Im Eskimolager von Hundested: Knut Rasmussen

“Nichts wird oft so unwiederbringlich versäumt wie eine Gelegenheit."

 Marie von Ebner-Eschenbach

 

 

 

 

 

Zur Dänischen Riviera gehören Städte und Fischerdörfer entlang der Ostseeküste im Norden Seelands. Hier ist alles etwas edler als an den Stränden der Westküste. Selbst Lønstrup und Løkken können mit Humlebæk und Hornbæk nicht mithalten. Wer an der Nordsee Urlaub macht, will seine Ruhe haben. Wer an die Dänische Riviera fährt, will gesehen werden. Dazu braucht es mondäne Badeorte. Denn die Ferienhäuser stehen dicht an dicht an der Steilküste und sind von hohen Zäunen umgeben. Sie befinden sich seit Generationen im Familienbesitz. Diese natürlichen Verdienste verleihen der Jugend jenes hohe Maß an Selbstbewusstsein, mit dem sie ihren Beolit 17 von  Bang & Olufsen  am Kieselstrand heftig aufdrehen.

 

In Hornbæk arbeitet die Designerin Ilse Jacobson. Sie entwirft Freizeitkleidung für reife Damen, die gerne mit ihrem schwarzen Labrador oder einem Golden Retriever am Strand joggen oder spazieren gehen.

 

Doch auch ohne Hund sind die Schuhe, Hosen, Kleider und Jacken einfach stylisch. Das gilt besonders für den rosafarbenen Regenmantel mit flauschigem Teddyfutter. Da freut sich die Besitzerin auf den nächsten Regen!

 

Mads Nørgaard macht Männermode. Søren Kierkegaard ist ebenfalls für sein Modedesign berühmt. Er gilt als Erfinder der Patchworkmode, erntete dafür allerdings den Spott der Kopenhagener Bürger. Philosophen sind gelegentlich auch in Modefragen ihrer Zeit voraus. Heute bezeugt jeder Mensch mit seiner Kleidung, wer er ist oder sein möchte. Die Wahrheit ist Patchwork. Das gilt auch für Modefragen.

 

Der Strand ist ein Ort der Wahrheit. Manche Menschen sollte man nicht in Badekleidung sehen. Kafka zum Beispiel. Aber er ließ sich von seinem Freund Max Brod ablichten. Kierkegaard war in allen Fragen der nackten oder halbnackten Wahrheit diskreter. Er zeigte sich nie in Badeanzug oder gar Badehose. Doch er liebte die Steilküste von Gilleleje wie alles Abgründige.

 

Abseits von den anderen Badegästen stand er am Meer und philosophierte über die Frage, was denn die nackte Wahrheit wäre, wenn es sie gäbe. Das war im Sommer 1835. Dabei fand er heraus, dass es wahrscheinlich keine objektive Wahrheit gibt, sondern nur eine subjektive. Zur Erinnerung an seinen Aufenthalt in Gilleleje steht in einem kleinen Laubwald zwischen Meer und Heide der Kierkegaard-Stein. Er trägt den Namen des Philosophen, sein Geburts- und Todesdatum und eine Tagebuchnotiz:„Hvad er Sandhed andet End en Leven for en Idee?“ - „Was ist Wahrheit, wenn nicht Leben für eine Idee?“ Frei übersetzt lautet die Weisheit: Nur ein authentisches Leben bezeugt die Wahrheit oder Wie ein Mensch sich treu bleibt, darauf kommt es an. 

 

In Veiby Strand haben wir für zwei Wochen ein neues Standquartier aufgeschlagen. Vor der Terrasse liegt das Katzenloch oder Kattegat. So nannten die Niederländer das Meer zwischen Jütland im Westen und Schweden im Osten. In den Wäldern Schwedens, so wird erzählt, lebte einst die Heilige Helene. Sie wurde erschlagen. Ihren Körper warfen die Mörder ins Kattegat. Doch der Leichnam der Einsiedlerin ging nicht unter, sondern wurde bei Tisvildeleje ans dänische Ufer getrieben. Als ihn Fischer am Strand bargen, öffneten sich die Dünen für den Leichenzug und eine Quelle entsprang an jener Stelle, wo der Körper der Heiligen abgelegt wurde. Sankt Helene Kilde wird der Ort genannt. König Christian IV. stellte ihn unter seinen persönlichen Schutz, denn er vertraute der Heilkraft des Wassers und ließ es sich in Gefäßen nach Kopenhagen bringen. Über dem Grab der Heiligen Helene wurde eine Kirche errichtet. Von ihr sind nur noch die Grundmauern zu sehen. 

 

Das Kattegat gilt wegen der Strömungsverhältnisse und der Untiefen als schwer befahrbar. Durch die Meeresenge des Øresundes müssen sämtliche Transportschiffe, Kreuzfahrtschiffe und Fähren hindurch. Wir sehen sie von der Terrasse vor dem Horizont der schwedischen Küste. Schonen liegt in Sichtweite und der Kullaberg, auf dem sich jedes Frühjahr die Wildgänse und die Füchse, die Rehe und die Wölfe, die Kraniche und die Adler zu friedlichen Spielen und Tänzen versammeln. So erzählt es Selma Lagerlöf. 

  

Rågeleje, Tisvildeleje, Liseleje und weiter im Westen Hundested. Der Name des kleinen Fährhafens, sagt Undine, erinnere an die vielen Seehunde, die hier bei Ebbe auf den Sandbänken ruhten. Es gibt sie nicht mehr - die Sandbänke und die Seehunde. Nur ihre Felle finden sich vereinzelt als Wandbehang oder Bettvorleger auf dänischen Adelshöfen. Die Stadt der Seehunde war ein beliebtes Jagdgebiet des dänischen Königs. Mit seinen Gästen fuhr er auf die Insel Hesselø. Schon in der Jungsteinzeit lebten hier Jäger, um die Jungen der Kegelrobben zu jagen. 1899 stand die Insel der Seehunde zum Verkauf. Christian Frederik Emil von Holstein-Rathlou, der oberste Jägermeister des Königs, erwarb sie. Er ließ auf dem Eiland Kastanien, Eichen, Obstbäume und Stechpalmen pflanzen und einen Garten anlegen. Der Hofjägermeister züchtete Fasanen, Schildkröten und Kängurus.

 

Mit einem Seehundfell konnte man sich einst sehen lassen. Nicht nur auf Grönland und in Kopenhagen, sondern auch in deutschen Städten. Es gab Damen, die ihren Nerz, Persianer oder Zobel ausführten, und Seehundsfrauen. Seehundsfrauen waren emanzipierte Frauen. Ihre Stiefel, Mäntel, Hüte und Handtaschen aus Seehundfell hatten sie mit eigenem Geld erworben. Dann kam Birgitte Bardot und entfesselte einen Protest gegen das Robbensterben. Viele Eskimos verloren ihre Arbeit.

 

 

 

Regitze Søby verkauft weiche Felle von Seehundbabys. Sie begrüßt uns in dem kleinen Knud-Rasmussen-Museum von Hundested. Rasmussen war der bedeutendste Eskimologe seiner Zeit, zudem ein erfolgreicher Schriftsteller, der seine Schlittenfahrten durch Grönland und den Norden Kanadas packend beschreiben konnte. Seine wissenschaftlichen und allgemeinverständlichen Bücher schrieb er in diesem Haus am Meer, das ihm seine Frau im Jahr 1917 schenkte. Wer das Rasmussen-Haus einmal gesehen hat, weiß wie Ferienhäuser in Dänemark aussehen könnten: Alleinlage und unverbaubarer Blick aufs Meer.

 

Im Sommer 1976 hatte ich Hundested zum ersten Mal besucht. Ich leistete meinen Zivildienst bei einem Evangelischen Jugendpfarramt in Münster und begleitete eine Gruppe junger kirchlicher Mitarbeiter in die Sommerfrische auf einem dänischen Bauernhof am Rand von Hundested. Bibeln und Gesangbücher blieben in Münster. Geleitet wurde die Freizeit von einem Sozialarbeiter. Dass er Mitglied der DKP war, störte die Kirchenleitung nicht. Im Gegenteil bot der Mann mit dem dicken Schnauzbart eines Walrosses dem Kirchenkreis Gelegenheit, die evangelische Freiheit zu beweisen. 

 

Dass wir in unmittelbarer Nachbarschaft zu Knud Rasmussens Haus unsere Ferientage verbrachten, wusste niemand. Es hätte uns auch nicht interessiert. Wir lebten in reiner Gegenwart, unbekümmert um alle kulturellen Bezüge. Und doch, ohne es zu wissen, führten wir ein Eskimo-Leben, wenn es stimmt, dass sie ihre Frauen mit dem Fremden teilen. Arktisreisende wie Roald Amundsen berichten von der Freigebigkeit der Inuit.

 

 

 

Unser Sozialarbeiter war ein entschiedener Gegner allzu früher Paarbindungen. So sahen es die Eltern auch: Wer bereits im jugendlichen Alter eheähnliche Bindungen eingehe, der verschließe sich neuen Erfahrungen. Ein Ziel kann auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden. Es galt also zu warten und sich aufzusparen, meinten die Eltern. Unser Sozialarbeiter war für die gelebte christliche Freiheit im Ferienlager. So hausten wir wie in einem Eskimo-Sommerlager, teilten Brot, Wein und Mädchen, und hatten alles gemeinsam. Das sei der wahre Liebeskommunismus, den Jesus vor Augen gehabt hatte, meinte unser Gruppenleiter. 

 

In der Geschichte der Polar-Expedition ist immer wieder von einem Lagerkoller zu lesen. Um ihn zu vermeiden, müssen die Teilnehmenden eine sinnvolle Beschäftigung haben. Im Eskimolager von Hundested sorgte das Gender überschreitende Fußballturnier dafür, dass sich die Mannschaft nicht nur auf den Matratzen sielte wie Seehunde auf der Sandbank. Dabei kam es gleich am ersten Tag zu einem Unfall. Kathrin brach sich ein Bein. Alle hörten den Knacks. Das Bein  wurde ärztlich versorgt. Internet und Mobile Phone gab es noch nicht. Der Wirt besaß einen Fernsprecher. Die Eltern des Mädchens wurden verständigt und entschieden, dass ihre Tochter solange in Hundested ausharren sollte, bis die gesamte Expedition von einem Busfahrer aus Münster abgeholt werde.

 

Knud Rasmussen (1879-1933) gehörte wie Roald Amundsen zu den wenigen Polarfahrern, die ihre Lust in den hohen Breitengraden zügelten. Andere mochten die monate- oder jahrelange Abstinenz nicht aushalten und ließen sich auch durch mögliche Krankheiten nicht von einem transarktischen Verkehr abschrecken. Zu ihnen gehören nicht nur zügellose Abenteurer, sondern Männer wie der Arktisforscher Peter Freuchen (1896-1957), der mit Navarana, einer Inuit aus dem Stamm der Inghuit, verheiratet war. Ethnologie setzt Empathie voraus. Aber auch die kluge Distanz des Beobachters.

 

 

 

Peter Freuchens Freund Knud Rasmussen wurde in Jakobshavn auf Grönland geboren.  Grönland ist die größte Insel der Welt und gehört zu Dänemark. Dänemark ist klein, aber gemeinsam mit der großen Insel im Eis ist es das größte Land Europas. Menschen, die Kreuzfahrten in arktische Breiten lieben, lassen sich gerne nach Ilulissat (https://visitgreenland.com/de/destinationen/ilulissat) fahren. So nennen die Inuit jene Handelsniederlassung, die von Jacob Severin (1691-1753) einst gegründet wurde. Ilulissat bedeutet Eisberge. 

 

Der Jakobshavn Isebræ gilt als der schnellste Gletscher der Welt. 22 Meter wandert er täglich nach Westen. Wer kalbende Gletscher erleben möchte, der fährt nach Jakobshavn. Hier arbeitete Rasmussens Vater als Missionar und Sprachforscher. Seine Mutter stammte von Eskimos. So wuchs Knut zweisprachig auf. Mit zwölf Jahren wurde er nach Kopenhagen auf eine Schule geschickt, machte mit 21 ein mittelmäßiges Abitur und unternahm im Jahr 1900 eine Islandreise, auf der er Ludvig Mylius-Erichsen (1872-1907) begegnete. 

 

Gemeinsam fuhren sie mit sechs Hundeschlitten in den äußersten Nordwesten Grönlands (1903-04), um das Leben der Eskimos zu teilen und ihre Geschichten zu sammeln. Daher wurde ihre Feldforschung „Dänische literarische Expedition“ genannt.

(http://denstoredanske.dk/Geografi_og_historie/Ekspeditioner/Den_Litterære_Ekspedition)  

Zu den weiteren Begleitern der Expedition gehörten der Katechet Jörgen Brönlund, zwei Eskimo-Jäger (Elias Eliassen und Gabriel Olesen) und der dänische Maler Graf Harald Moltke (1871-1960). Bereits nach einem Monat erkrankte Moltke lebensgefährlich und musste, verpackt in einen Schlafsack, auf einem Hundeschlitten nachgeschleppt werden. Nach seiner Genesung in Kopenhagen arbeitete er für einige Jahre als Porzellanmaler für die Königlich Dänische Porzellanmanufaktur und später bei Bing & Grøndahl.

 

Rasmussen legte die Ergebnisse seiner Forschungen unter dem Titel „Nye Mennesker“ (1905) vor. 1907 erschien das Werk in der deutschen Übersetzung von Elsbeth Rohr unter dem Titel „Neue Menschen. Ein Jahr bei den Nachbarn des Nordpols“. Dieses Erstlingswerk begründete Rasmussens Ruhm und es schenkte ihm die Liebe der Eskimos, deren Blut auch in seinen Adern floss. Sie gaben ihm den Ehrentitel „Kununnguaq“ - „Unser Knud“. Der grönländische Titel des Buches lautet: „Avángarnisalerssarutit“. Es beginnt spektakulär mit der Schilderung von Moltkes desolater Gesundheit: 

 

„Schlaff und fiebernd lag er da, konnte kein Glied rühren und musste gefüttert werden, wenn er essen sollte. Nach einer Beratung kamen wir daraufhin überein,  Mylius-Erichsen sollte gemeinschaftlich mit den beiden Robbenfängern bei dem Kranken zurückbleiben, während Jörgen Brönlund und ich gen Norden fahren sollten, und zwar so rasch es sich bewerkstelligen ließ mit unsern ziemlich ausgehungerten Hunden, um nach Menschen zu suchen.“

 

„Neue Menschen“, so nannte eine alte Schamanin jenes Volk im äußersten Nordwesten Grönlands, das sich in Eisbärenhäute kleide und von rohem Fleisch lebe. Der junge Rasmussen lauschte ihren Erzählungen von dem nördlichsten Volk der Erde, und er beschloss, es eines Tages aufzusuchen.

 

Knut Rasmussen war ein genialer Erzähler. Er hatte Esprit und Charme. Die Frauen liebten ihn, und er liebte die Frauen. 1908 heiratete er Dagmar Andersen, die Tochter eines Politikers.

 

 

Sie öffnete Rasmussen den Weg zu jenen einflussreichen Menschen, deren Wohlwollen er brauchte, um die zukünftigen Expeditionen zu finanzieren. Dagmar Andersen hatte auch die innere Stärke, mit den drei gemeinsamen Kindern jene langen Jahre der Abwesenheit ihres Mannes auszuhalten. Unter dem Namen „Thule“ führte er verschiedene Expeditionen durch. Zu ihrem Marketing gehörten viele Vorträge nach seiner dänischen Heimkehr.

 

 

Die fünfte Thule-Expedition (1921-24) zusammen mit Peter Freuchen führte Rasmussen auf einer 18000 Kilometer langen Reise mit Schlittenhunden durch Nordkanada. Was Rasmussen unterwegs sammelte, ist heute im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen ausgestellt. Nach dieser legendären Expedition hätte sich Rasmussen seiner Familie und seinen Büchern widmen können, aber es drängte ihn voran. Die neue Welt der Technik, Flugzeuge und Filme faszinierten ihn. Er ging weiter auf Expedition. Die siebente musste er aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Auf der Schautafel in seinem Museum wird eine Fleischvergiftung als Ursache angegeben. Dass ist kaum glaubwürdig bei einem Mann, der alle Eskimo-Delikatessen - wie verfaultes Seehundfleisch - verspeiste.

 

 

 

 

Schon Roald Amundsen erlebte bei seiner Entdeckung der Nord-West-Passage den Niedergang der Eskimo-Kultur im Alkoholismus. Heute, so erzählt es uns Søren Mærker, könne Grönland aus eigener Kraft nicht leben. Wir begegnen Søren im Museum. Der studierte Chemiker hatte zuerst bei Nestlé in der Schweiz gearbeitet, dann noch einmal Medizin studiert und als Arzt in Kopenhagen praktiziert. Grönland leide nicht nur unter dem hohen Alkoholkonsum. Viele Männer schlagen ihre Frauen. Über ein Drittel der Mädchen werden in den Familien sexuell missbraucht. Wir fragen Søren nach der Todesursache von Rasmussen. Nach Dänemark zur Behandlung zurückgekehrt, sei Rasmussen an den Folgen eines intraabdominellen Abszesses gestorben.

 

Rasmussen war aufgebrochen, um den neuen Menschen zu begegnen. Die von ihm gesammelten Geschichten übten auf den europäischen Leser auch deshalb eine gewisse Faszination aus, weil er das Erzählte nicht wörtlich nahm. Vielleicht enthielten sie mehr Berichte über den gelebten Alltag am Ende der Welt, als es die Vorstellungskraft des zivilisierten Menschen ahnen mochte. Rasmussen zeichnete Geschichten einer untergehenden Kultur auf. Denn überall, wo die Zivilisation auf „Naturvölker“ trifft, zerstört sie unweigerlich ihre Kultur. Diese Erfahrung machte auch der Entdecker indigener Indianerstämme in den Tiefen des Matto Grosso. Was Claude Levi-Strauss über die „Traurigen Tropen“ schrieb, gilt für die Eskimos der Arktis ebenso wie für unsere Welt des 21. Jahrhunderts. Es gibt kein Verharren im Gestern. „Das ist die Zukunft!“, sagte der Mann hinter dem Tresen des Hotels Hans Christian Andersen, der mir zwei Odenser Biere zapfte. Ich wollte die Rechnung in bar bezahlen, doch nur Kartenzahlung war möglich. 0,3 Liter für neun Euro las ich später in meinem Kontoauszug!

 

„Knud Rasmussen wird nie vergessen werden. Wir müssen ihm dankbar sein, dass er den gewaltigen Stoff der alteskimoischen Geistesgeschichte sammelte, ordnete und deutete, bevor die Zivilisation alles nivellierte“, schrieb die deutsche Eskimologin  Aenne Schmücker (1893-1986) in ihrem Nachruf (Polarforschung 27/1957. S. 43-45: http://epic.awi.de/27803/1/Polarforsch1957_1-2_4.pdf) anlässlich seines 25. Todestages. Rasmussen hatte sie in das Team der geplanten achten Thule-Expedition berufen.

 

 

Es ist Abend geworden, aber die Sonne steht noch hoch am Himmel. Undine tritt mit einer Flasche Weißwein auf die Terrasse. „Duo des Mers“ aus Viognier und Sauvignon. Sie füllt die Gläser. Wir schauen in die Ferne und geben uns unseren Gedanken hin.

 

„Nach Grönland zieht es mich nicht“, sage ich. „Ich habe die russische Arktis gesehen und Franz-Joseph-Land. Auf Island war ich mit Schülern und Schülerinnen, als Klassenfahrten noch ein kleines Abenteuer sein durften und die Insel noch nicht so hoffnungslos überlaufen war. Mir reicht zum Träumen der Blick auf den Kullaberg von der Terrasse unseres Häuschens.“ 

 

„Was ist eigentlich aus Navarana geworden?“, fragt Undine.

 

Ich erzähle, was ich weiß: Das Eskimomädchen aus Thule starb recht früh. Peter Freuchen konnte an keiner Expedition mehr teilnehmen, als ihm der Fuß amputiert werden musste. 1926 erwarb er die kleine Insel Enehøje im Nakshov Fjord an der Westküste Lollands.  In Amerika arbeitete er an der Verfilmung seines Romans „Eskimo“ (1933), der einen Oskar für den besten Schnitt verliehen bekam. Auf seiner dänischen Insel bot er Flüchtlingen aus Deutschland Schutz, bis er 1940 verhaftet wurde. Ihm gelangt die Flucht. Er erreichte Amerika, wo er später durch die Teilnahme an der ersten großen US-Quizsendung „Die 64000 Dollar-Frage“ zu einem Vermögen kam.

 

Undine holt eine zweite Flasche aus dem Kühlschrank. Dieses Mal den Rosé „Duo des Plages“ aus Syrah und Cinsault. 

 

“Nichts wird oft so unwiederbringlich versäumt wie eine Gelegenheit“, sagt Undine.

 

Wir heben die Gläser zum Kullaberg. Er hüllt seinen Rücken in einen roséfarbenen Schleier. Bald wird hinter seiner Kulisse die Sonne aufgehen.

 

Ein Jahr sind wir nun unterwegs und haben dabei den Kullaberg wie die Mitte eines Labyrinths umkreist. Doch haben wir ihn nie betreten. Jetzt könnten wir einen Besuch nachholen. Vielleicht am Sankt-Hans-Abend? Mittsommer auf dem Kullaberg! Wir würden noch einmal aufbrechen, die Fähre von Helsingør nach Helsingborg nehmen und auf die Landzunge fahren, an deren Ende der Kullaberg liegt. Aber vielleicht lassen wir das Letzte aus? Sparen uns die Reise für spätere Besuche auf? Fahren vielleicht niemals auf den Kullaberg, weil wir ahnen, dass er nicht der letzte Ort auf unserer gemeinsamen Lebensreise ist und weil noch ganz andere Begegnungen bevorstehen, von denen wir vor dieser Kulisse des Meeres keine Vorstellung haben.