Wenn Gott will:

Ein Grenzgang im Nordwesten Pakistans (1997)

 

„Inschallah. Wenn Gott will, wird unsere Maschine um 8.52 Uhr in Peshawar landen!", bekennt die Stimme aus dem Bordlautsprecher. Und wenn Gott nicht will? Der Ruf des Muezzin hatte die schlaflose Nacht beendet. In den nördlichen Gebirgsdörfern von Chitral erklingt er im vielstimmigen Widerhall ebenso wie auf den Monitoren in den schwülen Wartehallen des Flughafens von Karashi. Allah ist groß, und überall beugen sich vor ihm die Herzen. „Islam“ bedeutet Hingabe an den Willen Gottes. Die Rhythmen des Tages und der Woche, des Jahres und des Lebens sind auf ihn ausgerichtet. Der alte Mann auf der Landstraße nach Mingora wirft sich zum Gebet in den Staub. Neben seinem Haupt rollt die Karawane der schweren Trucks. Wenn Gott will, kommt er unter die Räder. Beim Nachmittagsgebet wird die Kreuzung zum Ort des Gebetes, denn die Moschee kann die Zahl der Frommen nicht fassen. Der Angestellte unterbricht höflich das Gespräch, entschuldigt sich und geht für fünf Minuten zum Mittagsgebet.

 

„Bismillahir rahmanir rahim!“ Im Namen Gottes, des gnädigen, des Barmherzigen! Mit der ersten Sure des Heiligen Koran werden die Gäste der PIA (Pakistan International Airlines) auf dem Inlandflug vom indischen Ozean zu den Ausläufern des Karakorum begrüßt. Pakistani tragen Gebetskappen, Pathanen einen Turban auf dem Kopf; Frauen sind züchtig verschleiert. Sie kehren von einer Hochzeitsfeier zurück, wie die hennarote Färbung von Fingerspitzen und Fußsohlen der jugendlichen Mütter und ihrer Kinder zeigt. Übermüdet quengeln die Kleinen. Gelassen kümmert sich der Vater um die Töchter seiner beiden, offensichtlich überforderten Frauen.

 

Im staubigen Dunst von Peshawar tauchen endlose Siedlungen auf. Aus der urbanen Sicht von Lahore und Islamabad gehört die Grenzstadt am Kabul-Fluß zum „Wilden Westen“ Pakistans. Nicht nur wegen der drei Millionen afghanischen Flüchtlinge, die hier zum Teil in der zweiten Generation leben. Vor ihrem Elend hat die Welt die Augen geschlossen. In Peshawar gibt es keinen Tourismus, und auch die Eroberer von Alexander dem Großen bis zur britischen Koloninalmacht haben kein dauerhaftes Reich errichten können. Bedeutende Heiligtümer aus buddhistischer, hinduistischer und muslimischer Tradition, britische Festungen und Bewässerungssysteme zeugen von der wechselvollen Geschichte. Über den Khyber-Pass ist Peshawar mit Afghanistan verbunden. Wichtiger noch sind die Pässe und Pfade über die hohen Berge nach Nuristan und in die Ebene von Ghazni.

 

Von Peshawar bis in den Süden ziehen sich die alten Stammesgebiete (Tribal Areas) der Pathanen mit ihren über 15 Millionen Einwohnern. Ausländer dürfen es offiziell nicht betreten, Pakistani nur mit einer Einreisegenehmigung. Hier herrschen eigene, uralte Stammesgesetze und ein Ehrencode, den es unter allen Umständen zu verteidigen gilt: Gastfreundschaft (melmastia) und Sippenehre (nang), Vergeltung bei Streitigkeiten bis zur Blutrache (badal), aber auch die Pflicht, dem Gegner Gnade zu gewähren, wenn dieser Unterwerfung signalisiert (nanwatai). Pashto ist die Sprache dieser Stammesgebiete. In ihr haben Dichter wie Khushhal Khan Khatak, der Kriegerpoet der Pathanen, den geistigen und militärischen Widerstand gegen die persisch sprechenden Mogulherrscher formuliert, und noch heute lebt hier der Traum vom Land Pashtunistan, in dem der Nordwesten Pakistans mit dem Osten Afghanistans vereint ist. Wie überall im indomuslimischen Kulturraum ist das Englische gemeinsames Verständigungsmittel. In den Basaren der Nordwestprovinz trifft man aber auch afghanische Teppichhändler mit guten deutschen Sprachkenntnissen. Unter Zahir Shah, dem letzten König von Afghanistan, herrschte ein reger bildungspolitischer Austausch zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Universität Kabul. Nach dem Einmarsch der Roten Armee wurden Kontakte zu ostdeutschen Universitäten gepflegt.

 

 

Abid Zareef Khan ist Pathane, Leiter einer Privatschule und stolzer Besitzer eines 26 Jahre alten VW-Käfers. Vierspurig brandet der Verkehr durch die Stadt. Zwischen überladenen Bussen und buntbemalten Motorrikshas trotten Eselkarren und Wasserbüffelgespanne. Man ruft sich zu, schreit, schimpft, lacht und flucht. Die linke Hand am Steuer, die rechte auf der Hupe. Überholt wird kreuz und quer wie auf dem Jahrmarkt. Die schwarzweiß gemusterten Halstücher der Männer, in der Mittagsglut zum Abtupfen des Schweißes benutzt, dienen jetzt in der Abenddämmerung als Atemschutz. Der Polizist am Straßenrand trägt eine Atemmaske. Der Feueratem des Dämons legt einen Schleier aus Staub und Abgasen über seine Braut. Durch die verschmutzten Scheiben des Wagens ist nur wenig zu sehen. Abid reißt das Steuer nach links, um einem Kameltreiber und seinen Tieren auszuweichen. Die Sonne ist untergegangen. Trotzdem fahren die meisten Fahrzeuge ohne Licht oder haben wenigstens die Rückleuchten ausgeschaltet. Man glaubt auf diese Weise die Energie der Autobatterie zu sparen. Ja, das sei sehr gefährlich, kommentiert Abid. Jeden Moment könne ein Unfall passieren - Inschallah. Bodenwellen sollen den schnellen Verkehr bremsen. Doch niemand drosselt das Tempo. Wenn der Wagen über sie springt, lacht Abid: „German car is good for jumping!“ Und er zeigt stolz auf die Mitte des Lenkrades mit den Symbolen „Wolf“ und „Burg“.

 

Zwei Engel wolle er mir vorstellen, hatte Abid gesagt. An der großen Straße Nummer 5 nach Jalalabad rasten die Truckfahrer, wenn sie den Khyber-Pass glücklich passiert haben. Das typische Restaurant besteht hier aus einem großen offenen Raum ohne Mobilar. Mit dem Verzehr einer Mahlzeit erwirbt sisch der Gast zugleich das Recht, auf einer der nackten Holzpritschen übernachten zu dürfen. Fünfzig Fernfahrer liegen nebeneinander ausgestreckt, richten ihre Blicke auf einen Fernsehapparat und genießen den Frieden Allahas. „Salam aley kum!“ Morgen schon können sie zwischen die Fronten geraten. Gekocht wird vor dem Restaurant. Aus einem Topf schöpft der Wirt Reis und füllt ihn in eine Plastiktüte. Scharfgewürztes Fleisch gibt er auf ein Schälchen. Der Bäcker holt aus dem Feuerloch im Boden nacheinander sechs runde Fladenbrote. Sie sind Grundnahrungsmittel und ersetzen als Esshilfe den Gebrauch von Messer und Gabel.

 

 

 

Straße und Basar gehören zur Welt des Mannes. Hier geschieht alles öffentlich: die fromme Bezeugung des Glaubens wie die Geschäfte des Geldwechslers, das Ausweiden der Schlachttiere und das Mahlen der Gewürze. Der Dentist kramt in alten Gebissen und sucht für seinen Kunden einen passenden Zahnersatz, der Messerverkäufer demonstriert an einem Eisenpfahl die Schärfe der Schneide aus russischem Raketenstahl. Am Straßenrand arbeitet der Friseur, und der Schuster flickt einen Koffer. Aus der Presse fließt der Saft des Zuckerrohrs, während nebenan drei Männer hocken und in den Abwasserkanal urinieren. Hinter dem Schleier und der Haustür verborgen liegt die Welt der Frau. Hier legt sie den Chaddar, der ihr Haupt und bei Bedarf das Gesicht bedeckt, ab. Den Ganzschleier des Burqa mit der vergitterten Öffnung für die Augen wirft sie in glücklichen Augenblicken als Liebeszelt über das Haupt des Geliebten. Die Frau des Teppichhändlers stillt den Säugling in Gegenwart des Gastes. Wer es sich leisten kann, setzt auf sein Haus eine Dachterrasse mit hohen Mauern, damit die Frauen und Töchter den Blicken der männlichen Öffentlichkeit entzogen im Freien wandeln können. Auch wir sind im inneren Bezirk angekommen. „Meine Engel!“ Dass die beiden Lehrerinnen dem Orden der Benediktiner angehören, ist ihnen äußerlich nicht anzusehen. Durch päpstlichen Dispens ist es ihnen erlaubt, Schleier und Ordensgewand abzulegen.

 

Abid verteilt das Essen und schenkt Cola ein. Fü östliche Technik und westliche Konsumgüter gibt es keine kulturellen, nationalen oder religiösen Grenzen. Noch in den letzten Dörfern des Karakorum und des Hindukusch steht neben der Moschee eine Werbung für Pepsi-Cola, und der afghanische Geschäftsmann hält beim Überqueren der Straße in der einen Hand das Handy, in der anderen seine Frau im blauen Burqa. In Pakistan herrscht striktes Alkoholverbot. Weder in den Duty-Free Läden der Flughäfen noch in den Bars der großen Hotels ist er offiziell erhältlich. Doch hinter dem Schleier sind nicht nur schöne Frauen verborgen. Plötzlich steht eine Flasche Whiskey auf dem Tisch. Auch Abids Engel sprechen ihm zu, allerdings nicht ohne vor der Mahlzeit nach katholischem Brauch gebetet zu haben.

 

Den Genuss von Alkohol hatte der Prophet Muhammed (570-632) untersagt, nicht aber das Rauchen von Drogen. Deshalb begrüßen uns die Sufis beim Schrein des Chishti-Mystikers Abdur Rachman (1653-1711) mit einem Klümpchen schwarzen Afghanen. Es ist Donnerstagnacht. Bald beginnt Juma, der islamische Feiertag. Grund, durch Tanz und Musik in den Gesang der unsichtbaren Welt der Jinn einzustimmen. Nicht nur Perlen und weibliche Anmut weiß der Islam durch einen Schleier vor unberufenen Blicken zu schützen. Sag’ es niemand, nur dem Weisen: Denn wer wird dem biederen Frommen in der Moschee verraten, dass auch Gesang und Tanz ein Gebet sind? Der Mullah pocht auf den arabischen Urtext des Koran; der Mystiker aber sieht das Geheimnis Gottes auch in der Mitte der Rosenblüte und im aufsteigenden Duft des mit Cardamom gewürzten Tees. Das Sichtbare kann dem Weisen Gleichnis des Unsichtbaren werden. Der Unwissende sieht nur den breiten Graben zwischen der westlichen und der indomuslimischen Kultur. Der Weise aber hört hinter den verschleierten Gottesbräuten Judentum, Christentum und Islam das Herz der Gottessehnsucht schlagen.

 

„Wer könnte wohl den Menschen Glauben geben?

Er schenkt den Glauben jedem Gläubigen.

Wer könnt’ zum Himmel von der Erde steigen?

Die Möglichkeit dazu gab Jesu Er.

Wer könnte sich mit Gott wohl unterreden?

Doch damit hat Er Moses hoch geehrt.“

 

 

 

Wenn der letzte Schleier fällt, was bleibt anderes als die Liebe? Von ihr sang Abdur Rachman, den die Pathanen zärtlich Baba (Vater) nennen. Ihm gehören diese Nacht und der kommende Tag. Südwestlich von Peshawar, inmitten eines riesigen Gräberfeldes, liegt sein restaurierter Schrein. Die Straße zum Heiligtum gilt als äußerst gefährlich, denn sie führt durch eine Region, in der Mörder, entflohene Häftlinge und Diebesgesindel ihr Unwesen treiben sollen. Jederzeit könnten sie uns auf den unbeleuchteten Straßen durch eine Straßensperre stoppen, kommentiert Abid: Inschallah...

 

 

Ohne Gottes Willen erreicht niemand sein Ziel. Wer hier ankommt, kann kein Fremder sein, gleichgültig, welche Sprache er spricht und in welchem Winkel der Erde er geboren wurde. Gott ist einer, und diese Welt ist eine. Deshalb begrüßt uns der Wächter vor dem umzäunten Heiligtum als Freunde und führt uns über den dunklen Pfad dem Gesang entgegen.

 

„Vor Ihm wirft sich die Erde betend nieder,

Der Himmel beugt sich im Gebet vor ihm.

Anbetend steht vor Ihm der Baum im Walde,

Ein jedes Gras ist Zunge seine Lobes.

In Seinem Lobpreis sind beständig alle,

Ob’s Engel sind, ob Geister, ob der Mensch.

Sein Lob verkündet jeder Fisch im Wasser,

Im Hain singt jeder Vogel seinen Preis.“

 

 

 

 

Auf einem überdachten Platz in der Mitte des Gartens sitzt der alte Sänger. Er hält die Augen geschlossen, denn die zweizeiligen Pashtoverse (landay) des litaneiartigen Gesanges (qawwali) stehen in seiner Seele geschrieben. Die königsblaue Farbe von Umhang und Turban kennzeichnen seinen Rang. Drei Musikanten begleiten ihn mit Schlaginstrumenten: einer Art Bongo und einer umgedrehten Waschschüssel, der schwebende Rhythmen entlockt werden. Im Sprechgesang rezitiert der Alte Rachman Babas Gottespoesie, seine Schüler wiederholen die Worte im schöpferischen Widerhall. So wurden durch Jahrtausende die großen religiösen Dichtungen der Menschheit von den Upanischaden bis zum Enuma Elisch tradiert, so memorieren Pakistans Kinder noch heute die arabischen Suren, die Muhammed einst aus dem Mund des Engels Gabriel vernahm. Das gesprochene Wort weist über die inhaltlichen Aussagen hinaus. Religiöse Sprache ist Magie. Deshalb wird auch der Gast vom Gesang des Alten ergriffen.

 

Seine Schüler sitzen in Kreisen um den Alten. Unter ihnen fallen Gesichter mit heller Hautfarbe auf. Die Verwandtschaft mit den Völkern Nordeuropas wird in Pashtunistan gerne betont. Die Jungen begleiten den Meister mit rhythmischem Händeklatschen. Zuweilen blitzt der Griff eines Revolvers unter ihren Gewändern hervor. Pathanen sind Waffennarren. In Bannu, Kohat und besonders in Darra Adam Khel baut der Büchsenmacher innerhalb einer Woche jedes gewünschte Objekt nach.

 

Auf Holzpritschen in der Hütte nebenan ruhen die Alten. Auch hier in der Küche (langar), die nach altem Brauch jedem Gast offensteht, ist die Luft vom süßlichen Duft des Rauschgiftes geschwängert. Tee kreist. Der Fremde wird eingeladen, in den innersten Kreis zu treten. Er legt die rechte Hand auf die Brust und bekundet mit leicht angedeuteter Verbeugung seinen Dank für die Ehre.

 

„Im Namen meines Gottes will ich singen“

 

Jeden Tag rufe Rachman Baba seine Seele, bekennt der fünfundsiebzig Jahre alte Sänger Painda Khan. Solle er zwei Tage hintereinander nicht an diesem Ort erscheinen, mögen die Freunde zu ihm auf den Hof kommen, denn er sei dann gewiss bettlägerig. Da aber die Nähe eines Heiligen Gesundheit an Seele und Leib schenkt, war Painda Khan noch nie krank gewesen. Das Rad des Pfaus ist Symbol der Ganzheit, der Einheit in der Vielfalt der Farben und Formen. Muhammeds Pferd Buraq trug einen Pfauenschweif. „Pfau“ nannte sich ein Jünger Rachman Babas. Vor dem Betreten des umzäunten Grabes zieht der Besucher wie in einer Moschee die Schuhe aus und legt sie mit den Sohlen aneinander. Eine Almosenbüchse erinnert an die heilige Pflicht (zakat). Oben im hohen Baum über dem Grab wacht ein echter Pfau. Die Seele des Verstorbenen sei in ihm, heißt es.

 

In Saidu-Sharif (Swat-Tal), nordwestlich von Peshawar, wird Hochzeit gefeiert. Ob im Flugzeug oder Hotel: die Reste der Mahlzeit werden auf den Teppichboden geworfen. Dieses Hochzeitsbankett muss üppig und die Gesellschaft sehr zufrieden gewesen sein, wie die zahlreichen Speisereste auf dem Boden des Hotel Royal Palace signalisieren. Jetzt bewegen sich zwei Tänzerinnen lasziv im Kreis der Männer. Bleiben sie mit kreisenden Hüftbewegungen vor einem stehen, darf dieser mit Hilfe seiner Freunde einen Tanz „kaufen“. Aus dicken Bündeln lassen sie Geldscheine über dem Kopf der Frau regnen. Wenn diese Bereitschaft signalisiert, springt der Mann von seinem Sitzplatz auf. Die anderen begleiten das Geschehen mit schrillen Lustschreien und Klatschen. Allah ist ein sittenstrenger Gott. Doch hier bricht noch einmal uraltes Erbe hervor. Ischtar lässt die Männer tanzen, und der Bräutigam folgt ihren Reizen mit eindeutiger Bewegung des Unterleibes.

 

 

Die Pubertät fordert strikte Geschlechtertrennung. Das Mädchen verschwindet hinter dem Schleier. Anders als bei Kindern und Männern gilt das Photographieren von Frauen als obszön. Deshalb hat der Tanz im grellen Scheinwerferlicht der Videokamera einen besonderen Reiz. Die Inszenierung ist nicht ohne symbolische Funktion: Hier die Huren mit langem offenen Haar und nacktem Bauch, dort im separierten Raum die weiblichen Hochzeitsgäste mit der Jungfrau.

 

Einförmiger Sprechgesang dringt aus der Schule von Islampur. Der Lehrer schreibt an die Tafel: „The teachers are clever.“ Einige Jungen gehen nicht zur Schule. Sie arbeiten in den Webereien. Auffallend viele Mädchen laufen auf der Straße herum und betreuen ihre kleinen Geschwister. Gewiss, es gäbe auch eine Mädchenschule in Islampur, sagt der Weber. Beim Rundgang durch sein Dorf führt er uns in Handwerksbetriebe und signalisiert, wenn ein Blick tabu ist. Unvermittelt bleibt er stehen und deutet auf ein Gebäude. Dort liege die Mädchenschule. Deshalb sei hier für Männer der Weg zu Ende. Angesprochen auf seine familiären Verhältnisse, erzählt er von seiner zukünftigen Frau. In vier Wochen werde Hochzeit sein. Sein Vater habe die Braut ausgesucht. „Ist sie schön?“ Er lächelt. „Besitzt Du ein Photo von ihr?“ Erneut lächelt er. „Kennst Du Deine Braut?“ Jetzt antwortet der Weber. Ja, er habe sie einmal im Alter von vier Jahren gesehen. Dann zeigt er uns stolz den Rohbau der neuen Moschee, den seine Familie finanziert hat.

 

Zwischen Moslems und Hindus gibt es auch nach der Unabhängigkeit Pakistans von Indien (14. August 1947) noch Spannungen. Unserem muslimischen Freund Kakoo wird der Eintritt in den Sikh-Tempel Gor Khati von Peshawar verweigert. Christen dagegen sind hier ebenso willkommen wie in der Mahabat Khan Moschee, wo dem Hindu als „Ungläubigen“ der Zutritt versagt bleibt. Das reiche buddhistische Erbe dieser Region wurde dank umfangreicher japanischer Hilfe restauriert und vor Dieben geschützt. In Shahbaz Garhi, so wird erzählt, lebte einst Buddha in der Gestalt des Prinzen Visvantaras und der weiße Elefant Chanaka Dheri, der die Fähigkeit des Regenmachens besaß. Hier sind die weltberühmten Edikte des buddhistischen Königs Ashoka (272-231 v.Chr.) in der alten Gandhara-Schrift Kharoshti in Stein gemeißelt, eine frühe Magna Carta des Humanismus. Sie fordern zu religiöser Toleranz, Achtsamkeit vor allem Lebendigen, Pilgertum und Armenfürsorge auf.

 

Unweit der Ashoka-Inschriften liegen Überreste des buddhistischen Klosterkomplexes von But-Kara und die Tempelanlage von Takht-i-Bahi, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Kakoo führt uns durch den Innenhof mit seinen 35 Stupas und über 30 Bodhisattva-Kapellen. Ein Arbeiter bietet kleine antik aufbereitete Buddhastatuen zum Verkauf an. Über den Hang steigen wir auf den Berggipfel. In der Ebene liegen die Lager von Peshawar und fern am Horizont Afghanistan, das Land, aus dem man flüchtet. Achtsamkeit vor dem Leben lautete Buddhas oberstes Gebot. Sie gilt auch dem Brudertier im zerbombten Zoo von Kabul. Den von Schrapnell-Kugeln zerfetzten indischen Elefanten, dem Löwen, der durch die Explosion einer Handgranate erblindete und nun statt Fleisch Reis und Karotteneintopf zu fressen bekommt.

 

 

 

 

Von der Militärbasis in Peshawar hatten wir in vielen Nächten den Start von Flugzeugen verfolgen können. Es hieß, sie dienten der Versorgung der Taliban, jener verlorenen Generation von Kindern des heiligen Krieges (jehad), die nun nach der Macht griffen. Im amerikanischen Club von Peshawar, dem zentralen Treffpunkt von Vertretern der Hilfskommitees aus aller Welt, hieß es, Pakistan und die USA unterstützten sie. Pakistan trage die Hauptlast der Flüchtlinge und müsse daher ein Interesse an der baldigen Beendigung des Krieges haben. Die USA sähen in den Taliban als sunnitischen Muslimen einen Widerpart zum schiitischen Iran des Ayatollah Ali Khamenei. Vor allen Dingen seien sie an den Bodenschätzen im Norden des Landes interessiert. Zudem gelte Afghanistan als eines der großen Drogenanbaugebiete (Vakhan) Asiens und als Kaderschmiede des Weltterrorismus. Ramzi Yusuf, der einen Terroranschlag auf das World Trade Centre in New York ausgeübt hatte, sei hier ausgebildet worden. Als ich Kakoo nach seiner Beurteilung der politischen Lage frage, zählt er die wechselnden Führer seit dem Einmarsch der Roten Armee (27. Dezember 1979) bis zum Sturz der Regierung von Burhanuddin Rabbani (27. September 1996) auf: Hafizullah Amin, Babrak Kamal, Najibullah, Rabbani, Mulla Muhammad Umar. Der 27. sei ein Schicksalstag in der blutigen Geschichte Afghanistans. Doch habe König Amanullah Khari am 27. Juli 1919 auch die Unabhängigkeit von den Briten erreicht. Mehr sagt er nicht.

 

Kakoos Freunde wohnen im Universitätsviertel von Peshawar. Sie kommen aus Norwegen, der Schweiz, aus England oder Australien wie Maria und Edward. Ihre Kinder besuchen die kleine internationale Schule. Vor das bewachte Grundstück dürfen sie keinen Schritt alleine gehen. Im Schlafzimmer der Kinder hängen Photographien von Koalas, Känguruhs und dem Jagdhund. Daneben ein Bild, das ihre Mutter mit dem Dalai Lama zeigt. Die Schüsse in der Nacht hören sie nicht mehr. Wenn Maria nach einem Einsatz in Afghanistan wiederkommt, ist sie von Wut, Trauer und Ohnmachtsgefühlen erfüllt. Im Kreis der Familie und der Freunde gewinnt sie neuen Mut. Für die Kinder sind die Tage, wo ihre Mutter jenseits der Grenze arbeitet, von großer innerer Anspannung geprägt. Die unzähligen Minen aus russischer Besatzungszeit sind noch nicht weggeräumt. Täglich fallen ihnen Afghanistans Kinder zum Opfer. Maria erzählt von einem einsamen Spaziergang am Rande eines afghanischen Dorfes. Nach der Rückkehr habe ihr Fahrer gesagt, sie sei soeben über ein Minenfeld gelaufen: „Aber keine Sorge. Sie explodieren nur bei Panzern!“

 

 

Kakoo vertraut man sein Leben bedingungslos an. Beim Abstieg vom Klosterberg von Takht-i-Bahi singt er fröhliche Lieder aus Badakhshan. Sadat fährt uns zum Fluss. Bei einer kleinen Bootsfahrt kühlen wir die staubigen Füße im Wasser. Vorbei geht die Fahrt an einem Lager. Die Kinder winken und rufen Kakoos Namen. Seit fünfzehn Jahren wohnen Mitglieder seiner Familie hier. Seine Frau lebe noch in der Nähe von Nangarhar. Weiter oben am Fluss reinigt ein Bauer seinen Traktor. Anschließend füllt er den Wassertank, seift seinen Körper ein und wäscht sich die Haare. Kinder springen vom Rücken der Wasserbüffel ins erfrischende Nass. Kakoo knackt Mandeln zwischen seinen Zähnen. In der Bude am Ufer genießen wir den würzigen Fisch. Dann geht es über den Ambela und Buner Pass durch unwegsame Mondlandschaft wieder ins Gebirge. Wasserfälle haben weite Teile der Straße weggespült. Immer wieder setzt der Wagen auf. Kakoo klatscht beim Vorbeifahren einer Kuh auf den Rücken. Die wehrt sich mit den Hinterläufen und schlägt eine Beule in den Wagen. Sadat lacht.

 

Das Wesen des Heiligen ist Freundschaft, wie das Wort „wali“ andeutet. Es bedeutet zugleich „Heiliger“ und „Freund“. Deshalb suchen die Pilger bei einem Besuch des Grabmales („mazar“) von Pir Baba den freundschaftlichen Zuspruch und konkrete Hilfe bei körperlichen Gebrechen und Unfruchtbarkeit. Wie „Baba“ ist auch „Pir“ (der Alte) Ehrentitel eines Sufiheiligen. Sayyid Ali Shah von Tarmez, genannt Pir Baba, ist Nachkomme des Propheten und zugleich Pashtunistans größter Heiliger. Der aufsteigende Pfad zu seinem Schrein führt an Verkaufsständen mit allerlei Trödelkram vorbei. Unten im Bach wird ein Kleintransporter gereinigt. Anschließend wirbt der Fahrer durch vielstimmiges Hupkonzert um Kunden. Wir haben die Schuhe abgelegt, Füße, Arme und Gesicht bei der großen Waschanlage im Zentrum der Moschee gereinigt. Kakoo verabschiedet sich zum Gebet. Ohne Opferbereitschaft gibt es keine Annäherung an das Heilige. So schreibt das Ritual den Tausch von Scheinen in Opfermünzen vor. Wir erhalten zwei Säckchen voller Münzen. Hinter dem Geldwechsler öffnet sich unter einem Torbogen der letzte Aufstieg zum Schrein des Pir Baba. Auf einer überdachten Mauer sitzen Bettler mit leprös verkrüppelten Gliedmaßen und entstellten Gesichtszügen. Einige fordern lautstark das Geldopfer ein, andere blicken den Fremden demutsvoll an. Zur rechten des Pilgerpfades befinden sich kleine Verkaufsstände mit Parfümfläschchen und pulverisierter Holzkohle, die, als Lidstrich verwendet, Zeichen der Pilgerschaft ist. Wir geben reichlich, doch einige schreien: „Gib mehr!“ Besorgt richtet sich der Blick nach oben. Werden die Almosen für den Rückweg reichen?

 

Das Heiligtum besteht aus einem weiten, beinahe leeren Raum. Ein Bild der Sammlung und des Friedens. Mütter mit ihren Kindern haben sich auf dem blanken Fußboden niedergelassen. In der Mitte des hohen Raumes, von einem Gitterzaun geschützt, stehen die Schreine von Pir Baba und seinem Sohn. Einzeln treten die Pilger hier ein. Väter heben ihre Söhne hoch, damit sie den Schrein des Heiligen küssen können. Über dem Grabmahl hängt ein Bild von dem zentralen Heiligtum der Muslime, der Kaaba. Die Wallfahrt (hadsch) nach Mekka gehört zu den heiligen Pflichten des Muslims. Dem Wissenden aber deutet das Bild ein Geheimnis an: Auch hier ist Mekka, und die Kaaba liegt in jedem Herzen, das sich zu Gott bekehrt. Ein Pilger verteilt rosa gefärbtes Fettgebäck. Süß ist der Friede Allahs. Dann folgt der Abstieg an den Krüppeln vorbei. „Gib mehr!“, rufen sie. Der Geldwechsler nimmt ein winziges Holzstäbchen und will mir das Zeichen der Pilgerschaft auftragen. Erst beuge ich mich vor, zucke aber bei der ersten Berührung meines rechten Augenlides zurück. War es das blitzhaft aufsteigende Gefühl, er werde mir mit dem Stäbchen das rechte Auge ausstechen?

 

Auf der Rückfahrt machen wir Rast bei Adul‘rahim im „New Afghan Restaurant“ an der Pir Baba Road. Der Wirt reicht mir das Gästebuch und bittet mich, meine Adresse einzutragen und ein Photo von ihm zu machen. Was ich ihm schulde, frage ich den Wirt. Nichts, sagt Abdul‘rahim und legt die rechte Hand auf seine Brust. „Salaam alay kum!“ sage ich zum Abschied. „Waalay kum as salaam! Nächstes Jahr in Afghanistan!“, entgegnet er und nimmt mich in die Arme. „Inschallah!“

 

 

 

 

 

 

Anmerkung zu Annemarie Schimmel: 

Die Zitate habe ich dem wunderbaren Werk von Annemarie Schimmel "Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker" (1987) entnommen. Ich besprach das Buch für den "Rheinischen Merkur". Daraufhin erhielt ich von Annemarie Schimmel einen Tonträger mit der Dokumentation ihrer Lesung aus diesem Werk in den Sprachen des Orients und in deutscher Übersetzung. So blieben wir in Kontakt, korrespondierten gelegentlich und planten ein Engel-Symposion in Hildesheim. In ihren Erinnerungen "Morgenland und Abendland" beschreibt sie ein Engelerlebnis in der Frankfurter Paulskirche. Ich habe es in meine Anthologie "Boten der Liebe. 24 Engelsgeschichten" (2013, Seite 98ff.) aufgenommen. Zu ihrem Frankfurter Engelerlebnis schrieb mir Annemarie Schimmel (19. September 2002):

 

"Ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass Sie meine Engel auch als genuin erkennen! Danke für die beiden Bücher - ein Engel-Symposion wäre schön, da würde ich mitmachen - inschallah!"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Projekt "Umweltengel" im Schuljahr 1992/93: Engel sind Streetworker Gottes

 

 

Projekt des LK Deutsch 1993/94: Wo ist der Umweltengel?

 

 

Rano Achunowa gründete die erste Waldorfschule in Tadschikistan.

Eine Deutschlehrerin in einem muslimischen Land russischer Prägung.

Engel kennen keine Grenzen. 

 

https://www.freunde-waldorf.de/waldorf-weltweit/einrichtungen-weltweit/asien/tadschikistan/chudsand/

 

 

 

 

  

Der Beruf führte mich ins östliche Niedersachsen, nicht weit entfernt von der Grenze zur DDR. Es war das Jahr 1987. Mit drei kleinen Kindern wohnte ich in dem Dorf Solschen zwischen Braunschweig und Hildesheim. In dieser Landschaft hatte Friedrich von Spee gewirkt, hier war er überfallen und schwer verwundet worden. Das Dorf besaß eine Kirche, in der 800 Gläubige bequem Platz gefunden hätten. Das Gotteshaus wurde Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut und dem Heiligen Pancratius geweiht.  Aus dieser Zeit stammten auch die emaillierten Schilder mit den Namen der Stifter. Sie markierten nun die leeren Sitzplätze.

 

Dieser Ort sollte für mich zu einer Erfahrung werden. Jeden Sonntag versammelte sich hier eine Gemeinde von fünf, manchmal zehn Gläubigen. Keine Ermunterung vermochte sie zu motivieren, gemeinsam in der ersten Bank Platz zu nehmen. Ein junger Organist spielte selbstverliebt sein Instrument. Vom Gesang der Gemeinde war nichts zu hören. Die Gläubigen senkten ihr Haupt, als hätte sie eine große Scham ergriffen. Eine an Erstickung grenzende Sprachnot breitete sich auch in anderen Gemeinden aus.

 

1985 hatte ich erste Erfahrungen als Religionslehrer an der Ursulaschule in Osnabrück gesammelt. Schulleiter war damals Pater Werinhard Einhorn OFM. Er hatte über das Einhorn in der Kunst des Mittelalters promoviert. Jeden Morgen wurde ein Gottesdienst gefeiert. Methodische Anregungen für die Gestaltung von Schulgottesdiensten gab es zuhauf. Aber schnell merkte ich bei der Lektüre dieser Arbeitshilfen, dass sie oftmals nur ein Ausdruck des Mangels eigener Frömmigkeit und inwendigen Lebens waren und sich deshalb in Äußerlichkeiten verloren. Schüler aber haben einen untrüglichen Blick für das Authentische.

 

Wer Gottesdienst feiern will, darf den Weg nach Innen nicht scheuen. Pater Werinhard war auch hier ein Lehrmeister. Einmal erzählte er von einer Unruhe, die ihn ergriffen hatte. Zur Vorbereitung einer Andacht suchte er in den Geschäften der Bischofsstadt Osnabrück nach einem Geige spielenden Engel. Er wollte ihn der Schulgemeinde zeigen, um anschaulich über das Gotteslob und die Musik der Engel zu predigen. Eine Firma aus dem Erzgebirge stellt jene Engel her, die zur Weihnachtszeit die Wohnzimmer schmücken. Engel dienen vielerorts als Nachfolger der Laren und Penaten. Sie dekorieren Wohn- und Schlafzimmer, sie schmücken Gräber und Gartenteiche. Aber fördern sie auch unseren Lobgesang? Pater Werinhard hatte damals seine Suche nach dem Engel des Lobpreises ohne Ergebnis abgebrochen. „Was suchst Du eigentlich?“, hatte er sich gefragt. „Warum brauchst Du einen singenden Engel, wo Du und Deine Schüler doch selbst singen können!“ Die kleine Geschichte wurde für mich zum ersten Schritt der Begegnung mit einem großen Geheimnis: Der wahre Gottesdienst beginnt im Herzen. Denn wie das Einhorn, so liebt Gott die Verborgenheit und die große Stille.  Niemand vermag durch List und Gewalt das Einhorn zu fangen. Doch wer in seinem Herzen ganz stille wird und andächtig, zu dem kommt es und bettet zärtlich sein Haupt in den Schoß. 

 

Gott ist ein stiller Gott. In meiner Dorfgemeinde aber war es beängstigend still. Deshalb sang ich besonders laut und dachte dabei an jene alten Männer in den Gottesdiensten meiner Kindheit. Einer genügte, der seine Stimme erhob, und ich fühlte mich sicher und geborgen.

 

An den Bänken der Solschener Kirche leuchteten die weißen Namensschilder jener Familien, die in diesem Gotteshaus einst das „Großer Gott, wir loben dich!“ aus 800 Kehlen vielstimmig gesungen hatten. Ich schaue auf die Schilder und las die Namen. Da war es mir, als riefen die Schilder ihre Namensträger herbei: Wo seid ihr? Wo sind eure Kinder und Kindeskinder? Eine Schwundstufe war erreicht.

 

Die Wüste ist der Ort der Anfechtungen und Versuchungen. Aber auch das Rettende ist nahe. Es führt wieder zur Mitte und ins Wesentliche. In meiner Wüste entdeckte ich die alten Lieder in neuer Weise. Die langen Predigten boten viel Zeit für die Lektüre. Und das Lesen wurde zu meinem Gebet und führte mich zu den Engeln, die ich seit je geliebt und auf dem Weg ins Leben fast verloren hatte. In den Liedern war zu allen Zeiten des Kirchenjahres die Rede von den himmlischen Chören der Engel. 

 

„Alles, was dich preisen kann,

Cherubim und Seraphinen,

stimmen dir ein Loblied an,

alle Engel, die dir dienen,

rufen dir stets ohne Ruh:

‚Heilig, heilig, heilig!’ zu.“

 

Warum singen die Engel? Gewiss nicht zur Unterhaltung Gottes. Ihr Gesang ist Ausdruck eines Lebens im Wesentlichen: Sie sehen Gott von Angesicht zu Angesicht. Immer haben sie ihn vor Augen. Gott erfüllt sie. Sie können gar nicht anders. Denn Gott singt in ihnen. Diese gottseligen Geister sehen, was uns, solange wir auf Erden sind, verborgen bleibt: Gottes Gegenwart. Ihr Gesang ist die Antwort auf die große Herrlichkeit. Gott ist Schöpfer der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Mag die Gemeinde auf Erden verstummen oder im Eifer der Reformen das Wesentliche aus dem Blick verlieren, die Seraphim und Cherubim mit dem großen Heer der Engel werden unverdrossen den Lobpreis anstimmen. 

 

Die eigene Stimme und den Chorgesang kann man trainieren. Lieder kann man lernen. Doch was die Seele singen macht, ist nicht von dieser Welt. Das „Heilig, heilig, heilig“ der Seraphim und das „Ehre sei Gott in der Höhe!“ der himmlischen Heerscharen bei den Hirten zu Bethlehem ist die Antwort des Geschöpfes auf die Gotteserfahrung.

 

Die Kirche auf Erden stimmt ein in den Lobgesang der Kirche im Himmel. Mögen unsere Augen gehalten sein und unser Atem kurz werden, die Stimmen matt und verzagt, mag uns ein kalter Schauer ergreifen und die Angst vor einem unseligen Ende, das Gloria und Sanctus der Engel wird nicht verstummen.

 

Durch den Gesang hatte ich den Weg zu jenen Engeln wiedergefunden, die mich im Werden und Wachsen der Kindheit begleitet hatten: „Guten Abend, gute Nacht, von Englein bewacht“, „Abends, wenn ich schlafen geh’, vierzehn Englein um mich stehn“. Als ich die Lieder an meine Kinder weitergab, wurde ich selbst für den Augenblick des Gesanges wieder Kind. Ist nicht alle wahre Frömmigkeit eine Wiederentdeckung der Kindheit?

 

1989 wurde ich mit der Ausbildung angehender Religionslehrer betraut. Wie in der religiösen Erziehung der eigenen Kinder stand ich vor der Aufgabe, nicht allein Wissen zu vermitteln, sondern Wege zur Begegnung mit der heimlichen Weisheit der Bibel und der Tradition zu beschreiten.

 

Gerhard Tersteegen hat dem gemeinsamen Lob von Engel und Mensch in einem Lied Ausdruck verliehen. Es ist wohl eine der besten Gebetsübungen. 

 

„Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten

und in Ehrfurcht vor ihn treten.

Gott ist in der Mitten. Alles in uns schweige

und sich innigst vor ihm beuge.

Wer ihn kennt,

wer ihn nennt,

schlagt die Augen nieder;

kommt, ergebt euch wieder.“

(GL 387.1)

 

Tersteegen bildet die Mitte jener biographisch und hymnologisch ausgerichteten Engelbücher wie „Breit aus die Flügel beide“ oder „Das große Buch der Engel“, die ich Anfang der Neunziger Jahre im Herder Verlag vorlegte. Ihnen folgten Einladungen zu Einkehrtagen mit den Novizenmeistern und –meisterinnen des Benediktiner- und Zisterzienserorden über das hymnologische Vorbild der Engel für den Lobpreis der Kirche. Die gemeinsame Zeit in den Klöstern Mariastein und Engelberg schenkte mir die Möglichkeit der Teilnahme an den Stundengebeten. Während sich die Mönche hinter der Chorschranke versammelten, saß ich mit den Schwestern im Kirchenschiff. Dann begannen unter Verbeugungen die Psalmengesänge, als folgten sie den Anweisungen von Tersteegen Loblied. 

 

„Gott ist gegenwärtig,

dem die Cherubinen

Tag und Nacht gebücket dienen.

Heilig, heilig, heilig! singen ihm zur Ehre,

aller Engel hohe Chöre.

Herr, vernimm

unsre Stimm,

da auch wir Geringen

unsre Opfer bringen.“

(GL 387.2)

 

Die Nonnen und Mönche, so hatte es der Heilige Benedikt gewollt, sollen ein Engelleben führen. Doch Menschen sind keine Engel. Engel singen „ohne Ruh“. Wir aber ließen eine Sitzung ausfallen und wanderten bei strahlendem Sonnenschein hinter das Kloster Engelberg, zogen unsere Schuhe aus und badeten die Füße im eiskalten Wasser eines Gebirgsbaches. An einem anderen Tag besuchten wir vor der Vesper die Eissporthalle und spielten Stockschießen – die Patres und Schwestern natürlich im Habit. Aber in der Anbetung traten wir wieder an die Seite des niemals unterbrochenen Lobgesanges der Cherubim und Seraphim.