„Mein Vater zeigte mir, was ich lesen sollte, 

und das tat ich dann.“

Tobias Blumenberg

 

 

„Der alte Goethe diktierte seinem Diener gerne aus dem Bett. Anschließend nahm er das Frühstück ein und trank gelegentlich sein erstes Glas Wein. Thomas Mann schrieb seine Romane vor dem Mittagessen“, sagt Undine und stellt den Staubsauger ins Bibliothekszimmer. „Und Hans Blumenberg? Stimmt es, dass er sich zu Bett legte, wenn andere zur Arbeit fuhren?“

 

„Gewiss. So war es aber nicht immer. Lehrer und Schüler können nicht ohne unangenehme Folgen die Nacht zum Tage machen. Für Künstlernaturen ist die Nachtarbeit ein Privileg, für Schichtarbeiter vielleicht eine Mühsal. Väter von kleinen Kindern bedürfen entschieden der Nachtruhe.“ 

 

„Er hatte vier Kinder wie dein Vater, nicht wahr?“ 

 

„Markus, Bettina, Caspar Balthasar und Tobias.“ 

 

„Drei Jungen und ein Mädchen, wie bei uns zu Hause in Münster.“

 

„Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind!“, lacht Undine und herzt Tobit, unseren Hund. 

 

„Ein neues Leben beginnt, ein anderes, vielleicht das eigentliche“, antworte ich etwas vorsichtig, denn ich habe selbst längst erwachsene Kinder. „Glücklich die Zeit, wo wir dem eigenen Rhythmus folgen und die Nacht zum Tage machen können, wenn uns der Sinn danach steht. Hans Blumenberg mochte die stillen Stunden der Nacht. Sie haben einen besonderen Zauber. Ein nie unterbrochener Dienst am Schreibtisch. Allein und doch nicht allein. Verbunden mit großen Geistern aller Zeiten. Die Erfahrung der Einsamkeit als Einssein - mit dem Buch, mit sich selbst, mit einem geliebten Menschen oder einer verwandten Seele.“

 

„Der Schreibtisch als magischer Ort oder als eine Art Altar?“, fragt Undine. „Oder ist dies eine romantische Vorstellung? In Zeiten der Willkür werden nachts die Opfer abgeholt. Auch das hält wach.“

 

Hans Blumenbergs produktivste Zeit begann nach Mitternacht. Da trat er ein ins unendliche Gespräch mit Menschen und Engeln. An seinem Schreibtisch entstanden  philosophische Abenteuerromane mit Titeln wie Sirenengesänge: „Schiffbruch mit Zuschauer“, „Arbeit am Mythos“, „Lebenszeit und Weltzeit“, „Höhlenausgänge“. In den frühen Morgenstunden las der Philosoph die FAZ und legte sich anschließend zu Bett. 

 

„Das Werden dieser Werke will ich nicht beschreiben. Das können andere besser“, erkläre ich Undine. „Ich möchte vier Jahrzehnte zurückblicken. Es war die Zeit meines Erwachens. Längst ist der Lehrer gestorben. Aber die Toten sind nicht tot. Sie begleiten die Lebenden und geben wie das alte Holz den jungen Trieben Halt im Wachstum.“

 

Wir erwarteten die Ankunft des Schreibtisches von Hans Blumenberg. Mein Freund Tobias hatte mich gefragt, ob ich Interesse an dem alten Möbel seines Vaters hätte. Das hatte ich. Er musste sich von ihm trennen, weil das Haus in Ravensburg abgerissen werden sollte. Ein Moment des Innehaltens und der Sichtung der Bestände. Ein Augenblick des Abschiednehmens.

 

Wohin mit dem Schreibtisch des Philosophen?  Undine und ich schufen Platz in meinem Arbeitszimmer. Wir stellten meinen kleinen Schreibtisch aus Studententagen zum Sperrmüll an den Straßenrand. Der Buchara-Teppich war gesaugt. Alles war also vorbereitet.

 

Da kam der Anruf der Dachser & Kolb Spedition. Die Beiladung aus Ravensburg sei vom Bodensee auf den Weg nach Bad Salzdetfurth gebracht worden. Ich wisse wohl Bescheid? Ob ich morgen daheim sei und beim Ausladen zur Hand gehen könne? Gewiss konnte ich, bat aber zusätzlich zwei Nachbarn um Mithilfe. Das Heilige Holz war aus Wotans Eichen getischlert worden und hatte entsprechend Gewicht. 

 

 

 

„Aktion Heiliges Holz“ oder „Beiladung Heiliges Holz des Heiligen Hans’“ hatten Tobias und ich die Überführung des Schreibtisches etwas übermütig, aber nicht ohne Respekt genannt. Denn wer glaubt noch in unseren Tagen an das Heilige - uns ausgenommen?

 

Am nächsten Tag kam die Beiladung. Sie bestand aus drei Teilen: Der Schreibtisch, ein mit grizzlybraunem Cord der Siebziger Jahre überzogener schwerer Drehsessel mit Rollen unter den metallenen Füßen und ein großer schwerer Karton. Nach langer Reise und vielen Stationen war der Schreibtisch im Hildesheimer Land angekommen, dort, wo alle Blumenberge ihren Ursprung haben. 

 

Mit Hilfe meiner Nachbarn trugen wir das Heilige Holz in mein Arbeitszimmer und stellten es auf dem Buchara-Teppich ab. 

 

„Was willste denn mit dem ollen Ding?“, fragte Udo erstaunt. Für die Speditionskosten hätte ich mir einen schönen neuen Schreibtisch von IKEA kaufen können. Er musterte die Schreibtischplatte und wies stumm auf zahlreiche Ringe von Tee- oder Kaffeepötten. Da müsse ich mal mit Polyboy drüber gehen. 

 

„Das kriegste mit Politur nicht weg“, meinte Lothar und deutete auf einen dunklen Streifen. „Das sieht ganz nach Schmauchspur aus.“ Frank Ohlendorf, der Tischlermeister aus Bodenburg, solle einmal mit dem Elektrohobel über die Schreibtischplatte gehen und alles neu lackieren. Ich könne mir die Kosten auch sparen und den Schreibtisch als Werkbank in den Keller stellen. Lothar schüttelte den Kopf:

 

„Wie heißt der Typ, von dem du den Schreibtisch übernommen hast?“

 

„Na, das ist doch der berühmte Phi-lo-soph, der auch im Fernsehen spricht!“, sagte Udo. „Meine Frau fährt voll auf ihn ab. Brecht heisst er, glaube ich.“ Dann korrigiert er sich. „Richard David Precht, der Frauenversteher mit der langen Matte.“ 

 

Wir standen nicht vor dem Schreibtisch von Richard David Precht, auch nicht vor dem Arbeitsmöbel von Rüdiger Safranski. So viel konnte ich klären.

 

 „Muss man deinen Philosophen auch kennen? Ist er so berühmt wie der schöne Precht? Gibt es einen Film über sein Leben?“ 

 

„Einen Film, ja“, sagte Undine. „Der unsichtbare Philosoph.“ 

 

„Wie? Ein unsichtbarer Philosoph? Wo gibt es denn sowas?“

 

„Ich kannte ihn“, erklärte ich. „Ich habe ihn gesehen. Er war mein Lehrer.“

 

„Und, was hat er gelehrt?“

 

„Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher!“

 

„Na, da hat er ja bei dir vollen Erfolg gehabt!“ Lothar verwies auf die vielen Bücher. „Hast du die alle gelesen?“  

 

Als ich schließlich den Namen meines Lehrers nannte, schauten mich die Helfer erstaunt an. Denn im Hildesheimer Land kennt jeder irgendeinen Blumenberg: Die Gärtnerei Blumenberg an der Goslarschen Straße oder Thomas Blumenberg, den Sohn eines Bauern aus Borsum, der als katholischer Priester von Bad Salzdetfurth und letzter seiner Art allen ökumenischen Versuchungen und synodalen Wegen widersteht. Viele lieben ihn wegen seiner Widerständigkeit: Mag sein Bischof am Reformationstag in der evangelischen Andreaskirche predigen, Thomas Blumenberg steht fest in der katholischen Tradition.

 

„Da fehlt doch ein Fuß!“, bemerkte Udo. In der Tat. Der dunkelbraun gebeizte Schreibtisch hat eine Schublade und links und rechts hinter den Türen zwei große Seitenfächer mit viel Stauraum. Jedes Fach steht auf vier handgeschnitzten Füßen, von denen einer ebenso fehlte wie die Schlüssel zu Schublade und Seitenfächern. Der Fahrer von Dachser & Kolb versicherte, er habe den Schreibtisch so abgeliefert, wie er ihn in der Federburgstrasse aus dem Haus von Tobias Blumenberg getragen habe. Ich unterschrieb den Lieferzettel und mit dem Fahrer verabschiedeten sich auch die Nachbarn. Nun waren Undine und ich allein. 

 

Wir öffneten die Schublade. Sie war leer bis auf das Sägemehl, das sich in den Ecken gesammelt hatte. Holzwürmer? Nein, nicht in der Eiche. Wahrscheinlich stammte das Sägemehl noch aus der Bargteheider Tischlerei, in der der Schreibtisch des Philosophen im letzten Kriegsjahr hergestellt worden war. Das rechte Seitenfach enthielt vier Schubfächer. Sie waren von der Spedition mit Klarsichtfolie ummantelt worden, damit der Inhalt während des Transports nicht verloren ging. Wir entnahmen die Schubladen einzeln und entfernten die Folien. 

 

Der Inhalt schien auf den ersten Blick wenig spektakulär. Udo und Lothar hätten ihn wahrscheinlich gleich in einen blauen Restmüllsack entsorgt. Aber wir hatten Freude an den kleinen Dingen, die wir entdeckten: Eine Zigarrenkiste mit Briefmarken, sorgfältig aus den Umschlägen geschnitten. Hawid-Klemmtaschen zur falzlosen Befestigung der Marken. Eine Blechschachtel „Bahlsen Weinbrandtropfen“ mit abgelösten Marken. Büroklammern, alte Stempel, allerlei Karten und Kataloge, Bündel von längst ausgetrockneten Filzstiften und ein Stempelkissen. Eine goldfarbene Zigarettenschachtel „Reemtsma ERSTE SORTE Macedonische Mischung“. In der Innenseite des Deckels lasen wir: „Jeder echte Künstler kennt den Wunschtraum, einmal aus dem Vollen schaffen zu können, ohne auf Preis und Seltenheit des Materials achten zu müssen. Dieser Wunschtraum wurde dem Tabakmeister mit der Mischung ‚ERSTE SORTE‘ des Hauses Reemtsma erfüllt.“ Ein Brillenputztuch von Optiker Eggers aus Kiel, Dänische Straße 30/32, mit der Werbung: „besser sehen - besser aussehen durch eine moderne Brille“

 

 

 

„Friedrich Ohly“, rief Undine erstaunt. Sie hielt einen adressierten Umschlag in der Hand. Vielleicht für einen letzten nie geschriebenen Brief an den geschätzten Mediävisten. Der Umschlag war leer. Undine legte ihn in die RUC-Zigarrenkiste zurück.

 

„Kunstverlag J. C. Blumenberg Import Lübeck Export“ - Undine hatte zwei Bögen jenes Briefpapieres entdeckt, das einst zur geschäftlichen Korrespondenz benutzt worden war. Dazu fand sie einen Briefumschlag mit dem aufgedruckten Absender aus Bargteheide.

 

Die Geschichte des Kunstverlages Blumenberg beginnt an der Innerste. Sie fließt durch Hildesheim. Hier können wir gut mit Tobit spazieren gehen. Heute erstrecken sich auf der einen Seite des Flusses ein Freibad und eine Schrebergartenkolonie, auf der anderen sind vor hundert Jahren viele herrschaftliche Häuser errichtet worden. Das Land an der Goschenstraße gehörte einst dem Gärtner Conrad Christoph Blumenberg. Sein Sohn Joseph Carl Blumenberg besuchte von 1891-1894 das Gymnasium Josephinum. An dieser Anstalt hatten der Jesuit Friedrich B. Blumenberg und der Priester Edmund Blumenberg unterrichtet. Friedrich B. Blumenberg war einer der fünfzehn Jesuiten-Patres, die 1773 vom päpstlichen Verbot der Jesuiten betroffen waren. Er blieb am Josephinum, war ab 1785 Präses des Kollegs und Festtagsprediger im Dom. 

 

 

In der Hildesheimer Buchhandlung von Hermann Olms machte Joseph Carl Blumenberg eine Lehre und gründete nach dem Ersten Weltkrieg in Lübeck den Kunstverlag J.C. Blumenberg Import - Export. Lübeck war Diaspora mit einem sehr geringen Anteil von 4% Katholiken. Hier war man Protestant, wie Thomas Mann in seiner Dankesrede zur Verleihung des Nobelpreises 1929 in Stockholm betonte. 350 Jahre lang war es den Lübecker Katholiken verboten, eine öffentliche Messe zu feiern. Sie besaßen auch keine eigene Kirche. Erst 1891 wurde die Herz-Jesu-Kirche an der Parade 4 durch den Paderborner Diözesanbaumeister Arnold Güldenpfennig errichtet. Everhard Illigens, der erste Pfarrer, wurde später Weihbischof in Münster. Ab dem Jahr 1929 gehörte die Lübecker Gemeinde zum Bistum Osnabrück. 

 

Dass Blumenberg ausgerechnet hier unter den Bilderstürmern Luthers einen katholischen Kunstverlag gründete, zeugt von unternehmerischem Mut und dem sicheren Gespür für einen Markt mit Wachstumschancen. Denn die Verehrung des Heiligen Herzens Jesu war seit dem Kulturkampf ein Symbol katholischer Identität. Der Norden brauchte nach der Weihe der Herz-Jesu-Kirche jene Kunstdrucke, die als Lebensbegleiter zwischen Taufe, Firmung, Eheschließung und letzter Ölung zur gelebten katholischen Frömmigkeit gehörten. Der Markt für diese religiöse Gebrauchskunst reichte weit über Lübeck hinaus bis ins katholische Münsterland und Emsland.

 

Nach der Zerstörung Lübecks führte der Kunstverlag J. C. Blumenberg aus Bargteheide, der kleinen Stadt zwischen Hamburg und der Ostsee, seine Geschäfte.

 

Undine schob die vier Schubladen wieder in den Schreibtisch und schloss die Tür. Dann wandte sie sich dem mitgelieferten großen Karton zu. Er hätte sich  gut als Transportbox für einen jungen Löwen geeignet. Hans Blumenberg hatte über Wölfe und Lämmer geschrieben und über Löwen.  In diesen Fabeln ging es um Täter und Opfer und um die Frage, ob man einen Löwen bändigen kann. Der Heilige Hieronymus hatte es vorgemacht. Als der Kirchenvater wieder einmal an seiner Übersetzung der Bibel ins Lateinische saß, betrat ein Löwe sein Arbeitszimmer. Der Heilige sah sofort, dass sich ihm die Raubkatze nicht in böser Absicht näherte. Der Löwe hatte sich an der Pfote verletzt. Hieronymus entfernte den Dorn. Das dankbare Tier wurde sanft wie in Lamm und legte sich vor dem Schreibtisch des Gelehrten nieder, wie es später Albrecht Dürer und ungezählte Künstler ins Bild gesetzt haben.

 

 

 

Ein Schreibtisch, ein Sessel und ein Salonlöwe - das hätte gepasst. Doch sprang aus dem großen Karton der Beiladung keine Raubkatze, sondern der  Heilige Hieronymus und seine Begleiter: Irenäus, Justin und die anderen großen Kirchenväter, die neben der Bibel und den Dogmen der Kirche dem abendländischen Christentum Gestalt gegeben hatten. Es war die Bibliothek der Kirchenväter aus dem Kösel Verlag, einst ein hohes Kulturgut in den Häusern der Bildungshungrigen wie etwa Ernst Jünger, der sie als Handapparat neben seinem Schreibtisch in Wilflingen aufgestellt hatte.

 

Heiliges Holz, so wird in Hildesheim ein Splitter vom Kreuz Christi genannt, an dessen Wirkkraft heute selbst die Priester nicht mehr glauben. Daher steht das Hildesheimer Heilige Holz nicht mehr in einer Kirche, sondern in einem Museum. Einst hatte der Engelforscher Bernward von Hildesheim den Kreuzsplitter aus der Hand seines Schülers Kaiser Otto III. zu seiner Bischofsweihe erhalten und in ein Kreuz einbauen lassen. Um dem Heiligen Holz einen würdigen Rahmen der Verehrung zu geben, ließ der Engelfreund die Michaeliskirche errichten. Sie ist ein architektonisches Spiegelbild der neun himmlischen Chöre der Engel. Auch der Sarg, in dem sich Bernward in der Krypta dieser Engelkirche beisetzen ließ, zeigt auf dem Deckel neun Engel.

 

In seiner Lebensbeschreibung durch Thangmar wird von den Wundern des Heiligen Holzes berichtet:

 

„Auch schwere Trockenheit haben wir schon abgewendet, indem wir dieses einzigartige Heilige Holz hinaus ins Freie trugen, so als hätten wir Gewalt über den Regen. Täglich geschehen dort viele Gnadenerweise durch die Kraft des Heiligen Holzes, da jeder, der sich dort in seiner Trübsal niederwirft, alsbald Trost empfängt. Das Heilige Holz: O, wie viele haben sich daran gelabt und Linderung in heißer Fieberglut erfahren!“

 

Ich erwarte noch immer Wunder. Wunder geschehen. Das habe ich erfahren. Undine ist dafür der lebende Beweis. Sie stellte Schreibtischlampe, I-Book und andere Arbeitsmittel auf das Heilige Holz. Dann bestückten wir gemeinsam die freien großen Fächer mit jenen Mappen, die meinen Briefwechsel mit Hans Blumenberg enthielten sowie die reiche Sammlung an Belegexemplaren seiner Artikel aus verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. 

 

Undine hatte die alten Mappen noch nie in der Hand gehalten. Jetzt blätterte sie in den Durchschlägen meiner Briefe, die ich in der früher üblichen Weise  mit Kohlepapier erstellt hatte.

 

„Eine schöne Erinnerung“, sagte sie. „Ich wäre froh, wenn ich Briefe an meine Lehrer geschrieben hätte. Da sieht man später sein eigenes Gewordensein.“

 

„Aber auch einige Eitelkeiten“, entgegnete ich.

 

„Die Originale deiner Briefe liegen jetzt im Deutschen Literaturarchiv Marbach“, bemerkte sie und hielt eine neue Mappe in den Händen. „Die Originale seiner Briefe sind hier. Willst du sie veröffentlichen?“ 

 

„Dafür ist es zu früh“, meinte ich. „Wenn man sich im Jahr 2046 noch für Literatur und Philosophie interessiert, dann wirst du diese Aufgabe zum 50. Todestag des Lehrers übernehmen.“ 

 

Der Schreibtisch des Philosophen stand in meinem Arbeitszimmer, als wäre er schon immer gegenwärtig gewesen. Das war er auch. Reale Gegenwart nennt George Steiner diese Erfahrung. Ein früh empfangener Impuls zur Arbeit am Eigenen. Ein nie versiegender Strom der Freude am Schreiben. Ich setzte meine Arbeit auf meine Weise fort - wie ich es immer getan hatte.  

 

Tobit, unser alter Golden Retriever mit dem einst löwenfarbigen Fell, fühlte sich sofort wohl und nahm seinen Platz unter dem Schreibtisch ein. 

 

„Wie Axel!“ Undine lächelte. „Er spürt seine Gegenwart.“

 

Hunde leben bekanntlich in anderen Wirklichkeiten als Menschen. Sie können uralte Geruchsspuren in feinster Dosis wahrnehmen. Dadini, Tobias Blumenbergs Katze, hatte die Qualität des Holzes per Krallentest geprüft. Diese Spuren konnte selbst ich sehen. Wie aber stand es um Axel? Der treue Colly war Hans Blumenbergs Begleiter in der Bargteheider Zeit. Unter dem Pseudonym Axel Colly hatte Blumenberg zahlreiche Buchbesprechungen und Feuilletons geschrieben. Axel, der treue Begleiter in schwerer Zeit! Wo mochte er nun weilen?

 

Blumenbergs Breitcord-Sessel benutze ich nicht. Ich will nicht verhehlen, dass mich bei der Sitzprobe ein ungutes Gefühl ergriff. Der Sessel besaß eine Kippvorrichtung. Ich hatte sie ausprobiert, doch keine Entspannung erfahren. Das Problem war nicht die Mystik, sondern die Mechanik: Ich traute ihr nicht. Das Sitzgerät war seit Jahrzehnten im Dauereinsatz gewesen. War es noch stabil? Wie so oft im Leben erledigte sich auch dieses Problem von selbst. Aus dem Garten der Nachbarin kam eines Tages eine Katze mit schönem orange-weißen Fell und nahm auf dem Cordsessel des Philosophen Platz. So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. 

 

„Erzähle mir, wie du ihn erlebt hast und welches Buch ich lesen soll!“, forderte mich Undine auf.

 

Wir lieben das Meer und seine sich stets wandelnde Gestalt, lange Spaziergänge vor tosenden Wellen, stille Momente im Sonnenlicht, beschauliches Sammeln von Steinen. Daher sagte ich: „Lies das Meeresbuch. Blumenberg ist der Philosoph des Meeres!“

 

„Schiffbruch mit Zuschauer“, sagte Undine, zog das schmale Büchlein aus dem Regal und schlug die Widmung auf.  „Warum dieses Buch?“

 

„Diese Meeresgeschichten sind Gleichnisse. Sie berichten von Krisen und Grenzsituationen des Lebens und zeigen, wie ein Mensch durch die Erfahrungen des Scheiterns wachsen kann. Blumenberg erzählt Überlebensgeschichten von Schiffbrüchigen: Sie klammern sich auf offenem Meer an einen Balken. Sie versuchen den rettenden Strand zu erreichen. Manchmal erleiden sie Schiffbruch mitten auf dem Ozean und müssen sich dort einrichten und aus den Trümmern des Schiffes ein Floß bauen. Diese Meeresgeschichten sind Bilder für Erfahrungen, die Menschen machen.“

 

„Bilder für unsere Zeit der Schiffbrüche und Schiffbrüchigen. Flut- und Fluchtgeschichten, Berichte vom Wandel, nicht nur des Klimas.“

 

„Überlebenshilfe, darum geht es immer bei Hans Blumenberg.“

 

 

 

 

 

 

Flüchtlingskinder: Lager Oksbøl


„Flüchtlingsschiffe waren ihre Wiegen.
Sie trugen schwer in sich der Mutter Tränen…

Agnes Miegel. O Erde Dänemarks


 
 
 
Wir  fahren wir weiter in Richtung Süden. Unterwegs sehen wir einen Campingplatz. Direkt daneben findet sich in mehreren Sprachen der Hinweis auf ein Antiquariat. 50000 deutsche Bücher lese ich an der Eingangstür, sind hier in Regalen aufgestellt. Neben Büchern von Kaj Munk entdecke ich ein „Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark“.
 
 
 
 
 
Von deutschen Flüchtlingen in Dänemark habe ich noch nie etwas gehört. Die Antiquarin klärt mich auf: Es waren Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten: Memelland, Ost- und Westpreußen, Danzig, Pommern. Wagen an Wagen flohen sie über Land. Eine Viertel Millionen wurde über die Ostsee evakuiert. Das sei die größte Rettungsaktion in der Menschheitsgeschichte gewesen. Dann spricht sie vom Lager Oksbøl, wo die Überlebenden untergebracht worden waren. Für sie wurde das Liederbuch zusammengestellt. Ich blättere in dem grauen Heftchen und stoße auf ein Abendlied. Es ist mir seit früher Kindheit vertraut:


„Guten Abend, gut’ Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck’:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.“

 
Die Antiquarin schenkt mir das Büchlein. Wenn ich wieder zu Hause bin, sagt sie, solle ich die Lieder studieren und dann ein neues „Liederbuch für die Flüchtlinge in Deutschland“ herausgeben. Sie nennt es „Überlebensbuch“. Darin dürfen die Gedichte einer grossen deutschen Dichterin nicht fehlen, die im Lager Oksbøl gelebt und geschrieben habe. Die Bücherfreundin zieht aus dem Regal ein blaues Leinenbändchen mit Gedichten. Auf dem Umschlag steht der Name der Dichterin: Agnes Miegel.
 
 
 
Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Oksbøl sind wir allein. Eine grosse Stille liegt über dem Gräberfeld. Kleine Kreuze aus Beton verzeichnen auf beiden Seiten die Namen der Verstorbenen. Undine und ich schweigen. Jeder schreitet auf seine Weise durch die langen Reihen. Zuweilen halte ich inne und lese einen Namen. Kinder, noch im Krieg gezeugt, mit der Mutter über das Meer geflohen, liegen nun in der Erde Dänemarks.

 
 


„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“, haben vielleicht ihre Mütter gesungen. Wenn Gott will. Gott wollte nicht. Warum wollte Gott nicht? Wenige Kilometer östlich von Oksbøl liegen die beliebten Ferienorte der Westküste: Blåvand, Henne Strand, die Inseln Fanø und Rømø. Ich stelle mir vor, Peter Stradnisch würde heute mit seinen Enkelkindern an einem der Strände Muscheln sammeln, ihnen Geschichten von kleinen Meerjungfrauen erzählen und die Möwen füttern. Das Meer des Lebens ist voller Rätsel.
 
 
 
 
Ich lege Muscheln auf die kleinen Grabkreuze. Später fahren wir schweigend zum roten Leuchtturm. Undine blättert in dem blauen Band der Agnes Miegel und verharrt bei einem Gedicht. Es entstand im Lager Oksbøl und trägt den Titel „O Erde Dänemarks“. Ein Requiem für die Kinder:


„Über der Heimat, die sie nie gekannt,
Stand Blut und Brand.
In kurzem Wiedersehens-Rausch gezeugt,
Getragen auf verschneiten Wanderwegen -
Ach, Not nur hat sich über sie gebeugt,
Hass sie verflucht. Es war ihr erstes Regen
Entsetzen bei dem Heulen der Sirenen,
Und Flüchtlingsschiffe waren ihre Wiegen.
Sie trugen schwer in sich der Mutter Tränen,
Sie wussten nicht, wie ruhig Kinder liegen
Im weißen Krippchen, sanft daheim umsorgt.
Dach, das sie schirmte, war wie Kleid geborgt.

O Erde Dänemarks, die Zuflucht uns geboten,
Wir lassen Deinem Frieden unsere Toten.
Aus Deiner Hut kann nichts mehr sie vertreiben.
Wir müssen weiterwandern. Sie nur bleiben
Und gehn wie Kind vertrauend in Dich ein,
Und werden Staub von Deinem Staube sein!“
 

Unterkategorien