"Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit Euren leeren Worten?"

Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel in New York

am 23. September 2019

 

Inklusion: 

Warum ich die Schnauze voll habe

 

Wenn ich einen Hund um die Ecke kommen sehe, habe ich zugleich das Bild seines Menschen vor Augen. Ich will hier nicht über die Möpsin sprechen, die jeden Morgen ihre Dame zur Hundewiese ausführt. Wenig später kommt Opa Ben, ein achtzehn Jahre alter Cocker zu dieser Stelle. Sein schwarzes Fell ist im Laufe der Jahre fast grau geworden. Zwei Schlaganfälle hat er überstanden. Er hinkt und macht beim Gehen merkwürdige spastische Verrenkungen. Daher nennt ihn Doggy „Joe Cockerspaniel“. Der Witzbold. Wer kennt heute noch Joe Cocker und versteht die Anspielung? 

 

Ben ist fast blind, hat  Inkontinenzprobleme und ist dennoch ein großer Schnüffelo geblieben. Doggy meint, das sei typisch für alte Rock-Stars wie Mick Jagger und Keith Richards. Ich finde, auch mit Rock-Opas sollte man respektvoll umgehen. Deshalb halte ich still, wenn Ben mich beschnuppert. Soll er doch auch noch seine Freude am Leben haben. Wenn Opa Ben seine Mitbewohnerin ausführt, wird es ein sehr kurzer Gang. Die Frau grüsst freundlich und fragt immer nach dem Wohlbefinden, will aber außer „gut“ keine Antwort hören. Wenn Karl-Heinz von Opa Ben ausgeführt wird, kommt es immer zu einer Plauderei. Kalle ist in Rente. Er freut sich über Bens Engagement in geschlechtlichen Dingen. 18 Jahre, sagt er zu Doggy, seien 126 Menschenjahre und grinst. „Hoffentlich sind wir dann auch noch aktiv!“ 

 

Szenen wie diese spielen sich vor meinem Haus ab. Von Haus Sonnenschein sind es 50 Meter bis zum Wald. Das ist keine große Entfernung. Dennoch ist  es fast unmöglich, ohne Störung auf Schnüffeltour zu gehen. Da ist zum Beispiel Spike. Ein kleiner Jack-Russell und ein großer Kläffer. Sein Kumpel ist noch nerviger. Macht gerne Angriffe und will sich in meinen Hals verbeißen, als wäre ich ein Dachs oder Fuchs. Er ist unterbeschäftigt wie auch die Border Collies. Wer einen Borderliner hat, der braucht auch eine Schafherde. Anders geht es nicht. Und wer einen Jack-Russell hat, sollte wenigstens einen Fuchsbau in seinem Garten anlegen und dort Köder verstecken. Gegen unterbeschäftigte Hunde hilft nur eine klare Abgrenzung, wie sie auch von Psychologen empfohlen wird. Golden Retriever sind bekanntlich auf Entenjagd spezialisiert. Das muss uns keiner beibringen. Das haben wir im Blut. 

 

So habe ich den Kerl wie eine Ente im Nacken gegriffen und geschüttelt, bis er zur Besinnung kam. Das mache ich auch mit meinen Kuscheltieren, wenn sie frech werden und nicht stinken wie der China-Barry. Spikes Kumpel gehört der Freundin seines Menschen. Die beiden haben ein Dominanzproblem in der Beziehung und dies habe sich auf die Hunde übertragen, sagt die Tierheilpraktikerin Heike. Sie war Zeugin des Angriffs und meinte, ich hätte mich vollkommen artgerecht verhalten. Ja klar, was denn sonst? Ein echter Chiller macht nie Stress, wenn man ihm nicht an die Gurgel geht. Aber der kleine Pisser wollte es wissen, und so musste ich Klartext reden. Spike kläfft nur, beisst aber nicht zu.

 

Spikes Mensch spricht von sich in der dritten Person. Ob dies etwas mit seiner Beziehung zu seiner Freundin zu tun hat, will ich gar nicht wissen. Wenn er bei Undine anruft, sagt er: 

 

„Hallo, hier spricht der Papa von Spike!“ 

 

Wenn Doggy den Hörer abnimmt, was er meistens als erster macht, weil er einen Kontrollzwang hat, sagt der Mann: 

 

„Hallo, hier ist Spike. Ich möchte mal die Mama von Tobit sprechen!“ 

 


 

 

Das hat sich Doggy zwei Mal angehört, dann war Schluß mit dem Theater. Doggy meint, der Papa von Spike sei nur auf Undine scharf. Er ließ sich auch nicht durch seinen Freund Heimo beruhigen. Heimo meinte am Telephon, Doggy müsse sich keine Sorgen machen. Der Herr Spike sei nur ein Hund, der mal an der Blume schnuppern dürfe. 

 

Aber Doggy blieb misstrauisch, was ich voll verstehen kann. Alle sind scharf auf Undine. Ich spüre es bei unseren Schnüffeltouren. Da kommen fremde Kerle auf mich zu und streicheln mich, sind dabei aber ganz unkonzentriert. Daran merke ich, dass es nicht um mich geht. Sie sagen: 

 

„Das ist aber ein schöner Hund! Und so weiches Fell!“ 

 

Dabei schauen sie Undine an. Sie wissen genau: der Weg zum Herzen dieser Frau geht über mich. Doggy hat das auch schnell kapiert und betont immer wieder, wie glücklich er sei, seitdem ich in Haus Sonnenschein eingezogen bin. Der Heuchler! 

 

Papa Spike ist Gründer der Inklusions-Gruppe „Am Horstbach e.V.“ Die Mitglieder treffen sich jeden Nachmittag um 17.00 Uhr genau an der Stelle, wo ich in den Wald gehe. Hier sammeln sich die Hunde aus der Nachbarschaft mit ihren Menschen und gehen dann in Einzelbetreuung angeleint los. Ohne Leine und individuelle Lernförderung würden sie sich sofort ineinander verkeilen. Zur Inklusions-Gruppe von Papa Spike gehören auch zwei Hunde mit Handikap und drei mit Lern- bzw. Konzentrationsstörungen. Papa Spike beginnt den Unterrichtsgang gerne mit einem meditativen Spruch wie: 

 

„Es ist normal, verschieden zu sein!“ 

 

oder 

 

„Vielfalt macht stark!“

 

Papa Spike ist Frühpensionär. Früher war er pädagogischer Leiter an einem Studienseminar und Lehrer an einer Gesamtschule. Unter seiner Mitarbeit wurde die Anstalt mehrfach ausgezeichnet als UNESCO-Projektschule, Umweltschule, EXPO-Schule und schließlich erhielt sie den Deutschen Schulpreis. Dann bekam Papa Spike einen Nervenzusammenbruch und gründete die Inklusions-Gruppe. Er hat sogar einen Flyer mit dem Profil und den Lernzielen der Gruppe „Hundinklusio e. V.“ herausgegeben. Die Gruppe engagiere sich für Wertschätzung und Anerkennung von Diversität in der Hundeerziehung, ist dort zu lesen. Ich habe nicht das ganze Programm im Kopf, aber an zwei Sätze erinnere ich mich : 

 

„Jeder Hund ist besonders!“ 

 

„Alle sind behindert!“ 

 

Der letzte Satz ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Er will helfen, Vorurteile gegenüber Hunden mit einem Handicap abzubauen. Laut Vereinsregeln kann jeder Hund ungeachtet seiner Herkunft, seiner Rasse, seines Geschlechtes und seines Bildungsniveaus aufgenommen werden. Besonders willkommen sind Hunde mit Migrations-Hintergrund. Denn auch hier, meint der Gründer, gelte es Vorurteile abzubauen.