Am 20. September 2019 startete die Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts

zu einer High-Tech-Reise durch das Eis um den Nordpol.

Hier berichte ich von unserer Fahrt in das Sperrgebiet der russischen Arktis (1995).

Ich verdanke Ulrich Schacht die Möglichkeit,

Novaja Semlja, Severnaja Semlja und Franz-Joseph-Land gesehen zu haben.


 

 

Wir sind im Reich der Mitternachtssonne. Doch von romantischen Vorstellungen müssen wir Abschied nehmen.  Kein verklärendes rötliches Dämmerlicht hüllt uns ein. Um zwei Uhr nachts steht die Sonne leuchtend am Himmel, als wäre es Mittagszeit. Wir steigen durch eine Trümmerwüste. Aufgeplatzte Leitungsrohre, verlassene Häuser, verrostete Kettenfahrzeuge, tonnenweise Schrott, dazwischen alte Hinweisschilder auf radioaktive Strahlung. Draußen auf dem Grund der Karasee liegen nukleare U-Boote. Neue, noch verpackte  Gerätschaften verwittern bereits am Straßenrand,  eine Lieferung von Heizkörpern liegt vor den Häusern und dient als Fußabtreter. Landschaften wie aus einem Film von Andrej Tarkowskij.  Das Bild wird sich in den kommenden Tagen auf Kap Tscheljuskin, Sredny oder Krenkl wiederholen. Die russischen Militär- und Forschungsstationen in Nordsibirien und auf den Inseln der Arktis bieten ein Bild der Verwahrlosung. Niemand lebt hier oben freiwillig. Keine besondere Prämie lockt die Soldaten. Die Ernährungslage ist schlecht, die Kleidung ungenügend, die Zukunft ungewiß. Stationen wie Uschakova sind aus Geldmangel aufgegeben worden. Wissenschaftler und Soldaten stehen vor dem Nichts.  

 

 

Nach drei Stunden Schlaf in Dickson wurde unser Gepäck auf offenem Laster zum Flughafen transportiert. Visapapiere und Pässe waren erneut vorzulegen. Mit bedeutsamer Miene wurden sie von einer Frau in blauem Dienstkostüm und gefütterten Lederstiefeln kontrolliert, dann der Wodkaverkauf ohne Zollbeschränkung eröffnet. Bei unserer Rückkehr aus dem arktischen Archipel hatten wir sämtliche Koffer und die Kameraausrüstung ins Gebäude zu tragen. Die angekündigte Zollkontrolle wurde jedoch nicht vorgenommen. Lächelnd über allen Ungereimtheiten stand die Sonne und der weibliche Posten mit dem Maschinengewehr. Auch Alexander, Soldat und Turnlehrer in Dickson, hatte die Kalaschnikov geschultert, als er in gebrochenem Englisch das Gespräch mit uns suchte. Das Schild „UV-Strahlung“ klebte noch auf seiner Sonnenbrille. Der Zwanzigjährige besaß ein Diktiergerät und bat uns, einige englische Sätze darauf zu sprechen. Russische Politik interessiere ihn nicht, bekundete er offen. Das bestätigte er deutlich, als wir uns nach der Bibliothek in Dickson erkundigen. Stalin und Solschenicyn werden in einem Atemzug als politische Autoren genannt. Wir erleben das Ende der roten Arktis.