Flüchtlingskinder: Lager Oksbøl


„Flüchtlingsschiffe waren ihre Wiegen.
Sie trugen schwer in sich der Mutter Tränen…

Agnes Miegel. O Erde Dänemarks


 
 
 
Wir  fahren wir weiter in Richtung Süden. Unterwegs sehen wir einen Campingplatz. Direkt daneben findet sich in mehreren Sprachen der Hinweis auf ein Antiquariat. 50000 deutsche Bücher lese ich an der Eingangstür, sind hier in Regalen aufgestellt. Neben Büchern von Kaj Munk entdecke ich ein „Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark“.
 
 
 
 
 
Von deutschen Flüchtlingen in Dänemark habe ich noch nie etwas gehört. Die Antiquarin klärt mich auf: Es waren Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten: Memelland, Ost- und Westpreußen, Danzig, Pommern. Wagen an Wagen flohen sie über Land. Eine Viertel Millionen wurde über die Ostsee evakuiert. Das sei die größte Rettungsaktion in der Menschheitsgeschichte gewesen. Dann spricht sie vom Lager Oksbøl, wo die Überlebenden untergebracht worden waren. Für sie wurde das Liederbuch zusammengestellt. Ich blättere in dem grauen Heftchen und stoße auf ein Abendlied. Es ist mir seit früher Kindheit vertraut:


„Guten Abend, gut’ Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck’:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.“

 
Die Antiquarin schenkt mir das Büchlein. Wenn ich wieder zu Hause bin, sagt sie, solle ich die Lieder studieren und dann ein neues „Liederbuch für die Flüchtlinge in Deutschland“ herausgeben. Sie nennt es „Überlebensbuch“. Darin dürfen die Gedichte einer grossen deutschen Dichterin nicht fehlen, die im Lager Oksbøl gelebt und geschrieben habe. Die Bücherfreundin zieht aus dem Regal ein blaues Leinenbändchen mit Gedichten. Auf dem Umschlag steht der Name der Dichterin: Agnes Miegel.
 
 
 
Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Oksbøl sind wir allein. Eine grosse Stille liegt über dem Gräberfeld. Kleine Kreuze aus Beton verzeichnen auf beiden Seiten die Namen der Verstorbenen. Undine und ich schweigen. Jeder schreitet auf seine Weise durch die langen Reihen. Zuweilen halte ich inne und lese einen Namen. Kinder, noch im Krieg gezeugt, mit der Mutter über das Meer geflohen, liegen nun in der Erde Dänemarks.

 
 


„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“, haben vielleicht ihre Mütter gesungen. Wenn Gott will. Gott wollte nicht. Warum wollte Gott nicht? Wenige Kilometer östlich von Oksbøl liegen die beliebten Ferienorte der Westküste: Blåvand, Henne Strand, die Inseln Fanø und Rømø. Ich stelle mir vor, Peter Stradnisch würde heute mit seinen Enkelkindern an einem der Strände Muscheln sammeln, ihnen Geschichten von kleinen Meerjungfrauen erzählen und die Möwen füttern. Das Meer des Lebens ist voller Rätsel.
 
 
 
 
Ich lege Muscheln auf die kleinen Grabkreuze. Später fahren wir schweigend zum roten Leuchtturm. Undine blättert in dem blauen Band der Agnes Miegel und verharrt bei einem Gedicht. Es entstand im Lager Oksbøl und trägt den Titel „O Erde Dänemarks“. Ein Requiem für die Kinder:


„Über der Heimat, die sie nie gekannt,
Stand Blut und Brand.
In kurzem Wiedersehens-Rausch gezeugt,
Getragen auf verschneiten Wanderwegen -
Ach, Not nur hat sich über sie gebeugt,
Hass sie verflucht. Es war ihr erstes Regen
Entsetzen bei dem Heulen der Sirenen,
Und Flüchtlingsschiffe waren ihre Wiegen.
Sie trugen schwer in sich der Mutter Tränen,
Sie wussten nicht, wie ruhig Kinder liegen
Im weißen Krippchen, sanft daheim umsorgt.
Dach, das sie schirmte, war wie Kleid geborgt.

O Erde Dänemarks, die Zuflucht uns geboten,
Wir lassen Deinem Frieden unsere Toten.
Aus Deiner Hut kann nichts mehr sie vertreiben.
Wir müssen weiterwandern. Sie nur bleiben
Und gehn wie Kind vertrauend in Dich ein,
Und werden Staub von Deinem Staube sein!“