharias die Geburt des lang ersehnten Sohnes Johannes an. Damit wiederholt sich das Wunder der Geburt von Isaak. Elisabeth und Sarah sind beide jenseits des Klimakteriums, als sich Gottes Wunder an ihnen vollzieht. Die Jungfrauengeburt, die Gabriel anschließend der Maria verkündet, ist auch die erzählerisch notwendige Steigerung des Wunders. Dann kommen die Engel zu den Hirten und weisen ihnen den Weg zur Krippe. Die Geburt Jesu setzt eine Welt in Bewegung. Gottes Engel sind Teil dieser Bewegung, die im Herzen Marias meditativ nachschwingt, wenn es heisst: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2. 19) Zu dieser spirituellen Nachdenklichkeit lädt das Weihnachtsevangelium die „Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2. 14) ein.

 

 

Diese Weihnachtspredigt erschien im IDEA-Magazin 51/52. 2019