Kaj Munk - Die blaue Anemone
 
 
 
 
 
 
 
Zwischen dem geschäftigen Søndervik und dem beschaulichen Vedersø Klit liegt ein Hallen-Flohmarkt. Ihn durchwabert  jene muffige Luft, die allen hier ausgestellten Gegenständen bis ans Ende ihrer Tage anhaften wird. "Wer braucht diesen Schrott?", frage ich Undine. "Niemand, und deshalb halten wir an", antwortet sie. "Vielleicht liegt dort noch der Duschvorhang für Deinen Bruder Karsten." Die Mutter wollte ihn letzten Sommer kaufen. Wir hielten die Idee, dieses Modell aus den Siebzigern im Koffer per Bahn nach Münster zu transportieren für absurd und einer Dame im Alter von 88 Jahren für unwürdig. Heute wissen wir: Wir waren nicht nur extrem respektlos gegenüber dem Alter, sondern haben einen großen Fehler gemacht. Denn mancher Fund erweist sich als letztes fehlendes Puzzle-Teilchen zu einem Bild, das der Vollendung harrt.
 
In einer Kiste entdeckt Undine eine CD von Mette. Keine Ahnung, wer Mette ist. Ihre CD trägt den Titel "Die blaue Anemone". Das Titellied, sagt Undine, stamme von Kaj Munk. Diese Information reicht, um zehn Kronen auszugeben. Kaj Munk ist der dänische Bruder von Dietrich Bonhoeffer. Das wissen wir. Drei Kilometer von unserem Ferienhaus am Raketenweg entfernt liegt der Pfarrhof von Vedersø, auf dem er am 4. Januar 1944 verhaftet wurde. Mettes Version von "Den blå anemone" führt uns an diesen Ort mit seinen vom Wind geformten Bäumen am Fjord. Wir sehen die blaue Blume im letzten Flor.
 
 
Kaj Munk (1898-1944) stammte aus Maribo (Lolland). Mit fünf Jahren war er Vollwaise und wuchs in einer Pflegefamilie auf. Die Lehrer erkannten seine Begabungen. Unter den evangelischen Pfarrern gab es seit Luther und Paul Gerhardt viele Dichter und Schriftsteller. Kaj Munk gehörte zu den letzten seiner Art. Als er in Vedersø seine erste Stelle antrat, nahm er einige blaue Anemonen aus seiner Heimat mit und pflanzte sie in seinen Pfarrgarten. 300 Seelen hatte die kleine Gemeinde an der Westküste. Da blieb ausreichend Zeit für die Arbeit an Dramen, Reden und zahllosen journalistischen Artikeln, aber auch für Jagdausflüge und Fischfang. Munk war ein überaus aktiver Mensch, bewegt von der Idee der Formung des Volkes durch Bildung. Als dänischer Pfarrer war er Angestellter des Staates. Die nationale Idee als Ordnungskraft interessierte ihn. Deshalb bereiste er Deutschland und Italien und hatte bis zur Reichspogromnacht Sympathie für Mussolini und Hitler. Dass die dänische Bevölkerung nach der deutschen Besatzung in großer Geschlossenheit den Juden zur Flucht verhalf, ging auch auf einen Appell Kaj Munks zurück.
 
 
Die Mehrheit der Dänen kollaborierte mit den deutschen Besatzern und errichtete gegen Bezahlung jene Bunkeranlagen, die noch heute am Strand von Vedersø Klit und im Hinterland zu sehen sind.
 
 
 
Diese Bunker sind Teil einer Küstenverteidigungslinie der "Festung Europa", länger als die Chinesische Mauer und als jener Grenzzaun, der zwischen Mexiko und den USA errichtet werden soll. 12000 Bunkeranlagen säumen Nordsee und Atlantik. 18 Millionen Tonnen Beton und eine Million Tonnen Stahl sollen für diese "Taumelnden Riesen" verbaut worden sein. So nennt die niederländische Fotografin Annet van der Voort ("The Wall", 2019) die Bunker.
 
 
Auch die Männer aus Kaj Munks Gemeinde standen in deutschem Sold. Nach jeder Predigt stieg Munk von der Hochkanzel und las seiner Gemeinde die Leviten. Er machte sich mit dieser Positionierung nicht bei allen beliebt. Während unweit seines  Pfarrhofs Sand und Kies zu Beton verarbeitet wurde, hatte er im Frühling 1943 beim Anblick der wieder erblühten blauen Anemonen eine Art Vision.
 
"Was war hier nur geschehen?

Mein hart wie Stein gefrornes Herz

schmilzt schon beim bloßen Sehen  

am ersten Tag im März.

Was brach da durch das Wintergrau  

und schmückt das schwarze Beet so blau,

als ob's im Himmel wohne?

Die kleine Anemone:

Ich pflanzt' sie da genau.

 

Ich hab sie mitgenommen

von Lolland, meinem Kindheitsort.

Als ich hierher gekommen,

dacht' ich: Nun bleibt sie fort.

Ihr fehlt die Heimat, Wald und Baum,  

die laue Luft, der milde Raum;

in dieser Feindeszone

vergeht die Anemone;

das überlebt sie kaum.

(...)

Jetzt seh ich sie sich wiegen

im kalten Wind vom nahen Strand.

Sie lässt sich nicht besiegen

von Jütlands Kies und Sand,

als gäbe ihr die Widrigkeit

nur eine größ're Sicherheit:

Wie eine Amazone

steht meine Anemone

und ist zum Kampf bereit. (...)"

 

Es gibt gewiss sprachlich besser gelungene Frühlingsgedichte, in denen sich die zarte Anemone nicht so plump auf die martialische Amazone reimt. Aber darum geht es nicht. Das Gedicht, von dem es drei verschiedene Fassungen geben soll, verdankt sich dem Augenblickserlebnis. Es ist so unscheinbar wie die kleine blaue Blume, die sich im Laufe der Jahre in großen Polstern über den ganzen Pfarrgarten verbreitete.

 

 

Kaj Munk hatte bereits Schreibverbot, als er das Gedicht in dreihundert Exemplaren drucken ließ. Er verschickte sie zu Weihnachten 1943. Am 4. Januar 1944 wird er verhaftet und bei Silkeborg erschossen.

 

Die Gemeinde setzte ihm später neben seiner Kirche ein Denkmal:
 
 
 
 
Egil Harder vertonte Kaj Munks Gedicht von der blauen Anemone. Der große dänische Opernsänger Aksel Schiøtz (1906-1975) trug das Lied 1944 im Kopenhagener Gedenkgottesdienst für Munk vor. Ein Jahr später fand im Kopenhagener Dom ein Festgottesdienst zur Beendigung der Besatzungszeit statt. Wieder sang Aksel Schiøtz das Lied von der blauen Anemone. So wurde es zu einem nationalen Schatz. 
 
 
Lise Marie Jørgensen (1909-1998), war die Tochter eines Großbauern aus Vedersø und vierzehn Jahre jung, als Munk seine erste Pfarrstelle antrat. Vier Jahre warteten die beiden, bis die Konfirmandin das 18. Lebensjahr erreicht hatte. Dann heirateten sie und bekamen im Laufe der Jahre fünf Kinder. Lise überlebte ihren Mann um 54 Jahre.
 
Aksel Schiøtz überstand 1946 die Operation an einem Tumor im Ohr und 1950 eine zweite Operation an einem Hirntumor. Noch im Jahr 1944 übersetzte der deutsche Schriftsteller Edzard Schaper die "Dänischen Predigten" Kaj Munks für einen Stockholmer Exil Verlag. Wie Aksel Schiøtz hatte auch er ein besonderes Schicksal zu tragen: Von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt, wurde er von den Schweden zu unrecht als Doppelagent verdächtigt. Gleiches zieht Gleiches an.
 
 
 
Dänemark hat ein merkwürdig entspanntes Verhältnis zu den Bunkeranlagen an seiner Nordseeküste. Sie sind sogar auf den Deckblättern einiger Ferienprospekte abgebildet. Die Bauwerke aus "Jütlands Sand und Kies" liegen am Strand als stumme Zeugen einer offenbar längst vergangenen Vergangenheit. 
 
 
Am Palmsonntag besuchen wir den Oster- und Frühlingsmarkt (Påske- og forårsmarked) in Lystbækgaard. Die Osterlämmer sind da! Wer denkt beim Anblick dieser süßen Kerle an das Opfer, das sie einst bringen werden?
 
 
 
Und dieser treue Geselle, der so manche Last gezogen und manches Kreuz getragen hat. Stellte er sich jemals die Frage nach dem "Warum?", dem "Wozu?" und dem "Warum gerade ich?" Wir wissen es nicht.
 
 
Aus der alten Bischofsstadt Viborg ist diese Dame angereist. Sie erinnert uns an unsere Kollegin Almut Schwickert. Was immer ihr Beruf gewesen sein mag, jetzt widmet sie sich der Kunst des Flechtens von Fruchtbarkeitssymbolen und ist glücklich, dass sie eine Schülerin gefunden hat.
 
 
Diese Garben dürfen nur aus den letzten Ähren geflochten werden. Allein in diesen letzten Früchten stecke die Kraft des Frühjahrs mit neuem Wachsen und Werden. Eine Weisheit für die höheren Lebensjahre, meint die Dame und lächelt mir zu. 
 
 
Während sich Undine dem Einkauf von Marmelade und Honig widmet, steht plötzlich unser alter Freund Torben Thorup vor mir. Letzten Sommer haben wir ihn auf Lystbækgaard kennengelernt. Er ist ein Kollege von Kaj Munk, hat aber den Beruf des Pfarrers nie ausgeübt, sondern ist Taxi gefahren und hat in verschiedenen Kirchen die Orgel gespielt. Torben kannte Lisa Munk und einige ihrer Kinder. "Mein Vater wollte das Martyrium", zitiert er einen der Söhne. Munk sei mehrfach ein Weg zur Flucht ins schwedische Nachbarland eröffnet worden, aber er blieb in Vedersø. Hatte er dazu ein Recht? Hatte er das Recht, Frau und fünf Kinder zu opfern? Hatte er nicht die Pflicht zu überleben?
 
 
Draußen vor den Toren des Bauernhofes liegt das berühmte Ulfborg Skyttecenter. Auf dem Schützengelände hat sich eine Hundertschaft von Scharfschützen zum fröhlichen Osterschießen eingefunden.
 
Unser Gespräch berührt letzte Fragen vor letzten Haltungen. Es ist Palmsonntag. Zwei Prozent der Dänen besuchen noch die Kirche, sagt Torben. In Munks Kirche, sagt er, hänge eine Gedenktafel. Auf ihr finden sich Verse aus dem Lieblingslied des Seelsorgers. Torben kennt sie auswendig:
 
 
 

„Ich erwarte dich, Herr Jesus, zum Gericht;

jeden Augenblick schaue ich danach aus.

Schnell und unverhofft kannst du kommen

zu jeder Tages- oder Nachtstunde

Lass meines Herzens Lampe bereit sein und brennen

in Glaube, in Hoffnung und in Liebe.

Wenn ich schlafe oder wache, so bin ich dein,

wenn ich lebe oder sterbe, so bist du mein.

Und wenn du kommst, komme zart und mild

und mache mich selig in Ewigkeit.“

(Dänisches Gesangbuch/Den Danske Salmebog, Nr. 269)