"Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott..."

Matthias Claudius

 

 

Die Fünfziger Jahre, in die meine Generation geboren wurde, kannten noch ein starkes katholisches Profil. Einige erfüllt es im Rückblick mit Wut, andere mit Wehmut. Als Kind aus einer „Mischehe“ nahm ich es mit Faszination und zugleich einem Gefühl des Ausgeschlossenseins wahr. Erhebend die Gebete zum Schutzengel im Katholischen Kindergarten St. Ida. Geheimnisvoll das rot leuchtende Ewige Licht im Halbdunkel der Kirche und die Kreuzwegstationen an den Wänden. Gefährlich der Gang in die Nachbarstraße. Dort wohnten die Katholiken. Sie verteidigten ihr Revier gegen uns Kinder aus der evangelischen Straße, besonders wenn zu Fronleichnam der Straßenaltar aufgebaut wurde. Unter ihnen war nicht nur beim Schmücken des Altars das Leben aus der eucharistischen Mitte spürbar, die wir nicht besaßen. Sie waren durch das Messopfer gestärkt und zugleich gestählt durch die Freizeiten der St. Georgs-Pfadfinder, sie zeigten Flagge bei den Prozessionen zur Muttergottes von Telgte, gingen jeden Sonntag als Familie zur Heiligen Messe und beugten die Knie vor dem Lamm Gottes, das hinwegnimmt ihre Sünden. Diese Welt ist längst untergegangen. Heute gibt es statt des Messopfers vegane Weingummis der Marke "Not guilty".

 

 

Mit angehaltenem Atem - Epiphanie 1959: Kindergarten St. Ida - Münster Gremmendorf

 

In meiner Familie besuchte nur die katholische Großmutter die Vorabendmesse. Evangelisch getauft und konfirmiert ging ich wie Oma Selma allein in den Gottesdienst, leitete später Kindergottesdienste und leistete den Zivildienst im Synodalen Jugendpfarramt. Im Studium der Evangelischen Theologie für das höhere Lehramt erlebte ich ab 1975 eine Welt ohne Geschichte. Wären nicht Lehrer wie der Mittelalterforscher Friedrich Ohly oder der Philosoph Hans Blumenberg gewesen, ich hätte von dem Reichtum der Tradition wenig erfahren. Zwischen Bibel, Luther und Karl Barth lagen Wüstungen. Feinkörnig wie Sand war auch die Auslegung des Neuen Testaments durch Rudolf Bultmanns Epigonen. Was am Ende von der Heiligen Schrift übrig bliebt, war ein wenig Wüstenstaub an den Fingern.

So musste ich mich in meiner Identität als junger Lehrer und bald Ausbilder von Religionslehrern auf ein anderes Fundament stellen. Ich suchte nach erfahrungsbezogenen Zugängen zu Bibel, Gesangbuch und Kirchengeschichte, die sich bald als Schwerpunkte meiner Didaktik herausstellten. An Erzählungen von Engeln und Heiligen interessierte mich das in ihnen verborgene biographische Zeugnis vom Wunder des Glaubens. So kam ich auf der Suche nach Orientierung zu Hans Urs von Balthasars „Theodramatik“ und „Große Heilige“ von Walter Nigg. Der reformierte Pfarrer einer kleinen Gemeinde bei Zürich hatte mit seinen Büchern über die Heiligen ein katholisches Publikum erreicht, das nun sein Erbe fern des Glanzes alter legendarischer Vergoldung sehen lernte. Walter Nigg moralisierte nicht, wie es heute wieder kirchlicher Brauch geworden ist, sondern erzählte auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen von den Labyrinthwegen des Herzens. So wurde Hagiografie zum Spiegel biografischer Selbsterkenntnis.

Bei Herder hatte ich Bücher über Engel, Heilige und die großen Symbole des Christentums veröffentlicht. Ich hielt Vorträge in Gemeinden, Kindergärten, Schulen, Akademien. 1995 lud mich Barbara Hallensleben zu dem Engelsymposion „Un ange passe…“ nach Fribourg ein und ermutigte mich, die Biografie Walter Niggs zu schreiben. Mit ihr wurde ich an der Katholischen Fakultät zum Doktor der Heiligen Theologie („Sacrae Theologiae Doctor“), wie es auf der lateinischen Urkunde hieß, promoviert.

Die Schülerin Erwin Iserlohs („Der Thesenanschlag fand nicht statt!“) ist Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene. Papst Franziskus berief sie unlängst in die Studienkommission zur Überprüfung einer Zulassung von Frauen zur Diakoninnenweihe. In Fribourg erlebte ich die geistige Weite und Vielfalt einer katholischen Theologie mit ökumenischem Horizont, die vor allen Dingen auch die Kirchen des Ostens in den Blick nimmt. Ich folgte der Einladung, Exerzitien zu halten, lernte wunderbare Ordensleute kennen, durfte ihr Gebetsleben und die Schönheit der Liturgie teilen. An der Seite von Pater Franz OFM begab ich mich auf Pilgerreise nach Assisi und hörte auf dem La Verna die Lauretanische Litanei, von der Hans Blumenberg gesprochen hatte.


Vor einem Austritt aus meiner Kirche scheute ich zurück. Ich habe das evangelische Kirchenlied - auch als Erbe meiner Mutter - immer geliebt, allen voran die vielstrophigen Gesänge Paul Gerhardts und Gerhard Tersteegens. Unzählige Male habe ich meinen Kindern „Der Mond ist aufgegangen“ oder „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ zum Einschlafen vorgesungen. Es gibt nichts Vergleichbares in meiner Muttersprache. Konnte ich nicht in der evangelischen Kirche katholisch sein? Seit Friedrich Heiler haben evangelische Pfarrer versucht, eine evangelische Katholizität in apostolischer Sukzession nach dem Vorbild der schwedischen Staatskirche zu leben. Einige von ihnen haben sich als Mitglieder einer Bruderschaft sogar zum Priester weihen lassen. In den meisten Fällen geschah dies, ohne dass der Kirchenvorstand davon erfuhr. Es gibt viel heimliche Weisheit und katholische Sehnsucht unter den evangelischem Pfarrern, aber noch mehr Angst vor Überfremdung unter den Gemeindemitgliedern. Evangelische Identität besteht oftmals aus reiner Abgrenzung gegenüber der katholischen Tradition. In der evangelischen Kirche kann man nicht katholisch sein. Man muss den Sprung in die Mitte wagen, gerade jetzt, wo die Altäre immer mehr verhüllt werden und der Maske mehr zugetraut wird als der Eucharistie. Wir erleben „Die sterbende Kirche“ (1936), die Edzard Schaper in einem Roman beschrieben hat, aber auch den „Letzten Advent“ (1953), den ein Anschlussroman eröffnet. Die Kirche findet zu ihren Ursprüngen zurück und wird daran gesunden.

In einer Zeit der großen Wende gründete Benedikt von Nursia ein Kloster und stellte das Leben der Mönche in eine feste Ordnung, in demselben Jahr 529, als die Akademie Platons als höchstes Symbol der Weisheit dieser Welt geschlossen wurde. Benedikts Schule des Glaubens diente nicht nur der Stabilisierung des Einzelnen, sondern war als Kulturstiftung auch die Bewahrung einer von Auflösung bedrohten Tradition. Ich meine etwas von diesem Geist zu spüren, wenn ich die Heilige Messe mitfeiere. Hier wird eine Ordnung erfahrbar, die weltweit gilt und trägt. Im Messopfer wird die Mitte des Glaubens erfahrbar: Gottes Gegenwart. Hier beugen Menschen die Knie vor dem Geheimnis des Glaubens. Hier erfahren sie Vergebung und Befreiung. Christus spricht nur ein Wort, und die Seele wird gesund.

Zu den geheimnisvollen Fügungen auf dem Weg zur Mitte gehörte schließlich die Begegnung mit Pfarrer Thomas Blumenberg von St. Gallus in Detfurth. Ich wusste seit Jahren, dass in seiner Kirche einige der Vorfahren meines Lehrers Hans Blumenberg getauft und gefirmt worden waren. Mir war auch bekannt, dass der Priester und der Philosoph entfernt miteinander verwandt waren. Aber erst meine Arbeit an der Biographie Hans Blumenbergs führte mich in die Messe dieses Pfarrers. Da fühlte ich: Hier gehörst du hin. So kam ich an, wo ich schon immer gewesen war.

 

 

 

 

 

St. Gallus-Kirche in Detfurth. Sitz von Pfarrer Blumenberg

 

 

 

Gallarus Oratory, Dingle, County Kerry (2000)

 

 

Erntedank 2020

Dlf: Zum 100. Geburtstag von Hans Blumenberg (13. Juli 2020)

 

Der ganz andere Philosoph

Hans Blumenberg gilt als der „bekannteste Unbekannte“ der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Er sei schwer zu lesen, weil er „gründlich nachgedacht“ habe, sagt der Schriftsteller Uwe Wolff. Dennoch könne Blumenberg „Geburtshelfer für das eigene Philosophieren“ sein, so Wolff im Dlf.

 

 

Andreas Main: Uwe Wolff bezeichnet sich selbst als Engelforscher. Er ist Kulturwissenschaftler und Schriftsteller. Und er ist Privatdozent am Institut für Literaturwissenschaft und literarisches Schreiben der Universität Hildesheim. Und dann ist er auch noch Theologe, evangelischer Theologe, allerdings mit einer starken Neigung auch zur katholischen Theologie. Oder sagen wir, sein interkonfessionelles Interesse ist ausgeprägt. Und so hat es ihn auch nicht gestört, dass der Philosoph Hans Blumenberg sein Lehrer wurde, ein sehr katholischer Lehrer. Hans Blumenberg, der bekannteste Unbekannte der jüngeren Philosophiegeschichte.

Auch mir fällt es schwer, gut einzuordnen, wie wichtig das Werk von Hans Blumenberg ist, wen es bis heute beeinflusst, was wir verpasst haben, die wir seine legendären Vorlesungen in Münster nicht gehört haben. Einordnen kann das aber Uwe Wolff. Blumenberg war für ihn ein väterlicher Freund und so hat er nun ein kleines Buch vorgelegt mit dem Titel „Der Schreibtisch des Philosophen: Erinnerungen an Hans Blumenberg“. Wir haben dieses Gespräch mit Uwe Wolff, der im niedersächsischen Bad Salzdetfurth lebt, in der vergangenen Woche aufgezeichnet und strahlen es aus am heutigen 100. Geburtstag von Hans Blumenberg. Guten Morgen, Uwe Wolff.

Uwe Wolff: Ja, guten Morgen.

Main: Herr Wolff, was schätzen Sie, Hans Blumenberg, wie viel Prozent unserer Hörerinnen und Hörer kennen ihn?

Wolff: Ich glaube, dass ganz wenige ihn kennen und noch weniger ihn gelesen haben. Dennoch geht der Name durch die Medien wie kein anderer Name eines zeitgenössischen Philosophen oder eines Philosophen der unmittelbaren Vergangenheit. Hans Blumenberg, ja, da hat es so einen regelrechten Hype, wie man neudeutsch sagt, gegeben. Das ist die große Frage für mich auch: Warum ist das so? Ein Philosoph, der doch sehr schwer zu lesen ist, weil er sehr gründlich nachdachte, der eine sehr ausgewählte Sprache hatte, die sich nicht jedem Leser sofort erschließt.


Warum ist gerade der heute in aller Munde? Vom Namen her, wie gesagt, nicht von der Erkenntnis des Werkes. Er ist jemand, der sich allen entzogen hat. Keine Kongresse von Philosophie. Er ist nicht ins Fernsehen gegangen. Er hat keine Radiointerviews gegeben. Er hat sich allein auf seine Berufung, sein Werk konzentriert. Und ich glaube, dieses so ganz andere Leben als unser Leben, wir führen ja alle ein öffentliches Leben, auch hier in diesem Moment, wo wir miteinander sprechen, wir haben auch Freude daran, in die Öffentlichkeit zu gehen. Hans Blumenberg war der ganz andere. Und ich glaube, das fasziniert uns.

Main: Sollten wir ihn lesen? Warum sollten wir mehr von ihm wissen?

Wolff: Weil in ihm sozusagen zum letzten Mal vielleicht in der Philosophie des Abendlandes das Ganze anklingt. Das Ganze, das heißt also die Geschichte unseres Menschseins, unseres Denkens, von Platon und Aristoteles, über das Mittelalter, bis in die Gegenwart. Wir leben ja in einer sehr schnelllebigen Zeit. Wir fragen immer: Was bringt mir das und was muss ich wissen? Was ist wichtig, unwichtig? Wir werden ja bestimmt durch das Internet. Wir werden bestimmt durch die Taktung der SMS. Hans Blumenberg war jemand mit einem ganz langen Atem, der gesagt hat: „Setz dich mal hin. Komm mal zur Ruhe. Lies mal. Lies nicht nur die Bestseller, die du heute überall angezeigt findest, sondern lies die großen Bücher, in denen der Mensch seinem eigenen Wesen, dem Geheimnis seiner Existenz nachgegangen ist.“ Deshalb muss man und darf man Hans Blumenberg mit sehr großem Gewinn lesen, weil er das Ganze, also unsere Geschichte, die Geschichte des Menschen im Blick hat.

Main: Die, die ihn erlebt haben in Münster oder andernorts, haben ihn, so wie Sie, geradezu verehrt, kann man wohl sagen. Was musste oder muss jemand mitbringen, um Blumenberg zu verstehen?

Wolff: Ja, das ist eine Frage, die Blumenberg selbst immer thematisiert hat in seiner berühmten Freitagsvorlesung im Saal 8 des Münsteraner Schlosses. Da waren sehr viele Zuhörende, vor allen Dingen Nicht-Studenten, also andere Professoren, Münsteraner Bürger, Kunststudentinnen. Und alle wollten Blumenberg hören, wenn er dann sprach über die großen Themen des Menschen und der abendländischen Geschichte. Und oftmals war das gar nicht so leicht, ihn zu verstehen. Und dann hob jemand, wie das in Vorlesungen ja üblich war und heute noch ist, den Finger und wollte eine Frage stellen. Und Blumenberg lenkte dann immer ab und sagte: „Bitte, wenn Sie eine Frage haben, stellen Sie sie mir schriftlich. Also, ich möchte jetzt im Fluss meines Erzählens bleiben. Und seien Sie nicht traurig, wenn Sie etwas nicht verstehen, sondern das Verstehen, das ereignet sich im Zuhören.“

 

Das heißt also, was muss jemand mitbringen, um Hans Blumenberg zu verstehen, damals als Zuhörender und heute als Lesender? Einfach Geduld. Und das ist etwas, was uns in der Gegenwart ja ganz fehlt. Wir wollen sofort konsumieren. Wir wollen kleine Häppchen präsentiert bekommen. Blumenberg war genau das Gegenteil. Er hat gesagt: „Hab doch die Geduld zuzuhören und erlebe doch, wie sich in dir das Wissen entwickelt und auch das Verstehen.“ Jetzt der Philosophie der großen Lebensfragen. Also: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist die Liebe? Was ist der Schmerz? Was ist der Tod? Diese großen philosophischen Lebensfragen, sie lösen sich im Zuhören. Das war seine Botschaft und das war sozusagen auch die Voraussetzung, die die Zuhörenden mitbringen mussten, wenn sie Blumenberg verstehen wollten. Sitzen, warten, wie sich Verstehen ereignet. Und das war in der Tat etwas Unglaubliches, was wir in Münster erlebt haben ab 1975 bis 1985 – das sind die großen Münsteraner Jahre von Hans Blumenberg gewesen –, dass da wirklich Zuhörende waren. Und – jetzt kommt das Entscheidende – die nicht nur zuhörten, weil Blumenberg Tolles zu sagen hatte, sondern weil er, indem er erzählte, in den Menschen selbst, also uns Zuhörenden, sozusagen die eigene Fantasie, die eigene Lust auf Wissen, auf Schreiben, auf Gespräch freisetzte. Also, er war sozusagen ein Geburtshelfer für das eigene Philosophieren. Das war, glaube ich, das Besondere an ihm.


Main: Herr Wolff, Sie sind – ich habe es eben schon gesagt – Sie sind evangelischer Theologe. Blumenberg hatte als Philosoph, sagen wir mal flapsig, eine katholische Schlagseite. Was war das Katholische an ihm?

Wolff: Na ja, Hans Blumenberg war Katholik durch und durch. Er entstammte ja einem alten Hildesheimer Priestergeschlecht. Das waren Bauern und Priester. So war es ja früher üblich – heute noch im Münsterland –, dass also die großen Bauernfamilien nicht nur Landwirte hervorbrachten, sondern auch Gelehrte. Und aus so einem Geschlechte stammte Hans Blumenberg. Er wollte Priester werden. 1939, als er Abitur machte, stand auf seinem Abiturzeugnis: Hans Blumenberg möchte katholische Theologie studieren. Und das hat er auch gemacht. Er ist dann zu den Jesuiten, also dem strengsten akademischen Orden, nach Sankt Georgen gegangen und hat dort einige Semester Theologie studiert, um Priester zu werden. Und wurde dann, weil er eine jüdische Mutter hatte, vom Studium ausgeschlossen. Sonst wäre er ganz gewiss also Jesuit vielleicht, aber in jedem Falle Priester und Professor geworden.
Sein Schicksal führte dann dazu, dass er eben untertauchen musste im Dritten Reich. Er wurde geschützt durch einen berühmten Unternehmer in Lübeck. Das war Heinrich Dräger. Und als er dann die Zeit nach 1945 durchgestanden hatte, da verliebte er sich in eine Frau, die er dann heiratete, mit der er vier Kinder hatte. Und damit war sozusagen diese Priesterlaufbahn nicht mehr drin. Aber dieses Katholische, das blieb in ihm, also in seinen ganzen Fragen. Das merkte man sofort, wenn man die Vorlesungen hörte. Ich studierte ja – Sie haben es gesagt – evangelische Theologie. Und viele Theologen waren da. Und man hatte sofort das Gefühl, selbst, wenn man von Blumenberg noch nie was gehört hatte und den Mann noch gar nicht kannte, aber man spürte als junger Theologe sofort: Das ist einer, der ist in einer Wolle gewaschener Theologe. Zum Beispiel: Er sprach von der Schöpfung des Menschen. Er sprach von Fragen der Erlösung. Er sprach von Fragen der Vollendung der Welt. Er sprach von den Metaphern, den Symbolen, den Mythen, die wir brauchen, also, um das Geheimnis der Welt und das Geheimnis Gottes zu verstehen. Also, er war durch und durch ein christlicher, ein katholischer Denker.


Main: Uwe Wolff, evangelischer Theologe, Kulturwissenschaftler, Schriftsteller, Dozent an der Uni Hildesheim, in der Sendung „Tag für Tag – Aus Religion und Gesellschaft.“ Herr Wolff, jetzt stelle ich Ihnen eine blöde Frage, eine „Hätte-hätte-Frage“. Was hätte uns Blumenberg in Pandemie-Zeiten zu sagen? Was wäre sein Impuls in der Corona-Krise?

Wolff: Hans Blumenberg hat ja ein letztes Wort hinterlassen, und zwar in Form einer Briefmarke des Kardinals von Galen. Und der Spruch des Kardinals von Galen – Blumenberg war 1930 dabei, als Kardinal von Galen in Münster Bischof wurde – der Spruch des Kardinals von Galen lautet ja auf Latein: Nec laudbus nec timore. Weder durch Lob noch durch Angst, durch Furcht lasse ich mich irritieren. Und das wäre die Botschaft von Hans Blumenberg für diese Corona-Zeit: Seid vorsichtig. Seid nicht leichtsinnig, aber seid nicht zu optimistisch, seid auch nicht zu ängstlich. Lasst euch nicht irritieren, sondern geht euren Weg. Versteckt euch nicht. Versteckt euch nicht hinter eurer Angst, sondern geht euren Weg.
Das ist, glaube ich, das Zentrale für Blumenberg überhaupt, dieses Den-eigenen-Weg-gehen, die eigene Berufung spüren, das machen, was in uns angelegt ist. Und zwar nicht von uns aus oder durch Erziehung und Pädagogik, sondern von Gott her. Also, die anvertrauten Talente, denen nachzuspüren und die zu verwirklichen und dann keine Angst zu haben, aber auch durch Lob und Lobhudelei sich nicht irritieren zu lassen, sondern den eigenen Weg gehen, auch gerade in der Corona-Zeit.

Main: Der Schreibtisch des Philosophen, der steht ja bei Ihnen zu Hause. In der Form des Schreibtischs lebt Blumenberg für Sie weiter – und im Geiste auch. Was ist für Sie der zentrale Gedanke, wie er für Sie weiterlebt?

Wolff: Der zentrale Gedanke, den ich mit Hans Blumenberg verbinde, ist der der Freude und der Dankbarkeit. Und ich glaube, das ist das, was über Hans Blumenberg auch dann hinausweist. Wir alle haben Menschen gehabt, die uns begleitet haben. Und ich glaube, gerade dann, wir reden ja heute an einem Gedenktag, am 100. Geburtstag, den er nicht mal hat feiern dürfen, über Hans Blumenberg. Dieses Gedenken, was Menschen für uns geleistet haben – ich denke, das beginnt erst dann, wenn sie gestorben sind.
Natürlich sind wir auch zu Lebzeiten dankbar. Wir werden ja auch erzogen. Noch unsere Kinder und Enkelkinder werden erzogen, zu Muttertag oder zum Geburtstag des Vaters oder der Oma Geschenke zu bereiten. Aber das meine ich nicht. Ich meine diese tiefe Dankbarkeit, dass ein Mensch da war, der nicht nur an sich gedacht hat, sondern an uns auch. Und das andere auch – wir erleben das ja immer wieder, gerade, wenn wir Alte, Kranke, Sterbende begleiten oder dann eben auch über die Gestorbenen nachdenken. Wir merken plötzlich: Die sind eigentlich gar nicht tot. Die leben weiter. Ihr Bild vollendet sich in uns. Das ist ein ganz großes Geheimnis, dass das Bild eines Menschen sozusagen hinausstrahlt über den Tod.




Und das verbinde ich mit diesem Schreibtisch. Der ist für mich nicht nur natürlich eine wunderbare Erinnerung an einen Lehrer, den ich geliebt habe, sondern er ist für mich auch ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass das Leben weitergeht, und dass das Bild eines Menschen sich sozusagen vollendet erst nach dem Tod.

Main: Ein dankbarer Uwe Wolff, evangelischer Theologe, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller in Bad Salzdetfurth. Auch ich bin dankbar – für dieses Gespräch. Als kleines Dankeschön hier noch die bibliografischen Angaben. Uwe Wolff „Der Schreibtisch des Philosophen: Erinnerungen an Hans Blumenberg“. 136 Seiten, erschienen im Verlag Claudius, kosten 16 Euro. Uwe Wolff, danke, dass Sie Ihre Erinnerungen mit uns geteilt haben.
Wolff: Ja, ich habe zu danken.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Uwe Wolff: „Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen an Hans Blumenberg“
Claudius Verlag, München 2020, 136 Seiten, 16 Euro.

 

Zum 70. Geburtstag von Hans Blumenberg gab Michael Krüger eine kleine Festschrift heraus. Er bat mich um einen Beitrag. Damals beschäftigte mich "Die Wiederkehr der Engel". So kam ich auf die Idee, die Vorlesung am Freitagnachmittag als Unterricht in Angelologie darzustellen.

 

 

 

 

 

Lesen lernen im Buch des Lebens

 

 

Die Morgenröte der Schöpfung glänzte noch auf unseren Gesichtern, denn der Augenblick, da wir dem Nichts entrissen worden waren, mochte kaum einen Wimpernschlag der Ewigkeit zurückliegen. Wir aus der neunten Ordnung waren dazu berufen, die Bücher des Lebens zu führen, eine Aufgabe, die uns mit freudiger Erwartung erfüllte, denn das Studium des Weltenabenteuers und der humanen Regungen versprach in abwechslungsreicher Spannung die Zeit zu kürzen, deren wir zwar nicht unendlich, aber zuweilen bedrohlich viel besaßen. In den höheren Ordnungen, so hieß es, kannten sie keine Zeit.

 

Zuschauer und in gewissen Sinn Teilhaber an einer Welt sein zu dürfen, erschien uns als eine verlockende Bereicherung unseres Daseins. Es gab in unserer Ordnung eine Tradition, die behauptete sogar, Welt und Mensch seien nur als Programm zur Vermeidung von Langeweile geschaffen worden. Der Mensch aber solle einige von den Höheren zur Rebellion verführt haben. Das waren Gerüchte, derer es viele gab. Asmodi, aus dem Geschlecht der Ankläger, der neben mir in dem überfüllten Hörsaal saß und in gespannter Erwartung auf das Erscheinen unseres Lehrers wartete, kannte sie alle.

 

Dr. Seraph nannte man den Weisen vom Blumenberge bei uns in der neunten Ordnung. Jeder kannte seinen Namen und die Titel seiner Werke wie „Lebenszeit und Weltzeit“ oder „Die Lesbarkeit der Welt“. Das war keine Lektüre für uns Anfänger, sondern eindeutlich für Examenskandidaten geschrieben worden, die mit Strahlungsintensitäten umzugehen wussten und dem Spaziergang des Meisters am Horizont der Unbegrifflichkeit folgen konnten.

 

Es hieß, unser Lehrer käme von ganz oben, wo die Feuerflammen des Geistes lodern. Dort habe er die ungezählten Urbilder gesehen, die verwahrt sind im Schrein der Ebenbilder, und wenn er im Hörsaal erscheine, gehe der Glanz jener Sphäre von ihm aus, den wir nur in der siebenfachen Sphärenbrechung zu ertragen vermögen.

 

„Fürchtet du dich?“, fragte Asmodi.

 

„Ein wenig schon“, gestand ich, „denn über sein Wissen und seine Herkunft kursieren beunruhigende Gerüchte. Ich bin gespannt auf den gepriesenen Redner und den Erzieher, an dem die Kunst der Schärfung der Beobachtungsgabe und der Schulung der Aufmerksamkeit gerühmt wird. Er soll Licht in dunkle Höhlen bringen können und werde deshalb ‚Erleuchter der Lebenswelt’ genannt. Aber gesetzt, er nähme mich plötzlich ans Herz: ich verginge vor seinem stärkeren Dasein. Ein jeder von dort oben ist schön - und schrecklich!“

 

„Er soll sich über die Angelegenheiten der ersten Ordnung in Schweigen hüllen. Vielleicht weil es den Schrein der Ebenbilder gar nicht gibt?“

 

„Manchmal denke ich, es gibt den Menschen gar nicht und man gaukelt uns auf dem Planeten Erde nur ein Spiel mit Schatten vor.“

 

„Aber warum?“

 

„Um uns ruhig zu halten. Vielleicht haben die da oben Angst vor uns. Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, etwas ganz Gefährliches schläft in mir und droht wachzuwerden. Ich kann es aber nicht benennen.“

 

„Ich weiß von einer Rebellion unter dem Geschlecht der Ankläger“, sagte Asmodi, „die der Offenlegung der Kriterien galt, nach denen die da oben später unsere Aufzeichnungen  verwerten. Sie kämpften für die Transparenz der Buchführung und verlangten Einsichtnahme in den Schrein der Ebenbilder, um Urbild und Abbild selbst vergleichen zu können.“

 

„Und, wie ist die Revolte ausgegangen?“ 

 

„Wie alle Studentenunruhen! Sieh’ dich ’mal vorsichtig um. Da hinten, in der achtundsechzigsten Reihe, die Grauflügel sollen aus jener Epoche stammen.“

 

„Welche Haltung nahm Dr. Seraph damals ein?“

 

„Er schwebte, so sagt man, zwischen den Sphären und nahm eine Position ein, die von keiner der Parteien bezogen werden konnte. Er gilt als verführungsresistent. Zu allen Zeiten sprach er so, als wäre er überall dabei gewesen. Doch selbst die sieben Äonen, die man ihm nachsagt, können nicht ausreichen, alles selbst erlebt zu haben, was aus seinem Mund wie authentische Teilnehmerschaft klingt. Wer gesehen habe, wie der Mensch sein solle…“

 

„Also hat er doch Einblicke in den Schrein der Ideen gehabt?“

 

„… und erkennen, was er geworden ist, der könne weder dem Quell der Urbilder noch der Welt der Abbilder mit jenem Ernst begegnen, der gemeinhin in dieser Sphäre waltet.“

 

„Also ist er Humorist!“

 

„Das schon wegen seines Berufes. Lehrer sind entweder zynisch oder humorvoll. Da gibt es keine Alternative. Es heißt auch, er mag nicht das Gericht und die Idee eines Richters.“

 

„Wieso ‚Idee‘? Gibt es für ihn keinen Richter? Er muss doch die Wahrheit kennen!“

 

„Vielleicht kennt er die Wahrheit, aber liebt ihren Absolutismus nicht.“

 

„Das ist mir zu hoch. Warum bildet er Leser für das Buch des Lebens aus, wenn er sich nicht eindeutig zur letzten großen Wahrheit des Richters bekennt?“

 

„Das Buch des Lebens wird zur Erinnerung geschrieben, ohne die es keine Geschichten gibt, und zur Bereicherung unserer Ordnungen durch viele mögliche Welten. Deshalb soll er auch ein Pedant sein, der es mit der Ausbildung sehr genau nimmt. Er ist viel penibler als seine Kollegen, weshalb der Unterricht bei ihm sehr anregend sein soll. Schauen, genießen, sich unterhalten lassen vom Weltenspektakel und im Protokoll allein bezeugen, was geschah, ist nicht in seinem Sinn. Er ist anstrengend und verlangt Anstrengung.“

 

„So ändert sich nichts an unserer Tätigkeit!“

 

„Doch, das Ziel! Am Ende werden die Bücher des Lebens aufgeschlagen und die Lebensläufe werden durchsichtig, wie sie denen da unten niemals glaubten zu sein. Wir und sie, die Geschichten lebten, werden lesen, lachen und weinen. Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher!“ 

 

„Und der Schrein der Ideen, wenn es ihn überhaupt gibt?“

 

„Du fragst mich, als wär’ ich er! Ich glaube gehört zu haben, dass er gesagt haben soll, in diesem Schrein könne gar nicht verzeichnet sein, was dort unten geschieht. So werde es auch keinen Vergleich zwischen Urbild und Abbild geben und keine Korrektur des Geschehenen. Nicht für das Gericht, sondern zur Erinnerung werden die Namen verzeichnet. Hier oben sei alles im Sein erstarrt, dort unten pulsiere eine Welt im Werden. Hier herrschen Fakten, dort Möglichkeiten.“

 

„So ist er doch ein Rebell!“

 

Auch neben uns wurde eifrig spekuliert. Es hieß, Dr. Seraph trainierte die Beobachtungsgabe seiner Studenten an literarischen Lebensläufen, bevor er sie ins Leben entlasse. Jeder von uns müsse drei Bücher des Lebens über unterschiedliche Erscheinungsformen des homo sapiens schreiben: eines über einen Philosophen der Lebenswelt, worunter ich mir  nichts vorstellen konnte, eins über einen dämonischen Machthaber und das dritte über einen Dichter, der sich als Denker ausgewiesen habe. Das Verfahren diene einer Schule der Nachdenklichkeit und der Einübung in ein uns fremdes Zeitgefühl, das zum Verständnis der menschlichen Verhaltensweise unerläßlich sei. Der Mensch sei nämlich ein Wesen  mit unendlichen Wünschen, dem nur eine endliche Lebenszeit gegeben ist. Daher sei sein Verhältnis zur Welt gespannt, soll Dr. Seraph geschrieben haben. Gespannt sei auch das Verhältnis des Menschen zur obersten Ordnung, denn im Reich der geschlossenen Zeitschere wüßten die wenigsten, was es heißt, ein Mensch zu sein.

 

Seltsames Wesen, der Mensch, dem unsere Aufmerksamkeit gelten sollte! Ihm schien ein Herz gegeben, das von Ruhe nichts weiß, dessen Dichten und Trachten aber an höchster Stelle Aufmerksamkeit gefunden hatte, so dass man uns ins Leben rief, darüber Buch zu führen - zu welchem Zweck auch immer. Und es dämmerte mir: Ohne uns Leser und Schreiber - oder sollte ich sagen Schriftsteller? - gäbe es die oberen und unteren Welten nicht und alles Geschehen wäre nie gewesen. Herrschte nicht äußerst gespannte Neugierde auf den oberen Rängen, als Adam erschien, damit er die Welt benenne und alles beim Namen rufe? Ich spürte die Flamme der Sympathie für den Menschen in mir brennen und ein Verlangen hinabzusteigen erfüllte mich. Ja, ich wollte lesen lernen im Buch des Lebens.

 

Da verstummte das vielstimmige Murmeln und Flüstern. Die Gerüchte verflüchtigten sich. Wir hörten Rauschen - wie von gewaltigen Schwingen. Dr. Seraph erschien.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Horizontabschreitung in Bjerghuse/Vesterhavet

 

Unter dem Datum des 26. Februar 1996 hatte mir Hans Blumenberg seinen letzten sehr umfangreichen und theologisch dichten Brief geschrieben. Von seinem bald darauf erfolgten Tod informierte mich ein Anruf des Lübecker Arztes Ulrich Thoemmes. Trotz der auch mir bekannten Mitteilungen über den Gesundheitszustand hatte ich den letzten Brief nicht als Abschiedsgruss gelesen. Es mag merkwürdig klingen: Ich hielt Hans Blumenberg für unsterblich. Das ist er ja auch.

 

Marcel Proust spricht in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von dem „guten Engel der Gewissheit“ („le bon ange de la certitude“). Er ist, wie Hans Blumenberg in seinem Buch „Höhlenausgänge“ (1989) kommentiert, der Hüter von Anfang und Ende und des „reinen Einklanges mit sich selbst.“

 

Sein Vater habe Prousts Poetik der Horizontabschreitung drei Mal gelesen. Zum ersten Mal als Schüler  in der Teil-Übersetzung von Walter Benjamin. Zum letzten Mal in den Wintermonaten vor seinem Tod. So berichtet sein Sohn Tobias Blumenberg, der erste Herausgeber des Nachlasses und beste Kenner von Leben und Werk. Das französische Original in der Ausgabe der Pléiade habe sein Vater einmal gelesen.

Die Bibliothek eines Menschen ist Spiegel seiner geistigen Existenz. Aus seinen letzten Lektüren ist vielleicht ein Rückschluss auf letzte Haltungen möglich. War die Aufführung der Geschichte eines Wüstlings („The Rake’s Progress“) von Igor Strawinsky eine willkommene Ablenkung? Wie ernst nahm er die Geschichte zweier alt gewordener Brüder, die Thomas Bernhard in einem Zweiakter auf die Bühne brachte? „Der Schein trügt“ heisst das Drama misslungener Kommunikation. War das zum Lachen oder zum Weinen? Eine Tragödie war die Ehe von Jacob und Susan Taubes, über die die Tochter eines Rabbiners in ihrem Buch „Scheiden tut weh“ (1995) berichtet. Um schmerzhafte Erinnerungen geht es auch in Isaac Bashevis Singers Roman „Meschugge“ (1996). Vielleicht war der Tod von Wolfgang Koeppen (1906-1996) Anlass, sein Erinnerungsbuch an Venedig zu lesen. Vielleicht wollte sich Hans Blumenberg an seine eigene Italienreise und den Besuch dieser Stadt erinnern?

Zu den letzten Lektüren gehörte auch das ihm gewidmete Buch "Der gefallene Engel" und eine Rede mit dem Titel „Wohin geht die Kirche?“, die ich etwas vollmundig in Anwesenheit des Bundespräsidenten Roman Herzog und Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen gehalten hatte:

„Kirche will populär sein, zeitgemäß, liberal, tolerant, weltoffen. Sie will nicht anstößig sein. Ihre größte Versuchung besteht darin, dass sie von der Welt geliebt sein will. Die Krise der Kirche ist ihre eigene Glaubenskrise.“

 

Dieser Ton muss Hans Blumenberg gefallen haben. Die Blumenberge gehören zu einem alten katholischen Geschlecht aus dem Bistum Hildesheim. Der erste dokumentierte Vorfahre hieß Hans Blomberg. Sein Haus steht noch immer im Stadtteil Himmelsthür. Er stiftete das Taufbecken für die Ortsgemeinde St. Martinus. Martin, Josef, aber auch Johannes, Caspar und Konrad waren beliebte männliche Vornamen in der Familie. Der niederdeutsche Name Blomberg wurde Anfang des 17. Jahrhunderts in Blomenberg, später in Blumenberg verdeutscht. Aus diesem Geschlecht sind zahlreiche Priester hervorgegangen. Noch heute wirkt in der St. Gallus Gemeinde Detfurth der Pfarrer Thomas Blumenberg.

Hans Blumenbergs Vater Karl Joseph Blumenberg hatte das Hildesheimer Gymnasium Josephinum besucht, dann eine Lehre als Buchhändler bei Hermann Olms abgeschlossen, um anschließend einen Verlag mit religiöser Kunst in Lübeck aufzubauen. Die heimatliche Bindung war ihm so wichtig, dass er im Jahr 1936 mit seinem Sohn Hans (der Bruder Rolf war im Kindesalter gestorben) eine Reise durch das Hildesheimer Land unternahm. Bei diesem Verwandtenbesuch zeigte er ihm das Gelände an der Innerste, wo einst die Gärtnerei von Konrad Blumenberg stand. Konrad ist der dritte Vorname von Hans Blumenberg.

Das Siegel der Blumenbergs zeigt eine Schwertlilie mit jeweils drei Knospen an beiden Seiten. Der Wappenspruch lautet „Serva Candorem“. Er passt gut zur Ausrichtung des jungen Blumenberg, auch wenn er ihn wahrscheinlich nicht gekannt hat.

„Bewahre die Aufrichtigkeit!“, so könnte man den Wahlspruch der Blumenberge übersetzen. Doch sind die Worte von einer Vieldeutigkeit, wie sie Hans Blumenberg liebte. „Bewahre die Reinheit!“ oder auch „Hüte das Licht!“ sind erlaubte Konnotationen.

„Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!“, lautet eine Maxime jenes Autors, dem die Erwählung als „Gottbegnadeter“ ebenso wenig erspart blieb wie Agnes Miegel. Hans Carossa gehörte für Blumenberg zu den wichtigsten Autoren seiner Jugendzeit. Deshalb schrieb er 1938 eine Seminararbeit über Hans Carossa.

 

„In jenem Jahr 1938 konnte niemand Hitlers Überlegenheit bestreiten“, wird Hans Carossa in „Ungleiche Welten“ (1951) schreiben und: „Zu Beginn des Jahres 1939 empfing ich zwei amtliche Briefe, die beide einen Glückwunsch zu Hitlers Geburtstag verlangten. Dergleichen Huldigungen wurden damals wie Steuern eingetrieben, und in diesem Fall mit besonderem Nachdruck, denn dieser Geburtstag war einer von denen, welche Rilke die ‚betonten‘ nannte: der fünfzigste. Eine bloße Gratulation wurde leider von vornherein als ungenügend bezeichnet; sie sollte mit einem klaren Bekenntnis zum Führer verbunden sein. Das öfters bewährte Schweigeverfahren blieb erfolglos; die Mahnungen trafen pünktlich ein. (…) Dieser Glückwunsch für Hitler war zu einer Zeit geschrieben, wo man die Hoffnung, ihn jemals loszuwerden, hatte aufgeben müssen.“

 

Ermutigt wurde der Schüler Blumenberg zu seinem Zeugnis für das Licht des Glaubens und der Vernunft durch seinen geliebten Deutschlehrer Wilhelm Krüger. Er hielt ihm über den Tod hinaus die Treue und half seiner Witwe Else Krüger und ihren vier Kindern in schwieriger Nachkriegszeit. Wilhelm Krüger lehrte ihn jenen Stil vielfacher Bedeutungsebenen, mit dem Blumenberg in einer Zeit, da er nichts direkt sagen durfte, alles sagen konnte.

 

Der vom Licht berührte Mensch ist der „Erleuchtete“, der Heilige, den Blumenberg in der Gestalt des Paters Rupert Mayer erkennt. Er bezeugt die „Formkraft der Kirche“. Er ist zum Hüter des Lichtes bestimmt. Er ist der wehrhafte Mensch, der Mensch in Rüstung. Er hat „Kraft und Willen zu eigener Behauptung im Strom der niederziehenden Gewalten“. Der Carossa-Aufsatz entwirft ein Ideal, dem Blumenberg zeitlebens gefolgt ist:

 

„Sammlung und Bewahrung der Kräfte ist darum das Gesetz der Zeit; der Mensch in Rüstung darf nicht allein stehen bleiben, Seelen, die seines Schutzes bedürfen, nimmt er in seinen Kreis, den er abgrenzt und schützt - so entsteht eine geistige Führung, die ein Bollwerk des Geistes in feindlicher Zeit ist.“

 

Blumenberg war in theologischen Fragen nicht nur äußerst beschlagen, sondern besaß eine sehr gründliche Kenntnis der kirchlichen Lehre und der Kirchenväter, wie ja auch seine Bücher beweisen. Die Kirche war für ihn die Hüterin der Erinnerung. Einst hatte er „Die wiedergefundene Zeit“ in jeder Messe erlebt. Seine kirchlichen Prägungen kamen aus der inzwischen vielfach „verlorenen Zeit“ des Ersten Vatikanischen Konzils. In diese „Urstiftung“ seiner religiösen Sozialisation kehrte er nun am Lebensende zurück. Zu den letzten Lektüren gehörte der dritte Band der Konzilsgeschichte des Vaticanum I. (1869-1870) von Klaus Schatz SJ.

Das Konzil hatte das Unfehlbarkeitsdogma („Infallibilitas“) verkündet. Ob sich der Katholik Hans Blumenberg daran oder etwa an das von Pius X. im Jahr 1854 erhobene Dogma von der unbefleckten Empfängnis („Maria immaculata“) gebunden wusste? Gewiss ist: Er war ein entschiedener Gegner all jener Reformer, die über Jahrhunderte Geglaubtes und Erinnertes dem Zeitgeist opfern wollten.

 

Mit letzten Worten ist die Vorstellung von einer letzten Haltung, einer allerletzten Botschaft oder einer im letzten Atemzug vollzogenen Konversion verbunden. Zu den Sammlern letzter Worte gehörte Ernst Jünger. Er hatte sich bereits in den Fünfziger Jahren Postkarten mit Eintragungen drucken lassen: Autor - Letztes Wort - Quelle. Hans Blumenberg kannte diese Sammlung und kommentierte sie im Spätherbst seines Lebens. Diese Adnoten erschienen posthum unter dem Titel „Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger“ (2007).

Wie Blumenberg besaß Jünger viel Humor und eine nie versiegende Liebe zum Wein. Zudem war der drahtige kleine Mann recht trinkstark. Der durchzechten Nacht mit Freunden folgte eine Art Poetry-Slam für letzte Worte. „Melde mich zur Stelle!“, empfahl der Sekretär Armin Mohler als Parole an der Zeitmauer. Jünger, damals noch im beinahe jugendlichen Alter von 55 Jahren, lehnte ab und schlug statt des militärischen Kommandos vor: „Bitte vorbeitreten zu dürfen!“

 

Wenige Jahre vor seinem Tod greift Blumenberg in seiner Glosse „Ein Zeckenbiß“ einen anderen Kommentar des Uralten auf. Nach einem Zeckenbiss hatte „Bild“ (25. August 1993) ins Land posaunt: „Ernst Jünger (98): Herzinfarkt. Ein Jahrhundert-Mann kämpft mit dem Tod. Der umstrittene, aber fast geniale Schriftsteller Ernst Jünger erlitt einen Herzinfarkt! Ein großer Deutscher liegt im Sterben.“ Auf diese von Rolf Hochhuth in die Welt gesetzte Falschmeldung reagierte Jünger: „Von denen muß ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen.“

Der Kommentar hätte gut in Jüngers Sammlung letzter Worte gepasst, meinte Blumenberg, als er die Anekdote nach der Rekonvaleszenz aus einer sehr schweren gesundheitlichen Krise kommentierte. Er war der Zeitmauer sehr nahe gekommen, konnte jedoch kein letztes Wort von dieser Stelle berichten. Nun war er selbst in ein Alter gekommen, wo vorletzte Fragen wie die Durchführung der Beisetzung geklärt werden wollen. Er entschied sich für die Seebestattung. Ein Artikel zu Jüngers einhundertstem Geburtstag gehört zu Blumenbergs letzten veröffentlichten Arbeiten.

 

Hans Blumenberg war zeitlebens ein sehr aufmerksamer Leser der Bibel. Als er 1988 seine Exerzitien unter dem Titel „Matthäuspassion“ veröffentlichte, war der Emeritus 68 Jahre alt. Er meditierte über die letzten Worte Jesu und lotete mit seinem descensus ad inferos den Abgrund des Karsamstags aus.

Eher spielerisch hatte er ein Jahr zuvor in „Die Sorge geht über den Fluß“ (1987) einen Wettbewerb über ein anderes letztes Wort ausgerufen:

 

„Ich würde gern wissen, was man im nächsten Jahrtausend über den Tod und die ‚letzten Worte‘ Heideggers und seiner Anhänger berichten wird, und hielte einen Wettbewerb für unbedenklich, der Vorschläge an die Tradition weiterzureichen hätte.“

 

Er nähme es „gern aus privater Indiskretion, habe es aber nicht“, gesteht Blumenberg. Was könnte der sterbende Heidegger gesagt haben? Blumenbergs „Wetteinsatz“ lautet: „Kein Grund mehr zur Sorge.“ Das klingt harmloser als es ist und forderte wohl deshalb den bekennenden Atheisten Walter Bröcker (1902-1992) heraus. Der hatte von Siegfried Bröse (1895-1984) ein letztes Wort des einstigen Hitlerverehrers übermittelt bekommen. Am Morgen des 26. Mai 1976 wollte Heidegger nicht aus dem Bett aufstehen. „Ich bleibe noch liegen“, soll er seiner Frau Elfride erklärt haben. Er wachte nicht mehr auf.

Für viele Menschen starb Heidegger einen idealen Tod: Alt und lebenssatt, nicht ernsthaft krank. Kein langes Leiden unter den Folgen eines Schlaganfalls, keine Herzbeschwerden, keine Lungenentzündung, keine schlaflosen Nächte. Wenn Heidegger wegen seiner Affären und Affinitäten einen Grund zur Sorge gehabt hätte, so hatte er ihn nicht mehr.

 

Ich hätte gerne den greisen Blumenberg erlebt - wie ich Ernst Jünger in der alten Oberförsterei von Wilflingen mehrfach erleben durfte. Beide waren Menschen, die sich selbst treu blieben und von keinem Zeitgeist verbiegen ließen, weil sie ihre Berufung kannten und ihr durch alle Widerstände folgten.

 

Hans Blumenberg wurde - wie mein Vater - 75 Jahre alt. Neben dem Verstorbenen lag eine Ausgabe des Neuen Testaments in der Übersetzung von Carl von Weizsäcker (1822-1899), berichtet sein jüngster Sohn. Mein Vater hatte nie einen Blick in die Bibel geworfen.  Er war früh aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Blumenberg blieb ihr treu. Mein Vater war ein Sohn der Erde, der im Buch der Natur zu lesen verstand. Kein Mann des Wortes, auch nicht letzter Worte. Er hatte während seiner Jugend in der Hitler-Zeit zu viele Worte vernommen, die sich später als Lüge erwiesen hatten. Er glaubte an die Liebe zu seiner Familie. Mehr Glauben brauchte er nicht. Alles, was wirklich wichtig ist, kommt aus der Familie und bleibt in ihr. Das war seine Überzeugung. Die letzten Dingen überläßt man keinem Fremden, auch keinem Priester. So wollte er, dass ich ihn beerdige und die Rituale vollzog. Das habe ich gemacht.

 

Vielleicht gab es von Hans Blumenberg ein letztes Segenwort. Ein „Gott schütze…“ Ein Amen und Dank. Wir wissen es nicht. Wüßten wir es, hätten wir zu schweigen. Denn echte letzte Worte gehen niemanden etwas an. Nur Gott allein.

 

 

 

 Im Ostchor des Paulus-Domes zu Münster

 

Aber es gab bewußt gewählte letzte Botschaften. Die Heinrich Heine-Ausgabe sichtbar platziert auf einem Stapel alter Zeitungen neben dem Schreibtisch. Nur der Empfänger verstand dieses Zeichen zu lesen.

Heinrich Heine hatte in seinem Testament (§ 7) verfügt: „Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, dass die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde. Ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern. Dieser Wunsch entspringt aus keiner freigeistigen Anwandlung. Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolz entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt. Ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele.“

 

Auf der Todesanzeige stand der 28. März 1996 als Datum. Am 28. März 1942 wurde Blumenbergs Elternhaus von britischen Bombern in Schutt und Asche zerbombt. Die umfangreiche theologische Bibliothek verbrannte. Der kleine schwarze Terrier seiner Mutter wurde verschüttet und starb. Dass Hans Blumenberg an diesem schwarzen Tag gestorben sei, stimmt nachdenklich. Kann das ein Zufall sein?

 

„Kann man das ausdenken? Diese Doppeldeutigkeit“, fragt Blumenberg in „Letztes Wort“. War das Todesdatum etwa eine Sinnstiftung? Eine Legende?

 

In seinem Nietzsche-Buch hatte Ernst Bertram über die Legende als lebendigste Form geschichtlicher Überlieferung geschrieben. „Was als Geschichte übrig bleibt, von allem Geschehen, ist immer zuletzt - das Wort ganz ohne kirchliche, romantische oder gar romanhafte Obertöne genommen - die Legende. Die Legende in solchem entkirchlichten Sinne ist die lebendigste Form geschichtlicher Überlieferung.“

 

Hans Blumenbergs Asche wurde nicht in der Lübecker Bucht vor Travemünde oder Niendorf versenkt, sondern in der Kieler Bucht vor Laboe. Auch hier ließe sich besonders unter jenen Lübeckern, die Hans Blumenberg zu Lebzeiten gerne in ihre Arme geschlossen hätten, spekulieren. Blieb er über den Tod hinaus unversöhnt mit seiner Vaterstadt?

 

„Letzte Worte werden von den anderen überliefert, die sie gehört haben oder gehört haben wollen“, schreibt Blumenberg in „Das eine letzte Wort“. Um alle möglichen Falschmeldungen auszuschließen, wählte der Meister der indirekten Mitteilung den einzig sicheren Weg der Mitteilung seiner letzten Worte.

 

 

 

Gedenkmarke vom 7. März 1996:

"Nec laudibus, nec timore"

 

 

Am 7. März 1996 brachte die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zum 50. Todestag des Löwen von Münster heraus. Hans Blumenberg hatte einst an der Seite seines Vaters die Bischofsweihe (28. Oktober 1933) miterlebt. Später, in seinen Münsteraner Jahren, hatte er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus einen direkten Blick auf den Dom mit der Grablege des Kardinals von Galen.

Der bischöfliche Wahlspruch lautete: „Nec laudibus, nec timore“. Dieser Spruch stand neben einem Portrait des Kardinals auf der Sondermarke. Hans Blumenberg war nicht nur ein Sammler von Briefmarken, er wählte sehr bewusst bestimmte Marken zur Frankierung seiner Post. So war es gewiss kein Zufall, dass die Umschläge mit der Traueranzeige für Hans Blumenberg mit der Sondermarke für Kardinal von Galen frankiert wurden. Auf ihr standen als letzte Worte des Philosophen „Nec laudibus nec timore“.

 

Das Grab des Kardinals befindet sich hinter dem Altar des Paulus-Domes. Hier erinnert eine Gedenktafel an den Besuch des Heiligen Johannes Paul II. Der polnische Papst zündete eine Kerze an und kniete nieder zum Gebet. Ich denke, Hans Blumenberg hätte nichts dagegen, wenn der Besucher an dieser Stelle auch eine Kerze zu seinem Gedenken opferte.

 

 

 

Undine zündet eine Kerze an.

"Hic exspectat resurrectionem mortuorum...."

 

„Arrivederci, Hans!“
Ein Nachruf von Pfarrer Walter Kropp

 

Hans Blumenberg (1920-1996) zum Gedenken. „Laß wieder von Dir hören“, schrieb er mir in einem der letzten gewechselten Briefe. Ich tue es hiermit - zum Abschied. Beide sind wir inzwischen „i.R.“, das heißt doch wohl in Ruhestand oder in Ruf- und Reichweite.

 

 

 

 

 


Was für ein Glücksfall, Hans Blumenberg zu treffen und mit ihm zu sprechen und auf ihn zu hören! Im Wintersemester 1939/40 hatte ich diese Chance. Er kam zur Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen Frankfurt a.M., damals ausgelagert im Priesterseminar Limburg (Lahn). Wir waren räumlich sehr beengt. Er und ich teilten ein Zimmer und waren aufeinander angewiesen. Es wurde für mich das auf- und anregendste Semester meines Studiums. Tag und Nacht waren wir im Gespräch. Das heißt: Meist redete er, und ich hörte zu. Der Viel-Wissende, Durchblickende und Weiter-Denkende beeindruckte mich tief. Rodins „Penseur“ erinnert mich bis heute an ihn. Ich habe in dieser Zeit mehr gelernt als im ganzen übrigen Studium.

Mit der Schulphilosophie, der Scholastik, mit der Ordnung eines geistlichen Hauses, tat er sich schwer. Kurios ein Ereignis aus diesen Monaten. Er und ich wurden bei einem Extemporale der Sprech- und Redeausbildung veranlaßt, über „Sinn und Unsinn einer Hausordnung“ zu diskutieren. Sehr zur Freude der Kommilitonen. Er natürlich als Angreifer, ich als Verteidiger. War es nicht ein erster Hinweis auf einen Denker, der in kein Schema und keine „SCHULE“ paßte?

In dieser Lehr- und Lernzeit wies er mich hin auf vieles, das außerhalb des bisher Gewußten lag und auf Zusammenhänge, die unwahrscheinliche Aussichten eröffneten. Schon da wurde mir bewußt gemacht, daß Dichtung oftmals Tieferes und Höheres aussagt als bloßes Denken. Ich habe daraus gelernt, Theologie und Dichtung miteinander in Verbindung zu halten und sie sich gegenseitig ergänzen zu lassen. Unvergessen bleiben mir seine Erklärungen der Bedeutung von Mythos und Metapher, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Ich habe gelernt, das Symbol als Bild zu begreifen, in dem Inhalt und Form beinahe mühelos übereinstimmen und verdichtet zusammenfallen. Hans Blumenberg hat mir die Augen und Ohren geöffnet für die Werke Goethes, Thomas Manns, Hans Carossas, Ernst Jüngers und anderer, die ich bis dahin nicht in die Hand bekommen oder noch nicht recht verstanden hatte. Und er machte mich neugierig auf mehr.

Als unsere Wege sich trennten, ihn zum Weiterstudium und mich zum Soldatensein in den Krieg führten, blieben wir dennoch im Kontakt. Ich weiß nicht mehr genau, wieviel und welche Bücher er mir nach Osten oder Westen an meine Feldpostnummer schickte. „Das mußt Du lesen!“, hieß es in seinen Briefen. Seine Widmung lautete „Walter, dem Freund“ oder „Zu den Wurzeln abendländischen Denkens“ (gemeint war griechische Philosophie) oder „Zu den Wurzeln existentiellen Denkens“ (so zu Kierkegaard). Gelegentlich fiel ich dadurch dem Feldwebel bei der Kontrolle meines Schrankes auf: „Was lesen Sie denn da? Verstehen Sie das denn überhaupt?“ - Aber ich hatte inzwischen gelernt nach anderem zu fragen als nach bloß Vordergründigem, sondern vorwärts und quer und weiter, eben nachzudenken. Statt leere Zeiten mit Besäufnis oder anderem dummen Zeug zu vertreiben, saß ich und las und lernte auf Anregung meines Meisters Hans Blumenberg. Im Vordergrund studierte ich „angewandte Anthropologie“ und dachte darüber nach im stillen Hintergrund. So verging eine für mich fruchtbare Zeit.

Im Winter 1944/45 verloren wir den Faden zueinander. Heute weiß ich, daß dies eine für ihn gefährliche Zeit war, die ihn hätte das Leben kosten können. Aber er entkam glücklicherweise und dachte weiter.

Erst 1946, mitten in einer Dissertationspause, konnte ich ihn in seiner bescheidenen Wohnung in Bargteheide, wo er mit Frau und erstem Kind untergekommen war, wieder treffen. Wir redeten miteinander (er mehr als ich) eine halbe Nacht hindurch. Auf liebevollen Hinweis seiner Frau „Dein Freund will doch sicher jetzt schlafen“ reagierte er bemerkenswert: „Misch Dich nicht ein, wenn zwei Theologen (!) miteinander reden!“ Ist er also nicht doch bei aller denkerischen Mühe auch ein „Theologe“ geblieben, der Richtung Gott fragt, auch vorsichtig und zurückhaltend davon zu reden, zu schreiben oder zu schweigen versucht?

Die folgenden Jahre, angefüllt mit je verschiedener Arbeit, erlaubten uns nur noch gelegentliche Grüße hin und her. Auszüge aus seinen Arbeiten fanden mit kurzem Vermerk „freundlich“ oder „für ein gutes Jahr“ zu mir hin und ließen mich seinen Weg verfolgen. Er wanderte von Lehrstuhl zu Lehrstuhl (Hamburg-Kiel-Gießen-Bochum-Münster). Seine großen, gewichtigen Bücher erschienen im Suhrkamp Verlag. Sein Denken wuchs für mich ins schier Unüberschaubare und schwer Verständliche. Er gilt inzwischen als einer der bedeutendsten Denker der Jetztzeit. Weder kam er aus einer Schule, noch begründete er eine solche. Seine Skepsis der Universität gegenüber hat er mir noch zuletzt mitgeteilt und spöttisch ihre Wiederherstellung vielleicht für 1995 erhofft (Fragebogen der FAZ). Über diesen seinen Denkweg haben Berufenere als ich anläßlich seines Todes geschrieben (Zeit, FAZ). Im „Fragebogen“ des FAZ-Magazins aus den letzten Jahren kommen einige Antworten aus seiner spitzen Feder und seinem widerspruchsvollen Kopf, die mir typisch erscheinen. So ist und so war Hans Blumenberg, wie er leibt und lebt! - Er will „sagen, was er sieht“, und weiß doch, daß „er nicht genau genug sagen kann, was er sieht“. Er bewundert Sokrates, „weil man von ihm wenig genug weiß, um sich alles denken zu können“ und „weil er nichts geschrieben hat“. Er denkt „außen herum“ und „an das Buch, das er nicht mehr schreiben wird“. Er hat als Lieblingsvogel „die Taube auf dem Dach“ (und eben nicht den Spatz in der Hand). Er verehrt die Frau des Sokrates, „da sie ihn ertrug, obwohl er nichts geschrieben hat“. Von seinen Freunden erwartet er „Diskretion“, das heißt doch wohl Resepekt vor seiner Eigenart und Zurückhaltung in jeder Äußerung, zugleich aber auch kritisches Unterscheidungsvermögen.

Erst im eigenen und seinem „Ruhestand“ fanden wir (etwas mühselig, über den Verlag) wieder brieflichen Kontakt zueinander. Zu meiner und wohl auch zu seiner Freude. „Der lebt also auch noch!“ Es war „die Wiederkehr des Entschwundenen, obwohl Unvergessenen.“ - Er hatte sich in seiner „Höhle“ versteckt, um dort in einsamen Nächten weiter zu denken, tiefer zu schürfen und Kostbares zu entdecken, mühsam zu beschreiben und anderen die Mühsal des Lesens und Verstehens zuzumuten. - In einer schwierigen Recherche hat der WDR einen TV-Bericht dieser letzten Jahre der Zurückgezogenheit „zwischen Hölle und Himmel“ erstellt und von dem großen Erschrecken gesprochen, das den aus der „Höhle“ (mit ihren Schatten der Vorübergehenden an der Wand) Hervortretenden befällt, wie schon einen Pascal. „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschüttert mich“ (Pensées). - Es gibt kein Photo des Zurückgezogenen seit 1965. Und das letzte Buch (über Thomas Manns Tagebücher) wird nicht fertig geschrieben. Er scheint keineswegs „aus Lust sich davon zu machen“ (Fragebogen FAZ) gestorben zu sein. Ein letzter Brief an mich beschreibt seine Todesahnung. Die „Matthäuspassion“ (1988) läßt ihn Gottverlassenheit und Vorwurf an den Vater, der den Sohn so hängen läßt, ausdrücken. (Wobei die weitere Frage zu stellen wäre, wer denn wen eigentlich hängen läßt.) - Noch einmal wies er mich auf Lücken meiner Erfahrung mit Dichtern und Denkern hin.

Schmerzlich erfuhr er die eigene Lücke, noch weiter schreiben zu können. In einer der letzten auf Tonband mitgeschnittenen Vorlesungen (WDR) beschreibt er den letzten Augenblick, der das Ganze des Lebens zusammenfassen möchte, als „ohne von Reue geplagt oder von Hoffnung irregeführt zu werden.“ - Ist damit (so frage ich) nicht angedeutet, was ein Mensch endlich erlebt, wenn er im Moment des Todes erblickt, was seinem Hirn und Herzen sich vorläufig entzog?

Ob er „an einer ungelösten Frage gestorben ist“, wie er in „Glossen und Anekdoten“ (1983) schrieb, oder ob er in der Ungewißheit des Wissens eines Sokrates verblieb, wer weiß es? Montaigne der Skeptiker, auf den er mich ebenfalls einmal aufmerksam machte, verbleibt bei seinen „Versuchen“ bei der Frage: „Was weiß ich denn schon?“ Ich erinnere mich an einen Brief, den er mir im Krieg schrieb. Es ging um „Gott als den ganz Anderen“ (Karl Barth). Und er schreib dazu an Weihnachten, daß „Gott noch einmal ganz anders als anders“ sei. Er meinte damit wohl den Menschgewordenen in der Krippe. Ich kenne seitdem keine bessere Beschreibung dessen, wie Gott denn wirklich sein mag.

Ist Hans Blumenberg also vielleicht doch eher „mit einer Frage“ als „an einer Frage“ gestorben? Einer Frage, die keiner sich selbst beantworten kann. Eher vielleicht doch der „anders als Andere“? Ist im Fragezeichen (?) nicht nach Aufstieg und Absturz schließlich doch alles wie in einer leeren Schale aufgehoben? Diese Frage bleibt auch weiterhin den Zurückgebliebenen gestellt.

Oder ist es am Ende „der Vorstoß ins ewige Schweigen“? (eine seiner von ihm „Weihnachtspredigten“ genannten Beiträge in der Neuen Zürcher Zeitung von 1993). Also ein Aufbruch ins Unbekannte.

Blumenberg hat mir eine große Freude gemacht, als er mir schrieb, den Versuch eines Gedichtes aus meiner Feder habe er einer persönlichen Sammlung von ihm wichtigen Texten eingefügt. So möchte ich ihm nun diese Verse endgültig übereignen.

 

Rote Wolken hat ein Pinselstrich
auf das blasse Blau der Luft gehaucht,
während dunkelgrüne Bäume sich
über helle Wiesen neigen. Taucht

nun die Sonne neu den Pinsel ein?
Wie ein Schatten geht ihr ein Gedanke
durch die Stirne: etwas Weiß hinein!
Und wie Silber blinkt im Licht der blanke

Teich, in den die Weiden traurig träumen.
Zart schwingt sich zum Ufer hin der Steg.
Mag dort münden mancher stille Weg
und hinübergehn zu anderen Räumen!

 

Das Nichts, das habe ich bei Guardini gelernt, kann durchaus für einen Denker, der sich darin zu verlieren scheint, der „Schleier des Seins“ werden. Hat Hans Blumenberg schließlich unter den möglichen „Höhlenausgängen“ den einzigen gefunden, der wirklich ins Freie führt? Er hat nun ausgefragt.

Ich habe jedenfalls noch einmal von mir hören lassen. Arrivederci, Hans!

 

 

 

(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und Thomas Manns,

des ehemaligen Chefredakteurs der Studentischen Zeitschrift "Upwärts",

heute Oberschulrat i.K./Speyer)

 

 


Anmerkung

 

Dieser Nachruf erschien zuerst in der Studierendenzeitschrift „Upwärts“ (Sommersemester 1997. S. 5-8) der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. „Upwärts“ ist ein Wortspiel. „up“ darf im Sinne von „auf“ wie „ab“ gedeutet werden. Die Studierenden nannten ihre Zeitschrift gerne „Abwärts“, wie mir Frau Professor Sandra Huebenthal (Universität Passau) erläuterte.

 

Walter Kropp (1919-2019) übergab mir seinen Briefwechsel mit Hans Blumenberg. In einem Begleitbrief vom 29. Januar 2014 schrieb er:

„Der kurze Briefwechsel während des Krieges ist mir leider auf dem Rückzug aus Frankreich verloren gegangen. Zur Primiz 1949 schickte mir Hans eine Kunstmappe der Sixtinischen Kapelle mit ihren großartigen Fresken. Widmung „dem guten Freud“. Ich hoffe, einen kleinen Beitrag zum Nicht-Vergessen geleistet zu haben, und bleibe Ihr ergebener Walter Kropp - einer seiner ersten Zuhörer!“