Märzenbecher im Heber/Ambergau am 28. März 2021

 

 

Hans Blumenberg (1920-1996) entstammte einem alten Hildesheimer Geschlecht, das seit vielen Generationen Priester hervorgebracht hatte. Sein Vater hatte in der Lübecker Diaspora einen Handel mit religiöser Gebrauchskunst aufgebaut. Der junge Blumenberg wuchs unter Marien- und Engelbildern auf. Er war durch das strenge Exerzitium einer katholischen Grundschule mit allmorgendlicher Messe gegangen. Er diente am Altar und engagierte sich während des Kirchenkampfes in seiner Heimatgemeinde Herz Jesu durch Vortragstätigkeit.

Die Reifeprüfung 1939 hatte er als bester Schüler in Schleswig-Holstein bestanden. Das Datum fiel auf den Tag der Erwählung Pius XII., eines Papstes, den Blumenberg schätzte. Blumenbergs Mutter war eine jüdische Konvertitin. So weigerte sich der Schulleiter, dem Primus das Reifezeugnis öffentlich auszuhändigen. Diesen Affront konnte Blumenberg der Schule und der Stadt nicht vergeben. Er blieb unversöhnt auch mit seiner eigenen Leidensgeschichte, von der er zwischen den Zeilen in seiner „Matthäuspassion“ (1988) erzählt.

Der junge Blumenberg spürte die Berufung als Priester. Schon als Student besaß eine theologische Bibliothek mit 1200 Bänden. An der Jesuitenhochschule St. Georgen nahm er das lateinische Studium der katholischen Theologie auf. Von dieser Prägung zeugen seine frühen Hauptwerke „Die Legitimität der Neuzeit“ (1966) und „Die Genesis der kopernikanischen Welt“ (1975). Ein theologisches Examen durfte er aus rassistischen Gründen nicht ablegen. So wählte er die Philosophie und wurde er nach dem Krieg einer ihrer berühmtesten Lehrer.

Ich lernte den großen Mann in meiner Heimatstatt Münster kennen. Curriculare Vorgaben haben Hans Blumenberg in der Auswahl seiner Themen nie irritiert. Das Lehrdeputat von sechs Semesterwochenstunden erfüllte er durch drei Vorlesungen, deren Themen sich bis zur Emeritierung nicht wiederholen. In der ersten Reihe des Hörsaales 8 saß die akademische Jugend der späten Siebziger Jahre mit ihren Cassettenrekordern, allen voran Thomas Sternberg, der später das Zentralkomitee der deutschen Katholiken leiten sollte.

Blumenberg zelebrierte eine Philosophie der Nachdenklichkeit. Er hatte Esprit und schöpfte aus dem Vollen der Überlieferung. Deshalb waren seine Vorlesungen bei allen bildungsfähigen Hörern sehr beliebt. „hip“ oder „kultig“ würde man sie heute nennen. Einerseits war Blumenberg Sprachpurist und ein Exorzist des Druckfehlerteufels, andererseits demonstrierte er gerne seine Kenntnis des neusten Sprachwandels. Die Wissenschaftsprosa seiner Bücher war frei von jedem Jargon wider den Zeitgeist, mit dem er in seiner Vorlesung die Lacher auf seiner Seite hatte. „Ich bin nicht Jesus!“, konnte er sagen. Mit spitzbübischem Lächeln kommentierte er die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Yehudi Menuhin (1979) „für besonders sanftes Geigespielen“. Als ein Zuhörer die Vorlesung vorzeitig verließ, rief ihm Blumenberg tröstend hinterher: „Gehen Sie nur. Mich langweilt die Vorlesung heute auch.“ An gendergerechter Sprache und Diversität, an Kinderunis mit Mütterbetreuung und Rechtschreibkursen für Erstsemester hätten er und seine Zuhörer boshafte Freude gehabt. Denn das Ziel aller Nachdenklichkeit ist die Konsensstörung. Hier erreichte Hans Blumenberg Meisterschaft. Das Heimsen von Wissenschaftspreisen und Ehrendoktortiteln überließ er andere Philosophen.


Zwei Jahre vor seinem Tod erlitt der Philosoph einen schweren Schlaganfall. Koma und Pneumonie folgten. Die Ärzte machten den Angehörigen keine Hoffnung. Blumenberg aber kehrte noch einmal an seinen Schreibtisch zurück. Lebenslang geübt in höchster Selbstdisziplin schrieb er Aufsätze über Lebensthemen und Wegbegleiter: Ernst Jünger, Fridtjof Nansen, Rainer Maria Rilke. Lebenskreise schlossen sich. Pfarrer Walter Kropp (1919-2019), ein Freund aus gemeinsamen Tagen im Priesterseminar der Jesuiten, trat wieder in sein Leben. Erfüllt von Todesahnungen schrieb Blumenberg zu Beginn des Jahres 1996 vier Abschiedsbriefe. In seinem letzten Brief an mich spricht er ausführlich von Maria, bekennt seine Liebe zur Kirche und gesteht zugleich, dass er den Glauben verloren habe. Ein Paradox wie das Symbol des Kreuzes. Dann berichtet er von Kardinal von Galen, zu dessen Bischofsweihe (28. Oktober 1933) er mit seinem Vater von Lübeck nach Münster gereist war. „Gott schütze Deutschland“, hatte Papst Pius XII. dem neuen Kardinal ins Ohr geflüstert. Dieses Segenswort setzte Blumenberg ans Ende seines Briefes.


Neben dem Verstorbenen fand man eine Ausgabe des Neuen Testaments. Zu den letzten Lektüren gehörte der dritte Band der Konzilsgeschichte des Vaticanum I. von Klaus Schatz SJ. Das Konzil hatte das Unfehlbarkeitsdogma verkündet. Blumenbergs geistliche Prägungen fanden weit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil statt, das er gelegentlich als Konzil der Besserwisser bezeichnete. Blumenberg war ein fröhlicher Denker und ein entschiedener Gegner all jener Reformer, die über Jahrhunderte Geglaubtes und Erinnertes dem Zeitgeist opferten. Er war eine Persönlichkeit von Rang mit dem Mut, sich unbeliebt zu machen. Wie sein Namenspatron Johannes Baptist redete er Klartext in den geistigen Wüsten seiner Zeit und beugte seine Knie nicht vor den Götzen. Mit ihm ging eine Epoche zu Ende.

Am 7. März 1996, knapp zwei Wochen vor seinem Tod, brachte die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zum 50. Todestag Kardinal von Galens, des Löwen von Münster, heraus. Auf der Briefmarke stand der bischöfliche Wahlspruch. Er lautete: „Nec laudibus, nec timore“. Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht sollen Glauben, Denken und Handeln eines Bischofs beeinflussen. Ein Motto wie geschaffen zur Orientierung nicht nur für die Deutsche Bischofskonferenz. Hans Blumenberg wählte die Sondermarke zur Frankierung seiner Todesanzeige. Sie wurde sein letztes Wort. Ein Mann Gottes darf dem Volk wohl aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden. So hatte es Johannes Paul II. gehalten. Blumenberg schätzte diesen polnischen Papst und seine Marienverehrung. In der Philosophie gäbe es keinen Fortschritt, prägte er seinen Hörern ein. Plato oder Aristoteles können so wenig optimiert werden wie die Gestalt der Maria. Das anvertraute Erbe braucht kein Update, sondern die immer neue Aneignung in der Generation. Das können wir in dieser Zeit von Hans Blumenberg lernen.

 

 

*

 

Dieser kleine Beitrag  erschien in "Die Tagespost" (25. März 2020).

Mein Urfreund Heimo Schwilk reagierte mit dieser Stellungnahme:

 

Lieber Uwe, vielen Dank für den Blumenberg-Artikel,

der alles noch einmal konzentriert, was Du zu ihm zu sagen hast.

Der Schlusssatz ist dann Dein aktuelles katholisches Bekenntnis,

das dem deutschjüdischen Philosophen verwehrt blieb:

das Bewahrenmüssen der Wahrheiten des Glaubens. 

Diese waren erschüttert nach Blumenbergs Erfahrungen im nationalsozialistischen Deutschland.

Er suchte nach einem persönlichen Update und entwickelte eine skeptische Methode,

alle Gewissheiten zu hinterfragen.

Das ist allerdings eine Methode, die an der Essenz des Glaubens vorbeiführt.

Blumenbergs Skeptizismus verband ihn mit dem Solipsismus von Jünger.

Beide wollten glauben, konnten es aber nicht (mehr). 

 

 

Ernst Jünger an seinem 95. Geburtstag

mit seinem Biographen Heimo Schwilk

„Preise dem Engel die Welt“
Die Engel in Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“

 

 

Literarisches Schreiben ist wie alle Kulturtechniken grundsätzlich lernbar. Sonst wäre ein Seminar für Literaturwissenschaft und literarisches Schreiben sinnlos und der Unterricht verschwendete Zeit. Doch ergeben Sprachgefühl und hoher Wortschatz, kompositorische Begabung und die Fähigkeit, Charaktere zu zeichnen, noch keinen „Malte“; Reim, Rhythmus, Versmaß und Metapher noch keine „Duineser Elegien“. Zur lern- und lehrbaren Seite des literarischen Schreibens tritt etwas Entscheidendes hinzu: Die Gunst der Stunde, in dem eine Begabung plötzlich Erfüllung findet und das rechte Wort zur richtigen Zeit gesprochen wird. Daher rührt die Freude des Gelingens, das Staunen und die Dankbarkeit. Sie ergreift auch den Lehrer. Der unverfügbare Augenblick hat eine Kehrseite: Zum Reden gehört das Verstummen, zum Kairos die ausbleibende Inspiration, zum Gelingen das Versagen, zum großen Wurf das Banale und Periphere, zum Vollendeten das Fragment.

In dieser Spannung befindet sich Rainer Maria Rilke (1875-1926), als er sich auf Schloss Duino zurückzieht. Hier weilt er vom 22. Oktober 1911 bis zum 9. Mai 1912 als Gast der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe (1855-1934). Rilke suchte neue Inspirationen an einem Ort, der nach der Überlieferung schon Dante Zuflucht geboten hatte. Der Dante-Felsen erinnerte an jenen Dichter, der die alte Lehre von den neun Chören der Engel in seiner „Göttlichen Komödie“ beschworen hatte. Gemeinsam mit der zwanzig Jahre älteren Fürstin widmete sich Rilke der Dante-Lektüre und übersetzte die „Vita nuova“. Dante inspirierte die Fürstin auch zu jenem Titel eines „Dottor Serafico“ oder „Serafico“ (der Engelgleiche), mit dem sie Rilke anredete. Im höchsten Chor der Engel sitzen die sechsflügeligen Seraphim. Sie sind die Mittler zwischen den Propheten und Gott (Jesaja 6.1-7). Ihr Gesang ist das Trishagion. Ihr Name gibt ihre Funktion an: „Entflammer“ oder „Erhitzer“ zur reinen Liebe. Franz von Assisi trug den Titel eines seraphischen Heiligen, weil er der Legende nach von einem sechsflügeligen Seraphim die Stigmata erhalten hatte.

Kennengelernt hatten sich Rilke und die Fürstin im Dezember 1909 in Paris. Im April 1910 besuchte Rilke zum ersten Mal Duino, diesen Ort des kulturellen Gedächtnisses. Im Herbst 1911 zählt zu den weiteren Gästen der Fürstin der Philosoph Rudolf Kassner (1873-1959). Ihm wird er die achte Elegie zueignen, der Fürstin aber das gesamte Werk der zehn Elegien mit seinen 853 Versen. Schon vor den Elegien war der Engel ein immer wiederkehrendes Motiv in Rilkes Werk gewesen. Rilke war in einem katholischen Kulturkreis aufgewachsen, in dem die Heiligen, die Muttergottes und die Engel den Alltag strukturierten. Wichtiger als die Geburtstage waren hier die Namenstage mit ihrem Gedenken des Schutzpatrons, das Kirchenjahr mit den religiösen Festen im Familienkreis und der feierlichen Liturgie der katholischen Messe. Selbstverständliches Ritual war auch das Gebet zu den Heiligen und den Engeln. Rilke war zwar, was seine Mutter nie erfahren sollte, als er die norddeutsche Protestantin Clara Westhoff (1878-1954) heiratete, aus der katholischen Kirche ausgetreten, aber er blieb doch Katholik. Einen Teil des Honorars für die in einer Erstauflage von 10000 Exemplaren erscheinenden „Duineser Elegien“ wird er für die Renovierung der kleinen St. Anna Kapelle neben dem Turm von Muzot verwenden.

Rilke befand sich in einer desolaten Lage. Seine Ehe mit Clara Westhoff ist gescheitert. Um die gemeinsame Tochter Ruth kümmern sich die Schwiegereltern. Rilke hat sich nach dem „Malte“ ausgeschrieben. Er klagt über Gedächtnisschwäche, Zahnschmerzen nervöser Art, Migräne, Hämorrhoiden, Wetterfühligkeit, ein übertriebenes Schlafbedürfnis. Deshalb hat er Kontakt zu dem Psychoanalytiker Emil Freiherr von Gebsattel (1883-1976) aufgenommen und erwägt eine Therapie, um die Schreibblockaden aufzulösen. Mit der alten Freundin Lou Andreas-Salome hatte er zwei Mal Russland besucht. Nun war das Verhältnis unterkühlt. Lou machte eine Ausbildung zur Analytikerin bei Freud und rät Rilke entschieden von einer Therapie ab: Mit den Neurosen werde auch sein kreatives Potential wegtherapiert. Der Aufenthalt in Duino soll die Rahmenbedingungen für neue Inspirationen schaffen. Literarisches Schreiben sei für ihn eine Form der „Selbstbehandlung“, bekundet Rilke gegenüber Emil von Gebsattel und Lou Andreas-Salomé. Schreiben hat eine therapeutische Funktion. Worin diese besteht, darauf werden die Duineser Elegien eine Antwort geben: Die Verwandlung der Welt in „ein erworbenes Wort“.

 

„Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus,
Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster,-
Höchstens: Säule, Turm ... aber zu sagen, verstehs,
oh zu sagen so, wie die Dinge niemals
innig meinten zu sein.
(...)
Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat.
Sprich und bekenn.“
(IX. Elegie)

 

Im Dezember 1911 beginnt auf Duino eine Inszenierung, wie Rilke sie als Stimulanz brauchte: Zuerst wird für ihn ein Stehpult angefertigt, dann werden Möbel verrückt und Bilder umgehängt, ein Pavillon im Garten wird zuerst umständlich eingerichtet, dann aber doch nicht bezogen. Schließlich logiert er in einem großen Eckzimmer des Schlosses. Durch die Fenster schaut er auf das Meer: links in Richtung Triest und Istrien, rechts bis nach Aquileja und zu den Lagunen von Grado. Doch neben der sichtbaren Welt existiert hier oben auf Duino ein unsichtbares Reich der Geister, für das Rilke sehr empfänglich ist. Seinem Malte erscheint die längst verstorbene Christine Brahe. Auf Duino geistern Raymondine und die mit fünfzehn Jahren gestorbene Polyxène durch die Räume. Auf okkulten Sitzungen wird mit Hilfe der Technik des automatischen Schreibens ihre Gegenwart beschworen. Gemeinsam mit der Fürstin, sie war langjähriges Mitglied der Londoner Society of Psychical Research, und ihrem Sohn Alexander (Pascha) werden Séancen abgehalten. Die in jungen Jahren verstorbenen Frauen gehören zu jenen „Früheentrückten“, von denen die zweite Elegie spricht. Für Engel sind sie wie die Lebenden reale Gegenwart:

 

„Aber Lebendige machen
alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehen oder Toten. Die ewige Strömung
reißt durch beide Bereiche alle Alter
immer mit sich und übertönt sie in beiden.“

 

Die Haushälterin Miß Greenham wird in Rilkes vegetarische Diätwünsche eingewiesen, der Diener Carlo bedient den Dichter in einem Esszimmer. Er ist angewiesen, den allein speisenden Dichter mit keinem Wort anzusprechen. Die Weihnachtstage verbringt Rilke auf eigenen Wunsch allein mit dem Personal. Zwischen dem 15. und 23. Januar 1912 entstehen die Gedichte des „Marien-Leben“. In Marias Begegnung mit dem Engel Gabriel spürt Rainer Maria Rilke jenem Unverfügbaren nach, aus dem neues Leben und neue Dichtung entsteht. Maria, deren Namen Rilke trägt, verkörpert Rilkes Selbstverständnis eines inspirierten Dichters, der „Schoss“ und „Gefäß“ sein will. Inmitten der Arbeit am „Marien-Leben“ wird dem Dichter die erste Elegie geschenkt. Nach dem Bericht der Fürstin stieg Rilke die steilen Treppen 200 Meter tief zum Meer hinunter. Die Sonne schien, das Meer leuchtete blau, eine heftige Bora wehte.

 

„Da, auf einmal, mitten in seinem Grübeln, blieb er stehen, plötzlich, denn es war ihm, als ob im Brausen des Sturmes eine Stimme ihm zugerufen hätte:
‚Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?’“

Rilke habe die Verse in sein Notizbuch notiert und am Abend die erste Elegie niedergeschrieben. In ihr spiegelt sich das Erlebnis der Inspiration wieder:

„Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur
Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf
aufhob vom Boden (...) Aber das Wehende höre,
die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.“

 

Wenige Tage später entstehen die zweite Elegie und der Beginn der zehnten. Damit stand das Gerüst zum Bau einer Dichtung, deren Vollendung trotz aller Bemühungen in den kommenden zehn Jahren nicht gelingen wollte. Die Elegie ist ein Klagegesang, der in der deutschen Literatur bei Friedrich Hölderlin und Goethe einen Höhepunkt erreicht hatte, an dem gemessen zu werden jeder Dichter riskierte, der sich im frühen 20. Jahrhundert an diese Gattung wagte. Hat die Elegie in den Psalmen und in den Eingangsversen des Kyrie eleison der Liturgie einen göttlichen Adressaten, so markiert der doppelte Konjunktiv II der berühmten Eröffnungsverse einen Traditionsbruch. Die Existenz einer unsichtbaren Welt „der Engel Ordnungen“ wird nicht infrage gestellt. Die Engel bilden eine Welt für sich, ein Paralleluniversum, eine geschlossene Gesellschaft. Jede Kommunikation mit ihnen scheint unmöglich geworden zu sein. Wie die Götter Epikurs interessieren sie sich nicht für das Schicksal der Menschen. Im Irrealis der Melancholie, im „Lockruf dunkelen Schluchzens“, wird von einer zweifachen Unmöglichkeit der Kommunikation gesprochen: Die Engel hören nicht auf den Anruf des Menschen und selbst wenn sie reagierten, so käme eine Begegnung dennoch nicht zustande: „und gesetzt selbst, es nähme/ einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem/ stärkeren Dasein.“ Der Gesang der Engel ist das Trishagion, jenes „heilig, heilig, heilig“, das während der Liturgie vor der Wandlung zitiert wird. Das Heilige aber ist das mysterium tremendum et fascinosum schlechthin. Wenn es erklingt, dann beben die Stufen des Altars, Knie und Haupt werden ehrfürchtig vor Gottes Gegenwart gebeugt. Der Engel bezeugt dieses „stärkere Dasein“. Wo es erscheint, ergreifen den Menschen Furcht und Zittern. Der jüdische Prophet Jesaja schreit „Weh mir, ich vergehe“, Mohammed versucht den Auftrag Gabriels abzuwehren. „Fürchte dich nicht!“ lautet daher die himmlische Entwarnungsformel, die Gabriel zu Maria spricht. Diese erschütternde Erfahrung des Heiligen hat Rilke treffend beschrieben, wenn es heißt: „Ein jeder Engel ist schrecklich.“ Als einziger Vers der gesamten Elegien wird er zu Beginn der zweiten Elegie wörtlich wiederholt: „Jeder Engel ist schrecklich.“ Deshalb konnte Rilke auch später gegenüber seinem polnischen Übersetzer betonen, dass die Engel der Elegien nichts gemein haben mit dem sentimentalen Engelkitsch einer katholischen Volksfrömmigkeit. Abschied genommen wird auch von der seit Kindheit vertrauten Gestalt des Schutzengels, die Rilke in vielen seiner Gedichte beschworen hat.

Das Buch Tobit hat mit der Pubertätsparabel von Tobit (Tobias) und dem Engel Raphael die Urform aller Legenden vom Schutzengel geschaffen. Es erzählt den Weg ins Leben, bei dem der junge Tobit sich in verschiedenen Schlüsselsituationen bewähren muss. Auf dieser Reise ins Leben steht ihm Raphael zur Seite. Er wahrt das Geheimnis seiner Identität, indem er eine menschliche Gestalt angenommen hat und somit inkognito reist. Alle Engelgeschichten von der unsichtbaren Gegenwart himmlischer Geister basieren auf diesem Grundtext der jüdischen Überlieferung. Er ist von bildenden Künstlern reich rezipiert worden und hat besonders durch Rembrandts lebenslange Beschäftigung mit diesem Motiv das Bild vom Schutzengel entscheidend geprägt. Kein Buch der Bibel hat Rembrandt so reich illustriert wie das Buch Tobit. In der lutherischen Tradition zählt das Buch Tobit zu den Apokyrphen, die Rilke während der Arbeit an den Elegien erneut studiert. Diese Lektüre findet ihren Widerhall in der Klage um den Verlust jenes Glaubens an die unsichtbare Anwesenheit der Schutzengel.

 

„Wohin sind die Tage Tobiae,
da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Haustür,
zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar;
(Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).
Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen
eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochauf-
schlagend erschlüg uns das Herz.“ (II. Elegie)

 


Die Tage Tobiae aber sind vorbei. Die Engel der Elegien sind Boten des Heiligen. Dieses Heilige aber ist Ausdruck der Herrlichkeit einer himmlischen Hierarchie. Wo sie sichtbar wird, verblasst nicht nur jeder irdische Glanz, wer diese Schönheit angeschaut mit Augen, der fühlt sich in seinem innersten Wesenskern erschüttert. „Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen Anfang“.

Die Lehre von den himmlischen Hierarchien geht auf den christlichen Mystiker Dionysios von Areopagita zurück. Unter dem Einfluss der Philosophie Plotins (204/5-270) systematisierte er die verstreuten Aussagen der Bibel über die Engelwelt. Dabei ließ er sich von jenem Schema der Enneaden (Neunergruppen) anregen, nach dem Porphyrius die überlieferten Texte seines Lehrers Plotin gliederte. In einer stufenweisen Ordnung umkreisen die neun Chöre der Engel das Geheimnis der unsagbaren göttlichen Mitte, das sich wiederum nach neuplatonischem Muster durch die einzelnen Stufen der Engel ergießt, ohne sich in ihnen zu verlieren. In jedem Engel spiegelt sich das Schöpferische in einmaliger Weise. Die ästhetische Theologie des Areopagiten ist „die konzentrische Ordnung von Himmel und Erde, Engel und Mensch im Preisgesang um den Thron des Unsichtbaren: Wort, das sich in immer breiterem Widerhall fortsetzt, rings um die Mitte des Schweigens; Klang rings um die wesenhafte, unzugänglich verborgene Stille.“ Sie „erschöpft sich im Akt bewundernder Anbetung vor der in aller Erscheinung unerforschlichen Schönheit.“ Diese ästhetische Wahrheit „kann nur durch Eintritt in die Bewegung mitvollzogen werden: wer die Schönheit nicht sieht, dem ist durch Erläuterungen nicht zu helfen; wer nicht sehen kann, was in der Welt erscheint, dem nützt kein ‚Gottesbeweis’, wem die Wahrheit nicht ‚einleuchtet’, die aus der Mitte der Theologie ausstrahlt, dem wird keine Apologetik weiterhelfen.“ Für Dionysios von Areopagita ist alle Theologie eine „rühmende Feier der Gottesgeheimnisse“, die „ihr Ur- und Vorbild in den liturgischen Gesängen des Himmels besitzt“. Seine Engellehre hatte eine beispiellose Prägekraft als „evidente, verwirklichte Synthese von Wahrheit und Schönheit, von Theologie und Ästhetik“. Davon zeugt nicht zuletzt Hugo Balls Hymnus auf den Areopagiten und die orthodoxe Theologie, der zeitgleich mit den Duineser Elegien entsteht.

Rilkes Elegien beschreiben den Weg zur Erfahrung dieser Herrlichkeit durch Teilhabe am Rühmen. „Wer seid ihr?“ (II. Elegie) In kühnen Metaphern umkreist der Dichter das Wesen des Engels und folgt dabei der seit Augustin gängigen Auffassung von der Engelwelt als erstem Schöpfungswerk Gottes. Vor der Erschaffung der sichtbaren Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen hat Gott die unsichtbare Welt der Engel durch das Wort ins Leben gerufen:

 

„Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge, morgenrötliche Grate
aller Erschaffung, - Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entströmende eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.“

 

Mensch und Engel bilden in Augustins Gottesstaat eine Einheit. Sind die Engel der stationäre Teil des Gottesstaates, so gehört der Mensch zum pilgernden Teil. Die Einheit beider Teile aber wird in der Liturgie erfahrbar. Der Engel spricht und bekennt Gott im immerwährenden Lobpreis. In diesen Lobpreis stimmt der Mensch mit dem Gloria und dem Sanctus ein. „Rühmen, das ists! Ein zum Rühmen Bestellter“ (Sonette I. Nr. VII) wird Rilke nach Vollendung der Elegien in seinen Sonetten an Orpheus schreiben. Mensch und Engel bilden eine hymnologische Gemeinschaft. Die Welt ist Klang, die Welt ist Sprache: Der Gott der Genesis ruft allein durch sein Wort eine Welt ins Leben. An diesem Schöpfertum haben Mensch und Engel Anteil. Rilkes Elegien beginnen mit der Klage um den Verlust dieser hymnologischen Einheit, um sie sich schreibend wieder anzueignen mit einer „Zunge/ zwischen den Zähnen, die doch,/ dennoch, die preisende bleibt.“ (IX. Elegie)

Hierarchie bedeutet heilige unerschütterliche Ordnung. In ihr hat jeder seinen Ort und seine Stimme. Und jeder erfüllt auf seine Weise das „Sprich und bekenn“. Die Chöre der Engel sind das Bild dieser Einheit in der Vielzahl der Stimmen. Vor diesem Urbild einer theologischen Ästhetik entfalten die Elegien zuerst das Drama der flüchtigen menschlichen Existenz. Nach langen Klagen über die Flüchtigkeit des Lebens und der Gefühle wird es gipfeln in dem Bekenntnis der siebten Elegie, dem Preislied der Erde: „Hiersein ist herrlich“. Diese Herrlichkeit des Lebens schließt alle Dunkelheiten des Lebens mit ein. Wie die Engel, so wird auch der Dichter zum Rühmenden. Das literarische Schreiben hat viele Dimensionen und Formen. Es erschöpft sich nicht in der Mitteilung, nicht in der Formgebung, auch nicht in einer möglichen selbsttherapeutischen Funktion. Es ist Daseinsbekundung, ein Akt kultureller Selbstbehauptung, der mit dem Menschsein selbst gegeben ist. Der Mensch spricht nicht nur, er ist Sprache. Zu sprechen und damit seine Existenz zu bekennen ist der Sinn seiner Existenz. Dieses Sprechen weist über das Sichtbare hinaus, verwandelt es, spiegelt es zurück. Worum es in den Elegien geht, ist die Verankerung der eigenen dichterischen Berufung und über sie hinaus der gesamten Kultur in einem transzendenten Prinzip. Dass sich der Geist in der Kunst offenbart, ist die Grundannahme jeder idealistischen Ästhetik. Rilkes Ästhetik des Rühmens als innerweltliche ästhetische Transzendenz findet in dem Lobpreis der Engel ihr himmlisches Vorbild.


Der Engel ist Adressat der Elegien. Er wird nicht mehr als Begleiter beschworen, der in der Immanenz erscheint und den Menschen durchs Leben führt. „Glaub nicht, dass ich werbe./ Engel, würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein/ Anruf ist immer voll Hinweg; wider so starke/ Strömung kannst du nicht schreiten.“ (VII. Elegie) Der Mensch begegnet jetzt dem Engel mit neuem Selbstbewusstsein auf gleicher Höhe, indem er der Erde treu bleibt. Er preist dem Engel die Welt, er rühmt das Vergängliche. Kultur schafft Gedächtnis. Zu ihr gehört auch das Handwerk, von dem Rilke in Erinnerung an seine Reisen nach Rom und Ägypten spricht:

 

„Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm
kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig
ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,
als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.“

 

Das Wesen des kulturellen Gedächtnisses ist die Memoria. Durch sie schafft der Mensch eine eigene geistige Welt und stellt sie - das ist die Perspektive der Elegien – komplementär zu der geistigen Welt der Engel. Die Kulturgeschichte ist voller Beispiele für die Erfahrung, dass gerade im Zusammenbruch die großen Schöpfungen der Menschheit entstehen: Das gilt für die Sagen der Antike, die Schöpfungsberichte der Genesis, die Evangelien des Neuen Testaments, die Weisheit des Talmud, Augustins Gottestaat, Benedikts Klostergründung, die Märchen der Grimms bis zu Erich Auerbachs „Mimesis“, mit dem der jüdische Gelehrte im Istanbuler Exil ohne Zugriff auf wissenschaftliche Bibliotheken den Kreis der abendländischen Literatur durchschreitet. Es gilt auch für jene deutschen Gelehrten, die ein Jahrzehnt der Arbeit in den russischen Steinbrüchen überstanden, weil sie aus der geistigen Welt der auswendig gelernten Gedichte lebten und diese auf den Mundstücken der Zigaretten in Miniaturschrift überlebten.


„Und diese, vom Hingang
lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,
traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu.
Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbaren Herzen verwandeln
in – o unendlich – in uns! Wer wir am Ende auch seien.
Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
ins uns erstehn? – Ist es dein Traum nicht,
einmal unsichtbar zu sein? Erde! unsichtbar!
Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
Erde du, du liebe, ich will.“

 

Damit ist auch die Frage nach dem Adressaten der Elegien geklärt. Die Elegien sind ein Gebet. Es richtet sich an den Engel. Wer, wenn nicht sie, versteht etwas von der besonderen Stellung des Menschen im Kosmos? Wer, wenn nicht sie, kann das Glück der Erfahrung einer inneren Welt nachvollziehen? Wer, wenn nicht sie, kennt das überzählige Dasein, das dem Herzen entspringt (IX. Elegie) und nach Ausdruck verlangt? Die Elegien preisen den Raum der Kultur als ein unendliches und unerschöpfliches inneres Universum. Sie rufen die Engel als Zeugen der menschlichen Selbsttranszendierung in der Musik und in den Kathedralen, jenen großen aus Stein errichteten Gleichnissen des Himmels, an:

 

„War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir sinds,
wir, o du Großer, erzähls, dass wir solches vermochten, mein Atem
reicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dennoch
nicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese
unseren Räume. (Was müssen sie fürchterlich groß sein,
da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)
Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es,-
Groß auch noch neben dir? Chartres war groß-, und Musik
Reichte noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nur
Eine Liebende-, oh, allein am nächtlichen Fenster...
reichte sie dir nicht ans Knie?“ (VII. Elegie)

 

Wem soll der Engel von diesen Wundern erzählen? Wunder, staunen, rühmen, lieben -: mit diesem Wortfeld der Herrlichkeit hat sich Rilke zu jener hymnischen Höhe emporgeschwunden, auf der der Mensch nun zum Mitsänger unter den Chören der Engel wird. Die hymnologische Einheit von Mensch und Engel, wie sie in der katholischen Liturgie gefeiert wird, findet ihr dichterisches Spiegelbild in der letzten Elegie. Ihre Eingangsverse wurden bereits im Januar 1912 niedergeschrieben. Sie sprechen eine Bitte aus, dass sich Mensch und Engel dereinst zu einer hymnologischen Gemeinschaft vereinen:

 

„Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.“

Das von Dionysios über Dante vermittelte Bild der neun Hierarchien erfährt hier eine Ergänzung durch den zehnten Chor, der einst mit den Stimmen der Menschen besetzt werden wird. Die Lehre vom zehnten Engelchor spielte in den eschatologischen Bildern mittelalterlicher Dichtung wie etwa Wolframs Legende „Willehalm“ (308,5) eine Rolle. Ob Rilke sie gekannt hat, ist nicht zu klären und letztlich auch unerheblich.

Vollendet wurden die Elegien auf Château Muzot nach einer ähnlichen Inszenierung, wie damals auf dem nun durch den Krieg zerstörten Duino. Nanny Wunderly-Volkert (1878-1962), musste ihren Cousin aus Winterthur, den Industriellen und Mäzen Werner Reinhardt nicht lange überreden, um den Turm von Muzot samt des Hausgespenstes Isabelle de Chevron zu kaufen und nach Rilkes Bedürfnissen ausbauen zu lassen. Rilkes „Nike“ und seine zahlreichen weiteren Gönnerinnen, Freundinnen und Geliebten teilten das Selbstverständnis dieses Dichters, der sich als ein „zum Rühmen Bestellter“ zugleich als von jeder Sorge um den finanziellen Unterhalt seines Lebens befreiter Sänger verstand. Die Engel der Elegien sind auch das Urbild einer aller materiellen Sorgen enthobenen Dichterexistenz, wie sie Rilke seit je für sich reklamierte. Der Dichter singt wie der Engel: das ist seine Bestimmung und der Sinn seines Hierseins. Für die Ökonomie des Lebens sorgt der Mäzen.

Selbstverständlich wird mit Frida Baumgartner aus dem Kanton Solothurn, „einem stillen fleißigen jungen Mädchen, mit der ich nicht zehn Worte spreche in der ganzen Woche“ eine Haushälterin eingestellt. Er wohne nun, berichtet Rilke seiner Mutter, „im katholischsten Kanton der Schweiz nach etwa dem von Fribourg. Die alten Kirchen sind wunderbar und da sich hier überhaupt viel alte Überlieferung unter den überaus armen und hart arbeitenden Bauern erhält und fortsetzt, so sind auch die kirchlichen Traditionen im Volk sehr wirksam geblieben. Steigt man von Sierre nach meinem alten Muzot herauf, so ist jede Wegkreuzung durch ein großes Missionskreuz bezeichnet-, und zum Schlößchen Muzot selbst gehört durch die Jahrhunderte ein kleines Kirchlein, die alte St. Annakapelle“. Rilke besitzt den Schlüssel zu der kleinen St. Anna-Kapelle. In den Weihnachtstagen schmückt er selber den Altar mit Christrosen und hält die Kapelle mit Kerzen festlich erleuchtet.

Zwischen dem 7. und 14. Februar 1922 eignen sich dann die produktivsten Tage in Rilkes Leben. In einem Schwung werden die Elegien und die 50 Sonette an Orpheus vollendet. In den Briefen an die Freundinnen verwendet Rilke durchgängig ein religiöses Vokabular: „Freude und Wunder“, „Dank“ und „Amen“ heißt es immer wieder, „unaussprechliche Gnade“, „ein großes gewaltiges Gebet“, „Wunder. Gnade“. Unter den Freundinnen ist es vor allen Dingen Lou Andreas-Salomé, die in diesen hohen Koloraturen virtuos mitsingen kann. Sie wählt den denkbar höchsten aller Vergleich, wenn sie das Werk der Elegien als „Wort gewordene Unaussprechlichkeit“ und „Urtext der Seele“ mit der Gottesgeburt vergleicht: „Möglich wohl, daß eine Reaktion eintritt, weil das Geschöpf den Schöpfer aushalten mußte, dann laß Dich davon nicht erschrecken (so fühlten sich auch die Marien nach der ihrem Zimmermann unfaßlichen Geburt.)“

Das Weihnachtsmysterium steht auch im Mittelpunkt jenes Briefes an die Mutter, den Rilke der Sendung seiner Elegien und der Sonette beilegt. Rilke hat ein widersprüchliches Bild von seinen ersten Lebensjahren und dem Verhältnis zu seiner Mutter überliefert. Neben der Klage über die Kleider, die Sophia Rilke ihrem Sohn anzog („Kindheit“ Winter 1905/6) steht die dankbare Erinnerung an diese kindlichen Rituale der Verkleidung und Inszenierung als Weihnachtsengel: „Kommt doch alles Lichte meiner Kindheit in jenen glücklichen Abenden zusammen, da man, in dem schönen Kleide, gleichsam den Engeln verschwistert war und sich zwischen ihnen und der übrigen Welt auf einer schwebenden Insel erhielt, zu der einen Leichtigkeit des eigenen Herzens hinaufgehoben hatte.“

Jedes Jahr erfüllten die adventlichen Rituale im Familienkreis und der geschmückte Baum hinter der verschlossenen Tür das Kind mit einer großen Vorfreude. „Vielleicht bin ich deshalb, meine liebe Mama, ein solcher Rühmer der Freude geworden (sie dem Glück, auch noch dem, was die Menschen ein großes Glück nennen, unbedenklich vorziehend), weil ihr mich zu so großer Vorfreude erzogen habt und an diesem einen Tag, in dem so viel Erfüllung geheimnisvoll zusammenkam, meinem Herzen zumuthet, in der Leistung der Vorfreude, ein Maß der Freude anzunehmen, das völlig unaussprechlich war. (...) In diesem Sinne lies auch meine beiden neuen Bücher, die Arbeiten meines vorletzten, (des ersten) Muzot-Winters: als einen Versuch, irgendwie Leben und Tod in einer übergroßen Freude, die ohne Namen bleibt, zusammenzufassen und alles, was hier geschieht, so auszusprechen, daß es sich feiern läßt, wie eine Vorfreude, um des Zitterns, um der Erwartung, um des Geheimnisses willen. Amen! Und so knieen wir wieder nebeneinander, liebe Mama, und erkennen die eine Quelle des Segens, und bitten, gesegnet zu sein. Dein alter René.“


Das Reich des Geistes, von dem Rilke in den Elegien spricht, bildet die Grundlage allen Menschseins. Aus ihm leben die Kulturen, die der Mensch seit seinem Hervortreten aus der Evolution in Vers und Stein, Bild und Flötenlied geschaffen hat. Gerade die moderne Welt macht uns in der Vielfalt der Kulturen bewusst, was Kultur im eigentlichen Sinne ist: Ein Verwurzeltsein des Lebens im lebendigen Strom einer Überlieferung, die sich in jedem Leben neu spiegelt und in tausend Farben bricht. Zum Wesen jeder Kultur gehört, dass sie der Vermittlung bedarf. Sie vererbt sich nicht genetisch von Generation zu Generation, sondern wird durch die Erziehung weitergegeben. Der Acker der Kultur, von dem die Genesis spricht, will von jeder Generation neu bebaut und bewahrt werden.

Die Philosophie Platons und Nietzsches, Goethes Faust und Thomas Manns Josephroman, die Welt der Symbole und die Musik von Bach sind wie alle großen Hervorbringungen des Geistes uns zur Überlieferung anvertraut. In dieser pädagogischen Aufgabe und Herausforderung stehen auch die Arbeit am kollektiven Gedächtnis, zu der jene Kulturwissenschaft auf ihre Weise einen Betrag leistet. „Aus einem gemeinsamen Wort- und Schriftgedächtnis lebt auch unsere ihm gewidmete, Orte und Länder und Kontinente übergreifende akademische Gemeinschaft, die kein Interesse vertritt als nur ihre humane Sache.“ (Friedrich Ohly)

 

 

 

 Im Ostchor des Münsteraner Domes

 


Es gibt viele Weisen, den Ruhestand zu gestalten. Ein reif gewordener Herr kauft sich das neuste Reisemobil und juckelt an der Seite einer jugendlichen Mitvierzigerin durch Europa, ein anderer lernt Tango tanzen oder engagiert sich für den Schutz der Feldhamster. Hans Blumenberg hatte andere Pläne für die Restlebenszeit. Er entschied sich nach seiner Emeritierung (1985) für die Arbeit am Nachruhm. Dazu wählte er das Leben in strenger Klausur. Längst vergangen war die Zeit, da Hund und Kinder ihn vor die Haustür oder in den Garten locken konnten. Tot war der treue Colly Axel vom Bendeleck. Die Eisenbahnanlage, auf der Papa Blumenberg mit seinen Söhnen acht Züge gleichzeitig steuern konnte, war abgebaut. Die Kinder gingen ihre eigenen Wege. Nach und nach hatte Blumenberg ihre Zimmer okkupiert. Er bewohnte einen eigenen Trakt im Bungalow am Grünen Weg 30 von Altenberge. Das Städtchen liegt im platten Münsterland direkt neben der A1 und bietet noch immer wenig Ablenkung durch kulturelle Reize. Blumenberg war ein Bewohner der Randzonen.


In guten Zeiten hatte Blumenberg täglich bis zu 30 Seiten Text diktiert. Nun musste er ohne die Hilfe seiner Sekretärin Ute Vonnegut auskommen. Dennoch tippte er bis zu seinem Tod mit zwei Fingern so viele Briefe, Aufsätze und Bücher in die Schreibmaschine, dass die Beschäftigung von Jungforschern aus aller Welt auf lange Zeit gesichert ist. Im Lesesaal des Deutschen Literaturinstituts Marbach beugen sie sich über Karteikarten aus dem Nachlass des Philosophen. Zitieren darf nur, wer das nihil obstat der Rechteinhaberin bekommen hat. Seit Elisabeth Förster-Nietzsche haben fürsorgliche Schwestern, Töchter oder Ehefrauen immer wieder versucht, die Wirkungsgeschichte eines Nachlasses zu steuern.

Kein Kino, kein Theater, keine Teilnahme an Symposien, kein Auftritt in einem philosophischen Quintett, keine Gutachtertätigkeit für Ministerien und Verlage, kein Ehrenvorsitz bei einer Hans-Blumenberg-Gesellschaft: Der Philosoph lebte wie Diogenes. Nur war seine Tonne wegen der vielen Bücher, die untergebracht werden mussten, wesentlich geräumiger. Besucher schätze er zum Leidwesen seiner Frau Ursula nicht. Auch ließ er sich von gelegentlichen Besuchen eines Kindes oder Enkelkindes nicht stören. Meistens verschlief er die Zeit, denn er war ein Nachtarbeiter wie Marcel Proust, dessen Roman „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ er im Laufe seines Lebens vier mal gelesen hatte. Zum ersten Mal als Schüler in der Teil-Übersetzung von Walter Benjamin, später das vollständige Original in der Ausgabe der Bibliotheque de la Pleiades.

Der einzige Mensch, für den er sich selbst Dispens von der Klausur gewährte, war der jüngste Sohn und designierte Herausgeber seines Nachlasses. Tobias Blumenberg hat in einem Buch Rechenschaft von den nächtlichen Spaziergängen mit dem Vater abgelegt. Der Mann aus Altenberge war „Der Lesebegleiter“. Seine Leseerziehung folgte einer Didaktik der Unmittelbarkeit. Ihr hatte sich der ältere Bruder erfolgreich widersetzt. Lesen lernen soll ein Kind wie das Schwimmen - durch einen Sprung ins kalte Wasser. Passend zu dieser elementaren Pädagogik hatte der Vater seinem Sohn als erstes Leseerlebnis den Roman „Moby Dick“ von Herman Melville als eine Art anthropologischer Grundschule verordnet. Selbstverständlich nicht in einer kastrierten Jugendfassung. Auch als Lehrer war Blumenberg fest davon überzeugt, dass Studenten nicht alles verstehen können und auch nicht müssen. Ein guter Vortrag war für ihn unerschöpflich wie ein gutes Buch. In den Leselisten, die er geführt hat, findet sich neben dem Datum und der Bewertung im Notensystem von „sehr gut“ bis „mangelhaft“ auch eine Datierung der wiederholten Lektüre. Die vierte Lesung der „Recherche“ beendete er im Februar 1996 wenige Wochen vor seinem Tod. Auch Musik begleitete sein Leben bis zum letzten Atemzug, allen voran Bachs „Matthäuspassion“, die er über Jahrzehnte jeden Karfreitag hörte.

Nach dem Sommersemester 1985 hatte der Emeritus endgültig mit der Welt abgeschlossen. Nur Karthäuser wie der Heilige Bruno oder der Einsiedler Arno Schmidt lebten in ähnlicher Abgeschiedenheit. Aber Blumenberg wollte mit niemanden verglichen werden, weder mit dem Bargfelder Lästermaul noch dem Gründer der Grande Chartreuse. Er selbst scheute keine Vergleiche. So sprach er von den turbulenten Sechziger Jahren, die er in Gießen und Bochum erlebt hatte, als einer Zeit der Ochlokratie und der Wiederkehr erlittenen Terrors aus der Jugendzeit. Die Universität nannte er eine verrottete Institution, deformiert durch planlosen Reformeifer. Im besten Mannesalter war er 1970 auf den Münsteraner Lehrstuhl für Philosophie als Nachfolger von Joachim Ritter berufen worden. Hier in der bleiernen Zeit des deutschen Herbstes entstanden Werke geistigen Widerstandes wie „Arbeit am Mythos“ (1979) oder sein vielleicht schönstes Büchlein „Schiffbruch mit Zuschauer“ (1979) mit dem Pascal-Motto „Vous êtes embarqué“ („Ihr seid bereits eingeschifft“).

Curriculare Vorgaben haben Hans Blumenberg in der Auswahl seiner Themen nie irritiert. Das Lehrdeputat von sechs Semesterwochenstunden erfüllte er durch drei Vorlesungen, deren Themen sich bis zur Emeritierung nicht wiederholen. In der ersten Reihe des Hörsaales saß die akademische Jugend der späten Siebziger Jahre mit ihren Cassettenrekordern, allen voran Thomas Sternberg, der später das Zentralkomitee der deutschen Katholiken auf den synodalen Irrweg führen sollte.

Nur vereinzelt verirrten sich Hörerinnen in Blumenbergs Männerkolleg. Das Exzellenzcluster hatte eine unbeschreibliche Atmosphäre: den Zauber einer höheren Seinsmesse, eine Session für Eingeweihte und Liebhaber des kreativen Müßiggangs, die niemals nach der Prüfungsrelevanz der Vorlesung fragten. Wer ein Examen ablegen oder einen Titel erwerben wollte, war bei Blumenberg an der falschen Adresse.

Im Saal 8 des Münsteraner Barock-Schlosses erlebte seine Gemeinde die Genesis einer Philosophie der Nachdenklichkeit. Um dieses Glück der schöpferischen Aktes im Sprechen ging dem Lehrer. Blumenberg hatte Esprit und schöpfte aus dem Vollen. Deshalb waren seine Vorlesungen bei allen bildungsfähigen Hörern sehr beliebt. „hip“ oder „kultig“ würde man sie heute nennen. Blumenberg hätte gegen diese Wortwahl keinen Einwand erhoben. Einerseits war er Sprachpurist und ein Exorzist des Druckfehlerteufels, andererseits demonstrierte er gerne seine Kenntnis des neusten Sprachwandels. Die Wissenschaftsprosa seiner Bücher war frei von jenen Jargon wider den Zeitgeist, mit dem er in seiner Vorlesung die Lacher auf seiner Seite hatte. „Ich bin nicht Jesus!“, konnte er sagen. Mit spitzbübischem Lächeln kommentierte er die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Yehudi Menuhin (1979) „für besonders sanftes Geigespielen“. Als ein Zuhörer die Vorlesung vorzeitig verließ, rief ihm Blumenberg tröstend hinterher: „Gehen Sie nur. Mich langweilt die Vorlesung heute auch.“ An gendergerechter Sprache und Diversität, an Kinderunis mit Mütterbetreuung und Rechtschreibkursen für Erstsemester hätten er und seine Zuhörer boshafte Freude gehabt. Denn das Ziel aller Nachdenklichkeit ist die Konsensstörung. Auch hier erreichte Hans Blumenberg Meisterschaft. Das Heimsen von Wissenschaftspreisen und Ehrendoktortiteln überließ er andere Philosophen.

Heute in Zeiten der Bildungsinflation besuchen 57 % eines Jahrgangs die Universität. Mitte der Fünfziger Jahre waren es 3 %, doch auch sie stöhnten bereits über ein Lernniveau, das im Rahmen der vorgegeben Zeit nicht zu bewältigen sei. Der junge Philosophielehrer Hans Blumenberg war an der Universität Kiel auch für die Ausbildung angehender Gymnasiallehrer zuständig. Er reagierte auf die Klagen mit einem Feuilleton, das er unter dem Pseudonym seines Hundes Axel Colly schrieb.

„Der Student in Zeitnot“ erschien in den Düsseldorfer Nachrichten (12. Juni 1954). Studenten geraten bei ihrem Studium in Zeitnot, sagt Axel Colly, weil sie einfach zu viel Zeit haben und folglich im Studium zu viel herumdaddeln. Die Zeitnot des Studenten sei „die Kehrseite einer zeitverschleudernden, zutiefst ‚zerstreuenden‘ Lebensform. Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß das Geheimnis der seltenen Menschen, die immer Zeit zu haben scheinen, in der Fähigkeit zur Konzentration liegt. Der heutige Student muß so auffallend viel arbeiten, weil es ihm an dieser Fähigkeit fehlt.“ Dann lobt Axel Colly das Prüfungswesen: „Das Examen ist ein einzigartiger Faktor der Konzentration: ein oder zweimal im Studium sich ganz ‚zusammennehmen‘ zu müssen, auf Ausflüchte und Vorwände verzichten, Vermögen und Ausdruck in ein genaues Verhältnis zu zwingen - das ist doch ein Modell entscheidender Situationen des Lebens selbst.“
 
Das deutsche Bildungswesen brauche keine „Reformhyänen“, sondern klare Leistungsanforderungen, an denen die Jugend Orientierung und echte Herausforderung finde. „Sachlichkeit, Blick für das real Gegebene, Übersicht über verfügbare Möglichkeiten, Voraussicht gegenüber großen Ansprüchen“, darauf komme es an.
 
Blumenberg war der letzte Lehrer seiner Art. Er entstammte keiner philosophischen Schule und hat keine Schule begründet. Von der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster und der Philosophischen Fakultät erwartete er nichts. Deshalb hielt er auch keine Abschiedsvorlesung. Die Kollegen hatten es auch nicht anders erwartet. Sie wussten nichts über Hans Blumenberg und sahen in seinem zuweilen abweisenden Verhalten nicht den Selbstschutz einer verletzten Seele. Selbst für Blumenbergs Assistenten war seine Biographie von Geheimnissen umhüllt. Nur Karl-Heinz Gerschmann, ein jüdischer Konvertit, und die Sekretärin Ute Vonnegut standen ihm persönlich nahe. Mit Abschiedsszenen verband Blumenberg eine der größten Demütigungen seines Lebens. Er hatte die Reifeprüfung 1939 als bester Schüler in Schleswig-Holstein bestanden. Doch am Tag der Verleihung der Zeugnisse an der Nazi-Hochburg des Lübecker Katharineums weigerte sich der Schulleiter, dem Primus das Reifezeugnis auszuhändigen. Diesen Affront konnte Blumenberg der Schule und der Stadt nicht vergeben. Er blieb unversöhnt auch mit seiner eigenen Leidensgeschichte, von der er zwischen den Zeilen in seiner „Matthäuspassion“ (1988) erzählt. Als diese Identifikation mit dem Gekreuzigten erschien, trennte ihn nur noch ein Jahr vom erreichten Lebensalter seines Vaters Josef Carl Blumenberg (1880-1949). Der bald kommende 70. Geburtstag erfüllte ihn im Blick auf die Vollendbarkeit seines Lebenswerkes mit Sorge. Er wusste, dass er kein hohes Alter wie Ernst Jünger erreichen würde, und er spürte wohl auch die Vorboten des schweren Schlaganfalls, der ihn bald treffen sollte. So nutze er sehr bewusst die verbleibende Lebenszeit zu erhöhter Anstrengung bei spürbar abnehmender produktiver Kraft.

Er könne stolz auf seine Lebensleistung sein und es ruhiger angehen lassen, rieten alte Freunde und Wegbegleiter. Ihre gut gemeinten Vorschläge für altersgemäßes Freizeitverhalten, verärgerten Blumenberg. Er empfand sie als unsensibel und respektlos gegenüber seiner Lebensgeschichte als rassistisch ausgegrenzter und um viele Optionen betrogener hochbegabter Student der katholischen Theologie. Seine Generation hatte viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Mitschüler waren an den Fronten gefallen oder kamen an Leib und Seele schwer verwundet aus dem Krieg. Die meisten von ihnen konnten und wollten nicht über diese Traumatisierungen sprechen. So ging es auch Blumenberg. Er reagierte betroffen und wütend, wenn ehemalige Klassenkameraden behaupteten, andere hätten auch ein schweres Schicksal zu tragen gehabt. Lebensgeschichtliche Erfahrungen sind immer einmalig und unvergleichbar.

 

 

Im Totenkeller des Bischöflichen Gymnasiums Josephinum/Hildesheim

 

Hans Blumenberg entstammte einem alten Hildesheimer Geschlecht, das seit vielen Generationen Priester hervorgebracht hatte. Einige waren Mitglieder des Jesuitenordens. Der Vater handelte erfolgreich mit religiöser Kunst und hatte sich in der Lübecker Diaspora eine Existenz aufgebaut. Die Mutter, eine jüdische Konvertitin, übte den Beruf der Zahnarzthelferin aus. Hans Blumenberg war ihr erstes Kind. Ein jüngerer Bruder Rolf, genannt Hoffi, starb in jungen Jahren. Sein Tod hinterließ bei allen Familienmitgliedern einen bleibenden Schmerz und vielleicht auch Schuldgefühle. Der Vater wurde nun von herausragender Bedeutung für die Entwicklung des einzigen Kindes. Die Beziehung war fürsorglich und innig. Zugleich erkannte und förderte Josef Carl Blumenberg die vielfältigen Begabungen seines Erstgeborenen in jeder Weise durch gemeinsame Reisen in die Hildesheimer Heimat oder nach Italien. Er ließ die von seinem Sohn edierte Zeitschrift „Erdball und Weltall“ in einer Privatauflage drucken. Neben dieser geistigen Förderung stand eine gemeinsame Glaubenspraxis. Der junge Blumenberg war durch das strenge Exerzitium einer katholischen Grundschule mit allmorgendlicher Messe gegangen. Er diente über viele Jahre als Messdiener und engagierte sich in seiner Heimatgemeinde durch Vortragstätigkeit.

Als Blumenberg nach dem Abitur Priester werden und in den Orden der Jesuiten eintreten wollte, riet ihm der Vater, Deutschland zu verlassen und in Rom zu studieren. Ausweichen und Fliehen waren nicht seine Sache. Der Eliteschüler ging in die innere Emigration. Hier übte er sich im Widerstand durch reine Geistesmacht nach dem Vorbild des Pater Lampros aus Ernst Jüngers Parabel „Auf den Marmorklippen“ (1939). Eine Überlebenstechnik, die sein weiteres Leben bestimmen sollte. Von herausragender menschlicher Bedeutung wurde der Einfluß seines ehemaligen Deutschlehrers und Mentors Wilhelm Krüger. Neben dem Vater war er die prägende Figur in Blumenbergs Leben. Bei ihm fand er, der gerne mit Geschwistern aufgewachsen wäre, einen Familienanschluß. Wilhelm Krüger überlebte die letzten Kriegstage nicht. Blumenberg hielt dem Lehrer und seiner Witwe Else mit ihren vier Kindern Gundula, Birgit, Klas und Katharina die Treue und unterstütze sie finanziell.

Dass der vielfach Begabte ausgerechnet Priester werden wollte, bedarf heute im Zeitalter der Demaskierung und Selbstdemontage dieses Standes der Erläuterung. Der junge Blumenberg suchte das „Das Hochland“. Der metaphorische Titel von Carl Muths „Zeitschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst“ zielte auf den Erwerb eines überlegenen Blicks durch ein Studium Generale. Der Student Blumenberg besaß eine theologische Bibliothek mit 1200 Bänden und ein Abonnement dieser im April 1941 verbotenen Kulturzeitschrift. Nach dem Krieg gehörte er zu den Mitarbeitern des „Hochland“.

Erst in Paderborn, dann an der Jesuitenhochschule St. Georgen nahm Blumenberg das lateinische Studium der katholischen Theologie auf. Von dieser Prägung besonders durch die mittelalterliche Theologie zeugen seine frühen Hauptwerke „Die Legitimität der Neuzeit“ (1966) und „Die Genesis der kopernikanischen Welt“ (1975), die auch deshalb heute wenig rezipiert werden, weil die Kenntnis der alten Sprachen selbst unter ehemaligen Lateinschülern minimal geworden ist. Ein theologisches Examen durfte Blumenberg nicht ablegen. Zum Militärdienst wurde er nicht zugelassen. Vergeblich richtete er am 7. April 1941 ein Gesuch an den „Führer“ über eine Aufhebung dieser Entscheidung. Blumenberg war zu dieser Zeit Mittelpunkt eines Kreises seiner ehemaligen Klassenkameraden. Er schickte ihnen Bücher an die Front, darunter die neusten Veröffentlichungen von Ernst Jünger. Bei einem Fronturlaub trafen sie sich in Blumenbergs Zimmer, nicht nur, um sich einen Vortrag des jungen Universalgelehrten anzuhören.

Am 28. März 1942 wurde Blumenbergs Lübecker Elternhaus von britischen Bombern in Schutt und Asche gebombt. Die theologische Bibliothek verbrannte. Bimbo, der kleine schwarze Terrier seiner Mutter, wurde verschüttet und starb. Während der Vater ein Haus in Bargteheide erwarb und hier seinen Kunsthandel neu aufbaute, blieb der Sohn in Lübeck. In den Drägerwerken fand er eine Anstellung. Heinrich Dräger war Mitglied der Partei. Sonst hätte er ihm nicht helfen können, wird Blumenberg später sagen. Er ließ kriegswichtiges Gerät für Flugzeuge, U-Boote und Lazarette herstellen und konnte daher Blumenberg und anderen sogenannten „Halbjuden“ eine UK-Stellung vermitteln. Heute produziert Dräger FFP2-Masken (Dräger X-plore 1720 C) und jene Beatmungsgeräte, die während der Covid-19-Krise in den Kliniken zum Einsatz kommen.

Zwei Jahre vor seinem Tod erlitt der Philosoph einen schweren Schlaganfall. Koma und Pneumonie folgen. Die Ärzte machten den Angehörigen keine Hoffnung. Blumenberg aber kehrte noch einmal an seinen Schreibtisch zurück. Lebenslang geübt in höchster Selbstdisziplin schrieb er Aufsätze über Lebensthemen und Wegbegleiter: Ernst Jünger, Fridtjof Nansen, Rainer Maria Rilke. Lebenskreise schlossen sich. Pfarrer Walter Kropp (1919-2019), ein Freund aus gemeinsamen Tagen im Priesterseminar der Jesuiten, trat wieder in sein Leben. Erfüllt von Todesahnungen schrieb Blumenberg zu Beginn des Jahres 1996 vier Abschiedsbriefe. In seinem letzten Brief an mich spricht er ausführlich von Maria, bekennt seine Liebe zur Kirche und gesteht zugleich, dass er den Glauben verloren habe. Ein Paradox wie das Symbol des Kreuzes. Dann berichtet er von Kardinal von Galen, zu dessen Bischofsweihe (28. Oktober 1933) er mit seinem Vater von Lübeck nach Münster gereist war. „Gott schütze Deutschland“, habe Papst Pius XII. dem neuen Kardinal ins Ohr geflüstert. Dieses Segenswort setzte Blumenberg ans Ende seines Briefes.

Mit Ernst Jünger teilte Blumenberg das Interesse an letzten Worten. Sie sind von der Aura eines letzten Vermächtnisses umgeben, fordern aber auch bei allzu viel Weihrauch zur Parodie heraus. „Mehr Licht!“ oder „Mehr nicht!“ - Was immer Goethe am Ende seines Lebens gesagt haben mag, es ist eines Kommentars wert. Ernst Jünger hatte sich bereits in den Fünfziger Jahren Postkarten mit Eintragungen drucken lassen: Autor - Letztes Wort - Quelle. Blumenberg kannte Teile der Sammlung, soweit sie ihm durch Jüngers Biograph Heimo Schwilk zugänglich gemacht worden waren.

Wenige Jahre vor seinem Tod greift er in seiner Glosse „Ein Zeckenbiß“ einen anderen Kommentar des Uralten auf. Nach einem Zeckenbiss hatte „Bild“ (25. August 1993) ins Land posaunt: „Ernst Jünger (98): Herzinfarkt. Ein Jahrhundert-Mann kämpft mit dem Tod. Der umstrittene, aber fast geniale Schriftsteller Ernst Jünger erlitt einen Herzinfarkt! Ein großer Deutscher liegt im Sterben.“ Auf diese von Rolf Hochhuth in die Welt gesetzte Falschmeldung reagierte Jünger: „Von denen muß ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen.“

Der Kommentar hätte gut in Jüngers Sammlung letzter Worte gepasst, meinte Blumenberg, als er die Anekdote nach der Rekonvaleszenz kommentierte. Im Schlaganfall war er der Zeitmauer sehr nahe gekommen. Doch ein letztes Wort stand noch aus.

Der 28. März 1996 gilt als Todestag des Philosophen. So vermerkt es die schlichte Todesanzeige und erinnert mit dem Datum an den Brand der Lübecker Bibliothek. Seneca hat seinen Tod inszeniert und den Schülern noch letzte Worte diktiert. Heidegger starb ohne Zeugen im Bett. „Ich lege mich noch einmal hin“, gilt als sein letztes Wort. Das tat er, schlief ein und wachte nicht mehr auf. Auch Blumenberg starb allein, eingeschlossen in seinem Trakt. In dieser Klausur hatte er den letzten Monat seines Lebens mit theologischen Studien verbracht.

Neben dem Verstorbenen fand man eine Ausgabe des Neuen Testaments in der Übersetzung von Carl von Weizsäcker (1822-1899). Zu den letzten Lektüren gehörte der dritte Band der Konzilsgeschichte des Vaticanum I. (1869-1870) von Klaus Schatz SJ. Das Konzil hatte das Unfehlbarkeitsdogma („Infallibilitas“) verkündet. Blumenbergs geistliche Prägungen fanden weit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) statt, das er gelegentlich als Konzil der Besserwisser bezeichnete. Blumenberg war ein konservativer Denker und ein entschiedener Gegner all jener Reformer, die über Jahrhunderte Geglaubtes und Erinnertes dem Zeitgeist opfern wollten. Er hatte seine ersten drei Kinder taufen lassen und sie das Beten gelehrt. Der älteste Sohn trug den Namen des Evangelisten Markus, der zweite bekam die Namen der Könige Caspar und Balthasar. Der jüngste Sohn wurde 1959 nach dem alttestamentlichen Engelbuch Tobit genannt, aber nicht mehr getauft. Die Mutter, Ursula Blumenberg, blieb nach er Eheschließung Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche. Auch sie nahm ihren Glauben ernst, doch führen konfessionsverschiedene Ehen oftmals zur schleichenden Entfremdung von kirchlicher Praxis.

Hans Blumenbergs hatte die Modalitäten seiner Beisetzung geklärt und sich von einem Beerdigungsunternehmer eine VHS-Cassette über Seebestattungen schicken lassen. Seinen Verfügungen gemäß wurde seine Asche nicht in der Lübecker Bucht vor Travemünde oder Niendorf versenkt, sondern in der Kieler Bucht vor Laboe. Wer will, mag in der Wahl des Ortes ein Zeichen der Unversöhntheit seiner Vaterstadt sehen.

 

 

 

 

 

Als Meister Bashô (1644-1694) auf dem Sterbelager lag, baten ihn seine Schüler um ein Todesgedicht (Jisei). Japans größter Haiku-Dichter sagte: Sie mögen alle seine Gedichte als Sterbegedichte nehmen. Hans Blumenberg hätte diese Antwort gefallen. Dennoch wählte er ein allerletztes Wort in Form einer Briefmarke. Wie viele Männer seiner Generation gehörte Blumenberg zu den Briefmarkensammlern. Im Schreibtisch des Philosophen, den mir sein Sohn Tobias vererbte, liegen noch heute in der rechten oberen Schublade jene Marken, die er sorgsam aus den Briefumschlägen schnitt. Blumenberg frankierte seine Postsendungen mit bewusst ausgewählten Marken als indirekten Mitteilungen. So etwa das Postwertzeichen zum 100. Geburtstag von Julius Leber (1891-1945). Er war der Schwiegersohn von Georg Rosenthal (1874-1934). Die Entfernung dieses Schulleiters am Lübecker Katharineum gehört zu den frühesten politischen Schlüsselerlebnissen des Sextaners Blumenberg.

Am 7. März 1996, knapp zwei Wochen vor seinem Tod, brachte die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zum 50. Todestag Kardinal von Galens, des Löwen von Münster, heraus. Auf der Briefmarke stand der bischöfliche Wahlspruch. Er lautete: „Nec laudibus, nec timore“. Nicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht sollen Glauben, Denken und Handeln eines Bischofs beeinflussen. Ein Mann Gottes soll kein Ritter des Zeitgeistes sein, dem Volk wohl aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden.

Hans Blumenberg wählte diese Sondermarke zur Frankierung seiner Todesanzeige als sein letztes Wort: „Nec laudibus nec timore“. Es entstammt der Liturgie der Bischofsweihe. Ja, er hätte Bischof werden können oder Kardinal. Aber sein Gott hatte anderes mit ihm vorgehabt. Wenn Blumenberg die Wege des Herrn verärgert haben sollten, so war er jetzt versöhnt.

 

 

 

 

 

Gedenkmarke vom 7. März 1996:

"Nec laudibus, nec timore"

 

 

 

 

"Hic exspectat resurrectionem mortuorum...."

 

Dlf: Zum 100. Geburtstag von Hans Blumenberg (13. Juli 2020)

 

Der ganz andere Philosoph

Hans Blumenberg gilt als der „bekannteste Unbekannte“ der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Er sei schwer zu lesen, weil er „gründlich nachgedacht“ habe, sagt der Schriftsteller Uwe Wolff. Dennoch könne Blumenberg „Geburtshelfer für das eigene Philosophieren“ sein, so Wolff im Dlf.

 

 

Andreas Main: Uwe Wolff bezeichnet sich selbst als Engelforscher. Er ist Kulturwissenschaftler und Schriftsteller. Und er ist Privatdozent am Institut für Literaturwissenschaft und literarisches Schreiben der Universität Hildesheim. Und dann ist er auch noch Theologe, evangelischer Theologe, allerdings mit einer starken Neigung auch zur katholischen Theologie. Oder sagen wir, sein interkonfessionelles Interesse ist ausgeprägt. Und so hat es ihn auch nicht gestört, dass der Philosoph Hans Blumenberg sein Lehrer wurde, ein sehr katholischer Lehrer. Hans Blumenberg, der bekannteste Unbekannte der jüngeren Philosophiegeschichte.

Auch mir fällt es schwer, gut einzuordnen, wie wichtig das Werk von Hans Blumenberg ist, wen es bis heute beeinflusst, was wir verpasst haben, die wir seine legendären Vorlesungen in Münster nicht gehört haben. Einordnen kann das aber Uwe Wolff. Blumenberg war für ihn ein väterlicher Freund und so hat er nun ein kleines Buch vorgelegt mit dem Titel „Der Schreibtisch des Philosophen: Erinnerungen an Hans Blumenberg“. Wir haben dieses Gespräch mit Uwe Wolff, der im niedersächsischen Bad Salzdetfurth lebt, in der vergangenen Woche aufgezeichnet und strahlen es aus am heutigen 100. Geburtstag von Hans Blumenberg. Guten Morgen, Uwe Wolff.

Uwe Wolff: Ja, guten Morgen.

Main: Herr Wolff, was schätzen Sie, Hans Blumenberg, wie viel Prozent unserer Hörerinnen und Hörer kennen ihn?

Wolff: Ich glaube, dass ganz wenige ihn kennen und noch weniger ihn gelesen haben. Dennoch geht der Name durch die Medien wie kein anderer Name eines zeitgenössischen Philosophen oder eines Philosophen der unmittelbaren Vergangenheit. Hans Blumenberg, ja, da hat es so einen regelrechten Hype, wie man neudeutsch sagt, gegeben. Das ist die große Frage für mich auch: Warum ist das so? Ein Philosoph, der doch sehr schwer zu lesen ist, weil er sehr gründlich nachdachte, der eine sehr ausgewählte Sprache hatte, die sich nicht jedem Leser sofort erschließt.


Warum ist gerade der heute in aller Munde? Vom Namen her, wie gesagt, nicht von der Erkenntnis des Werkes. Er ist jemand, der sich allen entzogen hat. Keine Kongresse von Philosophie. Er ist nicht ins Fernsehen gegangen. Er hat keine Radiointerviews gegeben. Er hat sich allein auf seine Berufung, sein Werk konzentriert. Und ich glaube, dieses so ganz andere Leben als unser Leben, wir führen ja alle ein öffentliches Leben, auch hier in diesem Moment, wo wir miteinander sprechen, wir haben auch Freude daran, in die Öffentlichkeit zu gehen. Hans Blumenberg war der ganz andere. Und ich glaube, das fasziniert uns.

Main: Sollten wir ihn lesen? Warum sollten wir mehr von ihm wissen?

Wolff: Weil in ihm sozusagen zum letzten Mal vielleicht in der Philosophie des Abendlandes das Ganze anklingt. Das Ganze, das heißt also die Geschichte unseres Menschseins, unseres Denkens, von Platon und Aristoteles, über das Mittelalter, bis in die Gegenwart. Wir leben ja in einer sehr schnelllebigen Zeit. Wir fragen immer: Was bringt mir das und was muss ich wissen? Was ist wichtig, unwichtig? Wir werden ja bestimmt durch das Internet. Wir werden bestimmt durch die Taktung der SMS. Hans Blumenberg war jemand mit einem ganz langen Atem, der gesagt hat: „Setz dich mal hin. Komm mal zur Ruhe. Lies mal. Lies nicht nur die Bestseller, die du heute überall angezeigt findest, sondern lies die großen Bücher, in denen der Mensch seinem eigenen Wesen, dem Geheimnis seiner Existenz nachgegangen ist.“ Deshalb muss man und darf man Hans Blumenberg mit sehr großem Gewinn lesen, weil er das Ganze, also unsere Geschichte, die Geschichte des Menschen im Blick hat.

Main: Die, die ihn erlebt haben in Münster oder andernorts, haben ihn, so wie Sie, geradezu verehrt, kann man wohl sagen. Was musste oder muss jemand mitbringen, um Blumenberg zu verstehen?

Wolff: Ja, das ist eine Frage, die Blumenberg selbst immer thematisiert hat in seiner berühmten Freitagsvorlesung im Saal 8 des Münsteraner Schlosses. Da waren sehr viele Zuhörende, vor allen Dingen Nicht-Studenten, also andere Professoren, Münsteraner Bürger, Kunststudentinnen. Und alle wollten Blumenberg hören, wenn er dann sprach über die großen Themen des Menschen und der abendländischen Geschichte. Und oftmals war das gar nicht so leicht, ihn zu verstehen. Und dann hob jemand, wie das in Vorlesungen ja üblich war und heute noch ist, den Finger und wollte eine Frage stellen. Und Blumenberg lenkte dann immer ab und sagte: „Bitte, wenn Sie eine Frage haben, stellen Sie sie mir schriftlich. Also, ich möchte jetzt im Fluss meines Erzählens bleiben. Und seien Sie nicht traurig, wenn Sie etwas nicht verstehen, sondern das Verstehen, das ereignet sich im Zuhören.“

 

Das heißt also, was muss jemand mitbringen, um Hans Blumenberg zu verstehen, damals als Zuhörender und heute als Lesender? Einfach Geduld. Und das ist etwas, was uns in der Gegenwart ja ganz fehlt. Wir wollen sofort konsumieren. Wir wollen kleine Häppchen präsentiert bekommen. Blumenberg war genau das Gegenteil. Er hat gesagt: „Hab doch die Geduld zuzuhören und erlebe doch, wie sich in dir das Wissen entwickelt und auch das Verstehen.“ Jetzt der Philosophie der großen Lebensfragen. Also: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist die Liebe? Was ist der Schmerz? Was ist der Tod? Diese großen philosophischen Lebensfragen, sie lösen sich im Zuhören. Das war seine Botschaft und das war sozusagen auch die Voraussetzung, die die Zuhörenden mitbringen mussten, wenn sie Blumenberg verstehen wollten. Sitzen, warten, wie sich Verstehen ereignet. Und das war in der Tat etwas Unglaubliches, was wir in Münster erlebt haben ab 1975 bis 1985 – das sind die großen Münsteraner Jahre von Hans Blumenberg gewesen –, dass da wirklich Zuhörende waren. Und – jetzt kommt das Entscheidende – die nicht nur zuhörten, weil Blumenberg Tolles zu sagen hatte, sondern weil er, indem er erzählte, in den Menschen selbst, also uns Zuhörenden, sozusagen die eigene Fantasie, die eigene Lust auf Wissen, auf Schreiben, auf Gespräch freisetzte. Also, er war sozusagen ein Geburtshelfer für das eigene Philosophieren. Das war, glaube ich, das Besondere an ihm.


Main: Herr Wolff, Sie sind – ich habe es eben schon gesagt – Sie sind evangelischer Theologe. Blumenberg hatte als Philosoph, sagen wir mal flapsig, eine katholische Schlagseite. Was war das Katholische an ihm?

Wolff: Na ja, Hans Blumenberg war Katholik durch und durch. Er entstammte ja einem alten Hildesheimer Priestergeschlecht. Das waren Bauern und Priester. So war es ja früher üblich – heute noch im Münsterland –, dass also die großen Bauernfamilien nicht nur Landwirte hervorbrachten, sondern auch Gelehrte. Und aus so einem Geschlechte stammte Hans Blumenberg. Er wollte Priester werden. 1939, als er Abitur machte, stand auf seinem Abiturzeugnis: Hans Blumenberg möchte katholische Theologie studieren. Und das hat er auch gemacht. Er ist dann zu den Jesuiten, also dem strengsten akademischen Orden, nach Sankt Georgen gegangen und hat dort einige Semester Theologie studiert, um Priester zu werden. Und wurde dann, weil er eine jüdische Mutter hatte, vom Studium ausgeschlossen. Sonst wäre er ganz gewiss also Jesuit vielleicht, aber in jedem Falle Priester und Professor geworden.
Sein Schicksal führte dann dazu, dass er eben untertauchen musste im Dritten Reich. Er wurde geschützt durch einen berühmten Unternehmer in Lübeck. Das war Heinrich Dräger. Und als er dann die Zeit nach 1945 durchgestanden hatte, da verliebte er sich in eine Frau, die er dann heiratete, mit der er vier Kinder hatte. Und damit war sozusagen diese Priesterlaufbahn nicht mehr drin. Aber dieses Katholische, das blieb in ihm, also in seinen ganzen Fragen. Das merkte man sofort, wenn man die Vorlesungen hörte. Ich studierte ja – Sie haben es gesagt – evangelische Theologie. Und viele Theologen waren da. Und man hatte sofort das Gefühl, selbst, wenn man von Blumenberg noch nie was gehört hatte und den Mann noch gar nicht kannte, aber man spürte als junger Theologe sofort: Das ist einer, der ist in einer Wolle gewaschener Theologe. Zum Beispiel: Er sprach von der Schöpfung des Menschen. Er sprach von Fragen der Erlösung. Er sprach von Fragen der Vollendung der Welt. Er sprach von den Metaphern, den Symbolen, den Mythen, die wir brauchen, also, um das Geheimnis der Welt und das Geheimnis Gottes zu verstehen. Also, er war durch und durch ein christlicher, ein katholischer Denker.


Main: Uwe Wolff, evangelischer Theologe, Kulturwissenschaftler, Schriftsteller, Dozent an der Uni Hildesheim, in der Sendung „Tag für Tag – Aus Religion und Gesellschaft.“ Herr Wolff, jetzt stelle ich Ihnen eine blöde Frage, eine „Hätte-hätte-Frage“. Was hätte uns Blumenberg in Pandemie-Zeiten zu sagen? Was wäre sein Impuls in der Corona-Krise?

Wolff: Hans Blumenberg hat ja ein letztes Wort hinterlassen, und zwar in Form einer Briefmarke des Kardinals von Galen. Und der Spruch des Kardinals von Galen – Blumenberg war 1930 dabei, als Kardinal von Galen in Münster Bischof wurde – der Spruch des Kardinals von Galen lautet ja auf Latein: Nec laudbus nec timore. Weder durch Lob noch durch Angst, durch Furcht lasse ich mich irritieren. Und das wäre die Botschaft von Hans Blumenberg für diese Corona-Zeit: Seid vorsichtig. Seid nicht leichtsinnig, aber seid nicht zu optimistisch, seid auch nicht zu ängstlich. Lasst euch nicht irritieren, sondern geht euren Weg. Versteckt euch nicht. Versteckt euch nicht hinter eurer Angst, sondern geht euren Weg.
Das ist, glaube ich, das Zentrale für Blumenberg überhaupt, dieses Den-eigenen-Weg-gehen, die eigene Berufung spüren, das machen, was in uns angelegt ist. Und zwar nicht von uns aus oder durch Erziehung und Pädagogik, sondern von Gott her. Also, die anvertrauten Talente, denen nachzuspüren und die zu verwirklichen und dann keine Angst zu haben, aber auch durch Lob und Lobhudelei sich nicht irritieren zu lassen, sondern den eigenen Weg gehen, auch gerade in der Corona-Zeit.

Main: Der Schreibtisch des Philosophen, der steht ja bei Ihnen zu Hause. In der Form des Schreibtischs lebt Blumenberg für Sie weiter – und im Geiste auch. Was ist für Sie der zentrale Gedanke, wie er für Sie weiterlebt?

Wolff: Der zentrale Gedanke, den ich mit Hans Blumenberg verbinde, ist der der Freude und der Dankbarkeit. Und ich glaube, das ist das, was über Hans Blumenberg auch dann hinausweist. Wir alle haben Menschen gehabt, die uns begleitet haben. Und ich glaube, gerade dann, wir reden ja heute an einem Gedenktag, am 100. Geburtstag, den er nicht mal hat feiern dürfen, über Hans Blumenberg. Dieses Gedenken, was Menschen für uns geleistet haben – ich denke, das beginnt erst dann, wenn sie gestorben sind.
Natürlich sind wir auch zu Lebzeiten dankbar. Wir werden ja auch erzogen. Noch unsere Kinder und Enkelkinder werden erzogen, zu Muttertag oder zum Geburtstag des Vaters oder der Oma Geschenke zu bereiten. Aber das meine ich nicht. Ich meine diese tiefe Dankbarkeit, dass ein Mensch da war, der nicht nur an sich gedacht hat, sondern an uns auch. Und das andere auch – wir erleben das ja immer wieder, gerade, wenn wir Alte, Kranke, Sterbende begleiten oder dann eben auch über die Gestorbenen nachdenken. Wir merken plötzlich: Die sind eigentlich gar nicht tot. Die leben weiter. Ihr Bild vollendet sich in uns. Das ist ein ganz großes Geheimnis, dass das Bild eines Menschen sozusagen hinausstrahlt über den Tod.




Und das verbinde ich mit diesem Schreibtisch. Der ist für mich nicht nur natürlich eine wunderbare Erinnerung an einen Lehrer, den ich geliebt habe, sondern er ist für mich auch ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass das Leben weitergeht, und dass das Bild eines Menschen sich sozusagen vollendet erst nach dem Tod.

Main: Ein dankbarer Uwe Wolff, evangelischer Theologe, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller in Bad Salzdetfurth. Auch ich bin dankbar – für dieses Gespräch. Als kleines Dankeschön hier noch die bibliografischen Angaben. Uwe Wolff „Der Schreibtisch des Philosophen: Erinnerungen an Hans Blumenberg“. 136 Seiten, erschienen im Verlag Claudius, kosten 16 Euro. Uwe Wolff, danke, dass Sie Ihre Erinnerungen mit uns geteilt haben.
Wolff: Ja, ich habe zu danken.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Uwe Wolff: „Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen an Hans Blumenberg“
Claudius Verlag, München 2020, 136 Seiten, 16 Euro.

 

Zum 70. Geburtstag von Hans Blumenberg gab Michael Krüger eine kleine Festschrift heraus. Er bat mich um einen Beitrag. Damals beschäftigte mich "Die Wiederkehr der Engel". So kam ich auf die Idee, die Vorlesung am Freitagnachmittag als Unterricht in Angelologie darzustellen.

 

 

 

 

 

Lesen lernen im Buch des Lebens

 

 

Die Morgenröte der Schöpfung glänzte noch auf unseren Gesichtern, denn der Augenblick, da wir dem Nichts entrissen worden waren, mochte kaum einen Wimpernschlag der Ewigkeit zurückliegen. Wir aus der neunten Ordnung waren dazu berufen, die Bücher des Lebens zu führen, eine Aufgabe, die uns mit freudiger Erwartung erfüllte, denn das Studium des Weltenabenteuers und der humanen Regungen versprach in abwechslungsreicher Spannung die Zeit zu kürzen, deren wir zwar nicht unendlich, aber zuweilen bedrohlich viel besaßen. In den höheren Ordnungen, so hieß es, kannten sie keine Zeit.

 

Zuschauer und in gewissen Sinn Teilhaber an einer Welt sein zu dürfen, erschien uns als eine verlockende Bereicherung unseres Daseins. Es gab in unserer Ordnung eine Tradition, die behauptete sogar, Welt und Mensch seien nur als Programm zur Vermeidung von Langeweile geschaffen worden. Der Mensch aber solle einige von den Höheren zur Rebellion verführt haben. Das waren Gerüchte, derer es viele gab. Asmodi, aus dem Geschlecht der Ankläger, der neben mir in dem überfüllten Hörsaal saß und in gespannter Erwartung auf das Erscheinen unseres Lehrers wartete, kannte sie alle.

 

Dr. Seraph nannte man den Weisen vom Blumenberge bei uns in der neunten Ordnung. Jeder kannte seinen Namen und die Titel seiner Werke wie „Lebenszeit und Weltzeit“ oder „Die Lesbarkeit der Welt“. Das war keine Lektüre für uns Anfänger, sondern eindeutlich für Examenskandidaten geschrieben worden, die mit Strahlungsintensitäten umzugehen wussten und dem Spaziergang des Meisters am Horizont der Unbegrifflichkeit folgen konnten.

 

Es hieß, unser Lehrer käme von ganz oben, wo die Feuerflammen des Geistes lodern. Dort habe er die ungezählten Urbilder gesehen, die verwahrt sind im Schrein der Ebenbilder, und wenn er im Hörsaal erscheine, gehe der Glanz jener Sphäre von ihm aus, den wir nur in der siebenfachen Sphärenbrechung zu ertragen vermögen.

 

„Fürchtet du dich?“, fragte Asmodi.

 

„Ein wenig schon“, gestand ich, „denn über sein Wissen und seine Herkunft kursieren beunruhigende Gerüchte. Ich bin gespannt auf den gepriesenen Redner und den Erzieher, an dem die Kunst der Schärfung der Beobachtungsgabe und der Schulung der Aufmerksamkeit gerühmt wird. Er soll Licht in dunkle Höhlen bringen können und werde deshalb ‚Erleuchter der Lebenswelt’ genannt. Aber gesetzt, er nähme mich plötzlich ans Herz: ich verginge vor seinem stärkeren Dasein. Ein jeder von dort oben ist schön - und schrecklich!“

 

„Er soll sich über die Angelegenheiten der ersten Ordnung in Schweigen hüllen. Vielleicht weil es den Schrein der Ebenbilder gar nicht gibt?“

 

„Manchmal denke ich, es gibt den Menschen gar nicht und man gaukelt uns auf dem Planeten Erde nur ein Spiel mit Schatten vor.“

 

„Aber warum?“

 

„Um uns ruhig zu halten. Vielleicht haben die da oben Angst vor uns. Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, etwas ganz Gefährliches schläft in mir und droht wachzuwerden. Ich kann es aber nicht benennen.“

 

„Ich weiß von einer Rebellion unter dem Geschlecht der Ankläger“, sagte Asmodi, „die der Offenlegung der Kriterien galt, nach denen die da oben später unsere Aufzeichnungen  verwerten. Sie kämpften für die Transparenz der Buchführung und verlangten Einsichtnahme in den Schrein der Ebenbilder, um Urbild und Abbild selbst vergleichen zu können.“

 

„Und, wie ist die Revolte ausgegangen?“ 

 

„Wie alle Studentenunruhen! Sieh’ dich ’mal vorsichtig um. Da hinten, in der achtundsechzigsten Reihe, die Grauflügel sollen aus jener Epoche stammen.“

 

„Welche Haltung nahm Dr. Seraph damals ein?“

 

„Er schwebte, so sagt man, zwischen den Sphären und nahm eine Position ein, die von keiner der Parteien bezogen werden konnte. Er gilt als verführungsresistent. Zu allen Zeiten sprach er so, als wäre er überall dabei gewesen. Doch selbst die sieben Äonen, die man ihm nachsagt, können nicht ausreichen, alles selbst erlebt zu haben, was aus seinem Mund wie authentische Teilnehmerschaft klingt. Wer gesehen habe, wie der Mensch sein solle…“

 

„Also hat er doch Einblicke in den Schrein der Ideen gehabt?“

 

„… und erkennen, was er geworden ist, der könne weder dem Quell der Urbilder noch der Welt der Abbilder mit jenem Ernst begegnen, der gemeinhin in dieser Sphäre waltet.“

 

„Also ist er Humorist!“

 

„Das schon wegen seines Berufes. Lehrer sind entweder zynisch oder humorvoll. Da gibt es keine Alternative. Es heißt auch, er mag nicht das Gericht und die Idee eines Richters.“

 

„Wieso ‚Idee‘? Gibt es für ihn keinen Richter? Er muss doch die Wahrheit kennen!“

 

„Vielleicht kennt er die Wahrheit, aber liebt ihren Absolutismus nicht.“

 

„Das ist mir zu hoch. Warum bildet er Leser für das Buch des Lebens aus, wenn er sich nicht eindeutig zur letzten großen Wahrheit des Richters bekennt?“

 

„Das Buch des Lebens wird zur Erinnerung geschrieben, ohne die es keine Geschichten gibt, und zur Bereicherung unserer Ordnungen durch viele mögliche Welten. Deshalb soll er auch ein Pedant sein, der es mit der Ausbildung sehr genau nimmt. Er ist viel penibler als seine Kollegen, weshalb der Unterricht bei ihm sehr anregend sein soll. Schauen, genießen, sich unterhalten lassen vom Weltenspektakel und im Protokoll allein bezeugen, was geschah, ist nicht in seinem Sinn. Er ist anstrengend und verlangt Anstrengung.“

 

„So ändert sich nichts an unserer Tätigkeit!“

 

„Doch, das Ziel! Am Ende werden die Bücher des Lebens aufgeschlagen und die Lebensläufe werden durchsichtig, wie sie denen da unten niemals glaubten zu sein. Wir und sie, die Geschichten lebten, werden lesen, lachen und weinen. Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher!“ 

 

„Und der Schrein der Ideen, wenn es ihn überhaupt gibt?“

 

„Du fragst mich, als wär’ ich er! Ich glaube gehört zu haben, dass er gesagt haben soll, in diesem Schrein könne gar nicht verzeichnet sein, was dort unten geschieht. So werde es auch keinen Vergleich zwischen Urbild und Abbild geben und keine Korrektur des Geschehenen. Nicht für das Gericht, sondern zur Erinnerung werden die Namen verzeichnet. Hier oben sei alles im Sein erstarrt, dort unten pulsiere eine Welt im Werden. Hier herrschen Fakten, dort Möglichkeiten.“

 

„So ist er doch ein Rebell!“

 

Auch neben uns wurde eifrig spekuliert. Es hieß, Dr. Seraph trainierte die Beobachtungsgabe seiner Studenten an literarischen Lebensläufen, bevor er sie ins Leben entlasse. Jeder von uns müsse drei Bücher des Lebens über unterschiedliche Erscheinungsformen des homo sapiens schreiben: eines über einen Philosophen der Lebenswelt, worunter ich mir  nichts vorstellen konnte, eins über einen dämonischen Machthaber und das dritte über einen Dichter, der sich als Denker ausgewiesen habe. Das Verfahren diene einer Schule der Nachdenklichkeit und der Einübung in ein uns fremdes Zeitgefühl, das zum Verständnis der menschlichen Verhaltensweise unerläßlich sei. Der Mensch sei nämlich ein Wesen  mit unendlichen Wünschen, dem nur eine endliche Lebenszeit gegeben ist. Daher sei sein Verhältnis zur Welt gespannt, soll Dr. Seraph geschrieben haben. Gespannt sei auch das Verhältnis des Menschen zur obersten Ordnung, denn im Reich der geschlossenen Zeitschere wüßten die wenigsten, was es heißt, ein Mensch zu sein.

 

Seltsames Wesen, der Mensch, dem unsere Aufmerksamkeit gelten sollte! Ihm schien ein Herz gegeben, das von Ruhe nichts weiß, dessen Dichten und Trachten aber an höchster Stelle Aufmerksamkeit gefunden hatte, so dass man uns ins Leben rief, darüber Buch zu führen - zu welchem Zweck auch immer. Und es dämmerte mir: Ohne uns Leser und Schreiber - oder sollte ich sagen Schriftsteller? - gäbe es die oberen und unteren Welten nicht und alles Geschehen wäre nie gewesen. Herrschte nicht äußerst gespannte Neugierde auf den oberen Rängen, als Adam erschien, damit er die Welt benenne und alles beim Namen rufe? Ich spürte die Flamme der Sympathie für den Menschen in mir brennen und ein Verlangen hinabzusteigen erfüllte mich. Ja, ich wollte lesen lernen im Buch des Lebens.

 

Da verstummte das vielstimmige Murmeln und Flüstern. Die Gerüchte verflüchtigten sich. Wir hörten Rauschen - wie von gewaltigen Schwingen. Dr. Seraph erschien.