Mens sana in corpere sano, sagte man in alten Zeiten

(Photo: Viktoria Fedirko/Lituvia)

 

 

"Man muss das Leben tanzen"

Friedrich Nietzsche

 

Gut, dass es in Marbach am Neckar das Deutsche Literaturarchiv (DLA Marbach) gibt! Da liegen viele Schätze, von denen niemand weiß, ob sie nicht eines Tages bedeutsam werden können. Zum Beispiel Dokumente über tanzende Philosophen und Nymphen.

 

Für zwei Wochen wohnen Undine und ich auf der Schillerhöhe. Wir haben eine Studentenbutze im Collegienhaus gemietet. In der kleinen Einbauküche ist sämtliches Geschirr sorgsam abgezählt: Zwei Weingläser, zwei Kaffetassen mit Untertassen, zwei Eßteller, zwei Suppenteller. Wer internationalen Austausch wünscht, der kann die Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss benutzen.

 

Am kleinen Schreibtisch unseres Zimmers korrigiert Undine Deutsch-Klausuren zum Thema „Iphigenie auf Tauris“, während ich im Nachlass von Hans Blumenberg stöbere. 

 

Ich habe das Udo-Keller-Stipendium für Gegenwartsforschung: Religion und Moderne zugesprochen bekommen, damit ich über Engel im Werk von Hans Blumenberg forschen kann. 

   

Die freundliche Bibliothekarin weist mir einen Arbeitsplatz zu. Ich bestelle  zuerst meine eigenen Akten. Zwischen meinen Briefen finde ich unerwartet die Kopie eines Unterrichtsentwurf, den ich am 9. November 1983 angefertigt hatte. Die Vergangenheit holt mich ein! In Unterrichtsentwürfen geben angehende Lehrer ausführlich über die Didaktik und Methodik ihrer Planung Rechenschaft. Das war in der Zeit meines Referendariates am Mindener Ratsgymnasium eine regelmäßige Übung. Unser Lehrerseminar lag in der alten Villa des Schnapsbrenners Strothmann direkt gegenüber der Schule. Ein Strothmann-Korn vor dem Seminar für Allgemeine Pädagogik oder vor einer mündlichen Prüfung schenkte Gelassenheit auf beiden Seiten.

 

Wie sämtliche Unterlagen aus Schule und Seminar habe ich den Unterrichtsentwurf schon vor vielen Jahren in der Papiertonne entsorgt. Nun ist eine Kopie wieder da und mit ihr weit zurückliegende Lehrjahre. Ich halte den Entwurf meiner Vorführstunde zu „Iphigenies Geschichtsbild“ in den Händen.

 

„Dein Lehrer hat wirklich alles aufgehoben“, sagt Undine während einer gemeinsamen Teepause in der spartanisch eingerichteten Cafeteria des Archivs. "Nun gut, LehrerInnenzimmer sind auch nicht gemütlicher", meint Undine.

 

Goethes Drama vom Exil der edlen Seele auf der Halbinsel Krim hat viele Schülergenerationen zur Reifeprüfung begleitet. So auch Hans Blumenberg, dem diese Schullektüre zu einer ersten inneren Begegnung mit einer idealen Frauengestalt wurde. 

 

„Iphigenie auf Tauris“ steht im laufenden Abitur-Jahrgang wieder auf dem Lehrplan für die Deutsch-Leistungskurse. Dazu gibt es die „Abi-Box“ mit einer didaktisch reduzierten Fassung des Dramas, die es auch Lernenden und Lehrenden mit Lese- und Verstehensschwächen erlaubt, ihre Meinung in einem Rollenspiel zu visualisieren. Neben Goethes Text stehen zur Erläuterung kurze inhaltliche Zusammenfassungen in leichtem Deutsch. Undine hat eine Schülerausgabe mitgebracht. Ich blättere darin mit Vergnügen und lese: 

 

„Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.“ 

 

Dergleichen Selbstbekundung gilt heute unter Didaktikern als elitär und ausgrenzend. Sie bedarf folgender Erläuterung in der „Abi-Box“: 

 

„Iphigenie fühlt sich auf Tauris fremd.“ 

 

Das ist Goethe in vereinfachter Sprache. Iphigenie offenbart König Thoas ihre Identität und erzählt vom Geschlecht der Tantaliden. Doch Thoas lässt sich in seinem Heiratswillen nicht abschrecken: „Ich wiederhole meinen ersten Antrag:/ Komm, folge mir und teile, was ich habe.“ Der Kommentar: „Thoas wiederholt trotz Iphigenies Abstammung seinen Heiratsantrag.“ Orest und Pylades sind entdeckt worden. Thoas sagt: „Es scheinen die Gefangenen dir sehr nah“, was wohl bedeuten soll: „Thoas vermutet, dass Iphigenie den Gefangenen nahesteht.“

 

Es ist Abend geworden. Undine und ich fahren nach Stuttgart ins Tangoloft. Während der Fahrt mit der S-Bahn stellt Undine einer jener Fragen, die ich liebe, weil sie meine Gedanken beflügelt: 

 

„Konnte Blumenberg Tango tanzen?“ 

 

„Wer weiß das schon? Wer will das wissen?“, werden Blumenbergforscher entgegnen. Undine will es wissen. Ja, junge Wissenschaftlerinnen gehen ohne Vorurteil und mit frischem Zugriff an die vertracktesten Probleme der Blumenbergforschung. So geht Genderforschung!

 

„Blumenberg konnte alles“, hätte ich behaupten können. Aber damit hätte sich Undine nicht zufrieden gegeben. So erzähle ich von einem Philosophenkongress aus den fünfziger Jahren. Damals wurde nicht nur philosophiert, sondern mit den anwesenden Ehefrauen getanzt. 

 

Ich wisse von Tobias Blumenberg, sage ich zu Undine, dass seine Mutter damals von Martin Heidegger aufgefordert wurde. Der aber konnte nicht tanzen, sondern latschte ihr auf die Füße.

 

„Friedrich Nietzsche aber konnte tanzen“, sagt Undine.

 

"Mit Worten", entgegne ich.

  

Als wir spät in der Nacht nach Marbach zurückkehren, finde ich in meiner Mail-Box einen Hinweis auf den tanzenden Philosophen. Der Titel des Berichtes lautet: "Hans Blumenberg war ein schöner Mann" (Die ZEIT vom 16. April 2018).

 

Andrea Roedig, Mitherausgeberin der Zeitschrift "Wespennest", berichtet über eine alt gewordene Studienrätin für Chemie und Englisch, die in den fünfziger Jahren bei Hans Blumenberg in Kiel das philosophische Pflichtstudium für angehende Gymnasiallehrer absolviert hatte und nun dement geworden ist. Undine liest den Artikel vor und wiederholt die zentrale Passage:

  

"Bei meinem Besuch vor vier Jahren hat sie noch am Computer Patiencen gelegt, und ich versuchte, ihr etwas über Hans Blumenberg zu entlocken, den berühmten Philosophen, bei dem sie in den 1950er-Jahren in Kiel studiert hatte und von dem sie immer nur sagte: 'Das war ein schöner Mann!' Einmal hatte sie mit ihm getanzt."

 

"Eine schöne Anekdote", meint Undine. "Es spricht alles dafür, dass sie nicht erfunden worden ist."

 

Dann öffnen wir noch eine Flasche Heilbronner Stiftsberg. Ernst Jünger trank diesen Trollinger gerne. Wir heben die Gläser auf ihn. Undine blättert in einem Buch von Roger Scruton. "Richtig tanzen" heisst ein Kapitel.

 

"Willst du mal hören", fragt Undine, "was Sir Roger über Martin Heidegger schreibt?"

 

Natürlich will ich das.

 

"Denn ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der weniger mit Tanz zu tun hätte als ausgerechnet Heidegger", liest Undine und füllt Trollinger nach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

Wir haben keine Vorbilder mehr, weil wir große Menschen nicht mehr ertragen. Zugleich vermissen wir Leitbilder gelungenen Menschseins, Typen mit Ecken und Kanten, Leuchttürme im Meer der Meinungen, Menschen mit Rückgrat, kluge Köpfe, die über den Tag hinaus denken, die von 2000 Jahren Geschichte des Geistes Rechenschaft ablegen können und so erzählen, dass in unseren Kindern und Enkelkindern neue Flammen des Geistes entzündet werden. 

 

Es gibt sie nicht mehr, die großen Menschen und Erzieher. Aber es wird sie bald wieder geben, wenn die ökologische Bewegung in die geistige Dimension eintritt und erkennt: Zur Umwelt gehören nicht nur Pflanzen und Tiere, Meere und Wälder, zu unserer geistigen Umwelt gehört die Vielfalt der Kulturen, der Traditionen, der Religionen. Auch sie will vor dem Untergang für kommende Generationen bewahrt werden.

 

Die geistige Umwelt braucht dringend Klimaaktivisten! Bald werden die Kinder der neuen Zeit auf die Folgen des geistigen Klimawandels verweisen: die Wüsten der Unwissenheit und das Artensterben all jener Dichter und Philosophen, Maler und Musiker, die einst Vielfalt und Reichtum der Überlieferung ausmachten. Ein Verlangen nach Substanz und geistiger Vollwertkost wird kommen. 

 

Für diesen Bildungshunger steht der Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996), der mein Lehrer und väterlicher Freund war. Das ginge nur mich etwas an und verdiente keine öffentliche Erinnerung, wenn dieser große Erzieher nicht ein Vorbild für alle Menschen wäre, die mehr wollen als das Geschwätz ständig wechselnder Meinungen, als das ewige Plappern des Mainstreams, den schnell hinausposaunten Kommentar, die eitle Aufregung und Empörung. 

 

In diesem Jahr hätte Hans Blumenberg seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Leider wurde er nicht so alt wie Ernst Jünger. Doch er lebt und wirkt wie alle großen Geister in jenem Raum der Menschlichkeit, dessen Türöffner die Bildung ist. 

 

Wenn ich auf Blumenbergs bewegtes Lebens zurückblicke, dann schaue ich in die Zukunft. So geht es ja mit den großen Menschen der Vergangenheit: Sie sind uns immer weit voraus.

 

Hans Blumenberg redete Klartext. Er hatte Mut, sich unbeliebt zu machen. Deshalb besaß er ein Profil. Wahrheit war für ihn nicht verhandelbar und keine Sache von Mehrheitsentscheidungen. Blumenberg war ein Mann, der für seine Überzeugungen einstand. Er ließ sich nicht von den Tagesmoden blenden.  Ein Mensch mit Substanz. Ein Mensch, der aus der Mitte lebt. Wir vermissen Menschen wie Hans Blumenberg. Wir warten auf neue Lehrer und Lehrerinnen. Wenn sie erscheinen, wird wieder Frühlingsluft an deutschen Schulen und Universitäten wehen.

 

 

 

 

 

 

 

Tobit, der Blogger,

engagiert sich für mehr Schutz gegenüber Falschmeldungen in der Blumenberg-Forschung

 

 

Es trifft immer die Guten, die treuen Seelen, die stillen Helfer. Wer gedenkt ihrer? Axel gehörte zum A-Wurf seiner Mutter, wie der Name dem Hundekenner sogleich verrät. Axel war ein Engel auf vier Pfoten. Doch finden sich in den Büchern der Wissenschaftler leider viele falsche Angaben über ihn. Rüdiger Zill zum Beispiel schreibt gleich zu Beginn seiner Biographie, Axel Colly sei 1942 bei der Bombardierung Lübecks gestorben (S. 7 "Die Familie überlebte, nur der Collie Axel kam um."). Nein, es war doch der kleine schwarze Schnauzer von Frau Blumenberg! Axel Colly war damals noch nicht geboren worden. Auf S. 157 zitiert Zill einen Brief des Meisters an Ludwig Landgrebe. Da spricht er von dem lebenden Axel, der ihm als Namensgeber treu zur Seite steht: "wobei mir unser Hund seinen Namen als Pseudonym herleihen muß".

 

Axel hieß er, nicht "Alex" wie Franz Josef Wetz im Nachwort zu dem Reclam-Heft "Nachahmung der Natur" (S. 80) schreibt. Nun gut. Ich bin kein Philosoph. Mein Blick auf die Welt ist eher kynischer Natur.

 

Axel Colly kann ich gut riechen. Viele Jahre lag er neben dem Schreibtisch des Philosophen. Für eine alte Spürnase wie mich ist seine Aura auch nach 75 Jahren im alten Eichenholz wahrnehmbar. Axel Collys bester Freund hieß Hans. Sie wohnten in Bargteheide. Axel und Hans waren ein Herz und eine Seele. Das weiss ich von Tobias und Dadini. Wenn Axels dichtes, weiches und seidiges Fell in der Badewanne gewaschen wurde, hielt Hans den Kopf fürsorglich zwischen den Knien. Ja, so geht Freundschaft!

 

Einmal sprang Axel irgendwo auf der Bahnstrecke zwischen Lübeck und Hamburg aus dem fahrenden Zug. Niemand kennt den Grund. Aber gewiss wusste dieser Samariter im Hundefell, was er tat. Wochen später tauchte er aus seinem Einsatz wieder auf. Zu Recht wurde er „der Herrliche“ und „der Wunderbare“ genannt. So berichtet es mir mein Namensbruder Tobias. Axel war auch "der Hörende", "der Sehende", "der Dankbare", "der Wachsame". Hundefreunde und -freundinnen wie Tobias, Miriam oder Undine kennen die 99 Namen der Liebe, die ich hier aus Platzgründen nicht vollständig auflisten möchte. 

 

Ende des Zweiten Weltkrieges setzte die Haltung eines Collies ein deutliches Zeichen. Denn der Colly  war der Widerpart von Blondi. Ein Hund von Welt, zuerst beheimatet in England und Amerika, kein Schäferhund, von denen über 200000 durch den Fronteinsatz missbraucht wurden.

 

Axel war ein Sohn des Nordens wie sein Name belegt. Akseløya oder Axel-Insel heisst eine kleine Insel vor Spitzbergen (https://data.npolar.no/placename/fd8556d3-b192-5bcd-a58d-528c1ff8a921). Aksel - so nennen die Dänen den Königssohn Abschalom ("Vater des Friedens"). "Mein Sohn Abschalom!" (2. Samuel 19.1b) bedeutet "Mein Sohn Axel" oder genauer "Mein Sohn Aksel". Die Dänen schreiben "Aksel" - wie auch der Name des großen dänischen Sängers Aksel Schiøtz (https://www.youtube.com/watch?v=u4pGwBYsI6g) belegt. Daher wundert es nicht, wenn in einigen überlieferten Dokumenten aus jenen schweren Jahren die dänische Schreibweise gepflegt wird. Doch genug der Namenskunde!

 

Viele Menschen haben Vertreibung, Flucht oder Gefangenschaft überlebt, weil sie wussten, daheim wartet ein treuer Freund wie Aksel! Wer denkt bei einem Hund wie Axel nicht an jenen treuen Gesellen, der wie ein Engel den jungen Tobias ins Leben begleitete! Wer hat nicht die „Ärzte mit der Zunge“ (Meinolf Schuhmacher. Ärzte mit der Zunge. Leckende Hunde in der europäischen Literatur. 2003) vor Augen, die dem armen Lazarus die Wunden  leckten!

 

Ach, was wissen die Menschen schon von unserer grenzenlosen Treue! Lasst euch belehren von Theodor Fontane und dem Neufundländer Rollo und lest „Effi Briest“ oder schaut auf den Spitz Bambilo! Von Axel Colly gibt es keine Photos. Er hielt es mit dem ersten Gebot. Das wollen wir gerne respektieren und Euch hier den Spitz Bambilo präsentieren. Sein Fell wurde in der Badewanne von Oma Selma mit Persil gründlich gereinigt. 

 

 

Der Spitz Bambilo mit dem jungen Engelforscher und zwei Freunden (1959)

 

 

Legenden ranken sich um Axel. Doch betreiben wir keine Arbeit am Mythos, sondern stellen uns den Tatsachen! Collys sind Familienhunde - klug, loyal, sanftmütig, diskret. 

 

Axel war in allem ein Musterbeispiel eines Collys und stand Lassie in keiner Weise nach. 1943 kam Lassie an der Seite der zehnjährigen Elizabeth Taylor in die amerikanischen Kinos. Der Film hieß „Lassie come home“, in der deutschen Synchronisation des Jahres 1950 „Heimweh“.

 

Später folgten weitere Filme und eine Serie, die auch im deutschen Fernsehen über zwei Jahrzehnte lief. Lassie war ein Hunde-Mädchen, wurde aber wegen der größeren Felldichte von einem Rüden gespielt, der in der Genitalregion ein Toupet trug. Aus Sicht der Genderforschung gilt Lassie heute als der erste diverse Hund. (Vgl. dazu: Judith Butler. Körper und Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin 1995. S. 169: "Es gibt kein Subjekt vor seinen Konstruktionen, und genausowenig ist das Subjekt von seinen Konstruktionen festgelegt.")

 

Axel aber war durch und durch Rüde - wie ich. So sehr Rüde, wie man es heute an Universitäten nicht mehr sein darf. Er war bienenfleißig, strebsam, ja arbeitswütig und immer konzentriert bei der Sache. Der Universalgelehrte kannte sich in allen nur denkbaren Themen der Zeit aus. So lag es nahe, dass Axel Colly Schriftsteller wurde. Zwischen 1952-1955 schrieb er gut vierzig Feuilletons, teilweise zeitgleich mit der englischen Lassie-Fernsehserie, die ab 1954 ausgestrahlt wurde und 588 Folgen erreichte. Warum Axel Colly seine Arbeit für das deutsche Feuilleton einstellte, erklärt sich aus dem nie versiegenden Strom seiner theoretischen Neugierde: 588 Feuilletons hätten ihn einfach gelangweilt. In der Langeweile aber sah Axel Colly eine der größten Gefährdungen von Mensch und Tier.

 

 

 

Tobit, der Autor dieses Beitrags, während der Recreation

 

Mit seiner Leidenschaft für Literatur und Philosophie steht Axel Colly nicht allein. Ich erinnere nur an Cipión und Berganza, die Hunde aus dem Auferstehungshospital in Valladolid, deren philosophisches Gespräch von Miguel de Cervantes Saavedra veröffentlicht wurde. Freudianer wussten einst, dass Sigmund Freud unter dem Pseudonym des Hundes Berganza einen Briefwechsel - teilweise in spanischer Sprache - mit seinem Freund Eduard Silberstein führte. Silberstein war natürlich der Hund Cipión.

 

Axel Colly besaß in hohem Maße die Fähigkeit zur Konzentration. Gerade deshalb hatte er sehr viel Zeit für den kreativen Müßiggang. Das klingt paradox und ist es auch. Hört, wie dieser Diogenes auf vier Pfoten den Tag verbrachte! (vgl. Heinrich Niehues-Pröbsting. Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus. 1979) Axel konnte viele Stunden in scheinbarer Trägheit neben dem Schreibtisch liegen, um dann in vollendeter Anspannung sämtlicher Nervenzellen in kürzester Zeit eine Höchstleistung zu vollbringen. 

 

„Wie schafft dieser Hund es nur, so viele Artikel in kürzester Zeit zu schreiben - und das neben allen anderen Verbindlichkeiten?“ Diese Frage wurde immer wieder gestellt. Axel Colly hat sie indirekt - wie es seiner Art entsprach - in einem Artikel für die Düsseldorfer Nachrichten vom 12. Juni 1954 beantwortet. „Der Student in Zeitnot“ lautet der Titel. 

 

Studenten geraten bei ihrem Studium in Zeitnot, sagt Axel Colly, weil sie einfach zu viel Zeit haben und so im Studium zu viel herumdaddeln statt sich scharf zu konzentrieren, wenn es darauf ankommt. Die Zeitnot des Studenten sei „die Kehrseite einer zeitverschleudernden, zutiefst ‚zerstreuenden‘ Lebensform. Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß das Geheimnis der seltenen Menschen, die immer Zeit zu haben scheinen, in der Fähigkeit zur Konzentration liegt. Der heutige Student muß so auffallend viel arbeiten, weil es ihm an dieser Fähigkeit fehlt.“ 

 

Ein Hund vom Schlage Axel Collys lebt aus diesem Geheimnis der Konzentration. Das kann ich nur bestätigen. Ich habe auch immer Zeit. Wie Axel Colly liebe ich Herausforderungen. Examina in der Hundeschule bei Liane Venturi waren für mich ein reines Vergnügen. Natürlich war ich der Klassenbeste, das will ich hier freimütig bekennen. Leistung soll sich an Schulen und Universitäten wieder lohnen! Wir sollten weniger über Exzellenz reden, als exzellent sein. So kann ich aus eigener Erfahrung Axel Colly nur zustimmen, wenn er schreibt: 

 

„Das Examen ist ein einzigartiger Faktor der Konzentration: ein oder zweimal im Studium sich ganz ‚zusammennehmen‘ zu müssen, auf Ausflüchte und Vorwände verzichten, Vermögen und Ausdruck in ein genaues Verhältnis zu zwingen - das ist doch ein Modell entscheidender Situationen des Lebens selbst.“

 

Ja und Amen! kann ich da nur sagen und Euch zurufen: Habt auch Ihr Mut zur Exzellenz! Wir brauchen mehr Leistungsbereitschaft und -freude an  Schulen und Universitäten. Wir brauchen keine Schulpsychologen, Ergotherapeuten, Schulbegleiter und „Reformhyänen“ (Axel Colly), sondern klare Leistungsanforderungen, an denen die Jugend Orientierung und echte Herausforderung findet. Daher plädiere ich für den flächendeckenden Einsatz von zertifizierten  Therapie- oder Exzellenz-Hunden an europäischen Bildungsstätten. Lernen mit Axel Colly bedeutet:„Sachlichkeit, Blick für das real Gegebene, Übersicht über verfügbare Möglichkeiten, Voraussicht gegenüber großen Ansprüchen“.

 

Ein mutiger Erzieher, dieser Axel Colly! Ich stehe freimütig, dass er mir ein Vorbild ist. Ohne ihn hätte ich niemals den Mut gehabt, als Tøbit japanische Touristen durch HC Andersens Odense zu führen. Seht selbst:

 

 

Das bin ich als japanisch-dänischer Reiseleiter vor der Statue des tapferen Zinnsoldaten:

Tøbit, der Blogger (Odense 2018) 

 

Auch ein Großer wie Axel Colly stand auf den Schultern von Riesen. Niemand wusste dies besser als er. Deshalb gab er in vielen Aufsätzen und Büchern Zeugnis von seinen Anregern. Zu ihnen gehörte Friedrich Hebbel.

 

Im Frühjahr 1839 wanderte Friedrich Hebbel zu Fuß und ohne Geld mit seinem Hund von München nach Hamburg. Die Tage waren extrem kalt und bald bluteten die Füße von Hebbels Hund. So trug er ihn streckenweise auf Händen durch Deutschland. 

 

Friedrich Hebbel war ein junger Schriftsteller aus Wesselburen in Dithmarschen. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und lebte von den Zuwendungen seiner Freundin Elise Lensing, die ihm später zwei Kinder schenkte. Mit seinem Hund auf den Armen kehrte er bei einem Bauern ein und bat um eine Tasse Boullion zur Stärkung für sein Hündchen. Das Tier konnte die Gabe vor Erschöpfung nicht trinken. Der Bauer aus der Gegend von Soltau meinte, der Hund werde die kommende Nacht nicht überleben. Hebbel solle alleine weitergehen und das Tier dem Bauern überlassen. Er werde es erlösen. Erlösen hieß erschlagen. Mit Tränen in den Augen verließ Hebbel den Bauernhof. Mit ihm sein Hund. Er trug ihn bis Hamburg auf dem Arm und rettete so sein Leben.

 

„Die Welt: die große Wunde Gottes", notierte Friedrich Hebbel in Erinnerung an die Reise mit dem Hündchen (Tagebuch vom 6. März 1843). Hebbel wuchs mit Hunden auf. Einen Hund zu kaufen, fehlte das Geld. So fanden herrenlose Tiere bei ihm Zuflucht. Ihre Nahrung sparte sich das Kind von den eigenen Mahlzeiten ab. Denn die Lebensmittel in seinem Elterhaus waren knapp. Zu Hebbels Hunden gehörte ein Pudel. Wenn er krank war, durfte er das Tier mit in sein Bett nehmen. 

 

Hebbels Hund Caro wurde ausgesetzt, als er größer und größer wurde und nicht mehr ernährt werden konnte. Das war die Wunde, die in Friedrich Hebbels Seele blutete. Sie setzte in dem Kind zugleich das verborgene Talent zur Dichtung frei. Die ersten Gedichte des Sechsjährigen sind Grabgesänge auf Tiere. 

 

Caros Schicksal wird Hebbel ein Leben lang bewegen. In einem vielstrophigen Gedicht erinnert er sich an den Hund, der gehen musste, weil das Geld zu seiner Ernährung fehlte:

 

„Er erhielt von jedem Bissen

Seinen Theil, den ich bekam,

Und er war mir so ergeben,

Daß er selbst die Kirschen nahm.

 

Aber allzu bald nur trübte

Uns der heitere Himmel sich,

Denn er hatte einen Fehler,

Diesen, daß er wuchs, wie ich.

 

Und an ihm erschien als Sünde,

Was an mir als Tugend galt,

Da man mich um’s Wachsen lobte,

Aber ihn um’s Wachsen schalt.

 

Immer größer ward der Hunger,

Immer kleiner ward das Brot,

Und der Eine konnte essen,

Was die Mutter Beiden bot.

 

Als ich eines Morgens fragte,

Sagte man, er wäre fort

Und entlaufen wie mein Hase,

Doch das war ein falsches Wort.

 

Noch denselben Abend kehrte

Er zu seinem Freund zurück,

Den zerbißnen Strick am Halse,

Doch das war ein kurzes Glück.

 

Denn, obgleich er mit in’s Bette

Durfte, ach, ich bat so sehr,

War er Morgens doch verschwunden,

Und ich sah ihn niemals mehr.

 

Ward er an die Eisenkette

Jetzt gelegt von seinem Herrn,

Oder fiel sein Loos noch härter,

Weiß ich nicht, doch er blieb fern!

 

Blick’ ich in die tiefste Ferne

Meiner Kinderzeit hinab,

Steigt mit Vater und mit Mutter

Auch ein Hund aus seinem Grab.“

 

Zu den Hunden in Hebbels Umkreis gehörte auch der Neufundländer eines Pastors. Der Geistliche hatte die Begabung des jungen Hebbel entdeckt und nahm ihn in seine Obhut. Hebbel hatte Büroarbeiten zu erledigen. Dafür durfte er im Pfarrhaus wohnen und bekam etwas zu essen. Der Pastor konnte sich die Fütterung eines gewichtigen Neufundländers leisten. Das große Tier hörte auf den Namen Monarch. Es suchte Hebbels Nähe und wich ihm bald nicht mehr von der Seite. Nach einem Roman von Laurence Sterne gab ihm Hebbel zwei weitere Vornamen. Yorik Sterne Monarch hieß nun der Hund, der Hebbel im Büro und auf den Spaziergängen stets begleitete. 

 

Das gutmütige Tier ließ allerlei Späße mit sich machen. Wenn Hebbel Besuch erwartete, setzte er Monarch gerne auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch, befestigte ihm eine Schreibfeder hinter dem Ohr und setzte ihm eine alte Brille auf. Vor Monarch legte er ein Buch über Kirchenrecht und kommentierte die Inszenierung: 

 

„Mein ehrwürdiger Yorik Sterne Monarch wiederholt das Corpus juris und gedenkt demnächst zu promovieren; er ist wahrlich dem Ziele weit näher, als ich dem meinigen.“ 

 

Hebbel, das erwarteten seine Förderer, sollte sich durch ein Jura-Studium eine Grundlage für seinen Lebensunterhalt schaffen. Er ging das Wagnis der Existenz eines freien Schriftstellers ein. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er unter dem Namen seines tierischen Freundes Yorik Stern Monarch. 

 

 

Unser Blogger Tobit auf seinem Leseteppich

 bei der Lektüre der Jubiläumsausgabe der Fundgrube (12/2020)

 

 

Von eigenen Gedichten weiß die Axel-Colly-Forschung nichts. Axel Colly hat sich an keiner Stelle seines Werkes über Hunde geäußert oder gar eine Philosophie der Tiere vorgelegt. Ihn deshalb zu tadeln wäre völlig daneben. Ist es nicht so, meine Lieben, dass wir die Dinge, die uns wirklich am Herzen liegen, nicht leichtfertig teilen möchten? 

 

Euer Tobit, Deutschlands erster Hunde-Blogger

 

 

 

 

 

 

Literaturhinweis: Hans Blumenberg alias Axel Colly. Frühe Feuilletons (1952-1955). In: Neue Rundschau 4/2019. S. 9-123. Zitate aus: Der Student in Zeitnot. S. 65-69.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Tobias antwortete: So zieht hin!

Gott sei mit euch auf dem Wege,

und sein Engel geleite euch!"

(Tobias 5.23)

 


Hans Blumenberg wuchs unter den Flügeln der Engel auf. Das darf durchaus wörtlich genommen werden. Der Kunstverlag von „J. C. Blumenberg Import Lübeck Export“ versorgte Kirchen, Klöster und Krankenhäuser mit Schutzengelbildern und anderen Devotionalien. Sie gehörten zur „religiösen Gebrauchskunst“ als Lebensbegleiter bei Taufe und Firmung, bei Hochzeit und Beerdigung. Als Andachtsbildchen lagen sie zwischen den Seiten der Gebetsbücher. In großen farbigen Drucken hingen Engelbilder in elterlichen Schlafzimmern oder als kleines Schutzengelbildchen über dem Bett der Kinder. Zu den beliebtesten Bildern jener Jahre gehörten Reproduktionen der Gemälde „Schutzengel“ von Bernhard Plockhorst und „Der Engel“ von Wilhelm von Kaulbach. Kaulbach hatte sich von Hans Christian Andersens Märchen „Der Engel“ inspirieren lassen.

In seiner „Trilogie von Engeln“ (1996), der Titel ist eine Anspielung auf Erik Petersons Klassiker „Das Buch von den Engeln“ (1935), erinnert Hans Blumenberg an die Schutzengelbilder seiner Kindheit:

„In zahllosen Schlafzimmern hängen ehebettbreite Farbdrucke mit Engeln. Sie haben etwas von Unentbehrlichkeit an sich. Was hat sie im Inventar der Gemüter verwurzelt? Das ist eigentlich die Frage, die zweitrangig macht, was bewiesen werden könnte oder auf ewig unbewiesen bleiben muß.“ Nämlich die Frage, ob es Engel tatsächlich gibt. Die Wirklichkeit der Engel bedarf für Blumenberg keines Beweises. Sie ist „eine Gewissheit mit Bildmitteln ausgedrückt“.

Joseph Carl Blumenberg vertrieb Bilder der Glaubensgewissheit. Er hatte in der Hildesheimer Buchhandlung von Hermann Olms eine Lehre abgeschlossen und gründete nach dem Ersten Weltkrieg in Lübeck einen eigenen Kunstverlag. Lübeck war Diaspora mit einem sehr geringen Anteil von 4% Katholiken. 350 Jahre lang war es den Lübecker Katholiken verboten, eine öffentliche Messe zu feiern. Sie besaßen auch keine eigene Kirche. Erst 1891 wurde die Herz-Jesu-Kirche an der Parade 4 durch den Paderborner Diözesanbaumeister Arnold Güldenpfennig errichtet. Everhard Illigens, der erste Pfarrer, wurde später Weihbischof in seiner Heimatstadt Münster. Ab dem Jahr 1929 gehörte die Lübecker Gemeinde zum Bistum Osnabrück.

Dass Blumenberg ausgerechnet hier unter den Bilderstürmern Luthers einen katholischen Kunstverlag gründete, zeugt vom sicheren Gespür für einen Markt mit Wachstumschancen. Denn die Verehrung des Heiligen Herzens Jesu war seit dem Kulturkampf ein Symbol katholischer Identität. Aus dieser mystischen Herz-Jesu-Frömmigkeit zogen viele Gemeindemitglieder später die Kraft des Widerstandes und der Nachfolge Christi im Martyrium. Blumenbergs Kreuz-Meditation der „Matthäuspassion“ wurzelte letztlich in diesen Erfahrungen.

Aus der Hildesheimer Familie Blumenberg waren immer wieder Priester hervorgegangen. Zu ihnen gehörte der Jesuit Friedrich B. Blumenberg und der Priester Edmund Blumenberg. Auch Hans Blumenberg, der Erstgeborne von Joseph Carl Blumenberg, wollte Priester werden und in den Orden der Jesuiten eintreten. Der Vater förderte das Bildungsverlangen seines hochbegabten Sohnes in jeder Weise. So ließ er seine monatlich erscheinende Zeitschrift „Erdball und Weltall“ in schöner Aufmachung und mit Bildern drucken. Der Sohn wiederum entwarf gelegentlich Titel für die vom Vater vertriebenen Bilder.

Hans Blumenberg besuchte in Lübeck die Katholische Schule. Jeden Tag vor Unterrichtsbeginn feierte die Schulgemeinschaft die Messe in der Herz-Jesu-Kirche. In der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde sie oft als Stille Messe begangen. Der Geistliche betete leise, und die Ministranten erwiderten mit einem kaum hörbaren „Amen“. Während dieser Messe knieten Schüler und Lehrer in den Bänken, beteten den Rosenkranz oder verfolgten die Liturgie nach dem „Volks-Schott“. Vier Jahre kniete auch der junge Hans Blumenberg neben den Grauen Schwestern. So wurden die Schwestern von der Heiligen Elisabeth wegen der Farbe ihres Habits genannt. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag neben der schulischen Bildung in der ambulanten Krankenpflege. Dieser „Engeldienst“ wurde auch von dem Senator Thomas Buddenbrook geschätzt. Schwester Leandra mit der grauen Haube und dem Rosenkranz am Gürtel, so erzählt Thomas Mann in seinem Roman vom Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie, kam regelmäßig ins Haus Buddenbrook, wenn eine verläßliche Pflege benötigt wurde. Thomas Buddenbrook verteidigt ihren Einsatz mit Entschiedenheit gegenüber antikatholischen Einwänden aus der Familie. Sie waren noch zu Blumenbergs Zeiten recht typisch für Lübeck:

„Ich bin überzeugt, dass die Grauen Schwestern treuer, hingebender, aufopferungsfähiger sind als die Schwarzen. Diese Protestantinnen, das ist nicht das Wahre. Das will sich alles bei erster Gelegenheit verheiraten. Kurzum, sie sind irdisch, egoistisch, ordinär. Die Grauen sind degagierter, ja, ganz sicher, sie stehen dem Himmel näher.“

So hat es auch Hans Blumenberg empfunden. Er wurde von den Schwestern Virginia, Canisia, Louisia und Engelmunda unterrichtet. Die strenge erzieherische Hingabe von Schwester Engelmunda an den Rechtschreib- und Grammatikunterricht schuf bei den katholischen Schülern Lübecks einen Bildungsvorsprung, der sich später in besondern Leistungen auf dem Gymnasium bemerkbar machte. Der Schüler Blumenberg wird die mit Abstand beste Reifeprüfung am Katharineum ablegen, jener Schule, auf der Thomas Mann gescheitert war. In dem Kapitel „Die Theologie der Buddenbrooks oder Der Engel nach dem Ende“ seiner „Trilogie von Engeln“ erinnert Hans Blumenberg nicht nur an die Grauen Schwestern. Er entfaltet auch die volkstümliche Vorstellung von den Engeln. Sie gehören als Schutzengel zu den Wegbegleitern des Menschen - wie der Engel Raphael. Dass Hans Blumenberg seinem jüngsten Sohn nach dem biblischen Engelbuch Tobit (Tobias) genannt hat, ist gewiss kein Zufall. Biblisch und hagiografisch belegt ist auch die Namenswahl der anderen Söhne. Der erste trug den Namen des Evangelisten Markus, der zweite die Namen der Heiligen Könige als Doppelnamen Caspar Balthasar.

Engel sind selbstlose Helfer, Vorbilder im Dienen. Daher werden Menschen wie die Grauen Schwestern gerne als „Engel“ bezeichnet. Diesen metaphorischen Gebrauch des Engels folgt der Ausspruch Gerdas „Ach, er war ein Engel“ nach dem frühen Tod des Hanno Buddenbrook. Die Pensionsmeisterin Tonys und Gerdas setzt ihm ein anderes Engelbild entgegen: „Nun ist er ein Engel.“ Hans Blumenberg entdeckt zwischen Metaphorik („war“) und Begriff („ist“) die Angelologie der Buddenbrooks: „Der Engel, als den Tony Hanno erinnert, wird reklamiert als Bürgschaft für die vage Vorstellbarkeit der Fortexistenz als Engel.“

Die Vorstellung, dass die Auferstandenen wie die Engel sein werden, geht auf ein bekanntes Jesus-Wort (Matthäus 22.30) zurück. Es hat die Volksfrömmigkeit entschieden beeinflusst. So glaubte die Heilige Therese von Lisieux (Blumenberg schätzte die Studie der Ida-Friederike Görres), dass ihre im jungen Alter verstorbenen Brüder die Familie als Schutzengel begleiteten. Auch Hans Blumenberg hatte einen früh verstorbenen jüngeren Bruder. Folgt man seiner Deutung der Buddenbrooks, war auch er ein Engel nach dem Ende: „Mit dem Blick auf die an Hanno schon erschienene angelologische Überzeitlichkeit wird dem ganzen ‚Verfall einer Familie‘ der Angelpunkt seiner Reversibilität gegeben. Der tote Hanno war der Letzte und ist der Erste“.

Hans Blumenberg konnte sehr direkt sein. Doch in seinen Büchern liebte er indirekte Mitteilungen, die Andeutung, das Kryptische, die Zelebration einer „stillen Messe“ der Nachdenklichkeit. Wenn er gerne das Nietzsche-Wort „mihi ipsi scripsi“ zitierte, so war das keine Koketterie. Doch zugleich diente dieses nie unterbrochene Ritual in der strengen Klausur dem ganzen „Erdball und Weltall“. Blumenbergs Wort hat daher einen „mehrfachen Schriftsinn“. Diese Vielschichtigkeit seiner Philosophie löst vermeintliche Eindeutigkeit in neue Nachdenklichkeit auf. Sie ist wie ein unendliches Singen und Sagen und hat darin eine strukturelle Affinität zu dem von Dionysios von Areopagita geschauten Bild der himmlischen Engelchöre, das noch im Prolog von Goethes „Faust“ und den „Duineser Elegien“ einen späten Nachhall findet.

Hans Blumenberg absolvierte ein lateinisches Studium der Theologie an der Hochschule der Jesuiten St. Georgen. Kriegsbedingt war das Priesterseminar nach Limburg ausgelagert worden. Ein Angelologe wie Thomas von Aquin wurde der junge Blumenberg nicht. Doch bewegte ihn nachhaltig die liturgische und pastoraltheologische Dimension des Themas „Engel“, also die gelebte katholische Glaubenspraxis wie er sie als frühkindliche Prägung durch einen liebevollen Vater erfahren hatte. Neben dem „Ende nach dem Ende“ gehört „Undeutlicher Chorgesang“ in Blumenbergs „Trilogie von den Engeln“. Es geht um Engel im Kontext liturgischer Fragen und ihre Gesänge - das Gloria und das Sanctus.

Zu der über 1200 Bände umfassenden theologischen Bibliothek des Studenten der Katholischen Theologie gehörte das „Das Buch von den Engeln“ (1935) des Konvertiten Erik Peterson. Es behandelt die Stellung und Bedeutung der Engel im Kult der Katholischen Kirche. Indem die Gemeinde als pilgernder Teil des Gottesvolkes das Gloria auf Erden singt, stimmt sie zugleich in den ewigen Lobgesang der Engel als stationärem Teil des Volkes Gottes ein.

Der Lobgesang ist eine vielstimmige Antwort auf das unergründliche Geheimnis. Im Bild der Engelchöre erscheint das Modell einer Theorie der Unbegrifflichkeit. Wer sich hier einschwingt, sucht nicht den Diskurs mit Fachkollegen, er besucht kein Symposion, er sucht „Mitsänger“. „Sagen zu können, was ich sehe“, so antwortete Hans Blumenberg auf die Frage nach dem vollkommenen irdischen Glück in dem berühmten Fragebogen von Marcel Proust.

In seiner Auslegung der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas, der „Engelsverheißung an die Hirten auf dem Felde“ hebt Blumenberg das „liturgische Prunkstück des Gloria“ hervor. Blumenberg ist in der Liturgie der Kirche nicht allein durch das strenge Exerzitium der Schwester Engelmunda beheimatet worden. Selbstverständlich dient er in seiner Lübecker Herz-Jesu-Gemeinde als Messdiener. Im Jahr 1937 hält er einige religiöse Vorträge etwa über Meister Eckhart (November 1937) oder die eucharistische Vereinigung mit dem Gekreuzigten „Katholische Aktion und eucharistisches Leben“ (Dezember 1937). Er schätzt die strenge Achtsamkeit, mit der Dechant Albert Bültel die Messe zelebriert, und er lernt in den drei Kaplänen der Herz-Jesu-Gemeinde drei Vorbilder der Katholischen Glaubens kennen, die mit einem evangelischen Pfarrer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ihr Leben geben werden. Seine einst jüdische Mutter ist aus Anlass der Eheschließung in der Berliner Hedwigskathedrale zum Katholizismus konvertiert. In der Zeit der Verfolgung findet sie Zuflucht bei den Grauen Schwestern und überlebt im Lübecker Marienkrankenhaus die Schreckenszeit. Es sind diese „Bilder“ gelebten Katholischen Glaubens im Engeldienst der Schwestern und im Martyrium der Lübecker Geistlichen, in denen Hans Blumenberg lebenslange „Gewißheit“ und Liebe zur Kirche erfuhr, auch wenn er in seinen späten Jahren die Messe nicht mehr besuchte. Dafür wird es unterschiedliche Gründe geben, über die er nicht gesprochen hat. Vielleicht führte die konfessionsverschiedene Ehe („Mischehe“ im Jargon der Fünfziger Jahre) zu einer schleichenden Entfernung von der eucharistischen Praxis. Vielleicht fehlte ihm unter den Münsteraner Geistlichen jener Jahre ein Seelsorger seines Vertrauens. Einmal sprach Franz-Peter Tebartz-van Elst, 1985 Seelsorger in Blumenbergs Heimatgemeinde St. Johannes Baptist (Altenberge), vor. Er wurde abgewiesen. Vielleicht hatte die Distanz zum Gemeindeleben den ganz einfachen Grund in der Umstellung des Tagesrhythmus’. Der Nachtarbeiter Hans Blumenberg ging kurz vor dem ersten Glockenläuten zu Bett.

Jede Berufung ist unmittelbar zu Gott und bleibt in ihren letzten Gründen auch dem Berufenen selbst Geheimnis. Dennoch ist sie auch ein Spiegel der Zeit. Hans Blumenbergs religiöse Sozialisation fand vor dem Zweiten Vatikanum statt, und es ist keine Frage, dass er diesen Wurzeln entschieden treu blieb. Das gilt besonders für seinen Blick auf die Engel in „Anfang, Mitte und Ende der Geschichte“. In diesem Kapitel seiner „Trilogie von Engeln“ geht es um Fragen von Anfang und Ende, von Schöpfung und Eschatologie, um Erlösung, Gericht und Vollendung. In Anspielung auf das Jesuitentheater und Hans Urs von Balthasars „Theodramatik“ heisst es:

„Der Engel steht am Anfang der Erdenepisode, wie er an deren Ende als Buchführer des Gerichtes stehen wird. Die Angelologie sorgt für die zuverlässige Einhaltung von Raum, Zeit und Handlung auf dem Welttheater.“ Engel schützen diese Einheit. „Engel haben mit Raum und Zeit zu tun. Sie überbrücken den Raum als Boten der Gottheit, sofern sie aus deren Himmelschören entbehrlich sind, und sie erfassen die Weltzeit, indem sie die Buchführung der Lebenschronik für das Gericht von Amts wegen verwalten.“

Vom Gericht wissen Rilkes „Duineser Elegien“ nichts, sehr viel aber vom „Rühmen“. Das vergängliche Leben zu besingen und darin sein Sein zu benennen und zu bezeugen, gilt in dieser von Blumenberg geschätzten Engeldichtung als Aufgabe des Menschen. Sie bezeugt eine Welt, die wunderbar im Ganzen ist, eine im Letzten ungestörte und unzerstörbare Weltordnung, die auch Goethes „Faust“ zugrunde liegt. Unter den Aufgaben des deutschen Aufsatzes, die der überaus geschätzte Deutschlehrer Wilhelm Krüger im Abitur stellte, wählte der junge Blumenberg das Thema „Faust“. Noch in seinen späten Münsteraner Vorlesungen kam er immer wieder auf das „Vorspiel im Himmel“ mit dem Gesang der drei Erzengel und den „katholischen Schluß“ von Faust II. zu sprechen. Hier wird Faustens Unsterbliches, seine Entelechie, von Engeln zu Maria in den Himmel getragen. Für Blumenberg war diese Allversöhnung mehr als Dichtung. Noch in seiner Karsamstags-Theologie der „Matthäuspassion“ (1988) wagt er zum Schluß einen Ausblick auf die Apokatastasis des Origenes. Die „Matthäuspassion“ enthält Blumenbergs Angelologie im Kontext von Schöpfung, Sündenverfall und Passion Christi.

Das Thema „Engel“ lag vor der Jahrtausendwende gleichsam in der Luft. Im Deutschen Herbst des Jahres 1977 hatte der reformierte Hagiograf Walter Nigg sein Buch „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ als Kommentar und Gegenrede zur Zeit veröffentlicht. 1986 kam Wim Wenders Engelfilm „Der Himmel über Berlin“ in die Kinos. Hier durchschritten wenige Jahre vor dem Mauerfall zwei Engel die Berliner Mauer. Im gleichen Jahr veröffentlichte Blumenbergs erster Suhrkamp-Lektor Karl Markus Michel einen kurzen Lehrgang der Angelologie unter dem Titel „Vom Leib der Engel“ (1986). Zu den neuen Nachbarn in Altenberge gehörte der reformierte Theologe Michael Welker. Er suchte den Kontakt zu Hans Blumenberg, indem er ihm seinen Aufsatz „Über Gottes Engel“ (1987) in den Briefkasten warf. Zu einem Kontakt kam es dennoch nicht.

Blumenberg mahnte zur „Vorsicht im Umgang mit Engeln“. Das Thema wurde unmittelbar nach der Jahrtausendwende in sogenannten spirituellen Büchern populär, erlebte eine Wiederkehr in Kitsch und Kunst, verlor sich aber wie jede Mode recht bald. Seinen angestammten Sitz im Leben der Pastoral behielt es jedoch. Das gilt auch für die Seelsorge in den evangelischen Kirchen, wo Bonhoeffers Engellied von den guten Mächten als Lizenz der Rede von den Engeln gilt. In der Theologie blieben die Engel randständig. Engel dienen offenbar keinem Wissenschaftler zur Ehre. Wer unter den Theologen etwas werden wolle, so hatte Blumenberg gesagt, der solle lieber die Finger von den Engeln lassen:

„Es ist keine beiläufige Beobachtung, dass Angelologie und Dämonologie dem Theologen komplementäre Lizenzen zur Imagination geben, ihm jedoch jede ‚Größe‘ in seiner Profession verweigern.“

 

 

 

 

 

Erinnerung an eine Begegnung mit 

Ulrich Thoemmes, 

Joachim Fest, Marcel Reich-Ranicki und Golo Mann  

(Lübeck, Mai 1982)

 

  

Travemünde Mai 1982: Golo Mann erinnert sich lebhaft


(Photo: Peter Thoemmes)

 

 

An einem kalten Februarabend rief mich Dr. med. Ulrich Thoemmes in Münster an. Er fragte mich, ob ich Hans Blumenberg kenne? Wir kamen ins Plaudern. Bald sprach er von den Tauchkünsten seines  alten Schulfreundes. Er konnte fünf Minuten und mehr unter Wasser bleiben, indem er sich mit den Händen an einer Wurzel festhielt - solange, bis die Freunde vor Verzweiflung schrieen:

 

"Hans, lebst Du noch?"

 

Dieser Anruf liegt gut vierzig Jahre zurück, und ich bin älter als mein Lehrer damals war. Über die angeblichen Tauchkünste wunderte ich mich nicht. Fragte nicht: "Wirklich fünf Minuten? Vielleicht nur drei oder vier oder gar sechs?" Ich nahm die Geschichte als eine kleine Kindheitserinnerung hin. 

 

Inzwischen hat Christoph Rüter http://christoph-rueter-filmproduktion.de/index.php einen Film über den abgetauchten Hans Blumenberg gedreht. Er trägt den Titel "Der unsichtbare Philosoph" (2020). Zu diesem Filmtitel passt die Tauchszene wie ein Vorspiel aus früher Kindheit.

 

Im Mai 1982 hätte niemand die Metapher vom unsichtbaren Philosophen verstanden. Denn Hans Blumenberg war ja für uns alle sichtbar. Wir konnten ihm die Hand geben, mit ihm sprechen und lachen. Der sichtbare Philosoph war ein ganz und gar sinnlicher Mensch. Ulrich Thoemmes kannte ihn seit der Grundschulzeit, denn beide besuchten jeden Morgen an der Seite von Schwester Engelmunda und den anderen Lehrerinnen der Katholischen Schule die Frühmesse.  Der unsichtbare Philosoph des Filmes beschreibt eine Fiktion. Hans Blumenberg liebte es, seine Spuren zu verwischen. Er wollte nicht von jedem erkannt werden. Der Film hätte ihm gefallen und ihm zwei heitere Stunden geschenkt.

 

Über den Grund des Anrufes sagte Ulrich Thoemmes nichts, sondern forderte mich auf, diesen zu erraten. Das klang irgendwie nach Überraschung. Aber warum ging es? Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Da klärte mich der Vorsitzende der Deutschen-Thomas-Mann-Gesellschaft auf: Ich solle am 6. Mai 1982 von Münster nach Lübeck fahren. Dort werde mir der Thomas-Mann-Förderpreis verliehen. Ich wusste nicht, dass es diesen Preis für Jungautoren gibt und hätte es auch nicht wissen können. Es gab ihn nur einmal im Mai 1982 und dann nie wieder. Noch Jahre später, als mein Lehrer Eckhard Heftrich den Vorsitz übernahm, vermutete ich die Schuld bei mir. Irgendetwas musste ich in Lübeck falsch gemacht haben. Nur was? Ich war so jung, so unerfahren. Ein Zigeunerjunge am Rande des literarischen Universums, ein Irrlicht in der Lichterkette, wie Klaus Modick einmal sagte. Hans Blumenberg sprach gelegentlich von meiner versäumten Entjugendlichung. Versäumte Entjugendlichung: War das Kritik oder Lob?

  

Angeregt durch die Freundschaft zu der feministischen Schriftstellerin und späteren Konvertitin Karin Struck erprobte ich mich auf dem Gebiet des literarischen Erzählens. Ich schrieb den Roman „Thomas Mann auf der Seefahrt nach Oslo“ (1981). Das fürchterliche Buch erschien in Rogner’s Edition im Ullstein Verlag. 

 

Über den Sinn und Unsinn des Publizierens äußerte sich Blumenberg immer wieder in seinen Vorlesungen. „Mihi ipsi scripsi“, hatte Friedrich Nietzsche gesagt, als er glaubte, ein gescheiterter Autor zu sein. Blumenberg gab dem Spruch eine positive Wendung: Eigentlich schreibe jeder Autor für sich selbst. Denn sagen zu können, was man sehe, erlebe, denke, gehöre zum höchsten Glück der Autorschaft. Warum dann noch Bücher veröffentlichten, wenn das Schreiben Selbstzweck sei? Die Publikation sei die einzige Möglichkeit, die Besserwisser aus der Reserve zu locken. Das hatte ich getan. Als Leser der FAZ nannte sich Hans Blumenberg gerne einen Exorzisten des Druckfehlerteufels. Bei der Lektüre meines Buches muss es ihm wohl gegangen sein wie in Gerasa. Er verstehe nicht, sagte er nach Vollendung seines Werkes, wie Ullstein dieses Buch drucken konnte.

 

Ich stimmte seinem Urteil vorbehaltlos zu und schrieb munter weiter an einem zweiten Roman mit dem Titel „Papa Faust“ (1982), einer  Satire auf die keimende alternative Szene. Das Buch wurde ein Erfolg. Rogner's Edition ging trotzdem pleite und wurde eingestampft.

 

Zeichen auf dem Weg ins Leben. Fritz Rumler lud mich nach Hamburg in die Redaktion des „Spiegel“ ein. Wir vernebelten sein kleines Büro mit blauem Dunst und plauderten über Feminismus und Stillgruppen, Anti-AKW-Demos und Männergruppen, Grünkern-Gemüsesuppen und Bio-Wein, Getreidemühlen und Kinderpullover aus friesischer Schafwolle, Sitzbadewannen, Ölbäder und Unterleibsmassagen. Dann verfasste Fritz Rumler ein enthusiastisches Protokoll und schrieb im „Spiegel“ (7/1982):

 

„Und wirklich ist, rarer Fall, der ‚Papa Faust’ ein frappierender Intelligenz-Trip ins Heitere. Ein Sprachkomödiant setzt sich ab von den grauen Kolonnen der schreibenden Ego-Schmocks und der Neuen Weinerlichkeit; der Zeit schaut er dennoch scharf ins Auge.

 

Unter dem Tarnwort ‚Idylle aus deutschen Landen’ nämlich bringt Wolff ziemlich alles zu kunstvoller Sprache, was so im Augenblick die Szene bunt macht: Grüne, Feministinnen, Punker, Öko-, Bio- und Psycho-Freaks – das antibürgerliche Heldenleben. Der junge Wolff schreibt dabei nicht mit Ideologiesäure, vielmehr mit der Gelassenheit eines alten Meisters.“

 

 

 

Kreatives Schreiben als Erprobung eines Selbstbildes, so würde vielleicht heute ein Kulturwissenschaftler Bücher dieser Art bezeichnen. Daher haben sie einen Wert in sich selbst. Hoffentlich. In seinem Roman „Weißer Jahrgang“ portraitierte Uwe Pörksen unseren gemeinsamen Lehrer Friedrich Ohly. Ein Gleiches hatte ich nun mit Hans Blumenberg versucht. Das verdiente kaum eine Erwähnung, wenn mich der „Papa Faust“ nicht völlig unerwartet in Lübecker Kreise und damit in die Schulzeit meines Lehrers geführt hätte. 

 

Ulrich Thoemmes leitete mich vom Lübecker Bahnhof zu einer kleinen Pension an der Trave mit Blick in den Hinterhof und Dusche in einer Zimmerecke. Eine Studentenbutze eben. Ich legte meinen Koffer auf das alte Ehebett, öffnete ihn und hing meinen Konfirmationsanzug auf den Bügel. Er passte noch immer und auch der Samtpropeller breitete noch munter seine Flügel. So erschien ich am kommenden Tag als reifer Konfirmand im Festsaal. 

 

Die Preisverleihung im Beisein von Lisa Dräger und Martin Thoemmes, dem Sohn des alten Schulfreundes, begann um 11.00 Uhr im historischen Scharbau-Saal der Lübecker Stadtbibliothek mit dem Andante moderato aus Richard Wagners Oper „Die Walküre“. Ulrich Thoemmes zeigte sich als raunender Beschwörer der Geschichte dieses Ortes. Einst hatten in dem heutigen Bibliothekssaal die Franziskaner aus dem Kloster St. Katharinen geschlafen. Wie in Hildesheim das Andreanum, so gründete Johannes Bugenhagen in Lübeck eine Bürgerschule, das Katharineum. An den hohen Anforderungen dieser Schule waren Thomas und Heinrich Mann gescheitert. Jeder im Saal wusste das. Warum Ulrich Thoemmes dennoch vom Schulversagen der Brüder sprach, mochte einen geheimen Grund haben. Vielleicht brauchte er eine Überleitung zu seinem Klassenkameraden Hans Blumenberg, der als bester Schüler der Anstalt das Abitur 1939 abgelegt hatte und dem Direktor Robert Wolfanger nicht das Reifezeugnis aushändigen wollte. 

 

Ich hatte mein Münsteraner Studium abgeschlossen und stand unmittelbar vor dem Eintritt ins Referendariat. Also interessierten mich Schulgeschichten in Lebenszeugnissen sehr. Thoemmes war drei Tage lang in Plauderlaune und erzählte aus der gemeinsamen Lübecker Schulzeit. Er führte mich durch die Schule und zeigte mir die Gedenktafeln für Thomas Mann und Heinrich Dräger. Der Lübecker Unternehmer produzierte kriegswichtiges Gerät und hielt in den letzten Kriegsjahren die Hand über Hans Blumenberg. Die Geschichte der Dräger-Werke und insbesondere den Einsatz Heinrich Drägers für Menschen mit jüdischen Wurzeln hat Martin Thoemmes später in seiner Dräger-Biographie beschrieben.

 

Während der Feierlichkeiten im Scharbau-Saal 1982 erinnerte Thoemmes an  Thomas Manns Festansprache zum Schuljubiläum des Jahres 1931 und den Sextaner Hans Blumenberg, der vom Erscheinungsbild des Nobelpreisträgers enttäuscht war. Dann gab mir der Vorsitzende der Thomas-Mann-Gesellschaft folgende Worte mit auf den Weg:

 

„Möge ein Funke wiederum lebensverjüngenden Geistes Ihren eingeschlagenen Weg erhellen, auf dem wir Sie heute ermuntern wollen. Sie selbst haben erklärt, den Exodus der Heiterkeit aus der gegenwärtigen Literatur aufhalten zu wollen. Wir erinnern uns dabei des Wortes Thomas Manns von der Lebensfreundlichkeit seines Werkes, obschon es vom Tode wusste. Das lebensbedrohliche Szenarium unserer gegenwärtigen Welt erfüllt besonders Ihre Generation zu Recht mit Unbehagen und Angst, aber es soll Ihre Lebenszuversicht und Ihren Glauben nicht auslöschen.“

 

Unter den Gästen saßen Marcel Reich-Ranicki und Golo Mann. Sie waren gekommen, um Joachim C. Fest zu feiern, den dritten Träger des Thomas-Mann-Preises nach Peter de Mendelssohn und Uwe Johnson. Beim Festmahl hatte man mich gegenüber dem Ehepaar Teofila und Marcel Reich-Ranicki platziert. Vielleicht wollte man mir eine Chance zu weiteren Kontakten geben.  Damals kannten auch Nicht-Leser den streitbaren und streitlustigen Literaturkritiker. Er gehörte zum „Teig“, wie man in Basel sagt. Deshalb sollte auch er in den nächsten Jahren den Thomas-Mann-Preis verliehen bekommen. 

 

 

Wenn man heute Schüler einer Gesamtschule oder Studierende der Germanistik nach Marcel Reich-Ranicki fragte, würden sie mit den Schultern zucken. Vielleicht erinnert sich jemand an die Verfilmung seines Lebens. Das kulturelle Gedächtnis ist sehr kurz geworden. Reich-Ranicki war großes unterhaltsames Theater in allen Stimmlagen bis zur Selbstherrlichkeit. Ein Original wie er sähe sich heute wahrscheinlich einer Flut von  Beleidigungsklagen ausgesetzt.

 

Man nannte ihn den Literaturpapst, weil sein literarisches Urteil wie Segen oder Fluch empfangen wurde. Die Zeit der Päpste und ihrer letztgültigen Urteile ist vorbei. Marcel Reich-Ranicki war der letzte seiner Art. Auch deshalb liebten ihn am Ende alle, auch die Opfer seiner Feder. Heute sprechen andere die damnatio memoriae aus.

 

Ich hatte einen Mann mit Furor und Schaum vor den zerfurchten Lippen erwartet, den großen Zampano, den mächtigen Tyrannen, dem die jungen Autorinnen zu Füßen lagen. Doch neben Teofila war Marcel Reich-Ranicki sanft wie ein Schoßhündchen. Das Ehepaar unterhielt sich in polnischer Sprache, von der ich einige Brocken kannte. So kamen wir in ein Gespräch über den Sohn Andrzej, der als Mathematiker nach Edinburgh berufen worden war. Reich-Ranicki erschien mir als ein unaufgeregter und untersetzter alter Mann mit unverkennbar polnischer Diktion. Gebeugt über Scholle mit Krabben in Dillsoße hatte er nichts von dem gefürchteten Literaturkritiker, dessen Wort Schriftsteller in den Himmel der Bestsellerlisten oder in die Hölle der Namenlosigkeit befördern konnte.

 

Ich zögerte Marcel Reich-Ranicki nach Hans Blumenberg zu fragen. Meinte einen Widerstand, ein Missbehagen zu spüren. Vielleicht hörte ich auch nur die Flöhe husten. Wer blickt schon als Förderpreisling hinter die Kulissen?

 

Was man in der Jugend vermisst, hat man im Alter die Fülle, sagt Goethe, und der hat fast immer recht. Das gilt auch für Durchblicke.

 

Vierzig Jahre später las ich Dorit Krusches Aufsatz "Marcellus non papa ex cathedra. Zwei Begegnungen zwischen Hans Blumenberg und Marcel Reich-Ranicki" (In: Germanica 65/2019. S. 65-78) über die beiden recht unterschiedlichen Charaktere, die doch einige Gemeinsamkeiten besaßen:

 

"Sie waren Altersgenossen, hatten Sinn und Interesse für Literatur, waren Atheisten" (S. 65f.).

 

So geht vergleichende Literaturwissenschaft. Atheisten? Nicht Agnostiker? Vielleicht Theisten oder Deisten? Hans Blumenberg war Katholik. Er wusste, dass kein Getaufter und Gefirmter aus der Kirche austreten kann. Denn die Sakramente sind unwiderruflich gespendet worden. Hans Blumenberg blieb zeitlebens Mitglied seiner Kirche. Uwe Wittstock hatte Marcel Reich-Ranicki über die letzten Dinge gefragt (Focus 37/2012. S. 118-121), und der Literaturpapst hatte klipp und klar geantwortet:

 

"Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken.

Marx nannte Religion Opium fürs Volk."  

https://www.maths.ed.ac.uk/~v1ranick/focus10912.pdf

 

Nach Lübeck hatte ich ein Kapitel aus meiner geplanten Thomas-Mann-Biographie mitgebracht. Darin beschrieb ich seine Begegnung mit Sigmund Freud am 14. Juni 1936 in Wien. Aber Golo Mann interessierte sich nicht für Thomas Mann. Ich saß mit Ulrich Thoemmes und Thomas Manns Sohn in einem Fischrestaurant an der Ostsee und dachte darüber nach, wie schrecklich es ist, der Sohn eines Großen sein zu müssen. Gerne hätte ich ihm viele Fragen zu seinem Vater gestellt. Aber mir war bewusst, dass alle von diesem Sohn, über dessen drolligen Charakter der Vater in seinen veröffentlichten Tagebüchern berichtete, nur das eine wissen wollen: Wie hält man es aus, ein Mann zu sein?

 

Während draußen am Meer Wolken aufzogen, verdunkelten sich meine Gedanken. Ich frage mich, wie sich die Honoratioren gegenseitig ertragen konnten. Der Preisträger und sein Lobredner, der zukünftige Preisträger, der Bürgermeister und Stadtpräsident. Wie komme ich denn eigentlich hierher? Ich fühlte mich bei aller erwiesenen Freundlichkeit fremd und löste wohl auch Befremden aus.

 

In seinem Buch „Die Verführbarkeit des Philosophen“ nimmt Hans Blumenberg auf seine Art Stellung und schreibt: „Die Lübecker gehen mit ihren durch Preisträgerschaften adoptierten Söhnen noch strenger um als mit den natürlichen.“

 

 

 

Von Lübeck fuhr ich nach Klagenfurt, um beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis 1982 ein Kapitel aus meinem Roman „Der Ewige Deutsche“  (1984) vorzulesen. Es war ein brütend heißer Tag, an dem die Wasser aus den Gletschern strömten und die Hortensien ihre Köpfe hängen ließen. Marcel Reich-Ranicki spielte nun den Salonlöwen und brüllte so kräftig, wie es das Publikum von ihm erwartete. Etwa so: Das ist kein gutes Buch. Das ist kein schlechtes Buch. Das ist nicht einmal ein überflüssiges Buch…

 

Ich mochte den brüllenden Löwen, denn ich wusste - er spielte nur Theater. Er mochte mich, doch noch mehr mochte er Ulla Berkéwicz, die mit meiner Lektorin Hanna Siehr ein Zimmer teilte. 

 

 

 Uwe Wolff, Golo Mann und Ulrich Thoemmes

(Photo: Peter Thoemmes)

 

 

Der Gewinner des Bachmann-Preises 1982 ist heute vergessen. Doch der kommende Lesemarathon des Jahres 1983, an dem auch Bettina Blumenberg teilnahm, ist in die Geschichte eingegangen. Rainald Götz eröffnete mit seinem Vortrag den dritten Lesetag und schnitt sich mit einer Rasierklinge die Stirn auf. Kein Problem für einen Arzt. Aber das Publikum schrie vor Entsetzen und verlangte den Abbruch der Lesung. Die Mitglieder der Jury ließen sich nicht erschüttern. Viele von ihnen hatten den Krieg erlebt und konnten ernste von harmlosen Verletzungen unterscheiden. Rainald Götz zog mit stoischer Ruhe seine Lesung durch, während das Blut auf das Typoskript tropfte. 

 

Mein Mentor Hans Wollschläger https://www.uni-bamberg.de/news/artikel/herzgewaechse-die-nicht-mehr-wachsen/ hatte mich vor der Reise nach Klagenfurt gewarnt (Brief vom 31. März 1982):

 

„Aber haben Sie sich das mit Klagenfurt auch genau überlegt? Das ist ein ekelhaftes Zeremoniell dort, und je besser Sie sind, desto geringer ist Ihre Aussicht, bei den Plunderköpfen zu reüssieren. Ich habe Ihretwegen an meinen Verleger Gerd Haffmans geschrieben und ihm kurz und bündig geraten, Sie so rasch wie möglich ab – und anzuwerben für seinen Verlag, mit dem er im Herbst startet -: Sie wären da bestens aufgehoben, und Haffmans (bisher Cheflektor und Verlagsdirektor bei Diogenes) wird sicher ein glänzendes Verlagsunternehmen auf die Beine stellen. Überlegen Sie sich das bitte gut:- ich geb' gern genauere Auskünfte.

 

Und Ihre Sorgen! Mein Lieber, Sie können so viel, dass einem schwindelig werden kann, und das Wunderliche daran ist, dass Sie es offenbar gar nicht wissen. Machen Sie sich nur gar keine Gedanken wegen der ‚Marionetten’: - ich glaube, das empfindet jeder Autor so. Ihre Gestalten haben ‚Leben’, soviel nur reingeht, und jeder Auftritt macht Pläsier. Nochmals: der PAPA FAUST ist ein funkelndes Stück ironischer Welterzählung; das kann außer Ihnen heute keiner, - ich weiß, was ich sage.

 

Viel Zuversicht wünscht Ihnen Ihr Sie herzlich grüßender

Hans Wollschläger“

 

(Abdruckgenehmigung durch https://gabrielewolff.wordpress.com)

 

In der Gestalt des Ahlrich vom Rosenhof hatte ich mein Bild von Hans Blumenberg verdichtet, gleichsam als Abschiedsgeschenk für Forderung und Förderung, denn ich sollte Münster verlassen. „Der Ewige Deutsche“ stand quer zum Zeitgeist, was Niels Höpfner mit seiner Besprechung des Romans in der Wiener „Die Presse“ (9. Februar 1985) zum Ausdruck brachte. Urteile wandeln sich im Laufe der Jahrzehnte nicht, aber sie können plötzlich in einem unerwarteten Licht erscheinen. Niels Höpfner schrieb:

 

„Der 1955 geborene Autor Uwe Wolff schreibt eine Sprache, die sich auf den Begriff ‚Neue Kostbarkeit’ bringen ließe. Verglichen mit ihm sind selbst Peter Handke und Botho Strauß bettelarme Schreibbrüder.“

 

Wollschläger war mir als Lehrer auf andere Weise wichtig. Er hatte über Karl May und die Kreuzzüge gearbeitet und einen Faust geschrieben, dessen zweiter Teil nie vollendet werden sollte. Er spielte Bach auf der Orgel der Johanniskirche neben dem Seminar für Mittelalterforschung in Münster und verbrachte mit seinem quicklebendigen Sohn einige Tage in meiner kleinen Wohnung. Später besuchte er mich in Minden und las vor meinen Schülern. Wollschläger besaß Pathos und Poesie eines Psychologen, der mit seiner Sprache tief in den Kern der Dinge vordrang. Die Nomina wurden bei ihm wieder zu Numina. Dieses Beschwörende und  Geheimbündlerische zog mich an, vielleicht auch, weil es einen entschiedenen Kontrast zur profanen Sprache der modernen Theologie bildete, aus der das Sakrament des Wortes längst verbannt worden war. Der Sohn Gottes hatte durch das Wort und den Geist geheilt. Was war von diesem Vertrauen auf das Wort geblieben?

 

Ulrich Thoemmes, Hans Wollschläger und weitere Wegbegleiter waren längst verstorben, als ich Jahrzehnte später mit Undine an die Küste des Baltischen Meeres fahre. Wir plaudern über Hans Wollschläger. In Bargteheide machen wir halt. Ob der alte Tischlermeister noch lebt, der einst den Schreibtisch des Philosophen aus norddeutscher Eiche fertigte? Er müsste jetzt einhundert Jahre alt sein. Es gibt Tischler vor Ort, aber keinen Familienbetrieb, der in der ersten Hälfte des Jahrhunderts gegründet wurde. Wir suchen den Fuchsbau, das Bildungszentrum Malepartus für höhere Postbeamte. In den erneuerten Räumen befindet sich jetzt ein Altenheim und eine Schule für Altenpfleger.

 

Wir erreichen Lübeck. Ich will Undine das Katharineum zeigen. Martin Thoemmes hat mir von einer neuen Gedenktafel mit dem Profil Hans Blumenbergs berichtet, entworfen und angefertigt von Wilhelm Schmidt, dem Kunsterzieher. Von diesem Kollegen, der über 40 Jahre an dieser Anstalt gewirkt hatte, stammt auch die schöne Keramik mit dem Portrait von Erich Mühsam - auch er einst Schüler des Katharineums. Ulrich Thoemmes hatte sie bei seiner Schulführung übergangen.

 

Der letzte Schultag vor den Ferien. Die Schüler sind bereits ausgeflogen. Das Gebäude steht offen. Die alten Gedenktafeln für Thomas Mann und Heinrich Dräger finde ich so wenig wie die neue von Hans Blumenberg. Durch verwinkelte Gänge und über verschiedene Treppen steigen wir ins Rektorat empor und treffen den Schulleiter. Thomas Schmittinger trägt einen Arm in Gips, ist aber guter Dinge. Ich stelle mich als Kollegen aus Hildesheim vor und sage, wir hätten die Erinnerungstafel für Hans Blumenberg gesucht, aber nicht finden können. Der Mann aus dem Hunsrück schaut ernst: Das wundere ihn nicht, denn die Tafel liege hier in seinem Rektorat.

 

Zwischen den Papierstapeln in einem Regal fischt er einen kleinen Karton, öffnet ihn, holt eine Keramik hervor und legt sie vor uns auf den Tisch neben Kaffeetassen und Kekse. Kein Zweifel, das ist Hans Blumenberg. Nur warum wird die kleine Tafel nicht im Gebäude aufgehängt?

 

Weil es entschiedenen Widerspruch gegeben habe. Auf dem Bild, habe es geheißen, sei Sigmund Freud zu sehen, nicht Hans Blumenberg. Gar nicht schlecht, denke ich, denn Blumenberg liebte die Abenteuerromane der Psychoanalyse und die konfliktreichen Familiengeschichten von Sigmund Freud und seinen Schülern. Mit vergnüglichen Seitenhieben erzählte er von nie endenden Dramen.

 

„Absurdistan“, sagt Thomas Schmittinger und legt die Erinnerungstafel an Hans Blumenberg in das Regal zurück. In zwei Jahren gehe er in Pension. Dann verabschiedet er uns und sich in die Ferien.

 

 

 

 Irgendwo in Lübeck gesehen