Der Roman sollte im Ullstein Verlag erscheinen. Die Verträge standen kurz vor der Unterzeichnung.

Da sagte man mir, mit Springer könne ein Autor nicht kooperieren.

Ich folgte einer Empfehlung meines Mentors Hans Wollschläger

(Brief vom 31. März 1982 zitiert mit Erlaubnis von Gabriele Wolff).

 
„Aber haben Sie sich das mit Klagenfurt auch genau überlegt? Das ist ein ekelhaftes Zeremoniell dort, und je besser Sie sind, desto geringer ist Ihre Aussicht, bei den Plunderköpfen zu reüssieren. Ich habe Ihretwegen an meinen Verleger Gerd Haffmans geschrieben und ihm kurz und bündig geraten, Sie so rasch wie möglich ab – und anzuwerben für seinen Verlag, mit dem er im Herbst startet -: Sie wären da bestens aufgehoben, und Haffmans (bisher Cheflektor und Verlagsdirektor bei Diogenes) wird sicher ein glänzendes Verlagsunternehmen auf die Beine stellen. Überlegen Sie sich das bitte gut :- ich geb gern genauere Auskünfte.
 
Und Ihre Sorgen! Mein Lieber, Sie können so viel, dass einem schwindelig werden kann, und das Wunderliche daran ist, dass Sie es offenbar gar nicht wissen. Machen Sie sich nur gar keine Gedanken wegen der ‚Marionetten’: - ich glaube, das empfindet jeder Autor so. Ihre Gestalten haben ‚Leben’, soviel nur reingeht, und jeder Auftritt macht Pläsier. Nochmals: der PAPA FAUST ist ein funkelndes Stück ironischer Welterzählung; das kann außer Ihnen heute keiner, - ich weiß, was ich sage.
 
Viel Zuversicht wünscht Ihnen Ihr Sie herzlich grüssender
Hans Wollschläger“

 

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1984,

vor 40 Jahren,

erschien der Roman über die Deutschen im Zürcher Haffmans Verlag.

Das Magazin "Der Rabe" brachte einen Vorabdruck des Kapitels "Wandern und Schauen".

Jörg Drews nannte es in der ZEIT vom 10. Juni 1983 etwas salopp

"ein herrlich schwüles, jugendstilig-wandervögeliges Kapitel

aus Uwe Wolffs kommenden Roman 'Der Ewige Deutsche'."

 

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Zwei Leitworte gab ich dem Roman bei:

 

„Überall bei unseren Nachbarn und auch jenseits des Ozeans 
fragt man sich sich bangen Herzens: 

Was ist mit den Deutschen los? 
Wohin treibt es sie? 
Wie wird das enden?“

Marion Gräfin Dönhoff 
Ein Mann der Zukunft 
(Über Richard von Weizsäcker)


In: „Die Zeit“ vom 2. Dezember 1983

 

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„Eine neue Romantik wird kommen: die Romantik der Rasse. Sie wird das reine Nordlandsblut verherrlichen und neue Begriffe von Tugend und Laster schaffen. Den Zug des Materialismus wird diese Romantik eine Weile hemmen. Dann wird sie vergehen, weil die Welt neben der blonden Gesinnung des schwarzen Geistes bedarf und weil das Dämonische sein Recht will. Aber die Spuren dieser letzten Romantik werden niemals schwinden.“

Walther Rathenau. Reflexionen 1912

 


Inhaltsverzeichnis


I. Aus den guten alten Zeiten
II.  In Pustkuchens Welt
III. Sophie auf dem Turm
IV. Wandern und Schauen
V. Blaues Blümelein
VI. Zeitgenossen
VII. Flamme empor!
VIII. Hochzeit in Maienfeld
IX. Ahlrichs gar nicht wunderliche Wundersäule
X. Finn, der Zwergenbändiger
XI. Zu neuen Ufern!
XII. Wald und Wüste
XIII. Helmut träumt
XIV. Bluten für Deutschland
XV. Das Ende vom Anfang

 

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Heute lese ich:

 

„Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt:

Dieser manisch-depressive Zug lässt sich wieder einmal beobachten.“

Eric Gujer. Die Deutschen machen einem Angst. NZZ vom 03.02.2024

 

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Aus den damaligen Besprechungen:

 

"Wir haben es mit einer romanesken Parabel über die jüngere Geschichte der Deutschen zu tun (...).

Der Hersteller dieses in der Art einer Collage und des Mosaiks gestalteten historischen Abrisses

kennt sich aus in der Sozialgeschichte, im Rilke-Kult, in der Wandervogel-Bewegung,

in den Männerbünden, deren verworrene Vorstellungen schliesslich

ins nationalsozialistische Unwesen mündeten. (...)

'Die Geschichte aus jugendbewegten Zeiten',

die er jetzt vorlegt, ist der Versuch einer Antwort auf die Frage,

was denn eigentlich mit den Deutschen los sei."

 

Anton Krättli in der NZZ vom 24. Januar 1985

 

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Umschlag- und Titelzeichnung von F.W. Bernstein (1938-2018)

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"Jean Pauls Gleichnis von den Zwillingsbrüdern (in seinen 'Flegeljahren')

inspirierte Wolff für sein 3. Buch zu einer neuerlichen politisch-philosophischen Parabel:

Das Deutschland vor 1914, in der 1. Zivilisationskrise infolge der Industrialisierung,

zerfällt in übersteigerte, sich alsbald mythologisch und antisemitisch

gebärdende Innerlichkeit und in praktische, am intakten, überschaubaren Landleben

gesundgebliebene Vernunft. Beeindruckend mit welcher Sprachvirtuosität,

mit welchem Kenntnisreichtum und überbordendem Zitatenschatz Wolff

sein vielschichtiges, ebenso sinnreich wie humrig stilisiertes Gemälde entrollt,

ein fulminantes  Feuerwerk von Sprachartistik, in verbalen Anachronismen schwelgend,

und von gebildeten Anleihen."

 

Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken März 1985

 

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 „Wenig zeitgenössische Autoren sind heute noch, wie Uwe Wolff, so mutig (in Jean Pauls Sinne:) humoristisch zu schreiben. Soll heißen: die Gebrochenheit (auch sprachlicher) Erfahrung zu übersetzen ins Lachen. Hier freilich zumeist ins böse Lachen. Und dies in einem durchgehenden Ton des Als-Ob, der provozierend wirkt auf alle, die von einem Text eine Deckungsgleichheit von Sinn und Ausdruck erwarten. Die einen Leser werden begeistert sein, die anderen gänzlich genervt von einem zweihundertseitigen umständlichsten Kanzleideutsch, das in erlesener Gespreiztheit der Wortwahl und in altfränkischer Gewundenheit der Syntax sich ergeht. Vielleicht hätte Thomas Mann so mit 85 geschrieben.
Dieses Risiko sollte der Ullstein Verlag getrost auf sich nehmen. Denn kein Text, der nicht alles wagt, hat heute noch Wert und Sinn, vielleicht Bestand. Und an Uwe Wolff werden sich die Geister scheiden.
Der Bogen spannt sich von Rilke/George über Wandervogel und Rosenberg bis zu Chamberlain und Hitler, so dass es mitunter scheint, als seien hier Thomas Mann und Arno Schmidt wie durch Zauberschlag zur Deckung gebracht worden.“

Meine Lektorin Hanna Siehr (Ullstein) im Jahr 1983

 

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"Wolffs Lieblingsautoren sind leicht ausfindig zu machen -

neben Thomas Mann sind es der literarisch überfrachtete Arno Schmidt

sowie der romantisch verspielte Jean Paul.

Wolff erweist erneut seine Begabung für die Satire,

die neben intelligent verklausulierten ironischen Attacken auf das,

was man gemeinhin unter bürgerlichem Bildungsgut versteht,

auch Kalauer nicht verschmäht.

 

In seinem Buch zeichnet er unter der Verwendung treffender Seitenhiebe

auf den Germanenkult parodistisch den Weg der Bündischen Jugend

bis zum Verhängnis des Ersten Weltkriegs und der Zeit unmittelbar darauf nach.

In der Rückschau wird diese vielfach verschlungene Entwicklung

von Gobineau, dessen Rassentheorie die Hirne verkleisterte,

über die mißverstandenen Wagner und Nietzsche und Julius Langbehns Rembrandtdeutschen

bis hin zu Rosenberg und deutlich deutlich."

 

Jan Herchenröder. Lübecker Nachrichten vom 20. Januar 1985

 

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„Der 1955 geborene Autor Uwe Wolff schreibt eine Sprache,

die sich auf den Begriff ‚Neue Kostbarkeit’ bringen ließe.

Verglichen mit ihm sind selbst Peter Handke und Botho Strauß bettelarme Schreibbrüder.“
 

Niels Höpfner in der Wiener Zeitung „Die Presse“ vom 9. Februar 1985

 

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"Sehr lesenswerte neue Prosa eines Unzeitgemäßen.

(...)

Man darf ja nicht übersehen, daß Wolff seine Archaismen immer wieder durchbricht:

mit Modernismen, Grobianismen, stilistischen Irritationen,

so daß die Decke des preziös Gewählten einbricht und durch solche Gegenwartsspalten &

Zukunftsritzen das Licht der Aktualität auf die,

poetisch noch immer unzulänglich erhellte, Urgeschichte des Faschismus fällt."

 

Wolfgang Schlüter in KULTuhr 11/1985

 

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Die neue Rechte:

 

"In dem Roman „Der ewige Deutsche“ (vgl. Wolff  1984) lässt Uwe Wolff  zwei seiner Protagonisten  am  Vorabend  des  deutschen  Nationalsozialismus  einen  Dialog  führen  über  den  Charakter  der  neuen  Hitler-Bewegung:  Der  eine,  ein  Lehrer  namens  Jesko, wirbt darin für Toleranz gegenüber den überwiegend jungen Akteuren, denn diese  müssten  sich  als  nachfolgende  Generation  naturgemäß  ihre  Hörner  an  den  Werten der alten Gesellschaft  abstoßen, seien aber als politische Gefahr nicht ernst zu nehmen. Der andere Gesprächspartner, der Heidebauer Ahlrich, ist skeptisch, er hält die stürmische nationale Erneuerung für äußerst problematisch und warnt vor einem schlimmen Ende. Jesko entgegnet ihm darauf hin: „Ahlrich, du dramatisierst! Lass' doch der Jugend ihren Lauf.“ (Wolff  1984, S. 117) Nun, wir als Leser des beginnenden  21.  Jahrhunderts  wissen  natürlich,  wer  von  den  beiden  Romanfiguren zuletzt Recht behält, denn der Verlauf der deutschen Geschichte hat mehr als deutlich gemacht,  dass  die  Kausalkette  „Jung  –  rechts  –  unpolitisch“  im  Hinblick  auf  den  historischen  Rechtsextremismus  eindeutig  nicht  stimmig  gewesen  ist.  Bezogen  auf  aktuelle rechtspolitische Phänomene erlebt diese jugendsoziologisch unterlegte Formel  jedoch  besonders  seit  der  Wiedervereinigung  in  Deutschland  eine  allgemeine  Renaissance, vor allem, wenn es dabei um Rechte Gewalt geht. Innerhalb der Ursachenforschung scheint ein Konsens darüber zu bestehen, dass es sich bei rechtsmotivierten Tätern hauptsächlich um desorientierte Jugendliche handelt, welche diese Form der Gewalt allein deshalb anwenden, weil sie dadurch Probleme kompensieren, deren  Ursachen  in  den  gesellschaftlichen  Bedingungen  des  Aufwachsens  wurzeln.  

Stefan Dierbach. Jung - rechts - unpolitisch? Transcript Verlag 2010 (Vorwort).

 

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1984 wurde meine Tochter Hannah geboren.