Gedanken und Erfahrungen beim Ordnen meiner Bibliothek

 

 

 

Dieses Geschenk von Robert Gernhardt (1987) für meinen Sohn Jaakob habe ich nicht entsorgt!

 

 

Die stillen Tage nach der Jahreswende verbringe ich gerne in meiner Bibliothek. Alle Jahre wieder versuche ich die Bestände zu entstauben, zu ordnen und auf einen Kernbestand der mir wirklich wichtigen Bücher zu reduzieren. Bisher verlief dieses Unternehmen stets unbefriedigend. „Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde“, klagte Kohelet (12.12), voller Selbstironie, nachdem er sein eigenes Buch vollendet hatte. Das Weisheitsbuch der Bibel gehört zur Weltliteratur. Dagegen haben die meisten Bücher aus meinen Beständen bereits nach wenigen Jahren ihren Glanz verloren. Mit dem Zeitgeist, der sie hervorgebracht hat, ist auch ihr Geist erloschen. Nur welche Bücher sind wichtig, welche sind nichtig?

 

Tobias Blumenberg hat in seinem Ratgeber „Der Lesebegleiter“ Vorschläge für den Kernbestand einer Bibliothek gemacht. Der Lieblingssohn des Philosophen Hans Blumenberg gilt seitdem als „Deutschlands belesenster Zahnarzt“. Die hohen Summen, die einige seiner Kollegen gerne in Aktien, Gold und Immobilien anlegen, investierte Blumenberg in den Erwerb einer Bibliothek von über 30000 Büchern. Sie standen im ehemaligen Ravensburger Blumenberg-Archiv in Bücherregalen bis zur Zimmerdecke, umlagerten in stabil errichteten Stapeln den Schreibtisch des Philosophen, füllten Garderobe und Garage, den Fitnessraum im Keller und die Sauna. Dann kam ein Umzug, den jeder Bücherfreund fürchtet.

 

Bei meinem letzten Umzug in das Haus am Waldrand hatte ich die Chance verpasst, die Bestände zu reduzieren. Sie füllten Haus, Dach, Keller und ein kleines rotes Gartenhaus mit Kaminofen. Die Kinder nannten es „Engelhaus“, weil ich hier viele meine Bücher schrieb. Die Bücherflut hatte ganz unerwartet mit Buchbesprechungen für die Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ begonnen. In der Folge bekam ich viele Freiexemplare zugeschickt. Unübersichtlich wurde es erst, als mir die gesamte Taschenbuchproduktion für meine Kolumne mit Buch-Tipps ins Haus geliefert wurde. Ich errichtete immer neue Regale für neue Bücher. Schließlich standen sie über das ganze Haus verteilt in Zweierreihen. Als ich einsah, dass ich den größten Teil meiner Sammlung niemals werde lesen können, war es zu spät. Wohin mit den Büchern?

 

Die Antiquare lächelten milde, als ich ihnen einen der zahlreichen Reprints des Zweitausendundeins Verlages anbot. Alle hatten die vielbändige Zeitschrift „Die Fackel“ von Karl Krauss gekauft. Keiner hatte darin gelesen. Die Universitätsbibliothek Hildesheim nahm mir einige hundert wissenschaftlicher Bücher ab. Allerdings nur unter der Voraussetzung, rigoros ausmisten zu dürfen. So lautete auch die Vorgabe der Dombibliothek. Nur Schwester Monica vom Kloster Marienrode erbarmte sich meiner. Sie betrieb ein kleines Antiquariat mit großer Willkommenskultur. Doch nach einer vierten Kofferraumladung mit zwei Metern Eugen Drewermann, einem Meter Hans Küng und 82 Büchern von Anselm Grün musste auch sie freundlich sagen: „Jetzt machen wir erst einmal eine Pause!“

 

Dennoch fuhr ich aus dem Kloster bereichert nach Hause. In einem Büchermagazin hatte sich ein Wasserrohrbruch ereignet und die Kirchenväter überflutet. Nun saß ein stiller Büßer mit Mund-Nasen-Schutz über den in Leder gebundenen Bänden des Heiligen Augustin und behandelte die Einbände mit Ethanol. Bücher lieben es warm und trocken. Das hatte ich nicht berücksichtigt, als ich mit Karl Barth, Søren Kierkegaard und Martin Luther die gesamte moderne protestantische Theologie in den Keller ausgelagert hatte. Nun wusste ich Rat dank Schwester Monica und kaufte mir in der Glückauf-Apotheke ein Fläschchen reinen Alkohol.

 

Im Laufe der vergangenen Jahreswechsel hatte ich mich von gut der Hälfte meiner Bestände getrennt und einige Male den großen gefräßigen Papiercontainer bis zum Rand mit vergilbten und schäbig aussehenden Taschenbüchern von Heinrich Böll, Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser und vielen anderen modernen Autoren gefüllt. Wie schnell war die Zeit selbst über Nobelpreisträger hinweggegangen! Nun besaß ich nur noch gebundene Ausgaben. Doch allen Versuchen, die Bestände auf das Wesentliche zu reduzieren, steht das Leben des Lesers entgegen. Selbst bei streng eingehaltener Askese kommen immer wieder neue Bücher ins Haus und schaffen Platzprobleme. Was tun, wenn die Regale im Laufe des Jahres wieder überquellen? Der Philosoph und Anglist Ulrich Horstmann verriet mir ein Geheimnis: Für jedes Buch, dass er neu erworben habe und behalten wolle, müsse ein anderes aus seiner Sammlung weichen. Gute Idee. Aber welches Buch soll es sein?

 

Für mich gibt es alle Jahre wieder nur eine Lösung: Ohne viel Federlesens trenne ich mich von Büchern. Längst habe ich mich von der Illusion befreit, ich fände jemanden, dem ich sie schenken könnte. Bei Hanns-Josef Ortheil im Institut für Literaturwissenschaft und Literarisches Schreiben habe ich früher viele Bücher und Bildbände ausgelegt und bekam nur Ärger mit dem Hausmeister. Die Bücherbasare der Kirchen lehnen jede Annahme von neuen Lieferungen ab.

 

Nun gut, ich könnte Bücher über medimops oder booklooker verhökern. Aber ich habe keine Krämerseele. Im Ort haben wir eine alte rote britische Telephonzelle, die zum Bücherschrank umgebaut wurde. Aber mir geht es nicht mehr um ein gutes Werk oder einen würdigen neuen Besitzer meiner nie gelesenen Bücher. Ich will mich einfach trennen von Werken, die ich einst sammelte, weil ich glaubte, ich werde sie eines Tages lesen. Einige haben vierzig Jahre auf mich gewartet. Ich hatte immer etwas Besseres zu tun, als sie aufzuschlagen. Also, ab in die Bücherschränke!

 

Kaum habe ich die Bücher von Christoph Ransmayr entsorgt, begegne ich einem sehr belesenen Menschen, der Ransmayr neben W.G. Sebald für einen der bedeutendsten Autoren der Gegenwart hält. Vielleicht ist ein Unrecht wieder gut zu machen? Es gibt im Leben viele Fragen, die nicht geklärt werden müssen. Die Bücher sind nicht mehr im Haus. Dafür sind im vergangenen Corona-Jahr 2020 die Bücher der verfemten Agnes Miegel in mein Leben getreten. Mir gefallen ihre frühen Gedichte. Vielleicht gehört die Dichterin Ostpreußens zu jenen längst vergessenen Dichtern wie Edzard Schaper oder Ernst Wiechert, die eines Tages wieder gelesen werden, weil wir ihre Substanz im Zeitgebundenen entdecken? Bücher haben wie Menschen ein Schicksal.

 

Meine Sammlung deutscher Literatur ist alphabetisch geordnet. Da steht der Pour le Mérite-Träger Ernst Jünger neben dem Pazifisten Hans Henny Jahnn und der Katholik Reinhold Schneider neben dem Atheisten Arno Schmidt. Eine Büchersammlung vereint Unvereinbares. Widersprüche und Ungereimtheiten auszuhalten ist eine Lebensaufgabe. Neben den Gedichten von Benn stehen Brentanos Aufzeichnungen über Anna Katharina Emmerick.

 

Von den Büchern, die im vergangenen Jahr erschienen sind, habe ich keines meinen Beständen hinzugeführt. Was für mich bestimmt ist, findet eines Tages den Weg zu mir. Das scheint ein Gesetz des Lesens zu sein. So habe ich jetzt das Lieblingsbuch von Sting gelesen: Michail Bulgakovs Roman „Der Meister und Margarita“. Eine Groteske im Stil von E.T.A.Hoffman und ein indirekter Kommentar auch zur Pandemie. Der Nachteil meiner neuen Liebe: Ich habe mir sämtliche Bücher über den großen russischen Autor des 20. Jahrhunderts bestellt.

 

Beglückend sind Bücher, die ich mit der Erfahrung eines langen Leselebens noch einmal lese. Theodor Fontanes überwältigende Seelenromane, allen voran „Unwiederbringlich“, „Celine“ und „Effi Briest“. Welch eine Liebe zum Menschen, welche historische Bildung, welch genauer Blick ins Wesentliche. Neben Fontane steht Friedrich de la Motte Fouque, der Autor ungezählter zu recht vergessener Romane. Aber seine Liebesgeschichte „Undine“ ist überwältigend schön. Sie hat Maler wie John William Waterhouse, Musiker wie E.T.A.Hoffmann, Antonin Dvorak und Dichter wie Hans Christian Andersen („Die kleine Seejungfrau“) inspiriert. Bei der diesjährigen Sichtung meiner Bücher bin ich nur bis Fouques „Undine“ gekommen. Ich nahm das Buch aus dem Regal, schlug es wieder auf und versank in eine andere Welt.