Engel, Mensch und Tier kamen zur Krippe. Aber doch nicht nur sie! Die ganze Schöpfung ist auf dem Weg -  wie dieser niedersächsische Stall zeigt! So geht Ökumene der glaubenden Herzen!

  

 

Also, freut Euch mit den Zwergen!

 

  

Mit Engeln und Undinen!

 

 

 

Freut Euch mit dem vierten König!

 

 

Auszug aus einem Weihnachtsgottesdienst mit Daniela Wolff

für die 5./6. Klassen des Goethegymnasiums Hildesheim 

 

Vorspiel: 

Der vierte König

 

Schüler A: Die drei Weisen aus dem Morgenland sehen den Stern von Bethlehem. Da geht ihnen ein Licht auf: Ein neuer König ist geboren worden! Sie zögern nicht. Sie brechen auf, wandern in Richtung Westen, finden die Krippe, knien nieder und beten. 

 

Schüler B: Mache dich auf den Weg!

Schüler C: Suche den König aller Könige!

Schüler D: Knie nieder und bete!

 

Schüler A: So lautet die Weihnachtsbotschaft der drei Könige aus dem Morgenland. Die drei Könige aus dem Morgenland werden als Heilige verehrt. Heilige sind Menschen, die vor Christus niederknien und ihn anbeten. 

 

Schüler B: Mit den Heiligen wandert der Stern von Bethlehem weiter durch die Jahrhunderte und Jahrtausende bis zu uns. 

Schüler A: Die heiligen drei Könige sind im Kölner Dom begraben worden. 

Schüler B: Zum Grab der Könige pilgern noch heute Menschen aus aller Welt.

Schüler A: Es gab aber noch einen vierten König.

Schüler B: Und von ihm wird erzählt, dass er noch heute lebt. 

 

 

Schüler E: „Ich bin der vierte König. 

Ich habe weder Weihrauch, Myrrhe noch Gold zu verschenken. 

Ich habe nur mein Herz.“ 

 

 

Ansprache: 

Das Geheimnis des vierten Königs

 

Was ein Schriftsteller ist, wisst ihr. Schriftsteller schreiben Romane, Märchen, Sachbücher und Theaterstücke. Ihre Texte finden wir auch in unseren Lesebüchern. Manchmal sind die Romane der Schriftsteller so berühmt, dass ich nur den Titel nennen müsste, und ihr könntet mir sofort den Namen des Schriftstellers zurufen. Ich mache einen Test und sage:

 

„Harry Potter“

Ein zweiter Test:

„Tintenherz“

Nun noch ein Test für die Lehrer:

„Die Leiden des jungen Werthers“

 

Die Legende vom vierten König steht in vielen Religionsbüchern. Sie ist verfilmt worden. Es gibt CD-Aufnahmen von ihr und Theaterstücke. Doch den Namen des Schriftstellers kennt kaum einer. Der Mann, der die Geschichte vom vierten König erfunden hat, heisst Edzard Schaper. Er war ein Jahr jünger als Astrid Lindgren und wurde im Jahr 1908 geboren. Der Name „Schaper“ ist im Hildesheimer Land sehr verbreitet. „Schaper“ bedeutet „Schäfer“. Die Schapers aber waren keine Schäfer, sondern Müller. Schapers Mühle lag in Mehle. Das Dorf liegt etwa 20 km westlich von Hildesheim. Noch heute kann man hier die Überreste von Schapers Mühle sehen. Edzard Schaper aber wollte kein Müller werden. Als er in eurem Alter war, hörte er in der Kirche ein Konzert. Der Komponist hieß Robert Schumann. Das Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Edzard musste weinen, so sehr war er von der Musik ergriffen. Aber er weinte leise, sodass niemand es merkte. Wenn man ihn gefragt hätte: Warum bist du so gerührt? Was bewegt dein Herz so stark? Dann hätte er es nicht erklären können. Aber er spürte vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, dass er ein besonders Herz hatte. 

 

Den Schlag seines Herzens hatte er schon oft vernommen. Zum Beispiel, wenn er im Sportunterricht schnell laufen musste oder wenn er vor einer Klassenarbeit aufgeregt war. Er wusste auch, wie man den eigenen Pulsschlag am Armgelenk messen konnte. Nein, es ging nicht um das Herz, das in seiner Brust schlug. Es ging um seine Seele und das unsichtbare Herz. Wenn er Musik hörte, dann spürte er dieses Herz und den Pulsschlag seiner Seele. 

 

Jeder Mensch hat eine Seele. Du spürst sie, wenn du von großen Gefühlen ergriffen wirst. Dann weißt du: Da ist etwas in mir, das man nicht erklären kann. Gefühle kann man nicht erklären. Aber man kann sie malen, über sie musizieren, man kann sie tanzen oder Geschichten über sie erzählen. Edzard Schaper lernte Klavier spielen. Auch einige von euch lernen ein Instrument. Ihr spielt in einer Band, einem Orchester oder seid Mitglied der Bläserklasse. Edzard Schaper gab nach einigen Jahren das Klavierspielen auf. Denn er hatte eine andere Sprache für seine Gefühle entdeckt. Er wurde Schriftsteller. 

 

Geschichten schreiben kann viel Freude bereiten. Auch in der Schule. Edzard Schaper aber war ein sehr schlechter Schüler. Mathematik, Physik, Biologie: alles mangelhaft und schlechter. Der Kunstunterricht: eine einzige Quälerei. Edzard Schaper besuchte das Humboldtgymnasium in Hannover-Linden und musste es vor der 10. Klasse verlassen. Das war eine Katastrophe. Und zugleich war es ein großes Glück. Denn der Schulleiter war nicht nur ein kluger Mann, sondern er war auch weise. Weise Schulleiter erkennt man daran, dass sie mit dem Herzen sehen können. Natürlich müssen sie darauf achten, dass die Schüler und Lehrer ordentlich arbeiten. Und manchmal müssen sie auch auf den Putz hauen, wie man zu Edzard Schapers Schulzeit sagte. Aber ein weiser Schulleiter lässt sich nicht von schlechten Noten blenden. Schaper hatte einen weisen Schulleiter. Er musste den jungen Burschen zwar aus der Schule entlassen, aber er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach ihm Mut zu: „Du wirst deinen Weg schon gehen!“

 

Solche Zeichen der Zuwendung vergisst man nicht. Da war einer in der großen Stunde der Not und hat unser Herz gestärkt, als wir so traurig waren. Da hat einer uns Mut zugesprochen. Gold, Weihrauch und Myrrhe und alle anderen schönen Dinge der Welt sind wichtig. Aber das wichtigste ist doch ein menschliches Herz. 

 

Edzard Schaper war schon ein alter Mann, als er die Legende vom vierten König schrieb. Aber sein Herz war noch immer bewegt. Er hatte in seinem Leben viel erlebt: Zwei Kriege. Zweimal war er zu Tode verurteilt worden. Einmal von Hitler, einmal von Stalin. Er saß über Jahre unschuldig in Gefangenschaft. Er wurde ein berühmter Schriftsteller, und dann wurde er vergessen. Er schrieb weiter und wurde erneut berühmt, und wieder kam eine Zeit, wo nur noch wenige seine Bücher lasen. Damals schrieb er die Legende vom vierten König. Und er wusste, dass diese Geschichte bleiben würde, so lange Menschen Geschichten erzählen. Der vierte König das ist Edzard Schaper. Der vierte König sind aber auch wir, wenn wir spüren: Es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt als ein Herz voller Liebe und jemanden der an dich glaubt! Das Herz voller Liebe und der Glaube sind die schönsten Weihnachtsgeschenke.

 

 

 

 

Wer war Edzard Schaper?

von Kurt Kardinal Koch 

 

(aus der Ansprache bei der Präsentation des Buches von Uwe Wolff „Der vierte König lebt! Edzard Schaper – Dichter des 20. Jahrhunderts“ in der Apostolischen Nuntiatur in der Schweiz in Bern am 7. November 2012)

 

"Edzard Schaper war in seinem ganzen Wesen ein Grenzgänger, und zwar seit seiner Geburt. Dies gilt bereits von seiner äusseren Biographie, die ihn von Deutschland über Estland, über Finnland und Schweden in die Schweiz geführt hat. Indem er an den Grenzen von Nordosteuropa in einer Zeit grosser Umbrüche und weit reichender Umwälzungen gelebt hat, ermöglicht Uwe Wolffs faszinierende Biographie Edzard Schapers auch eine Reise im Geist durch Europa und seine ebenso grosse wie tragische Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Als ein Mensch, dessen Passion das Schreiben gewesen ist und der wegen der Freimütigkeit seines Denkens und Schreibens sowohl vom sowjetischen Russland als auch vom nationalsozialistischen Deutschland zum Tode verurteilt worden ist und sich deshalb immer wieder auf der Flucht befunden hat, bis er in der Schweiz eine gewisse Heimat gefunden hat, bringt er das scharfe Licht des Schriftstellers in das Dunkle der europäischen Geschichte, das wir nie der Vergessenheit anheimgeben dürfen.

 

Ein Grenzgänger war Schaper aber auch in seiner inneren Biographie. Auch sie hat ihren Ort an der Grenze. Seine immer wieder eintretenden Nervenzusammenbrüche zeigen die Grenzen  in seinem psychischen Leben, das auch von Suizidgedanken nicht frei gewesen ist, in dem er sich aber immer wieder auch mit der therapeutischen Kraft des Schreibens aufrichten konnte. „Das hohe Mass an Produktivität war die Kehrseite seiner Traurigkeit“ (284): Mit diesem Satz hat Uwe Wolff den inneren Grenzgang in der Biographie Schapers wohl meisterhaft und sensibel zugleich zum Ausdruck gebracht. Von daher wird es nicht überraschen, dass auch Schapers religiöses Denken und seine Spiritualität das Kennzeichen der Grenze tragen, nämlich die Grenze zwischen Schuld und Erlösung, die Grenze zwischen Tod und Auferstehung, die Grenze zwischen Karfreitag und Ostern und in allem die Grenze zwischen Anfechtung und Gnade. Dass es keinen Glauben ohne Anfechtung, keine Gewissheit ohne Zweifel und deshalb auch keine Erlösung ohne Versuchung geben kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biographie Schapers und dürfte sie gerade für die vielen suchenden Menschen von heute existenziell in besonderer Weise zugänglich machen."