Wir sind auf dem Weg.

Werden wir dem genügen, was wir sind?

Wird sich in uns entfalten, was in uns angelegt worden ist?

Die Reifeprüfung liegt nicht am Ende der Jugendzeit.

Die Reifeprüfung ist das Leben. 

 

  

 

Die Hexe Zilly

 

Wir führten ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur. Wir, das sind Rüdiger und ich. Was wir erlebt, haben alle in ähnlicher Weise erfahren. Unsere Generation. Ich schreibe die Geschichte meiner Generation.

 

Rüdiger und ich stehen auf roten Sandsteinplatten. Der Vater hat sie mit der Maurerkelle auf Bausand verlegt. Das üppig sprießende Unkraut zwischen den Bruchsteinen hatte ich zu jäten. Am Wegesrand Rosen, die bald rot blühen werden. Über ihren Wurzeln ist Torf gehäufelt worden. Ein Winterschutz, bei dessen Verteilung ich geholfen habe. Mit meinen kleinen Händen konnte ich den Torf zwischen den dornenreichen Ästen verstreuen. Das kostete immer eine Verletzung. Blut wurde abgeleckt, denn Spucke ist ein gutes Pflaster. Daher weiß ich, dass mein Blut wie Rotbäckchen Saft nach Eisen schmeckt. Eisen lässt sich nicht leicht verbiegen.

 

Wir sahen, wie Gärten und Wege angelegt wurden. Wir übten uns in vielen handwerklichen Tätigkeiten. Der Dorn stach, die umkippende Steinplatte klemmte den Finger ein, sodass der Nagel blau anlief. Kein Problem. Er würde irgendwann von selbst abfallen. Das Leben war ein Wunder.

 

Der Arm verletzt, das Bein vertreten, die Stirn blutig geschlagen und immer fröhlich dabei, weil der Freund an der Seite steht. Wir spürten das Leben im pulsierenden Finger, unter dem Schorf der Wunde, in der dicken Beule.

 

Von Schätzen wussten wir nichts. Es gab kein Taschengeld, auch keine Belohnung für die tägliche Mitarbeit in Haus und Garten. Daher hatten wir auch nichts zu verstecken. Unsere Hosentaschen waren leer, und deshalb waren wir so fröhlich. Jeder sah es uns an der Nasenspitze an: Die kleinen Strolche hatten ein reines Gewissen.

 

Der Vater war glücklich, wenn er uns fröhliche Gesellen sah. Einen Freund hatte er immer vermisst. Aber das wusste ich damals noch nicht. „Die beiden Räuber“, nannte er uns gerne oder „Die Zigeuner“. Räuber haben wir nie gesehen. Bei uns gab es nichts zu rauben. Deshalb standen die Türen offen. Zigeuner kamen oft vorbei. Auch sie führten ein einfaches Leben und verbrachten wie wir den größten Teil des Tages im Freien. Als Scheren- und Messerschleifer boten sie ihre Dienste an. Ihre Arbeit verrichteten sie auf der Straße. Zigeuner und Räuber halten zusammen wie Pech und Schwefel.

 

Der Umgang mit Hexen war dagegen schwierig, weil wir sie nie zu Gesicht bekamen. Am Rand der kleinen Siedlung stand ein halb verfallenes westfälisches Bauernhaus. Hier sollte die Zilly mit ihren vielen Kindern wohnen. Die Zilly hatte keinen Mann und ging keiner Arbeit nach. Nicht einmal einen Kräutergarten hatte sie  angelegt. Auf dem Hof streunte kein schwarzer Kater und kein Besen stand vor der Tür. Es war wie verhext.

 

 

 

Nie stieg aus dem Schornstein des Hauses Rauch auf. Vielleicht wohnte hier im alten Gemäuer die Witti. So nannte Oma Selma den kleinen Waldkauz, den sie handzahm gemacht hatte.

 

Eulen sind nachtaktiv. Rüdiger und ich mussten unsere Spiele auf den Tag beschränken. In der Abenddämmerung berührten sich unsere Lebenskreise. Oma Selma öffnete ein Fenster und rief:

 

 

„Witti - komm!“

 

Der Waldkauz antwortete: „Kuwitt!“

 

 

„Kuwitt" bedeute „Komm - mit!“ So hatte Oma Selma einmal den Ruf erklärt. Wohin uns die Witti führen wollte, sagte sie nicht. Vielleicht ins Haus der Zilly?

 

Oma Selma kochte gerne Hühnersuppe. Ich habe nie verstanden, warum die Witti das beste Fleisch bekam und nicht Opa Franz. Das kleine Hühnerherz galt als Delikatesse. Ein Schauder durchfuhr mich, als ich es sah. Die Witti aber fraß es Oma Selma aus der Hand. Auch Rüdiger fütterte die Witti und konnte ihr sogar den Nacken unterm Federkleid kraulen.

 

Wir lungerten oft vor dem Haus der Zilly herum und versuchten durch die Fenster einen Blick ins Innere zu erhaschen. Der Ort hatte eine besondere Ausstrahlung. Sie war nicht gut und nicht böse. Wir hätten sie daher nicht beschreiben können. Aber wir spürten die Kraft, die von ihm ausging. Die Zilly war nicht da und genau deshalb ungeheuer anwesend. Zum ersten Mal kamen wir mit einem großen Gesetz des Lebens in Berührung.

Eine Aura besaß auch die katholische Sankt-Ida-Kirche. Wenn wir durch die bunten Kirchenfenster schauten, sahen wir ein rotes Licht über einem Kästchen leuchten. Im Haus der Zilly stand ein Fernseher, der nie lief. In dem Kästchen wohne Gott, hatte Oma Selma gesagt, und in dem Hexenhaus die Zilly. So oft wir durch die Fenster schauten, wir konnten weder Gott noch die Zilly sehen. Aber es gab beide. Ganz gewiss. Vielleicht wohnten sie an ganz anderen Orten als in der Kirche und dem Hexenhaus. Die Welt war voller Geheimnisse.

 

Jahrzehnte sind seit jenen Kindertagen vergangen, aber noch immer ist das Leben wunderbar im Ganzen. Alles, alles ist da - nichts geht verloren. Das gilt auch für unsere Witti. Die Witti und mit ihr alle deutschen Waldkauze wurden zum Vogel des Jahres 2017 erklärt. Nur zähmen ist nicht mehr erlaubt. Heute hätten Oma Selma und Rüdiger mit einer Anzeige wegen des Verstosses gegen das Artenschutzgesetz zu rechnen.

 

 

 

 

Lob des einfachen Lebens

 

Das Leben war einfach. Vielleicht war früher sogar einiges besser: Ein kurzes Strickhöschen reichte als Kleidung vom Frühjahr bis zu den Herbststürmen.

 

Blondes und braunes Haar, mehr gerupft als geschnitten von der Mutter oder dem Vater. Die Effilierscheren so alt und stumpf, dass jeder Schnitt ziepte. So erfuhren wir, dass Haare in der Kopfhaut verwurzelt sind.

 

Ältere Geschwister zu haben, ist manchmal von Vorteil, wenn sie blaue Turnschuhe und eine schwarze Turnhose vererben. Diese Erbstücke waren immer eine oder zwei Nummern zu groß, sodass sie noch im nächsten Jahr Freude schenkten.

 

Kinder des Wirtschaftswunders. Generation Babyboomer: In den Schlafzimmern der Eltern herrschte eine Willkommenskultur für Kinder. Rüdiger war ein Nachkömmling. Er trug die abgelegten Kleider seiner älteren Geschwister. Ein Flanellhemd des älteren Bruders, wollene Strümpfe, Hüftgürtel und Leibchen der Schwester. Darüber eine großzügig geschnittene schwarze Unterhose. Wem gehörte sie einst?

 

Glückliche und sorglose Zeit! An Kleidung war nie ein Mangel, und alles konnte miteinander kombiniert werden!

 

Ich war das Erstgeborene von vier Kindern, trug dennoch nicht die erste Wahl. Onkel Johannes und die Verwandtschaft aus Amerika schickten regelmässig Kleider. Sie waren aus Königsberg vertrieben worden und hatten nach dem Schrecken der Russenzeit Deutschland für immer verlassen.

 

Es waren zwei Flüchtlingskinder, die hatten einander so lieb: Onkel Johannes war der Bruder unserer Mutter. Im November 1955 fuhr er auf dem ehemaligen Truppentransporter „General Langfitt“ von Bremen-Lesum nach New York. 13 Tage dauerte die Seefahrt. Im Gepäck hat er eine Kuckucksuhr. Das Abschiedsgeschenk seiner Kollegen von der Bremer Landesbank. Bei der Ausfahrt des Schiffes spielte die Kapelle:

 

 

„Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus…“

 

 

Fünf Jahre später wurde Elvis Presley während seines Armeedienstes in Deutschland auf diesen Brauch aufmerksam und machte das alte deutsche Wanderlied zu seinem Plattenerfolg.

 

Das Aufwachsen in einer Recycling-Gesellschaft, das freie Leben auf der Straße und in den Wäldern hat unsere Kindheit geprägt. Niemand führte für uns einen Terminkalender und traf Verabredungen zum Spiel. Niemand griff ein, wenn wir uns kloppten. Niemand lobte unsere Kompetenzen beim Spiel. Das Leben war herrlich!

 

Es gab keine Container für Altglas, Papier, Schuhe oder Kleider. Flaschen und Weckgläser wurden ausgespült und wieder verwendet. Mit altem Papier wurde das Feuer im Koksoffen entfacht.

 

Der Vater  besaß einen Dreifuß. Ihn brauchte er zur Besohlung alter Schuhe. Selbst die Knöpfe abgelegter Hemden wurden in einer alten Dose zur Wiederverwendung gesammelt. Welch ein farbenfroher Schatz!

 

Geöffnete Konservendosen eigneten sich wunderbar zur Aufbewahrung von alten Schrauben und Muttern. Nägel wurden vom Vater aus der Wand oder dem Holz gezogen und mit dem Hammer wieder begradigt.

 

In den Sechziger Jahren folgten mir drei Geschwister. Da war Rüdigers großer Bruder bereits in die weite Welt gezogen. Die Berliner Schering AG hatte die erste Antibabypille auf den deutschen Markt gebracht. Rüdigers Bruder vertrat dieses Produkt in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans.

 

 

 

Kasperletheater

 

Kein Kino, kein Fernsehen, kein Theater, keine Schallplatten. Nichts lenkte uns vom Gesang der Vögel, dem Wiehern der Pferde, dem Muhen der Kühe und dem Bellen der Hunde ab. Die Welt war Klang, und wir stimmten mit ein. Wir sangen die alten Volkslieder und pfiffen den Vögeln nach. Rüdiger war ein Meister im Pfeifen durch die Zähne.

 

Kasperle wurde im Kindergarten gespielt. Später sahen wir die Aufführungen der Augsburger Puppenkiste und lernten neue Lieder. Wir spielen auf der Terrasse. In Blickweite der Kindergarten St. Ida, den wir gemeinsam besuchten.

 

So lange der Sommer währte, hatten Kinder im Haus nichts zu suchen. Unsere Spielräume waren die Straße, Wiesen und Wälder. Rüdigers Vater hatte ein großzügiges Wohnzimmer bauen lassen, wie nur Bauingenieure es können. Der Wohnraum mit Sitzecke und Blumenfenster wurde durch einen Kachelofen beheizt. Das Wohnzimmer ging in ein Esszimmer über, das durch einen Vorhang abgetrennt werden konnte.

 

Einen Vorhang zu öffnen und zu schließen macht viel Freude. Auch mein Kasperletheater besaß einen Vorhang, der mit Rollen an einer Schiene befestigt worden war. Mein Vater hatte das Kasperletheater gebaut. Deshalb hielt der Vorgang noch in der größten Balgerei. Warum riss der Vorhang in Rüdigers Elternhaus aus der Schiene, als ich an ihm hochkletterte? Das ist mir heute noch ein Rätsel. Rüdigers Vater ließ meinen Vater kommen und die Sache instandsetzen. Darin fand wohl auch eine Rangordnung Ausdruck. Der Bauingenieur war älter, kräftiger und vermögender als mein Vater. Ein Herrscher. Aber einen Vorhang konnte er nicht richtig befestigen.

 

Krokodil, Polizist, Kasper, Gretel und ein König gehörten zu den Figuren, mit denen wir spielten. England, Spanien, Griechenland, Holland, Belgien, Norwegen, Dänemark, Schweden - die meisten Völker hatten einen König. Das hatte Oma Selma gesagt. Sie wusste auch, wie man als Kind von einem Kaiser spricht:

 

 

„Der Kaiser ist ein lieber Mann,

er wohnet in Berlin.

Und wär’ das nicht so weit von hier,

so ging’ ich heut’ noch hin.“

 

 

Oma Selma hatte Kaiser Wilhelm II. in ihrer Heimatstadt Breslau gesehen. Das war vor dem Ersten Weltkrieg. Jetzt war der Kaiser schon lange tot, und Berlin nicht mehr die Hauptstadt Deutschlands. Oma Selma lebte noch nimmer und würde sehr lange leben. Munter überschritt sie die Jahrtausendwende und wurde 104 Jahre alt. So lebte sie in drei Jahrhunderten und zwei Jahrtausenden. Aber noch ist sie jung. Gerade einmal sechzig Jahre.

 

Einen deutschen König gab es nur noch im Kasperletheater. Ich wollte König sein. In meiner Rechten halte ich mein Wunschbild. Rüdiger setzt zum Angriff mit Gretel. So hieß seine Mutter. Sie malte gelegentlich nach einer Vorlage. Die Bilder hingen im Treppenaufgang: Dürers betende Hände, Berge des Sudetenlands und eine spanische Zigeunerin mit halb nackter Brust. Rüdigers Mutter war zuständig für Renovierungsarbeiten. Statt eine Raufasertapete zu kleben, strich sie die Wände mit weißer Farbe, unter die sie Sägespäne gemischt hatte.

 

Ein Foto von uns Spielern: Rüdigers Gesicht zeigt konzentrierte Energie. Das Foto ist ein Standbild wie alle Aufnahmen aus jenen Jahren. Schnappschüsse waren unerwünscht, denn ihr Erfolg war ungewiss und kostete somit unnötiges Geld. Die digitale Aufnahmetechnik mit ihrer Bilderflut lag in sehr weiter Ferne. Damals wurde ein Foto gemacht. Eingeklebt in das Album und beschriftet lebt es noch heute.

 

 

 

Im Rasen hinter dem Elternhaus steckten zwei Wäschestangen. Wenn man eine Stange in die Halterungen legte, konnten Teppiche geklopft werden. Ich hatte die eine Seite des Teppichs zu halten, während der Vater so kräftig zuschlug, dass ich meine Fingernägel und den Staub der vergangenen Monate deutlich spürte. Die Stange konnte tiefer gelegt werden und schon hatten wir ein kleines Freilichttheater. Opa Franz sah unser Spiel mit Freude. Er war Laiendarsteller und hatte Oma Selma in einer Breslauer Spielschar kennengelernt.

 

 

 

 

Katholiken haben zwei Geburtstage

 

Der Zahnwechsel hat noch nicht begonnen. Ein sicheres Zeichen, dass die Schule noch fern liegt. Wir sind im Kindergartenalter. Der Lichterkranz steht auf dem Tisch. In seiner Mitte brennt das Lebenslicht. Es ist ein Symbol für die Einzigartigkeit des Lebens. Sein Urbild brennt an verborgenem Ort. Wenn es erlischt, stirbt der Mensch. Um das Lebenslicht herum brennen weitere Kerzen. Für jedes Lebensjahr eine. Vier müssen es sein.

 

Es ist daher der 27. Juli 1959. Zur Feier des Tages wird ein Farbphoto gemacht. Wir sitzen auf der Knüppelholzgarnitur im Garten. Rüdiger auf einem Stuhl, breit genug für den dicken Pöter von Tante Martha, ich auf der Bank von Opa Franz. Hinter Rüdiger blühen die Gladiolen. Auf dem Tisch stehen Kosmeen. Wir lächeln im Sonntagsstaat, wie es sich gehört, wenn ein Geburtstagsphoto gemacht wird.

 

Auf der gestickten Tischdecke liegt das Geburtstagsgeschenk. Eine Packung mit Katzenzungen. Vor der kleinen Vase stehen vier rosafarbene Gummipüppchen. Ein sicheres Indiz, dass Rüdiger und ich den vierten Geburtstag feiern. Denn die Mutter verfügte über einen tiefen Symbolsinn. Die Gummipüppchen waren in Zehnerreihen zu kaufen. Die Abtrennung war an diesem Festtag gewiss nicht aus Gründen der sonst immer gebotenen Sparsamkeit erfolgt. Auch die Kosmeen waren ein Symbol. In Erinnerung an ihre Großmutter wurden sie „Großmutterblümchen“ genannt.

 

Rüdigers Familie stammte aus dem Sudentenland. Wir waren Flüchtlingskinder, Kinder von Vertriebenen, Geschlagenen, Gefangenen, Missbrauchten, Ermordeten. Die Mutter hatte beide Eltern verloren. Sie hießen Gertrud und Hermann Moeck wie die Blockflöte, auf der ich spielen lernte. Die Toten feierten unsere Geburtstage mit. Sie waren jetzt in der himmlischen Heimat. Wir dagegen wohnten in neu erbauten Häusern und lebten doch in der Fremde. Manchmal weinten die Alten in Erinnerung an die verlorene Heimat. Heute freuten sie sich. Unsere Freude gab ihrem Überleben Sinn.

 

Der Sommerwind fährt durch die Kerze. Ein Festtag kann durch das Erlöschen des Lebenslichtes jäh beendet werden. Gut, wer dann einen Schutzpatron an seiner Seite wusste. Rüdiger hatte zweimal Geburtstag. Er war Katholik, und die begingen ihren Namenstag, an dem sie reichhaltiger beschenkt wurden als an ihrem Geburtstag. Kein Wunder, dass Rüdiger so strahlt.

 

Ein Stück Torte gab es für jeden. Dazu ein Glas Wasser mit Himbeersirup. Der Strohhalm diente dem Schutz vor Wespen, die gerne das Glas umkreisten oder in süßer Trunkenheit hineintauchten. Dieser Tag aber ist besonders glücklich, weil der Wind weht, ohne das Lebenslicht zu löschen, und die Wespen fernhält.

 

Frisch geschnitten sind unsere Haare. So gehört es sich bei einem festlichen Anlass wie diesem. Jeder kennt die ungeschriebenen Gesetze und weiß, was sich gehört oder ungehörig ist. Rüdiger trägt sogar ein weißes Hemd und ein helles Höschen. Gab es außer ihm noch weitere Gäste? Reinhard Flott vielleicht oder seine Schwester Doris? Sigrid Rendemann? Die Brocke-Töchter und Rendemanns älteste Kinder gingen ihre eigenen Wege wie die einzige Tochter der Wolfen. Nein, ein Freund genügt.

 

 

 

 

Der Nickneger und seine zehn kleinen Negerlein

 

Ein gespanntes Seil in der Eingangstür zum Kindergarten. Darüber gelegt eine Decke, dahinter Tante Anneliese und der Herr Kaplan. Zwei oder vier Figuren – mehr bedurfte es nicht, um 50 Kinder in Bann zu schlagen und 50 Mütter als Zuschauer zu erfreuen. Rüdiger legt die Beine übereinander und presst die Oberschenkel zusammen. Mit seiner Rechten versucht er dem Druck der Blase Widerstand entgegenzusetzen. Rüdiger ist festlich mit Schlips gekleidet. Seine Mutter hat ihn die Haare in fast mönchischer Strenge rasiert. Nur noch die Tonsur fehlt. Neben ihm sitze ich im Spielhöschen, wie ich es am Strand von Wangerooge oder Borkum getragen habe.

 

Wir sind eins mit dem Geschehen über dem Vorhang des Kasperletheaters. Es gibt nur diesen Moment. Mir stockt vor Spannung der Atem. Die Mädchen sitzen mit Blumenschmuck in den Händen. Sie tragen Zöpfe oder den sparsamen Pottschnitt. Auch sie zittern mit. Ein Junge verbirgt sein Gesicht hinter den Händen, ein älterer bohrt vor Aufregung in der Nase. Wir alle haben vergessen, dass hinter uns zur sicheren Wacht die Mütter Platz genommen haben.

 

Väter haben im Kindergarten nichts zu suchen. Sie arbeiten und verdienen das Geld. Eine Frau, die zusätzliches Geld für den Familienunterhalt verdienen muss, gereicht dem Mann nicht zur Ehre. Ein Zweitverdiener ist Ausdruck des Mangels. Die Erziehung von Kleinkindern ist Frauensache. Sie vermitteln uns die Lieder, Geschichten und Werte.

 

Kinder mit anderer Hautfarbe gab es im Kindergarten St. Ida nicht. Eine Ausnahme bildete unser Nickneger. Wir dachten, er sei der letzte aus der Reihe der zehn kleinen Negerlein. Dieses Lied sangen wir im Stuhlkreis mit besonderer Freude und lernten nebenbei das Zählen bis zum Zehnerübergang:

 

 

„Zehn kleine Negerknaben schlachteten ein Schwein;

Einer stach sich selber tot, da blieben nur noch neun.

 

Neun kleine Negerknaben, die gingen auf die Jagd;

Einer schoss den andern tot, da waren’s nur noch acht.

 

Acht kleine Negerknaben, die gingen und stahlen Rüben;

Den einen schlug der Bauer tot, da blieben nur noch sieben.

 

Sieben kleine Negerknaben begegnen einer Hex’;

Einen zaubert sie gleich weg, da blieben nur noch sechs.

 

Sechs kleine Negerknaben geh’n ohne Schuh und Strümpf';

Einer erkältet sich zu Tod, da blieben nur noch fünf.

 

Fünf kleine Negerknaben, die tranken bayrisch’ Bier;

Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.

 

Vier kleine Negerknaben, die kochten einen Brei;

Der eine fiel zum Kessel rein, da blieben nur noch drei.

 

Drei kleine Negerknaben spazierten am Bau vorbei;

Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.

 

Zwei kleine Negerknaben, die wuschen am Nil sich reine;

Den einen fraß ein Krokodil – da blieb nur noch der eine.

 

Ein kleiner Negerknabe nahm sich 'ne Mama;

Zehn kleine Negerknaben sind bald wieder da.“

 

 

Niemand von uns lebte in einer Familie mit zehn Kindern. Allein drei oder vier Kinder durchzufüttern, kostete viel Geld. Zehn Kinderlein frassen den Eltern die Haare vom Kopf. Daher brauchten das Negerlein und seine Mama dringend unsere Unterstützung. So ähnlich erklärte es der Kaplan. In der Fastenzeit forderte er uns auf, Süßigkeiten mitzubringen und in ein Kästchen zu legen, damit auch wir kleinen Seelen unser Opfer bringen. Der junge Priester im schwarzen Rock stellte eine Spendenbüchse für das Negerlein und seine Mama auf. Unser Neger hieß Nickneger. Wer in das Kästchen mit dem Nickneger eine Münze warf, dem dankte es das Negerlein durch sein Kopfnicken. Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt, sagte der Kaplan. Ich habe dem dunklen Gesellen nie eine Münze gespendet und nie ein Bußopfer während der Fastenzeit ins Kästchen gelegt. Ich wollte noch nicht in den Himmel springen, denn die Erde war schön.

 

Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen waren Autoritäten. Persönliches gaben sie nicht preis. Bei Tante Anneliese war das anders. Denn unsere Mutter und Tante Anneliese waren Freundinnen und sind es noch heute. So besuchte ich Tante Anneliese und Onkel Paul in ihrem kleinen Hexenhaus. Das war besonders an den Festtagen eine große Freude. Überall lagen zertretene Ostereier herum, und niemand nahm an der Unordnung Anstoss. Herrlich! Onkel Paul rauchte gemütlich Pfeife oder Zigarette, und im dunklen Flur brannte das Ewige Licht. Draußen im Zwinger bellte Blitz und sprang gegen das Gitter.

 

Onkel Paul arbeitete bei der Güterabfertigung der Deutschen Bundesbahn. Dort hatte er von Blitzens Schicksal gehört. Der Schäferhund mit der Spürnase eines Trüffelschweins besaß sämtliche Eigenschaften eines sehr guten Polizeihundes. Doch seine Karriere bei der Bahnpolizei fand ein jähes Ende, als sich im Schießstand herausstellte, dass Blitz nicht schussfest war. Eine Tragödie für Blitz. Onkel Paul hatte Mitleid und gab ihm Asyl. Blitz konnte man nicht streicheln. Das Schicksal hatte seine Seele verhärtet, und er war bissig geworden.

 

Viele Jahre später kam ein junger Kaplan aus Zaire und predigte in der St. Ida Kirche. Er hieß Dr. Mauritius Matata und hatte seine Doktorarbeit bei Johann Baptist Metz geschrieben. Er war für die Gemeinde wie ein junger Hirsch aus den Quellgründen Afrikas. Die Zeiten hatten sich geändert und mit ihr die Zahl jener jungen Männer aus Deutschland, die ein Priesterseminar besuchen wollten. Dr. Mauritus Matata holte den Nickneger aus dem Putzraum, wo er inzwischen abgestellt worden war, und nahm ihn wieder in Betrieb. Afrika habe Hunger, sagte der Priester. Er sprach von seinen neun Geschwistern, die alle von seinem Gehalt lebten. Wenn die Gemeinde heute nicht den Nickneger grosszügig füttere, stehen morgen Hunderttausende von Afrikanern vor den Toren Europas. Dabei lachte Dr. Mauritus Matata und zeigte seine tadellosen weißen Zähne.

 

  

 

 

 

Wunder am Wegesrand

 

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt: Immer war Adventsstimmung.   Ob Frühjahr, Sommer, Herbst oder Winter: Wir waren voller Erwartung und getragen von der Gewissheit: Ein Wunder könne sich jederzeit ereignen.

 

Im Winter erwarteten wir den Frühling mit Wiesenschaumkraut auf  den Weiden und Sumpfdotterblumen am Loddenbach; im Frühjahr  den Sommer mit seinen Streifzügen durch die Erdbeerfelder in den Nachbargärten; im Sommer den bunten Herbst mit Hagebutten und Kastanien und dem Lambertusfest; im Herbst den Schnee und das Eis über den versumpften Wiesen. Immer reichten wir dem Wunder die Hand.

 

Ich war ein Frühaufsteher. Rüdiger ein Langschläfer. Singend stand ich um 6.30 Uhr vor der Haustür und schellte. Rüdigers Vater öffnete. Ich fragte, ob ich mit Rüdiger spielen dürfe. Er schlafe, antwortete der Vater und hatte schon entnervt die Tür geschlossen.

 

Vierzig Jahre später besuchten Rüdiger und ich gleichzeitig unsere Eltern. Es war in der Mittagszeit, als ich an der Klingel schellte. Rüdigers Vater öffnete die Haustür, sah mich und schlug die Tür wieder zu. Der alt gewordene Mann hatte das Kind gesehen und wie damals gesagt:

 

 

„Wir essen jetzt!“

 

 

Das Vergangene ist nicht vergangen und wird niemals vergehen. Alles, was wir erlebten, ist verwandelt in lebendige Erinnerung.

 

Es gibt Begegnungen, die durch ein langes Leben tragen. Je älter wir werden, desto kostbarer werden sie. Warum ist das so?

 

Viele Freundschaften gründen sich auf gemeinsamen Interessen und Neigungen, auf den Vorteil, den man sich verspricht, und die Begünstigungen, die gegenseitige Förderung in beruflichen und gesellschaftlichen Dingen. Von all diesem Beiwerk ist die erste Freundschaft frei. Wir sind, was wir sind, und wollen nichts anderes sein.

 

In jenen frühen Jahren liegen Schule, Studium und Beruf in weiter unausdenkbarer Ferne. Wir wissen nichts von den Bewährungen, die uns das Leben abverlangen wird. Jahrzehnte scheinen uns heute von der Kindheit zu trennen. Aber das gilt nur für die messbare Zeit. In uns ist Ewigkeit.

 

Das Kind in uns ist nicht erwachsen geworden, und das Lebenslicht brennt noch immer. Wir sind noch immer in Erwartung. Die Tage des Spleens und der Schwermut ändern an dieser Grundstimmung der Lebensmelodie nichts.

 

Tante Anneliese entließ uns aus dem Kindergarten mit einem Gebet an den Schutzengel. Was immer kam – wir waren bereit zu ringen oder die Hände zu falten:

 

 

„Lieber Gott,

einen Engel sende,

der mit uns nach Hause geht.

Bei jedem Schritt, bei jedem Tritt,

geh du, mein guter Engel, mit!“

 

 

Welch ein Segen, dass der Schutzengel nicht von der Seite wich! Unter seinen Flügeln geborgen, erlebte ich Wunder über Wunder. Jeder Tag bestätigte den unermüdlichen Einsatz der Engel, von dem die Gebete der Mutter sprachen. „Guten Abend, gute Nacht, von Eng’lein bewacht!“ So war es. Über die Zahl der Schutzengel gaben die Lieder klare Auskunft:

 

 

„Abends, wenn ich schlafen geh’,

vierzehn Engel um mich stehen.“

 

 

Die vierzehn Schutzengel schlafen nie. Sie sind auch nachmittags zur Stelle, wenn wir auf der Straße spielen. Es bedarf keiner Verabredung. Alle Kinder sind draußen an der frischen Luft. Hier gehören wir hin. Das weiß jeder. Im Haus haben wir tagsüber nichts zu suchen.

 

Wir beobachten die großen Geschwister. Manchmal dürfen wir an ihren Spielen teilnehmen. Sie spielen, was seit vielen Generationen auf der Straße gespielt wird. Pieter Breughel hat diese alten Kinderspiele ins Bild gesetzt. Wir erkennen uns auf seinem Bild wieder und erleben eine Kinderwelt, ohne Anleitung und Kontrolle der Erwachsenen. Niemand greift von außen ein, wenn ein Bein gestellt wird oder ein böses Wort fällt.

 

Wir spielen „Himmel und Hölle“, „Hinkekästchen“ und „Gummi-Twist“. Die Straße ist noch nicht asphaltiert. Da kann man gut mit Murmeln kicken. Für Straßenspiele sind genügend Kinder da:

 

 

„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Niemand!

Wenn er aber kommt?

Dann laufen wir!“

 

„Ochs am Berge eins, zwei, drei“

 

“Hexe, Hexe, eins, zwei, drei...“

 

 

 

In den Gärten schweift der Blick über Karotten-, Kohl- und Erdbeerbeete ins offene Nachbargrundstück. Die Eltern sind Selbstversorger. Eine große Stille liegt über den Gärten. Benzingetriebene Rasenmäher, Laubsauger, elektronische Gartenscheren und anderes Gerät stören nicht den Frieden ruhiger Handarbeit.

 

Telegraphenmasten stehen neben dem Graben entlang der Straße. Wir bewundern die Arbeiter, die an ihnen hochklettern und versuchen vergeblich, es ihnen gleichzutun. Rüdiger kommt auf eine andere Idee. Mit einer Hand am Mast beginnt er sich zu drehen. Unten dümpelt der Jauchegraben. Eine Kanalisation gibt es noch nicht. Siggi löst Rüdigers Finger, er stürzt kopfüber in den Schmutz. Wir versuchen den Dreck aus seinen Haaren und von der Jacke zu klauben. Am Ende der Straße wartet bereits der Vater. Er spricht kein Wort. Mit dem Finger weist er auf sein Haus. Wie ein Hund trottet Rüdiger über die Straße. Alle wissen, was ihn erwartet. Kein Aufschrei wird erfolgen. Denn ein Indianer kennt keinen Schmerz.

 

Jenseits der Masten erstrecken sich feuchte Wiesen. Adebar stolziert durch den Sumpf. Storche bringen neue Geschwister. Aber woher nehmen sie die Kinder? Aus dem Sumpf? Gewiss nicht. Kinder haben keine Kiemen wie die Guppies in meinem Aquarium. Der Loddenbach mäandert um hohle Weidenbäume. Vom Winde gebeugt, strecken sie ihre Äste über das Wasser. Wir kriechen in die Baumhöhlen hinein und fühlten uns geborgen. Kinder wachsen in Baumhöhlen, sagt Rüdiger. Das könnte stimmen.

 

Zur Erntezeit werden die goldenen Garben zu Hocken aufgestellt. Hejo, spann den Wagen an! Die goldenen Garben sind unsere Zelte. Sie atmen den betörenden Duft des Sommers. Die kleinen Hocken bergen ein Geheimnis. Wir treten ein und verweilen, bis das Angelusläuten vom Ida Kirchturm hinüberweht oder Bauer Wortmann uns das Fell gerbt.

 

Bäche sind noch nicht begradigt. Sümpfe noch nicht trockengelegt. Im November tritt der Bach über die Ufer und überflutet das Weideland. Wir leben im Einklang mit der Natur: Der Winter zaubert die wunderbaren Muster der Eisblumen auf die einfachen Fensterscheiben und verwandelt das überflutete Sumpfland in einen zugefrorenen See. Auf ihm laufen die großen Kinder Schlittschuh. Rüdiger und ich besitzen keine. Doch Schlittern ist auch schön. Man rutscht nicht so leicht aus und fällt nicht so heftig mit dem Hinterkopf aufs blanke Eis.

 

Am Ufer des Baches hängen Glocken aus Eis am steif gefrorenen Schilf. Der Löschteich vor der Ida-Schule ist von Eis bedeckt, nur in der Mitte nicht, wo das Schilf wuchert. Ich breche ein, wage aber nicht nach Hause zu gehen. Hinter der Turnhalle entkleide ich mich, wringe die nassen Kleider aus und lege sie wieder an, damit sie auf meiner Haut trocknen. Rüdiger läuft nach Hause und verständigt den Vater. Er holt mich ab. Da ist sie wieder, die Geste der Väter: Der ausgestreckte Arm weist den Weg. Der Vater steckt mich ins Bett und zieht die Jalousien runter. Ich liege im Dunklen.

 

Wer mit dem Kinderrad auf der Straße umkippt, fällt in den schwarzen Schotter. Die Splitter dringen tief unter die Haut von Knie, Kinn oder Ellenbogen. Am Abend wird sie der Vater mit der heißen Nähnadel entfernen. Auf diese Weise werden auch Wunden geöffnet, um Dornen und Holzsplitter zu entfernen. Wenn die Schürfwunde zu eitern beginnt, gilt die Operation als geglückt. Die Natur waltet ihres Amtes. Der Rest des Splitters verwächst sich mit der Zeit. Die Alten bewiesen es, indem sie ihre Arme und Beine zeigten, wo tief unter der Haut schwarze Punkte zu erkennen waren.

 

Beulen auf der Stirn oder am Schienbein zeigen sich zuerst als Wölbung unter der Haut. Dann wachsen sie, pochen und nehmen eine Färbung an. Meistens wird die Beule blau und immer dicker. Aber die Haut platzt nicht. Da können wir ganz beruhigt sein. Wenn die blaue Beule sich zu färben beginnt, erst dunkelblau, dann gelb oder grün, ist sie bald verschwunden und die Haut sieht aus, als hätte es nie eine Beule gegeben. Schürfwunden heilen von ganz alleine.

 

Wegen einer Beule muss man nicht zum Arzt. Ich trage ständig ein neues blaues Horn auf der Stirn. Einmal fahre ich mit dem Fahrrad gegen Brockes Kalksteinmauer. Die Mauer weicht nicht. Ich fahre neben meiner Mutter auf dem Fahrradweg am Hansaring. Vor dem Geschäft von Feldkeller parkt ein Wagen. Der Beifahrer öffnet die Wagentür. Er hat mich übersehen. Ich rase gegen die Tür, stürzte auf den Fahrradweg und verliere für einen Moment das Bewusstsein.

 

Wer sich ein Auto leisten kann, der ist im Recht und hat immer Vorfahrt. Das wusste ich noch nicht. Jetzt aber weiß ich es. Zu Hause im Bett sehe ich Sterne, obwohl die Jalousien heruntergelassen sind. Sterne im Kopf sind nicht so schön wie die Sterne am Himmelszelt in klarer Winternacht. Weisst du wieviel Sternlein stehen? Doktor Holtmann weiß es. Er kommt und leuchtet mit einer Taschenlampe in die Ohren und die fiebrigen Augen. Er spricht ganz ruhig: Der Sternenflimmer werde sich in den nächsten vierzehn Tagen von alleine legen. Doktor Holtmann hat recht behalten. Zwei Wochen später will ich dem Vater entgegen fahren. Ich bin voller Freude, dass ich wieder mein kleines Rad benutzen kann und fahre, ohne auf den Verkehr zu achten, aus der Stichstraße auf den Erbdrostenweg und stürze. Das Auto habe ich übersehen. Eine Vollbremsung. Nichts ist passiert. Keine Schramme, keine Beule, keine Gehirnerschütterung. Wie wunderbar ist doch der menschliche Körper!

 

Deshalb mag ich es nicht, wenn Ärzte und Zahnärzte in ihn eingreifen wollen. Eines Vormittags liege ich dennoch auf dem Operationstisch. Die Krankenschwester bindet beide Armgelenke am Bettgestell fest. Sie sagt:

 

 

„Na, dann wollen wir dich mal fesseln.“

„Warum?“

„Damit du uns nicht boxst!“

 

 

Jetzt erfahre ich, dass meine Polypen entfernt werden sollen. Da ist es zu spät. Das Lachgas ist nicht zum Lachen. Ich sehe schreckliche Bilder: Einen grünen Kreis, der von einem Sägeblatt durchtrennt wurde. Dahinter wird eine hautfarbene Fläche sichtbar. Rüdiger hat es besser. Ihm werden die Mandeln entfernt. Deshalb bekommt er im Krankenhaus so viel Schokoladeneis, wie er will.

 

Der Wald war unser Spielplatz. Wie die Bäume, so wollten wir hoch hinaus. Wir kannten keine Angst vor großen Höhen, kletterten in die Kronen und ließen uns von den Ästen tragen. Stolz zeigten wir unsere Schürfwunden vom Klettern in Bäumen. Knie und Unterschenkel juckten vom Saft der Brennnesseln. Abends im Bett glühten Arme und Beine. Selbst Stürze vom Dach einer Laube in den Sandkasten konnte man ohne Rippenbrüche überleben. Das hatte Rüdiger mit einem Kopfsprung bewiesen. Zwar blieb ihm für Sekunden die Luft weg und es dauert einige Zeit, bis sich der Atem wieder beruhig hatte, aber sein Schutzengel hatte ihn getragen. Auch als er mit der Stirn gegen die scharfe Kante einer Mauer fiel, dämpfte er den Aufprall. Doktor Holtmann brauchte nur wenige Stiche, um die Wunde zu nähern und nach drei Stunden war Rüdiger wieder zur Stelle und spielte die alten Spiele, die allen Schmerz vergessen lassen.

 

 

 

 

 

 

Die Lebensmelodie

 

Der Vater sang selten. Das verstärkte die Wirkung. Sein Repertoire bestand aus zwei Sommerliedern und einem Winterlied. In ihnen wurde unsere kleine Welt beschrieben. Das erste Sommerlied  war sehr zart und erzählte von den Vögeln in den Obstbäumen unseres Gartens, den Blumen draußen auf den Wiesen und dem Loddenbach. Da wurde das Herz still und andächtig.

 

 

„Vöglein im hohen Baum,

klein ist’s ihr seht es kaum,

singt doch so schön,

dass wohl von nah und fern

alle die Leute gern

horchen und stehn,

horchen und stehn.

 

Blümelein im Wiesengrund

blühen so lieb und bunt

tausend zugleich.

Wenn ihr vorüber geht,

wenn ihr die Farben seht

freuet ihr euch,

freuet ihr euch.

 

Wässerlein fließt so fort,

immer von Ort zu Ort

nieder ins Tal.

Dürsten nun Mensch und Vieh,

kommen zum Bächlein sie,

trinken zumal,

trinken zumal.“

 

 

Das war eine Melodie wie aus meinem Herzen. Die Mutter kannte noch eine weitere Strophe. Der Vater ließ sie weg, weil er nicht an den lieben Gott glaubte.

 

 

“Habt ihr es auch bedacht,

wer euch so schön gemacht,

alle die drei?

Gott, der Herr, machte sie,

dass sich nun spät und früh,

jedes dran freu,

jedes dran freu.“

 

 

 

Der Kuckuck war ein arger Räuber. Er legte seine Eier in fremde Nester und ließ sie von Leihmüttern ausbrüten. Das war gemein, kam aber auch unter Menschen vor. Im Kindergarten gab es ein Kuckuckskind. Darüber durfte nicht gesprochen werden, aber alle kannten es. Das Kuckuckskind lebte allein mit seiner Mutter. Der Vater war nämlich nicht der Vater gewesen, so wurde gesagt. Wie aber merkt ein Vater, dass er nicht der Vater ist? Das war eines der Rätsel, die den Kuckuck und seine Kinder umgaben. Wie merken Kuckuckskinder, dass sie Kuckuckskinder sind? Spüren sie es im Herzen oder im Bauch? Sehen sie es dem Vater an? Ist man ein Kuckuckskind, wenn man sich fremd fühlt und das Herz schwer wird?

 

Vielleicht war auch ich ein Kuckuckskind? Das zweite Sommerlied des Vaters war ein Kuckuckslied. Machte ihn das verdächtig?

 

 

„Auf einem Baum ein Kuckuck,

simsalabimbambasadusaladim,

auf einem Baum ein Kuckuck saß...“

 

 

Das war lustig und kam flott daher. Aber ich ließ mich nicht täuschen. „Simsalabim“, sagte der Zauberer im Kindergarten. Der Kuckuck war wie ein Zauberer. Das wusste jeder. Wenn sein Ruf erklang, dann antworteten wir: „Kuckuck, sag’ mir doch, wie viel’ Jahre leb’ ich noch?“ Dann zählten wir die Anzahl seiner Rufe. Wenn sie kein Ende nehmen wollten, ließen wir das Zählen. Denn alles, was über die Zahl zehn hinausging, lag in so weiter Ferne, dass es uns nicht bewegte. Rief er aber nur drei oder vier Mal, taten wir so, als hätten wir nichts gehört. Der Kuckuck, von dem der Vater sang, wurde von einem Jäger erschossen. Ein Jahr später saß er wieder auf dem Baum und sang. Ja, das war Zauberei. Die konnte niemand verstehen.

 

Vaters Winterlied sang ebenfalls von unseren Erlebnissen in Wald und Flur: den schneebeglänzten Feldern und dem mit Eis bedeckten Loddenbach.

 

 

„Es ist für uns eine Zeit angekommen,

die bringt uns eine große Freud’.

Übers schneebeglänzte Feld

Wandern wir, wandern wir,

durch die weite weiße Welt.

 

Es schlafen Bächlein und Seen unterm Eise,

es träumt der Wald einen tiefen Traum.

Durch den Schnee, der leise fällt,

wandern wir, wandern wir,

durch die weite weiße Welt.

 

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen

Erfüllt die Herzen mit Seligkeit.

Unterm sternbeglänzten Zelt

Wandern wir, wandern wir

durch die weite weiße Welt.“

 

 

 

In der Küche summte der Wasserkessel auf dem Herd, draußen rauschten die Blätter, der Loddenbach murmelte und die Vögel zwitscherten, die Schweine grunzten, die Kühe muhten, die Pferde wieherten – die Welt war Klang. Nur die Fische im Aquarium glotzen  stumm.

 

Manchmal kam Gerald vorbei. Er sang: „Pigalle, das ist die große Mausefalle mitten in Paris, Pigalle, Pigalle, der Speck in dieser Mausefalle schmeckt so zuckersüß“ und klatschte dabei in die Hände. Gerald war einige Jahre älter als wir. Er ging auf eine besondere Schule, denn er dachte anders als wir. Davon wussten wir aber nichts, denn auf der Straße ist Platz für alle. Gerald hatte ein wunderbares Gedächtnis für Schlagertexte. Wir nannten ihn Pigalle, und er freute sich darüber. Dann sang er: „Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe“ und „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“. Gus Backus konnte er perfekt imitieren:

 

„Ja, meine Mutter sagt: Steck’ keine Bohnen in die Ohren, Bohnen in die Ohren, Bohnen in die Ohren. Und auch der Lehrer klagte: Du hast Bohnen in die Ohren, Bohnen in die Ohren. Und so geht’s mir auch heute: Ich hab Bohnen in die Ohren, Bohnen in die Ohren, Bohnen in die Ohren.“

 

 

Als Fan von TSV 1860 München verehrte Gerald den Torwart Petar Radenkovic, den die Münchener „Radi“ nannten. Radi Radenkovic war auch ein Sänger. Gerald liebte seinen Schlager „Bin I Radi, bin I König“.

 

Im Spätsommer zogen wir mit selbst gebastelten Lampions durch die Abenddämmerung und feierten das Lambertusfest. Die Väter hatten Holzpyramiden aus Dachlatten gezimmert und sie mit grünen Zweigen der Thuja geschmückt. Dann kam die Nacht und erste Sterne wurden sichtbar. Bunte Laternen leuchteten an der Pyramide. Wir umkreisten sie mit unseren Lampions und sangen:

 

„Ich geh mit meiner Laterne

und meine Laterne mit mir.

Da oben leuchten die Sterne,

hier unten, da leuchten wir...“

 

Da oben am Himmelszelt leuchten die Sterne, hier unten auf der Erde, da leuchten unsere Laternen. Ja, so war es: Die Welt war wunderbar im Ganzen.

 

„Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.

Brenne auf mein Licht,

brenne auf mein Licht,

aber nur meine liebe Laterne nicht...“

 

Diese Zauberworte waren notwendig, denn immer wieder geschah es, dass eine Laterne abfackelte und ausgetreten werden musste. Eines der Lieder begann mit einer Frage:

 

„Guter Freund, ich frage dir,

bester Freund, was rätst du mir:

Sag’ mir, was ist Eine?“

 

Die Antwort lautete:

 

„Einmal eins ist Gott allein,

der da lebt und der da schwebt,

im Himmel und auf Erden.“

 

In der neunten Strophe dieses Liedes war die Rede von den neuen Chören der Engel.

 

„Guter Freund, ich frage dir,

bester Freund, was rätst du mir:

Sag’ mir, was sind Neune?

Neun Chör‘ der Engel...“

 

 

Was ein Engel ist, wusste jedes Kind. Aber was sind neun Chöre der Engel? Niemand kannte die Antwort, obwohl alle das Lied sangen. Das sei eine Frage für den Herrn Kaplan, sagte Tante Anneliese. Und richtig. Er wusste die Antwort, und dann wusste sie auch Tante Anneliese. Jedes Kind hat mindestens einen Schutzengel, sagte der Herr Kaplan. Neben unseren Schutzengeln gebe es noch viel mehr Engel. Einige helfen dem Pfarrer bei der Messe. Sie passen auf, dass kein Krümel vom Leib des Herrn verlorengeht. Einmal sei ihm die Hostie aus der Hand gelitten und wäre auf den Boden gefallen, wenn nicht der Engel zur Stelle gewesen wäre. Die neun Chöre der Engel wohnen bei Gott im Himmel, weit hinter den Sternen. Sie singen den ganzen Tag wunderschöne Lieder. Da könnten wir uns vorstellen, wie glücklich diese Engel seien. Sie werden noch glücklicher, wenn wir am Lambertusfest mit ihnen singen.

 

So war das Rätsel der Engelchöre geklärt. Gott und die Chöre der Engel wohnen hinter den Sternen im Himmel. Zum Mond und den Sternen konnte man fliegen. Der kleine Häwelmann hatte es bewiesen. Er hatte sein Hemdchen über dem großen Zeh wie ein Segel gespannt, aus voller Kraft hineingeblasen und war so mit seinem Kinderwagen durch das Schlüsselloch gefahren.

 

Fliegen war kinderleicht, wenn man ein bestimmtes Abendlied gesungen hatte. Zuerst schlief ich ein. Dann träumte ich, bewegte die Arme gleichmäßig und ruhig und erhob mich in die Lüfte. So gelangte ich ins Paradies:

 

 

„Guten Abend, gute Nacht,

von Englein bewacht.

Sie zeigen dir im Traum,

Christkindleins Baum.

Schlaf nun selig und süß,

schau’ im Traum vom Paradies.“

 

 

Vielstimmig erklingt die Lebensmelodie, manchmal laut und unüberhörbar, dann als ein leiser Seelenhauch. Zuweilen stockt ihr der Atem. Sie kann verstummen. Aber niemals für immer.

 

Lieder der Kindheit. Frühes Glück des Wiedererkennens: Das bin ja ich! Gleiches wird durch Gleiches erkannt. Homöopathie der Herzen. Seelenverwandtschaft: Du gehst deinen Weg nicht allein.

 

Gewissheit: Was für uns bestimmt ist, wird uns auch finden. Frühe Musik der Kindheitstage. Zum ersten Mal gehört und nie vergessen: Die Auflösung der Gegensätze im Walzerklang von Jean Sibelius’ Valse triste, die unvermittelt auftauchenden Stimmungswechsel von panischem Schrecken und jubelnder Apotheose in Gustav Mahlers 1. Sinfonie, das alle Wehmut sprengende Allegro molto vivace von Pablo de Sarasastes Zigeunerweise. The Fairy Queen von Henry Purcell und die engelgleiche Stimme von Alfred Deller, voller Innigkeit, Schwermut und Heiterkeit, ein Seelenton ewiger Kindheit. Nie wird sie verstummen, was immer kommt.

 

 

 

 

 

 

 

"Ich habe angefangen,

meine Jugend-Geschichte aufzuschreiben

und bin überrascht,

wie klar sich das längst vergessene Geglaubte

wieder vor mir auseinander breitet.

Nun darf ich fortfahren,

denn nun bin ich gewiss,

dass ich mein Leben darstellen kann

und nicht darüber zu räsonieren brauche."

 

Friedrich Hebbel. Tagebuch vom 16. September 1846 

 

 

 

 

 

"Und der Engel des Herrn trat zu ihnen,

und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie;

und sie fürchteten sich sehr."

Lukas 2. 9

 

 Weihnachtliches Rudelsingen in der Michaeliskirche/Hildesheim (14. Dezember 2019) mit Fritz Baltruweit

 

Ein Weihnachtsfest ohne Engel ist undenkbar. Zu tief sind die himmlischen Wegbegleiter Teil der christlichen Lieder, Gebräuche und Geschichten von der Geburt Jesu. Damit folgen Kirche und Volksbrauch der schönsten aller biblischen Geburtsgeschichten, dem Evangelium des Lukas. Dieser Evangelist war nach eigenem Bekunden weder Zeuge der Geburt Jesu, noch hatte er ihn zu Lebzeiten gekannt. Wie ein Schriftsteller ordnete der Evangelist mit dem Symbol des Stieres die ihm vorliegenden Quellen. Er komponierte aus verschiedenen Überlieferungen sein überwältigendes Weihnachtsevangelium.  Dessen Kernstück ist die Geburt Christi. Es wird alle Jahre wieder am Heiligen Abend vorgelesen und bewegt noch immer die Herzen, wie damals die Worte der Hirten an der Krippe das Herz der Maria.

 

Engel sind Hebammen Gottes. Sie begleiten Geburtsprozesse von Säuglingen, von neuen Lebensabschnitten, von neuen Zeitaltern, von neuen Religionen. Zu Recht gehört in den kirchlichen Amtshandlungen der Schutzengelpsalm (91.11) zu den beliebtesten Tauf- und Konfirmationssprüchen. Das Buch Tobit, Luther zählt es zu den Apokyrphen, in allen anderen Kirchen von Ost und West gehört es zu den kanonischen Schriften des Alten Testamentes, hat Überlieferungen vom Schutzengel Raphael gültig ins Bild gesetzt: Raphael ist der Wegbegleiter des Menschen. Still und unerkannt steht er seinem Schützling zur Seite. Doch in entscheidenden Schlüsselszenen der Biographie greift er schützend, bewahrend oder heilend ein. Mit Raphael hat das alte Judentum die durch alle Zeiten bewahrte und tausendfach von Künstlern ins Bild gesetzte Gestalt des selbstlosen Wegbegleiters geschaffen: Der Schutzengel begleitet den jungen Tobias auf seinem Weg ins Leben. Seine wahre Engelnatur lässt sich nicht aus  Attributen wie Flügel, weißes Gewand oder Heiligenschein ablesen. Auf den Bildern der Künstler und im Kitsch illustrieren sie nur, was mit den Augen des Herzens gesehen werden will: Gott steht dem Menschen durch seinen Schutzengel zur Seite. Doch diesen Engel erkennt der Mensch erst, wenn er vorübergegangen ist. Schutzengel gelten als „ziemlich beste Freunde“: auf sie ist immer Verlass, aber sie reden wohltuend Klartext. 

 

Alle Engelnamen der Bibel sprechen vom Wirken Gottes: Raphael bezeugt „Gott heilt“. Gabriel bedeutet „Mann Gottes“. „Wer ist gleich Gott!“ ist die Bedeutung von Michaels Namen. Gerade zur Weihnachtszeit ist der Blick auf den Engel Michael recht hilfreich, um das Wesen der biblischen Engel zu verstehen. Wenn sie die Wege des Menschen begleiten, heisst dies nicht, dass sie alle Wege dulden. In der sogenannten Esoterik gibt es Engel, die alle Wünsche erfüllen. Sie gelten als das höhere Selbst oder als Stimme des Unbewussten. Seminare versprechen, den Kontakt zu Schutzengeln herzustellen. Diese spirituelle Engelindustrie bedient sich einer Mixtur von Engelvorstellungen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturkreisen. Sie regt ein biblisches Nachdenken über die wunderbaren Wegbegleiter des Menschen weder an, noch bildet sie eine Ergänzung zum christlichen Engelbild. Esoterische Engelvorstellungen sind für Psychologen und Kulturwissenschaftler von Interesse, weil sich an ihnen zeigen ließe, was wir verlieren, wenn wir nicht mehr auf das Evangelium hören. Gleiches gilt für die Engelwerbung. Sie hat inzwischen absurde Vielfalt und Beliebigkeit angenommen. 

 

Mit der Wiederkehr des Engelthemas um das Jahr des Mauerfalls erschienen auch die ersten Engelwerbungen. Dass sich der Gedanke des Schutzengels in eine gewisse Analogie zu den Angeboten der DEVK-Versicherung („Der Schutzengel ihres Kindes“) setzen lässt, leuchtet dem Kulturwissenschaftler vielleicht ein. Schmunzeln mag der Betrachter großformatiger Plakate, auf denen Niveau-Creme als „Schutzengel für die Haut“ beworben wird. Fettarmer Käse („Philadelphia“) und magenschonender Kaffee („Idee-Kaffe“) lassen ahnen, dass wir auch in Nahrungsdingen des Schutzes bedürfen. Doch inzwischen gibt es nichts, wofür Engel nicht mehr Werbung machen: Alkohol („Ich trinke Jägermeister, weil er der Himmel auf Erden ist“) und Zigaretten, Tampons („Schutzengel hatten schon immer Flügel - o.b. Flexia für besseren Schutz“) und Parfüm („Angel - So sanft kann Stärke sein“). Dergleichen Beliebigkeit des Engelbildes lässt sich beim besten Willen nicht mehr in das Christentum inkulturieren.

 

Wer noch an Fragen der christlichen Wahrheit interessiert ist, wer zwar dem Volk auf Mauls schaut, aber dem Zeitgeist nicht nach dem Mund reden will, wie es in unseren Kirchen immer wieder geschehen ist und geschieht, der findet bei dem Engel Michael Orientierung. Sein Attribut ist das Schwert der Unterscheidung der Geister. Er integriert nicht, was sich nicht einfügen lässt oder lassen will, er betreibt keine Inklusion, wo sie reine Augenwischerei ist, er verwischt nicht die Unterschiede zwischen den Kulturen, Mentalitäten und Religionen. Als Freunde des Menschen haben Engel Mut zur Wahrhaftigkeit.

 

 

 

Michaels Schwert der geistlichen Unterscheidung sorgt für klare Worte, wo Abgrenzungen notwendig geworden sind. Gott ist die Liebe. Sein Evangelium gilt allen Menschen guten Willens. Aber nicht alle Menschen haben  gute Absichten. Allen Menschen ist das Heil verkündigt. Aber nicht alle Menschen stellen sich unter diese Gnade. In der Welt gibt es einen geradezu titanischen Widerstand gegen die Botschaft Jesu. Dafür steht der Widersacher, der Teufel, der Allesdurcheinanderbringer, der Drache, die alte Schlange, gegen die Michael sein Schwert der Unterscheidung zurück (Apk 12).  Diesem Michael sind die großen Klöster Europas in Italien , in der Normandie, in Cornwall und in Russland geweiht. In seinem Geist formierte sich einst das Reich der Ottonen.

 

Weihnachten ist nicht das Fest des Friedens um jeden Preis. Die Engel aus Watte sollen weiterhin in den Fenstern daheim und in den Schulen hängen. Und noch immer gibt es auch für unsere neuen ausländischen Schüler keine bessere Inkulturation, als das gemeinsame Singen von himmlischen Weihnachtsliedern , die Anfertigung eines Adventskranzes für den Klassenraum oder das Basteln von Engeln und Sternen mit der Lehrerin. Wie viel Segen liegt in dieser unschätzbar wertvollen Pflege unserer Weihnachtstradition! Wer je einmal als kleiner Engel bei einem Krippenspiel mitgewirkt hat, der weiß, dass von diesen festlichen Stunden immer ein kleiner Nachglanz zurückgeblieben ist. Das gilt auch für unsere muslimischen Mitschüler, die gerne das weiße Gewand eines Engels zur Weihnachtsfeier überziehen. Denn auch der Islam verehrt wie das Judentum die Engel als Boten Gottes. Schließlich ist es Gabriel, der Mohammed den Koran diktiert und damit die Geburt dieser Schwesterreligion einleitet.

 

Aber wir Erwachsenen, die ihren Kinderglauben bewahren dürfen und sollen, wir schauen auch auf die kleinen Randnotizen der Bibel, wenn es um Gottes Engel geht: Vor dem verschlossenen Paradies herrscht keine Willkommenskultur für die Sünder. Denn dort steht der sechsflügelige Cherub mit dem flammenden Schwert. Grenzen müssen geschützt werden. Von den fatalen Folgen einer gewaltsamen Grenzüberschreitung erzählt die alte Sage vom Engelsturz der Gottessöhne (Gen 6.1-4). Die männlich gedachten Engel kommen auf die Erde und vereinigen sich mit den Menschentöchtern. Dieses Vorspiel der großen Klimakatastrophe der Sintflut hallt noch in den Erzählungen von Sodom und Gomorra nach. Hier sind es zwei der drei Engel, die zuvor Abraham und Sara besuchten und die Geburt des Sohnes ankündigten, die nun Lot begegnen (Gen 19.1). Ihre Gestalt muss von jünglingshafter Schönheit gewesen sein. Denn Dorfbewohner kommen und wollen sie sexuell missbrauchen (Gen 19. 5). Lot bietet stattdessen seine Töchter an. Dank des Beistandes der Engel kommt es nicht zu einem Missbrauch. Aber Sodom und Gomorra haben sich selbst das Urteil gesprochen.

 

 

 

Engel sind Boten des Endes. Dass die Adventszeit mit der Ankunft Gottes zugleich vom Ende der alten Welt spricht, haben wir vergessen. Die Apokalypse hat ihre Rhetorik auf den Klimagipfeln der Welt und in Greta Thunberg eine ihrer Prophetinnen. Kein Pfarrer, keine Pastorin könnte es sich heute erlauben wie die selbst ernannte schwedische Heilsbringerin in Davos auszurufen: „I don’t want you to be hopeful. I want you to panic.“

 

Weihnachten ist Endzeit. Jetzt erschließen sich Zusammenhänge. Jetzt öffnet sich der Horizont. Jetzt erscheint der Himmel Gottes und seiner Engel über der Erde. Zur Liturgie aller christlichen Kirchen in Ost und West gehören zwei Engelgesänge, die als Lobpreis aus Engelmund wenig wahrgenommen und von den Gemeinden in ihrer spirituellen Dimension selten empfunden werden. Es ist das Sanctus der Seraphim wie es der Prophet Jesaja (Jes 6.3) vernimmt und wie es zur Abendmahlsfeier (Messopfer) von der Gemeinde gesungen wird. 

 

Erik Peterson hob mit seinem Klassiker „Das Buch von den Engeln“ (1935) diese liturgische Funktion der Engel hervor. Ihm folgt in unseren Tagen der Neutestamentler Rainer Schwindt mit seinem Buch „Der Gesang der Engel“ (2018). Der systematische Theologe Johann Ev. Hafner legt eine moderne „Angelologie“ (2010) vor. Die wissenschaftliche Engelforschung oder griechisch Angelologie ist noch immer eine katholische Domäne. Engel aber sind weder katholisch, lutherisch noch orthodox, sondern biblische Verheißung für alle Christen.

 

Wissen wir noch, dass wir mit dem Sanctus in den ewigen Lobgesang der Engel einstimmen, dass hier im gemeinsam vorgetragenen Hymnus wahrlich Himmel und Erde zusammenkommen, die gefallene Schöpfung heil und wieder eins wird? Denn die Engel als geschaffenes Licht des ersten Schöpfungstages bilden nach der Lehre des Augustin, den stationären Teil des Gottesstaates, dessen pilgernden Teil die Menschen noch sind. In der Liturgie aber wird die Einheit der Schöpfung von Mensch und Engel gefeiert. Das gilt besonders für das Prunkstück des Gloria, dass die Engel bei den Hirten auf dem Feld zu Bethlehem anstimmen und dass die Gemeinde in jedem Gottesdienst wiederholt. Spürt sie noch das Geheimnis der Gottesgeburt, wenn sie singt: „Ehre sei Gott in der Höhe“ (Lk 2.14)? Angestimmt wird das Gloria von der „Menge der himmlischen Heerscharen“ (Lk 2.13), worunter im Sinne Michaels durchaus kämpferische und zur Auseinandersetzung bereite Engel zu verstehen sind. Sie bilden eine Art Schutzmacht hier bei der Geburt Jesu, aber auch im weiteren Lebenslauf des Gottessohnes. Als Petrus bei der Gefangennahme das Schwert zückt und dem römischen Soldaten Malchus ein Ohr abschlägt, verweist Jesus auf die hier nicht genutzte Möglichkeit, den Dienst der Heerscharen in Anspruch zu nehmen: „Meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel (=72000) schickte?“ (Mth 26.53) Gott ist der „Herr der Heerscharen“ oder der „Herr Zebaoth“.

 

Im Tempel von Jerusalem erscheint Gabriel und kündigt Zacharias die Geburt des lang ersehnten Sohnes Johannes an. Damit wiederholt sich das Wunder der Geburt von Isaak. Elisabeth und Sarah sind beide jenseits des Klimakteriums, als sich Gottes Wunder an ihnen vollzieht. Die Jungfrauengeburt, die Gabriel anschließend der Maria verkündet, ist auch die erzählerisch notwendige Steigerung des Wunders. Dann kommen die Engel zu den Hirten und weisen ihnen den Weg zur Krippe. Die Geburt Jesu setzt eine Welt in Bewegung. Gottes Engel sind Teil dieser Bewegung, die im Herzen Marias meditativ nachschwingt, wenn es heisst: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2. 19) Zu dieser spirituellen Nachdenklichkeit lädt das Weihnachtsevangelium die „Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2. 14) ein.

 

 

Diese Weihnachtspredigt erschien im IDEA-Magazin 51/52. 2019

 

 

 

 

Wiederkehr der Engel

Ein Rückblick auf die Jahrtausendwende

 

 

 

1. Symbole der Wandlung

 

„Zehn Jahre vor der Jahrtausendwende öffnen sich wieder die Himmel. Wie in den Zeiten der Altvordern herrscht reger Grenzverkehr. Die Engel kommen wieder! Zumindest hören Schriftsteller und Filmemacher ihre Flügel wachsen. Ein Zeichen, dass in apokalyptischer Gefahr auch das Rettende naht? Eine Flucht in die Illusion, weil wir die unerträgliche Einsamkeit unserer kosmischen Existenz nicht aushalten?“ Mit diesem Fanfarenstoss wollte ich unmittelbar nach dem Mauerfall und der politischen Wende des Jahres 1989 die Leser der Neuen Zürcher Zeitung auf die spirituelle Dimension des großen historischen Ereignisses hinweisen. Der Blick in die Religionsgeschichte lehrt, dass Engel immer in Krisenzeiten auftreten. Wenn der religiöse Kult an Strahlung verliert, wenn politische Systeme wanken und sich eine apokalyptische Stimmung ausbreitet, dann ist inmitten dieser Gefahren auch das Rettende nahe. Engel erscheinen nicht ohne Grund. Ihre Gegenwart markiert eine Stätte des Unheils, eine Erfahrung des Schmerzes, eine Stunde der Trauer. Doch in dem Moment, wo der Engel auftritt, beginnt bereits der Prozess der Heilung und Erneuerung. Deshalb sind Engel Symbole der Wandlung.

   

Mit der Wiederkehr der Engel in der Jahrtausendwende hatte niemand gerechnet. Die großen Theologen des 20. Jahrhunderts hatten sie einfach vergessen oder sich ihrer geschämt. So suchten sich die Engel eine neue Heimstatt. Als Rezensent verschiedener großen Zeitungen war mir bei der Durchsicht der Neuerscheinungen seit Mitte der Achtziger Jahre jedoch die zunehmende Präsenz der Engel in Romanen, Erzählungen und Autobiographien aufgefallen.  Inspiriert durch eigene Kindheitserinnerungen veröffentlichte Isolde Ohlbaum ihre ersten Photographien von Grabesengeln. Im gleichen Jahr 1986 kam Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ in die Kinos. Dieser Szene-Film erlebte mit „City of Angels“ ein populäres Remake. In einer Schlüsselszene  durchschreiten die beiden Engel Damiel (Bruno Ganz) und Cassiel (Otto Sander) die Berliner Mauer. Dieser Grenzüberschritt wurde zum Urbild der Ereignisse vom November 1989. Dass Mauern weichen und die Himmel sich wieder öffnen können, dass die Schöpfung sich wandelt und mit ihr der Mensch, davon kündet wie in biblischen Zeiten der Film. Mein Artikel für die Neue Zürcher Zeitung lag der Redaktion kurz nach dem Mauerfall vor. Ich hätte ihn gerne sogleich gedruckt gesehen. Doch meinte der zuständige Redakteur Martin Meyer, die Engel hätten Geduld. Zu meiner eigenen Vergewisserung schrieb ich das Buch „Breit aus die Flügel beide“, mit dem ich die biblische Überlieferung und die Rede von den Engeln in der Kunst, der Dichtung und Autobiographie sieben Lebensphase zuordnete. Vergeblich versuchte ich das Buch bei einem Verlag unterzubringen. Engel seien kein Thema mehr für den Buchmarkt, hörte ich immer wieder. Schließlich erschien das Buch 1993 im Herder Verlag. 

 

Inzwischen sind Engel aus dem Lebengefühl der Moderne nicht mehr wegzudenken. Als Kunst und Kitsch stehen sie in Drogerien und Blumenläden, schmücken Keksdosen und Dessous der Firma „Viva Maria“ oder zieren kleine Geschenkbücher, deren Flut unüberschaubar geworden ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist „Engel“ zu einer Chiffre für Hilfbereitschaft geworben. Menschen, die sich für andere selbstlos engagieren, werden wie Mutter Theresa von Kalkutta als Engel bezeichnet. Die moderne Reproduktionstechnik führt zur Allgegenwart von klassischen Engelbildern auf Postkarten, Kalendern und Bildbänden. Sie inspirieren Künstler zu einer neuen Arbeit am Mythos des Engels. Sein Bedeutungsreichtum ist so weit, dass sich der Engel auch als Mahnmal für die Verfolgung der Homosexuellen eignet, wie Rosemarie Trockel mit ihrem „Frankfurter Engel“ gezeigt hat. Engelbücher sind so zahlreich wie die himmlischen Chöre selbst. Einige von ihnen erreichen Millionenauflagen wie Anselm Grüns „50 Engel für das Jahr“. Bei einer breiten Leserschicht sind Lebenszeugnisse wie die Sammlung „Ich geb’ dir einen Engel mit“ besonders beliebt. Engel-Leser sind nicht an Theorie und Theologie interessiert, sondern an Erfahrungen. Es geht um mystische Erfahrungen und Mitteilungen aus der Innenwelt, dem esoterischen Bereich der Religionen. An dem Thema „Engel“ interessierte Leser suchen Anregungen, das eigene Leben im Spiegel einer anderen Wirklichkeit zu sehen und zu ihr durch meditative Techniken, Orakel oder das Gebet Kontakt aufzunehmen. Diese neue Sehnsucht nach Spiritualität ist keine romantische Flucht aus der Gegenwart, sondern eine Ergänzung der einseitig rationalen Wirklichkeitsauffassung.   Als Hilfe für diese Wiedereinübung eines Blicks hinter die Kulissen der sichtbaren Welt greifen auch erwachsene Leser verstärkt zu Kinderbüchern über Engel. 

 

Die Wiederkehr der Engel ist inzwischen offensichtlich.  Nicht alles, was heute den Buchmarkt bestimmt, hat Substanz. Deshalb muss man sich auch nicht mit einer Kritik der zahlreichen esoterischen Engelbücher aufhalten, die oftmals nichts anders sind als Selbstüberhöhung und Projektion. Als verbindendes Thema aller großen monotheistischen Religionen, als in der höchsten Dichtung der Menschheit Gestalt gewordene Erfahrung und als Begleiter im Labyrinth des Lebens bezeugen Engel zu allen Zeiten Gottes Gegenwart. Unsere Zeit hat ein großes Bedürfnis nach echter Erfahrung, nach Berührung mit dem Bleibendem, nach Begegnung mit dem Urgrund des Lebens. Wer vom Engel redet, der spricht immer von der Erfahrung der Transzendierung des Alltags und der Grenzen der eigenen Person. Der Gesang der Engel ist das Trishagion „Heilig, heilig, heilig“ (Jesaja 6.3) der Feier des Messopfers, in dem sich Himmel und Erde vereinen. Um die Erfahrung des Heiligen als mysterium tremendum et fascinosum geht es letztlich bei aller Rede von den Engeln. Sie zielt immer auf den letzten Grund der Wirklichkeit: So ist jede Engelerfahrung eine Gotteserfahrung.

 

 

 

2. Engel in der Autobiographie: Schlüsselerlebnisse 

 

Wie selbstverständlich die Rede von den Engeln inzwischen wieder geworden ist, lässt sich an zahlreichen autobiographischen Bekenntnissen ablesen. Marion Gräfin Dönhoff bekannte sich in ihrem letzten Interview öffentlich zu ihrem Schutzengel: „Natürlich gibt es ihn. Ich habe einen ganz engen Schutzengel. Davon bin ich überzeugt. (...) Ich habe einfach die Gewissheit, dass mein Schutzengel da ist.“ Auch die große alte Dame der Demoskopie, Elisabeth Noelle-Neumann, berichtet von Schutzengelerlebnissen aus früher Kindheit. Im Alter von fünf Jahren hatte sie eine Lichterscheinung in ihrem Zimmer wahrgenommen, die trotz intensiver Nachforschungen am nächsten Morgen unerklärlich blieb. Die Autorin berichtet, wie sie die Eltern, das Kindermädchen, die zwei Hausmädchen und die Köchin befragt und immer wieder die gleiche Antwort erhält: Niemand war in dem Zimmer gewesen, und keiner hatte ein Licht angezündet. „Als ich alle gefragt hatte, und niemand war nachts in meinem Zimmer gewesen, da sagte ich mir: Dann müssen es die Engel gewesen sein. Das war das Geheimnis. Von nun an behielt ich es bei mir - und bis heute ist es Geheimnis geblieben. Nie habe ich es vergessen, immer daran gedacht. Welch ein Trost.“ 

 

Erlebnisse dieser Art werden in modernen Autobiographien immer wieder erzählt. Ihnen kann die Forschung typische Merkmale der modernen Rede von den Engeln entnehmen: 1. Mit dem Wort „Engelerlebnis“ werden außergewöhnliche Begebenheiten im Lebenslauf bezeichnet, die sich als Erinnerungsspur tief im Gedächtnis verankern. 2. Diese Erlebnisse sind oftmals mit paranormalen Wahrnehmungen wie Lichterscheinungen verbunden. 3. Die betreffenden Personen erleben diese Momente im Lebenslauf als Schlüsselerlebnisse . 4. Sie machen die Erfahrung, dass sich diese Erlebnisse einer rationalen Analyse ebenso entziehen wie einer Versprachlichung. Daher werden sie oft mit dem Begriff „Geheimnis“ verbunden. 5. Diese Erlebnisse haben immer etwas mit den Fragen der Identität zu tun. Es geht um Beruf und Berufung, um Sinn und Ziel des eigenen Lebensweges, aber nur selten um religiöse oder gar kirchliche Bindung. 6. Die moderne Engelerfahrung ist eine direkte Verbindung zwischen  Gott und der Seele. Es geht nicht um kirchliche oder konfessionelle Bindung, sondern den „direkten Draht“ zu Gott. 7. Engelerfahrungen sind transkonfessionell. Sie deuten eine neue Form der spirituellen Entwicklung auf einen theozentrischen Glauben an, der auch keine Unterschiede zwischen den Religionen mehr kennt. 

 

Angeregt durch die eigenen Erfahrungen hat Elisabeth Noelle-Neumann verschiedene Umfragen zum Engelglauben der Deutschen durchführen lassen. 1997 waren 32 Prozent der Deutschen von der Existenz von Engeln überzeugt. 37 Prozent im Westen, 14 Prozent im Osten. Eine zweite Umfrage vom September/Oktober 2000 zeigte, dass der Engelglaube unter Männern zurückgegangen war. Während 1997 noch 23 Prozent der Männer an Engel glaubten, waren es im Jahr 2000 nur noch 16 Prozent. Gleichbleibend war die Zahl von 40 Prozent der Frauen, die von der Existenz der Engel überzeugt sind. Noch mehr Menschen glaubten an die Existenz von Schutzengeln. Die Frage „Glauben Sie, dass Sie einen persönlichen Schutzengel haben, oder glauben Sie das nicht?“ wurde in Westdeutschland von 47 Prozent der Befragten positiv beantwortet, 18 Prozent schlossen die Existenz eines Schutzengels nicht aus. Das sind immerhin 60 Prozent in Westdeutschland und 39 Prozent in Ostdeutschland, die ein positives Verhältnis zu Schutzengeln haben. In Amerika glauben sogar 69 % der Befragten an Schutzengel. 

 

Über die Aufgabe der Schutzengel existieren klare Vorstellungen. Auf die Frage, worüber man sich mit dem Schutzengel unterhalten würde, antworteten die Befragten: über Leben und Sterben (43 %), Lebenssinn und Lebensaufgabe (34 %), Kranksein und Heilung (33 %), die Weltlage im dritten Jahrtausend (26 %), Liebe, Ehe, Partnerschaft (25 %), Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Engeln (20 %), Arbeit und Beruf (18 %) oder Erziehungsfragen (10 %). Klare Vorstellungen herrschen auch über die Aufgaben der Engel. Sie schützen Menschen in gefährlichen Situationen (44 %), begleiten sie auf ihrem Lebensweg (38 %), warnen vor Gefahren (23 %), trösten und ermutigen Verzweifelte (21 %), begleiten die Sterbenden in den Himmel (17 %), überbringen göttliche Botschaften (16 %), greifen in das Leben ein (13 %) und bringen eine Wendung zum Guten.

 

Edgar Piel und Elisabeth Noelle-Neumann sind überzeugt, dass der Engelglaube von einem neu erwachten Bewusstsein für Transzendenz zeugt. „Denn eben diese Dimension ist es, die den Engelglauben neben vielen anderen Zeichen und Hinweisen als Antwort auf jedwede Transzendenzlosigkeit aktuell und brisant macht. (. . .) Der langsam wachsende Engelglaube aber ist ein Indikator dafür, dass sich allmählich und ganz still unterhalb der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle noch etwas anderes entwickelt. In welchem Maße dieses Andere am Ende Einfluss auf unsere Zukunft nimmt, ist zur Zeit kaum abzusehen.“ 

 

Mit einer Schutzengelerfahrung eröffnet auch der deutsche Diplomat und Schriftsteller Erwin Wickert seine Autobiographie. Sie führt zurück in die frühe Kindheit und berichtet von einem Treppensturz des dreijährigen Knaben, den er ohne Verletzung überlebte. Erfahrungen von Rettung und Bewahrung werden oft als Schutzengelerlebnisse bezeichnet, ohne dass diese eine bestimmte Bindung an einen Glauben zur Folge hätte: „Noch Jahrzehnte später, als ich den Glauben an die Wunder der Bibel, leider auch an die Auferstehung Christi, längst verloren hatte, wollte ich doch nicht von dem Glauben an den Engel lassen, der mich einst getragen hatte. Ich fühlte ja immer noch, wie er mich sanft die Treppenstufen hinabtrug.“ Engelerfahrungen markieren Schlüsselerlebnisse und Prägungen im Lebenslauf. Auch Wickert spricht vom Geheimnis dieser Erfahrung. Sie berührt einen letzten inneren Bezirk der Identität, die sich jeder Erhellung entzieht: „Ich habe überhaupt nie und mit niemand von dem Engel gesprochen, habe das Geheimnis in mir verborgen“. 

 

Auch Friedrich Cramer, der Göttinger Mediziner und ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts für Experimentelle Medizin, berichtet von einem Schutzengelerlebnis. Im September 1942 wird der damals achtzehnjährige Cramer am Don-Bogen schwer verwundet. In einem Nahtoderlebnis schaut er sein Lebenspanorama. Die Summe dieser Erfahrung von Identität inmitten der äußersten physischen Bedrohung fasst er später in dem Satz zusammen: „Alles, alles ist da – nichts geht verloren.“ Engelerfahrungen in der Gegenwart sprechen also nicht nur von Momenten glücklicher Fügung und Rettung aus Gefahr, sondern berichtet ebenso von der Bewahrung inmitten der Katastrophe. Das Geheimnis, von dem im Zusammenhang mit Engelerfahrungen immer wieder die Rede ist, umkreist das Geheimnis des Kerns einer Person, der trotz Krankheit, Schmerz und Todesgefahr als unzerstörbar erfahren wird. Ihn haben besonders die Arbeiten zur Sterbeforschung von Elisabeth Kübler-Ross immer wieder thematisiert. Die Schweizer Ärztin griff dabei auf eine alte Vorstellung zurück, nach der die Seele des armen Lazarus (Lukas 16.22) nach seinem Tod von den Engeln in den Himmel getragen wurde. Insofern führt jedes weitere Nachdenken über Engelerfahrungen zu Grundfragen der Anthropologie (Gibt es eine unsterbliche Seele?), des Wirklichkeitsverständnisses  (Gibt es eine Wirklichkeit, die sich empirisch nicht messen lässt und dennoch mein Leben bestimmt?)  und des Gottesbegriffs (Greift Gott in mein Leben ein?) 

 

Was schützt eigentlich der Engel? Diese Frage führt in einen Bereich, der nicht mehr von dieser Welt ist. Von ihm hat auch Dietrich Bonhoeffer in seinem bekannten Engelgedicht von den guten Mächten gesprochen. Es bildet innerhalb der modernen autobiographischen Zeugnisse vom Wirken der Engel ein Schlüsseldokument, weil es frei ist von jedem Verdacht der Stilisierung.  Das Lied taucht tief ein in die Nacht von Gethsemane und greift das Motiv des bitteren Kelches auf, den Jesus von einem Engel (Lukas 22.43) gereicht bekommt. Gottes Gegenwart und seine Bewahrung zeigt sich auf paradoxe Weise im Leiden. Bonhoeffers Engelerfahrung spricht von der Einswerdung des menschlichen Willens mit dem Willen Gottes. Das Engelgebet wurde als Weihnachtsgabe für die Verlobte geschrieben. In seinem Brief vom 19. Dezember 1944 aus dem Gefängnis berichtet Bonhoeffer auch von dem alten deutschen Kindergebet der 14 Engel, das Paul Gerhardt zu seinem Abenlied  „Nun ruhen alle Wälder“ anregte und das Johannes Brahms vertonte:

 

„Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken’, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich.“

 

 

 

3. Engeloffenbarungen: Medien

 

Schutzengelerfahrungen sind letztlich immer unverfügbar. Sie lassen sich wie letzte Haltungen oder ein religiöser Glaube nicht durch einen Willensakt erzeugen. Das breite Interesse an Schutzengelerfahrungen führt jedoch zu Rückfragen an die eigene Biographie. Habe ich auch einen Schutzengel? Wie kann ich ihn erfahren? Auf diese Fragen reagiert ein breiter Markt, der mediale Dienste anbietet. Er wird fast auschließlich von Frauen bedient. Engelvisionen in der Moderne haben eine lange Tradition. Früher waren sie den Propheten und Heiligen vorbehalten und führten immer ins Zentrum einer Gottesbegnung. In der Moderne wurden sie Ausdruck einer Individualisierung  und einer Autonomie des religiösen Subjektes. Eine Vision zu haben oder jemanden zu kennen, der visionäre Einblicke in andere Welten besitzt, war auch Zeichen der Unabhängigkeit von traditionellen kirchlichen Vermittlungswegen.  Engelmedien reagieren immer auf die Erstarrung religiöser Institutionen. 

 

Immer wieder nahmen Menschen für sich in Anspruch, einen Blick hinter den Schleier der Wirklichkeit geworfen zu haben. Emanuel von Swedenborg (1688-1772), Heinrich Jung-Stilling  (1740-1817) und Jakob Lorber (1800-1864) gehören dazu. Die Krankenschwester Joé Snell erblickte im Alter von zwölf Jahren, also zu Beginn der Pubertät, einen Engel in ihrem Kinderzimmer. Von da an folgte sie der Spur der Himmlischen. In ihren autobiographischen Aufzeichnungen „Der Dienst der Engel“ erzählte sie später von ihren Beobachtungen auf der Intensivstation der Krankenhäuser. Auch berichtet sie von Entrückungen in den Himmel, deren Straßen und Häuser sie detailliert beschreibt. Die Engelvisionen „Ein Büchlein von den Engeln“ von Mechthild Thaller-von Schönwerth sind nach ihrem Tod unter dem Pseudonym Ancilla Domini (Magd des Herrn) herausgegeben worden. Auch Wladimir Lindenbergs „Gottes Boten unter uns“ gehört zu den modernen Klassikern unter den Engelbüchern. Der russische Arzt Lindenberg hat die Rede von den Engeln eng mit der Deutung der eigenen Biographie verknüpft. Engel sind für ihn Symbole der Erfahrung des Wunderbaren im Lebenslauf. Sie bezeugen eine zweite Wirklichkeit hinter der sichtbaren Welt, die auf geheimnisvolle Weise jedes Menschenleben begleitet: „Wer auf die Zeichen achtet, dem werden sie zuteil.“

 

Zu den bekanntesten Privatoffenbarungen gehören die Mitschriften von 88 Engelgesprächen, die Gitta Mallasz unter dem Titel „Die Antwort der Engel“ (1981) veröffentlichte. Sie sind während der Kriegsjahre 1943/44 in Ungarn notiert und später überarbeitet worden. Unter vielen Engelfreunden gelten sie als echt. Gitta Mallasz zeichnete Engeloffenbarungen auf, die ihre Freundinnen Hanna und Lilli regelmäßig am Freitag um 15.00 Uhr zur Todesstunde Jesu erhielten. Mit dieser Uhrzeit deutet sie bereits die Passion der jüdischen Freunde Hanna, Joseph und Lilli an. Sie werden am 2. November 1944 von ungarischen Nazis gefangengenommen. Hanna und Lilli hatten die Möglichkeit einer Flucht ausgeschlagen, um das Leben ihrer Freundin Gitta zu retten. Alle finden den Tod, nur Gitta Mallasz überlebt. Dass in ihrem Nachnamen das hebräische Wort „malach“ (Engel) anklingt, dürfte kein Zufall sein. Mit der Veröffentlichung setzt sie ihren Freunden ein Denkmal.

 

Wie nehmen die Frauen die Botschaft der Engel wahr? Wie spricht ein Engel? Auch darüber geben die Dokumente Aufschluss. Hanna spricht von einer Erweiterung der Wahrnehmung. Alles innere und äußere Geschehen habe sie in großer Klarheit sehen und die Anwesenheit des Engels als belebende Kraft spüren können. Sie habe die Mitteilung der Engel in menschliche Sprache übersetzen müssen. Das letzte Wort des Engels inmitten der politischen Katastrophe lautet: „Glaubt es: Das ewige Sein ist schon euer.“ Aus Sicht der Engelforschung handelt es sich um eine moderne Märtyrerakte. Schon der Bericht von der Steinigung des ersten christlichen Märtyrers Stephanus und die Märtyrerakte vom Tod der Perpetua wissen von Engelvisionen zu berichten. Auch treten Engel in apokalyptischen Zeiten verstärkt auf. Worin besteht der Sinn dieser Engelbotschaft? Letztlich nicht in den Worten, meint Gitta Mallasz, sondern in den Bildern einer inneren Bewegtheit und der Entdeckung einer schöpferischen Kraft, die Menschen hilft, über sich selbst hinauszuwachsen. 

 

Engeloffenbarungen und Engelweihen kennt auch das 1961 von Gabriele Bitterlich (1896-1978) gegründete Opus Angelorum oder Engelwerk. Gabriele Bitterlich hatte seit ihrer Kindheit Engelvisionen und konnte angeblich ihren Schutzengel sehen. 1947 bekommt die sechsfache Mutter von ihrem Beichtvater den Rat, die Botschaft der Engel in einem geistlichen Tagebuch festzuhalten. Zwei Jahre später erhält sie von einem Engel den Auftrag, ihr erstes Buch zu schreiben. Es trägt den Titel „Das Reich der Engel“. 1961 zieht Gabriele Bitterlich auf die Burg St. Petersberg in Silz/Tirol. Was sie in Bildern schaute, wurde von Priestern gedeutet und in einem Andachtsbuch für die Gebetspraxis der Mitglieder des Engelwerkes zusammengestellt. Sie verstehen sich als Gebetsgemeinschaft für den Priesternachwuchs in der katholischen Kirche. Weitere typische Merkmale ihrer Spiritualität sind der Kampf gegen die Dämonen und die Vertiefung in das Sühneleiden Christi. Dazu gehört die tägliche Beichte und Kommunion. Diese wird in traditioneller Weise als Mundkommunion praktiziert. Bei Gabriele Bitterlich ging die Identifikation mit Christus so weit, dass sie die Wundmale (Stigmata) getragen haben soll. 

 

Das Corpus Operis Angelorum (COA) hat Niederlassungen in Augsburg, Freiburg i. Br., Wien, Rom. Neben dem Kloster St. Petersberg existiert St. Mattias in Schondorf/Ammersee. Die Priester werden in einer eigenen Hochschule in Anapolis/Brasilien ausgebildet. In fünf Schritten vollzieht sich die Einweihung in die Geheimnisse der Engelverehrung: Schutzengelversprechen, Schutzengelweihe, Aufnahme in den Helferkreis, Engelweihe und Sühneweihe. Die Schriften des Engelwerkes sind ausschließlich für Mitglieder und Freunde bestimmt. Sie sind einzeln nummeriert und gehen nach dem Tod des Besitzers an den Orden zurück. Wie Dionysios Areopagita, Hildegard von Bingen und mit ihnen eine ehrwürdige Tradition der katholischen Kirche, spricht das Engelwerk von neun himmlischen Chören der Engel. Diese traditionelle Lehre wird nun bis ins Detail entfaltet. Jeder Chor bekommt eine konkrete Aufgabe. Über die einzelnen Tagesengel informiert ein immerwährender Engelkalender. Hier kann das Mitglied des Ordens nachschlagen, welcher Engel für den Tag zuständig ist. Neben dem Namen ist der Tagesheilige genannt, der Engelchor und das Symbol, an dem der Engel erkannt werden kann. Ein kurzer Text informiert über die Person des Engels, seine Aufgaben und seinen Rufnamen. Ein Gebet beschließt die Einträge. Gabriele Bitterlich starb 1978. Ihr Nachfolger ist Georg Blaskò. Ihr Sohn Hanjörg Bitterlich ist der Abt des Ordens der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz. Als Rom nach längerer Prüfung bestimmte Schriften und Praktiken des Engelwerkes ablehnte, hat sich das Opus Angelorum formell unterworfen.

 

 

 

4. Anthroposophie: Engel als Erzieher

 

Der Engel als Wegbegleiter des Menschen ist von der jüdischen Überlieferung (Buch Tobit; Psalm 91), über das Neue Testament bis zum Islam ein allen Religionen gemeinsames Erbe. Der Glaube an den Schutzengel bleibt zwar an die Vorstellung der Existenz eines Gottes gebunden, der sich um das Schicksal des Individuums sorgt, er verlangt aber keine konfessionelle oder institutionelle religiöse Bindung. Deshalb ist er bei vielen Menschen auch außerhalb der Kirche sehr verbreitet. Eltern, die sich entschieden haben, ihre Kinder nicht taufen zu lassen, glauben dennoch häufig an die Existenz eines persönlichen Schutzengels. Daher taucht die Gestalt des Schutzengels nicht nur auf zahlreichen Reproduktionen von Kitsch-Bildern des 19. Jahrhunderts wieder auf, sondern steht im Kontext einer ernsthaften Besinnung vieler Eltern über Grundfragen der Erziehung. Galt es in der Pädagogik der Siebziger Jahre als ausgemacht, dass der Mensch im Wesentlichen durch Umwelteinflüsse, Familie, Schule und Gesellschaft geprägt sei, so treten heute wieder transpersonale Einflüsse wie Schicksal und Charakter ins Blickfeld. Auf diesem Hintergrund herrscht eine neue Offenheit für ein anthroposophisches Menschenbild, wie es etwa der Heilpädagoge Henning Köhler vertritt. Er versteht unter dem Schutzengel den Genius des Menschen, eine höhere Instanz, die durch die Stimme des Gewissens dem inneren Leben des Kindes eine Ausrichtung gibt: „In der Tat ist die Begenung mit dem Genius nicht nur motivierend, sondern auch riskant. Denn indem uns gezeigt wird, wozu wir aus Liebekräften imstande sind, bleibt uns die Bilanz unserer Versäumnisse, Selbstlügen und Anmaßungen nicht erspart. Ich erkenne, dem Wink des Engels folgend, die Fülle meiner Möglichkeiten und zugleich meine Schwäche, mein Versagen, das Ausmaß meiner opportunistischen Anpassungsbereitschaft; ich sehe, über welches Kapital ich verfüge, aber auch, wie viel Kapital ich ständig veruntreue.“ 

   

Manche Waldorfkindergärten tragen den Namen des Erzengels Raphael oder haben Michael als Schutzpatron. Damit wird den Kindern und Eltern signalisiert: Hier sind Menschen offen für das Einwirken der Engel und ihre erzieherische Arbeit. Dass Engel eine pädagogische Aufgabe haben, hatte schon Rudolf Steiner betont. In seinem Vortrag „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“, gehalten vor der Anthroposophischen Gesellschaft in Zürich (9. Oktober 1918), deutet er seine Engellehre an. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem erzieherischen Auftrag zur Menschenführung, den Steiner als seine eigene Berufung empfand. Der Mensch wird von den Engeln geführt, ob er es weiß oder nicht. Die Wissenden oder Erwachten aber können zu Partnern der Engel werden. Am Ende der Zeiten bilden sie den zehnten Chor der Engel. So hatte es auch Hildegard von Bingen gelehrt, so dichtete Rainer Maria Rilke in seinen „Duineser Elegien“. Den Erwachten stehen die Schlafenden gegenüber. Sie wissen nichts von der Führung der Engel und der Wirklichkeit der höheren Welten. Rudolf Steiners Anthroposophie richtet sich an beide Menschengruppen. Denn er ist von der Erziehbarkeit des Menschengeschlechtes überzeugt. Menschen müssen nicht diejenigen bleiben, die sie gewesen sind. Steiner sieht eine Wesensgliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, und er lehrt die Dreiteilung des Menschen in einen physischen Leib, einen Ätherleib und einen astralischen Leib. Die Engel haben nun die Aufgabe, Impulse für unsere Lebensführung zu geben. Sie machen das zuerst einmal im Traum. Jeder Mensch wird im Traum durch den Engel berührt. In Steiners Sprache tritt hier der Engel in Kontakt mit dem Ätherleib. Christian Morgenstern, der durch einige Vorträge Rudolf Steiners in Kristiania (Oslo) zur Anthroposophie kam, hat das nächtliche Gespräch zwischen Ätherleib und Engel in einem Gedicht beschrieben:

 

„Stör’ nicht den Schlaf der liebsten Frau, mein Licht!

Stör’ ihren zarten, zarten Schlummer nicht!

Wie ist sie ferne jetzt. Und doch so nah.

Ein Flüstern – und sie wäre wieder da.

Sei still, mein Herz, sei stiller noch, mein Mund,

mit Engeln redet wohl ihr Geist zur Stund.“

 

Der Mensch aber soll nicht Schlafender bleiben, sondern Erwachter werden. Er hat die Chance, den Engel auf einer höheren Stufe des Bewusstseins zu erfahren. Denn Engel formen auch in dem astralischen Leib, der Bewusstseinsseele, Bilder, Visionen, Gedankenblitze, Eingebungen, die in die Zukunft weisen und die Entwicklung der Menschheit auf eine höhere geistige Stufe vorantreiben. Die Aufgabe der Erziehung besteht darin, in den Kindern und Erwachsenen eine Achtsamkeit für die Wirklichkeit solcher Bilder zu schärfen. Anthroposophie versteht sich als Erwachen zur Wahrnehmung der Engelwelt und ihres Wirkens. Als abendliche Übung empfiehlt Steiner ein kurzes Innehalten, in dem die Ereignisse des Tages mit wachem Geist betrachtet werden. Jeder Mensch werde dabei auf ein kleines oder großes Erlebnis stoßen, das in sein Leben eingetreten ist. Steiner ist sich sicher: Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Wunder geschieht. Auch die Frage, was heute hätte alles passieren können, führe zu einer Tiefenerfahrung von Führung. „Von der Beobachtung des Negativen in unserem Leben, das aber von der weisheitlichen Führung unseres Lebens Zeugnis ablegen kann, bis zu der Beobachtung des webenden und wirkenden Engels in unserem astralischen Leibe ist ein gerader Weg, ein recht gerader Weg, den wir einschlagen können.“

 

 

5. Dichtung: Rilke

 

Rainer Maria Rilke befand sich in einer tiefen Lebenskrise, als er im Herbst 1911 die Einladung seiner Freundin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe annahm, den Winter auf ihrem Schloß Duino an der Adria zu verbringen. „Doctor Serafico“, wie sie den Dichter nannte, war aus der katholischen Kirche ausgetreten, die Scheidung von Clara Westhoff stand bevor, und er überlegte, ob er sich wie seine Frau in psychoanalytische Behandlung begeben sollte. Rilke war 36 Jahre alt und in einer Lebensphase, wo viele Menschen nach langem Ringen einen Durchbruch zu einer neuen Engelbegegnung finden. Auf Schloß Duino fand er die Einsamkeit, die für ihn Voraussetzung jeder echten Tiefenerfahrung war. Allein die Wirtschafterin Miss Greenham und der Butler Carlo standen diskret im Hintergrund. Am 20. Januar 1912 erhält Rilke einen Brief von seinem Anwalt. Die bevorstehende Trennung von Frau und Kind belastet ihn über die Maßen. Er verlässt das Schloss, geht den Weg hinunter zum Meer und vernimmt plötzlich Stimmen.

 

„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“

 

Das ist der Beginn einer der bedeutendsten Engeldichtungen der Weltliteratur. Wie Maria die Worte des Erzengels Gabriel, will sie Rilke als reine Offenbarung empfangen haben. Noch am Abend schreibt er die erste der „Duineser Elegien“ nieder. Die zweite folgt bald, dann Bruchstücke, dann stockt die Niederschrift. Zehn Jahre werden vergehen, bis die zehn „Duineser Elegien“ vollendet sind, zehn Jahre des Ringens mit dem Engel. Viele Menschen kennen diesen Kampf mit dem Engel, auch wenn sie keine Dichter oder Künstler sind. Denn der Himmel geht über jedem Menschen auf. Es geschieht im Augenblick, in Bruchteilen von Sekunden. Das Erlebte festzuhalten, ihm Gestalt zu geben im eigenen Herzen, es wirken und wachsen zu lassen im Weltinnenraum der Seele, ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Dem Dichter ist es gegeben, ihn in Worte zu fassen. Das ist seine Gabe und sein Auftrag. Deshalb ist Mitteilung Pflicht.

 

Am 11. Februar 1922 vollendet er mit immer weiter nach innen genommenem Herzen auf Schloss Muzot den Gesang von „der Engel Ordnungen“. Sofort teilt er seiner Freundin Lou Andreas-Salomé in Göttingen die Geburt der Elegien mit. Er fühlt sich wie Maria nach der Geburt Jesu, spricht von „Wunder, Gnade“, und die Freundin stimmt in diesen höchsten aller möglichen Vergleiche ein: „Möglich wohl, dass eine Reaktion eintritt, weil das Geschöpf den Schöpfer aushalten musste, dann lass Dich davon nicht erschrecken (so fühlten sich auch die Marien nach ihrem Zimmermann unfasslichen Geburt).“

 

Rilkes zehn Engelgesänge erscheinen in einer Zeit, in der das Heilige als Kern echter Gottesbegegnung wiederentdeckt wird. Die bekannten kitschigen Engeldarstellungen im 19. Jahrhundert waren auch Ausdruck einer bürgerlichen Innerlichkeit gewesen. Nach den vergeblichen Versuchen der liberalen evangelischen Theologie, die Bibel unter den Gebildeten wieder gesellschaftsfähig zu machen, nach den ebenso vergeblichen Versuchen des Papsttums, die Moderne aufzuhalten, entdeckt Rudolf Otto das Heilige als ein tiefes Geheimnis, das den Menschen zugleich erhebt und erschaudern lässt. Von dieser Heiligkeit Gottes haben die Seraphim und Cherubim gesungen. Rilke, der sich nicht in eine vordergründig verstandene christliche Frömmigkeitsgeschichte einordnen läßt, nimmt ihren Gesang auf. „Ein jeder Engel ist schrecklich“, sagt er. Engel schützen, hüten und bewahren, gewiss, aber zuweilen erleben wir ihre Größe und Fremdheit, und vor ihrer Heiligkeit wird uns bewusst, wie weit wir von ihnen, aber auch von unserer eigenen Mitte entfernt sind.

 

Es ist kein Zufall, dass Rilke genau zehn Elegien veröffentlicht hat. Denn er übernimmt die alte kirchliche Vorstellung des Dionysios Areopagita von den neun Chören der Engel. Das sind die Ordnungen oder Hierarchien der Engel, von denen der erste Vers spricht. In der zehnten Elegie richtet Rilke schließlich seinen Blick in den Himmel auf den zehnten Engelchor, den einst die Menschheit bilden wird. Am Ende der Zeiten werden Engel und Mensch vereint sein und in Ewigkeit das Gotteslob singen. Rilke bedient sich also traditioneller Vorstellungen vom Himmel, zitiert klassische Engelgeschichten wie das Buch Tobit und vergleicht wie Hildegard von Bingen die Engel mit einem Spiegel. Doch wie kein Dichter vor ihm hat Rilke den Engeldienst des Menschen ernst genommen. Mensch und Engel, so hatten es die Kirchenväter gelehrt, sollen gemeinsam zum Ruhme Gottes singen. 

 

Wie aber fühlt sich der Mensch neben dem Engel? Was hat er schon mitzuteilen? Kann er mithalten? Aber gewiss, wenn der Mensch sich auf das konzentriert, was kein Engel weiß: Das irdische, vergängliche Leben, seine eigenen Erfahrungen, die Kunst, die Musik, die Empfindung, den Schmerz, die Liebe, die Sinnlichkeit. Der Mensch hat einen eigenen Auftrag. Sein Raum ist die sichtbare Welt. Sie will durch ihn ins Wort verwandelt werden, will Mitteilung werden, Lobgesang, wie ihn kein Engel anstimmen kann:

 

Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat.

Sprich und bekenn.“

 

Mensch und Engel sind Geschwister, Partner; jeder hat seine eigene Erfahrung von Welt, jeder seine eigene Stimme im himmlischen Chor. Der heilige Gesang der Seraphim und Cherubim hatte Rilke ergriffen. Gott findet zu allen Zeiten Propheten und Dichter, deren Herz offen ist für die Botschaft der Engel. Von ihren Worten zehrt die Menschheit. 

 

 

 

 

6. „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir...“ – Walter Nigg

 

Das Werk des Zürcher Kirchenhistorikers Walter Nigg (1903-1988) entwickelte sich im bewussten Widerspruch zur modernen Theologie. In zahlreichen Werken stellte er seinen Lesern „Große Heilige“ (1946) als glaubwürdige Leitbilder christlicher Existenz vor Augen. Nigg suchte einen erfahrungsbezogenen Zugang zu religiösen Fragen. Auf diesem Hintergrund ist sein Klassiker „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir...“ zu sehen, der 1978 erschien und zahlreiche Auflagen erlebte. „Der Lehre haftet nun einmal etwas Abstraktes, Intellektuelles, Trockenes an, obwohl man auf sie nicht verzichten kann. Wir aber möchten nicht Theorien und Behauptungen hören, sondern uns geht es um lebendige Erfahrungen, denn sie allein vermitteln dem Menschen eine innere Gewißheit, die ihm niemand rauben kann.“ Damit beschrieb Nigg die Erwartungshaltung des heutigen Lesers von Engelbüchern. Der Bachs Kantate zum Michaelisfest entlehnte Buchtitel war von Nigg als Gebet verstanden worden. 

 

Nigg schrieb sein Engelbuch während der Zeit des Terrorismus in Deutschland. Er sah nicht nur einen großen christlichen Traditionsabbruch, der mit Nietzsches Rede vom Tod Gottes begonnen hatte, sondern sorgte sich um den geistigen, sittlichen und kulturellen Bestand Europas: „Mit schwerem Herzen sieht man den Abbröcklungsprozeß, von dem man nicht sagen kann, wo er hinführt und wo er aufhört. Die Erosion des christlichen Glaubens ist in vollem Gange, und die Folge davon ist eine beispiellose Verarmung. Die Christen befinden sich in religiöser Beziehung in einem Elendzustand, mit dem sie sich nicht abfinden dürfen. Es gilt, sich mit allen Kräften zur Wehr zu setzen.“ Als junger Göttinger Student hatte Nigg durch Erik Peterson die Welt der Engel kennen gelernt. Sie wurde ihm mit Rudolf Otto Ausdruck für die Begegnung mit dem Heiligen, das der Mensch als Korrektiv bedürfe: „Der Christ anerkennt das Geheimnis, läßt das Mysterium gelten und versucht nicht, es analytisch aufzulösen, denn daraus würde nur ein Trümmerhaufen entstehen.“ Nigg hatte gemeinsam mit Karl Gröning Engelbilder aus der klassischen und modernen Kunst ausgewählt und mit Texten kommentiert, die sowohl informierenden wie meditativen Charakter hatten. Er verband damit eine erzieherische Absicht. Eine der wesentlichen Ursachen des Glaubensverlustes in der Moderne sah er im Sprachverlust begründet. Das rational-begriffliche Denken der theologischen Wissenschaft habe im Bewusstsein der Menschen eine zersetzende Wirkung gehabt. Wer Menschen wieder einen spirituellen Weg der Erfahrung eröffnen wolle, der müsse sie die Sprache der Symbole lehren. „Der religiöse Mensch denkt in Bildern, wie die Kinder und Künstler. Das abstrakte, unanschauliche Denken entspricht ihm nicht, weil es nicht dem unmittelbaren Bereich angehört.“ Durch Engelbilder hoffte Nigg, seinen Lesern wieder die Quellen der Spiritualität zu erschließen. Seine Zeitdiagnose war ohne Illusion, sah er doch die „radikale Abkehr von allem Engelglauben“. Dass sein Buch zur Wiederkehr der Engel im Bewusstein vieler Menschen beitrug, ist aus heutiger Sicht offensichtlich.  Nigg glaubte, dass allein ein transkonfessionelles  Christentum, das sich in seinem mystischen Erfahrungskern mit dem Judentum und dem Islam verbunden weiß, Bestand haben werde. Die Engel scheinen Boten dieser mystischen Frömmigkeit des 21. Jahrhunderts zu sein.

 

 

7. Thesen zum weiteren Gespräch 

 

Die folgenden Thesen verstehen sich als Impulse zur verantwortlichen Rede von Gottes Engeln. Sie sollen zeigen, dass Engel Anknüpfungspunkte für den interreligiösen, interkul­turellen, alle Zeit- und Lebensalter umspannenden Dialog stiftet. Der Engel eröffnet den Zugang zu Glaubensvorstellungen in Geschichte und Gegenwart und ermöglicht in Religionsunterricht und Gemeindearbeit den kritischen Dialog zwischen christlichem und nichtchristlichem Gottesbild.

 

These 1

Engel gehören zur Sprache der Offenbarung. Die ganze Bibel bezeugt im Alten und Neuen Testament Gottes Wirken durch die Engel. Damit bereichert sie die Rede von Gottes Eingriffsmöglichkeiten in die Geschichte durch Christus, den Heiligen Geist und die Propheten. Ein Verzicht auf die Rede von Engeln bedeutete eine Verarmung der Sprache der Offenbarung.

 

These 2

Engel gehören zur Sprache aller monotheistischen Religionen. Das Christen­tum teilt mit den großen monotheistischen Bruderreligionen Islam und Judentum die Mittlerfigur des Engels. Kein Monotheismus kann ohne sie gedacht werden. Der interreligiöse Dialog unter dem Aspekt der Engelvor­stellung führt zur Erkenntnis gemeinsamer Sprach- und Offenbarungstradi­tionen und damit zur Toleranz.

 

These 3

Engel gehören zur gemeinsamen Sprache von Altem und Neuen Testament. Während Christus erst im NT erscheint, die Propheten des ATs wiederum verschwinden, bleibt die Mittlerfigur von Gottes Geist, der Engel, von der Genesis bis zur Apokalypse ungebrochen gegenwärtig. Stärker als die neu­testamentliche Typologie vernetzt die Gestalt des Engels AT und NT und kann somit eine unbelastete Grundlage für den jüdisch-christlichen Dialog bilden.

 

These 4

Engel bringen Gott ins Gespräch. Die Rede vom biblischen Zentralmedium Engel eröffnet einen neuen, interessanten und unverbrauchten Zugang zur Frage nach Gottes Geist und seinem Wirken. Stärker als die durch Vertraut­heit und formelhaften Gebrauch unscharf gewordenen Sprachformen der, Rede von Christus (Christologie) und seiner Heilsbedeutung für den Menschen (Soteriologie), provoziert die Rede von Gottes Engeln Neugierde und Nach­denklichkeit über das Wirken Gottes in der Welt (3. Artikel). Bereits die Namen der biblischen Engel deuten den Hinweischarakter ihres Erscheinens an. Als Mittlerfigur zwischen Gott und Mensch bringt der Engel beide ins Gespräch. 

 

These 5

Engel richten den Blick auf Gottes Geist. Die Wiederkehr der Rede von Engeln in Dichtung, Film und in der Kunst steht in Zusammen­hang mit der Suche nach einer neuen Spiritualität. Christen können im Dialog mit diesem Zeitgeist ihr Erbe neu entdecken.

 

These 6

Engel zeigen die wahre Gestalt des Menschen. Die Rede vom Schutz- oder Begleitengel eröffnet ein neues Nachdenken über das Wesen und die wahre Gestalt des Menschen vor Gott. Der Engel zeigt als ein Wesen der dienenden Hingabe an Gott das Bild der reinen Schöpfernatur (Gottes Ebenbild) und setzt so einen Kontrast zur gebrochenen Existenz des Menschen. Damit eröffnet er einen neuen Zugang zu dem heute schwer zu vermittelnden Sün­denbegriff.

 

These 7

Engel bringen Christus ins Gespräch. Indem der Engel in der Welt das wahre Bild des Menschen erscheinen läßt und damit einen Kontrast zur gefallenen, sündigen Natur schafft, weist er auf die Notwendigkeit der Erlösung hin. 

 

These 8

Engel befreien aus der Ichbezogenheit. Der Engel stellt den einzelnen Menschen in einen sozialen und religiösen Kontext und stiftet damit ein ganzheitliches Ich- und Welterleben. Er führt aus der Ichbezogenheit und Vereinzelung zum Dialog. Somit ist er ein kritischer Gesprächspartner der Sicht des Menschen in Psychologie, Psychoanalyse und Anthroposophie.

 

These 9

Engel stellen die christliche Gemeinde in einen kosmischen Zusammenhang. Im Gesang und Gebet des Gottesdienstes ist die Gemeinde Teil der univer­salen Gemeinschaft des Gotteslobes.

 

These 10

Engel stellen Umwelt her. Der Engel setzt den Menschen in ökologische Kontexte und lehrt die Welt als Einheit zu sehen. Er führt zu einer ganz­heitlichen Sicht des Menschen und der Welt. Eine theologische Ethik, die ökologische Horizonte zu denken wagt, wird sich auf Gottes Engel besinnen dürfen.

 

These 11

Engel bringen Bibel, Tradition und Gegenwart ins Gespräch. Der Engel ist nicht nur Medium der Vernetzung biblischer Offenbarungen Gottes in höchst unterschiedlichen Kontexten, sondern in seiner Gestalt befreit Gott auch in nachbiblischer Zeit den Menschen. Das gilt von den Kirchenvätern, den Heiligen, über das gesamte Mittelalter bis zur Gegenwart. Keine biblische Mittlerfigur kann so wie der Engel auf eine ungebrochene Präsenz verwei­sen. Diese zeitliche und räumliche Allgegenwart des Engels ermöglicht Anknüpfung und kritischen Vergleich gegenwärtiger Gotteserfahrung mit denen der Bibel.

 

These 12

Engel fördern den ökumenischen Dialog. Im Gegensatz zur katholischen Verehrung der Gottesmutter und der Heiligen ist der Engel eine von allen Konfessionen geteilte Mittlerfigur. Er ermöglicht besonders den Dialog mit der griechisch- und der russisch-orthodoxen Kirche.

 

These 13

Engel bringen Dichtung, Kunst und Theologie ins Gespräch. Dichtung und Kunst haben die religiöse Vorstellungswelt entscheidend beeinflußt. Die wechselseitige Beziehung von Dichtung, Kunst und Theologie kann am Bei­spiel der Engel exemplarisch verdeutlich werden. Damit wird die Rolle der Tradition als einer neben der Bibel das christliche Bewußtsein prägenden Kraft sichtbar.

 

These 14

Engel geben Einblick in die Entstehung der neutestamentlichen Gedanken­welt. Die neutestamentlichen Welt- und Gottesbilder sind unter Aufnahme, Abgrenzung und Umformung von Vorstellungen der religionsgeschichtlichen Umwelt Israels entstanden. Diese Genese kann am Beispiel der vorchristli­chen und außerchristlichen Engelvorstellung - wie sie etwa in der jüdisch­apokryphen Tradition dokumentiert ist - exemplarisch erschlossen werden.

 

These 15

Der Engel begleitet den Menschen durch alle Lebensalter. Die Rede von den Engeln gehört in den Kontext elementarer Anfänge religiöser Erziehung (Gebet mit den Eltern, Kindergarten, Grundschule), wo grundlegende und bleibende religiöse Vorstellungen geprägt werden, und in den Kontext der Rede von den letzten Dingen (Sterben, Tod, Auferstehung). Er verbindet somit nicht nur biblische und außerbiblische Tradition, christliche und außerchristliche Glaubenwelten zu einem Dialog, sondern auch die Lebens­alter der Menschen.

 

 

 

8. Bibliographie „Engel“ von Uwe Wolff

 

-: Die Wiederkehr der Schutzengel. In: Rheinischer Merkur vom 29. September 1989.

-: Himmlische Helfer an der Zeitmauer. Die Engel kehren im Dämmer der Moderne wieder: In: Lutherische Monatshefte 12/1989.

-: Himmlische Chöre oder Der Engel frohe Lieder. In: Rheinischer Merkur vom 15. Dezember 1989.

-: Bitte keine Flügel stutzen! In: Rheinischer Merkur vom 22. Dezember 1989. S. 17.

-: Auf der Himmelsleiter. In: Braunschweiger Beiträge 53-3/1990. S. 5--25. 

-: Auf den Spuren der Engel. In: Engel und Dämonen. Wiederkehr mythologischer Rede vom Bösen und Guten? Herrenalber Protokolle 79/1990. S. 39-54.

-: Lesen lernen im Buch des Lebens. Hans Blumenberg zum Geburtstag. In: Akzente 3/1990. S. 264-267.

-: Himmel und Hölle öffnen sich wieder. Warum wir noch immer Engel brauchen. In: Stuttgarter Zeitung vom 22. Dezember 1990. S. 46.

-: Die Engel fliegen wieder. Zur Renaissance eines religiösen Phänomens. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 24. Dezember 1990.

-: Die Wiederkehr der Engel. Boten zwischen New Age, Dichtung und Theologie. EZW-Texte. Impulse Nr. 32. 35 Seiten. 1991.

-: Der Geist ist willig, doch der Bauch ist schwach. (Rez. Peter Brown. Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums). In: Rheinischer Merkur vom 11. Oktober 1991. S. 44.

-: Himmlische Körper. Rezension von Peter Browns „Die Keuschheit der Engel„ In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 18. November 1991. 

-: Der Engel Flügel wachsen hören. Kapitel einer Angelologie der Jahrtausendwende. In: Neue Zürcher Zeitung Nr. 297 vom 21./22. Dezember 1991. S. 53-54. 

-: Die Engel fliegen wieder. In: Mut. Forum für Politik und Geschichte. Dezember 1991. S. 58-68. 

-: Die Botschaft der Engel. Ein erfahrungsbezogener Zugang zur Gottesfrage. Klett Verlag. Stuttgart (= Stundenblätter Schülerheft und Lehrerkommentar). 1992.

-: Wo sich die Pforten der Wahrnehmung öffnen. Epiphanien in der Literatur. In: Rheinischer Merkur vom 3. Januar 1992.

-: Der ganze Himmel und die ganze Erde. Christen brauchen die Herausforderung der Heiligen. In: Lutherische Monatshefte. April 1992. S. 157-161.

-: Die Wiederkehr der Engel. Zu einem erstaunlichen Phänomen – längst vor der Weihnachtszeit. In: Idea Nr. 11/1992. S. III-IV. Zugleich in: Idea-Spektrum 48/1992. S. 14-15.

-: Die Engel fliegen wieder. In: Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien. Heft 50. Hrsg. von Jochen Papst. Hannover 1992. S. 53-66. 

-: Breit aus die Flügel beide. Von den Engeln des Lebens. Verlag Herder. Freiburg. 240 Seiten. 1993. 42006.

-: Gottesdämmerung. Auf den Spuren einer Sehnsucht. Verlag Herder. Freiburg. 224 Seiten. 1994.

-: Im Lichte des Glücks. Träume vom Paradies, fromm und profan. In: Stuttgarter Zeitung vom 5. Februar 1994.

-: Das große Buch der Engel (Anthologie mit Farbtafeln). Verlag Herder. Freiburg. 280 Seiten. 1994. 42007.

-: Himmlische Grenzgänger. „Engel der Liebe“ – Ein Themenabend bei „arte“. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 27. Dezember 1994.

-: Unter Deinen Flügeln geborgen. Legenden vom Geheimnis der Engel. (Anthologie mit Farbtafeln). Verlag Herder. Freiburg. 120 Seiten. 1995. 21995.

-: Der gefallene Engel. Von den Dämonen des Lebens. Verlag Herder. Freiburg. 256 Seiten. 1995.

-: Und der Engel ließ mich nicht los. Erfahrungen mit unsichtbaren Freunden. Verlag Herder. Freiburg. 120 Seiten. 1996. 21997.

-: Engel sind Liebende. Gedanken zum Schutzengelfest am 2. Oktober. In. Deutsche Tagespost vom 1. Oktober 1996.

-: Die Engel – Himmlische Wegbegleiter. In: Die Entdeckung des Himmels. Loccumer Protokolle 27/1998. S. 59-93.

-: Wo ist das Paradies? Von der tiefen Sehnsucht in Werbung und Religion. In: Auftrag und Weg. Thema: Werbung. 4/1998. S.133-134.

-: Engel sind Gottes Strahlungen für Menschen, die ihre Seele auf Empfang schalten. Interview mit dem Magazin Contrapunkt. 6/1998. S.14-15.

-: Der Engel an meiner Seite. Biographische, biblische und meditative Zugänge zum Geheimnis der Engel als Begleiter auf dem Lebensweg. Anthologie zur Tagung des Loccumer Arbeitskreises für Meditation vom 4.-6. Dezember 1998. (Zusammen mit Elisabeth Borries).

-: Die Engel – Himmlische Wegbegleiter. In: Barbara Hallensleben (Hrsg.). Un ange passe . . . Ökumenische Wegzeichen. Universität Fribourg Suisse. S. 5-24. Fribourg 1999.

-: Das quälende Gefühl der Entzweiung: Licht und Schatten bei C. G. Jung und Ernst Jünger. In: Thomas Arzt (Hrsg.). Jung und Jünger. Gemeinsames und Gegensätzliches in den Werken von Carl Gustav Jung und Ernst Jünger. Königshausen und Neumann Verlag. Frankfurt a. M. 1999. S. 163-180.

-: Die Engel – Himmlische Wegbegleiter. In: Lernort Gemeinde. Zeitschrift für spirituelle Praxis. Heft 4/1999. S. 31-36.

-: Engel in der modernen Literatur. Dort, wo man sie nicht erwartet. In: Markwart Herzog (Hrsg.). Die Wiederkunft der Engel. Beiträge zur Kunst und Kultur der Moderne. Irseer Dialoge. Band II. Kohlhammer Verlag 2000. S. 83-98.

-: Singen, Beten, Tanzen – Ein Vorgeschmack auf den Himmel. In: Forum Loccum Nr.2/ Mai 2000. S. 20-21.

-: Alles über Engel. Aus dem himmlischen Wörterbuch. Herder-Spektrum. Freiburg 2001.

-. Die Reise ins Labyrinth. Unterwegs zur eigenen Mitte. Herder-Spekrum. Freiburg 2001.

-: Gelobt seist Du mein Herr... Impressionen einer franziskanischen Pilgerfahrt. In: Antoniuskalender 2001. S. 75-82.

-: Vom himmlischen Flugverkehr der Engel. In: Hans-Werner Kalkmann. „Er fliegt und fliegt“  (Ausstellungskatalog )S. 49-56.

-: Grenzgänger mit Flügeln. Das Thema Engel braucht einen Platz nicht nur im Fachsortiment. In: BuchMarkt Juli 2001. S. 134-135.

-: Auf den Spuren der Engel. Warum Engel uns faszinieren. In: Leseforum Winter/2001. S.4-5.

-: Der Engel des Lichts. Weihnachtliche Gedanken zu einem romanischen Kunstwerk. In: MUT. Forum für Kultur, Politik und Geschichte. Nr. 412. Dezember 2001. S. 10-13.

-:  Alles über die gefallenen Engel. Aus dem Wörterbuch des Teufels. Kreuz    Verlag. Stuttgart 2002.

-: Die Engel von Ground Zero. In: Margot Kässmann (Hrsg.). Glauben nach Ground Zero. Kreuz Verlag. Stuttgart. S. 136-144.

-: Sieben Engel hat der Mensch. Wie sie dich durchs Leben leiten. Kreuz Verlag 2003. 22004.

-: Wo war Jesus zwischen Karfreitag und Ostersonntag? Das Leben Jesu für unsere Zeit erzählt. Kreuz Verlag. Stuttgart.

-: Welche Farbe hat die Himmelstür. Symbole der Weltreligionen für unsere Zeit erklärt. Kreuz Verlag 2003.

-: Satanismus. Spiel mit dem Bösen in der Jugendszene. In: MUT: Nr. 426.  S. 54-57.

-: Das kleine Buch vom Schutzengel. Kreuz Verlag  2003.

-: Jeder Tag hat seinen Engel. Kreuz Verlag 2003.

-: Der Engel der Stille behüte dich. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh. 2005.

-: Kinderbriefe an den Schutzengel. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2006.

 

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