Undine im Land der Kleinen Meerjungfrau

 

 

 

 

 

 

 

"Sei froh in Dänemark!"

 

„Die Liebe kennen nicht allein die Menschen,

Sie herrscht auch tief im Schoß der Wogen.“

Hans Christian Andersen. Agnete und der Meermann

 

 

Ein Jahr leben wie die Meerjungfrauen. Das ist Undines Wunsch. Die Uhr ablegen. Keine Klassenarbeiten korrigieren, keine Disziplinarkonferenzen leiten, keine Elterngespräche über den Nachteilsausgleich führen, keine Schulbegleiter in ihre Arbeit einweisen. Raus aus der Zeit in die kleine Ewigkeit! Ein Sabbatjahr im Land der kleinen Meerjungfrau und eine Reise durch Småland. Nicht mit dem Flugzeug in ferne Länder reisen und die arme Erde noch mehr belasten. Einfach untertauchen in einem roten Haus am Meer und durch die weißen Sprossenfenster auf die Dünen schauen. Nixenzeit genießen. In der Nordsee schwimmen oder in einem einsamen See in den Wäldern.

 

Ein Sabbat-Jahr ist ein Tropfen aus dem Meer der Ewigkeit. Wir sind auf dem Weg nach Lønstrup. Der kleine Badeort liegt im nördlichsten Teil von Dänemark. Hier an der Jammerbucht machten die Eltern mit uns vier Kindern Urlaub.

 

„Wann war das?“, fragt Undine.

„Vor fünfzig Jahren,“ antworte ich, „und ist doch wie gestern.“

„Das Geheimnis der Zeit“, lächelt Undine. „Meerjungfrauen haben Meer-Zeit. Sie werden älter als die Walfische. 300 Jahre, 400 Jahre - niemand weiss es genau. Aber diese Lebenszeit reicht ihnen noch nicht. Sie wollen leben und lieben im ewigen Sabbat.“

 

Das sind schöne Aussichten auf kommende Zeiten, denke ich. Wir stehen irgendwo am Rande der Lüneburger Heide im ersten Stau auf der A7. Wir müssen nicht heute und nicht morgen an unserem Ziel ankommen. Wir haben Zeit und verplaudern sie mit Geschichten von gestern.

 

Der Vater besaß einen Ford Taunus 17m. Die sogenannte Badewanne ohne Kopfstützen, Kindersitze und Sicherheitsgurte war großräumig, aber zu klein für vier Kinder, Bettwäsche, Handtücher, Lebensmittel, das grüne Metzler-Schlauchboot, Paddel, verschiedene Schwimmhilfen und Sommerkleidung. So wurde ich als Ältester mit Bruder Volker am Münsteraner Bahnhof in den Zug gesetzt. Der Rest der Familie fuhr mit dem Vater die 800 Kilometer zum Bahnhof der kleinen Stadt Hjørring nördlich von Aalborg. Hier sollen wir uns treffen.

 

Wir nähern uns Hamburg. Eine Röhre im Elbtunnel ist gesperrt. Vor den anderen staut sich der Verkehr viele Kilometer. Wir sind im Sabbatjahr. Wir müssen nicht durch dieses Nadelöhr in den Norden fahren. Während ich mit Tobit und Undine irgendwo bei Finkenwerder auf die Elbe schaue, erzähle ich vom Mut des Vaters und seiner schier unerschöpflichen Energie. Aber auch von dem Zutrauen, das der Eisenbahner in die Fahrpläne der Deutschen und Dänischen Bahnen hatte - und in seine beiden ältesten Söhne. Der Vater hatte Lønstrup als neues Ferienziel entdeckt. Der jütländische Tourismusverband verschickte kleine Handtücher in den Farben des Dannebrogs mit der Einladung zum Hygge-Sein:

 

"Sei froh in Dänemark!"

 

 

Völlig hygge sprangen wir mit dänischen Kindern von der hohen Steilküste in den Sand, nicht ahnend, welchen Frevel wir begingen. Denn ein Jahrzehnt später musste die Küste wegen der Folgen unserer Sprünge mit schweren Granitbrocken aus Norwegen befestigt werden, erzähle ich Undine. Sie meint, ich übertreibe maßlos. Da hat sie recht. Denn es war die große Sturmflut des Jahres 1981, die die Küste der Kindheit und Jugendzeit verändern sollte.

 

Der Ort verdankt seine Beliebtheit einer weiteren Katastrophe. Nordsee ist Mordsee: 1877 rauschte und schwoll der Lønstruper Bach zu einem reißenden Strom und spülte mehrere Häuser in die Nordsee. Die Naturkatastrophe machte Lønstrup in ganz Dänemark bekannt und kurbelte die Tourismusindustrie kräftig an, wie es oft geschieht, dass ein Unglück zum Wegbereiter neuen Glücks wird. Seit alters her wird die Küste im Nordosten Jütlands Jammerbucht genannt, nach den vielen Schiffsunglücken auf See und den Strandungen. Einen Schiffbruch zu erleben, ist fürchterlich. Zuschauer eines Schiffbruchs zu sein, ist eine ganz andere Sache, wie die Geschichte der Plünderungen von Wracks zeigt. Nichts begeistert den Müßiggänger am Strand mehr als eine angeschwemmte Kiste mit fremdem Gut.

 

An der Steilküste bei Lønstrup entstand im Jahr 1946 eine große Siedlung für deutsche Flüchtlinge aus dem Osten. Die Siegermächte hatten die Regierung in Kopenhagen zum Bau von kleinen Holzhäusern aufgefordert. Dänemark sagte unter der Bedingung zu, die aus Schweden importierten Waldarbeiterhäuser nach dem Abzug der Flüchtlinge als Touristenunterkünfte nutzen zu dürfen. Flüchtlinge kurbeln die Wirtschaft und nachhaltiges Bauen an. Schon 1949 setzte die touristische Nutzung ein. In einem dieser Häuser mit fließend kaltem Wasser und Außendusche verbrachten wir den ersten dänischen Sommerurlaub.

 

Die Zeitspanne, die der Vater brauchte, um vor unserer Ankunft den Bahnhof von Hjørring zu erreichen, verbringe wir im Alten Land. Im Energiesparmodus fahren wir gemütlich durch blühende Apfelbaum-Plantagen. Wer sagt, es gäbe zum Elbtunnel keine Alternative! Zwischen weidenden Schafen sitzen wir auf einer Bank und schauen der Elbe zu, wie sie ruhig dem Meer entgegen strömt. Wie wunderbar leicht wird doch das Leben, wenn man die Willenskräfte fließen lässt.

 

Undine beschließt, dass Tobit Durst hat. Ich nehme den kleinen Pfad zur Elbe. Die Gezeiten machen sich bemerkbar. Die Ebbe hat den schlammigen Uferstreifen freigelegt. Tobit freut sich auf eine Moorpackung, aber ich möchte den schmutzigen Hund anschließend nicht durchs Alte Land kutschieren und suche nach einer Alternative. Wir haben vergessen, eine Flasche des weichen Bad Salzdetfurther Wassers für Tobit abzufüllen. Es geht auch ohne. Auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein Graben. Ein Straßenarbeiter schneidet mit der Motorsense die Böschung. Er hält inne, damit ich den Blechnapf füllen kann.

 

„Im Knast sitzen, wo andere Urlaub machen!“, sagt der Mann. Ich bin verwirrt. Der Arbeiter mit der orangefarbenen Sicherheitskleidung weist auf den Deich. Ich überquere wieder die Straße und sehe ein Schild „Justizvollzugsanstalt Hahnöversand“.

 

„Wusstest Du, dass hinter dem Deich ein Gefängnis liegt?“, frage ich Undine.

 

Während Tobit begeistert den Napf mit brackigem Wasser leert, sagt die Deutschlehrerin:

 

„Aber natürlich! Hast Du nicht den Roman ‚Die Deutschstunde‘ von Siegfried Lenz gelesen?“

 

Undine weiß genau, dass ich nichts von Lenz gelesen habe, nur aus erotischer Neugierde die späte Liebesgeschichte zwischen einer reifen Lehrerin und ihrem Schüler, an die ich jetzt denke, deren Titel mir aber nicht einfällt. Bei Geschichten von Liebenden mit grossem Altersunterschied spitze ich immer die Ohren.

 

Die Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche in Lenz’ Roman ist der Halbinsel Hahnöversand nachempfunden. Seit 1913 wird sie als Gefängnisinsel genutzt. Es soll auf dem Gelände auch ein Museum geben und eine Grablege für russische Kriegsgefangene, die hier an den Folge eine Seuche starben.

 

Ein weiterer Roman spiele auf den Inseln in der Elbe, sagt Undine und nennt den Namen des Schriftstellers Uwe Timm.

 

„Doch nicht Rennschwein Rudi Rüssel!“, rufe ich.

 

„Nein“, sagt Undine. „Der Schatz auf Pagensand.“

 

Wir steigen in unseren Wagen und fahren nach Wischhafen. Wieder wird uns durch einen Stau viel Zeit geschenkt. Reisende mit Hund verlassen ihre Wagen und promenieren auf dem Fahrradweg. Tobit und ich folgen ihnen. Drei Rüden verbeißen sich ineinander. Offenbar gibt es Streitigkeiten um einen Stock. Tobit taucht seine Nase tief in ein Grasbüschel und schleckt sich anschließend die Schnauze. Kein Wunder, dass er seit Wochen unter Schnupfen leidet. Fröhlich winkende Urlauber radeln an uns vorbei. Ich setze mich wieder in unseren Wagen und greife zu einem modernen Sprachführer mit dem Reihentitel „Kauderwelsch plus“.

 

Auf der ersten Innenseite befindet sich ein Bild der kleinen Meerjungfrau. Ihr Gesicht ist so schwarz, als käme die Ikone aus einem der ehemaligen Missionsgebiete der dänisch-hallensischen Mission. Ich blättere hin, ich blättere her und lande bei dem Sprach-Quicky „Flirt, Liebe & Co.“ Genau die richtige Zerstreuung. Von der Aufforderung zum Tanz bis zum One-Night-Stand sind die elementaren Phrasen mit Aussprachehilfe zu finden.

 

„Höre mal“, sage ich zu Undine, „was ist was: flirte, elske, kysse og kramme, bolle med dig?“

 

Undine reagiert wie immer auf Anzüglichkeiten: Ganz Lehrerin lenkt sie durch eine Frage ab:

 

„Hast du einmal versucht, Dänisch zu lernen?“

 

„Ich hatte es vergessen. Ein Kurs „Dänisch für Anfänger“ am Institut für Nordistik der Universität Münster. Zuerst hatte ich mir ein Langenscheidt Wörterbuch gekauft, dann das empfohlene Lesebuch.“

 

„Wie weit bist du gekommen?“

 

„Bis zur ersten Lektion. Nach einer Stunde gab ich den Versuch, Dänisch zu lernen, auf.“

 

Undine glaubt, ich scherze. Ich erkläre mich also. Doch zuerst darf ich den Motor anwerfen und zehn Meter weiter fahren. Mit meinem Versuch Dänisch zu lernen, verhielt es sich so: Der junge dänische Dozent blickte auf unsere Gruppe von vier Personen und sprach offen seine Verwunderung aus, dass wir nicht Schwedisch oder Norwegisch lernen wollten. Dänisch, sagte er, klinge doch immer so, als rede ein Besoffener. Dann ließ er uns einzeln nachsprechen: Piskefløde, Flødeboller und Rødegrød med fløde. Zum Abschluss der ersten und letzten Sitzung gab er uns noch eine Empfehlung. Wir sollten es einmal mit Aalborg Jubiläums Akvavit versuchen. Das sei die sicherste Methode, Dänisch zu lernen: „Zuerst einen Akvavit kippen, dann eine warme Kartoffel im Mund halten - und schon redet ihr wie die Dänen.“

 

Wir befinden uns auf der Fähre. Vor uns liegen Pagensand und die kleine Inselwelt der Elbe. Der Kapitän steuert sein Schiff sicher durch die Sandbänke. Dann fahren wir an Itzehoe vorbei durch Schleswig-Holstein. Wären wir durch den Hamburger Elbtunnel gefahren, hätten wir dieses schöne Land niemals kennen gelernt. Vor allen Dingen hätten wir nicht gewusst, dass es hinter Itzehoe einen Flugplatz mit dem Namen Hungriger Wolf gibt. Im Sabbatjahr entdeckt man die Sensationen des Lebens in den kleinen Dingen am Wegesrand.

 

Nach Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal hat es mich noch nie gezogen. Doch heute beschließen wir in Rendsburg zu übernachten. Jedes Mal, wenn wir nach Dänemark fuhren, überquerten wir die Rader Hochbrücke und ließen Rendsburg links liegen. Wir hatten keine Zeit zum Verweilen oder haben sie uns nicht genommen. Die Brücke wurde in den Jahren 1969-1972 über dem Kanal, der Rader Insel und dem alten Flussbett der Eider errichtet. Sie sollte neunzig Jahre halten. Heute hat sie einen bedenklichen Bauzustand und wird 2026 durch eine neue Brücke ersetzt werden. Die Fahrten mit dem Vater fielen in die Zeit der Bauphase. Volker und ich fuhren mit der Bahn über die Rendsburger Eisenbahnbrücke. Der Vater steuerte seine Badewanne über die neue Rader Hochbrücke. Wir hätten einander zuwinken können.

 

 

"Meer geht immer" steht auf dem kleinen Kissen, das wir in der Buchhandlung Liesegang entdeckt haben. Rendsburg gehörte einst zum Vielvölkerstaat Dänemark, dann zum Deutschen Reich. Heute wird sein Bild von verschleierten Frauen bestimmt. Rendsburg hat die größte Moschee Schleswig-Holsteins und eine sehr fruchtbare Gemeinde wie die Kinderschar auf dem Marktplatz beweist. Wie alle Kinder tragen sie Turnschuhe und tackern auf ihre Handys.

 

Vor der Eisdiele steht ein großer Mülleimer in Form einer Eiswaffel mit drei Kugeln. Ich mache Undine auf einen Sechsjährigen im froschgrünen Anorak aufmerksam. Fleißig traktiert er die Eiswaffel. Das Ding muss doch kaputtzukriegen sein! Die Mütter in der Warteschlange schauen interessiert zu. Wird es der kleine Rollobo schaffen, den Mülleimer umzuwerfen? Natürlich schafft er das! Ich vertraue seinem Tatendrang. Der Deckel fällt ab. Eine frische Brise verteilt den Müll über den Platz. Der Erstklässler traktiert nun die Speichern seines auf dem Kopfsteinpflaster liegenden Fahrrades. Durch ihre neonrote Mütze kann ich die Mutter dem munteren Burschen mühelos zuordnen. Was wird passieren? Natürlich nichts! Der hyperaktive Rollobo traktiert jetzt seinen Bruder durch einen gezielten Tritt gegen das Schienbein. Gewiss ist er hochbegabt.

 

„I want you to panic!“, sage ich.

 

Undine mahnt: Wir sind im Sabbatjahr und wollen nicht über Schüler und Schule reden. Das haben wir uns fest vorgenommen. Rendsburg beweist: Es wird auch im nächsten Schuljahr an Nachwuchs mit Förderbedarf nicht fehlen. Wir können getrost abschalten.

 

Der dänische König Christian VII. (1749-1808) gehörte zu den schwer erziehbaren Kindern. Er war hochintelligent und hochgradig verhaltensgestört. Seine Stimmungen schwankten wie Dünengras im Wind: Einmal aufgeblasen, dann apathisch, einmal von grausamer Wildheit, dann heimgesucht von tiefer Niedergeschlagenheit. Zum Glück musste der junge König keine Schule besuchen. Er wäre gewiss ein Grenzfall der Integration gewesen. Christian hatte einen Privatlehrer. Der brachte dem jungen Monarchen die auf Vernunft setzende Philosophie von Christian Wolff bei. Am Sonntag besuchte er mit ihm zwei Gottesdienste. Christian musste den Inhalt beider Predigten wörtlich wiedergeben könnten, sonst setzte es Schläge. Er litt unter Schlafstörungen. Fühlte sich vom Teufel verfolgt. Dann floh er vor seiner Angst in frühe sexuelle Exzesse, spielte Scheinhinrichtungen, zog durch die Bordelle von Kopenhagen. Als Begleiter wählte sich Christian zwei Sklaven aus den dänischen Kolonien: Der „Negerknabe Moranti“ und ein „Negermädchen“ mussten nach seiner Pfeife tanzen.

 

War der Junge krank oder einfach nur schlecht erzogen? Christian glaubte, er sei ein Wechselbalg. Nach alten dänischen Sagen legen die Meermänner gelegentlich eines ihrer Kinder in die Wiege eines Menschen und nehmen dafür das Menschenkind mit in ihr Reich. Asperger soll er gehabt haben, hieß es später, oder Schizophrenie. Vielleicht hatte er einfach keine Lust, sich rollenkonform zu verhalten und wollte nicht König sein. So verordnete ihm der Hof ein Sabbatjahr. Als Begleiter auf eine Reise durch Deutschland, Belgien, die Niederlande und England wurde ihm der Arzt Johann Friedrich Struensee (1737-1772) zur Seite gestellt. Struensee fand einen Zugang zu dem Monarchen. Nach Kopenhagen zurückgekehrt, übernahm Struensee die Regierungsgeschäfte. Dann wurde zwischen der Schwester des englischen Königs und Christian eine Hochzeit arrangiert.

 

„Christian VII. zählte noch nicht achtzehn Jahre und die Prinzessin, die das Unglück hatte, diesem Elenden die Hand reichen zu müssen, zwei Jahre weniger als er. Es war seine Cousine, die englische Prinzessin Karoline Mathilde, König Georgs III. jüngste Schwester- eine reizende Erscheinung, wenn auch keine regelmäßige Schönheit, voller Grazie und Holdseligkeit, voller Naivität und natürlicher Heiterkeit, die allerdings bis zur Ausgelassenheit sich steigern konnte, dabei voll Esprit und Wissbegier. Mit einem festen Willen, einem freimütigen Urteil begabt, schien sie trotz ihrer Jugend einen schon fertigen Charakter mitzubringen. Hochsinnig und gemütvoll, aufmerksam, liebenswürdig und gütig gegen Jedermann, schien sie alles Talent zu besitzen, ihren Gemahl wie ihr Volk glücklich zu machen. Und sie selbst wäre glücklich geworden, wenn das Los ihr einen guten und ehrenwerten Fürsten beschieden hätte. Sie wollte lieben und geliebt werden.“

 

So beschreibt der Historiker Karl Wittich die englische Prinzessin. Sie ist die Schöne. Er das Biest: „Christians ruchlose Kumpane sollten ihn ganz wie ihres Gleichen behandeln; täglich raufte er sich mit ihnen, indem er fest, hieb- und schussfest werden wollte. Noch übertroffen wurde diese Rauflust durch eine fast dämonische Freude am Umstürzen, am Zerstören, durch eine immer mehr zur Grausamkeit sich ausbildende Schadenfreude. Weit entfernt, von dem schönen Rechte der Begnadigung Gebrauch zu machen, verschärfte er vielmehr die Pein der zum Tode Verurteilten, um dann als geheimer Augenzeuge zu studieren, bis zu welchem Grade der Schmerz ertragen werden könne.“

 

Christian erfüllte seine eheliche Pflicht und zeugte einen männlichen Nachkommen. Dann überließ er seine Frau der Pflege eines anderen Mannes. Johann Friedrich Struensee wurde der Leibarzt der Königin.

 

In unserer Reisebibliothek befinden sich auch DVDs, die wir schon immer einmal sehen wollte. Zum Glück ist in Rendsburg an diesem Abend nichts los. Nach einer kleinen Wanderung zur Eisenbahnbrücke kehren wir in unser Hotel, den „Pellihof“ ein, öffnen eine Flasche Rotwein und schauen den Film „Die Königin und der Leibarzt“ (2012) mit Mads Mikkelsen als Struensee. Der dänische Originaltitel benennt direkt den Kern der leibärztlichen Bemühungen: „En kongelig affære - Eine königliche Affäre“. Struensee wurde der Vater von Louise Auguste Prinzessin von Dänemark, und diese Frau wiederum gehört zu den Vorfahren der letzten deutschen Kaiserin Auguste Viktoria.

 

Die königliche Affäre kostete Struensee den Kopf. Dem König war der Liebesdienst nur Recht. Vergeblich versuchte er das Leben des Freundes zu retten. Die Staatsräson schlug zu. Christian VII. starb während der napoleonischen Kriege in Rendsburg. Später wurde der Leichnam des „verrückten Königs“ („Den gale konge“) im Dom zu Roskilde beigesetzt.

 

Nach einer Hinrichtung könnte ich nicht mehr schlafen. Als Mads Mikkelsen in den Kerker geworfen wurde, habe ich Tobit die Leine angelegt und ihn noch einmal auf den Paradeplatz geführt, wo der Nachfolger von Christian VII. ausgerufen wurde. Die dänische Prinzessin hätte sich gewiss Mads Mikkelsen hingegeben. Auch Undine mag diesen Schauspieler und begleitet seinen Filmtod bis zum bitteren Ende.

 

Ein neuer Tag. Ich habe das Auto gepackt, Undine hat nach Nixenart das Bad unter Wasser gesetzt und Tobit hält wartend sein neues Kuschelkissen in der Schnauze: „Meer geht immer.“ „Mehr geht immer“, sage ich, „müsste Tobits Motto sein.“ Tobit ist ein Golden Retriever. Hundekenner wissen, was das heisst. Wer sich nicht für Hunde interessiert, dem ist auf diesen Seiten bereits zu viel von einem Hund die Rede gewesen. Mir geht es ebenso. Aber, was soll ich machen? Ohne Hund kein Sabbatjahr für Undine! Also: Heckklappe auf - Hund rein. Ein Sabbatjahr schenkt Gelassenheit. Ich hoffe es.

 

Eine halbe Stunde später stehen wir wieder auf der A7 im Stau, verlassen die Autobahn und fahren an Flensburg vorbei an die Grenze. Die Beamtin verzieht keine Mine, als sie uns auffordert, an den Rand zu fahren und auszusteigen. Auch Tobit muss den Wagen verlassen. Neben uns wird ein Auto auseinandergenommen. Die vier Afrikaner müssen sich einer Leibesvisitation unterziehen. Unsere Grenzerin interessiert sich für Tobits Impfausweis.  Dann lächelt sie, als sie Tobits Bild sieht. Undine hat eine Aufnahme des rosenumflorten Hundes in den Ausweis geklebt.

 

Wir besuchen Christiansfeld. Die Stadt wurde nach Christian VII. benannt. In seinem Sabbatjahr hatte er Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeinde in der holländischen Stadt Zeist kennengelernt und war von ihrem ganzheitlichen Lebenskonzept begeistert. Herrnhut liegt in Sachsen. Hier hatte Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf wegen ihres Glaubens verfolgte Christen aufgenommen. Sie stammten aus jener religiösen Utopie einer die Welt umspannenden Christenheit, für die Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil wider alle Absprachen verbrannt worden war. Zu den grossen Gestalten der Bewegung gehörte Johann Amos Comenius, unter dessen Namen heute ein europäisches Bildungsprogramm steht.

 

Struensee schrieb den Erlaß, der König unterzeichnete und so wurde 1773 in Dänemark eine neue Herrnhuter Siedlung gegründet. Seit dem Jahr 2015 gehört die Stadt zum Weltkulturerbe der UNESCO, auch das Hotel der Brüdergemeinde („Brødremenigheden“). Eine Tafel an der Außenwand bezeugt die Anwesenheit adeliger Gäste. Nur fehle der Name von Königin Margarethe II., beklagt eine Dame, der wir bei unserem Spaziergang mit Tobit begegnen. Die Dänin liebt Hunde, besaß einst einen Golden Retriever und sagt lachend, sie führe nun ihren erwachsenen Sohn aus. Der müsse mal vom Sofa hochkommen. Der sanfte junge Mann mit Downsyndrom hat einen entspannten Blick. Er ist glücklich über das Recht auf Teilhabe an den modernen Medien und zieht sich mit seinem Tablett auf eine Bank zurück. Seine Mutter grinst wie ein Honigkuchenpferd. Das ist kein Zufall, denn Christiansfeld ist weltberühmt für seine Honigkuchen. Nur müsse man wissen, wo es die besten Honigkuchen der Stadt gebe, sagt die Dänin und verrät uns den Geheimtipp: Das Honningkagehuset! Hier gebe es die besten Honningbomber, Honningbrød und Abrikossnitter. Wir erwerben einen Vorrat an Honigkuchen für die kommenden Wochen, darunter ein dickes zweigeteiltes Honigkuchenherz für Liebende. Die Honigkuchen aus Christiansfeld wurden durch Immanuel Martin Achtnich zu einem Exportschlager. 1785 kam der Perückenmacher aus der Brüdergemeinde Neudietendorf nach Christiansfeld. Perücken waren aus der Mode gekommen,  Goethes Werther hatte sie bereits ein Jahrzehnt zuvor abgelegt. Doch Achtnich war flexibel und orientierte sich beruflich um. Er heiratete eine Dänin, und gemeinsam buken sie fortan Honigkuchen. Später kam das sogenannte Herzbrot hinzu. Zur Bestellung des Aufgebotes bekam das junge Brautpaar vom Geistlichen ein Honigkuchenherz geschenkt, das beide vor seinen Augen verspeisten.

  

Das Bäckereiwesen war nur kleiner Teil der grossen Selbstversorgungsgemeinschaft in Handwerk, Landwirtschaft, Gartenbau. Die Herrnhuter Frömmigkeit kannte keine kirchliche Hierarchie. Alle waren vor Gott gleich, deshalb stand allen Kindern das Recht auf Bildung zu. Die Internatsschule für Mädchen hatte Zöglinge aus ganz Nordeuropa. Eine Gedenktafel vor der Pigekostskolen erinnert an Riborg Voigt (1806-1883), die Hans Christian Andersen Herz entflammte. Doch ein gemeinsames Honigkuchenherz konnten sie nicht verspeisen, weil Riborg bereits versprochen war.

 

Vor Gott sind nicht nur alle Menschen gleich, sie haben auch alle die gleiche Pflicht zur Selbständigkeit. Neben der Schule stand die Berufsausbildung - auch für Mädchen. Bildung, Fleiß und handwerkliches Können führten rasch zu einem wirtschaftlichen Erfolg. Die Produkte waren nachhaltig gebaut, gezimmert, gestrickt, gestrickt, gewebt - vielleicht nicht für die Ewigkeit, aber doch für den Gebrauch über einige Generationen. Von den Gewinnen finanzierten man die Mission in Grönland und Dänisch-Westindien.

 

 

 

Wir verlassen das Städtchen und wandern nach Christinero - „Christines Ruheort". Christine Friderica von Holstein (1741-1812), geboren in Tønder, lebte am Hofe Christians VII. Ihr Mann und Vetter Christian Frederik von Holstein war Kammerherr, fiel aber in Ungnade. Der Grund ist nicht überliefert. So zog das Ehepaar nach Christiansfeld und erwarb den Hof Favrvrågård. Christine war kein Mitglied der Herrnhuter Gemeinde, aber sie unterstütze die sozialen und diakonischen Arbeiten. Als sie an Blattern erkrankte, verließ sie ihr Ehemann. Christine stiftete viel Geld zur Errichtung eines Pflegeheimes und bezahlte im voraus die Pflegekosten.

 

„Netztet mit Tränen des Dankes dies Grab ihr

Armen und Kranken.

Die hier schlummerte, sie trug Gott nur

im Herzen und Euch"

 

lesen wir auf der Stele vor ihrem Mausoleum in Christinero. Ob Christine diese Aufforderung selbst entworfen hatte? Warum nicht? Christines Ehe war kein Honigschlecken, aber ihr Herz war süß wie ein großer Honigkuchen.

 

 

 

Auf den Sockel gemeißelt finden wir Uroboros und Schmetterling - die alten Symbole der Wandlung und des „Stirb und Werde!“ Hinter dem Grabmal und der angrenzten Pferdeweide liegt dichtes Gestrüpp. Zwei muntere Däninnen mit graumelierten Haaren scheinen dort etwas zu suchen. Wir hatten die beiden Freundinnen bereits neben der alten Blockscheune („Bullade“) in einen Haselbusch klettern sehen und diskret weggeschaut. Als Ausländer respektieren wir fremde Sitten. Die beiden Frauen waren an dem Denkmal achtlos vorbeigegangen. Nun begrüßen wir uns und lassen uns das Geocaching Programm der Herrenhuter Ralley erklären. Ich verweise auf die Inschriften in dänischer, lateinischer und deutscher Sprache. Die Damen öffnen das Display: Alles schon gescannt! Hier steht auch im Wortlaut der Vers aus der Apokalypse. Auf dem Grabmal lesen wir nur die Abkürzung „Apk 14.13“, können uns aber an dieses Kapitel der Bibel nicht erinnern. Wir sind eben keine Herrnhuter. Die Freundinnen gehören auch nicht zu den Anhängern des Grafen Zinzendorf. Aber kennen den Text. Er lautet:

 

„Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihrer Mühsal; denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

 

Dem Vater hätte dieser Ort gefallen. Aber er hatte auf seiner Fahrt in den Norden keine Zeit irgendwo zu verweilen. Denn wir folgen ihm mit dem Zug. Niemals haben wir uns verpasst. Wenn er uns vom Bahnhof abholte, hatte er bereits Lønstrup erreicht, die Betten bezogen, das Schlauchboot aufgepumpt, ein erstes Bad genommen, die toten Insekten von der Frontscheibe des Ford Taunus 17m entfernt und seinen geliebten Eintopf mit Bockwurst verspeist. Ich kann es selbst nicht glauben, und vielleicht hat sich diese frühe Reise auf den Flügel der Zeit längst zu einer Legende verklärt. Doch in jeder Legende liegt ein wahrer Kern. Er berührt das Geheimnis einer Person. Die Geschichte vom Eintopf glaube ich nicht. Aber indem ich sie auf dem Gelände von Christinero erinnere, bekomme ich Appetit.

 

 

 

Wir kehren in der Gaststube des Brüderhotels ein. Sie befindet sich im ausgebauten Keller. Unter der Decke des Tonnengewölbe hängen noch jene große Ringe, an denen die Pferde der königlichen Gäste angebunden wurden, während die Herrschaften im blauen Salon speisten. Ihre Portraits schmücken heute den langen Gang im ersten Stock.

 

Wir sind wieder auf der Autobahn. Noch haben wir Lønstrup nicht erreicht. Ich sehe den Vater braungebrannt am Strand liegen. Es ist Samstagmorgen. Auf der Gegenfahrbahn reihen sich Wagen mit dänischem Kennzeichen.

 

„Wo wollen die Dänen hin?“, frage ich Undine. Das Wetter ist traumhaft. Gewiss fährt ganz Silkeborg und Aarhus ans Meer.

 

„Ist heute nicht der 5. Mai?“, fragt Undine.

„Ja, 5. Mai, Søren Kierkegaards Geburtstag.“

 

In dem kleinen Museumsladen von Christiansfeld haben wir einen rot-weißen Herrnhuter Stern gekauft und mit dem freundlichen Alten ein Gespräch über die Kirche in Dänemark geführt. Ob Kierkegaard noch gelesen werde, hatte ich gefragt. Der pensionierte Pfarrer der Gemeinde lächelte und sagte, Kierkegaard sei unter den Gebildeten sehr präsent, auch wenn niemand den größten Philosophen Dänemarks mehr lese. Doch bei großen festlichen Anlässen eröffne der Redner seine Ansprache gerne mit einem Kierkegaard-Zitat. Das schaffe sofort Einverständnis.

 

Undine dachte nicht an Kierkegaard, sondern den Tag der Befreiung Dänemarks von den deutschen Besatzern. Der 5. Mai ist einer der großen Feiertage. Dänemark zeigt nicht nur bei den Grenzkontrollen Flagge.  Alle Dänen und Däninnen denken bei dem Stichwort "Mohammedkrisen" an eine Serie von zwölf Mohammed-Karikaturen der Jyllands-Posten. Die Karikatur "Muhammads ansigt" ("Das Gesicht Mohammeds“) vom 30. September 2005 führte zu weltweiten Protesten in der islamischen Welt. Nun hat das Dänische Parlament (Folketing) ein Verschleierungsverbot erlassen. Der Gesichtsschleier darf nicht mehr in der Öffentlichkeit getragen werden. Dänen sind nicht nur hyggelig. Ein Verschleierungsverbot richtet sich nicht nur gegen Gesichts- und Ganzkörperschleier, sondern gegen jede Art der Verhüllung des Antlitzes. Das dänische Parlament hat sich mit 75 % der Stimmen seiner Mitglieder für das Verschleierungsverbot ausgesprochen.

 

„Sie werden Lønstrup nicht wieder erkennen!“, sagt der Mann aus Hamburg. Wir treffen ihn auf einem Rastplatz hinter Aarhus. Die Bekanntschaft mit ihm und seiner Frau verdanken wir Tobit. Er roch die mit Schinken belegten Brötchen und bettelte. Hinten im BMW sitzt der Sohn der Familie.

 

„Zehnte Klasse“, meint Undine.

 

Eine Woche hat die Familie Zeit für einen Urlaub in Dänemark. Der Vater freut sich auf den Autostrand bei Løkken.

 

„Erinnern Sie sich noch an die Mårup Kirche?“, fragt er. „Die Kirche am Abgrund.“

 

Ich gestehe, mich nicht zu erinnern. Bei meinen letzten Ferien in Lønstrup war ich fünfzehn oder sechzehn Jahre jung und hatte andere Interessenschwerpunkte. Ich schaue den Sohn der Familie an. Er tackert auf seinem Tablett und hebt nicht den Blick.

 

 

 

„Ich mochte das Salz des Meeres auf den Lippen der dänischen Mädchen.“

 

„Das klingt aber sehr poetisch, meinst du nicht auch Werner?“, lacht die Mutter des Jungen. „Sind sie Schriftsteller? Ich schreibe auch - Gedichte.“ Die Frau reicht mir ihre Visitenkarte. 

 

„Ich kann mich an Gesichter erinnern. An übermütige Sprünge von der Steilklippe und an das LønstruperKino, wo wir bis zum Sonnenuntergang herumlungerten. Das Leben war schön.“

 

„Die Kirche ist inzwischen abgestürzt. Der Leuchtturm von Rubjerg Knude fast versandet. Das Kino gibt es nicht mehr“, sagt der Mann.

 

 

Wir erreichen Lønstrup und beziehen unser Haus. Die Kirche von Mårup gibt es tatsächlich nicht mehr. Auch der Leuchtturm wird bald in den Abgrund stürzen. Ein kleiner Gottesacker am Abgrund ist stiller Zeuge, dass hier einst Gott verehrt wurde. Einige Gräber sind die Steilklippe hinuntergestützt. Bei unserem Spaziergang am Strand finden wir Reste von Grabsteinen und einen vergilbten Unterschenkelknochen. Am Rande des Abgrundes stehen zwei dunkel gestrichene Blockhäuser. Eines gehörte den Eltern von Jens, mit dem ich zum ersten Mal Tuborg Bier trank. Jens rauchte Cecil ohne Filter. Es gibt diese Zigaretten noch, aber nur mit der Warnung „Rygning kan dræbe“. Jens umgab ein Geheimnis. Niemand im Dorf mochte ihn. Ich habe ihn gelegentlich vor einer Schlägerei bewahren müssen, denn wo immer er auftrat, gab es Streit. Später besuchte ich ihn in seiner Kopenhagener Studentenbude. Ich folgte seiner Einladung. Doch war das Zimmer so klein, dass ich auf dem nackten Fussboden schlafen musste. Immer wieder stand Jens in der Nacht auf, rauchte eine Cecil und legte sich stöhnend in sein Bett. Er war der Sohn vermögender Eltern, aber offensichtlich knapp bei Kasse. Denn kaum war ich im Morgengrauen endlich eingeschlafen, weckte mich Jens und forderte Geld für die Übernachtung. Das Lønstruper Haus am Abgrund haben wir immer nur durch ein kleines Fenster betreten. Es gehörte zu seinem Zimmer. Ein merkwürdiger Bursche. Was mag aus ihm geworden sein?

 

 

 

Alles befindet sich im ständigen Wandel wie das Meer vor unserem Haus. In diesen sonnendurchfluteten Tagen ist es beinahe spiegelglatt. Doch wechselt es seine Farbe vom dunklen Blau am Morgen zu einem leuchtenden Weiß, wenn die Sonne hinter den Horizont getreten ist. In Lønstrup übte ich mich in der Zeichenkunst. Ich versuchte die Farben des Meeres zu malen. Ich hatte mir einen großen Zeichenkarton gekauft und Farbstifte, besaß aber nicht den Ansatz einer Begabung für das Bildnerische. Der Vater sprach es offen aus.

 

An Galerien und Flohmärkte kann ich mich nicht erinnern, auch nicht an Döner- und Pizzabuden und das Yoga-Zentrum in Hafennähe. Das Kino steht wie vor fünfzig Jahren. Gerade feiert ein kleiner Freundeskreis das hundertjährige Jubiläum. Damals traf sich hier die Dorfjugend mit den Feriengästen aus Deutschland. Es waren wunderbare Tage mit salzigen Meeresküssen. Doch nicht alles blieb, wie es einmal war.

 

Mit Tobit stehe ich wieder auf der hohen Düne und schaue durch mein Fernglas aufs Meer. Ein Seehund steckt seinen Kopf aus dem Wasser. Möwen lassen ließ von den Wellen wiegen. Keine Meerjungfrau in Sicht! Früher lagen sie am Strand nur mit kappen Bikinihöschen begleitet. Das war im Jahr 1970. Jimi Hendrix lebte noch und sang sein Nixenlied „A merman I should turn to be“. Wo sind die kleinen Meerjungfrauen geblieben? Wo die Lieder? „So my darling and I make love in the sand…“

 

Warum kam diese Freikörperkultur aus der Mode? Diese gelebte Hygge-Kultur bot Einblicke, wie sie nur das Leben selbst vermitteln kann. Die Lehrer forderten damals, dass wir auch in den Ferien lernten. Das taten wir: So vielfältig, so schön war der kleine hyggelige Unterschied und seine großen Folgen! Auch der Vater liebte die kleinen Meerjungfrauen am Lønstruper Strand. Er war ein großer Verehrer der Schönheit und hatte die schönste aller Meertöchter geheiratet. Durch ihn erfuhr ich auch von Hans Christian Andersens Märchen und der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen.

 

 

Am Abend kommt Undine auf die salzigen Küsse aus früher Zeit zu sprechen. Zuerst, sagt sie, habe sie gedacht, die salzigen Lippen seien meine Erfindung. Dann sei ihr ein Gedicht des Archivarius Lindhorst wieder in den Sinn gekommen. Undine stöbert gerne auf der Homepage https://rg-gedichte.jimdofree.com dieses in Würde ergrauten Salamanders. Auf der Homepage stehe das Gedicht nicht. Sie habe es einmal gehört.

"Wozu muss ein Autor gedruckt werden, wenn er so im Gedächtnis bewahrt wird?", frage ich.

"Ja, Rainer Maria Rilke", lacht Undine. Sie hat das Zitat sogleich erkannt. Dann spricht sie die Worte des Archivarius Lindhorst:

 

 

Gudrun

Bei Nacht das Gesicht
In den Nordwind gewendet,
Der weht durch die Zinnen
Auf moosigem Turm,
Ach, über das Meer.
Das Salz auf den Lippen,
Stets schmeckt es nach Blut.

Archivarius Lindhorst

 

 

 

 

 

 

Im Eskimolager von Hundested: Knut Rasmussen

“Nichts wird oft so unwiederbringlich versäumt wie eine Gelegenheit."

 Marie von Ebner-Eschenbach

 

 

 

 

 

Zur Dänischen Riviera gehören Städte und Fischerdörfer entlang der Ostseeküste im Norden Seelands. Hier ist alles etwas edler als an den Stränden der Westküste. Selbst Lønstrup und Løkken können mit Humlebæk und Hornbæk nicht mithalten. Wer an der Nordsee Urlaub macht, will seine Ruhe haben. Wer an die Dänische Riviera fährt, will gesehen werden. Dazu braucht es mondäne Badeorte. Denn die Ferienhäuser stehen dicht an dicht an der Steilküste und sind von hohen Zäunen umgeben. Sie befinden sich seit Generationen im Familienbesitz. Diese natürlichen Verdienste verleihen der Jugend jenes hohe Maß an Selbstbewusstsein, mit dem sie ihren Beolit 17 von  Bang & Olufsen  am Kieselstrand heftig aufdrehen.

 

In Hornbæk arbeitet die Designerin Ilse Jacobson. Sie entwirft Freizeitkleidung für reife Damen, die gerne mit ihrem schwarzen Labrador oder einem Golden Retriever am Strand joggen oder spazieren gehen.

 

Doch auch ohne Hund sind die Schuhe, Hosen, Kleider und Jacken einfach stylisch. Das gilt besonders für den rosafarbenen Regenmantel mit flauschigem Teddyfutter. Da freut sich die Besitzerin auf den nächsten Regen!

 

Mads Nørgaard macht Männermode. Søren Kierkegaard ist ebenfalls für sein Modedesign berühmt. Er gilt als Erfinder der Patchworkmode, erntete dafür allerdings den Spott der Kopenhagener Bürger. Philosophen sind gelegentlich auch in Modefragen ihrer Zeit voraus. Heute bezeugt jeder Mensch mit seiner Kleidung, wer er ist oder sein möchte. Die Wahrheit ist Patchwork. Das gilt auch für Modefragen.

 

Der Strand ist ein Ort der Wahrheit. Manche Menschen sollte man nicht in Badekleidung sehen. Kafka zum Beispiel. Aber er ließ sich von seinem Freund Max Brod ablichten. Kierkegaard war in allen Fragen der nackten oder halbnackten Wahrheit diskreter. Er zeigte sich nie in Badeanzug oder gar Badehose. Doch er liebte die Steilküste von Gilleleje wie alles Abgründige.

 

Abseits von den anderen Badegästen stand er am Meer und philosophierte über die Frage, was denn die nackte Wahrheit wäre, wenn es sie gäbe. Das war im Sommer 1835. Dabei fand er heraus, dass es wahrscheinlich keine objektive Wahrheit gibt, sondern nur eine subjektive. Zur Erinnerung an seinen Aufenthalt in Gilleleje steht in einem kleinen Laubwald zwischen Meer und Heide der Kierkegaard-Stein. Er trägt den Namen des Philosophen, sein Geburts- und Todesdatum und eine Tagebuchnotiz:„Hvad er Sandhed andet End en Leven for en Idee?“ - „Was ist Wahrheit, wenn nicht Leben für eine Idee?“ Frei übersetzt lautet die Weisheit: Nur ein authentisches Leben bezeugt die Wahrheit oder Wie ein Mensch sich treu bleibt, darauf kommt es an. 

 

In Veiby Strand haben wir für zwei Wochen ein neues Standquartier aufgeschlagen. Vor der Terrasse liegt das Katzenloch oder Kattegat. So nannten die Niederländer das Meer zwischen Jütland im Westen und Schweden im Osten. In den Wäldern Schwedens, so wird erzählt, lebte einst die Heilige Helene. Sie wurde erschlagen. Ihren Körper warfen die Mörder ins Kattegat. Doch der Leichnam der Einsiedlerin ging nicht unter, sondern wurde bei Tisvildeleje ans dänische Ufer getrieben. Als ihn Fischer am Strand bargen, öffneten sich die Dünen für den Leichenzug und eine Quelle entsprang an jener Stelle, wo der Körper der Heiligen abgelegt wurde. Sankt Helene Kilde wird der Ort genannt. König Christian IV. stellte ihn unter seinen persönlichen Schutz, denn er vertraute der Heilkraft des Wassers und ließ es sich in Gefäßen nach Kopenhagen bringen. Über dem Grab der Heiligen Helene wurde eine Kirche errichtet. Von ihr sind nur noch die Grundmauern zu sehen. 

 

Das Kattegat gilt wegen der Strömungsverhältnisse und der Untiefen als schwer befahrbar. Durch die Meeresenge des Øresundes müssen sämtliche Transportschiffe, Kreuzfahrtschiffe und Fähren hindurch. Wir sehen sie von der Terrasse vor dem Horizont der schwedischen Küste. Schonen liegt in Sichtweite und der Kullaberg, auf dem sich jedes Frühjahr die Wildgänse und die Füchse, die Rehe und die Wölfe, die Kraniche und die Adler zu friedlichen Spielen und Tänzen versammeln. So erzählt es Selma Lagerlöf. 

  

Rågeleje, Tisvildeleje, Liseleje und weiter im Westen Hundested. Der Name des kleinen Fährhafens, sagt Undine, erinnere an die vielen Seehunde, die hier bei Ebbe auf den Sandbänken ruhten. Es gibt sie nicht mehr - die Sandbänke und die Seehunde. Nur ihre Felle finden sich vereinzelt als Wandbehang oder Bettvorleger auf dänischen Adelshöfen. Die Stadt der Seehunde war ein beliebtes Jagdgebiet des dänischen Königs. Mit seinen Gästen fuhr er auf die Insel Hesselø. Schon in der Jungsteinzeit lebten hier Jäger, um die Jungen der Kegelrobben zu jagen. 1899 stand die Insel der Seehunde zum Verkauf. Christian Frederik Emil von Holstein-Rathlou, der oberste Jägermeister des Königs, erwarb sie. Er ließ auf dem Eiland Kastanien, Eichen, Obstbäume und Stechpalmen pflanzen und einen Garten anlegen. Der Hofjägermeister züchtete Fasanen, Schildkröten und Kängurus.

 

Mit einem Seehundfell konnte man sich einst sehen lassen. Nicht nur auf Grönland und in Kopenhagen, sondern auch in deutschen Städten. Es gab Damen, die ihren Nerz, Persianer oder Zobel ausführten, und Seehundsfrauen. Seehundsfrauen waren emanzipierte Frauen. Ihre Stiefel, Mäntel, Hüte und Handtaschen aus Seehundfell hatten sie mit eigenem Geld erworben. Dann kam Birgitte Bardot und entfesselte einen Protest gegen das Robbensterben. Viele Eskimos verloren ihre Arbeit.

 

 

 

Regitze Søby verkauft weiche Felle von Seehundbabys. Sie begrüßt uns in dem kleinen Knud-Rasmussen-Museum von Hundested. Rasmussen war der bedeutendste Eskimologe seiner Zeit, zudem ein erfolgreicher Schriftsteller, der seine Schlittenfahrten durch Grönland und den Norden Kanadas packend beschreiben konnte. Seine wissenschaftlichen und allgemeinverständlichen Bücher schrieb er in diesem Haus am Meer, das ihm seine Frau im Jahr 1917 schenkte. Wer das Rasmussen-Haus einmal gesehen hat, weiß wie Ferienhäuser in Dänemark aussehen könnten: Alleinlage und unverbaubarer Blick aufs Meer.

 

Im Sommer 1976 hatte ich Hundested zum ersten Mal besucht. Ich leistete meinen Zivildienst bei einem Evangelischen Jugendpfarramt in Münster und begleitete eine Gruppe junger kirchlicher Mitarbeiter in die Sommerfrische auf einem dänischen Bauernhof am Rand von Hundested. Bibeln und Gesangbücher blieben in Münster. Geleitet wurde die Freizeit von einem Sozialarbeiter. Dass er Mitglied der DKP war, störte die Kirchenleitung nicht. Im Gegenteil bot der Mann mit dem dicken Schnauzbart eines Walrosses dem Kirchenkreis Gelegenheit, die evangelische Freiheit zu beweisen. 

 

Dass wir in unmittelbarer Nachbarschaft zu Knud Rasmussens Haus unsere Ferientage verbrachten, wusste niemand. Es hätte uns auch nicht interessiert. Wir lebten in reiner Gegenwart, unbekümmert um alle kulturellen Bezüge. Und doch, ohne es zu wissen, führten wir ein Eskimo-Leben, wenn es stimmt, dass sie ihre Frauen mit dem Fremden teilen. Arktisreisende wie Roald Amundsen berichten von der Freigebigkeit der Inuit.

 

 

 

Unser Sozialarbeiter war ein entschiedener Gegner allzu früher Paarbindungen. So sahen es die Eltern auch: Wer bereits im jugendlichen Alter eheähnliche Bindungen eingehe, der verschließe sich neuen Erfahrungen. Ein Ziel kann auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden. Es galt also zu warten und sich aufzusparen, meinten die Eltern. Unser Sozialarbeiter war für die gelebte christliche Freiheit im Ferienlager. So hausten wir wie in einem Eskimo-Sommerlager, teilten Brot, Wein und Mädchen, und hatten alles gemeinsam. Das sei der wahre Liebeskommunismus, den Jesus vor Augen gehabt hatte, meinte unser Gruppenleiter. 

 

In der Geschichte der Polar-Expedition ist immer wieder von einem Lagerkoller zu lesen. Um ihn zu vermeiden, müssen die Teilnehmenden eine sinnvolle Beschäftigung haben. Im Eskimolager von Hundested sorgte das Gender überschreitende Fußballturnier dafür, dass sich die Mannschaft nicht nur auf den Matratzen sielte wie Seehunde auf der Sandbank. Dabei kam es gleich am ersten Tag zu einem Unfall. Kathrin brach sich ein Bein. Alle hörten den Knacks. Das Bein  wurde ärztlich versorgt. Internet und Mobile Phone gab es noch nicht. Der Wirt besaß einen Fernsprecher. Die Eltern des Mädchens wurden verständigt und entschieden, dass ihre Tochter solange in Hundested ausharren sollte, bis die gesamte Expedition von einem Busfahrer aus Münster abgeholt werde.

 

Knud Rasmussen (1879-1933) gehörte wie Roald Amundsen zu den wenigen Polarfahrern, die ihre Lust in den hohen Breitengraden zügelten. Andere mochten die monate- oder jahrelange Abstinenz nicht aushalten und ließen sich auch durch mögliche Krankheiten nicht von einem transarktischen Verkehr abschrecken. Zu ihnen gehören nicht nur zügellose Abenteurer, sondern Männer wie der Arktisforscher Peter Freuchen (1896-1957), der mit Navarana, einer Inuit aus dem Stamm der Inghuit, verheiratet war. Ethnologie setzt Empathie voraus. Aber auch die kluge Distanz des Beobachters.

 

 

 

Peter Freuchens Freund Knud Rasmussen wurde in Jakobshavn auf Grönland geboren.  Grönland ist die größte Insel der Welt und gehört zu Dänemark. Dänemark ist klein, aber gemeinsam mit der großen Insel im Eis ist es das größte Land Europas. Menschen, die Kreuzfahrten in arktische Breiten lieben, lassen sich gerne nach Ilulissat (https://visitgreenland.com/de/destinationen/ilulissat) fahren. So nennen die Inuit jene Handelsniederlassung, die von Jacob Severin (1691-1753) einst gegründet wurde. Ilulissat bedeutet Eisberge. 

 

Der Jakobshavn Isebræ gilt als der schnellste Gletscher der Welt. 22 Meter wandert er täglich nach Westen. Wer kalbende Gletscher erleben möchte, der fährt nach Jakobshavn. Hier arbeitete Rasmussens Vater als Missionar und Sprachforscher. Seine Mutter stammte von Eskimos. So wuchs Knut zweisprachig auf. Mit zwölf Jahren wurde er nach Kopenhagen auf eine Schule geschickt, machte mit 21 ein mittelmäßiges Abitur und unternahm im Jahr 1900 eine Islandreise, auf der er Ludvig Mylius-Erichsen (1872-1907) begegnete. 

 

Gemeinsam fuhren sie mit sechs Hundeschlitten in den äußersten Nordwesten Grönlands (1903-04), um das Leben der Eskimos zu teilen und ihre Geschichten zu sammeln. Daher wurde ihre Feldforschung „Dänische literarische Expedition“ genannt.

(http://denstoredanske.dk/Geografi_og_historie/Ekspeditioner/Den_Litterære_Ekspedition)  

Zu den weiteren Begleitern der Expedition gehörten der Katechet Jörgen Brönlund, zwei Eskimo-Jäger (Elias Eliassen und Gabriel Olesen) und der dänische Maler Graf Harald Moltke (1871-1960). Bereits nach einem Monat erkrankte Moltke lebensgefährlich und musste, verpackt in einen Schlafsack, auf einem Hundeschlitten nachgeschleppt werden. Nach seiner Genesung in Kopenhagen arbeitete er für einige Jahre als Porzellanmaler für die Königlich Dänische Porzellanmanufaktur und später bei Bing & Grøndahl.

 

Rasmussen legte die Ergebnisse seiner Forschungen unter dem Titel „Nye Mennesker“ (1905) vor. 1907 erschien das Werk in der deutschen Übersetzung von Elsbeth Rohr unter dem Titel „Neue Menschen. Ein Jahr bei den Nachbarn des Nordpols“. Dieses Erstlingswerk begründete Rasmussens Ruhm und es schenkte ihm die Liebe der Eskimos, deren Blut auch in seinen Adern floss. Sie gaben ihm den Ehrentitel „Kununnguaq“ - „Unser Knud“. Der grönländische Titel des Buches lautet: „Avángarnisalerssarutit“. Es beginnt spektakulär mit der Schilderung von Moltkes desolater Gesundheit: 

 

„Schlaff und fiebernd lag er da, konnte kein Glied rühren und musste gefüttert werden, wenn er essen sollte. Nach einer Beratung kamen wir daraufhin überein,  Mylius-Erichsen sollte gemeinschaftlich mit den beiden Robbenfängern bei dem Kranken zurückbleiben, während Jörgen Brönlund und ich gen Norden fahren sollten, und zwar so rasch es sich bewerkstelligen ließ mit unsern ziemlich ausgehungerten Hunden, um nach Menschen zu suchen.“

 

„Neue Menschen“, so nannte eine alte Schamanin jenes Volk im äußersten Nordwesten Grönlands, das sich in Eisbärenhäute kleide und von rohem Fleisch lebe. Der junge Rasmussen lauschte ihren Erzählungen von dem nördlichsten Volk der Erde, und er beschloss, es eines Tages aufzusuchen.

 

Knut Rasmussen war ein genialer Erzähler. Er hatte Esprit und Charme. Die Frauen liebten ihn, und er liebte die Frauen. 1908 heiratete er Dagmar Andersen, die Tochter eines Politikers.

 

 

Sie öffnete Rasmussen den Weg zu jenen einflussreichen Menschen, deren Wohlwollen er brauchte, um die zukünftigen Expeditionen zu finanzieren. Dagmar Andersen hatte auch die innere Stärke, mit den drei gemeinsamen Kindern jene langen Jahre der Abwesenheit ihres Mannes auszuhalten. Unter dem Namen „Thule“ führte er verschiedene Expeditionen durch. Zu ihrem Marketing gehörten viele Vorträge nach seiner dänischen Heimkehr.

 

 

Die fünfte Thule-Expedition (1921-24) zusammen mit Peter Freuchen führte Rasmussen auf einer 18000 Kilometer langen Reise mit Schlittenhunden durch Nordkanada. Was Rasmussen unterwegs sammelte, ist heute im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen ausgestellt. Nach dieser legendären Expedition hätte sich Rasmussen seiner Familie und seinen Büchern widmen können, aber es drängte ihn voran. Die neue Welt der Technik, Flugzeuge und Filme faszinierten ihn. Er ging weiter auf Expedition. Die siebente musste er aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Auf der Schautafel in seinem Museum wird eine Fleischvergiftung als Ursache angegeben. Dass ist kaum glaubwürdig bei einem Mann, der alle Eskimo-Delikatessen - wie verfaultes Seehundfleisch - verspeiste.

 

 

 

 

Schon Roald Amundsen erlebte bei seiner Entdeckung der Nord-West-Passage den Niedergang der Eskimo-Kultur im Alkoholismus. Heute, so erzählt es uns Søren Mærker, könne Grönland aus eigener Kraft nicht leben. Wir begegnen Søren im Museum. Der studierte Chemiker hatte zuerst bei Nestlé in der Schweiz gearbeitet, dann noch einmal Medizin studiert und als Arzt in Kopenhagen praktiziert. Grönland leide nicht nur unter dem hohen Alkoholkonsum. Viele Männer schlagen ihre Frauen. Über ein Drittel der Mädchen werden in den Familien sexuell missbraucht. Wir fragen Søren nach der Todesursache von Rasmussen. Nach Dänemark zur Behandlung zurückgekehrt, sei Rasmussen an den Folgen eines intraabdominellen Abszesses gestorben.

 

Rasmussen war aufgebrochen, um den neuen Menschen zu begegnen. Die von ihm gesammelten Geschichten übten auf den europäischen Leser auch deshalb eine gewisse Faszination aus, weil er das Erzählte nicht wörtlich nahm. Vielleicht enthielten sie mehr Berichte über den gelebten Alltag am Ende der Welt, als es die Vorstellungskraft des zivilisierten Menschen ahnen mochte. Rasmussen zeichnete Geschichten einer untergehenden Kultur auf. Denn überall, wo die Zivilisation auf „Naturvölker“ trifft, zerstört sie unweigerlich ihre Kultur. Diese Erfahrung machte auch der Entdecker indigener Indianerstämme in den Tiefen des Matto Grosso. Was Claude Levi-Strauss über die „Traurigen Tropen“ schrieb, gilt für die Eskimos der Arktis ebenso wie für unsere Welt des 21. Jahrhunderts. Es gibt kein Verharren im Gestern. „Das ist die Zukunft!“, sagte der Mann hinter dem Tresen des Hotels Hans Christian Andersen, der mir zwei Odenser Biere zapfte. Ich wollte die Rechnung in bar bezahlen, doch nur Kartenzahlung war möglich. 0,3 Liter für neun Euro las ich später in meinem Kontoauszug!

 

„Knud Rasmussen wird nie vergessen werden. Wir müssen ihm dankbar sein, dass er den gewaltigen Stoff der alteskimoischen Geistesgeschichte sammelte, ordnete und deutete, bevor die Zivilisation alles nivellierte“, schrieb die deutsche Eskimologin  Aenne Schmücker (1893-1986) in ihrem Nachruf (Polarforschung 27/1957. S. 43-45: http://epic.awi.de/27803/1/Polarforsch1957_1-2_4.pdf) anlässlich seines 25. Todestages. Rasmussen hatte sie in das Team der geplanten achten Thule-Expedition berufen.

 

 

Es ist Abend geworden, aber die Sonne steht noch hoch am Himmel. Undine tritt mit einer Flasche Weißwein auf die Terrasse. „Duo des Mers“ aus Viognier und Sauvignon. Sie füllt die Gläser. Wir schauen in die Ferne und geben uns unseren Gedanken hin.

 

„Nach Grönland zieht es mich nicht“, sage ich. „Ich habe die russische Arktis gesehen und Franz-Joseph-Land. Auf Island war ich mit Schülern und Schülerinnen, als Klassenfahrten noch ein kleines Abenteuer sein durften und die Insel noch nicht so hoffnungslos überlaufen war. Mir reicht zum Träumen der Blick auf den Kullaberg von der Terrasse unseres Häuschens.“ 

 

„Was ist eigentlich aus Navarana geworden?“, fragt Undine.

 

Ich erzähle, was ich weiß: Das Eskimomädchen aus Thule starb recht früh. Peter Freuchen konnte an keiner Expedition mehr teilnehmen, als ihm der Fuß amputiert werden musste. 1926 erwarb er die kleine Insel Enehøje im Nakshov Fjord an der Westküste Lollands.  In Amerika arbeitete er an der Verfilmung seines Romans „Eskimo“ (1933), der einen Oskar für den besten Schnitt verliehen bekam. Auf seiner dänischen Insel bot er Flüchtlingen aus Deutschland Schutz, bis er 1940 verhaftet wurde. Ihm gelangt die Flucht. Er erreichte Amerika, wo er später durch die Teilnahme an der ersten großen US-Quizsendung „Die 64000 Dollar-Frage“ zu einem Vermögen kam.

 

Undine holt eine zweite Flasche aus dem Kühlschrank. Dieses Mal den Rosé „Duo des Plages“ aus Syrah und Cinsault. 

 

“Nichts wird oft so unwiederbringlich versäumt wie eine Gelegenheit“, sagt Undine.

 

Wir heben die Gläser zum Kullaberg. Er hüllt seinen Rücken in einen roséfarbenen Schleier. Bald wird hinter seiner Kulisse die Sonne aufgehen.

 

Ein Jahr sind wir nun unterwegs und haben dabei den Kullaberg wie die Mitte eines Labyrinths umkreist. Doch haben wir ihn nie betreten. Jetzt könnten wir einen Besuch nachholen. Vielleicht am Sankt-Hans-Abend? Mittsommer auf dem Kullaberg! Wir würden noch einmal aufbrechen, die Fähre von Helsingør nach Helsingborg nehmen und auf die Landzunge fahren, an deren Ende der Kullaberg liegt. Aber vielleicht lassen wir das Letzte aus? Sparen uns die Reise für spätere Besuche auf? Fahren vielleicht niemals auf den Kullaberg, weil wir ahnen, dass er nicht der letzte Ort auf unserer gemeinsamen Lebensreise ist und weil noch ganz andere Begegnungen bevorstehen, von denen wir vor dieser Kulisse des Meeres keine Vorstellung haben.

 

 

 

 

Kopenhagen: Stadt der Kleinen Meerjungfrau

 

„Aber je weniger man erlebt,

je stiller das Leben dahingleitet,

umso eher kommt man auf den Gedanken,

das Erlebte aufzuzeichnen und festzuhalten.“

Hans Christian Andersen. Meines Lebens Märchen

 

 

 

Seefahrt und Saufen gehören irgendwie zusammen. Schon die Wikinger waren wilde Zecher, und kein Deutscher trinkt so leicht eine Dänin unter den Tisch.

 

 

Über die Trinkfestigkeit der Kleinen Meerjungfrau weiß die Nixenforschung seltsamerweise nix zu berichten. Dabei wurde die Kleine Meerjungfrau, das berühmte Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen, von einem Bierbrauer gestiftet.

 

Der junge Bildhauer Edvard Eriksen (1876-1959) fertigte die Skulptur, Carl Jacobsen (1842-1914) bezahlte die Arbeit. 

 

Der Sohn des Gründers der Carlsberg-Brauerei hatte am 26. Dezember 1909 im Königlichen Theater eine Vision. Der alte Bierbrauer sah die „smukke ballerina“ Ellen Price (1878-1968) in der Rolle der Kleinen Meerjungfrau, und er schaute ein Bild von Schönheit und Schwermut. Meerjungfrauen tanzen sehr gerne wie Schaumkronen auf dem Wellensaum. Sie können sich den ganzen Tag an Haar- und Körperpflege, an Anziehen, Ausziehen, Umziehen erfreuen oder sich mit Lesen, Wandern und Wandeln durch Museen beschäftigen. Doch kennen sie auch die wilde Schwermut und jene Sehnsucht nach dem ganz Anderen, das sie zuweilen in Unruhe versetzt. 

 

 

 

Andersens Kleine Meerjungfrau fand auf dem Meeresgrund die Skulptur eines Mannes. In diesem Bild schaute sie das Abbild der Liebe. In der Gestalt des Prinzen meinte sie das Urbild gefunden zu haben. Das war ein Irrtum. Andersens Märchen schildert die Tragödie einer großen Liebenden, deren Sehnsucht nach erfüllter Partnerschaft im Leben ungestillt bleibt.  

Andersens Märchen ist die Geschichte seiner Seele. Die Kleine Meerjungfrau ist eine tragisch Liebende wie er. Andersen hat weder eine Meerfrau noch eine Menschenfrau geheiratet. Vielleicht war er schwul, wie gelegentlich behauptet wird. Wir wissen es nicht. Seine geschlechtliche Neigung muss minimal gewesen sein, wenn er überhaupt sexuell ansprechbar war.

 

 

 

Bekanntlich sind Däninnen heute so emanzipiert, dass sie das Wort „Emanzipation“ nicht kennen. Genderfragen werden nicht einmal vor Toilettentüren gestellt. Der stille Ort steht beiden Geschlechtern zur gemeinsamen Nutzung offen. Däninnen machen auch keinen Kult um die Jungfräulichkeit. Für Freunde, mit denen sie sich gerne nur mal so zum „Böllern“ treffen, haben sie sogar ein eigenes Wort: „bøllerven“. Däninnen kennen auch keine Kleine Meerjungfrau, sondern nur die Kleine Meerfrau („Lille Havfrue“). In Spanien heißt Andersens Meerfrau „La Sirena“, in Portugal „A Ondina“, in Litauen „Undinèlé“ in Russland „Rusalocka“.

 

Natürlich fühlte sich die Primaballerina Ellen Price durch das Angebot des Bierbrauers geehrt, doch nackend wollte sie dem Bildhauer nicht Modell sitzen. Diese Einstellung ist typisch für Nixen. Sie werden zwar immer gerne barbusig dargestellt, doch lieben sie diese Entblößungen in der Öffentlichkeit keineswegs. Nixen zelebrieren ihre Keuschheit. Sie lieben die Andeutung, nicht die Enthüllung. Die Malerin Elisabeth Jerichau Baumann (1819-1881) war mit Andersen eng befreundet. Der Dichter las ihren Kindern gerne Märchen vor. Die dänisch-polnische Malerin hat diese abendlichen Szenen in einem berühmten Bild dargestellt. Es zeigt Andersen, wie er seine Engel-Geschichte den Kindern vorträgt. Elisabeth Jerichau Baumann hat auch das erste Gemälde von Andersens Kleiner Meerjungfrau („Havfrue“ 1863) gemalt. Keusch, wie sie nun mal sind, verhüllt die Nixe ihre Brüste mit den Armen. Die Ballerina musste nicht einmal ihren Oberkörper verhüllen. Der Bildhauer ließ für den Körper der Skulptur seine Frau Eline Eriksen (1881-1963) als Modell sitzen und für das Haupt die Tänzerin. Am 23. August 1913 wurde die Skulptur an der Langelinie aufgestellt. Dieser Tag gilt seitdem als Geburtstag („fødselsdag“) der Kleinen Meerjungfrau. 

 

 

 

Die Schönheit fordert die Zerstörungslust heraus. Mit Farbbeuteln und Eisensägen haben dunkle Gestalten die Kleine Meerjungfrau beschmiert und ihr Gliedmaßen abgetrennt. Ein dummes und sinnloses Tun. Denn Schönheit ist unzerstörbar. Das Original der „Lille Havfrue“ befindet sich an einem verborgenen Ort. Am Hafen ist nur sein Abbild zu sehen.

 

Im Jahr 2010 war die Nixe im Dänischen Pavillon auf der EXPO in Shanghai ausgestellt. Die Idee stammte von dem Architektenbüro Bjarke Ingels Group. Welche Meerjungfrau nach Shanghai verschifft oder geflogen werden sollte, wurde in Kopenhagen kontrovers diskutiert: Durfte das Original Dänemark verlassen oder nur die Kopie? Die Wahrheit wird wohl das Geheimnis der Kleinen Meerjungfrau bleiben. Ihren Platz an der Langelinie nahm für ein halbes Jahr eine Arbeit des Chinesischen Künstlers Ai Wei Wei ein. Eiweih!

 

 

 

Nun sitzt sie wieder auf ihrem Stein, deckt Bein mit Bein und schaut schwermütig an allen Besuchern vorbei in jene andere Welt, in die sie am Ende des Märchens aufsteigen wird. Die Kleine Meerjungfrau am Hafen von Kopenhagen zeigt eine Seele, die auf Erlösung wartet. Andersen war von einem nahezu unersättlichen Liebesverlangen erfüllt.

 

Unter den Kopenhagener Kulturträgern, am dänischen Königshof, auf den Landgütern des Adels, in den großen Städten Europas suchte und fand er jene Anerkennung, nach der es ihn dürstete. Andersen wollte von allen geliebt werden, und die Welt liebte ihn. Ursprünglich wollte er Balletttänzer und Schauspieler werden. Der Traum platzte. Doch Andersen hatte genügend Selbstbewusstsein, um sich aus allen Erniedrigungen und Misserfolgen immer wieder zu neuem produktiven Tun zu erheben. Er glaubte an die Vorsehung und daran, dass alles Lieben und Leiden letztlich sinnhaft auf eine Erfüllung ausgerichtet ist. Es gibt in jedem Leben so etwas wie einen roten Faden. Er ist vielleicht nicht immer sichtbar, doch leuchtet er zuweilen auf. In seiner Autobiographie „Meines Lebens Märchen“ formuliert er diesen Glauben an die Vorsehung so:

„In der englischen Marine zieht sich durch alles Tauwerk, großes wie kleines, ein roter Faden, der anzeigt, dass es der Krone gehört. Durch das menschliche Leben, im kleinen wie im großen, zieht sich ebenfalls ein unsichtbarer Faden, der bekundet, dass wir Gott gehören.“

Auf einer seiner zahlreichen Reisen durch die Schweiz begegnete Andersen auch dem berühmten Pater Gall Morel aus dem Kloster Einsiedeln (14. Juli 1861). Der reichte dem Gast aus Dänemark ein Blatt Papier und bat ihn um eine Schriftprobe. Andersen notierte diese Worte als eine Art Glaubensbekenntnis. Ich verdanke diesen Hinweis dem Mönch und Schriftsteller Bruder Gerold Zenoni OSB aus dem Kloster Einsiedeln. 

Andersen glaubte an die göttliche Spur in allem Lebendigen. Er belebte Pflanzen und Bäume. Vielleicht war er ein Pantheist, vielleicht ein Shintoist, vielleicht hätte er sich sogar für die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland interessiert und ein Märchen über die Gefühle eines Fußballs während des Endspiels geschrieben.

 

Ich traue ihm das zu. Aber es wäre wahrscheinlich eine ganz traurige Geschichte. Vielleicht auch nicht. Bald beginnt ja wieder die Schule, und da könnte man Märchen im Stil von Hans Christian Andersen schreiben lassen. Denn Tapfere Zinnsoldaten und Kleine Meerjungfrauen wohnen überall auf der Welt.

 
  

 

 

 

 Kaj Munk - Die blaue Anemone
 
 
 
 
 
 
 
Zwischen dem geschäftigen Søndervik und dem beschaulichen Vedersø Klit liegt ein Hallen-Flohmarkt. Ihn durchwabert  jene muffige Luft, die allen hier ausgestellten Gegenständen bis ans Ende ihrer Tage anhaften wird. "Wer braucht diesen Schrott?", frage ich Undine. "Niemand, und deshalb halten wir an", antwortet sie. "Vielleicht liegt dort noch der Duschvorhang für Deinen Bruder Karsten." Die Mutter wollte ihn letzten Sommer kaufen. Wir hielten die Idee, dieses Modell aus den Siebzigern im Koffer per Bahn nach Münster zu transportieren für absurd und einer Dame im Alter von 88 Jahren für unwürdig. Heute wissen wir: Wir waren nicht nur extrem respektlos gegenüber dem Alter, sondern haben einen großen Fehler gemacht. Denn mancher Fund erweist sich als letztes fehlendes Puzzle-Teilchen zu einem Bild, das der Vollendung harrt.
 
In einer Kiste entdeckt Undine eine CD von Mette. Keine Ahnung, wer Mette ist. Ihre CD trägt den Titel "Die blaue Anemone". Das Titellied, sagt Undine, stamme von Kaj Munk. Diese Information reicht, um zehn Kronen auszugeben. Kaj Munk ist der dänische Bruder von Dietrich Bonhoeffer. Das wissen wir. Drei Kilometer von unserem Ferienhaus am Raketenweg entfernt liegt der Pfarrhof von Vedersø, auf dem er am 4. Januar 1944 verhaftet wurde. Mettes Version von "Den blå anemone" führt uns an diesen Ort mit seinen vom Wind geformten Bäumen am Fjord. Wir sehen die blaue Blume im letzten Flor.
 
 
Kaj Munk (1898-1944) stammte aus Maribo (Lolland). Mit fünf Jahren war er Vollwaise und wuchs in einer Pflegefamilie auf. Die Lehrer erkannten seine Begabungen. Unter den evangelischen Pfarrern gab es seit Luther und Paul Gerhardt viele Dichter und Schriftsteller. Kaj Munk gehörte zu den letzten seiner Art. Als er in Vedersø seine erste Stelle antrat, nahm er einige blaue Anemonen aus seiner Heimat mit und pflanzte sie in seinen Pfarrgarten. 300 Seelen hatte die kleine Gemeinde an der Westküste. Da blieb ausreichend Zeit für die Arbeit an Dramen, Reden und zahllosen journalistischen Artikeln, aber auch für Jagdausflüge und Fischfang. Munk war ein überaus aktiver Mensch, bewegt von der Idee der Formung des Volkes durch Bildung. Als dänischer Pfarrer war er Angestellter des Staates. Die nationale Idee als Ordnungskraft interessierte ihn. Deshalb bereiste er Deutschland und Italien und hatte bis zur Reichspogromnacht Sympathie für Mussolini und Hitler. Dass die dänische Bevölkerung nach der deutschen Besatzung in großer Geschlossenheit den Juden zur Flucht verhalf, ging auch auf einen Appell Kaj Munks zurück.
 
 
Die Mehrheit der Dänen kollaborierte mit den deutschen Besatzern und errichtete gegen Bezahlung jene Bunkeranlagen, die noch heute am Strand von Vedersø Klit und im Hinterland zu sehen sind.
 
 
 
Diese Bunker sind Teil einer Küstenverteidigungslinie der "Festung Europa", länger als die Chinesische Mauer und als jener Grenzzaun, der zwischen Mexiko und den USA errichtet werden soll. 12000 Bunkeranlagen säumen Nordsee und Atlantik. 18 Millionen Tonnen Beton und eine Million Tonnen Stahl sollen für diese "Taumelnden Riesen" verbaut worden sein. So nennt die niederländische Fotografin Annet van der Voort ("The Wall", 2019) die Bunker.
 
 
Auch die Männer aus Kaj Munks Gemeinde standen in deutschem Sold. Nach jeder Predigt stieg Munk von der Hochkanzel und las seiner Gemeinde die Leviten. Er machte sich mit dieser Positionierung nicht bei allen beliebt. Während unweit seines  Pfarrhofs Sand und Kies zu Beton verarbeitet wurde, hatte er im Frühling 1943 beim Anblick der wieder erblühten blauen Anemonen eine Art Vision.
 
"Was war hier nur geschehen?

Mein hart wie Stein gefrornes Herz

schmilzt schon beim bloßen Sehen  

am ersten Tag im März.

Was brach da durch das Wintergrau  

und schmückt das schwarze Beet so blau,

als ob's im Himmel wohne?

Die kleine Anemone:

Ich pflanzt' sie da genau.

 

Ich hab sie mitgenommen

von Lolland, meinem Kindheitsort.

Als ich hierher gekommen,

dacht' ich: Nun bleibt sie fort.

Ihr fehlt die Heimat, Wald und Baum,  

die laue Luft, der milde Raum;

in dieser Feindeszone

vergeht die Anemone;

das überlebt sie kaum.

(...)

Jetzt seh ich sie sich wiegen

im kalten Wind vom nahen Strand.

Sie lässt sich nicht besiegen

von Jütlands Kies und Sand,

als gäbe ihr die Widrigkeit

nur eine größ're Sicherheit:

Wie eine Amazone

steht meine Anemone

und ist zum Kampf bereit. (...)"

 

Es gibt gewiss sprachlich besser gelungene Frühlingsgedichte, in denen sich die zarte Anemone nicht so plump auf die martialische Amazone reimt. Aber darum geht es nicht. Das Gedicht, von dem es drei verschiedene Fassungen geben soll, verdankt sich dem Augenblickserlebnis. Es ist so unscheinbar wie die kleine blaue Blume, die sich im Laufe der Jahre in großen Polstern über den ganzen Pfarrgarten verbreitete.

 

 

Kaj Munk hatte bereits Schreibverbot, als er das Gedicht in dreihundert Exemplaren drucken ließ. Er verschickte sie zu Weihnachten 1943. Am 4. Januar 1944 wird er verhaftet und bei Silkeborg erschossen.

 

Die Gemeinde setzte ihm später neben seiner Kirche ein Denkmal:
 
 
 
 
Egil Harder vertonte Kaj Munks Gedicht von der blauen Anemone. Der große dänische Opernsänger Aksel Schiøtz (1906-1975) trug das Lied 1944 im Kopenhagener Gedenkgottesdienst für Munk vor. Ein Jahr später fand im Kopenhagener Dom ein Festgottesdienst zur Beendigung der Besatzungszeit statt. Wieder sang Aksel Schiøtz das Lied von der blauen Anemone. So wurde es zu einem nationalen Schatz. 
 
 
Lise Marie Jørgensen (1909-1998), war die Tochter eines Großbauern aus Vedersø und vierzehn Jahre jung, als Munk seine erste Pfarrstelle antrat. Vier Jahre warteten die beiden, bis die Konfirmandin das 18. Lebensjahr erreicht hatte. Dann heirateten sie und bekamen im Laufe der Jahre fünf Kinder. Lise überlebte ihren Mann um 54 Jahre.
 
Aksel Schiøtz überstand 1946 die Operation an einem Tumor im Ohr und 1950 eine zweite Operation an einem Hirntumor. Noch im Jahr 1944 übersetzte der deutsche Schriftsteller Edzard Schaper die "Dänischen Predigten" Kaj Munks für einen Stockholmer Exil Verlag. Wie Aksel Schiøtz hatte auch er ein besonderes Schicksal zu tragen: Von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt, wurde er von den Schweden zu unrecht als Doppelagent verdächtigt. Gleiches zieht Gleiches an.
 
 
 
Dänemark hat ein merkwürdig entspanntes Verhältnis zu den Bunkeranlagen an seiner Nordseeküste. Sie sind sogar auf den Deckblättern einiger Ferienprospekte abgebildet. Die Bauwerke aus "Jütlands Sand und Kies" liegen am Strand als stumme Zeugen einer offenbar längst vergangenen Vergangenheit. 
 
 
Am Palmsonntag besuchen wir den Oster- und Frühlingsmarkt (Påske- og forårsmarked) in Lystbækgaard. Die Osterlämmer sind da! Wer denkt beim Anblick dieser süßen Kerle an das Opfer, das sie einst bringen werden?
 
 
 
Und dieser treue Geselle, der so manche Last gezogen und manches Kreuz getragen hat. Stellte er sich jemals die Frage nach dem "Warum?", dem "Wozu?" und dem "Warum gerade ich?" Wir wissen es nicht.
 
 
Aus der alten Bischofsstadt Viborg ist diese Dame angereist. Sie erinnert uns an unsere Kollegin Almut Schwickert. Was immer ihr Beruf gewesen sein mag, jetzt widmet sie sich der Kunst des Flechtens von Fruchtbarkeitssymbolen und ist glücklich, dass sie eine Schülerin gefunden hat.
 
 
Diese Garben dürfen nur aus den letzten Ähren geflochten werden. Allein in diesen letzten Früchten stecke die Kraft des Frühjahrs mit neuem Wachsen und Werden. Eine Weisheit für die höheren Lebensjahre, meint die Dame und lächelt mir zu. 
 
 
Während sich Undine dem Einkauf von Marmelade und Honig widmet, steht plötzlich unser alter Freund Torben Thorup vor mir. Letzten Sommer haben wir ihn auf Lystbækgaard kennengelernt. Er ist ein Kollege von Kaj Munk, hat aber den Beruf des Pfarrers nie ausgeübt, sondern ist Taxi gefahren und hat in verschiedenen Kirchen die Orgel gespielt. Torben kannte Lisa Munk und einige ihrer Kinder. "Mein Vater wollte das Martyrium", zitiert er einen der Söhne. Munk sei mehrfach ein Weg zur Flucht ins schwedische Nachbarland eröffnet worden, aber er blieb in Vedersø. Hatte er dazu ein Recht? Hatte er das Recht, Frau und fünf Kinder zu opfern? Hatte er nicht die Pflicht zu überleben?
 
 
Draußen vor den Toren des Bauernhofes liegt das berühmte Ulfborg Skyttecenter. Auf dem Schützengelände hat sich eine Hundertschaft von Scharfschützen zum fröhlichen Osterschießen eingefunden.
 
Unser Gespräch berührt letzte Fragen vor letzten Haltungen. Es ist Palmsonntag. Zwei Prozent der Dänen besuchen noch die Kirche, sagt Torben. In Munks Kirche, sagt er, hänge eine Gedenktafel. Auf ihr finden sich Verse aus dem Lieblingslied des Seelsorgers. Torben kennt sie auswendig:
 
 
 

„Ich erwarte dich, Herr Jesus, zum Gericht;

jeden Augenblick schaue ich danach aus.

Schnell und unverhofft kannst du kommen

zu jeder Tages- oder Nachtstunde

Lass meines Herzens Lampe bereit sein und brennen

in Glaube, in Hoffnung und in Liebe.

Wenn ich schlafe oder wache, so bin ich dein,

wenn ich lebe oder sterbe, so bist du mein.

Und wenn du kommst, komme zart und mild

und mache mich selig in Ewigkeit.“

(Dänisches Gesangbuch/Den Danske Salmebog, Nr. 269)

 
 

 
 

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