„Andersen was here“:
Zwischen Nørre Vosborg und Bjerghuse



„Flet dine Fingre i mine Fingre
nu vil vi ikke mere skilles“
Johannes und Olga Buchholtz
 
 

 


Herrlich ist es, ins Vertraute heimzukehren: Lemvig am Limfjord. Das Fischrestaurant. Mit geschlossenen Augen könnte ich meine Nummer für die Bedienung ziehen. Alle Angebote liegen, wo sie immer lagen. Hier der warm geräucherte Lachs mit Dill, schwarzem Pfeffer, Paprika oder Knoblauch, dort der marinierte Hering und die Krabben. Wir müssen die Auslagen nicht studieren. Wir kennen sie. Nichts hat sich verändert. Draußen liegt der Flohmarkt. Der warme Wind streichelt Bücherrücken und Schallplattenhüllen und weht einen muffigen Kellergeruch herüber. Da - die Eisberge, Inuit und Kajaks auf den Briefmarken aus Grönland. Einst waren sie Schmuckstücke in der Sammlung des Kindes. Zartblaue Porzellanfiguren von Bing und Grøndahl spiegeln das helle Licht des Hafens: Lesende Geschwister, eine Balletttänzerin, die kleine Else. Hans Christian Andersen als Erzieher eines Kindes. Der Dichter könnte jede dieser Figuren zum Sprechen bringen. Sie würden uns von ihren ehemaligen Besitzerinnen erzählen. Einst waren sie Boten der Schönheit und Zeichen eines bescheidenen Haushaltes. Ein Geschenk zur Geburt des ersten Kindes, eine Gabe zum 25. Hochzeitstag, ein Erbstück der Großeltern.
 
 


Wir betreten vertraute Geschäfte, Slagter Mortensen und den Käseladen mit dem umwerfenden Duft. Draußen vor der Stadt liegen die Hügelgräber. Dahinter am Horizont grüßt der Leuchtturm von Bovbjerg. Wir fahren über eine Nehrung. Hinter den Dünen braust die Nordsee. Auf der anderen Seite der Straße ruht der Nissum-Fjord. Ein Paradies für Ornithologen und Surfer. Doch Nordsee ist Mordsee, haben die alten Fischer gesagt. Entlang der Straße erinnern Gedenksteine an die zahlreichen Schiffbrüche und ihre Opfer. Die Seeleute wurden auf dem Friedhof von Sønder Nissum begraben. Wir befinden uns an der Küste der Schiffbrüche.



Doch vor uns bereiste Hans Christian Andersen (1805-1875) diesen Teil Jütlands. Bei unserem letzten Besuch wanderten wir auf seinen Spuren. „Andersen was here“ steht auf einer Tafel vor dem Wasserschloss Nørre Vosborg. Als er vom 5. bis 21. Juli 1859 den alten Herrensitz besuchte, war er längst der berühmteste Dichter Dänemarks. Er hatte es geschafft. Alle liebten und bewunderten ihn. Der Sohn eines armes Schusters war aus der Verborgenheit eines Lebens in Odense mit vierzehn Jahren nach Kopenhagen gekommen, um hier als Balletttänzer und Schauspieler Karriere zu machen. Der Traum platzte zwar, doch im Laufe der kommenden Jahre wurde er zum gefeierten Dichter. Diesen Erfolg verdankte er auch seiner Kontaktstärke. Er kannte die entscheidenden Kulturträger seiner Zeit und wusste durch Beharrlichkeit auch den widerspenstigen Kritiker für sein Werk zu gewinnen.
 


Der Empfang auf Nørre Vosborg war typisch für den großen Bahnhof, der immer veranstaltet wurde, wenn Andersen erschien: Einhundert geladene Gäste empfingen den Dichter. Ein Badezelt für die Ausflüge nach Bjerghuse und zur Husby Klitplantage stand bereit. Sein Zimmer war nach aller Bequemlichkeit hergerichtet. Es lag ebenerdig, wie es Andersen bevorzugte. Trotz entschiedener Reiselust war er nicht frei von Phobien. Andersen war immer unterwegs. Er stieg in jedes Bergwerk, obwohl er Angst hatte, dass er verschüttet werden könnte. Bekannt ist seine Furcht vor Bränden, weshalb er immer mit einem Strick im Gepäck reiste, um sich zur Not aus dem Fenster abseilen zu können. In Nørre Vosborg brauchte er kein Seil. Hier fürchtete man nicht das Feuer, sondern den Blanken Hans. Eine Sturmflut hatte einst den mittelalterlichen Vorgängerbau zerstört. Evald Meinert Tang, der neue Besitzer von Nørre Vosborg, wusste viele Geschichten von Wassersnot, Sintfluten und Schiffbrüchen zu erzählen.
 

Wie der von ihm verehrte Dichter Ludwig Tieck war Andersen nicht nur ein großartiger Erzähler und Unterhalter, er konnte auch zuhören. Seine Märchen und Geschichten gehen oft auf Vorlagen zurück, die Andersen im Sinne seiner Lebensphilosophie bearbeitete. In Andersens Welt gibt es kein Entweder-Oder, sondern immer ein Sowohl-Als-Auch. Er war ein Kind des romantischen Zeitalters und wurde ein Mann der Moderne. Der Märchenerzähler war zugleich ein Technikfreak. Er liebte den Komfort und die Schnelligkeit des Reisens mit der Eisenbahn oder dem Dampfschiff. Andersen war Realist und Träumer. Er kannte das Leben der Schönen und Reichen und das Elend auf den Straßen Londons, wie es sein Freund Charles Dickens beschrieb.

Seine hoch emphatische Seele legte er der ganzen Welt unter und belebte die Natur mit seinen Gefühlen. Er sprach die Sprache der Könige, der Meerjungfrauen und der Grashalme. Er war eine fromme Seele, doch weder Kierkegaard noch Kirche verpflichtet, sondern einer Herzensfrömmigkeit, die über allen Religionen und Konfessionen auf Licht, Leben und Liebe blickt. Dieser universale Humanismus ist vielleicht der Grund für seine weltweite Wirkung.

Andersen glaubte an die Allversöhnung: Wie hart das Schicksal einem Menschen zuspielt, am Ende wird alles gut. In Andersens Welt hat daher auch das Scheitern einen höheren Sinn. Das Leben der kleinen Meerjungfrau ist eine Tragödie. Doch es endet in Herrlichkeit. Andersen konnte Menschen trösten, weil er vom Leid nie ohne Liebe erzählt.

Was Evald Meinert Tang an den Abenden auf Nørre Vosborg erzählte, verdichtete Andersen zu der „Geschichte aus den Dünen“ („En Historie fra Klitterne“): Ein spanisches Liebespaar tritt eine Seereise an. Das Schiff strandet an der dänischen Nordseeküste. Die schwangere Braut überlebt als einzige, kommt nieder und gebiert einen Sohn, der als Vollwaise bei Zieheltern aufwächst. Denn die leibliche Mutter stirbt unmittelbar nach der Geburt.

Manches Leben beginnt mit einem Schiffbruch. Doch über allem waltet die Vorsehung. Das war Andersens Überzeugung. Er beschreibt ein Erwachsenwerden in der kargen Landschaft zwischen Bovbjerg, Bjerghuse und dem Herrensitz Nørre Vosborg. Die „Geschichte aus den Dünen“ beginnt nicht nur mit dem Schiffbruch, sie endet auch mit dem Tod des Helden. Das Schicksal der Eltern wiederholt sich in seinem Leben. Beim Versuch, seine Braut aus dem Wasser zu retten, kommen beide ums Leben. Doch wie die kleine Meerjungfrau werden sie auf einer höheren Stufe des Lebens Glückseligkeit finden.

 
 

Thor ist der Gott des Wetters und der Winde. Wir erreichen Thorsminde. Hier durchbricht die Nordsee den Schutzwall der Dünen und fließt in den Nissum-Fjord. Der Eingang wird von einer Schleuse geschützt und von einer Meerjungfrau bewacht. Direkt hinter den Dünen liegt das Strandungsmuseum St. George. In einer alten Lagerhalle am Fischereihafen befindet sich ein Flohmarkt und gegenüber Nørgaards Fischrestaurant. Hinter Thorsminde kommt nichts mehr. Nur noch Ruhe in der kleinen Siedlung von Bjerghuse. Hier liegt unser Haus.

Ein weiß- und rosafarbenes Blütenmeer von Heckenrosen begrüßt uns. Die duftende Rose kenne ich unter vielen Namen: Sylter Rose, Japan-Rose, Kamtschatka-Rose oder Kartoffelrose, weil ihre runzeligen Blätter an die Laubblätter der Kartoffel erinnern. Aber wie wird sie von den Dänen genannt? Rosa Rugosa, so lautet der lateinische Name, wächst in dichten Sträuchern auf den Dünen. Silbermöven fressen ihre ziegelroten Früchte. Aus ihrer getrockneten Schale wird Marmelade oder Hagebuttentee gewonnen.
 


Die Dänen lieben Rosa Rugosa. In ihr vereinigen sich Zartheit, Robustheit und Abwehrbereitschaft. Über 200 Sorten sind gezüchtet worden, darunter die stark duftende Melusine. Dass Andersens kleine Meerjungfrau die Blumen liebt, verwundert nicht. Natürlich ist sie die schönste der sechs Töchter und hat eine rosenzarte Haut, „so rein und fein wie ein Rosenblatt“.

Unser grün gestrichenes Haus hinter den rosenbestandenen Dünen ist von kleinen Kiefern umgeben. Die Heide reicht bis an die Holzveranda. Wir kehren heim. Die dicken Bohlen der Holzveranda haben sich noch stärker gebogen. Wir schreiten achtsam über sie. Das Salz hat weitere Löcher in die Dachrinne gefressen. Noch immer lassen sich einige Fenster nicht öffnen. Einige Stühle am großen Esstisch wackeln. Ich werde Leim und Öl besorgen. In den kleinen Vasen steht noch immer das getrocknete Heidekraut, das wir im vergangenen Herbst pflückten. Ich öffne den CD-Player und finde „Make this Moment“ von Inger Marie Gundersen. Es ist die letzte Musik, die wir gehört haben. Im Zeitungsständer liegt noch immer der „Spiegel“. Ich hatte ihn wegen eines Interviews mit Peter-Jürgen Boock gekauft. Das war am 26. August 2017.

Unberührt stehen jene Bücher in dem kleinen Regal, die wir vor acht Monaten in dem Antiquariat von Søndervik erworben haben. Darunter Max Picards „Die unerschütterliche Ehe“ (1942). Ich blättere in dem Buch und lese meine Unterstreichungen: „Oft bekommt erst in der Ehe der Mann sein ganzes männliches Wesen und die Frau ihr ganzes weibliches Wesen.“ Dann die Astrid-Lindgren-Biographie von Margareta Strömstedt. Vorne im Innendeckel des Buches habe ich Lesefrüchte notiert. Ein Wort zum Nobelpreis, das unser Freund Ulrich Schacht gewiss nicht teilt:

„Ich glaube, wir sollten den lieben Gott lieber bitten, mich mit dem Nobelpreis zu verschonen. Nelly Sachs ist daran gestorben, davon bin ich überzeugt, und das würde ich auch tun.“

Hiersein ist herrlich. „Dejlig“ sagen die Dänen, wenn etwas „herrlich“ ist, wie der Tango, den wir in Aalborg tanzten. Undine entdeckte das Wort. Sie fragte ihren Tanzpartner, wie man „herrlich“ in seiner Sprache ausdrücken könne. Die kleine Seejungfrau liebt wie wir den Tanz und den Gesang. Ihre Stimme und ihre tänzerische Bewegung sind so „dejlig“, wie Andersen gerne gewesen wäre. Er wollte Balletttänzer werden. Herrlich mochten die Kopenhagener seinen Tanz nicht nennen, aber die tanzende und singende Meerjungfrau findet die ganze Welt bis auf den heutigen Tag „dejlig“.

Auf dem Holzfußboden liegt noch immer der Kelim mit den verblassten Farben. Wir rollen ihn ein und schauen auf die Spuren von unseren Tänzen. Der Sand unter den Tanzschuhen hat kreisförmige Muster hinterlassen. Wir bewegen uns zu den Sommerliedern von Holger Drachmann: „Sommerdrømme“ und „Bella“. Draußen wiegt der warme Wind die Kiefernzweige, weht die Samen in dichten Wolken an den Fenstern vorbei und hüllt unseren Wagen in einen gelben Flor.

Wir wollen in der Einkehr leben. Gehen täglich den gleichen Weg hinter den Dünen zu Marens Maw und von dort über den Dünenpfad zum Meer. Wir brauchen keinen Zeitmesser. Wir kennen die Entfernungen wie die Wege und Nebenwege. Doch heute lockt ein neues Ziel. Wir sind auf dem Weg nach Lystbækgaard. Dichte Büsche von gelb blühendem Ginster säumen die Straße. Undine nimmt die Kamera und steigt aus dem Wagen. Da fallen Schüsse.

 
 
 
 
 

„Elchjagd!“, sagt sie. „Der letzte seiner Art.“

Gab es jemals Elche in Dänemark? Die herrlichen Ginsterbüsche wachsen an den Randzonen eines großen Geländes für Schießübungen. Wir stehen auf dem Boden des Ulfborg Skyttecenter/DDS Vestjylland. Zwei Fahrzeuge aus Hannover und ein Wagen aus Verden/Aller sind hier geparkt. Vor uns liegt eine Schussbahn. Sie ist so lang, dass wir die Zielscheiben in der Ferne nicht sehen können. Auf dem Boden liegen Gewehre. Mit einer Schutzhülle sind sie vor Sandstaub aus den Dünen geschützt. Die Schützen haben soeben ihre Übungen beendet. Drei Männer wollen über die Sandpiste zu den Zielscheiben fahren. Sie freuen sich über unser Interesse an ihrem Sport und laden uns zum Mitkommen ein.

Schützen kenne ich von den Schützenfesten in meiner Kindheit. Im Bier- und Kaffeegarten von Sebon wurde geschossen und bei Heuckmann an der Bahnstation. Die Schützen waren in der Regel alte und wohlbeleibte Männer, und wer am Ende den Vogel abschoss, stand bereits vor dem Beginn des Schießens fest. Denn ein Schützenkönig trug nicht nur die Ehrenkette, sondern hatte die Zeche zu bezahlen. Besonders für Jungschützenkönige gab es kein größeres Pech, als den unkontrollierten Schuss. Das galt auch für die schnelle Vereinigung hinter dem Bierzelt. Die Schützen auf dem Übungsgelände von Ulfborg sind aus anderem Holz geschnitzt. Ihre Waffen werden in Einzelanfertigung hergestellt, die Munition wird selbst gegossen.

 
 
Bei Anblick dieser Langwaffen denke ich an Scharfschützen, die sich beim Auftritt berühmter Personen in Position gebracht haben. Vielleicht lagen sie auch in Westminster Abbey verborgen, als Prinz Harry und Meghan Markle heirateten. Möglich sei das schon, meint Robert und erzählt Geschichten vom Einsatz dieser Waffen im Kampf gegen die Taliban und den IS. Der britische Scharfschütze Craig Harrison traf einen Taliban aus 2475 Metern Entfernung. Ein kanadischer Scharfschütze machte den Gegner im Irak mit einem Schuss aus seiner McMillan TAC-50 aus 3540 Metern Entfernung unschädlich.

Robert und seine Kameraden befinden sich an der Grenze zum Rentenalter. Es sind Sportschützen. Ihre Mitglieder, sagt er, könnten einen Ärztekongress stellen. Leider seien noch immer zu wenige Frauen unter den Schützen. Er bietet Undine eine Schießübung auf 1000 Meter Entfernung an. Mir ist es ein Rätsel, wie diese Männer ihre High-Tech-Waffen über die deutsch-dänische Grenze bekommen haben. Das gehe nur mit einer Einladung von dänischen Schießfreunden. Aber warum fahren sie nach Dänemark? In Deutschland, sagt er, werde nur auf die Distanz von 300 Metern geschossen. Doch erst bei 1000 Meter Entfernung und in einer Gegend mit Winden, biete sich die höchste Herausforderung für Langwaffenschützen. Wer auf diese Distanz schieße, der müsse nicht nur sehr gut zielen, sondern zugleich Erdanziehungskraft und Wind berechnen, damit Schuss für Schuss in dasselbe Loch geht. Das ist das Ziel des Schützen. Robert befindet sich nahe an diesem Ideal. Sämtliche Schüsse gingen in die Mitte der Scheibe.

 

Dann will Robert wissen, was wir so treiben. Undine erzählt von der Schule.
„Wir machen etwas Ähnliches wie Sie“, sage ich. „Wir tanzen Tango.“
Ich hatte mit Roberts Widerspruch gerechnet. Aber der Vergleich leuchtet ihm sofort ein. Es gäbe sogar einen Spielfilm, in dem ein Scharfschütze das Tango tanzen lerne, sagt Undine. Aber uns beiden fällt der Titel nicht ein.

„Killing Moves!“, ruft Undine, als wir wieder im Wagen sitzen. Richtig: In diesem Film fliegt ein alternder Auftragskiller nach Buneos Aires, um einen General der Militärjunta zu töten. Vor Ort gibt es Komplikationen und eine unfreiwillige Verzögerung der Durchführung. Er nutzt sie, um Tango zu lernen.
„Robert Duvall, heisst der Schauspieler und Drehbuchautor“, sage ich.
„Robert? Wirklich Robert?“
„Natürlich!“
„Der letzte seiner Art“, sagt Undine.

 
 
 

Präzisionsarbeit findet auch auf Lystbækgaard statt. Hier wohnt Berit Külerich, die Herrscherin über ein Reich von 1000 Nordlandschafen. Sie stehen im Dienst einer EU-Kampagne und rücken friedlich, aber entschieden der schönen Japanischen Rose an die Blätter und Blüten. Hyben Rose, erfahren wir, wird sie von Dänen genannt. Exakt 2845912 Euro koste die Bekämpfung der Rose durch Beweidung, Herbizideinsatz und Ausrodung. Die Hälfte der Unkosten werde durch den Life und Natur Fond der EU (www.rist.dk/saarbarnatur) getragen.

Ein Fluch liegt über der Heide. Wir waren ahnungslos und ließen uns von der Schönheit blenden. Diese herrlich duftenden Rosen sind für uns ein wunderbarer Farbtupfer in der Dünenlandschaft. Auf dem Bauernhof erfahren wir nun, das sich diese Rose von Japan bis Jütland ungehemmt ausbreitet. Im Namen der Rose ziehen Berits Nordlandschafe gegen diesen Eroberer dänischen Bodens zu Felde.


 
 

Wie eine Schafherde durch Border Collies und eine Schäferin bewegt wird, erleben wir bei einer Vorführung. Die Schäferin erzählt von den Gefahren, denen ihre wolligen EU-Kommissare ausgesetzt sind. Wölfe breiten sich wieder in Jütland aus und setzen den Lämmern zu. Sie dürfen nicht geschossen werden. Auch die traditionelle Pflege der Hufe und die Schafschur entspricht nicht den EU-Richtlinien. Es ist etwas faul im Staate Dänemark. Ob das Bäckersterben auch eine Folge bestimmter Verordnungen aus Brüssel ist? Ist dänisches Mehl nicht mehr EU-konform? Schon bei unserem letzten Aufenthalt suchten wir vergebens nach einem jener kleinen Bäckerläden, die einst in jedem dänischen Dorf zu finden waren.
 

Im ehemaligen Kuhstall von Lystbækgaard erleben wir ein Konzert der Gruppe „Valfart“ mit nordischen Liedern. Wir sitzen zwischen Webstühlen, essen nordische Tapas und trinken Apfelmost. Valfart, erklärt Christian Risgaard den Namen seiner Formation, meine nicht die christliche Wallfahrt. Valfart sei ein ein Begriff aus der Wikingerzeit. Ich denke an ein kriegerisches Unternehmen, an Schlachten auf der Valstatt, dem Kampfplatz, an Walvater Wotan, der die gefallenen Helden nach Valhalla bringt, aber diese Vorstellung passt nicht zum Auftreten des Quartetts und den Liedern. Die nordische Liederreise dieses Abends unternimmt auch kleine Ausflüge nach Istanbul. Christian Risgaard spielt neben der norwegischen Geige die Bouzuki. Christine Dueholm an den Schlaginstrumenten und Johanne Buus Andersen an der Querflöte sowie Ib Buchholtz am Akkordeon führen immer wieder in die nordischen Länder zurück. Sie spielen alte Volksweisen und neue Lieder mit starkem Bezug auf die Region.

 
 
 

Nach dem Konzert treffen wir einen hochgewachsenen Herrn. Er trägt eine norwegische Jacke. Seine feinen Gesichtszüge und sein langer weißer Bart lassen ihn wie einen Pastor aussehen. Theologie habe er tatsächlich einst in Kopenhagen und Århus studiert. Die Orgel spiele er bis auf den heutigen Tag. Den Lebensunterhalt verdient habe er als Busfahrer und Taxifahrer, das sei besonders bei Nachtfahrten auch eine Art Seelsorge.

Der Fluch über der jütländischen Heide, sage ich, erinnere mich an Søren Kierkegaards Vater. Kierkegaard sei in Dänemark vergessen, sagt der alte Mann. In Dänemark könne man Abitur machen, ohne ein Wort von Kierkegaard gelesen zu haben. Ich habe einst Kierkegaard gelesen, und ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis seiner Familiengeschichte. Irgendwo hier in der Gegend müsse Kierkegaards Vater seinen Gott verflucht haben.

„Ja“, sagt der Alte, „das war in Sædding, zwölf Kilometer nordwestlich von Skjern. Hier lebte Michael Pedersen Kierkegaard (1756-1838). Wie viele Bauernkinder musste er als kleiner Junge seinen Beitrag zum Leben der Familie leisten. Er hütete die Schafe auf der Heide. Doch er haderte mit seinem Schicksal. Eines Tages stand er mit seiner Herde auf dem Hügel von Højestehøj. Der Regen hatte seine Kleidung durchtränkt. Den Zwölfjährigen fror es an Leib und Seele. Im Gewitter hob er seine Faust gegen den Himmel und fluchte Gott. Dann verließ er den elterlichen Hof, ging nach Kopenhagen und wurde ein sehr vermögender Kaufmann. Doch aus der jütländischen Heide nahm er ein tiefes Schuldgefühl mit. Dieses Sündenbewusstsein gab er an seinen Sohn Søren weiter. Michael Pedersen Kierkegaard überlebte seine beiden Ehefrauen und fünf seiner Kinder. Er war überzeugt, dass ihr früher Tod eine Strafe Gottes sei und dass alle seine Kinder vor dem 34. Lebensjahr sterben würden. Sein Sohn Søren überlebte den Vater um wenige Jahre. Nur Peter Christian Kierkegaard (1805-1888) erreichte ein hohes Alter, vielleicht auch, weil er sich als Kultusminister und später als Bischof von Aalborg von der düsteren Glaubenswelt des Bruders distanzierte.“

„Søren Kierkegaard wurde der dänische Philosoph des Abgründigen. Die Nachtseite der Seele mit Schuld, Sünde, Sühne, Angst, Verzweiflung, Furcht und Zittern wurde sein Thema.“

„So ist es. Deshalb hat ein Kierkegaard keine Heimat auf dänischen Kanzeln.“

„Hat Kierkegaard jemals den Hof seiner Vorfahren in Sædding besucht?“, fragt Undine.

„Im Gegensatz zu Hans Christian Andersen liebte Søren Kierkegaard nur das Reisen auf den Flügeln der Einbildungskraft, einige Ausflüge in das Seebad Gilleleje ausgenommen. Sein Vater und er pflegten ein merkwürdiges Ritual. Sie bewegten sich durch das Wohnzimmer und stellten sich vor, sie weilten an einem anderen Ort. Dann führten sie ein Gespräch über ihre Eindrücke. Doch einmal besuchte Kierkegaard die Heidelandschaft im Westen Mitteljütlands. 1840 reiste er nach Sædding, wo der Hof seiner Großeltern gestanden hatte.“

Ein Gedenkstein erinnere daran. Er trage die Inschrift: „Her laa Søren Kierkegaards Slægts-Hjem. (Hier lag der Stammsitz von Søren Kierkegaard).“

 

„Es gibt produzierende Geister, die vieler und großer Schicksale oder Erlebnisse bedürfen, um ein kleines Werk hervorzubringen“, fährt unser Busfahrer fort. „Das ist jene Art von Poeten, welche aus hundert Pfund Rosenblättern einen Tropfen Rosenöl gewinnen. Und es gibt andererseits Talente, deren Natur so fruchtbar, deren inneres Klima so tropisch ist, dass sie aus einem ganz einfachen, alltäglichen Verhältnis, das sie mit der höchsten Energie erleben, ganze Reihen von bedeutenden Werken herausholen. Sie gleichen jenen baumlosen Inseln in der Südsee, die wenige Jahre, nachdem Passagiere eines vorübersegelnden Schiffes einige Obstkerne dort vergessen haben, mit mächtigen Wäldern bedeckt sind. Kierkegaard gehörte zu der letzteren Art.“

„Sie meinen also, Kierkegaards Geist gleiche der Rosa rugosa?“
„Nicht ihren zarten Blättern. Die gehören Andersen. Aber die Stacheln und die Wurzeln sind Kierkegaards Teil.“

Gegen Ende des Gespräches tritt ein junger Mann in unsere Runde. Respektvoll hatte er gewartet, bis sein Vater das Gespräch beendet hatte. Er arbeite als Krankenpfleger, hatte er mir auf meine etwas indiskrete Frage geantwortet. Wir verabschieden uns und kehren heim. Unser Gesprächspartner, meint Undine, hätte einen guten Pfarrer abgegeben. Merkwürdig, dass es ihn nicht ins Pfarramt drängte. Er hatte von der politischen Theologie der Siebziger Jahre gesprochen. Damals wird er Theologie studiert und Kierkegaard gelesen haben. Vielleicht hat er gespürt, dass seine Zeit vorbei war, noch bevor sie begonnen hatte.

 

„Das klingt paradox“, meint Undine.
„Kierkegaard liebte das Paradox.“
„Ja, er war der letzte seiner Art.“
„Kierkegaard?“
„Nein, unser Bus- und Taxifahrer von Lystbækgaard.“
„Und Andersen?“
„Der erzählt mir jetzt die Geschichte der kleinen Else!“
 
 
 
 
 
 

 

 

 

Runensteine von Jellinge: 

Wir suchen unsere Wurzeln und finden sie nicht

  

 

„Von Harald Blauzahns Runenstein zum dänischen Pass“

Motto einer Vitrine

 

Geschichte war nie mein Lieblingsfach. Warum interessieren mich in dieser Zeit Fragen nach dem Ursprung - nicht meiner selbst, sondern des Landes, dessen Sprache meine Identität ausmacht? Seit wann gibt es uns? Wer sind wir? Was macht uns zu Deutschen? Weder Undine noch ich wurden jemals von Eltern, Lehrern oder Politiker aufgefordert, die Nationalhymne zu singen. „Einigkeit, Recht und Freiheit“ und „Auferstanden aus Ruinen“: der Text von Johannes R. Becher gefällt vielen Deutschen besser. Ich stelle diese Fragen ganz leise, nur mir selbst und greife zum ersten Band der „Propyläen Geschichte Deutschlands“. Hier schreibt Johannes Fried über den „Weg in die Geschichte bis 1024“. Er muss es wissen. Aber er weiß es nicht oder will es nicht wissen. 

 

Warum hat es Dänemark leichter? Die dänische Monarchie kennt ihren Geburtsort und feiert ihn mit freiem Eintritt in das Museum der Könige von Jellinge. In dem kleinen Ort an der Ostküste Jütlands befindet sich Dänemarks Geburts- und Taufurkunde in zwei Runensteine geritzt. Dergleichen Ursprungsort haben wir in Deutschland nicht und die meisten Bewohner des Landes wollen ihn wohl auch nicht haben. Dänische Schulklassen fahren nach Jellinge, deutsche Schüler werden von ihren Klassen- oder Kurslehrern nach Bergen-Belsen oder zum Holocaust-Memorial nach Berlin transportiert. Auch dort liegen Ursprungsorte. Dänische Kinder lieben ihre Volkslieder und singen sie auch in der Familie gerne, deutsche Kinder stehen sprachlos vor dem Erbe. 

 

 

 

Undine und ich wollen erleben, was einen dänischen Ursprungsort ausmacht. Deshalb fahren wir nach Jellinge und nehmen Quartier im Hotel Haraldskær. Es liegt wenige Kilometer von Vejle entfernt in einem Feuchtgebiet. Ein Flüsschen mäandert durch die Auenlandschaft. Auf der Straße hüpften junge Frösche um ihr Leben. In dieser Gegend entdeckten Arbeiter im Jahr 1835 beim Ausheben eines Grabens die Frau von Haraldskær, eine recht gut konservierte Moorleiche. Sie ist in Vejles neuem Kulturmuseum ausgestellt. Ich mag keine Moorleichen. 

 

Die nationale Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts freute sich über die Entdeckung dieser Botin aus grauer Vorzeit. Der König spendierte sogar einen Eichensarg. Wir haben auch nicht den Tollund-Mann, die Moorleiche im Museum von Silkeborg, besucht. Sie ist berühmt. Der irische Nobelpreisträger Seamus Heaney hat zwei mittelmäßige Gedichte auf den Tollund-Mann geschrieben, obwohl er ihn nie gesehen hat und den Fund nach Aarhus verlegt. Nun gut.

 

Forscher wollen in der Frau von Haraldskær Gunnhild, die Frau von Erich Blutaxt, erkannt haben. Nach dem Befehl von König Harald Blauzahn soll sie ermordet und im Moor vor Haraldskær versenkt worden sein. Über die Motivation zu dieser Bluttat schweigt die Geschichte. Gründe zu Mord und Todschlag fanden sich bei den Wikingern immer. 

 

 

Hier also, wenige Kilometer abseits der E 45 nach Skagen, wo Nordsee und Ostsee einander fließen, soll Dänemark geboren und getauft worden sein. Im Nebel der Vorgeschichte erschien der Name „Dänemark“ in Runen geritzt auf einem großen Feldstein, so groß, so schwer, wie ihn nur Riesen bewegt haben können. Davon ist der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus überzeugt: 

 

„Dass das dänische Land dereinst von Riesen bewohnt war, bezeugen die großen Steine, welche auf den Gräbern und Grotten der Alten befestigt sind.“ 

 

Früher waren Riesen recht dumm. Deshalb wurden sie von den Göttern des Nordens ausgetrickst. Erst ließen die Asen von ihnen die Götterburg Asgard bauen, dann wurden die Giganten der Vorzeit um ihren Lohn geprellt. Dadurch sind Riesen schlauer geworden. Als Basketballspieler können sie heute in den USA sehr viel Geld verdienen und ein Vermögen anhäufen. 

 

Nicht nur der Norden kennt Riesen. Sie lebten einst wie Rübezahl im Riesengebirge, wovon Sagen und Märchen Zeugnis ablegen, und im Vorderen Orient. Riesen, so wird in der Bibel erzählt, entstammen einer himmlischen Grenzüberschreitung. Ihre Väter sind die gefallenen Engel, ihre Mütter die schönsten der Menschentöchter.

 

Der Wikingerkönig Gorm war weder ein Riese, noch ein gefallener Engel, aber er hatte riesige geistige Kräfte und einen Plan. In Jellinge ließ er eine Siedlung errichten und zwei große Grabhügel aufschichten. Zwischen ihnen steht der Runenstein mit dem Namen Dänemarks. Um das Jahr 950 soll er gesetzt worden sein. 

 

Runen zu ritzen oder aus dem Stein zu meißeln kostet viel Zeit und Mühe. Deshalb sind die Inschriften kurz und manchmal kryptisch wie SMS-Botschaften. Gorms Runenstein steht hinter dickem Panzerglas auf dem Friedhof von Jellinge. Wahrscheinlich entspricht diese Sicherungsmaßnahme einer Vorschrift der UNESCO für die Bewahrung des kulturellen Welterbes. 

 

 

Mit dänischen Schulkindern und zwei holländischen Wikingern stehen wir vor dem Panzerglas. Hans und Henrijke verbringen ihren Sommerurlaub im Ribe Vikinge Center. Sie näht Frauenkleider aus selbst gewebten Stoffen nach Wikingerart, er kämpft während der Woche mit dem kurzen Wikingerschwert. Wenn sie keine Ferien haben, arbeiten beide als Hausmeister und Ergotherapeutin an einer Schule für junge Menschen mit hohem Förderbedarf in Enschede. Hans ist ein drahtiger Bursche mit tätowierten Armen und einigen Runen am Hals. In seinem selbst gefertigten Ledergürtel stecken ein Messer und eine kleine Doppelaxt. Die trägt er in der Schule nicht. Aber alle Schüler wissen natürlich, dass ihr Hausmeister ein Wikinger ist. Die dänischen Schüler nehmen von den holländischen Wikingern keine Notiz. Sie hören konzentriert den Ausführungen ihrer Lehrerin zu. Jellinge ist für sie Heimatkunde.

 

Das Lesen von Runen ist immer ein kleines Ratespiel. Undine und ich haben uns nie mit Runen beschäftigt und selbst wenn wir Ritzungen entziffern könnten, es würde uns nichts nützen. Der Zahn der Zeit hat Gorms Liebeserklärung für die englische Königstochter Thyra unlesbar gemacht. Aber jeder Besucher von Jellinge weiß natürlich, was auf dem Stein steht, und weiß er es nicht, kann er auf der Schautafel lesen:

 

„König Gorm errichtete dieses Denkmal für Thyra, 

seine Frau, die Zierde Dänemarks.“

 

„Danmarks bod“ wird Thyra genannt, „Dänemarks Schönheit“ oder „Dänemarks Schmuck“. Weil auf Gorms Runenstein zum ersten Mal der Name Dänemarks erscheint, wird dieser kleine Jelling-Stein auch als Geburtsurkunde des dänischen Volkes bezeichnet.  Welche Tugenden König Gorm an seiner Frau besonders mochte, wissen wir nicht. Die „Zierde Dänemarks“ zierte sich nicht, die Eroberungspolitik ihres Mannes eifrig zu unterstützen. Der Grenzwall zwischen Dänemark und dem Norden Deutschlands, das Danewerk, ist der Legende nach auf ihre Anregung hin errichtet worden. So ganz stimmt das nicht. Bereits im Jahr 808 wird das Danewerk erstmals erwähnt. 500 Jahre lang wurde daran gebaut, bis der Wall die dreißig Kilometer zwischen Schlei und Treene vor Eindringlingen aus dem Süden schützte. König Waldemar der Große ließ sogar ein Wallstück aus roten Ziegeln setzen. Diese Waldemarsmauer steht noch heute, während die aus Holz errichtete Thyraburg vermodert ist.

 

Gorm war noch kein christlicher König über Dänemark. So legte er den Dom von Schleswig in Schutt und Asche. Wo er nur konnte, begann er die Missionare „ohne Gnade auszutilgen“ wie Saxo Grammaticus schreibt.

 

 

In der Königshalle von Jellinge und besonders im Brautgemach bestimmte Thyra die Gebräuche. Nach der Vermählung der Tochter des englischen Königs Hedelradus (Edelrad) mit Gorm verweigert sie sich drei Nächte dem Vollzug der Ehe. Brautnachtabstinenz oder Tobiasnächte wird dieses Ritual der Keuschheit in der katholischen Kirche genannt. War Thyra bereits Christin, und wollte sie den alten Wikinger auf diese Weise bekehren? Gorm wehrt sich nicht gegen das trinoctium castitatis und legt als Zeichen seiner Einwilligung in die zeitweilige Askese sein Schwert zwischen sich und die Königin von Dänemark. 

 

Selbstbewusste Frauen wie Königin Margrethe (Hendes Majestæt Dronning Margrethe) lieben die Dänen noch immer. Fragt man eine Dänin nach dem Grund, so verweist sie auf die Königin und Künstlerin, die zuweilen morgens mit Nachthemd und Zigarette am Fenster ihres Palastes erscheint oder sich am Abend unter das Volk im Tivoli mischt. Margrethe weihte im Jahr 2013 das Museum der Wikingerkönige von Jellinge ein. Im Verkaufsladen von „Kongernes Jelling“ finden wir ihr Bild als vorerst letztes Glied in einer langen Reihe von Königen, an deren Beginn Gorm steht. Für Dänen ist der Besuch von Jellinge daher eine Art Initiation.

 

 

Ein zweiter, grösserer Stein wurde von Gorms Sohn Harald Blåtand aufgestellt. Wie viele blaue Zähne Harald Blauzahn im Mund hatte, weiß niemand. War es einer? Waren es mehrere? Warum waren sie blau? Aß Harald gerne Blaubeeren? Alle Dänen sind vernarrt in Waldfrüchte, essen sie direkt vom Strauch oder verarbeiten sie zu Blaubeermarmelade und verkaufen sie auf einem der zahlreichen Herbstmärkten im Lande. Also, Blaubeeren können es nicht gewesen sein, die Harald den Beinamen brachten. Das wäre kein Alleinstellungsmerkmal. Ich kann mir bei einem Recken wie Harald auch nicht vorstellen, dass er schwarzblaue Zähne der Fäulnis in seinem Gebiss geduldet hätte. Ein eigenhändiger Griff mit der Zange hätte sie entfernt. Haralds blaue Zähne dürften gewiss nicht das größte Rätsel in der dänischen Vorgeschichte sein.

 

Harald und seine Sippe waren Netzwerker. Bald vereinten sie weite Teile Skandinaviens und Englands zur Großmacht Dänemark. Ihre Kompetenz muss wohl den schwedischen Ericsson Konzern dazu inspiriert haben, neu entwickelte Standards für Datenübertragung den Namen „Bluetooth“ zu geben. Das Logo der Firma setzt sich aus den Anfangsbuchstaben H (Rune Hagalaz) und B (Rune Berkano) zusammen. Diese Information kann man überall im Netz lesen. Irgendwie leuchtet sie mir nicht ein. Können Seeräuber für Menschen im technologischen Zeitalter eine Vorbildfunktion haben? Vielleicht für Piraten vor der Küste des Jemen oder für Schleuserbanden im Mittelmeer. Harald und die Seinen fackelten nicht lange, wenn sie über die Meere fuhren und ganze Städte in Schutt und Asche legten. Weiss man bei Ericsson nicht mehr, was Wikinger waren? Will man es nicht wissen?

 

Für die Wikinger war das Leben ein Abenteuer. Mit ihren wendigen Booten nahmen sie die Wellen wie ein geübter Skater die Quarter- oder Halfpipe. Siedlungen wie Jellinge bildeten einen Ruheplatz, an dem Kraft für neue Raubzüge gesammelt wurde. Die Fahrten der Wikinger waren für die jungen Männer eine soziale Initiation in ein heroisches Lebensgefühl wie es Ernst Jünger nach dem Vorbild der isländischen Sagas in seinen Kriegstagebüchern „In Stahlgewittern“ für das 20. Jahrhundert beschreibt.

 

Die hohe Zeit dieser Handelsfahrten und Plünderzüge lag zwischen 800 und 1050.  Im nordischen Quellenmaterial bezeichnet der „vikingr“ einen Piraten und die „viking“ einen Plünderungszug. Die Wikinger fuhren mit ihren Schiffen in die großen Flüsse Europas, erreichten Kiew und Konstantinopel, plünderten Klöster wie Lindisfarne, gründeten Städte wie York. Waräger wurden sie genannt oder Rus in slawischen Quellen. 1013 eroberte Sven Gabelbart England und wurde als englischer König anerkannt. Sein Sohn Knut der Große wurde als mächtigster Herrscher in der Geschichte Skandinaviens König von England, Dänemark, Norwegen und den südlichen Teil Schwedens. Die Schlacht von Hastings (1066) markiert das Ende der Wikingerzeit in England.

 

Haralds Runenstein wird als Taufurkunde Dänemarks („Danmarks dåbsattest“) bezeichnet. Denn hier wird erstmals die Christianisierung Dänemarks erwähnt:

 

„König Harald befahl, diesen Stein zu errichten zum Gedenken an Gorm, seinen Vater, und an Thyra, seine Mutter. Der Harald, der sich ganz Dänemark und Norwegen unterwarf und die Dänen zu Christen machte.“

 

Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen in früheren Zeiten, vollzog sich die Christianisierung Dänemarks zwischen 970 und 1030. Mit Harald trat seine Leibgarde zum Christentum über, nachdem der Missionar Poppo eine Mutprobe bestanden hatte. Das sogenannte Poppowunder erzählt von einem glühenden Eisen, das Poppo ohne sich zu verbrennen in die Hand nahm. Das war Beweis genug, dass die alten Sippenverbände keinen Fehler begingen, wenn sie das heiße Eisen des neuen Königtums unter Harald anfassen und ihre alten Sippenverbände weitgehend zugunsten der Monarchie aufgaben. 

 

Poppo war nicht der erste Missionar in Dänemark. Im Jahr 823 begann der spätere Bischof von Hildesheim, Ebo von Reims, mit den ersten Missionsversuchen. Harald „Klak“ Hafdanssons Übertritt zum Christentum blieb ohne Folgen für die Menschen im noch nicht geeinten Dänemark. Ansgar von Bremen folgte Ebo als Missionar des Nordens. Erst mit der Taufe Harald Blauzahns entwickelte sich in Dänemark ein Staatschristentum. Es überdauerte die Reformation. Noch heute werden Bischöfe von der Königin ernannt und noch immer muss die Königin Mitglied der seit der Reformation evangelischen Staatskirche sein. Die beiden Steine von Jellinge symbolisieren die ungebrochene Einheit von Kirche und Staat. In ihr lebt die Idee des Reichschristentums fort. Sie findet auch Ausdruck in einem Pastorenstand, dessen Sold weitgehend vom Staat getragen wird.

 

Auf einer Seite des Steines befindet sich eine Christusdarstellung. Der Sohn Gottes bildet mit den ausgebreiteten Armen ein Kreuz. Sein Leib ist umgeben von dem unendlichen Band des Lebens, einem kunstvollen geflochtenem Ornament, das an irische Buchmalereien erinnert. Weil auch dieses Bild nur mit viel Phantasie zu erkennen ist, steht eine Replik des Haraldsteines vor dem Eingang des Museums. Der Steinmetz Erik Sandquist soll sie mit sechs Millionen Schlägen erstellt und anschließend farbig ausgestaltet haben. Im Museum gibt es eine virtuelle Darstellung des großen Jellinge-Steins, die über ein Display in alle Richtungen bewegt und gedreht werden kann. Dabei entstehen Geräusche, als ob ein echter Feldstein über den Fels gezogen würde.

 

 

Das National-Museum von „Kongernes Jelling“ hat zwei Eingänge. Den einen  sichert Gorm, den anderen sein Sohn Harald. Beide führen ins Foyer und vor den reich ausgestatteten Museumsladen. Hier gibt es Stofftiere für die kleinsten Wikinger: den Fenriswolf oder das Eichhörnchen Ratatosk. Unter den Büchern befindet sich eine Taschenbuchausgabe des dänischen Grundgesetzes („Kend din grundlov“). Große und kleine Wikinger finden hier Kurzschwerter, Streitäxte, Schilde und Bogen, Bier und Broschen, Anleitung zum Flechten der Haare („Vikingeflet“) und Rezepte zum Backen von Brot - eben alles, was die Familie braucht, um daheim oder in einem Wikingercamp alte Lebensformen und Identitäten zu erproben. Das größte Festival dieser Art findet jedes Jahr am letzten Wochenende im Juli in Moesgaard statt.

 

 

Wikinger sind für einige Dänen mehr als nur eine Touristenattraktion. Sie sind Ausdruck einer nationalen Identität. Man gibt den Kindern wieder die alten Namen, übt sich im Handwerk des frühen Mittelalters und liest die alten Sagen, die Saxo Grammaticus aufgezeichnet hat. „Hagbard und Signe“, die tragische Geschichte  einer Liebe von jungen Menschen aus verfeindeten Sippen, ist noch immer beliebt wie der verbreitete Vorname Signe beweist. Nicht nur junge Freizeit-Wikinger kennen die Verfilmung dieser nordischen Romeo-und-Juli-Tragödie aus dem Jahr 1967. Gitte Hænning spielt die junge Signe. Vier Jahre zuvor war die dänische Sängerin durch ihren Hit „Ich will ‘nen Cowboy als Mann, denn ich weiß, dass so ein Cowboy küssen kann“ in Deutschland bekannt geworden. Ums Küssen geht es auch in der Geschichte von Hagbard und Signe. Da wird nämlich nach Meinung des christlichen Berichterstatters zu wenig geküsst. In der Wikingerzeit gab es offenbar noch keine genderspezifischen Rollenmuster. Die  Wikingerinnen griffen wie Männer nach dem Schwert anstatt mit den Waffen der Frau zu kämpfen, berichtet Saxo Grammaticus: Frauen in Waffen „kannten nur Strenge, keine Liebkosungen, drohten mit Schuss statt mit Kuss, dachten auf blutrünstige Beulen und nicht auf brünstige Mäulchen, kümmerten sich mehr um Hiebe als um die Liebe.“

  

 

„Velkommen“ steht auf dem ersten blaugrauen Begrüßungsbanner. König Gorm sitzt mit eingezogenen Schultern auf seinem Thron. Sein gedrungenes Erscheinungsbild erinnert mich an den Schrat aus dem Mecki-Comik, der jede Woche auf der letzten Seite der Fernsehzeitschrift „Hör Zu“ zu lesen war. Schrate sind Einzelgänger und unfähig zur Bildung eines Volkes. Gorm aber war wie die Ottonen beseelt von der Idee der Reichsbildung. Mit der linken Hand auf dem Knie stützt er seinen mächtigen Körper, die rechte reicht er den Besuchern. Jeder ist willkommen, aber jeder wird auch durch den eindringlichen Blick des Königs geprüft, ob er in friedlicher Absicht seine Halle betritt. 

 

Wie bereits angemerkt: Der Eintritt zu dieser nationalen Gedenkstätte ist frei. Das ist nicht selbstverständlich in diesem Land, hat aber seinen Grund: Alle Dänen gehören irgendwie zur Familie der Jellinge Könige, dem ältesten Königtum der Welt („Verdens ældste kongerige“). Aber einige zählen zu den Erwählten von König Gorms Familie. Auf einem großen Photo sind heute lebende Namensträger der Sippe Gorms zu sehen. Im Mai 2017 kamen sie mit ihren Geburtsurkunden und Stammbäumen zu einem Gorm-Familienfest zusammen. Einige von ihnen haben ihren Fingerabdruck mit roter Tinte auf dem Poster hinterlassen: König Gorms großes Familientreffen („Kong Gorms Store Familietræf“). Wir Niedersachen fühlen uns von ihnen angezogen. Denn Sachsen wurde einst in einer Zeit des großen Klimawandels von Jütland aus besiedelt. Den Völkern aus der Vorzeit wurde es einfach zu kalt. So kamen sie in norddeutsche Regionen. 

 

 

Den Eingang gegenüber dem Friedhof mit den beiden Steinen bewacht Harald. Ein junger Krieger mit Helm, die Linke greift an den Gürtel, die Rechte öffnet sich dem Besucher, aber weniger einladend als leicht drohend.   

 

Im Erdgeschoß des Museums von Jellinge befindet sich Gorms Herrscherthron („Kongens Plads“) mit seinen drei stilisierten Drachenköpfen als Rückenlehne. Undine lässt es sich nicht nehmen, hier für einen Augenblick zu verweilen. In dem nächsten Raum setzen weiße Zeichnungen auf schwarzem Hintergrund die Herrschaft der Wikinger über Land und Meer ins Bild. Wer will, kann interaktiv an ihren Kämpfen teilnehmen. Ich möchte es nicht. An einem Bildnis der stolzen Thrya mit ihren beiden Wolfshunden taste ich mich vorbei an schwach beleuchteten Vitrinen durch das Halbdunkel ins Licht des Weltuntergangs: „Komm’ mit auf die Reise nach Walhall!“ („Rejs Med Til Valhal“)

 

 

Eine apokalyptische Inszenierung, ein Gang in die Flammen, wir hier als Teilhabe am Erbe der Väter und Mütter angeboten. Wer nach Walhall möchte, der darf den Tod nicht scheuen. Besser er sucht ihn auf dem Schlachtfeld.  Wotans gefallene Krieger kommen in die große Halle von Walhall. Ich schreite auf einer virtuellen Feuerbahn. Jeder Schritt taucht mich tiefer in eine Glut, deren Hitze ich nicht spüre und deren Flammen mich nicht verbrennen. Am Ende der Feuerbahn erlischt mein Bild in der Spiegelwand. Undine hat mich wider. Ich trete für andere Besucher zur Seite. Denn viele wollen für einen Augenblick ins Feuer, das nicht brennt, getaucht werden.

 

 

 

Alle Gänge nach Walhall sind nur Vorspiel des großen Weltunterganges. Für den Nordmann ist er im Plan der Welt enthalten, unausweichlich und unabwendbar: Ragnarök - das Ende der Götter. Bis zum Jahr 2100 soll der Meeresspiegel um ein bis zwei Meter gestiegen sein, auch wenn die Klimaziele von Paris eingehalten werden. Dänemark ist ein flaches Land. Wie lange wird es noch Dänemark geben? Die Dänen gehen auch mit dieser Frage recht entspannt um. Wenn die alte Welt in ihren Festen wankt und überkommene Ordnungsstrukturen fallen, dann herrscht Wolfszeit. Es beginnt mit dem Klimawandel, Rauch und Feuer in Wald und Heide. Der steigende Meeresspiegel bildet für ein Volk von Seefahrern keinen Schrecken. Zunächst werden größere und noch schnellere Schiffe gebaut. Dänen beherrschen diese Kunst der Winkinger bis auf den heutigen Tag wie die Reederei Mærsk durch den Bau neuer Schiffstypen beweist. Doch wenn die Sterne vom Himmel fallen, die Sonne erlischt und das ganze Land im Meer versinkt, dann herrscht Götter- und Menschendämmerung. Völuspa heisst die Seherin, die diese nordische Apokalypse geschaut hat. 

 

Der Ragnarök gehört zum Lebensgefühl der Wikinger. Die Welt ist dem Untergang geweiht. Aber Untergangsstimmung oder gar Panik wird mit dem Fenriswolf als Kuscheltier unter dem Arm in keiner Kinderseele aufkommen. Weil keine UNO-Klimakonferenz den Ragnarök durch noch so scharfe Verordnungen aufhalten kann, besteht kein Grund zur Klage über den kommenden Lauf der Dinge. 

 

Wie lebt der Wikinger mit dem Weltuntergang? Die Antwort gibt uns ein Wegweiser draußen vor dem Museum. Er steht zwischen dem Friedhof und einer Bude, in der hübsche Däninnen heiße Waffeln mit Eis anbieten.  Skatepark Ragnarök - 300 Meter lesen wir.

 

 

 

Walhall ist wie der Tod in der alten Welt nur ein Übergang. Wenn Wolfszeit kommt, dann bricht alles auseinander, auch die Regenbogenbrücke Bifröst, die Erde und Himmel, Menschen- und Götterwelt verbindet wie die kleinen Brücken in den Zen-Gärten Japans das Heilige mit dem Profanen. Noch trägt sie uns beim Aufstieg in den ersten Stock und auch Bifrost, das sichere Laptop für Kinder, leistet noch gute Dienste in der Abwehr des Bösen. Gegen den Ragnarök gibt es Sicherungssysteme. Wie lange sie halten, weiß niemand. Die Wände leuchten in den Farben des Regenbogens. Wir steigen empor und gelangen ins Reich der Seherin Völva. 

 

 

 

Ohnmächtig stehen selbst Götter vor den destruktiven Kräften in der Welt. Alle Grenzen, die einst respektiert wurden und Sicherheit vor fremden Einflüssen gaben, werden jetzt überschritten. Verträge werden gebrochen, Versprechen nicht mehr gehalten. Die Sommer werden immer heißer, die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten verfließen. Ein Welt im Umbruch, eine untergehende Welt - Ragnarök. 

 

So ganz vergeht nichts, was einst gewesen ist. Es geht vielmehr auf in etwas Neuem. Wir begegnen dem Missionar Poppo und Harald. Dann stehen wir vor einem winzigen Schaukasten. In ihm liegt ein dänischer Pass mit der Wiedergabe des Christusbildes von Jellinge. Haralds Runenstein im Westentaschenformat! Seit 1995 schmückt er den Dänischen Pass.

 

Wir steigen auf das Flachdach des Museums und haben den totalen Überblick. Eine Glasumrandung sichert den Ort und währt zugleich einen herrlichen Durchblick in die Weite einer Schiffssetzung von 1,6 Kilometern Länge. Unter uns liegt die kleine weiß gestrichene Kirche inmitten des Friedhofes. Neben dem Eingang des Gotteshauses stehen die Jellinge-Steine. Rechts und links des Gottesackers die beiden künstlich aufgeschütteten Grabhügel. Pfähle deuten den Umriss der einstigen Befestigung der alten Siedlung in Form eines Schiffes an. Das Dorf als Schiff, die Bewohner - eine Mannschaft. In der Mitte das Christusbild. Der Sohn Gottes als Wikingerheld, sein Kreuz ist der Mastbaum und das Segel. Christus ist der Blotman, der heilige, der göttlich starke Held. „bloten“ bedeutet „geben“. Der Geblotete trägt eine Art geistlicher Rüstung. Er ist gottgesegnet und gottbegnadet. 

 

 

Im Garten des Hotels Haraldskærs sitzend, nehme ich mir meine Urlaubslektüre vor. Theodor Fontanes deutsch-dänischen Ehebruchsroman „Unwiederbringlich“. Als Kriegsberichterstatter im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 war Theodor Fontane mit der Landesgeschichte vertraut. Im September reiste auf den Spuren Kaiser Otto I. in den Norden Jütlands. Unter Otto I. wurden die Bistümer Schleswig (Haithabu), Ripen (Ribe) und Aarhus gegründet. Bis an den Limfjord hatte der deutsche Kaiser seinen Herrschaftsanspruch über Dänemark bekundet, indem er seinen Speer in das Wasser warf und von Harald Blauzahn Tribut einforderte. 

 

Fontane übernachtete im Limfjord-Hotel, schlürfte Aalsuppe und notierte in seinen „Reisebriefen aus Jütland“: „Aalsuppe - nie wieder!“ Dann reiste er weiter über den Limfjord nach Mørs, besichtigte den Neubau des Domes von Viborg, stieß in Aarhus auf preußische Besatzungstruppen, besuchte die Schlachtfelder von Dippel und reiste über Fredericia weiter nach Roskilde. „Roskilde ist nichts, aber seine Domkirche ist alles“, schreibt er über diese Grablege mit ihren „hundert Särgen und in den hundert Särgen die Geschichte des Landes Dänemark“, darunter die Grablege von Saxo Grammaticus’, „die eigentlichste Nordlandquelle, die für uns fließt.“ Die Inschrift auf seinem Grab lautet:

 

„Er, der lebend andere ewig lebend machte,

Saxo Grammaticus ruht im Tode hier.“

 

In Kopenhagen besucht Fontane das Museum für nordische Altertümer (Nationalmuseum). Hier sind auch jene Fundstücke aus dem Besitz von Thrya Danebod ausgestellt, die in den 1821 geöffneten Grabhügeln von Jellinge gefunden wurden und das Nationalgefühl entflammten. Unter dem Königtum Friedrich VII., so schreibt Theodor Fontane, wurden „die Gebildeten zu wahren Dachsgräbern“. Einige Fundstücke aus Jellinge gingen an das Schloss Frederiksborg. In seiner Ehebruchsgeschichte „Unwiederbringlich" (1887-1891) erwähnt Fontane als Exponate einen Elfenbeinkamm von Thyra, ein Haarbüschel von Gorm und einen eigentümlich geformten Backenzahn, der Harald Blauzahn zugeschrieben wurde, aber vielleicht einem Eber gehörte. Fontane kannte sich also in der dänischen Geschichte aus, als er in seinen Balladen für deutsche Leser das Leben der frühen dänischen Könige beschwor. Unter Fontanes Balladen gehören „Gorm Grymme“ (1864), „Swend Gabelbart“ (1888/89) und „Waldemar Atterdag“ (1888) zu den bekanntesten.

 

„Gorm Grymme“ erzählt die von Saxo Grammaticus berichtetet Geschichte vom Tod des geliebten Sohnes mit einer Änderung des Namens. Fontane lässt Harald Blauzahn und nicht Knut sterben. Der alte und inzwischen erblindete König Gorm hatte einst geschworen, denjenigen zu töten, der ihm den Tod eines seiner Söhne zuerst verkündige. Thyra weiß einen Weg aus der vertrackten Lage. Sie zieht ohne ein Wort zu verlieren ihrem Mann das königliche Gewand aus  und legt ihm schlechte Kleider an. „Kündest du mir Knuts Todesgeschick?“, fragt daraufhin Gorm. Ihre Antwort lautet: „Das offenbart dein vorahnendes Wort zuerst, nicht unseres.“ Gorm stirbt auf der Stelle.

 

Haralds Sohn Sven Gabelbart stürzte seinen Vater vom Thron, warf die Missionare aus dem Land und führte die alten Götter wieder ein. So ganz sind sie bis auf den heutigen Tag nicht aus dem dänischen Alltag verschwunden wie die Bezeichnung der Wochentage zeigt: tirsdag (Tyr), onsdag (Odin), torsdag (Tor) und fredag (Freja). Sprache ist konservativ. Auch in unserer deutschen Sprache haben sich germanische Götternamen in der Bezeichnung der Wochentage Dienstag, Donnerstag und Freitag erhalten. 

 

Die Ballade „Swend Gabelbart“ erzählt von einem Feldzug gegen England. Swend  erobert London und zieht durch Essex und Norfolk nach Suffolk. Volltrunken reiten er und seine Mannen während des Chorgebetes der Mönche in die Sankt Edmunds-Abtei. Die Pferde wiehern, die Männer gröhlen, der Gesang verstummt. Spottend tritt der dänische König vor eine Statue des Heiligen Edmund und fordert ein Gottesurteil heraus. Womit der Frevler nicht gerechnet hat, geschieht: Ein Pygmalionwunder - die Statue wird lebendig. Edmund ermordet den Gotteslästerer. Die Mönche stimmen wieder ein in ihren Gesang und tragen die Leiche aus der Kirche. 

 

Der Sprung zu „Waldemar Atterdag“ zeigt ein anderes Herrscherbild. Die rauen männlichen Töne, der Grobschlächtige und Großspurige sind verschwunden. Fontanes Waldemar ist ein Vorbild an Geduld und Gelassenheit. Er bringt in das Drama der frühen dänischen Könige ein retardierendes Moment: Wenn andere zur raschen Entscheidung und schnellem Handeln drängen, vertagt der weise Waldemar jede Entscheidung auf den anderen Tag  - „Atterdag“. Die schöne Ballade ist ein Alterswerk von Theodor Fontane und spiegelt mehr sein eigenes Temperament als den Charakter des Königs und Kreuzfahrers Waldemar IV. (1321-1375), unter dem die alte Reichseinheit mit Geschick und Gewalt wieder hergestellt wurde. Nie galt für ihn, was doch als Altersweisheit Gültigkeit besitzt:

 

„Nun führt er die Herrschaft mit kluger Hand

Über Dänemark-Meer und Dänemark-Land,

Nie fasst ihn Jähzorn, nie treibt ihn Eil,

‚Erst wägen, dann wagen.‘ ‚Eile mit Weil.‘

Und ob es zur Tat ihn auch drängen mag.

Auf den andern Tag schiebt er’s: ‚Atterdag.‘“

 

 

Von Haraldskær fahren wir zurück an die Westküste. Gerne möchten wir einmal einen original dänischen Pass sehen. Erik, unser Vermieter, kann sich nicht erinnern, dass der Jellinge-Steine in seinem Pass nachgedruckt worden ist. Ein Kreuz im Pass? Der Taufstein Dänemarks? Nein, nein. Wir haben aber einen dänischen Pass in Jellinge gesehen. Gut, Erik war noch nie in Jellinge. Aber Legoland hat er mit seinen Kindern schon mehrfach besucht. Er wird nachdenklich: Vielleicht habe man den Kreuz-Stein in den Pass gesetzt, weil die Linien ihn fälschungssicherer machen? In jedem Fall werde er bei Gelegenheit einmal in seinen Pass schauen, versichert er uns.

 

Ich greife noch einmal zu Johannes Fried und seiner Darstellung der frühen deutschen Geschichte. Woher kommen wir? „Hervorgegangen aus einem Prozeß der Verschmelzung einander feindlicher, barbarischer Nationen.“ Woher kommt der Name „Deutschland“? „Von außen aufgedrängt, Erinnerung an das einzig Vertraute in einem Meer von Fremden.“ 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

"Die ganze Gegend am äußersten Rande des Harzes,

zwischen himmelhoch wogenden Wäldern, 

durch malerisch verstreute Dörfer,

ist romantisch-unterhaltend."

Jens Baggesen. Das Labyrinth 1789

 

 

 

 

Land der Taufengel 

https://www.kirche-hiland-alfeld.de/nachrichten/nachrichten_2019/Taufengelwanderung_neu

 

 

 

  

Hier werden noch immer Engel hergestellt wie

 

 

zu Zeiten des Reichsbischofs Bernward von Hildesheim!

 

"Aber speziell hier, am harzischen Nordrande,

gibt jeder Fußbreit Erde wenigstens einen Kaiser heraus."

Theodor Fontane. Cécile

 

 

Land der Heiligen: St. Georgskirche

 

 

 

 

 

Land der Nixen: Die Lamme

 

 

 

Manchmal verliebt sich eine Nixe und bleibt an Land

 

 

"Die Nixen haben die größte Ähnlichkeit mit den Elfen.

Sie sind beide verlockend,  anreizend und lieben den Tanz.

Die Elfen tanzen auf Moorgründen, grünen Wiesen, freien Waldplätzen und am liebsten unter alten Eichen.

Die Nixen tanzen bei Teichen und Flüssen.

Auch kommen sie oft zu den Tanzplätzen der Menschen und tanzen mit ihnen ganz wie unserseins.

Die weiblichen Nixen erkennt man an dem Saum ihrer weißen Kleider, der immer feucht ist."

Heinrich Heine. Elementargeister

 

 

Land der Feen und Elfen

 

 

 

 

 

Land der Künstlerinnen

 https://www.kunstmuehle-veckenstedt.com

 

 

Land der Musen

 

 

 

Land der feurigen Salamander

 

 

 

 

Hier es geht gemütlich zu

 

 

  

 

Nicht nur die Alten haben gute Manieren

 

 

 

Hier gehen Familien achtsam mit den Ressourcen um

 

 

 

Hier wird mit Lob nicht gespart

 

 

Hier verehrt man noch das Heilige

 

 

 

Hier wird frische Farbe aufgetragen

 

 

 Der Kultur- und Verschönerungsverein weiß immer Rat für Mensch und Hund

 

 

  

 

Integration funktioniert 

 

 

 

 

 

Urgroßmütter werden noch im Handwerk gebraucht

 

 

 

Arbeit macht Spaß

 

 

mit diesen tollen Burschen

 

 

Hier funktioniert die Technik einwandfrei

 

 

Saline: Wir haben das Meer nach BadSe geholt

 

 

 

Wer es braucht, kann auch im Winter die nackte Wahrheit zeigen

 

 

oder sein Eis im Liegen schlecken

 

 

Hunde veräppeln

 

 

oder mit der Laterne gehen

 

 

  

  

Natur- und Kulturschutzgebiet Irmenseul:

https://www.nlwkn.niedersachsen.de/startseite/naturschutz/schutzgebiete/die_einzelnen_naturschutzgebiete/42421.html

  

"Eine Esche weiss ich,

heisst Yggdrasil"

Völuspa

 

 

 

"Geschieden du vom Questen-Kranz,

Geschieden du vom Licht:

Wo sind die Götter dieses Lands?

Fahr hin und frage nicht.

Nur wenn dein Mund, gewahr des Banns,

Die Siegel Schweigens bricht,

Hellt noch ein Hauch von altem Glanz

Dein sinkendes Gesicht."

Rolf Schilling. Questen-Gesang

 

 

 

Die alten Götter leben noch: Die heilige Esche Yggdrasil,

der Mittelpunkt der Welt 

 

 

 

 

Schützt die Zwerge!

 "Es ist den Zwergen innerlich zuwider, wenn Kirchen gebaut werden. Glockengeläute stört sie in der alten Heimlichkeit.

Auch das Roden der Wälder, den Ackerbau und neue Pochwerke im Gebirg hassen sie.

Wohlgestaltete Kinder der Menschen entwenden sie aus der Wiege 

und legen ihre eigenen häßlichen  oder gar sich selbst an deren Stelle."

Jacob Grimm. Deutsche Mythologie 

 

 

 

  

Hütet die Wassergeister!

 http://www.suedlicher-sackwald.eu/sehenswuerdigkeiten/apenteichquelle/

Das Quellheiligtum bei Winzenburg. Hier sprudelt das Wasser des Lebens.

 

 

 

Gedenkt der Toten!

 

 

  

 

Kein schöner Land in dieser Zeit

als hier das unsre weit und breit...

 

 

 

 

„Wie man behautet, gibt es greise Menschen in Westfalen,

die noch immer wissen, wo die alten Götterbilder verborgen liegen;

auf dem Sterbebette sagen sie es dem jüngsten Enkel,

und der trägt dann das teure Geheimnis in dem verschwiegenen Sachsenherz.“

Heinrich Heine. Elementargeister

 

 

 

„Es werde Licht!

Und es ward Licht.“

Genesis 1. 3

 

 

„Engel sind die Quelle des Lichtes

und der Energie der Schöpfung.

Sie sind der kristallene Glanz in jedem Diamanten.“

 M. Hisham Kabbani

 

 

Zu den berühmtesten und zugleich geheimnisvollsten Darstellungen des Engels Gabriel gehört ein romanisches Kapitell (Säulenaufsatz). Es befindet sich in der Kathedrale von Autun im Burgund. Gislebertus hat es zwischen 1125 und 1135 in  Stein gemeißelt. 

 

Zu sehen sind der Engel Gabriel und die Heiligen drei Könige. Über ihnen schwebt der Stern von Bethlehem. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand weist der Engel auf den Stern, mit dem Zeigefinger der rechten Hand berührt er den Ringfinger des obersten Königs. Damit wird der Dienst der Engel ins Bild gesetzt: Engel berühren uns. Ihre Botschaft lautet: Wach auf, und gehe ins Licht!

 

Engel sind Kinder des Lichtes. Der Stern, auf den sie weisen, ist das Licht der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens. Ohne diese Tugenden blieben wir Kinder der Dunkelheit. Das Wort „Engel“ bedeutet „Bote“ oder „Mittler“. Der Bildhauer hat das Wesen des Vermittlers durch die Armbewegung des Engels wunderbar ins Bild gesetzt: Das Licht des Himmels geht durch den Engel hindurch auf den Menschen. 

 

Engel sind ein Urbild des Dienstes für andere. Sie fragen nicht nach ihrem eigenen Vorteil. Sie schauen nicht auf die Uhr und zählen nicht die Stunden. Engel sind die Heilerziehungspfleger des Himmels. Sie  sind frei von aller Sorge um sich selbst und deshalb offen für den Dienst. 

 

Ihre Botschaft lautet: Lass dich vom Licht durchströmen! Halte es nicht fest. Verschenke das Licht der Hoffnung, der Liebe und des Glaubens! 

 

Der Engel verschenkt das Licht. Indem er sich nicht an den Besitz klammert, wird er selbst zu Lichtträger. Das ist der Sinn der Symbolik des Heiligenscheines (Nimbus).  Das Licht des Himmels leuchtet aus ihm wie aus den Augen der Kinder. Auch die Flügel sind Symbol. Kein Engel braucht sie zum Fliegen. Schneller als jede moderne Nachrichtentechnik durchdringen die warmen Liebesstrahlen des Engels die Welt. Die Flügel sind Ausdruck der Geborgenheit, die der Dienst des Engels schenkt.

 

Land des Lichtes, Nuristan, so nennen die Menschen im Nordosten Afghanistans ihre Heimat. Die Heiligen drei Könige stammen aus  diesem Kulturraum. Er erstreckt sich von Nuristan über Masar-i-sharif, der Geburtsstadt Zarathustra, bis nach Persien. Welcher Religion die Weisen aus dem Morgenland angehörten, wissen wir nicht. Die Beobachtung der Sterne spielte jedenfalls eine zentrale Rolle.  Welchen Namen auch immer ihre Götter trugen, in welcher Weise sie ihnen im Kult Ehre erwiesen, sie hatten keine Berührungsängste mit dem Licht einer neuen Religion. Als der Stern von Bethlehem am Himmel erscheint, machen sie sich auf den Weg.

 

Das Kapitell wird in der kunstgeschichtlichen Literatur unter dem Titel „Der Traum der Könige“ zitiert. Sein Thema ist aber nicht der Traum, sondern das Erwachen aus der Dunkelheit und der Aufbruch ins Licht. Die drei Könige liegen unter einer Decke. Ihr Faltenwurf erinnert wie die Falten auf dem Gewand des Engels an Wellen. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, verursacht er Wellen. Aus den tiefsten Tiefen des Universums erreichen uns Lichtwellen. 

 

Wellen sind Nachrichtenübermittler. Das Licht des Himmels durchflutet die Lagerstatt der Könige. Drei unter einer Decke: Das ist ein Symbol der Vertrautheit, ja der Einheit. Der Betrachter soll sich selbst im Spiegel der drei erkennen. Sie sind drei und doch eins. Im Spiegel der drei Weisen aus dem Morgenland  leuchtet unser eigenes Wesen hervor. Wir sind „dreieinig“. Wir bestehen aus Körper, Geist und Seele. Der unterste König symbolisiert unseren Körper und die Welt der Sinne. Der mittlere König steht für den Geist, die Vernunft und Rationalität. So ist es kein Zufall, dass beide Könige die Augen geschlossen haben. Sie schlafen. Bildhaft gesprochen: Die Welt der Sinne und der Rationalität sind „blind“ für die Berührung des Engels. Unsere Sinne können den Boten des Lichtes nicht erfassen, unsere Vernunft vermag seine Existenz nicht zu beweisen. Allein der obere König hat die Augen geöffnet. Sein auf der Decke liegender Arm wird vom Engel berührt. Dieser König steht für die Seele. Sie ist die Eintrittspforte für das himmlische Licht.

 

Über die Zeiten hinweg wird auch unsere Seele vom ausgestreckten Finger des Engels berührt. Und die Ohren des Herzens hören seine Stimme: Wach auf, steh auf, wende dich dem Licht zu! Jetzt sehen wir die Engel mit den Augen des Herzens.

 

 

 

Ein Gespräch über Engel im SWR 2:

 

https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/SWR2-Forum-Himmlische-Bodyguards-Wonach-wir-uns-sehnen-wenn-wir-an-Engel-glauben,swr2-forum-2019-12-03-100.html

 

 

 "Waiting for the mirakel to come..." - Berghuse/Danmark

 

 

 

 

 

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