Das IV. Kapitel meiner Erwin Iserloh Biographie

 

 

Im Zweiten Weltkrieg


„Zersetzung der Wehrkraft“:
Von der Priesterweihe bis zum Einsatz an der Ostfront


Der junge Iserloh hatte keine großen Ambitionen auf eine akademische Karriere. Zu sehr war er von den Fragen der Gegenwart ergriffen und berührt von den Sorgen und Nöten der jungen Menschen, die er nach dem Verbot des Bundes Neudeutschland im Geheimen weiter betreute. Zudem hatte ihm ein Freund aus München nach der Lektüre der Preisarbeit eine offenherzige Rückmeldung gegeben. Die Arbeit befinde sich auf dem Niveau einer soliden Materialsammlung, doch fehle noch „die eigene schöpferische Idee, von der aus man das Ganze nun über die Behandlung hinaus in eine höhere Ebene des wissenschaftlich Neuen und Fruchtbaren hinaufhebt.“ Es müsse noch „so etwas wie eine wissenschaftliche Erleuchtung kommen – in einer schlaflosen Nacht, beim Zähneputzen oder gleichwo -, die den Schlüssel für die ganze Darstellung biete und die den eigentlichen Motor liefert für die nun folgende Verarbeitung.“ In der vorliegenden Arbeit biete Iserloh glänzend behauene Bausteine, „ohne die rechte sinngebende Verteilung im Aufbau. Ich hoffe Du verstehst mich in etwa: es käme jetzt eigentlich der wissenschaftlich entscheidende Punkt: kommt er, ist’s gut, kommt er nicht, dann war es eine wertvolle Materialbereitung, die Dich aber noch nicht zu einer Darstellung berechtigt.“

Joseph Lortz war in seinem Urteil gnädiger gewesen. Iserloh wusste, dass er keine kompositorische Begabung hatte, und auch in einem anderen Punkt hatte der Freund durchaus Recht. Eine Promotion war in dieser Zeit kein Selbstzweck, besonders nicht für einen Priester. Gerechtfertigt sei sie nur, wenn er sich anschließend habilitieren wollte. So wie sich jedoch gegenwärtig das Verhältnis von Kirche und Staat gestalte, werde es bald keine theologischen Fakultäten mehr geben. Der Priesternachwuchs werde in Zukunft an kirchlichen Hochschulen ausgebildet werden, und um dort zu unterrichten, komme es nicht auf die Habilitation an.

Iserloh dachte eine Weile nach. Seine beiden Brüder und er waren soziale Aufsteiger. Leo hatte in Jura promoviert, Werner in Medizin. Als jüngster Bruder musste er zu ihren Leistungen nicht in Konkurrenz treten. So sah es auch der Vater. Nach seiner Priesterweihe drängte es den jungen Iserloh wieder an die Basis. Leo und Werner waren zum Militärdienst eingezogen worden. Priester dienten in der Regel in Sanitätsabteilungen als Krankenträger. Das schloss den riskanten Einsatz an der Front nicht aus. Die Familie hatte folglich ein Interesse, dass der dritte Sohn eine Stelle in der Heimat fände. Dazu gab es zwei Wege: Joseph Lortz wandte sich an seinen Freund, den Bischof von Münster, und bat darum, den jungen Iserloh zum Weiterstudium zu beurlauben. Auch Bischof Galen wollte Iserloh in seiner Diözese behalten. Doch wählte er den anderen Weg und übertrug Iserloh für mindestens zwei Jahre die Stelle eines Kaplans in Laer bei Burgsteinfurt. Iserloh war mit dieser Entscheidung für die Seelsorgearbeit sehr zufrieden und freute sich besonders auf seine Tätigkeit als katholischer Religionslehrer an einem Progymnasium.

Am 28. Juni 1940 fuhr er von Duisburg kommend nach Münster und von dort mit dem Bus weiter nach Laer. Seinen gesamten Besitz hatte er in zwei Koffern unterbringen können. Mit ihnen und der Schreibmaschine beladen stand er vor der Tür des Pfarrhauses. Hier lebte der Geistliche mit seiner Schwester. Die resolute Westfälin diente ihm als Haushälterin und hütete wie ein Drache die Schwelle zur Pfarrei. Sie erklärte Iserloh, er könne wieder umkehren, man brauche seine Mitarbeit nicht.

Priester sind ihrem Bischof gegenüber weisungsgebunden. Doch der Hochwürden von Laer war störrisch und wetterte in seinem Arbeitszimmer gegen die Entscheidung der Bischöflichen Behörde. Er verbot Iserloh auch, die Zeit bis zur Rückfahrt nach Münster für einen Spaziergang durch den Ort und einen Besuch der Kirche zu nutzen. Vier Stunden lang hielt er ihn gefangen. Dann drückte er ihm einen Zweimarkschein in die Hand, damit er nach Münster ins Priesterseminar zu Regens Franken zurückkehren könne. Iserloh erfuhr auch später nicht, warum ihm die Stelle in Laer verweigert worden war. Er tat gut daran, keine Fragen zu stellen. Denn nicht nur die Wege des Herrn, sondern auch die geheimen Entscheidungen seiner Diener sind zuweilen unerforschlich. Vielleicht hatte der Pfarrer gar nicht eigenmächtig gehandelt, sondern im Gehorsam gegenüber dem „Löwen von Münster“ und seinem Freund Lortz die Korrektur einer Entscheidung auf diskrete Weise mitteilen müssen. Vielleicht war die Verstimmung des Geschwisterpaares im Pfarrhaus zu Laer nicht auf eine Abneigung gegen den neuen Kaplan zurückzuführen, sondern im Gegenteil auf die Enttäuschung, diesen jungen Mann nun entbehren zu müssen.

Die Stelle in Laer hätte keinen Freiraum für die Arbeit an einer Dissertation geboten. Iserloh war darüber nicht unglücklich gewesen. Doch Lortz wollte ihm dieses Werk abringen. So wurde Iserloh zum Kaplan am St.-Rochus-Hospital bei Telgte ernannt. In Telgte und Warendorf setzte er mit über 100 Schülern die Arbeit des Bundes im Untergrund fort. Letzte Exerzitien führte er Weihnachten 1941/42 für Abiturienten des Münsteraner Elitegymnasiums Paulinum im Sophienstift Warendorf durch.

Von Telgte aus betreute er auch Familien, die aus den Dörfern Parau und Vatav des Sudetenlandes nach Westfalen übergesiedelt waren. Das St. Rochus-Hospital kannte jeder im Münsterland unter dem Namen „Hülle“. Das war keine Metapher für den Schutzraum der Anstalt, sondern leitete sich von dem Namen des ehemaligen Besitzers des Geländes, Bauer Cracht tor Hullen, ab. Die psychiatrische Fachklinik wurde 1848 von Franziskanerinnen gegründet und zählt noch heute zu den herausragenden Anstalten des Landes. 1940 wurden hier etwa 300 psychisch kranke Frauen versorgt. Zu seinen Dienstverpflichtungen gehörte die Frühmesse um 5.25 Uhr für die Schwestern sowie der Predigtdienst an Sonn- und Feiertagen. So blieb genügend Zeit für die Dissertation, die unter dem Titel „Die Eucharistie in der Darstellung des Johannes Eck. Ein Beitrag zur vortridentinischen Kontroverstheologie über das Messopfer“ im Sommersemester 1942 eingereicht wurde.

Dissertationen und Habilitationen sind letztlich nur Gesellenstücke. Sie erbringen den Nachweis grundlegender wissenschaftlicher Kompetenzen, haben aber nur in seltenen Fällen darüber hinaus eine Bedeutung für die Forschung. Deshalb fehlen ihnen auch zukünftige Leser. Für die Biographie eines Menschen können sie dagegen eine aufschlussreiche Quelle sein. Zeigt sich hier doch der Geist in Jugendfrische, Lebensthemen kündigen sich an, ein charakteristischer Zugriff auf die Geschichte wird sichtbar. Iserlohs Arbeit teilt das Schicksal mit vielen wissenschaftlichen Projekten jener Zeit: Vollendet während des Krieges, konnten sie oftmals erst Jahre später veröffentlicht werden. Die Geschichte der während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland oder im Exil entstandenen wissenschaftlichen Werke ist noch nicht geschrieben worden. Erwin Iserlohs Arbeit konnte erst 1950, acht Jahre nach ihrem Abschluss, erscheinen. Sie ist den Brüdern Leo, gefallen am 3. Mai 1945 in Berlin-Spandau, und Werner, vermisst seit Juli 1944 in Russland, gewidmet. Im ersten Satz der Druckfassung begründete Iserloh den katholischen Blick auf die Reformationsgeschichte in einer Weise, die im Jahr der Veröffentlichung den Rückblick auf die unmittelbare Vergangenheit einschloss:

„Wir machen immer wieder die manchmal schmerzliche, oft aber auch ermutigende Erfahrung, dass die Ereignisse, die, wie wir uns ausdrücken, in die Geschichte eingegangen sind, am Geschehen unserer Tage noch teilhaben. Sie sind also viel weniger abgeschlossen, als wir gemeinhin meinen, und ruhen nicht vollkommen in sich selbst. Deshalb haben sie auch ihre endgültige Sinnerfüllung oder Verfehlung noch nicht gefunden.“

Die Geschichte der Kirche sei voller Irrtümer und Irrlehren. Im Bekenntnis der der Schuld liege jedoch auch die Möglichkeit einer Rückbesinnung auf die Mitte des Glaubens. Dass der Mensch allein aus der Gnade lebt, hatte Iserloh nicht nur immer wieder bei Luther gelesen, sondern in der Begleitung seiner Freunde, im Gedenken an die zahllosen gefallenen Weggefährten erfahren. Verwunderung und Dank für das Überleben erfüllen ihm im Juli 1950, als er im Priesterkolleg Campo Santo in Rom das Vorwort zu seiner Arbeit verfasst. Die Entdeckung Luthers war für Iserloh die Wiederentdeckung der Gnade. Sie war „die glühende Mitte“, die Luthers Seele mit Leben erfüllte.

Dieses Feuer brannte auch in Iserloh. Nicht nur die gebildeten Kinder und Jugendlichen des Bundes spürten seine menschliche Wärme, sondern auch jene mehrfach vorbestraften jungen Männer, die in der geschlossenen Abteilung der „Knabenerziehungsanstalt St. Josefshaus“ in Einzelzellen verwahrt wurden. Diesen schwererziehbaren und teilweise stark lernbehinderten Burschen hatte Iserloh katholischen Religionsunterricht zu erteilen und sie im Freizeitbereich und bei den Mahlzeiten zu betreuen. Nach dem Rigorosum am 26. Mai 1942 wurde er zum Präsens der Wettringer Anstalt in der Nähe von Rheine berufen. Die Stelle war frei geworden, weil Präsens Bründermann zum Heer eingezogen worden war.

Als Graf von Galen anlässlich der Firmung den Religionsunterricht in der Knabenerziehungsanstalt besuchte, sah er, dass er mit Iserloh eine gute Wahl getroffen hatte. Den Kontakt zu den Franziskanerinnen von St. Rochus bei Telgte hatte Iserloh gehalten, weil dieser Ort in besonderer Weise dazu geeignet war, die illegale Jugendarbeit im Münsterland fortzusetzen. Hier auf dem Land traf man sich bei großzügiger Bewirtung durch die Schwestern, bis die Gestapo einschritt. Die Anklage lautete auf Fortführung illegaler Verbände und Zersetzung der Wehrmacht. Mit dem Freund Fitz Rothe, Sonderführer im Luftgaukommando am Hohenzollernring in Münster und Messdiener in St. Rochus, besprach Iserloh die Lage. Die freiwillige Meldung zur Wehrmacht war ein Weg, der Einweisung in ein Konzentrationslager zu entgehen. Iserloh wählte ihn nicht, obwohl ihm Bischof Galen in einem dramatischen Gespräch vom 8. Dezember 1942 dazu mit Entschiedenheit riet. Zudem, meinte der Bischof, führe das NS-Regime einen legitimen Krieg gegen den gottlosen Bolschewismus.

Iserloh behielt die Nerven. Er versicherte seinem Bischof, er werde eher in ein Konzentrationslager gehen, als für das Großdeutsche Reich in Russland zu fallen. Dann tauchte er unter, mied das Josefshaus in Wettringen und wohnte im Martinistift in Appelhülsen. Am 12. Dezember 1942 übergab ihm Prälat Leufkens den Stellungsbefehl für die 5. Sanitätsabteilung 6 in Soest, wo er als Krankenträger arbeiten sollte. Gemustert worden war er bereits am 26. September 1940 im Civilklub des Wehrmeldeamtes an der Neubrückenstraße 50 in Münster. In Klerikerkleidung zog Iserloh in die Soester Kaserne ein. Hier machte er im Lazarett St. Arnold eine Ausbildung und erwarb den Führerschein 1 und 3 Klasse. 1943 diente er als Sanitäter bei der Genesenden-Kompanie in Hamm. Am 1. September 1943 wurde er als Sanitätskraftwagenfahrer („Sankrafahrer“) an die Ostfront beordert. Rückblickend fasst er jene Zeit der illegalen Tätigkeit und des offenen politischen Protestes etwa gegen den für die Euthanasie werbenden Film „Ich klage an“ (1941) von Wolfgang Liebeneiner so zusammen:

„Als die Regierung Ende 1942 zu einem grossen Schlag gegen die katholische Jugendarbeit ausholte und einen Schauprozess gegen prominente Jugendführer in Rheinland und Westfalen führen wollte, um auf diesem Wege die gesamte katholische Jugendarbeit lahmzulegen, war ich anscheinend für Münster als Hauptangeklagter vorgesehen. Alle Vernehmungen der in Münster verhafteten Jungen liefen immer auf meine Person aus. Damals empfahl mir mein Bischof dringend, mich der Wehrmacht zur Verfügung zu stellen, um wenigstens den anonymen Machenschaften der Gestapo zu entgehen. Als Soldat wurde ich dann Juni 1943 vom Sondergericht Dortmund vernommen und mir illegale Fortsetzung von Verbänden, Zersetzung der Wehrkraft, weil ich Jugendliche von der freiwilligen Meldung zurückgehalten hätte, und Mitschuld an dem Tumult anlässlich der Aufführung des Filmes ‚Ich klage an’ in Münster vorgeworfen. Der Prozess wurde anscheinend nicht durchgeführt, weil er Ende 1943 wegen der militärischen Lage nicht mehr opportun war.“

 

 


„Nein die Bruchstellen passen dann nicht mehr aufeinander“:
Als Sankrafahrer vor Leningrad

Über das Schicksal seiner beiden Brüder und seiner Freunde aus dem Bund war Iserloh während der Arbeit in Telgte und Wettringen gut informiert gewesen. Die Stunde der Bewährung und der Wahrheit war nun gekommen. Im Bund hatten sie über den Glauben und katholische Lebensführung gesprochen. Doch nun beobachteten sie an sich selbst, wie schnell dieser Glaube unter den Anfechtungen der Zeit zu schwinden drohte. Iserloh vermutigte die Bundesbrüder immer wieder, von ihrem inneren Leben zu sprechen. Aber da war oft nichts zu erzählen, wenn die feindlichen Flugzeuge über ihnen kreisten und sie im Halbdunkel eines niederbrennenden Kerzenstummels Worte auf raues Briefpapier kritzelten, die bei wiederholter Lektüre für den Schreibenden selbst keinen Sinn ergaben. Die Brüder waren ausgebrannt. Ihre Kameraden betäubten sich mit Alkohol. Warum sollten sie nüchtern bleiben?

Das Ethos des lebendigen Menschen und die Gemeinschaft im Gebet glichen romantischen Erinnerungen an eine ferne Jugendzeit. Iserloh aber hatte durch seine Begegnung mit Luther eine Antwort auf die Erfahrungen des Zusammenbruchs gefunden. Alles ist Gnade. Aus eigener Kraft, vermag der Mensch nichts. Und so führte für ihn auf paradoxe Weise die Erfahrung der Ohnmacht ins Zentrum jener Botschaft vom Kreuz, die erst im Scheitern sichtbar wird. Schon im Frühjahr 1940 betont Iserloh in einem seiner Rundbriefe, dass es nach dem Krieg keine Rückkehr in das alte Leben geben werde. Dieser Krieg sei keine Episode, sondern er werde wie die Reformation Folgen für kommende Generationen haben und das Antlitz Europas verändern.

„Wir haben damit zu rechnen, dass wir vielleicht für Jahre nicht in unseren alten Wirkungskreis zurückkehren und unsere gewohnte Tätigkeit aufnehmen können. Ja, vielleicht darf oder muss ich das Opfer des Lebens bringen und dann ist die jetzige Zeit mit entscheidend dafür, wie gefüllt und erfüllt dieses Streben ist. (...) Auf jeden Fall scheidet es für uns aus, den Krieg als bloße Episode zu betrachten, über die ich mich mit Alkohol oder durch die jedes Vierteljahr aufgefrischte Vertröstung: in drei Monaten ist Schluss, hinweghelfe. Wir dürfen doch nicht meinen, wir könnten nächstens am 1. September 1939 wieder anknüpfen, wie ich einen zerbrochenen Reifen wieder aneinanderschweiße. Nein die Bruchstellen passen dann nicht mehr aufeinander. (...) Ich glaube, dass wir hier die Gelegenheit haben, das Menschenleben in seinen Tiefen und Höhen kennen zu lernen wie selten sonst.“

Auch die Verlobten seiner Bundesbrüder suchen bei Iserloh seelischen Bestand, und so wird er nicht müde immer wieder von der Gnade zu schreiben:

„Wir brauchen Gott, damit unser Leben sein Ziel, seinen Inhalt und seine Größe bekommt. Der Mensch wird erst Mensch, wenn er sich vor Ihn gestellt sieht, sich von Ihm angesprochen fühlt und Ihm Antwort gibt. Aller Glaube an den Menschen, der aus sich heraus groß, gut und edel sein soll, müsste an dem furchtbaren Geschehen im Osten eigentlich zerbrechen. (...) So vermag der christliche Glaube auch da noch stand zu halten, wo menschlicher Idealismus an der Erfahrung der Brüchigkeit alles irdischen Seins zerschellt. Gerade die Erfahrung der Begrenztheit, Hinfälligkeit und Sündhaftigkeit macht uns offen, macht uns bereit für den, ‚der gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren war.’ (...) Wenn Sie das nicht ohne weiteres mitvollziehen können, so wundert mich das nicht, weil der christliche Glaube nach seiner eigenen Aussage eine Gnade ist, die nicht durch Erkennen und guten Willen erworben werden kann, sondern geschenkt werden muß. Darum kann man nur beten.“

Diese seelsorgerlichen Briefe sind über den Anlass hinaus auch eine Lebens- und Glaubensschule für den jungen Priester. In ihnen erprobt er die theologische Durchdringung und Deutung der Zeit und eignet sich so eine Haltung an, die ihn selbst tragen wird. Dass die deutsche Apokalypse ein Weg zu vertiefter Einsicht in das Wesen des Glaubens und damit zu einer Reformation der Kirche sein könnte, glauben nur wenige Brüder. Zu dieser kleinen Schar gehört der Benediktiner Erich. Als Sanitäter diente er in der Etappe bei Erfurt. In Naumburg hatte er den Dom besucht mit jener berühmten mittelalterlichen Skulptur der Uta, die damals als Inbegriff der deutschen Frau galt. Aus der Stätte, wo einst die Mysterien des Glaubens gefeiert wurden, war ein Museum geworden. Nietzsche, der aus dieser Gegend stammte, hatte es in seiner Vision von Gottes Tod ausgesprochen. Die Kirchen waren zu Grabmälern Gottes geworden. So empfand es auch der Pater. „Ich würde gar nicht allzu tief trauern, wenn uns eines Tages all die Kostbarkeiten zerstört würden. Ich glaube, dann erst würden viele recht wach.“

Noch seltener waren Menschen wie Iserlohs priesterlicher Freund Johannes Düsing (1915-2000), genannt Alla. Auch er war ein Kind des Ruhrgebietes. Düsing diente in Russland als Sanitäter. Während einer Nachtwache auf dem Hauptverbandsplatz widerfuhr ihm eine bewegende Begegnung mit dem „Heiligen Russland“, die ihm den Blick auf eine andere Wirklichkeit eröffnete. Düsings Liebe zur Orthodoxie fand später auch Ausdruck in seiner Arbeit. 1955 studierte er am „Collegium Russicum“ und am „Päpstlichen Orientalischen Institut“ in Rom. Ab 1957 wirkte der polyglotte Priester 42 Jahre lang in Jerusalem, wo ihn Iserloh 1961 und 1978 besuchte.

„Viel müsste ich Dir erzählen, wie ich auch im Waffenlärm oftmals etwas gefunden habe von jenem Heiligen Russland, dem unsere gemeinsame Liebe, unser Gebet galt und jetzt erst recht gilt. ‚doch aus Blut und Not und Stöhnen, wächst ein namenloses Seufzen nach Deinem heiligen Kleid, o Christ“ (Solovjev). Im Kleinen ist es mir begegnet unterwegs, in den zerstörten und geschändeten Kirchen am Wege, unter den Ikonen in den strohgedeckten Hütten (zweimal habe ich einen Hl. Michael gekauft), bei verwundeten Gefangenen – und im Großen an jenem Tage Anfang Oktober, als ich in der Pracht und Herrlichkeit der vielkuppeligen Lawrakirche des Kiewer Höhlenklosters stand, jener ‚russischen Leiter zum Himmel’. Das war eine Krönung! Unser Bereitsein für jede Aufgabe daheim und hier und überall wollen wir hineingeben in die umgepflügte Erde.“

Iserloh wurde Mitglied der 126. Rheinisch-Westfälischen Infanterie-Division, die nach der Kesselschlacht von Demjansk und der dritten Ladoga-Schlacht vor Leningrad lag. Als Fahrer eines Sanitätswagens erlebte er die Leningrader Blockade an vorderster Front, und als Priester stand er vielen Sterbenden bei, gab ihnen die letzte Ölung und kümmerte sich um die Benachrichtigung der Angehörigen. Kaum war er an der Ostfront angekommen, da erreichen ihn Nachrichten von der erneuten Bombardierung Münsters. Nach schweren Angriffen in der Nacht zum 12. Juni 1943 wurde am 11. Oktober 1943 das Stadtzentrum in Schutt und Asche gelegt. Zerstört wurden auch die Domkurien, das Generalvikariat, der Dom und die Seitenflügel des Bischöflichen Palais. Bischof von Galen überlebte und wurde mithilfe einer Leiter aus dem verschont gebliebenen Mittelflügel befreit. Als ihm Pastor Nopenkamp zur glücklichen Rettung aus Lebensgefahr gratulierte, soll der Bischof geantwortet haben: „Was, Du gratulierst mir? Ich meine im Himmel wäre es auch ganz schön!“

So berichtet Helmut Hünnekens. In den letzten Monaten des Jahres häufen sich Mitteilungen vom Tod einzelner Brüder an der Front. Helmut Hünnekens schenkt seinem Freund Iserloh Einblick in „ganz geheime Gedanken“. Zuweilen wünsche er sich, wie jener Bruder Rolf, für den man in Münster soeben eine würdige Totenfeier mit dem Schlusschor aus der Matthäuspassion gehalten hatte, einfach tot zu sein, damit die Todesangst ein Ende habe. So aber bete er für einen guten Tod. „Mein Gott, wie fern lagen einem solche Gedanken vor ein paar Jahren. Wenn man da in einem Gebetbuch solch ein Gebet fand, hat man weitergeblättert, nicht zuständig für uns, was für alte Weiber.“

Die geheimen Gedanken führten in jene unergründlichen Tiefen der Seele, wo neben der Angst zugleich die Zuversicht wohnt. Inmitten des Krieges heiratet der junge Arzt seine Verlobte und singt mit der kleinen Festgemeinde zur Trauung das alte Adventslied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. In ihm ist von einer anderen Zukunft die Rede, von dem kommenden Gott, der durch die geöffneten Türen des Herzens in den innersten Bezirk des Menschen eintritt. Auch Iserloh liebte ein Adventslied und summte es gerne: Martin Luthers „Vom Himmel hoch da komm’ ich her“. Selbst der nüchterne Bruder Lothar schreibt aus Insterburg zu dem Lied „O komm, Du Licht der Welt, das alle Finsternis erhellt“ seine Gedanken auf: „Mußte es so weit kommen, mussten wir in ein solches Dunkel tauchen und so viel Elend erleben, um diesen Sinn richtig zu verstehen?“

Zwei Mal wurde Iserloh durch eine glückliche Fügung vor dem Schicksal bewahrt, dass seine Brüder Lothar und Werner erleiden sollten. Nach dem Ende der Blockade von Leningrad (27. Januar 1944) zog die 126. Infanterie-Divison nach Lettland und wurde hier im sogenannten Kurland-Kessel umkreist und besiegt. Die überlebenden 70 Offiziere und 3000 Soldaten gingen mit Generalmajor Kurt Hähling in russische Gefangenschaft. Wenige von ihnen kehrten 1955 nach Deutschland zurück. Iserloh entkam diesem Schicksal, weil er im Juni 1944 in einen Fronturlaub ziehen konnte. Er verbrachte die Wochen mit seinen Eltern im St. Josephshaus Wettringen und anschließend nach einer Operation am Zeh in der Genesenden-Kompanie Hamm. Die Eltern waren evakuiert worden und lebten nun in Willingen/Sauerland, dem Geburtsort der Mutter. Über sie erreicht ihn die Mitteilung, dass sein Bruder Werner als vermisst gilt. Aus Russland hatte Iserloh eine Ikone in die Heimat mitgenommen. Dargestellt ist eine Hodigitriavariante der sogenannten Tichwinskaja aus dem 17. Jahrhundert, die Iserloh anlässlich seines 25. Priesterjubiläums (14. Juni 1965) dem Karmel in Witten schenken wird. Im Text der Einladung heisst es:

„Diese Ikone habe ich auf dem Rückzug von Leningrad nach Pleskau aus einem brennenden Dorf mitgeführt. Sie befindet sich jetzt im Karmel in Witten, wo besonders um die Union mit dem christlichen Osten gebetet wird.“

Die Verlängerung des Aufenthaltes im Heimatlazarett Neuenkirchen nutzt er für slawische Studien. „Ich kann die Tage gut fruchtbar machen und beschäftige mich mit russischer Literatur und Geschichte. Ich muss sagen, diese geistige Annäherung an Russland bekommt mir doch besser als eine körperliche“, schreibt er an Heinrich Gleumes (1897-1951), den späteren Weihbischof von Münster. Diesem Priester gegenüber berichtet er auch von neuen liturgischen Erfahrungen an der Front. In der sogenannten Gemeinschaftsmesse wird die besondere Rolle der Laien an der Feier der Eucharistie betont. Die Gemeinschaftsmesse habe „unter primitiven Verhältnissen ihre Gemeindefähigkeit bewiesen und gezeigt, dass sie geeignet ist, gerade unsere religiös unterernährte Männerwelt an das Opfer heranzuführen, sie wieder zum Beten zu bringen, und ihr, die so ausdrucksarm und –scheu ist, die dringend notwendige Ausdrucksmöglichkeit des religiösen Lebens zu geben. Dabei sehe ich gar nicht zu ideal, ich weiß gut, dass da noch manches fehlt und noch wachsen muss, aber dessen bin ich mir sicher, dass hier ein Weg ist und dass hier jetzt schon mehr geschieht in Bezug auf die Ehre Gottes und auf das Heil der Menschen, als in dem, ja man muss sagen, verwilderten Sonntags-Gottesdienst so mancher großen Landpfarrei, wie ich ihn in diesem Urlaub wieder mitmachen musste. (...) Mag man uns verdächtigen und mit Misstrauen beobachten, zum mindesten spüren wir etwas mehr von der Not unserer Zeit und suchen nach Hilfe und lassen uns nicht so billig und naiv trösten und beruhigen wie manche ältere Herren, die sich vom Pferd erzählen lassen, wie die gesamte moderne Philosophie auf dem Wege zu Gott und zur Neuscholastik ist.“

Als Iserloh im Oktober 1944 wieder zu einem Krankenkraftwagenzug an der Grenze Ostpreußens abbestellt wird, ist seine alte Division bereits in Kurland eingeschlossen. So kam er in jene Gegend von Kolno und Johannisburg im südlichen Masuren, die er vor Jahren mit seinem Freund Otto Köhne bereist hatte. In der gesamten Division gibt es nur noch vier Priester. „Wir haben einen gewissen Seltenheitswert und werden wohlwollend behandelt. Schade, dass mein Messkoffer bei meinem alten Haufen geblieben ist“, schreibt er Heinrich Gleumes. In der Volksgrenadierdivision ist er wieder einem Krankenkraftwagenzug zugeordnet. „Das ist mir am liebsten. Hier vorne bin ich ein freier Mann und kann, wenn es nottut, in leiblicher und geistlicher Beziehung helfen.“ Was diese Hilfe im Einzelfall konkret bedeutet, schildert Iserloh in einem weiteren Brief. Sieben schwerverletzte Soldaten hatte er zum Hauptverbandsplatz zu transportieren: „20 km über hart gefrorenen polnischen Feldweg will schon was heißen. Unterwegs konnte ich einem durch Anlegen einer Abschnürbinde helfen, ein zweiter war dadurch nicht mehr zu retten, ihm konnte nur noch der Priester helfen.“

Iserloh war kein großer Liebhaber der Literatur, der Kunst und der Musik. So finden sich in seinen Briefen, Reden und Aufsätzen kaum Anspielungen oder gar Zitate aus der geistigen Welt des Bildungsbürgertums. Rainer Maria Rilkes Gedichte bilden da eine Ausnahme.

 

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben...“

 

In einem Brief zitiert er Rilkes „Herbsttag“ und fügt hinzu: „Und doch bin ich Landser genug, um an den primitiven Dingen genug zu finden. Die Bratkartoffeln z.B. heute Abend waren herrlich. Man lebt halt doch in mehreren Etagen. Ich glaube, das alles würden wir oder ich gar nicht so schmerzlich finden, wenn im Raum des Überpersönlichen, des Politischen im weiten Sinne, die Dinge klarer lägen. Hier fehlt das klare und deshalb hinreißende Ziel bzw. wird nicht gesehen. Du magst vielleicht sagen: auf jeden Fall bleibt für Dich die Missio als Priester. Aber damit kommt man sich so recht verloren vor und es ist eine schmerzliche Erfahrung, dass man zu wenig ist, um reden zu können, ohne zu sprechen.“

Inzwischen bekommen die Eltern und die Schwägerin genauere Informationen über den vermissten Bruder und Ehemann. Werner Iserloh war im Einsatz als Militärarzt bei den schweren Gefechten vor Bobruisk/Minsk durch den Splitter einer Sprenggranate im Rücken verletzt worden. Stabsarzt Jastram sah ihn zum letzten Mal auf der gemeinsamen Flucht vor den Russen am 1. Juli. Das provisorische Auffanglager in Marina-Gorka erreichte er nicht mehr. Aus der Heimat erhält Erwin Iserloh auch die Nachricht von der Bombardierung seiner Heimatstadt Duisburg-Beeck. Das Vereinsheim des Bundes ist völlig ausgebrannt. Das Pfarrhaus wurde nicht getroffen. In der Stunde der Not gab der Pastor seiner Gemeinde die Generalabsolution.

Kurz nachdem am 13. Januar 1945 die Winteroffensive begonnen hatte, musste die Volksgrenadierdivision die Flucht antreten. Von verschiedenen Frontabschnitten und aus Lazaretten erreichen Iserloh neue Mitteilungen der Freunde. Aus dem Lazarett in Sonneberg/Thüringen schreibt ihm ein Bundesbruder, der im letzten Jahr drei Mal schwer verwundet worden war: „Und dankbar dürfen wir wohl alle sein für alles Durchgemachte, wenn wir aus allem ganz und immer tiefer und weiter die Notwendigkeit des Glaubens begriffen haben. Alles ‚Bekenntnis’ vorher ist doch sehr blaß. Ich möchte gerne vieles schreiben, aber ich habe Scheu vor der Formulierung.“ Diese Scheu empfinden andere auch. Sie ist nicht nur durch die mögliche Briefzensur begründet, sondern durch die Sache selbst. Wer kann in Worte fassen, was sich dem Wort entzieht? Wer ist sich seines Glaubens sicher? So wird auch in den letzten Briefen immer wieder auf jenes berühmte Sonett Reinhold Schneiders Bezug genommen, dessen Wirkungsgeschichte seit seinem Entstehen (1941) noch nicht geschrieben worden ist:

 

„Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert,
Die trocknen Brunnen sich mit Leben füllen.“

 

Auf der Flucht in Ludwigsort/Ostpreußen angekommen, erhält Iserloh Nachricht von einem weiteren Angriff auf Münster. Nun liegt die gesamte Stadt danieder. Einerseits erfüllt ihn Trauer im Angesicht der Zerstörung, andererseits denkt er: „Aber vielleicht ist auch das Gericht: Totes und zum Teil entweihtes Erbgut sinkt eben unerbittlich dahin.“ Die Lage vor Ort spitze sich immer dramatischer zu. Daher erwarte er von den kommenden Tagen eine Entscheidung. Er sollte sich nicht täuschen. Iserloh betreute weiterhin die Verletzten und transportierte sie nach Heiligenbeil. Von hier aus sollten sie mit dem Schiff nach Pillau gebracht werden. Da wurde Iserloh bei dem Bombenangriff vom 22. März 1945 selbst verwundet. Ein Bombensplitter traf ihn in die linke Leiste. Kriechend versuchte er den Fähranleger zu erreichen. Inmitten der Not stieß er dort auf seinen Bruder Lothar. Die Geschichte beider Weltkriege ist von Begegnungen dieser Art voll. So berichtet Ernst Jünger, wie er inmitten der Flandernschlacht auf seinen schwer verletzten Bruder Friedrich Georg trifft und ihm das Leben rettet.

Auch der Offizier Lothar Iserloh veranlasste die Verlegung seines Bruders in ein Feldlazarett. „So erschien er mir jetzt, da ich seiner Hilfe dringend bedurfte, als ein Engel vom Himmel.“ Auf vielen Umwegen erreichte Erwin Iserloh über Swinemünde und Heringsdorf am 7. April 1945 das „Reservelazarett II. Abteilung Oberschule“ in Helmstedt. Fünf Tage später wurde die Stadt von den Amerikanern befreit. Bruder Lothar aber fällt am 3. Mai 1945 in Berlin Spandau und wird auf dem Ehrenhain des Waldfriedhofs beigesetzt. Zehn Jahre später gibt Erwin Iserloh bei dem Berliner Bildhauer Lorenz Völker ein Grabkreuz für den Bruder in Auftrag.