Bundespräsident Johannes Rau im Gespräch mit Uwe Wolff

(Bild: WamS vom 17. Oktober 1999)

 


Reinhold Schneider (1903-1958) war der Lieblingsschriftsteller von Bundespräsident Johannes Rau. „Bruder Johannes“ nannte man den ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen respektvoll wegen seiner kirchlichen Bindung und Bildung. Während meiner Münsteraner Jugendzeit war der Sohn eines reformierten Laienpredigers mein Landesvater. Mit ihm erreichte die SPD 1980, 1985 und 1990 mühelos die absolute Mehrheit, obwohl er politische Gegner von Format hatte. 1995 erzielte der christliche Politiker noch einmal 46 % der Stimmen.

„Das wichtigste, was uns Reinhold Schneider heute zu sagen hat, ist die Verantwortung der Politik vor Gott. Das ist auch das Thema seines großen Widerstandsromans ‚Las Casas vor Karl V.‘. Schneider ist für mich der große katholische Romancier neben Gertrud von le Fort. Ich bin ihm persönlich einige Male begegnet“, bekannte der mit der Reinhold-Schneider-Plakette 1999 ausgezeichnete in einem Gespräch, das Heimo Schwilk und ich mit ihm führten.

Nachdem uns das Wachpersonal im Bellevue kontrolliert hatte, wurden wir von einer Mitarbeiterin empfangen, trugen uns in das Gästebuch ein und erwarten den Bundespräsidenten in seinem Dienstzimmer. „Reinhold Schneider“ hatte sich der gelernte christliche Buchhändler aus dem Ruhrgebiet als Ausgangspunkt für unser Gespräch gewählt. „Jugendsünden“, kommentierte er seine eigenen schriftstellerischen Versuche, die er unter dem Pseudonym „Heinz Gräber“ vorgelegt hatte. Sie waren inspiriert von jenen berühmten Sonetten, die Reinhold Schneider in der Diktatur geschrieben hatte. Wie die Dichtung von Osip Mandelstam in den Jahren des großen Terrors wurden Schneiders Sonette ab 1941/42 mündlich überliefert. Der Schüler Johannes Rau schrieb sie eigenhändig ab und legte sie jenen Feldpostbriefen bei, die unter dem Dach des evangelischen Pfarrhauses am Klingelholl in Barmen-Gemarke von Mitgliedern der Bekennenden Kirche zusammengestellt wurden. Darunter Schneiders berühmtes Sonett von den Betern. Der Präsident zitierte das Sonett aus dem Gedächtnis:

 

„Allein den Betern kann es noch gelingen,
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.“

 


Schneiders Sonett spricht von der Macht der Ohnmächtigen in apokalyptischer Zeit. Das Weltgericht steht unmittelbar bevor. In einer Zeit der Gottesfinsternis („da sich das Heil verbirgt“) und der Hybris („Menschenhochmut“) bleibt ihnen allein das Gebet. Doch dürfen sie gewiss sein, dass ihr Opfer stärker ist als die Macht und Werke der „Täter“. In scheinbar aussichtsloser Lage vertrauen sie auf Gottes Hilfe („Segen“). Geschrieben wurde das Sonett im Mai 1936 während einer Italienfahrt. Ein Zusammenhang mit Schneiders Reversion zum Katholizismus ist nicht bekannt. Bereits im Januar 1930 hatte Schneider dem Insel Verlag einige Sonette zum Druck angeboten. Erst im November 1939 erscheint eine Auswahl mit 59 Sonetten. „Allein den Betern“ wurde nicht aufgenommen. Seine Stunde kam erst in den fortgeschrittenen Kriegsjahren, als Schneider in Eigenauflage (Samisdat-Verfahren) seine inzwischen verbotenen Texte veröffentlichte.

Reinhold Schneiders Sonett hat eine lange Wirkungsgeschichte. Als Gebet wurde in den Bombennächten ebenso gesprochen wie über vierzig Jahre später bei den Friedensgebeten in den Kirchen der ehemaligen DDR. So steht es für eine Erfahrung christlicher Einheit. Was Christen in Glauben und Charakter, in Mentalität und Herkunft, in Konfession und Politik trennte, schien überwunden und aufgegangen in einer Ökumene des glaubenden Herzens. Mit Reinhold Schneider hatten viele Christen gehofft, dass „Gott aus unsern Opfern Segen“ wirken werde. Not lehrt Beten. Doch mit der größten Not schien die Stunde der Beter vergangen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Reinhold Schneider an Ehrungen nicht gefehlt. Das hätte ihn skeptisch werden lassen müssen. Denn in seinem Namen feierte sich das westdeutsche Bürgertum als widerständig. Reinhold Schneider war mit weißer Weste durch die braune Zeit gekommen, ein Mann der Inneren Emigration, in der nun viele die Diktatur überlebt haben wollten. Reinhold Schneider aber blieb, der er war - ein schwermütiger Dichter mit einer tragischen Weltsicht, der seiner Berufung folgte. Entschieden sprach er sich gegen die Wiederbewaffnung aus und veröffentlichte seine Artikel auch in Ostdeutschland. Katholische Kreise forderten daraufhin seine Exkommunikation. Reinhold Schneider reagierte mit Humor und bezeichnete sich gegenüber seinem engen Freund Walter Nigg (1903-1988) als einen Ketzer und Narren.

Der reformierte Pfarrer Walter Nigg hat das Bild Reinhold Schneiders in der Nachwelt durch fünf biografische Portraits geprägt. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von 34 Jahren (1958-1982) und dokumentieren Hoffnungen und Illusionen im interkonfessionellen Dialog. Walter Nigg erzielte mit seinem Buch „Große Heilige“ (1946) eine beispiellose Wirkung unter katholischen Lesern. Auf dem Schutzumschlag der Erstausgabe sind Albrecht Dürers „Betende Hände“ („Studie zu den Händen eines Apostels“ 1508) abgebildet. Geschult an Søren Kierkegaard und Fjodor Dostojevskij schrieb Walter Nigg in schonungsloser Offenheit von den Krisenerfahrungen der Heiligen, von realer und eingebildeter Schuld, von Frömmigkeit und Frömmelei, von Machtgelüsten und Ohnmachtserfahrungen, von der endlos scheinenden Nacht der Gottesferne und der Erfahrung des Lichtes. Niggs dramaturgisch gestaltete Heiligengeschichten wurden als Pilgerreisen der Seele gelesen. Kein Triumphzug zum Heil, sondern oftmals ein tragischer Labyrinthweg, der nach vielen Anfechtungen zur Mitte führt. Walter Nigg holte das wirkliche Leben in die Legende. Der Leser spürte, dass hier weder akademische Theologie noch seichte Spiritualität betrieben wurde. Denn Walter Nigg schöpfte aus der Fülle kulturgeschichtlicher christlicher Überlieferung und spiegelte sie mit dem eigenen bewegten Leben. So entstand ein authentisches Lebens- und Glaubenszeugnis. Das Kind aus einer „Mischehe“ war nach dem Freitod des katholischen Vaters und dem Krebsleiden der Mutter in sehr jungen Jahren Vollwaise geworden. Seine erste Frau und Mutter seiner Kinder litt unter schweren manisch-depressiven Schüben und nahm sich schließlich das Leben. Diese schmerzhaften Grenzerfahrungen gingen in Niggs Lebensbeschreibungen der Heiligen ein. Der reformierte Pfarrer zeigte die Bruchstellen des Lebens. Aber er wusste auch einfühlsam zu beschreiben, wie durch diese Risse neues Licht einbrach und eine Tiefendimension erschloss.

In Reinhold Schneiders tragischer Familiengeschichte erkannte Nigg eigene Grenzerfahrungen wieder. Die Eltern führten ein Nobelhotel in Baden-Baden. Als sie in der Währungskrise bankerott machten, verließ die Mutter ihren Mann. Reinhold Schneiders Vater erschoß sich. Der Selbstmordversuch des katholisch getauften und gefirmten Sohnes scheiterte. Schneider erlebte eine tiefe Glaubenskrise. Wie Reinhold Schneider, so ging auch Walter Nigg mit den Schicksalsschlägen produktiv um. Als Seelsorger einer ländlichen Gemeinde und Vater von zwei Kindern stand er fest im realen Leben. Nigg heiratete wieder. Seiner zweiten Frau sind „Große Heilige“ gewidmet. Als sie nach kurzer Ehe einem Krebsleiden erliegt, geht Walter Nigg wie der dänische Dichter und Pfarrer Nikolai Grundtvig eine dritte Ehe ein. Das geordnete Leben an der Seite einer Frau war ihm Voraussetzung einer nie versiegenden schriftstellerischen Produktivität.

In dem Privatdruck für die Vereinigung Oltner Bücherfreunde „Ein Ritter des Glaubens“ (1958) stimmt der Heiligenforscher einen hohen Ton an: „Reinhold Schneider war nahe an der Grenze der Heiligkeit.“ Seine Sendung sei die Versöhnung der Konfessionen:

 

„Er stimmte dem Gedanken völlig zu, dass sich heute innerhalb des Christlichen eine Gruppe bildet, die man nicht mehr mit den bisherigen Begriffen bezeichnen kann, zudem es kein gewollter Vorgang, sondern ein geistiges Ereignis unserer Zeit ist. Die in diesem Sinne Verbundenen können sich nach ihm nicht verlieren und auch nicht mißverstehen. Reinhold Schneider war ein Glied jener unsichtbaren Gemeinde, die in allen sichtbaren Kirchen vorhanden ist.“

 

Walter Nigg hatte allen Einladungen zur Mitarbeit an der ökumenischen Bewegung eine Absage erteilt. Denn die Einheit der Kirche ist allein Gottes Sache. Der Beter aber schaut in jene „Tiefen, die kein Aug’ entschleiert“ und erfährt die Ökumene schon heute als reale Gegenwart. Nigg nennt sie Ökumene des glaubenden Herzens. In ihr spielt die Frage konfessioneller Bindungen und Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den Denominationen keine Rolle mehr. Diese überkonfessionelle Gemeinde ist eins, ohne einig sein zu müssen. Sie gehört zu den Stillen im Lande. Sie fordert auch keine Mahlgemeinschaft (Interkommunion), weil sie weiß, dass die Einheit in der Eucharistie als eigentliches Ziel der Ökumene nicht von dieser Welt ist. Nigg hat über diese Fragen intensiv mit Reinhold Schneider gesprochen. Deshalb zählt er ihn zu den Glaubensrittern der unsichtbaren Kirche.

Auch Hans Urs von Balthasar (1905-1988) arbeitete an der Gestalt einer neuen Heiligen. In der Konvertitin Adrienne von Speyr fand er ein Medium mit hochsensitiver Begabung, eine Schwester im Geiste der westfälischen Nonne Anna-Katharina Emmerick, die sich unter der Anleitung des Dichters Clemens von Brentano in ferne Zeiten und Zustände versetzen konnte und mit anschaulichen Erzählungen jene Leerstellen der Bibel füllte, die hier im Geheimnis blieben. Die Visionärin sah Jesus und Maria mit eigenen Augen. Was Clemens von Brentano nach ihrem Diktat auf vielen tausend Seiten niederschrieb, hielten die Leser für geoffenbarte Wahrheit, Literatur oder schlicht für Blödsinn. Auch an Adrienne von Speyr schieden sich die Geister - nicht erst, als ihr Seelenführer die Kunde von ihrer Revirgination verbreitete. Adrienne von Speyr diktierte nicht nur umfangreiche Kommentare zu den Büchern der Bibel, sondern schaute das innere Gebetsleben der Heiligen im Himmel.

Walter Nigg und Reinhold Schneider kannten diese Berichte aus dem entstehenden „Allerheiligenbuch“, weil sie ihnen durch Hans Urs von Balthasar zugänglich gemacht wurden. Nigg sah in dieser Literatur mit Beichtstuhlperspektive eine Indiskretion. Der gutmütige Reinhold Schneider erwehrte sich nicht der Bitte, Adrienne von Speyrs Werk zu besprechen. Hans Urs von Balthasar hatte ihn mit dem Angebot einiger Heiligenbilder auf Bestellung geködert. Aus dem gemeinsamen Sommerurlaub 1951 mit Adrienne in der Bretagne schrieb Hans Urs von Balthasar an Reinhold Schneider:

 

„Sie ist hier sehr glücklich, es ist ganz das, was sie sich träumte, und sie schenkt dafür neue Heiligenbilder, die wohl ihre besten sind. Sollten Sie ein paar Heilige von ihr wünschen, so schreiben Sie mir deren Namen.“

 

Walter Nigg und Reinhold Schneider trafen sich regelmäßig zu persönlichen Gesprächen. Hans Urs von Balthasar dagegen kannte die Biografie Schneiders nicht, als er zum 50. Geburtstags des Autors eine ideengeschichtliche Monografie vorlegte, in dem er das „Urkatholische“ seiner Sendung zu erkennen glaubte, „dass der unsichtbare Glaube und die sichtbare Geschichte nicht getrennt werden“. Schneiders größte Leistung sei „die Rückholung einer säkularisierten, protestantischen Geschichtsauffassung in den geheiligten Innenraum, in dem allein die Deutung des Geschehens gelingen kann.“

Zwischen Walter Niggs erster Würdigung und dem Aufsatz „Reinhold Schneiders Erbe“ (1969) liegt das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen Hoffnungen und Enttäuschungen. Draußen auf den Straßen und in den Hörsälen rebellierten die Studenten. Ein linker Mob sprengte Vorlesungen und zitierte akademische Lehrer wie den Münsteraner Kirchenhistoriker Erwin Iserloh vor ein Tribunal. Als Ritter wider den Zeitgeist - auch innerhalb der Kirche - erhob Walter Nigg seine Stimme und schrieb den Namen Reinhold Schneiders auf seinen Schild. Im Pensionsalter und entbunden von allen Pflichten eines Gemeindepfarrers, folgte er nun den zahlreichen Einladungen zu Vortragsreisen. In Kirchen und katholischen Akademien wetterte er in guter prophetischer Tradition wider den Zeitgeist und die rebellischen Studenten. Schneider, so heißt es jetzt, war „ein Kämpfer gegen den Zeitgeist in und außerhalb der Kirche, er besaß den Mut, den augenblicklichen Modeströmungen ins Angesicht zu widerstehen. Ohne eine kämpferische Gesinnung werden die Christen von der allgemeinen Schlammflut zugedeckt, die gegenwärtig das Kostbarste der abendländischen Tradition fortzuschwemmen droht.“ Auch gegen die ihm unliebsamen damals viel aufgeführten Autoren wie Friedrich Dürrenmatt oder Peter Handke zückt er die heilige Lanze des Glaubensritters:

 

„Noch viel weniger gesellte er (Reinhold Schneider) sich zu jenen dem Zeitgeist hörigen Schriftstellern, die mit Linkstendenz plus erotischen Schamlosigkeiten ihre Stilübungen zu machen pflegen und zuletzt dem Publikum die Zunge herausstrecken.“

 

 

Walter Nigg hatte entschieden Mut, sich unbeliebt zu machen. Er sprach von den geistigen Ruinen der späten Sechziger Jahre, „einem moralischen Trümmerfeld ohne gleichen“. Aber er schoß sich nicht nur gegen das entstehende Linkskartell ein, gegen „demonstrierende Jugend“ und „Gammler“, sondern auch gegen eine Kirche, deren Zeugnis von „verworrener Dürftigkeit“ sei, geprägt von Ratlosigkeit, Sinnentleerung und Substanzverlust. Walter Nigg blickte seiner Zeit scharf in die Augen und thematisierte die Folgen eines Traditionsabbruches und eines Bildungsverlustes, der sich noch radikaler entwickeln sollte, als er es ahnen konnte.

In seiner zweiten Rede über Reinhold Schneider wettert Nigg auch gegen die Ökumene. Keineswegs lebe man in einem ökumenischen Zeitalter. Ökumene sei nichts als ein Schlagwort. Die Ökumene, zitiert er Schneider, sei bei Gott im Himmel verwirklicht, daher liege „die Erreichung dieses Zieles nicht in unseren Kräften.“ Nur „die kleine Schar“ lebe schon heute in dieser überzeitlichen und überkonfessionellen Ökumene.

 

„Trotz der verschiedenen Kirchenzugehörigkeit stehen sie einander ganz nahe, weil sie an einer Intensivierung, Verlebendigung des Christlichen und nicht an einer Verdünnung, Anpassung und Entmythologisierung interessiert sind.“

 

Walter Nigg blieb ein viel gelesener religiöser Schriftsteller, als Reinhold Schneiders Bücher selbst in den damals noch existierenden christlichen Buchhandlungen nicht mehr zu finden waren. Die geistige tabula rasa des Angebotes heutiger Buchhandlungen lag noch jenseits von Niggs Vorstellungskraft als er Gelassenheit gegenüber den „Neuigkeitsjägern“ empfahl:

 

„Wir kennen diese Neuigkeitsjäger, die sich immer nach dem neusten Schrei ausrichten; aber es ist unser ganzer Stolz, dass wir nicht so denken. Auf dem Gebiet des Geistes herrschen doch andere Gesetze, der abgeschmackten Zeitdienerei sind die ewigen Werte der abendländischen Überlieferung gegenüberzustellen. Wir kennen ein Brot des Lebens, das heute so notwendig ist, wie es gestern war und morgen sein wird. Im Bereich des Geistigen gibt es ein Dauerndes im Wechsel der Zeiten, von dem wir keinen Schritt abweichen, und wir stellen uns eher die Frage, ob wir innerlich stark genug sind, die Last des Erbes zu tragen. Wir geloben feierlich, zu Reinhold Schneiders Erbe unwandelbar zu stehen, mag kommen, was da kommen will, wir geben sein Vermächtnis nicht preis, wir wollen es der nächsten Generation weiterschenken, weil wir selbst von ihm beschenkt worden sind.“

 

Dieser Treueschwur übersieht nicht, dass der Glaubensritter in den Sechziger und Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Züge des Ritters von der traurigen Gestalt annimmt. Der Einsatz gegen den Zeitgeist gleicht immer mehr einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Das verdrießt Walter Nigg in keiner Weise. Narr und Ritter folgen unangefochten ihrem Auftrag. 1973 erscheint ein drittes Portrait von Reinhold Schneider unter dem beschwörenden Titel „Was bleiben soll“. Der nun siebzigjährige Walter Nigg zeichnet zehn biografische Bilder von Wegbegleitern, die für ihn zum geistigen Erbe gehören. Ich nenne hier die Namen. Möge der Leser selbst überprüfen, welcher Name für ihn heute zu denen gehört, die geblieben sind: Hermann Kutter, Albert Schweitzer, Georges Bernanos, José Orabuena, Julien Green, Romano Guardini, Peter Wust, Reinhold Schneider, Martin Buber und Leo Schestow.

Die Studentenunruhen waren aus Walter Niggs Sicht ein Vorspiel des Terrorismus, der in den Anschlägen der RAF gipfelte. Die Zeit geriet aus den Fugen. Längst ging es nicht mehr um Fragen des kulturellen Kanons, um Bildungsauftrag oder ökumenische Fragen. Die Axt schien an die Wurzeln gelegt. Nigg rückte nun Schneiders letztes Buch in den Blick. Es trägt den Titel „Winter in Wien“ und berichtet von schweren Anfechtungen bis zu Erfahrungen des Glaubensverlustes. Nigg bringt es auf den Punkt: Reinhold Schneider sei an der Schöpfungsordnung irre geworden, er habe sich im Widerspruch zu seiner Zeit buchstäblich aufgerieben und sein Leben geopfert.

 

„Was am gegenwärtigen Generationenkonflikt so tief beunruhigt, ist die Tatsache, dass Alt und Jung das gemeinsame Erbe des Abendlandes aus den Augen verloren haben, was bei den früheren Auseinandersetzungen nicht der Fall war. Beide Teile haben die tieferen Wurzeln vergessen, sie kennen die unzerstörbare Mitte nicht mehr. Es ist töricht, über die heutige Jugend mißbilligend den Kopf zu schütteln, und noch törichter ist es, um ihre Gunst zu buhlen, indem man all ihren Albernheiten zustimmt. Wir haben vielmehr den jungen Leuten die abendländische Tradition wortlos und glaubwürdig vorzuleben.“

 

Im Jahr des deutschen Herbstes veröffentlichte Walter Nigg sein berühmtes Engel-Buch. Der Titel zitiert eine Bach-Kantate (BWV 19) und nimmt unüberhörbar Bezug auf die terroristische Bedrohung jener Zeit. „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“ (1977) ist eine Kulturgeschichte der Engel ohne jene spirituellen Selbstbespiegelungen, die nach der Jahrtausendwende durch Engelbücher in Mode kommen sollten. Nigg glaubte an Engel als Boten einer anderen Welt, die wirkmächtig in das weltliche Geschehen eingreifen können. „Kein dichterisches Werk entsteht ohne Hilfe des Engels“, schreibt er in seinem vierten Portrait des Freundes. „Reinhold Schneiders Glaube“ (1978) deutet seine Sendung im Kontext der spanischen Mystik und der Erfahrung der dunklen Nacht der Abwesenheit Gottes: „Wir sind in eine Stunde eingetreten, in der die Bilder, die Zeichen erloschen sind und trostloses Grau wie eine Krankheit das Leben befallen hat, der Mensch lebt in der letzten Situation.“ Nüchtern und im Blick auf die Zukunft recht realistisch wird auch die Ökumene beurteilt: „Sie wird nicht durch Diskussionen und Kommissionen bewerkstelligt, das haben die Religionsgespräche in der Vergangenheit genügend bewiesen.“ In seinen düsteren Rechenschaftsberichten „Verhüllter Tag“ (1954), „Der Balkon“ (1957) und „Winter in Wien“ (1958) habe Reinhold Schneider im Geiste die Agonie des Christentums in der Jahrtausendwende durchlitten:

 

„Was wir gegenwärtig an auflösendem und verhärtendem Geschehen erleben, ist, tiefer gesehen, in der Sprache der spanischen Mystik ausgedrückt, eine ganz schwere, geradezu würgende Trockenheitsperiode. Die Quellen sprudeln nicht mehr, das frische Wasser fehlt, und deswegen wirkt sich diese Durststrecke zu einem so bedrückenden Erlebnis aus, das wir seelisch-geistig fast nicht zu bewältigen imstande sind.“

 

Hans Urs von Balthasar sah bei Schneider keine Teilnahme an der mystischen Nacht des Glaubens, sondern nur ein Überwältigwerden durch die angeborene Schwermut und einen Rückfall in frühe nihilistische Phasen. „Winter in Wien“ sei aus sehr niedrigen Motiven ein Bestseller geworden. Eine heimliche Freude an Schneiders Agonie und vermeintlicher Apostasie habe das Interesse der Leser bestimmt. Hans Urs von Balthasar sieht sich zu einer Überarbeitung seiner Schneider-Monografie gezwungen. Urkatholisch sei der späte Schneider nicht mehr. Vielmehr habe er einen Rückfall in die Welt des protestantischen Zweifels Kierkegaardscher Prägung erlebt. Keine mystische Dunkle Nacht des Glaubens, „die ein übernatürlicher Entzug tiefer, seliger Gotteserfahrung ist“, sondern „vor allem intellektuelle Einsichten, die zur Verdunkelung des Gottesverhältnisses führen: das unbegreifliche Leiden der Kreatur, die sinnlose, nie abgetragene Schuld geschichtlichen Daseins, die Unfasslichkeit der kosmischen Dimensionen, die Welt als ‚rotierende Hölle‘, als Prozess des Fressens und Gefressenwerdens. Dies alles verdunkelt ihm das Antlitz des liebenden Vaters, aber, was er vor sich hat, ist nicht, wie in der Dunklen Nacht, der abgewendete oder entschwundene Vater Jesu Christi, sondern ‚die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Keltertreters‘.“

Walter Nigg überlebte den Freund um dreißig Jahre. Von seiner eigenen reformierten Kirche hatte er innerlich längst Abschied genommen. „Ich habe mein Leben im Dienst der Kirche zugebracht. Wenn ich aber heute an einem Gottesdienst teilnehme, gehe ich mehr oder weniger traurig nach Hause. Die Kirche hat ihr Thema verloren und versucht sich weltklug der gegenwärtigen Situation anzupassen“, bekennt er gegenüber Axel Springer, dessen Seelsorger er nach dem Freitod des Sohnes Sven Simon (Axel Springer junior) geworden war. Von den offiziellen ökumenischen Annäherungsversuchen seiner Tage hielt er weniger denn je. „Die nachkonziliare Epoche ist auf der ganzen Linie durch Unsicherheit, Verwirrung und Ratlosigkeit gekennzeichnet. Es ist unsere vordringliche Aufgabe, diesen Zustand zu überwinden, was freilich weder durch eine reaktionäre noch durch eine progressive Haltung geschehen kann“, schreibt er in seinem letzten Schneider-Portrait. Es trägt den Titel „Vergängliches und Unvergängliches: Reinhold Schneider“ (1982).

Im Laufe seines langen Berufslebens hatte Walter Nigg ungezählte Abdankungsreden am Grab seiner Gemeindemitglieder gesprochen. Diese waren geschätzt, weil in ihnen der Verstorbene vor dem Horizont der Ewigkeit gesehen wurde. Ein Purgatorium dieser Art ist auch Niggs letzte Rede auf den Freund. Sie benennt das Zeitbedingte und betont das Bleibende seiner Sendung.

Vergängliches: Schneiders Dramen. Bestenfalls Lesedramen, aber auf der Bühne nicht zu genießen!

Vergängliches: Die Reinhold-Schneider-Gesellschaft. Rückwärts gewandte Idealisierung! Einbalsamierung und Errichtung eines Mausoleums! Die Feiern zum 75. Geburtstag waren „Begräbnisse erster Klasse“. Man müsse „Reinhold Schneider aus den Händen der Gartenzwerge befreien“.

Vergängliches: Die neuen religiösen Bücher über Zen-Meditation, Theologie der Befreiung, Politisches Nachtgebet: „heute schon Makulatur“! Der religiöse Buchmarkt, das Angebot der Kirchentage: Ein Augiasstall! Verlust des Wesentlichen. Dafür religiöse Unterhaltungsmusik.

Bei aller Hochachtung für Reinhold Schneider vermisste Nigg die erotische Dimension in seinem Leben und Werk. Dafür machte er Anna Maria Baumgarten verantwortlich, „die ihn besitzen wollte und nicht losließ und von der er sich in seiner Weichheit nie zu befreien vermochte. Diese sich vordrängende Dame inspirierte ihn nicht im geringsten; sie verwaltete seinen Nachlass unwürdig und ist deshalb nur am Rande seiner Biographie kurz zu vermerken. Er selbst hat sie in seinen autobiographischen Schriften nie erwähnt.“

Unvergängliches: Die Erfahrung des Scheiterns und der Demut. Der Gewinn von Bescheidenheit, Geduld und ein Offenwerden für den Willen Gottes. Dein Wille geschehe! Johannes Rau sagte es in dem zitierten Gespräch mit diesen Worten: „Das meine ich mit der Dimension der Transzendenz und der Eschatologie. Der Kern der christlichen Botschaft ist nicht die Bewahrung dessen, was ist, sondern die Freude auf das, was kommt. Und auf den, der kommt. (…) Ich kann den Kirchen nur raten, den Mut zu haben, Kirche zu sein und nicht zu Sozialverbänden zu mutieren.“

Reinhold Schneider hatte die Wiederkehr Christi vor Augen, als er das Sonett von der Macht des Gebets schrieb. Den Betern allein könne es gelingen, das Weltgericht abzuwenden. Diese theologische Deutung der Geschichte ist heute weitgehend verpönt. Im Vordergrund kirchlichen Engagements stehen ethische und psychologische, ökologische und genderspezifische Fragen. Die Erfahrung des Klimawandels führt daher nicht in eine eschatologische Dimension. Es herrscht keine „Freude auf das, was kommt“, sondern jene atemlose Panik, die Greta Thunberg in Davos beschworen hat. Welcher Geistliche würde heute die Corona-Pandemie auf endzeitlichem Horizont zu deuten wagen und ihr eine Mahnung Gottes zur Umkehr entnehmen? Wer würde im Angesicht des Endes von dem Frieden der Seele predigen, der wichtiger ist als alle Impfstoffe?

Die Stunde der Beter ist wieder gekommen. Reinhold Schneider hat ein unvergängliches Gedicht für Krisenzeiten geschrieben. Heute in der Corona-Pandemie ist es eine starke Zumutung, weil es in einen Zwiespalt führt: Alles tun müssen und doch nicht alles tun können. Es gibt kein Leben ohne Schuld. Aber diese Erfahrung von Schuld ist bereits eine Erfahrung von Gnade.

Die Wirkungsgeschichte des Sonetts ist noch nicht geschrieben worden. Sie würde die geheimen und oftmals überraschenden Wege des Wortes aufzeigen. Ernst Jünger (1895-1998), der im hohen Alter in die katholische Kirche eintrat, las während des Weltkrieges zwei Mal die gesamte Bibel. Spuren dieser Lektüre sind in seinen Tagebüchern mit dem Titel „Strahlungen“ zu finden. Doch auch Reinhold Schneiders Sonett muss ihn erreicht haben. Unter dem Eindruck der Bombardierung von Paris durch alliierte Flieger notiert er am 31. Dezember 1943 in sein Tagebuch:

 

„Von allen Domen bleibt nur noch jener,
der durch die Kuppeln der gefalteten Hände gebildet wird.
In ihm allein ist Sicherheit.“

 

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Dieser Beitrag erschien zuerst in: Lepanto-Almanach. Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte. Band 2/2021. S. 152-169.