Horizontabschreitung in Bjerghuse/Vesterhavet

 

Unter dem Datum des 26. Februar 1996 hatte mir Hans Blumenberg seinen letzten sehr umfangreichen und theologisch dichten Brief geschrieben. Von seinem bald darauf erfolgten Tod informierte mich ein Anruf des Lübecker Arztes Ulrich Thoemmes. Trotz der auch mir bekannten Mitteilungen über den Gesundheitszustand hatte ich den letzten Brief nicht als Abschiedsgruss gelesen. Es mag merkwürdig klingen: Ich hielt Hans Blumenberg für unsterblich. Das ist er ja auch.

 

Marcel Proust spricht in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von dem „guten Engel der Gewissheit“ („le bon ange de la certitude“). Er ist, wie Hans Blumenberg in seinem Buch „Höhlenausgänge“ (1989) kommentiert, der Hüter von Anfang und Ende und des „reinen Einklanges mit sich selbst.“

 

Sein Vater habe Prousts Poetik der Horizontabschreitung drei Mal gelesen. Zum ersten Mal als Schüler  in der Teil-Übersetzung von Walter Benjamin. Zum letzten Mal in den Wintermonaten vor seinem Tod. So berichtet sein Sohn Tobias Blumenberg, der erste Herausgeber des Nachlasses und beste Kenner von Leben und Werk. Das französische Original in der Ausgabe der Pléiade habe sein Vater einmal gelesen.

Die Bibliothek eines Menschen ist Spiegel seiner geistigen Existenz. Aus seinen letzten Lektüren ist vielleicht ein Rückschluss auf letzte Haltungen möglich. War die Aufführung der Geschichte eines Wüstlings („The Rake’s Progress“) von Igor Strawinsky eine willkommene Ablenkung? Wie ernst nahm er die Geschichte zweier alt gewordener Brüder, die Thomas Bernhard in einem Zweiakter auf die Bühne brachte? „Der Schein trügt“ heisst das Drama misslungener Kommunikation. War das zum Lachen oder zum Weinen? Eine Tragödie war die Ehe von Jacob und Susan Taubes, über die die Tochter eines Rabbiners in ihrem Buch „Scheiden tut weh“ (1995) berichtet. Um schmerzhafte Erinnerungen geht es auch in Isaac Bashevis Singers Roman „Meschugge“ (1996). Vielleicht war der Tod von Wolfgang Koeppen (1906-1996) Anlass, sein Erinnerungsbuch an Venedig zu lesen. Vielleicht wollte sich Hans Blumenberg an seine eigene Italienreise und den Besuch dieser Stadt erinnern?

Zu den letzten Lektüren gehörte auch das ihm gewidmete Buch "Der gefallene Engel" und eine Rede mit dem Titel „Wohin geht die Kirche?“, die ich etwas vollmundig in Anwesenheit des Bundespräsidenten Roman Herzog und Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen gehalten hatte:

„Kirche will populär sein, zeitgemäß, liberal, tolerant, weltoffen. Sie will nicht anstößig sein. Ihre größte Versuchung besteht darin, dass sie von der Welt geliebt sein will. Die Krise der Kirche ist ihre eigene Glaubenskrise.“

 

Dieser Ton muss Hans Blumenberg gefallen haben. Die Blumenberge gehören zu einem alten katholischen Geschlecht aus dem Bistum Hildesheim. Der erste dokumentierte Vorfahre hieß Hans Blomberg. Sein Haus steht noch immer im Stadtteil Himmelsthür. Er stiftete das Taufbecken für die Ortsgemeinde St. Martinus. Martin, Josef, aber auch Johannes, Caspar und Konrad waren beliebte männliche Vornamen in der Familie. Der niederdeutsche Name Blomberg wurde Anfang des 17. Jahrhunderts in Blomenberg, später in Blumenberg verdeutscht. Aus diesem Geschlecht sind zahlreiche Priester hervorgegangen. Noch heute wirkt in der St. Gallus Gemeinde Detfurth der Pfarrer Thomas Blumenberg.

Hans Blumenbergs Vater Karl Joseph Blumenberg hatte das Hildesheimer Gymnasium Josephinum besucht, dann eine Lehre als Buchhändler bei Hermann Olms abgeschlossen, um anschließend einen Verlag mit religiöser Kunst in Lübeck aufzubauen. Die heimatliche Bindung war ihm so wichtig, dass er im Jahr 1936 mit seinem Sohn Hans (der Bruder Rolf war im Kindesalter gestorben) eine Reise durch das Hildesheimer Land unternahm. Bei diesem Verwandtenbesuch zeigte er ihm das Gelände an der Innerste, wo einst die Gärtnerei von Konrad Blumenberg stand. Konrad ist der dritte Vorname von Hans Blumenberg.

Das Siegel der Blumenbergs zeigt eine Schwertlilie mit jeweils drei Knospen an beiden Seiten. Der Wappenspruch lautet „Serva Candorem“. Er passt gut zur Ausrichtung des jungen Blumenberg, auch wenn er ihn wahrscheinlich nicht gekannt hat.

„Bewahre die Aufrichtigkeit!“, so könnte man den Wahlspruch der Blumenberge übersetzen. Doch sind die Worte von einer Vieldeutigkeit, wie sie Hans Blumenberg liebte. „Bewahre die Reinheit!“ oder auch „Hüte das Licht!“ sind erlaubte Konnotationen.

„Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!“, lautet eine Maxime jenes Autors, dem die Erwählung als „Gottbegnadeter“ ebenso wenig erspart blieb wie Agnes Miegel. Hans Carossa gehörte für Blumenberg zu den wichtigsten Autoren seiner Jugendzeit. Deshalb schrieb er 1938 eine Seminararbeit über Hans Carossa.

 

„In jenem Jahr 1938 konnte niemand Hitlers Überlegenheit bestreiten“, wird Hans Carossa in „Ungleiche Welten“ (1951) schreiben und: „Zu Beginn des Jahres 1939 empfing ich zwei amtliche Briefe, die beide einen Glückwunsch zu Hitlers Geburtstag verlangten. Dergleichen Huldigungen wurden damals wie Steuern eingetrieben, und in diesem Fall mit besonderem Nachdruck, denn dieser Geburtstag war einer von denen, welche Rilke die ‚betonten‘ nannte: der fünfzigste. Eine bloße Gratulation wurde leider von vornherein als ungenügend bezeichnet; sie sollte mit einem klaren Bekenntnis zum Führer verbunden sein. Das öfters bewährte Schweigeverfahren blieb erfolglos; die Mahnungen trafen pünktlich ein. (…) Dieser Glückwunsch für Hitler war zu einer Zeit geschrieben, wo man die Hoffnung, ihn jemals loszuwerden, hatte aufgeben müssen.“

 

Ermutigt wurde der Schüler Blumenberg zu seinem Zeugnis für das Licht des Glaubens und der Vernunft durch seinen geliebten Deutschlehrer Wilhelm Krüger. Er hielt ihm über den Tod hinaus die Treue und half seiner Witwe Else Krüger und ihren vier Kindern in schwieriger Nachkriegszeit. Wilhelm Krüger lehrte ihn jenen Stil vielfacher Bedeutungsebenen, mit dem Blumenberg in einer Zeit, da er nichts direkt sagen durfte, alles sagen konnte.

 

Der vom Licht berührte Mensch ist der „Erleuchtete“, der Heilige, den Blumenberg in der Gestalt des Paters Rupert Mayer erkennt. Er bezeugt die „Formkraft der Kirche“. Er ist zum Hüter des Lichtes bestimmt. Er ist der wehrhafte Mensch, der Mensch in Rüstung. Er hat „Kraft und Willen zu eigener Behauptung im Strom der niederziehenden Gewalten“. Der Carossa-Aufsatz entwirft ein Ideal, dem Blumenberg zeitlebens gefolgt ist:

 

„Sammlung und Bewahrung der Kräfte ist darum das Gesetz der Zeit; der Mensch in Rüstung darf nicht allein stehen bleiben, Seelen, die seines Schutzes bedürfen, nimmt er in seinen Kreis, den er abgrenzt und schützt - so entsteht eine geistige Führung, die ein Bollwerk des Geistes in feindlicher Zeit ist.“

 

Blumenberg war in theologischen Fragen nicht nur äußerst beschlagen, sondern besaß eine sehr gründliche Kenntnis der kirchlichen Lehre und der Kirchenväter, wie ja auch seine Bücher beweisen. Die Kirche war für ihn die Hüterin der Erinnerung. Einst hatte er „Die wiedergefundene Zeit“ in jeder Messe erlebt. Seine kirchlichen Prägungen kamen aus der inzwischen vielfach „verlorenen Zeit“ des Ersten Vatikanischen Konzils. In diese „Urstiftung“ seiner religiösen Sozialisation kehrte er nun am Lebensende zurück. Zu den letzten Lektüren gehörte der dritte Band der Konzilsgeschichte des Vaticanum I. (1869-1870) von Klaus Schatz SJ.

Das Konzil hatte das Unfehlbarkeitsdogma („Infallibilitas“) verkündet. Ob sich der Katholik Hans Blumenberg daran oder etwa an das von Pius X. im Jahr 1854 erhobene Dogma von der unbefleckten Empfängnis („Maria immaculata“) gebunden wusste? Gewiss ist: Er war ein entschiedener Gegner all jener Reformer, die über Jahrhunderte Geglaubtes und Erinnertes dem Zeitgeist opfern wollten.

 

Mit letzten Worten ist die Vorstellung von einer letzten Haltung, einer allerletzten Botschaft oder einer im letzten Atemzug vollzogenen Konversion verbunden. Zu den Sammlern letzter Worte gehörte Ernst Jünger. Er hatte sich bereits in den Fünfziger Jahren Postkarten mit Eintragungen drucken lassen: Autor - Letztes Wort - Quelle. Hans Blumenberg kannte diese Sammlung und kommentierte sie im Spätherbst seines Lebens. Diese Adnoten erschienen posthum unter dem Titel „Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger“ (2007).

Wie Blumenberg besaß Jünger viel Humor und eine nie versiegende Liebe zum Wein. Zudem war der drahtige kleine Mann recht trinkstark. Der durchzechten Nacht mit Freunden folgte eine Art Poetry-Slam für letzte Worte. „Melde mich zur Stelle!“, empfahl der Sekretär Armin Mohler als Parole an der Zeitmauer. Jünger, damals noch im beinahe jugendlichen Alter von 55 Jahren, lehnte ab und schlug statt des militärischen Kommandos vor: „Bitte vorbeitreten zu dürfen!“

 

Wenige Jahre vor seinem Tod greift Blumenberg in seiner Glosse „Ein Zeckenbiß“ einen anderen Kommentar des Uralten auf. Nach einem Zeckenbiss hatte „Bild“ (25. August 1993) ins Land posaunt: „Ernst Jünger (98): Herzinfarkt. Ein Jahrhundert-Mann kämpft mit dem Tod. Der umstrittene, aber fast geniale Schriftsteller Ernst Jünger erlitt einen Herzinfarkt! Ein großer Deutscher liegt im Sterben.“ Auf diese von Rolf Hochhuth in die Welt gesetzte Falschmeldung reagierte Jünger: „Von denen muß ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen.“

Der Kommentar hätte gut in Jüngers Sammlung letzter Worte gepasst, meinte Blumenberg, als er die Anekdote nach der Rekonvaleszenz aus einer sehr schweren gesundheitlichen Krise kommentierte. Er war der Zeitmauer sehr nahe gekommen, konnte jedoch kein letztes Wort von dieser Stelle berichten. Nun war er selbst in ein Alter gekommen, wo vorletzte Fragen wie die Durchführung der Beisetzung geklärt werden wollen. Er entschied sich für die Seebestattung. Ein Artikel zu Jüngers einhundertstem Geburtstag gehört zu Blumenbergs letzten veröffentlichten Arbeiten.

 

Hans Blumenberg war zeitlebens ein sehr aufmerksamer Leser der Bibel. Als er 1988 seine Exerzitien unter dem Titel „Matthäuspassion“ veröffentlichte, war der Emeritus 68 Jahre alt. Er meditierte über die letzten Worte Jesu und lotete mit seinem descensus ad inferos den Abgrund des Karsamstags aus.

Eher spielerisch hatte er ein Jahr zuvor in „Die Sorge geht über den Fluß“ (1987) einen Wettbewerb über ein anderes letztes Wort ausgerufen:

 

„Ich würde gern wissen, was man im nächsten Jahrtausend über den Tod und die ‚letzten Worte‘ Heideggers und seiner Anhänger berichten wird, und hielte einen Wettbewerb für unbedenklich, der Vorschläge an die Tradition weiterzureichen hätte.“

 

Er nähme es „gern aus privater Indiskretion, habe es aber nicht“, gesteht Blumenberg. Was könnte der sterbende Heidegger gesagt haben? Blumenbergs „Wetteinsatz“ lautet: „Kein Grund mehr zur Sorge.“ Das klingt harmloser als es ist und forderte wohl deshalb den bekennenden Atheisten Walter Bröcker (1902-1992) heraus. Der hatte von Siegfried Bröse (1895-1984) ein letztes Wort des einstigen Hitlerverehrers übermittelt bekommen. Am Morgen des 26. Mai 1976 wollte Heidegger nicht aus dem Bett aufstehen. „Ich bleibe noch liegen“, soll er seiner Frau Elfride erklärt haben. Er wachte nicht mehr auf.

Für viele Menschen starb Heidegger einen idealen Tod: Alt und lebenssatt, nicht ernsthaft krank. Kein langes Leiden unter den Folgen eines Schlaganfalls, keine Herzbeschwerden, keine Lungenentzündung, keine schlaflosen Nächte. Wenn Heidegger wegen seiner Affären und Affinitäten einen Grund zur Sorge gehabt hätte, so hatte er ihn nicht mehr.

 

Ich hätte gerne den greisen Blumenberg erlebt - wie ich Ernst Jünger in der alten Oberförsterei von Wilflingen mehrfach erleben durfte. Beide waren Menschen, die sich selbst treu blieben und von keinem Zeitgeist verbiegen ließen, weil sie ihre Berufung kannten und ihr durch alle Widerstände folgten.

 

Hans Blumenberg wurde - wie mein Vater - 75 Jahre alt. Neben dem Verstorbenen lag eine Ausgabe des Neuen Testaments in der Übersetzung von Carl von Weizsäcker (1822-1899), berichtet sein jüngster Sohn. Mein Vater hatte nie einen Blick in die Bibel geworfen.  Er war früh aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Blumenberg blieb ihr treu. Mein Vater war ein Sohn der Erde, der im Buch der Natur zu lesen verstand. Kein Mann des Wortes, auch nicht letzter Worte. Er hatte während seiner Jugend in der Hitler-Zeit zu viele Worte vernommen, die sich später als Lüge erwiesen hatten. Er glaubte an die Liebe zu seiner Familie. Mehr Glauben brauchte er nicht. Alles, was wirklich wichtig ist, kommt aus der Familie und bleibt in ihr. Das war seine Überzeugung. Die letzten Dingen überläßt man keinem Fremden, auch keinem Priester. So wollte er, dass ich ihn beerdige und die Rituale vollzog. Das habe ich gemacht.

 

Vielleicht gab es von Hans Blumenberg ein letztes Segenwort. Ein „Gott schütze…“ Ein Amen und Dank. Wir wissen es nicht. Wüßten wir es, hätten wir zu schweigen. Denn echte letzte Worte gehen niemanden etwas an. Nur Gott allein.

 

 

 

 Im Ostchor des Paulus-Domes zu Münster

 

Aber es gab bewußt gewählte letzte Botschaften. Die Heinrich Heine-Ausgabe sichtbar platziert auf einem Stapel alter Zeitungen neben dem Schreibtisch. Nur der Empfänger verstand dieses Zeichen zu lesen.

Heinrich Heine hatte in seinem Testament (§ 7) verfügt: „Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, dass die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde. Ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern. Dieser Wunsch entspringt aus keiner freigeistigen Anwandlung. Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolz entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt. Ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele.“

 

Auf der Todesanzeige stand der 28. März 1996 als Datum. Am 28. März 1942 wurde Blumenbergs Elternhaus von britischen Bombern in Schutt und Asche zerbombt. Die umfangreiche theologische Bibliothek verbrannte. Der kleine schwarze Terrier seiner Mutter wurde verschüttet und starb. Dass Hans Blumenberg an diesem schwarzen Tag gestorben sei, stimmt nachdenklich. Kann das ein Zufall sein?

 

„Kann man das ausdenken? Diese Doppeldeutigkeit“, fragt Blumenberg in „Letztes Wort“. War das Todesdatum etwa eine Sinnstiftung? Eine Legende?

 

In seinem Nietzsche-Buch hatte Ernst Bertram über die Legende als lebendigste Form geschichtlicher Überlieferung geschrieben. „Was als Geschichte übrig bleibt, von allem Geschehen, ist immer zuletzt - das Wort ganz ohne kirchliche, romantische oder gar romanhafte Obertöne genommen - die Legende. Die Legende in solchem entkirchlichten Sinne ist die lebendigste Form geschichtlicher Überlieferung.“

 

Hans Blumenbergs Asche wurde nicht in der Lübecker Bucht vor Travemünde oder Niendorf versenkt, sondern in der Kieler Bucht vor Laboe. Auch hier ließe sich besonders unter jenen Lübeckern, die Hans Blumenberg zu Lebzeiten gerne in ihre Arme geschlossen hätten, spekulieren. Blieb er über den Tod hinaus unversöhnt mit seiner Vaterstadt?

 

„Letzte Worte werden von den anderen überliefert, die sie gehört haben oder gehört haben wollen“, schreibt Blumenberg in „Das eine letzte Wort“. Um alle möglichen Falschmeldungen auszuschließen, wählte der Meister der indirekten Mitteilung den einzig sicheren Weg der Mitteilung seiner letzten Worte.

 

 

 

Gedenkmarke vom 7. März 1996:

"Nec laudibus, nec timore"

 

 

Am 7. März 1996 brachte die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zum 50. Todestag des Löwen von Münster heraus. Hans Blumenberg hatte einst an der Seite seines Vaters die Bischofsweihe (28. Oktober 1933) miterlebt. Später, in seinen Münsteraner Jahren, hatte er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus einen direkten Blick auf den Dom mit der Grablege des Kardinals von Galen.

Der bischöfliche Wahlspruch lautete: „Nec laudibus, nec timore“. Dieser Spruch stand neben einem Portrait des Kardinals auf der Sondermarke. Hans Blumenberg war nicht nur ein Sammler von Briefmarken, er wählte sehr bewusst bestimmte Marken zur Frankierung seiner Post. So war es gewiss kein Zufall, dass die Umschläge mit der Traueranzeige für Hans Blumenberg mit der Sondermarke für Kardinal von Galen frankiert wurden. Auf ihr standen als letzte Worte des Philosophen „Nec laudibus nec timore“.

 

Das Grab des Kardinals befindet sich hinter dem Altar des Paulus-Domes. Hier erinnert eine Gedenktafel an den Besuch des Heiligen Johannes Paul II. Der polnische Papst zündete eine Kerze an und kniete nieder zum Gebet. Ich denke, Hans Blumenberg hätte nichts dagegen, wenn der Besucher an dieser Stelle auch eine Kerze zu seinem Gedenken opferte.

 

 

 

Undine zündet eine Kerze an.

"Hic exspectat resurrectionem mortuorum...."

 

Zum 70. Geburtstag von Hans Blumenberg gab Michael Krüger eine kleine Festschrift heraus. Er bat mich um einen Beitrag. Damals beschäftigte mich "Die Wiederkehr der Engel". So kam ich auf die Idee, die Vorlesung am Freitagnachmittag als Unterricht in Angelologie darzustellen.

 

 

 

 

 

Lesen lernen im Buch des Lebens

 

 

Die Morgenröte der Schöpfung glänzte noch auf unseren Gesichtern, denn der Augenblick, da wir dem Nichts entrissen worden waren, mochte kaum einen Wimpernschlag der Ewigkeit zurückliegen. Wir aus der neunten Ordnung waren dazu berufen, die Bücher des Lebens zu führen, eine Aufgabe, die uns mit freudiger Erwartung erfüllte, denn das Studium des Weltenabenteuers und der humanen Regungen versprach in abwechslungsreicher Spannung die Zeit zu kürzen, deren wir zwar nicht unendlich, aber zuweilen bedrohlich viel besaßen. In den höheren Ordnungen, so hieß es, kannten sie keine Zeit.

 

Zuschauer und in gewissen Sinn Teilhaber an einer Welt sein zu dürfen, erschien uns als eine verlockende Bereicherung unseres Daseins. Es gab in unserer Ordnung eine Tradition, die behauptete sogar, Welt und Mensch seien nur als Programm zur Vermeidung von Langeweile geschaffen worden. Der Mensch aber solle einige von den Höheren zur Rebellion verführt haben. Das waren Gerüchte, derer es viele gab. Asmodi, aus dem Geschlecht der Ankläger, der neben mir in dem überfüllten Hörsaal saß und in gespannter Erwartung auf das Erscheinen unseres Lehrers wartete, kannte sie alle.

 

Dr. Seraph nannte man den Weisen vom Blumenberge bei uns in der neunten Ordnung. Jeder kannte seinen Namen und die Titel seiner Werke wie „Lebenszeit und Weltzeit“ oder „Die Lesbarkeit der Welt“. Das war keine Lektüre für uns Anfänger, sondern eindeutlich für Examenskandidaten geschrieben worden, die mit Strahlungsintensitäten umzugehen wussten und dem Spaziergang des Meisters am Horizont der Unbegrifflichkeit folgen konnten.

 

Es hieß, unser Lehrer käme von ganz oben, wo die Feuerflammen des Geistes lodern. Dort habe er die ungezählten Urbilder gesehen, die verwahrt sind im Schrein der Ebenbilder, und wenn er im Hörsaal erscheine, gehe der Glanz jener Sphäre von ihm aus, den wir nur in der siebenfachen Sphärenbrechung zu ertragen vermögen.

 

„Fürchtet du dich?“, fragte Asmodi.

 

„Ein wenig schon“, gestand ich, „denn über sein Wissen und seine Herkunft kursieren beunruhigende Gerüchte. Ich bin gespannt auf den gepriesenen Redner und den Erzieher, an dem die Kunst der Schärfung der Beobachtungsgabe und der Schulung der Aufmerksamkeit gerühmt wird. Er soll Licht in dunkle Höhlen bringen können und werde deshalb ‚Erleuchter der Lebenswelt’ genannt. Aber gesetzt, er nähme mich plötzlich ans Herz: ich verginge vor seinem stärkeren Dasein. Ein jeder von dort oben ist schön - und schrecklich!“

 

„Er soll sich über die Angelegenheiten der ersten Ordnung in Schweigen hüllen. Vielleicht weil es den Schrein der Ebenbilder gar nicht gibt?“

 

„Manchmal denke ich, es gibt den Menschen gar nicht und man gaukelt uns auf dem Planeten Erde nur ein Spiel mit Schatten vor.“

 

„Aber warum?“

 

„Um uns ruhig zu halten. Vielleicht haben die da oben Angst vor uns. Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, etwas ganz Gefährliches schläft in mir und droht wachzuwerden. Ich kann es aber nicht benennen.“

 

„Ich weiß von einer Rebellion unter dem Geschlecht der Ankläger“, sagte Asmodi, „die der Offenlegung der Kriterien galt, nach denen die da oben später unsere Aufzeichnungen  verwerten. Sie kämpften für die Transparenz der Buchführung und verlangten Einsichtnahme in den Schrein der Ebenbilder, um Urbild und Abbild selbst vergleichen zu können.“

 

„Und, wie ist die Revolte ausgegangen?“ 

 

„Wie alle Studentenunruhen! Sieh’ dich ’mal vorsichtig um. Da hinten, in der achtundsechzigsten Reihe, die Grauflügel sollen aus jener Epoche stammen.“

 

„Welche Haltung nahm Dr. Seraph damals ein?“

 

„Er schwebte, so sagt man, zwischen den Sphären und nahm eine Position ein, die von keiner der Parteien bezogen werden konnte. Er gilt als verführungsresistent. Zu allen Zeiten sprach er so, als wäre er überall dabei gewesen. Doch selbst die sieben Äonen, die man ihm nachsagt, können nicht ausreichen, alles selbst erlebt zu haben, was aus seinem Mund wie authentische Teilnehmerschaft klingt. Wer gesehen habe, wie der Mensch sein solle…“

 

„Also hat er doch Einblicke in den Schrein der Ideen gehabt?“

 

„… und erkennen, was er geworden ist, der könne weder dem Quell der Urbilder noch der Welt der Abbilder mit jenem Ernst begegnen, der gemeinhin in dieser Sphäre waltet.“

 

„Also ist er Humorist!“

 

„Das schon wegen seines Berufes. Lehrer sind entweder zynisch oder humorvoll. Da gibt es keine Alternative. Es heißt auch, er mag nicht das Gericht und die Idee eines Richters.“

 

„Wieso ‚Idee‘? Gibt es für ihn keinen Richter? Er muss doch die Wahrheit kennen!“

 

„Vielleicht kennt er die Wahrheit, aber liebt ihren Absolutismus nicht.“

 

„Das ist mir zu hoch. Warum bildet er Leser für das Buch des Lebens aus, wenn er sich nicht eindeutig zur letzten großen Wahrheit des Richters bekennt?“

 

„Das Buch des Lebens wird zur Erinnerung geschrieben, ohne die es keine Geschichten gibt, und zur Bereicherung unserer Ordnungen durch viele mögliche Welten. Deshalb soll er auch ein Pedant sein, der es mit der Ausbildung sehr genau nimmt. Er ist viel penibler als seine Kollegen, weshalb der Unterricht bei ihm sehr anregend sein soll. Schauen, genießen, sich unterhalten lassen vom Weltenspektakel und im Protokoll allein bezeugen, was geschah, ist nicht in seinem Sinn. Er ist anstrengend und verlangt Anstrengung.“

 

„So ändert sich nichts an unserer Tätigkeit!“

 

„Doch, das Ziel! Am Ende werden die Bücher des Lebens aufgeschlagen und die Lebensläufe werden durchsichtig, wie sie denen da unten niemals glaubten zu sein. Wir und sie, die Geschichten lebten, werden lesen, lachen und weinen. Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher!“ 

 

„Und der Schrein der Ideen, wenn es ihn überhaupt gibt?“

 

„Du fragst mich, als wär’ ich er! Ich glaube gehört zu haben, dass er gesagt haben soll, in diesem Schrein könne gar nicht verzeichnet sein, was dort unten geschieht. So werde es auch keinen Vergleich zwischen Urbild und Abbild geben und keine Korrektur des Geschehenen. Nicht für das Gericht, sondern zur Erinnerung werden die Namen verzeichnet. Hier oben sei alles im Sein erstarrt, dort unten pulsiere eine Welt im Werden. Hier herrschen Fakten, dort Möglichkeiten.“

 

„So ist er doch ein Rebell!“

 

Auch neben uns wurde eifrig spekuliert. Es hieß, Dr. Seraph trainierte die Beobachtungsgabe seiner Studenten an literarischen Lebensläufen, bevor er sie ins Leben entlasse. Jeder von uns müsse drei Bücher des Lebens über unterschiedliche Erscheinungsformen des homo sapiens schreiben: eines über einen Philosophen der Lebenswelt, worunter ich mir  nichts vorstellen konnte, eins über einen dämonischen Machthaber und das dritte über einen Dichter, der sich als Denker ausgewiesen habe. Das Verfahren diene einer Schule der Nachdenklichkeit und der Einübung in ein uns fremdes Zeitgefühl, das zum Verständnis der menschlichen Verhaltensweise unerläßlich sei. Der Mensch sei nämlich ein Wesen  mit unendlichen Wünschen, dem nur eine endliche Lebenszeit gegeben ist. Daher sei sein Verhältnis zur Welt gespannt, soll Dr. Seraph geschrieben haben. Gespannt sei auch das Verhältnis des Menschen zur obersten Ordnung, denn im Reich der geschlossenen Zeitschere wüßten die wenigsten, was es heißt, ein Mensch zu sein.

 

Seltsames Wesen, der Mensch, dem unsere Aufmerksamkeit gelten sollte! Ihm schien ein Herz gegeben, das von Ruhe nichts weiß, dessen Dichten und Trachten aber an höchster Stelle Aufmerksamkeit gefunden hatte, so dass man uns ins Leben rief, darüber Buch zu führen - zu welchem Zweck auch immer. Und es dämmerte mir: Ohne uns Leser und Schreiber - oder sollte ich sagen Schriftsteller? - gäbe es die oberen und unteren Welten nicht und alles Geschehen wäre nie gewesen. Herrschte nicht äußerst gespannte Neugierde auf den oberen Rängen, als Adam erschien, damit er die Welt benenne und alles beim Namen rufe? Ich spürte die Flamme der Sympathie für den Menschen in mir brennen und ein Verlangen hinabzusteigen erfüllte mich. Ja, ich wollte lesen lernen im Buch des Lebens.

 

Da verstummte das vielstimmige Murmeln und Flüstern. Die Gerüchte verflüchtigten sich. Wir hörten Rauschen - wie von gewaltigen Schwingen. Dr. Seraph erschien.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Luise F. Pusch (*1944),

Frauensozialhistorikerin und feministische Linguistin,

schreibt in ihrem Blog https://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/miegel-und-seidel/  

über Agnes Miegel:

 

„Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.

 

Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.“

 

 
 
 
Eingang zur Gedenkstätte Oksbøl. Hier entsteht 
Flugt - Refugee Museum of Denmark,
entworfen von der Bjarke Ingels Group
 
 
 
 
 
 
Søndervig ist einer jener Ferienorte an der Westküste, wo es überlebendig zugeht. Wer gerne in Viererreihen eng an eng flaniert und deutsches Bier im Urlaub nicht vermissen möchte, wird sich hier pudelwohl fühlen. Es ist Donnerstagnachmittag. Undine und ich besuchen das berühmte Kroning-Antiquariat (https://www.kroning-antikvariat.dk.) von Søndervig. Es bietet Platz für 150000 Bücher, darunter 75000 in deutscher Sprache.
 
Voller Bewunderung verneige ich mich vor der Leselust der Dänen! Alphabetisch geordnet finde ich hier ein Museum der entschwundenen Bücher: darunter einen Meter Edzard Schaper und sechzig Zentimeter Agnes Miegel! Die Besitzerin des Bücherhauses klärt mich auf. Wieder einmal war ich zu euphorisch in meiner Liebe zu diesem Land und zu rasch im Urteil: Die meisten Dänen der Westküste sprechen Deutsch, zum Teil sogar ein vorzügliches Deutsch wie Dorthe Fjord Tarbensen von Vestkystens Gårdbutik in Houvig. Viele aus der Generation der Väter und Großväter lasen deutsche Bücher, aber nicht jene 75000, die unter dem Flachdach von Kroning-Antiquariat stehen.
 
Alle deutschsprachigen Bestände kommen aus Hamburg. Bücher, die sich auf den Basaren der Kirchen, beim Roten Kreuz, bei Rotary und Lions trotz einem Kilopreis von 50 Cent nicht mehr verkaufen ließen, sollten zu Altpapier geschreddert werden. Ein Bücherfreund hole sie zwei Mal im Jahr mit einem Transporter ins dänische Asyl. "Das Antiquariat als Flüchtlingslager?" "Nein", lacht die belesene Dänin, "ein Durchgangslager zu neuen LeserInnen." 
 
"Herrlich!", denken viele deutsche Urlauber. Sie sind nicht nur am Strand auf Schatzsuche. Wir sind dabei! Neben Büchern von Kaj Munk entdecken wir ein „Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark“.
 
 
 
 Schautafel auf dem Friedhof
 
 
 
Deutsche Flüchtlinge in Dänemark kenne ich: Brecht, Hans Henny Jahnn, Theodor Geiger. Aber das Liederbuch wurde von der Bildungsarbeit der Dänischen Flüchtlingsverwaltung nicht für sie herausgegeben. Hier geht es um Vertriebene aus dem Osten: Memelland, Ost- und Westpreußen, Danzig, Pommern. Wagen an Wagen zogen sie über Land. Eine Viertel Millionen wurde über die Ostsee evakuiert. Das sei die größte Rettungsaktion in der Menschheitsgeschichte gewesen, sagt die Antiquarin. Dann spricht sie vom Lager Oksbøl, wo die Überlebenden untergebracht worden waren. Für sie wurde das Liederbuch zusammengestellt. Ich blättere in dem grauen Heftchen und stoße auf ein Abendlied. Es ist mir seit früher Kindheit vertraut:


„Guten Abend, gut’ Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck’:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.“

 
Wenn Gott will - Inschallah. Die Antiquarin schenkt mir das Büchlein. Wenn ich wieder zu Hause bin, sagt sie, solle ich die Lieder studieren und dann ein neues „Liederbuch für die Flüchtlinge in Deutschland“ herausgeben. Sie nennt es „Überlebensbuch“. Darin dürfen die Gedichte einer grossen deutschen Dichterin nicht fehlen, die im Lager Oksbøl gelebt und geschrieben habe. Die Bücherfreundin zieht aus dem Regal ein  kleines Bändchen mit fünfzehn Gedichten von Agnes Miegel. Es trägt den Titel "Du aber bleibst in mir. Flüchtlingsgedichte" und ist 1949 im Verlag der Bücherstube Fritz Seifert/Hameln erschienen.
 
 
 
 
 
 
Viele Gedichte und Balladen der Königsberger Dichterin Agnes Miegel (1879-1964) sind mir seit früher Kindheit vertraut, denn meine Mutter, Tochter  von Gertrud und Hermann  Moeck, wurde ebenfalls in der Stadt am Pregel geboren. Ihre Mutter war eine geborene Sakuth und stammte aus Schwarzort, weshalb meine Mutter die Sommer ihrer Kindheit auf der Kurischen Nehrung verbrachte. Agnes Miegel hat diese mystische Dünenlandschaft mit Heideflächen und Kiefernwäldern gesehen und besungen. In der Westküste Dänemarks fand sie ein verwandtes Landschaftsbild wieder, und auch uns erinnert die Nehrung von Bjerghuse an das Großmutterland Schwarzort. 
 
 
 
 
 In der Mitte: Gertrud Moeck, geb. Sakuth, mit ihren Kindern Johannes und Ingrid,
meiner Mutter, vor dem Haus der Urgroßmutter in Schwarzort
 
 
"O Erde sanft wie einer Greisin Hand!", dichtet Agnes Miegel ("O Erde Dänemarks") in Erinnerung an ein frühes Gedicht über die Kurische Nehrung ("Cranz"): "Und alles ward vertraut und wohlbekannt." 
 
 
 
Kurenwimpel aus Schwarzort
 
 
Bevor Undine und ich nach Oksbøl fahren, mache ich mich kundig. Die deutsche Wehrmacht hatte Gebäude zur Unterbringung der Vertriebenen beschlagnahmt. Dazu gehörten allein 64 Schulen in Kopenhagen. Im Mai 1945 gab es 1101 Flüchtlingsunterkünfte.  Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verweigerten ihnen die Allierten die Rückkehr nach Deutschland. Dänemark musste nun die ungebetenen Gäste versorgen. Anfang November 1946 kehrten die ersten Vertriebenen nach Deutschland zurück. Die letzten folgten ihnen im Februar 1949.
 
In Oksbøl/Westjütland und Kløvermark auf der Insel Amager wurden nun die größten Lager errichtet. Dänische Kinder konnten wieder in ihre Schulen gehen. In Oksbøl lebten über 35000 Vertriebene, in Kløvermark 19000 in 950 Baracken schwedischer Herkunft. Johannes Kjærbøl (1885-1973) leitete die Flüchtlingsverwaltung. Die deutschsprachige "Zeitung für deutsche Flüchtlinge in Dänemark" wurde von Jef Jefsen (1905-1975) verantwortet. Jefsen war in den Jahren 1956-59 Deutschlehrer der Prinzessin Margarethe.
 
Die Vertriebenen leben von Soldaten bewacht hinter Stacheldraht. Ein Warnschild verbot ausdrücklich den Kontakt zwischen Dänen und Deutschen:
 
 
"Warnung! Jeder Kontakt mit deutschen Flüchtlingen ist verboten.
Advarsel! Ethvert Samkvem med tyske Flygtninge er forbudt."
 
 
Um jeden persönlichen Kontakt zu erschweren, war es den Vertriebenen auch verboten, die dänische Sprache zu lernen. Zu den Mitarbeitern der "Zeitung für deutsche Flüchtlinge in Dänemark" gehörte auch der Jurist und Volkswirt Fritz Bauer (1903-1968), dem später die Ergreifung Adolf Eichmanns zu verdanken war. 1936 floh er nach Dänemark, 1943 weiter nach Stockholm und kehrte nach dem Krieg in das Land seines ersten Exils zurück. Die "Zeitung für deutsche Flüchtlinge in Dänemark" erschien als Wochenzeitung in 20000 Exemplaren. In der Ausgabe Nr. 36/1946 erschien Agnes Miegels (1879-1964) Gedicht "O Erde Dänemarks". 
 
 
 
Totengedenken in Oxbøl: "Her hviler 1675 flygtninge..."
 
 
Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Oksbøl sind wir die einzigen Besucher, aber wir sind nicht allein. Eine grosse Stille liegt über dem Gräberfeld. In ihr sind die Toten gegenwärtig und die Ahnen aus alter Zeit. 
 
Kleine Kreuze aus Beton verzeichnen auf beiden Seiten Namen der Verstorbenen. Undine und ich schweigen. Jeder schreitet auf seine Weise durch die langen Reihen. Zuweilen halte ich inne und lese einen Namen. Kinder, noch im Krieg gezeugt, mit der Mutter über das Meer geflohen, liegen nun in der Erde Dänemarks. Zu ihnen gehören zwei Geschwister des Künstlers Bazon Brock (*1936 in Stolpe).

 
 
 
"Gott, der Herr, rief sie mit Namen,
dass sie all' in's Leben kamen..."
 
Liederbuch für die Deutschen Flüchtlinge in Dänemark Nr. 10
 


„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“, haben vielleicht ihre Mütter gesungen. Wenn Gott will. Gott wollte nicht. Warum wollte Gott nicht? Wenige Kilometer östlich von Oksbøl liegen die beliebten Ferienorte der Westküste: Blåvand, Henne Strand, die Inseln Fanø und Rømø. Ich stelle mir vor, Sigrid Wolff würde heute mit ihren Enkelkindern an einem der Strände Muscheln sammeln, ihnen Geschichten von kleinen Meerjungfrauen erzählen und die Möwen füttern. Das Meer des Lebens ist voller Rätsel.
 
 
 
Die damnatio memoriae gehörte einst zu den schrecklichsten Strafen.
Diese auf dem Friedhof in Oksbøl ausliegenden Namensbücher wehren dem Vergessen.
 
 
 
 
Ich lege Muscheln auf die kleinen Grabkreuze. Undine liest aus dem Gedichtbändchen der Agnes Miegel  „O Erde Dänemarks“. Ein Requiem für die Kinder.


 

 
Im Lager gezeugt - im Lager gestorben: Thymian
Die Flucht überlebt - im Lager gestorben: Bernhard
 
 
Wie Agnes Miegel floh auch meine Tante Ulla Schulze-Resas mit ihrer Schwester Rosemarie über die Ostsee. Agnes Miegel erreichte auf dem Schiff "Jupiter" am 14. März Kopenhagen. Ulla und Rosemarie Resas fuhren auf der "Wilhelm Gustloff" und überlebten den Untergang (30.01.1945) im eisigen Wasser. Ulla Schulze-Resas hat von mehrfach Zeugnis abgelegt. (https://www.youtube.com/watch?v=X37gC5NU6lw)
 
 
Agnes Miegel und ihre Lebensgefährtin Elise Schmidt (1896-1972) wurden zuerst im Lager Grindsted/Jütland interniert und kamen am 31. Mai 1945 nach Oksbøl, wo sie bis zu ihrer Entlassung im November 1946 blieben. Miegel schrieb Totengesänge auf einzelne Kinder ("Klein Anna-Kathrein"), formulierte Erinnerungsbilder an dänische Kinder ("Das fremde Kind") und spiegelt das Schicksal der Vertriebenen und den Heimatverlust im Spiel  ("Sand") oder erzählt von den Flüchtlingstrecks ("Wagen an Wagen"). Zu den Erzählungen, die in Oxbøl entstanden, gehören ein Undinenmärchen ("Die Quelle"), "Die fünf Schwanenjungfern" und das Märchen vom Maikäfer "Krabbel".
 
Krabbel ist ein Flüchtlingskind, geflohen über das Baltische Meer, im Nebel Kopenhagens nach Dänemark gekommen. Nun sucht der Käfer seine Mutter. Er wird sie finden, auch mit der Hilfe einer Undine. Die Nixe ist natürlich "eine geborene Andersen" und nennt sich "Haffrue" (statt "Havfrue") in schöner Anspielung an das Haff der Kurischen Nehrung.
 
 
Agnes Miegels Beschreibung von Flucht, Vertreibung, Tod, Verlust und Rettung, von Hoffnung und Verzweiflung haben heute einen neuen Subtext und lesen sich überraschend aktuell wie ein Kommentar zu den großen Fluchtbewegung aus Afrika, dem Nahen Osten und aus Afghanistan. In diesem Sinne sind Miegels Flüchtlingsgedichte von trauriger Aktualität.
 
 
Die große Balladendichterin ist oft als reine "Heimatdichterin" missverstanden worden. Agnes Miegel aber wusste bei aller Liebe zu Ostpreußen, dass kein Mensch hienieden eine bleibende Stätte hat. Die Welt ist eine große Wanderdüne. Am Ende würde sie alles Leben zudecken. Agnes Miegel war von Anfang an die Dichterin der Heimatlosen.
 
Noch immer steht ihre Ballade "Die Frauen von Nidden" in deutschen Lesebüchern. Sie nimmt Motive der Kurischen Nehrung auf. Die großen Wanderdünen, die unter ihrem Sand alles Lebens begraben. Eine Seuche, die mit den Elchen über das Haff auf die Nehrung kommt und viele Tote fordert. Am Ende bleiben sieben Frauen von Nidden übrig. Sie fliehen nicht, sondern stellen sich vor die Düne und rufen sie an, auch ihrem Leben ein Ende zu bereiten.
 
Schicksalsergebenheit wurde einst diese Haltung der Fischerfrauen genannt. Die Ballade erzählt von einer apokalyptischen Erfahrung. Aber die Frauen von Nidden bewahren Haltung im Untergang. Kein Schrecken erfasst sie. Keine Panik. Die Ballade erzählt das Ungeheure und Unabwendbare in großer Gelassenheit und Ruhe des Herzens. Sie endet in einem berühmten Satz. Er übersteigt das Geschehen auf der Nehrung. Eine Vision des 20. Jahrhunderts:
 
 
"Und die Düne kam und deckte sie zu."
 
 
 
Auch Dänemark konnte nicht Heimat werden. Nur für einen Augenblick erscheint hinter dem Lagerzaun "ein blondgelocktes, rosiges dänisches Kind" und wird zu einem unverlierbaren Bild.
 
 
Flüchtling, heimatlos ist auch die Kreatur: Die Königsberger Chronistin gedenkt jener unzähligen Tiere, die Wagen an Wagen die Vertriebenen begleiteten, ihre Armut und Not teilten, Zeugen des ungeheuren Missbrauchs wurden. Hunde, Katzen, Kühe und Ochsen, alte Pferde und Fohlen - allen gilt die Erinnerung einer Dichterin, die mit ihrem Werk ein Menschheitsschicksal beklagt und darin die Kreatur einbezieht.
 
 
 
 
 
 
 
Charlotte (Lotte) Sakuth (links) mit ihrer Schwester Gertrud und der Nichte Edith,
Tochter von Else Resas, geb. Sakuth
 
 
 
Agnes Miegel gehörte zur großen reformierten Burgkirchengemeinde ihrer Heimatstadt. Sie machte eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester, brach eine zweite Ausbildung als Lehrerin ab, reiste nach Paris und Rom und arbeitete von 1902-04 an einer englischen Internatsschule in Bristol. Dass sie in jungen Jahren ihre Heimat verließ, hatte vielleicht auch einen Grund in einer enttäuschten Liebe zu einem Adeligen. Agnes Miegel wurde die Dichterin der Frauenschicksale und ein Genie weiblicher Freundschaften. Diese feministische Dimension ihres Lebens und Werkes wird erst heute in voller Klarheit wahrgenommen.
 
Mit ihrer Freundin und Lebensgefährtin Elise Schmidt ("Tatta") floh sie aus Königsberg, das bereits in den Nächten vom 26./27. und 29./30. August 1944 durch britische Bomber in ein Flammenmeer getaucht worden war. "Das war (und ist) die Apokalypse", schrieb Agnes Miegel. Seit dem Monat Mai hatte es nicht mehr geregnet. Bis Ende Oktober sollte kein Tropfen Wasser vom Himmel fallen. 
 
Meine Mutter hat als Dreizehnjährige die Nächte des Schreckens erlebt:
 

„Alle Bewohner unseres Hauses befanden sich bereits im Keller. Eine Tasche stand immer gepackt in der Wohnung. Auch Decken lagen immer griffbereit. Im Keller standen Wassereimer. Dann schlägt im Nebenhaus eine Brandbombe ein. Wir spüren die Erschütterung. Mit der nassen Schutzdecke fliehen wir aus dem Keller. Ich verliere meine Eltern und meinen Bruder. Ich renne. Am Haus der Technik bleibe ich stehen. Wartete vergeblich auf die Eltern und den Bruder. Finde sie nicht unter den Hunderten von Menschen. Ich irrte herum: Suche sie in den nächsten Tagen in Schulen, großen Häusern und anderen Sammelplätzen. Draußen vor den Gebäuden war jeweils angeschrieben, wer in ihnen Zuflucht gefunden hatte. An der Mädchengewerbeschule entdecke ich die Namen der Mutter und des Bruders. Die Freude riesengroß. Aber Papa fehlt. Innenstadt brennt. 30000 Tote gibt es in dieser Nacht. Dann gehen wir um die Stadt herum zu Tante  Lina – und treffen hier die Verwandten und den Vater. Das war ein Schlüsselerlebnis: Alles war weg und doch ist alles da, was du zum Leben brauchst! Ich erlebte zum ersten Mal das ungeheure Erlebnis: Du hast alles verloren und bist überglücklich: Wir waren in diesem ganzen Chaos als Familie geborgen.“

 

Frauen und Kinder fliehen aus der Stadt. Im Dezember sinken die Temperaturen auf -15 Grad. Königsberg ist von sowjetischen Truppen umkreist. Ende Januar können letzte Trecks mit Müttern und Kindern Königsberg verlassen. Am 26. Januar 1945 beginnt die Beschießung der Stadt. Am 27. Februar wird die Bevölkerung evakuiert.

 

Auf die Flucht über das Baltische Meer nimmt Agnes Miegel drei Dinge mit: Das Neue Testament, das ihr einst der Vater für die Reise nach Bristol schenkte. Ein Bild der Sixtinischen Madonna von Raffael und ein Bildnis der Heiligen Agnes von Jusepe de Ribera. Die Heilige Agnes war eine virgo consecrata, die immer wieder den Missbrauchsversuchen der Männer ausgesetzt war und schließlich als Märtyrerin starb. Agnes Miegel hat ihren Namenstag (21. Januar) stets gefeiert.

 

Als sich im Spätsommer die Tore des Lagers öffnen, spricht Agnes Miegel gegenüber einer Freundin aus, was niemand schärfer sieht als sie: "Deutschland ist Fremde für mich, das heißt keine Heimat mehr." Erlebnisse auf der Flucht über die Ostsee beschreibt sie in den Erzählungen "Christoffer auf dem Flüchtlingsschiff" und "Im Morgenrot". Im weißen Morgennebel hatte die "Jupiter" Rügen und die Kreidefelsen der Stubbenkammer passiert:

 

"Und diese Küste leuchtete in unirdischem Glanz, angestrahlt von rötlich goldenem Morgenlicht auf ihren weißen Hängen,- schönste, letzte, ersehnteste Küste des Vaterlandes, heilig auch für meine Augen, Gruß und Abschied des deutschen Ostlandes, jäh wieder im Nebel versinkend - für immer."

 

Dann werden die Vertriebenen entlassen. Dankbar schaut Agnes Miegel auf die Zeit in Oksbøl zurück: "Oksbøl ist das weitaus beste und größte aller Lager, auch das klimatisch u.s.w. gesündeste, bietet Weiträumigkeit und dank der Flüchtlingsbetreuung auch viel Geistiges (Theater, Kino, gute Musik - alles, was ich sonst nie mehr haben werde) reichlich tägliches Brot und gutes warmes Essen und im Winter warme Stube und eigenes Bett - drüben wartet auf uns Beide: Hunger, Frieren, Not, Einsamkeit."

 

Über Kolding reisen Agnes Miegel und ihre Lebensgefährtin nach Lüstringen/Osnabrück und weiter in den Raum Bad Nenndorf. Sie wohnen eine Zeit auf Burg Apelern, lehnen das Angebot ins Kloster Wülfingshausen einzuziehen ab. Ihre letzte Bleibe finden sie in einer Mietwohnung in einem Nachkriegsbau. Zur Grundsteinlegung schreibt Agnes Miegel:

 

"Agnes Gustavstochter, die Letzte der Ihren,

Die ehrfürchtig das Lied der Heimat gesungen..."

 

Agnes Miegel war die letzte ihrer Art. Klarer als ihre Verehrer sah sie, dass sich ihr Auftrag erfüllt hatte und "dass für mich weder als Mensch noch Dichter mehr ein Platz ist, am allerwenigsten in Deutschland." Aber wahre Dichter haben ein langes Nachleben. Agnes Gustavstochter Miegel wurde zur Dichterin in einer Welt voller Flüchtlinge. Deshalb plant man in Dänemark ein neues Flüchtlingsmuseum zu errichten, in dem deutsche Vergangenheit und internationale Gegenwart Raum finden. Es geht nicht mehr um Erinnerungsarbeit an Königsberg, sondern um ein bleibendes Menschheitsschicksal, besonders der Frauen wie etwa die Geschichte der Jesiden, das "Volk eines Engels" (https://www.youtube.com/watch?v=CeStNetPTeg), zeigt.

 

Meine Mutter hatte als Vollwaise den Krieg überlebt. Und Königsberg? Feuer vom Himmel war gefallen aus britischen Brandbomben. Die Düne aus Schutt und  Asche deckte die Stadt zu.

 

 

 

Und die Düne deckte ihn zu: Mein Großvater Hermann Moeck (1894-1945)

 

 

Der Besuch im Flüchtlingslager Oxbøl inspirierte mich, wieder Agnes Miegel zu lesen. In den deutschen Antiquariaten fand ich viele ihrer Bücher angeboten, darunter die sechsbändige Ausgabe des Diederichs Verlages. Der Händler verlangte 85 Euro. Ich bot 52 Euro und erhielt die in taubenblaues mit goldenen Fäden durchwirkten Leinenbände. Das wäre keiner Erwähnung wert, wenn der Fahrer des Hermes-Paket-Dienstes, der mir das Päckchen freundlich lächelnd überreichte, nicht ein Flüchtling aus Afghanistan gewesen wäre. Das konnte kein Zufall sein, dachte ich. Wir kamen in ein Gespräch über den Khyber Pass und Jalalabad. Dann verabschiedeten wir uns. "Khoda Hafez!", sagte ich. Er antwortete: "Auf Wiedersehen!" Agnes Miegel gehört zu den Frauen, die eine Tiefenschicht berühren. Auch deshalb ist sie der westfälischen Sibylle Annette von Droste-Hülshoff zur Seite gestellt worden.

 

 

 

 

 

 

Literatur zur Kurischen Nehrung und Dänemark

 

Richard Pietsch (1915 in Nidden geboren - 2007. Er war verheiratet mit Edith Amtsberg, der Tochter von Ulla Schulze-Resas) Fischerleben auf der Kurischen Nehrung. Dargestellt in kurischer und deutscher Sprache. Berlin 1982.

 

Martin Kakies (Nachbar unserer Urgroßmutter in Schwarzort. Der Elchphotograph der Nehrung). Elche am Meer. Leer 1954.

 

Willy Dähnhardt/Birgit S. Nielsen. Geflüchtet unter das dänische Strohdach. Schriftsteller und bildende Künstler im dänischen Exil nach 1933. Boyens & Co Verlag 1988.  Kapitel: Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945-1949. S. 216-234.

 

Jef Jefsen. Deutsche Nachrichten/ Zeitung für deutsche Flüchtlinge. In: Willy Dähnhardt/Birgit S. Nielsen. Exil in Dänemark. Verlag Boyens & Co. 1993. S. 659-701.

 

„Arrivederci, Hans!“
Ein Nachruf von Pfarrer Walter Kropp

 

Hans Blumenberg (1920-1996) zum Gedenken. „Laß wieder von Dir hören“, schrieb er mir in einem der letzten gewechselten Briefe. Ich tue es hiermit - zum Abschied. Beide sind wir inzwischen „i.R.“, das heißt doch wohl in Ruhestand oder in Ruf- und Reichweite.

 

 

 

 

 


Was für ein Glücksfall, Hans Blumenberg zu treffen und mit ihm zu sprechen und auf ihn zu hören! Im Wintersemester 1939/40 hatte ich diese Chance. Er kam zur Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen Frankfurt a.M., damals ausgelagert im Priesterseminar Limburg (Lahn). Wir waren räumlich sehr beengt. Er und ich teilten ein Zimmer und waren aufeinander angewiesen. Es wurde für mich das auf- und anregendste Semester meines Studiums. Tag und Nacht waren wir im Gespräch. Das heißt: Meist redete er, und ich hörte zu. Der Viel-Wissende, Durchblickende und Weiter-Denkende beeindruckte mich tief. Rodins „Penseur“ erinnert mich bis heute an ihn. Ich habe in dieser Zeit mehr gelernt als im ganzen übrigen Studium.

Mit der Schulphilosophie, der Scholastik, mit der Ordnung eines geistlichen Hauses, tat er sich schwer. Kurios ein Ereignis aus diesen Monaten. Er und ich wurden bei einem Extemporale der Sprech- und Redeausbildung veranlaßt, über „Sinn und Unsinn einer Hausordnung“ zu diskutieren. Sehr zur Freude der Kommilitonen. Er natürlich als Angreifer, ich als Verteidiger. War es nicht ein erster Hinweis auf einen Denker, der in kein Schema und keine „SCHULE“ paßte?

In dieser Lehr- und Lernzeit wies er mich hin auf vieles, das außerhalb des bisher Gewußten lag und auf Zusammenhänge, die unwahrscheinliche Aussichten eröffneten. Schon da wurde mir bewußt gemacht, daß Dichtung oftmals Tieferes und Höheres aussagt als bloßes Denken. Ich habe daraus gelernt, Theologie und Dichtung miteinander in Verbindung zu halten und sie sich gegenseitig ergänzen zu lassen. Unvergessen bleiben mir seine Erklärungen der Bedeutung von Mythos und Metapher, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Ich habe gelernt, das Symbol als Bild zu begreifen, in dem Inhalt und Form beinahe mühelos übereinstimmen und verdichtet zusammenfallen. Hans Blumenberg hat mir die Augen und Ohren geöffnet für die Werke Goethes, Thomas Manns, Hans Carossas, Ernst Jüngers und anderer, die ich bis dahin nicht in die Hand bekommen oder noch nicht recht verstanden hatte. Und er machte mich neugierig auf mehr.

Als unsere Wege sich trennten, ihn zum Weiterstudium und mich zum Soldatensein in den Krieg führten, blieben wir dennoch im Kontakt. Ich weiß nicht mehr genau, wieviel und welche Bücher er mir nach Osten oder Westen an meine Feldpostnummer schickte. „Das mußt Du lesen!“, hieß es in seinen Briefen. Seine Widmung lautete „Walter, dem Freund“ oder „Zu den Wurzeln abendländischen Denkens“ (gemeint war griechische Philosophie) oder „Zu den Wurzeln existentiellen Denkens“ (so zu Kierkegaard). Gelegentlich fiel ich dadurch dem Feldwebel bei der Kontrolle meines Schrankes auf: „Was lesen Sie denn da? Verstehen Sie das denn überhaupt?“ - Aber ich hatte inzwischen gelernt nach anderem zu fragen als nach bloß Vordergründigem, sondern vorwärts und quer und weiter, eben nachzudenken. Statt leere Zeiten mit Besäufnis oder anderem dummen Zeug zu vertreiben, saß ich und las und lernte auf Anregung meines Meisters Hans Blumenberg. Im Vordergrund studierte ich „angewandte Anthropologie“ und dachte darüber nach im stillen Hintergrund. So verging eine für mich fruchtbare Zeit.

Im Winter 1944/45 verloren wir den Faden zueinander. Heute weiß ich, daß dies eine für ihn gefährliche Zeit war, die ihn hätte das Leben kosten können. Aber er entkam glücklicherweise und dachte weiter.

Erst 1946, mitten in einer Dissertationspause, konnte ich ihn in seiner bescheidenen Wohnung in Bargteheide, wo er mit Frau und erstem Kind untergekommen war, wieder treffen. Wir redeten miteinander (er mehr als ich) eine halbe Nacht hindurch. Auf liebevollen Hinweis seiner Frau „Dein Freund will doch sicher jetzt schlafen“ reagierte er bemerkenswert: „Misch Dich nicht ein, wenn zwei Theologen (!) miteinander reden!“ Ist er also nicht doch bei aller denkerischen Mühe auch ein „Theologe“ geblieben, der Richtung Gott fragt, auch vorsichtig und zurückhaltend davon zu reden, zu schreiben oder zu schweigen versucht?

Die folgenden Jahre, angefüllt mit je verschiedener Arbeit, erlaubten uns nur noch gelegentliche Grüße hin und her. Auszüge aus seinen Arbeiten fanden mit kurzem Vermerk „freundlich“ oder „für ein gutes Jahr“ zu mir hin und ließen mich seinen Weg verfolgen. Er wanderte von Lehrstuhl zu Lehrstuhl (Hamburg-Kiel-Gießen-Bochum-Münster). Seine großen, gewichtigen Bücher erschienen im Suhrkamp Verlag. Sein Denken wuchs für mich ins schier Unüberschaubare und schwer Verständliche. Er gilt inzwischen als einer der bedeutendsten Denker der Jetztzeit. Weder kam er aus einer Schule, noch begründete er eine solche. Seine Skepsis der Universität gegenüber hat er mir noch zuletzt mitgeteilt und spöttisch ihre Wiederherstellung vielleicht für 1995 erhofft (Fragebogen der FAZ). Über diesen seinen Denkweg haben Berufenere als ich anläßlich seines Todes geschrieben (Zeit, FAZ). Im „Fragebogen“ des FAZ-Magazins aus den letzten Jahren kommen einige Antworten aus seiner spitzen Feder und seinem widerspruchsvollen Kopf, die mir typisch erscheinen. So ist und so war Hans Blumenberg, wie er leibt und lebt! - Er will „sagen, was er sieht“, und weiß doch, daß „er nicht genau genug sagen kann, was er sieht“. Er bewundert Sokrates, „weil man von ihm wenig genug weiß, um sich alles denken zu können“ und „weil er nichts geschrieben hat“. Er denkt „außen herum“ und „an das Buch, das er nicht mehr schreiben wird“. Er hat als Lieblingsvogel „die Taube auf dem Dach“ (und eben nicht den Spatz in der Hand). Er verehrt die Frau des Sokrates, „da sie ihn ertrug, obwohl er nichts geschrieben hat“. Von seinen Freunden erwartet er „Diskretion“, das heißt doch wohl Resepekt vor seiner Eigenart und Zurückhaltung in jeder Äußerung, zugleich aber auch kritisches Unterscheidungsvermögen.

Erst im eigenen und seinem „Ruhestand“ fanden wir (etwas mühselig, über den Verlag) wieder brieflichen Kontakt zueinander. Zu meiner und wohl auch zu seiner Freude. „Der lebt also auch noch!“ Es war „die Wiederkehr des Entschwundenen, obwohl Unvergessenen.“ - Er hatte sich in seiner „Höhle“ versteckt, um dort in einsamen Nächten weiter zu denken, tiefer zu schürfen und Kostbares zu entdecken, mühsam zu beschreiben und anderen die Mühsal des Lesens und Verstehens zuzumuten. - In einer schwierigen Recherche hat der WDR einen TV-Bericht dieser letzten Jahre der Zurückgezogenheit „zwischen Hölle und Himmel“ erstellt und von dem großen Erschrecken gesprochen, das den aus der „Höhle“ (mit ihren Schatten der Vorübergehenden an der Wand) Hervortretenden befällt, wie schon einen Pascal. „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschüttert mich“ (Pensées). - Es gibt kein Photo des Zurückgezogenen seit 1965. Und das letzte Buch (über Thomas Manns Tagebücher) wird nicht fertig geschrieben. Er scheint keineswegs „aus Lust sich davon zu machen“ (Fragebogen FAZ) gestorben zu sein. Ein letzter Brief an mich beschreibt seine Todesahnung. Die „Matthäuspassion“ (1988) läßt ihn Gottverlassenheit und Vorwurf an den Vater, der den Sohn so hängen läßt, ausdrücken. (Wobei die weitere Frage zu stellen wäre, wer denn wen eigentlich hängen läßt.) - Noch einmal wies er mich auf Lücken meiner Erfahrung mit Dichtern und Denkern hin.

Schmerzlich erfuhr er die eigene Lücke, noch weiter schreiben zu können. In einer der letzten auf Tonband mitgeschnittenen Vorlesungen (WDR) beschreibt er den letzten Augenblick, der das Ganze des Lebens zusammenfassen möchte, als „ohne von Reue geplagt oder von Hoffnung irregeführt zu werden.“ - Ist damit (so frage ich) nicht angedeutet, was ein Mensch endlich erlebt, wenn er im Moment des Todes erblickt, was seinem Hirn und Herzen sich vorläufig entzog?

Ob er „an einer ungelösten Frage gestorben ist“, wie er in „Glossen und Anekdoten“ (1983) schrieb, oder ob er in der Ungewißheit des Wissens eines Sokrates verblieb, wer weiß es? Montaigne der Skeptiker, auf den er mich ebenfalls einmal aufmerksam machte, verbleibt bei seinen „Versuchen“ bei der Frage: „Was weiß ich denn schon?“ Ich erinnere mich an einen Brief, den er mir im Krieg schrieb. Es ging um „Gott als den ganz Anderen“ (Karl Barth). Und er schreib dazu an Weihnachten, daß „Gott noch einmal ganz anders als anders“ sei. Er meinte damit wohl den Menschgewordenen in der Krippe. Ich kenne seitdem keine bessere Beschreibung dessen, wie Gott denn wirklich sein mag.

Ist Hans Blumenberg also vielleicht doch eher „mit einer Frage“ als „an einer Frage“ gestorben? Einer Frage, die keiner sich selbst beantworten kann. Eher vielleicht doch der „anders als Andere“? Ist im Fragezeichen (?) nicht nach Aufstieg und Absturz schließlich doch alles wie in einer leeren Schale aufgehoben? Diese Frage bleibt auch weiterhin den Zurückgebliebenen gestellt.

Oder ist es am Ende „der Vorstoß ins ewige Schweigen“? (eine seiner von ihm „Weihnachtspredigten“ genannten Beiträge in der Neuen Zürcher Zeitung von 1993). Also ein Aufbruch ins Unbekannte.

Blumenberg hat mir eine große Freude gemacht, als er mir schrieb, den Versuch eines Gedichtes aus meiner Feder habe er einer persönlichen Sammlung von ihm wichtigen Texten eingefügt. So möchte ich ihm nun diese Verse endgültig übereignen.

 

Rote Wolken hat ein Pinselstrich
auf das blasse Blau der Luft gehaucht,
während dunkelgrüne Bäume sich
über helle Wiesen neigen. Taucht

nun die Sonne neu den Pinsel ein?
Wie ein Schatten geht ihr ein Gedanke
durch die Stirne: etwas Weiß hinein!
Und wie Silber blinkt im Licht der blanke

Teich, in den die Weiden traurig träumen.
Zart schwingt sich zum Ufer hin der Steg.
Mag dort münden mancher stille Weg
und hinübergehn zu anderen Räumen!

 

Das Nichts, das habe ich bei Guardini gelernt, kann durchaus für einen Denker, der sich darin zu verlieren scheint, der „Schleier des Seins“ werden. Hat Hans Blumenberg schließlich unter den möglichen „Höhlenausgängen“ den einzigen gefunden, der wirklich ins Freie führt? Er hat nun ausgefragt.

Ich habe jedenfalls noch einmal von mir hören lassen. Arrivederci, Hans!

 

 

 

(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und Thomas Manns,

des ehemaligen Chefredakteurs der Studentischen Zeitschrift "Upwärts",

heute Oberschulrat i.K./Speyer)

 

 


Anmerkung

 

Dieser Nachruf erschien zuerst in der Studierendenzeitschrift „Upwärts“ (Sommersemester 1997. S. 5-8) der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. „Upwärts“ ist ein Wortspiel. „up“ darf im Sinne von „auf“ wie „ab“ gedeutet werden. Die Studierenden nannten ihre Zeitschrift gerne „Abwärts“, wie mir Frau Professor Sandra Huebenthal (Universität Passau) erläuterte.

 

Walter Kropp (1919-2019) übergab mir seinen Briefwechsel mit Hans Blumenberg. In einem Begleitbrief vom 29. Januar 2014 schrieb er:

„Der kurze Briefwechsel während des Krieges ist mir leider auf dem Rückzug aus Frankreich verloren gegangen. Zur Primiz 1949 schickte mir Hans eine Kunstmappe der Sixtinischen Kapelle mit ihren großartigen Fresken. Widmung „dem guten Freud“. Ich hoffe, einen kleinen Beitrag zum Nicht-Vergessen geleistet zu haben, und bleibe Ihr ergebener Walter Kropp - einer seiner ersten Zuhörer!“