Drucken
Danmark
Zugriffe: 684

 

Karl Christian Felmy, S.E. Kurt Kardinal Koch und Uwe Wolff  freuen sich mit den Gästen

(Photo: Professor Dr. Barbara Hallensleben/Fribourg)

 

 

 

 

Edzard Schaper als ökumenischer Grenzgänger

von S.E. Kurt Kardinal Koch 

 

(Aus der Ansprache bei der Präsentation des Buches von Uwe Wolff

„Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts“

in der Apostolischen Nuntiatur in der Schweiz in Bern am 7. November 2012.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.)

 

 

 

„Man macht eben nicht ungestraft eine Reise in die Provinzen seines Herzens – und geht dann wieder in das Exil seines Verstandes.“ Dieses auf den ersten Blick änigmatische, ttiefer gesehen jedoch aufschlussreiche Wort in einem Brief Edzard Schapers aus dem Jahre 1949 führt uns in das innerste Geheimnis seines Lebens und seines schriftstellerischen Wirkens: Edzard Schaper war in seinem ganzen Wesen ein Grenzgänger, und zwar seit seiner Geburt. Dies gilt bereits von seiner äusseren Biographie, die ihn von Deutschland über Estland, über Finnland und Schweden in die Schweiz geführt hat. Indem er an den Grenzen von Nordosteuropa in einer Zeit grosser Umbrüche und weit reichender Umwälzungen gelebt hat, ermöglicht Uwe Wolffs faszinierende Biographie Edzard Schapers auch eine Reise im Geist durch Europa und seine ebenso grosse wie tragische Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Als ein Mensch, dessen Passion das Schreiben gewesen ist und der wegen der Freimütigkeit seines Denkens und Schreibens sowohl vom sowjetischen Russland als auch vom nationalsozialistischen Deutschland zum Tode verurteilt worden ist und sich deshalb immer wieder auf der Flucht befunden hat, bis er in der Schweiz eine gewisse Heimat gefunden hat, bringt er das scharfe Licht des Schriftstellers in das Dunkle der europäischen Geschichte, das wir nie der Vergessenheit anheimgeben dürfen.

Ein Grenzgänger war Schaper aber auch in seiner inneren Biographie. Auch sie hat ihren Ort an der Grenze. Seine immer wieder eintretenden Nervenzusammenbrüche zeigen die Grenzen in seinem psychischen Leben, das auch von Suizidgedanken nicht frei gewesen ist, in dem er sich aber immer wieder auch mit der therapeutischen Kraft des Schreibens aufrichten konnte. „Das hohe Mass an Produktivität war die Kehrseite seiner Traurigkeit“ (284): Mit diesem Satz hat Uwe Wolff den inneren Grenzgang in der Biographie Schapers wohl meisterhaft und sensibel zugleich zum Ausdruck gebracht. Von daher wird es nicht überraschen, dass auch Schapers religiöses Denken und seine Spiritualität das Kennzeichen der Grenze tragen, nämlich die Grenze zwischen Schuld und Erlösung, die Grenze zwischen Tod und Auferstehung, die Grenze zwischen Karfreitag und Ostern und in allem die Grenze zwischen Anfechtung und Gnade. Dass es keinen Glauben ohne Anfechtung, keine Gewissheit ohne Zweifel und deshalb auch keine Erlösung ohne Versuchung geben kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biographie Schapers und dürfte sie gerade für die vielen suchenden Menschen von heute existenziell in besonderer Weise zugänglich machen.

Ein Grenzgänger war Edzard Schaper vor allem auch in ökumenischer Hinsicht, der wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen wollen. Wiederum gilt dies zunächst von seiner äusseren Biographie: Seine Kindheit und Jugend hat er in evangelischer Frömmigkeit und lutheranischer Umgebung vollbracht, dann kam er in Kontakt mit dem östlichen Christentum und begegnete orthodoxen Christen und Christinnen, die in der Verfolgung ihre Treue zum Glauben bewährt haben, und schliesslich liess er sich in der katholischen Kirche beheimaten, in die er im Jahre 1961 in der Klosterkirche Einsiedeln aufgenommen worden ist. Seine Konversion zur katholischen Kirche hat Schaper aus tiefer Überzeugung vollzogen, genauerhin in der Gewissheit, die er in einem Brief aus dem Jahre 1954 dahingehend ausgesprochen hat, dass Gottes Kirche „in allen Konfessionen, sicher aber trotz allem am gegenwärtigsten in der katholischen Kirche“ ist. Wenn er in demselben Brief seine Konversion dahingehend gedeutet hat, „dass man katholisch werden muss, um evangelisch sein zu können“, und dass „uns aufgegeben ist, die unverlierbaren Entdeckungen des protestantischen Zeitalters heimzuholen in einem katholischen Sinn“, dann zeigt Schaper damit, dass er seine Konversion nicht in einem konfessionalistischen Sinn verstanden hat, sondern von einem weiten Begriff des Katholischen ausgegangen ist, den er mit seiner Überzeugung zum Ausdruck gebracht hat, „dass Gottes Kirche quer durch alle Konfessionen geht“. Und wenn er in seinem Buch „Die sterbende Kirche“ schreibt, dass alle Kirchen „gut für die Seele“ sind, „die da glauben will und Gott sucht“ (333), dann geht es Schaper elementar um eine Ökumene der glaubenden Herzen, die nicht Christen von anderen Kirchen abwerben und aus ihnen Konvertiten machen, sondern Christen auch in anderen Kirchen in ihrem Glauben an Christus stärken will.

Bei der Lektüre von Schapers Biographie und insbesondere seiner ökumenischen Überzeugungen kam mir unwillkürlich eine ähnliche ökumenische Vision, und zwar ebenfalls eines Schriftstellers in den Sinn, nämlich Solowjevs „Kurze Erzählung vom Antichristen“. Sie ist von der Gewissheit getragen, dass auf der einen Seite im Augenblick der letzten Entscheidung vor Gott sichtbar werden wird, dass in allen drei Gemeinschaften, nämlich bei Petrus, Paulus und Johannes, Parteigänger des Antichrist leben, die mit ihm gemeinsame Sache machen, dass aber auch in allen drei Gemeinschaften wahre Christen leben, die dem Herrn bis in die Stunde seines Kommens hinein die Treue halten, und dass sich auf der anderen Seite vor dem Angesicht des wiederkommenden Christus die Getrennten um Petrus, Paulus und Johannes als Brüder und Schwestern erkennen werden. Mit dieser Erzählung will Solowjev gewiss nicht die Einheit der Christen ans Ende der Tage verschieben oder auf die Zeit nach der Wiederkunft des Herrn vertagen. Auch wenn die endgültige Scheidung zwischen den Parteigängern des Antichrist und den treuen Gefährten Christi erst am Ende der Tage geschehen wird, will Solowjev gerade dazu einladen und herausfordern, dass die Christen einander bereits jetzt mit den Augen des wiederkommenden Christus betrachten, in denen Petrus, Paulus und Johannes unlösbar zusammengehören. Wahrhafte Ökumene heisst von daher, und jetzt mit Worten von Papst Benedikt XVI. und in Anlehnung an Solowjev formuliert, dass alle Christen „schon jetzt im eschatologischen Licht leben, im Licht des wiederkehrenden Christus“ und dass sie, wenn sie unterwegs zum wiederkommenden Christus sind, auch unterwegs zur Einheit untereinander sind und bereits als Getrennte eins sein können, nämlich im gemeinsamen Glauben an Christus.

Darin besteht die Ökumene der glaubenden Herzen, von der Edzard Schaper Zeugnis gibt. Er hat sie aber noch weiter vertieft mit der Beherzigung jener Wirklichkeit, die er in seinem Buch „Die sterbende Kirche“ eingehend beschrieben hat, nämlich den wahrnehmbaren Verfall der christlichen Tradition und die neue Realität der Christenverfolgung. Die Erfahrung des gemeinsamen Martyriums von lutherischen Theologen und orthodoxen Bischöfen im Baltikum hat ihn zur Erkenntnis dessen geführt, was wir heute Ökumene der Märtyrer nennen und was in der heutigen Welt eine ganz neue Aktualität gewonnen hat, weil 80 % aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt sind , Christen sind, weil die Kirche am Ende des Zweiten und am Beginn des Dritten Jahrtausends erneut Märtyrerkirche geworden ist und weil dabei alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihre Märtyrer haben. Schapers „sterbende Kirche“ liest sich heute deshalb auch wie eine Vorahnung dessen, was erst noch kommen sollte.

Die Ökumene der Märtyrer enthält bei aller Tragik auch eine schöne Verheissung: Trotz des Dramas der Kirchenspaltungen haben die standfesten Glaubenszeugen in allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften gezeigt, wie Gott selbst bei den Glaubenden die Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens bezeugten Glaubens auf einer tieferen Ebene aufrecht erhält. Während wir Christen und Kirchen auf dieser Erde noch in einer unvollkommenen Gemeinschaft zu- und miteinander stehen, leben die Märtyrer in der himmlischen Herrlichkeit bereits jetzt in voller und vollendeter Gemeinschaft. Die Märtyrer sind deshalb, wie Papst Johannes Paul II. eindrücklich hervorgehoben hat, „Beweis dafür, dass in der Ganzhingabe seiner selbst an die Sache des Evangeliums jedes Element der Spaltung bewältigt und überwunden werden kann“. Bei der Ökumene der Märtyrer bestätigt sich erneut die Überzeugung der Alten Kirche, dass das Blut der Märtyrer der Same der Kirche ist, so dass wir auch heute in der Hoffnung leben dürfen, dass sich das Blut der Märtyrer im vergangenen und gegenwärtigen Jahrhundert als Same der vollen Einheit des Leibes Christi erweisen wird.

Die Ökumene der Märtyrer, die das Lebenswerk Edzard Schapers begleitet, erweist sich damit als der innerste Kern jener Ökumene der glaubenden Herzen, die sein ökumenisches Vermächtnis darstellt und die heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Wenn ich richtig sehe, geht heute in der Ökumene die eigentliche Scheidelinie quer durch die Kirchen hindurch, nämlich zwischen jener heute vor allem in der Öffentlichkeit dominierenden liberalen katholisch-evangelischen Ökumene, die die Glaubensunterschiede überspringt und eigenmächtig ihre eigenen Ziele verfolgt, und jener geistlichen Ökumene, die an die Ursprünge der Ökumenischen Bewegung zurück geht und darum weiss, dass die Einheit bei allen unseren menschlichen Anstrengungen letztlich das unableitbare Geschenk Gottes ist, dass aber gerade das gemeinsame Beten um dieses Geschenk die Christen schon heute vereint. Wenn Edzard Schaper von sich bekannt hat, als Katholik wolle er „nichts anderes sein als der letzte orthodoxe Lutheraner“, dann will er dies gewiss nicht im Sinne der liberalen, sondern im Sinne der geistlichen Ökumene verstanden wissen. Darin erblicke ich das ökumenische Vermächtnis des Grenzgängers Schapers, für das wir dankbar sein dürfen und mit dem wir in eine gute ökumenische Zukunft hinein gehen können.

 

 

 

 

 "Wolff ist hier eine großartige Biographie des 20. Jahrhunderts gelungen.

Sie liest sich wie ein ungemein spannender historischer Roman

und ist doch mit einem derartigen Fleiß und größter Sorgfalt

unter Erschließung kaum zugänglicher Quellen und Geheimarchive geschrieben,

dass man zu jeder Bewunderung bereit ist."

Dr. Eckhard Lieb

 

 

*

 

 

"Meine erste "Begegnung" mit Edzard Schaper, waren die alten Bücher, die in der Bibliothek meines Vaters standen. Verwundert hatte mich der Vorname. Ich hatte noch nie von jemandem gehört, der Edzard heisst. Die Titel der Bücher waren nicht extrem attraktiv (z.B. "Die sterbende Kirche") für meine jungen Augen und die Sprache etwas altertümlich.

Meine zweite "Begegnung" fand statt in Münster (Wallis) während der Ferien. Ich schaute aus dem Fenster meiner Ferienwohnung und sah ein altes Haus. Die Leute im Dorf sagten, dass in diesem Haus ein berühmter Schriftsteller wohnte, aber niemand wusste so ganz genau was er geschrieben hat. Ich wollte mehr wissen…
In der Buchhandlung von Münster gab es nur ein einziges Buch von ihm:

"Die Legende vom vierten König / Das Christkind aus den großen Wäldern".

Wie kommt es, dass ein einst sehr viel gelesener Autor in (fast) totale Vergessenheit gerät?

Uwe Wolff kann es erklären.

Er führt den Leser durch die Verästelungen des Lebens Edzard Schapers,

wobei er oft interessanten Zweigen folgt, oder besonders schillernde Blätter von ganz nah betrachtet – einfach genial!

Das Ergebnis ist, dass nicht nur ein sehr interessanter, ungewöhnlicher und widerspruchsvoller Mensch, sondern eine ganze Epoche, und eine untergegangene Welt (vor allem die der Baltendeutschen, und die der Unabhängigkeits- und Überlebenskämpfe der ost- und nordeuropäischen Völker) auf sehr spannende Art beschrieben werden.

Das Buch war ein Erlebnis!"

 

Bernhard Gerth