Glauben und Sehen
Anna Katharina Emmerick und Clemens Brentano

 

„sueños hay, que verdad son -
Träume gibt’s, die Wahrheit sind“

Don Petro Calderon de la Barca

 

 

Anna Katharina Emmerick (1774-1824) war eine stigmatisierte Seherin. Gezeichnet mit den Wundmalen Christi lebte sie nachweislich über viele Jahre ohne Nahrung - nur vom Brot der Engel. So wurde im Volksmund die Eucharistie genannt. Ihre Visionen vom Leben und Sterben Jesu und der Maria wurden das katholische Kultbuch des 19. Jahrhunderts. Sie erschienen unter dem Namen des romantischen Dichters Clemens Brentano (1778-1842). Sechs Jahre hatte er am Bett der Kranken verbracht (1818-1824). Als Johannes Paul II. die westfälische Nonne am 3. Oktober 2004 seligsprach, bezog er sich ausdrücklich nicht auf die 16000 Seiten mit Aufzeichnungen des Dichters. Gesichte sind eine zu ernste Sache, als dass sie mit dichterischer Phantasie ausgeschmückt werden dürften. Können visuelle Erfahrungen überhaupt ins Wort übersetzt werden? Sie sind nicht von dieser Welt. Doch wie sollen sie auf Erden gehört oder ins Bild gesetzt werden?

1833 erschien „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christ“. Der Erfolg war überwältigend. Dennoch ist Brentano enttäuscht. Warum? Er hatte keinen Longseller schreiben wollen. Er wollte eine katholische Erweckungsbewegung ins Leben rufen. Sie fand nicht statt. Den zweiten Band seiner Trilogie „Das Leben der heiligen Jungfrau Maria“ (1852) konnte Brentano noch zu Lebzeiten abschließen. Er erschien nach seinem Tod wie der dritte Teil „Das Leben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christ“ (1858). Ein erster Heiligsprechungsprozess versandete. Der zweite führte zum Erfolg. Für wen eigentlich? Das Bistum Münster unter Bischof Reinhard Lettmann (1933-2013) hatte eine neue Selige, die im Bewusstsein dieser einst sehr katholischen Stadt wenig präsent ist. Steht sie doch für ein Frauenbild, das ganz aus der Zeit gefallen scheint. Ihr Weg der Nachfolge Christi gilt vielen als nicht mehr vermittelbar. Da ist zu viel die Rede von Demut und Duldung. Aus diesen Tugenden von einst sind die Untugenden des Verschweigens und Wegsehens im „System Lettmann“ geworden. Münsteraner Forschende wie Thomas Großbölting und Klaus Große Kracht untersuchen heute das „Netzwerk der Missbrauchs-Vertuschung“ im Bistum und sehen ein „massives Leitungs- und Kontrollversagen“. Die Visionen der Gegenwart sind irdisch. Das zeigt auch die „Vision von einer geschwisterlichen Kirche“ von Andrea Voß-Frick. Anna Katharina Emmerick passt nicht in unsere Zeit. Und genau darin spricht sie ihr Urteil.

Clemens Brentano gehörte zu einer romantischen Bewegung, die als Märchen-, Sagen- und Liedersammler durch Deutschland zogen. Sie wollten ein Erbe vor dem Vergessen bewahren. Clemens Brentano und Achim von Arnim hatten sich auf alte Lieder spezialisiert, die sie sprachlich überarbeiteten und um neue Strophen ergänzten. Zu ihrer berühmten Sammlung „Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder“ (1803-1806) gehört das Wiegenlied „Guten Abend, gute Nacht“. Was so kinderleicht daherkommt, hat wie viele alte deutsche Lieder eine geradezu unheimliche Botschaft. Der Schlaf ist der Bruder des Todes, aber auch die Traumpforte zur Ewigkeit. Gräber wurden nach altem Brauch mit einem Rosenbusch bepflanzt und mit Nelken bestreut. Das Schlafritual ist eine frühe Einübung in das Sterben. Wenn Gott will, wird das Kind am nächsten Morgen wieder erwachen. Und wenn Gott nicht will? Die Kindersterblichkeit war Anfang des 19. Jahrhunderts noch immer extrem hoch. Ergebenheit in den Willen Gottes galt als Kunst des Lebens und Sterbens.

 


„Guten Abend, gut’ Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck’:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.“

 


Die Titelvignette zeigt einen reitenden Knaben mit einem Horn in der linken Hand. Dieses Wunderhorn nimmt Bezug auf das erste Gedicht der Sammlung. Von wunderbaren Hörnern war auch in der dänischen Romantik die Rede. Adam Gottlob Oehlenschläger (1779-1850) veröffentlichte zeitgleich sein Gedicht „Die Goldhörner“ (1803). Darin erinnerte er an zwei mit Runen und Symbolen geschmückte goldene Hörner aus dem 4. Jahrhundert. Sie wurden 1639 und 1734 in der Nähe des Dorfes Gallehus bei Møgeltønder gefunden und galten als nationale Besitztümer. 1802 wurden sie von einem Goldschmied gestohlen und eingeschmolzen.

Nun ging aber gerade von dieser Erfahrung des unwiederbringlichen Verlustes („Ein Zeitalter schwindet“) für den Dichter der dänischen Nationalhymne der entscheidende Impuls für sein Gedicht, ja für die Aufgabe der romantischen Dichtung überhaupt, aus. Indem der Dichter die versunkene Welt beschwört, verwandelt er sie noch einmal in reine Gegenwart:

 

„Ihr alten, ihr alten
vergangenen Tage!
Als der Norden noch strahlte,
war der Himmel auf Erden.
Gib mir nur einen Schimmer davon zurück!

I gamle gamle
hensvundene Dage
da der straalte i Norden
da himlen var paa Jorden,
giv et Glimt tilbage!“

(Ü: Peter Urban-Halle)

 

Das Wunderhorn des Knaben in Brentanos Sammlung ist aus dem Stoßzahn eines Elefanten gefertigt. In Gold gefasste Perlen und Rubine, vier goldene Bänder und hundert goldene Glöckchen schmücken es. Diese Glöckchen sind von einer Meerfrau („Von einer Meerfey Hand“) gefertigt worden als Geschenk für die Kaiserin. Der Knabe überreicht es ihr mit einer Art Gebrauchanweisung:

 

„Dies ist des Horns Gebrauch:
Ein Druck von Eurem Finger,
Ein Druck von Eurem Finger
Und diese Glocken all,
Sie geben süßen Schall.
Wie nie ein Harfenklang
Und keiner Frauen Sang.

Kein Vogel obenher,
Die Jungfraun nicht im Meer
Nie so was geben kann!“

 

Sprach der Knabe und ritt zurück. Die Kaiserin besaß nun das wunderbare Instrument.

 

„Ein Druck von ihrem Finger,
O süßes hell Geklinge!“

 

Anna Katharina Emmerick repräsentierte für den Dichter und Sammler die bedrohte wunderbare Glaubenswelt eines versinkenden Zeitalters. Auch sie besaß ein wunderbares Horn, geschmückt mit den Bildern der christlichen Heilsgeschichte und den Legenden der Heiligen. Doch ihre Welt der Nachfolge Christi war das Kontrastprogramm zur Sammlung der alten deutschen Lieder. Alles andere als „süßes hell Geklinge“. Es war die Welt der Passion, in denen Bild sie sich verwandelt hatte.

 

 

 

Nach einer langen Krise hatte Brentano zur katholischen Welt seiner Vorfahren zurückgefunden. Aber sein Glaube war brüchig wie sein Leben. Brentano stammte aus reichem Elternhaus. Die Nonne war in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen. Er war ein Meister des Wortes. Sie sprach ein westfälisches Platt und hatte gerade einmal für vier Monate eine Schule besuchen dürfen. Brentano war in der Welt der Reichen, der Schönen und der Gebildeten aufgewachsen. Er kannte den Adel und Geistesadel in den Berliner Salons. Im westfälischen Flamske entdeckte er eine der vielen Parallelwelten zum Leben in der Hauptstadt.

„Ich wollte die Stelle sehen, wo sie gebohren ist, und wo ihre Wiege gestanden. Ich fand eine baufällige von Lehm zusammengeknetete mit altem bemossten Stroh gedeckte Scheune. Als ich durch das geflickte halboffene Scheunenthor hineintrat, stand ich in einer Rauchwolke, in welcher ich kaum einen Schritt weit vor mich hin irgend Etwas erkannte. Ihr Bruder und seine Frau begrüßten mich etwas verwundert doch gleich sehr freundlich, als ich ihnen einen Gruß von der Schwester brachte, und die anfangs befremdeten Kinder nahten sogleich auf Befehl des Vaters und reichten mir Kußhändchen. In dem leeren viereckigen Raum des Hauses fand ich keine Stube, was man so nennen kann, ein Winkel war abgeschlagen, worin der plumpe bäuerische Webstuhl des einen Bruders stand, einige alte von Rauch geschwärzte Laden zeigten so man sie öffnete, in große Bettladen voll Stroh, auf welchen einige Federkissen lagen, da schliefen die Leute, auf der entgegengesetzen Seite schaut das Vieh hinter Pfählen hervor. Alle Geräthschaften stehen und hängen umher, oben von der Balkendecke hangen Stroh und Heu und Spinnenweh von Rauch und Ruß herab, und das Ganze war undurchsichtig voll Rauch. Hier, in dieser finstern, armen, Nacht, voll Unordnung und Unbequemlichkeit, ward dieses feine, reine, leichte, lichtvolle, geistreiche Wesen gebohren und erzogen, da und nirgends anders erhielt es seine Unschuld in Gedanken, Worten, und Werken. Ich dachte an die Krippe in Bethlehem. Ich aß vor dem Thore auf einem Holzblock Pumpernickel Butter und Milch und der fromme Bernd Emerick sprach bei jedem kurzen Redesatz die Worte mit Gott aus.“

Brentano hatte weder im Leben noch in der Liebe Wurzeln schlagen können. Wie Søren Kierkegaard (1813-1855) erlebte er sich als Einzelgänger und Einzelnen. Beide glaubten, ein Fluch läge über ihren Familien und sei Ursache für mancherlei Verstrickungen ihrer Lebenswege. Wie der dänische Philosoph, so hatte Brentano ein Vermögen geerbt, das ihn zeitlebens unabhängig von allem Erwerbsstreben, aber auch dem Zwang zur Veröffentlichung seiner Werke machte. Der Vater hatte als Kaufherr ein beträchtliches Vermögen geschaffen. Aus seinen drei Ehen ging eine große Kinderschar hervor, von denen vierzehn den Vater überlebten. Niemand von Peter Anton Brentanos Nachkommen musste darben.

Clemens Brentanos erste Frau, Sophie Mereau, starb bei der Geburt ihres dritten Kindes. Die zweite Ehe mit Auguste Bußmann scheiterte. Seine letzte große unglückliche Liebe vor der Begegnung mit der Dülmener Seherin galt der Dichterin Luise Hensel (1798-1876). Die Pastorentochter hatte mit achtzehn Jahren eines der berühmtesten deutschen Abendgebete geschrieben. Anlass war der Tod ihrer Schwester Karoline nach der Geburt ihres Kindes Rudolf. Luise Hensel und Clemens Brentano wurden seine Taufpaten.


„Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe meine Augen zu.
Vater, lass die Augen dein
über meinem Bette sein.

Hab ich Unrecht heut getan,
sieh es, lieber Gott, nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut
machen allen Schaden gut.

Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand;
alle Menschen, groß und klein,
sollen dir befohlen sein.

Müden Herzen sende Ruh,
nasse Augen schließe zu.
Lass den Mond am Himmel stehn
und die stille Welt besehn.“


Brentano glaubte in der frommen Seele das Bild seiner verstorbenen Schwester Sophia erkennen zu können. Er war immer verliebt in die Liebe. Das erkannte Luise Hensel sofort und bezog seine Schwärmerei nicht auf sich. Brentano saß ihr zu Füßen, spielte auf der viersaitigen Guitarre Lieder nach selbst erfundenen Melodien und dichtete aus dem Stehgreif. In diesen Gedichten war er der ruhelose Pilger und Luise der Engel in der Wüste seines Lebens. Bald hatte es Brentano verstanden, in den inneren Kreis der Familie vorzudringen. Luises Vater war gestorben. Der Weg zum Herzen der Tochter, so glaubte er, gehe über die Pastorenwitwe. Auch ihr saß er zu Füßen und erbat von ihr Geschichten, die aufzeichnete. Brentano war nicht nur ein Chronist versunkener Welten. Er glaubte alte zeitlose Schätze zu heben. Wie später in Dülmen am Bett der Emmerick, so fand er durch sein gewinnendes Wesen raschen Zugang zu Menschen und verstörte sie bald durch sein sprunghaftes Verhalten.

Als Clemens Brentano durch seinen Bruder Christian Nachrichten vom denkwürdigen Leben der Seherin hörte, machte er sich auf den Weg. Er suchte Heil und Heilung am Bett der Nonne, die wie er an einem 9. September geboren worden war. Das konnte kein Zufall sein. Auch sie hatte die Erfahrung von Entwurzelung gemacht, aber sie war durch die gewaltsame Auflösung ihres Klosters am Agnetenberg nicht heimatlos geworden. Das Kloster bestand von 1471-1811. Hier lebten die Schwestern vom gemeinsamen Leben das Ideal der „Devotio moderna“ („neue Frömmigkeit“) einer radikalen Christusnachfolge wie es in der „Nachfolge Christi“ („Imitatio Christi“) des Thomas von Kempen Ausdruck gefunden hatte.

Am 13. November 1802 wurde Anna Katharina Emmerick als Novizin in das Kloster Agnetenberg aufgenommen. Nach der Säkularisation traten an ihrem Leib die Wundmale Christi als sichtbares Zeichen ihrer Nachfolge auf. Auch die in ihr bislang verborgen Gabe der Vision trat nun in Erscheinung. Die Krise als Durchbruch zur Bestimmung. Anna Katharina Emmerick erlebte im Alter von 37 Jahren ihre Berufung. Ihr Kloster wurde die Welt. Hier lebte sie in der Nachfolge Christi. Während Napoleons Truppen Deutschland verheerten und der Bischof von Münster abgesetzt wurde, blieb sie fest verwurzelt in der unsichtbaren Kirche. Luise Hensel atmete auf, als Brentano Berlin verließ: Die räumliche Trennung werde ihm die Chance zu einer Läuterung seiner Gesinnung geben.

Die Zeit war aus den Fugen. Wie schafft man das, in den Wirren der Gegenwart den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren? Der überbordende Reichtum der inneren Welt der Seherin stand in schroffem Kontrast zur Armut ihres äußeren Lebens. Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz: Sie besaß einen Schatz im Himmel, dessen Widerschein sich in ihrem Leben spiegelte. Davon war auch ihr Arzt und erster Biograph Franz Wilhelm Wesener (1782-1832) überzeugt. Beiden war jeder Geltungsdrang fremd. Zur unmittelbaren Lebenswelt der Seherin gehörten zwei Priester. Sie waren ebenfalls Opfer der Säkularisierung geworden. Der Franziskaner Jean Martin Lambert wurde 1792 aus der Picardie vertrieben. 1794 kam er nach Dülmen und lebte dort über viele Jahren von Almosen. Der ehemalige Dominikaner Josef Alois Limberg wurde Beichtvater der Seherin.

Niemand aus diesem inneren Kreis suchte die Öffentlichkeit. Alle Untersuchungen der Stigmata hatten keinen Betrug nachweisen können. Doch weder Clemens August Freiherr von Droste Vischering (1773-1845), Verwalter des vakanten Bischofssitzes von Münster, noch die preußische Staatsmacht konnten in dieser Zeit des Umbruchs die Stimme einer Seherin gebrauchen.

 

 

 

Clemens Brentano kam am 24. September 1818 als Pilger ans Bett der Nonne mit den außergewöhnlichen eidetischen Fähigkeiten. Mit ihr waren auch andere Frauen aus dem Münsterland gesegnet, allen voran Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848). Sie verfügte durch Geburt, Stand und Begabung über alle sprachlichen Ausdrucksmittel, die der Nonne fehlten. Vielleicht hätte Anna Katharina Emmerick sonst ihr „Geistliches Jahr“ hinterlassen.

Vom ersten Augenblick an mochten sich Brentano und die Seherin: „Sie war in sechs Minuten so vertraut mit mir, als kenne sie mich von Jugend auf, und hat mir viel Liebes und Natürliches gesagt.“ Der Weg zur kleinen Kammer der Nonne führte durch eine Scheune, alte Kellerräume, dann eine steinerne Treppe hinauf und durch eine winzige Küche. Die Stigmatisierte streckte ihrem Besucher die wunden Hände entgegen. „Sie spricht von Jesu, wie von dem liebsten erprobtesten Freund, dem man Alles abschwätzen und ablieben kann, wenn man sich ihm nur recht getroßt und von Herzen naht. Alles was sie sagt ist schnell, kurz, einfach, einfältig, ganz schlicht, ohne breite Selbstgefälligkeit, aber voll Tiefe, voll Liebe, voll Leben, und doch ganz Ländlich, wie eine kluge, feine, frische, keusche, geprüfte recht gesunde Seele.“

Bei ihm war auch Liebe im Spiel, wenn er sie in den Arm nahm oder ihre gezeichneten Hände hielt. Er sang ihr Marienlieder vor oder betete mit ihr den Rosenkranz, über den er ein langes Gedicht geschrieben hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben erfuhr er eine Liebe ohne Begehrlichkeit. So konnte er der neuen geistlichen Freundin offen von seiner unglücklichen Beziehung erzählen. Das reichte, um die Seherin zu neuen Gesichten zu stimulieren. Sie sieht Luise Hensel im fernen Berlin zwischen zwei Gärten gehen. Eine andere Person befindet sich an ihrer Seite. Brentano wird sogleich eifersüchtig, weil er meint, einen Nebenbuhler erkennen zu müssen. Aber er täuscht sich. Erst Jahre später wird Luise Hensel den Verdacht zerstreuen. Die Person an ihrer Seite war ihr Schutzengel. Ihn hatte die Seherin gesehen.

„Der Umstand, daß sie noch hinzusetzte: ich sei nicht allein gewesen, veranlaßte Brentano zu allerlei Zusätzen aus seiner Phanatsie, da er sich einbildete, es sei ein menschlicher Begleiter bei mir gewesen, was nicht so war, sondern ich hatte meinen heiligen Schutzengel gebeten, mich durch diese öde Gasse, wo schon öfters Leute angefallen und beraubt waren, zu begleiten. Wollte ich alle die verworrenen Bilder, die zum Theil richtig zutrafen, zum Theil leere Einbildungen von Brentano waren, hier alle geben, so würde ich ein vollständiges Buch schreiben müssen.“

Luise Hensel liebte Clemens Brentano wie eine Schwester den Bruder. Doch hatte sie für sich die Entscheidung eines Lebens in geweihter Jungfräulichkeit getroffen. Der Eintritt in den Orden der Heiligen Teresa von Avila wurde ihr verwehrt, weil der Preußische Staat den Karmeliterinnen die Aufnahme von Novizinnen verbot. Nach ihrer Konversion (1818) und einer Generalbeichte im Berliner Dom lebte und wirkte Luise Hensel als Erzieherin auf verschiedenen westfälischen Adelshöfen. Ihr Briefwechsel mit Brentano war Gegenstand der Unterhaltungen am Krankenbett der Anna Katharina Emmerick.

Die einfühlende Beobachterin schaute Bilder aus dem gegenwärtigen Leben von Luise Hensel. „Sie sieht mein Leid auf den Grund“, notiert Brentano und erlebt, wie der Schmerz in Freude gewandelt wird. Eine Zeit der intensiven Zusammenarbeit beginnt. Im Pilger erwacht wieder der Schriftsteller. Aber seine Augen sind gehalten. Er sieht nicht, was sie mit den Augen der Seele schaut. Die Berichte kommen ganz unsystematisch. Manchmal sind es nur Bruchstücke einer großen Schau. Mal ist die Seherin zu ermüdet oder einfach zu genervt, um in Worte zu fassen, was jenseits aller Worte liegt. Sehr schnell wird Brentano deutlich, dass er wie beim Sammeln von Liedern und Märchen in teilnehmender Beobachtung auch eine Gestaltungsaufgabe übernehmen soll.

Brentano besucht die Seherin regelmäßig. Er weiß, wie er ihren Gesichten eine Richtung und ein Thema geben kann. Stimulanzien sind Reliquien, aber auch die Schriften großer Heiliger. Er liest aus den Werken Gerhard Tersteegens, Teresas von Avila oder Catharinas von Siena und sogleich sieht sie alles, was er nur erwähnt. Das sind euphorische Momente, aber auch Erfahrungen des Ausgeschlossenseins. Nicht nur die großen Propheten und Heiligen verfügen über eine visionäre Kraft, die Kirche ist pfingstlich. Ihre Söhne und Töchter sollen weissagen und Jünglinge sollen Gesichte sehen und die Alten Träume haben.

„Du sollst auch Alles sehen“, tröstet ihn die Nonne. Aber Brentano sieht nichts. Er weiß nur sehr viel, weil er viele Bücher gelesen hat. Darunter die Apokryphen und die Legenda Aurea. Ihre Erzählungen wird er in die Visionen der Seherin hineintragen. „Ich lese sie in Extase“, bekennt er. Da kommt der alte Brentano wieder hervor und die Stimmung kühlt sich merklich ab. Eine jener Szenen, die mit Sicherheit der erotischen Phantasie des Pilgers entsprungen sind, beschreibt den Tanz der Salome, Stieftocher des Königs Herodes. Mit ihrer Aufführung betörte sie die Sinne des betrunkenen Königs. Der verspricht ihr, jeden Wunsch zu erfüllen. Nach einer kurzen Beratung mit der Mutter, der Schwägerin und Geliebten des Herodes, wünscht sie sich den Kopf Johannes des Täufers. Was nicht in der Bibel steht, hat Brentano geschaut: Salome und Herodes waren ebenfalls ein Paar. Missbrauch und Unzucht mit Abhängigen heißt das heute. Doch Brentano sieht in der Verführten die Verführerin, eine biblische „Frau Welt“ - außen hui, innen pfui.

„Nun sah ich Teppiche in der Mitte ausbreiten und es traten mehrere Tänzerinnen eine nach der anderen auf den Platz und machten allerlei Sprünge und Stellungen und Wendungen, unter diesen aber war Salome, die Tochter der Herodias, der Ehebrecherin, die frechste und künstlichste, sie war ohngefähr 15 Jahre alt, sehr schön und vollwächsich, sie war scheuslich frech und durchsichtig gekleidet, ihre Brust war mit nichts als einem Netz bedeckt, ihre Haare in vielen Löckchen mit glänzenden Flittern und Perlenschnüren durchflochten, wie sich sich wendete und drehte, schimmerte sie, sie war ein Greuel, von außen ganz glänzend und schön und von Innen ganz mit Gift und Verwesung angefüllt, sie trat mehrmals auf und ab, und Herodes war ganz entzündet von ihr, denn er lebte auch mit ihr in Unzucht. Ich sah aber den Teufel bei ihrem Tanz, der ihr alle Glieder stellte und sie auf der Hand bei ihren Sprüngen emporhob. Sie hatte auch Kränze und Tücher in den Händen, welche sie im Tanz hin und herschwenkte.“

Das ist Sulaikas orientalische Welt, wie sie von Goethe und Friedrich Rückert stilvoller als Gleichnis einer höheren Begattung verdichtet wurde. Brentano schreibt Männerprosa. Der Seherin aber geht es um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Aber gibt es die überhaupt? Zudem „dachte und redete sie in einem beschränkten Plattdeutsch und mußte sich oft angestrengt hochdeutsch erklären.“ Nachfragen verwirren sie. Ihr fehlt ganz einfach der Wortschatz und auch die Übung einer Bild-, Tier-, Personen- oder Vorgangsbeschreibung. Einmal geht es um eine Tragbahre für die Leiche des Johannes:

„Sie erklärte dieses sehr unverständlich, ja unmöglich zu begreifen und man darf nicht fragen, sonst verwirrt sie sich, da sie in allen Beschreibungen von Sachen im höchsten Grade unfähig ist, schiebt sie jede Frage doch auf das Nichtverstehen des Zuhörers. Sie ist nie in solchen Dingen belehrt worden, und immer mit Menschen umgegangen, die von keiner Sache einen deutlichen Begriff verlangen. Es ist ihr nie gesagt worden, daß es zweierlei ist, eine Sache zu sehen, und sie dem Andern beschreiben.“

Wem will Brentano dienen? Gewiss nicht der Seherin, meint Pater Josef Alois Limberg. Als es um eine Beschreibung des Leidens Jesu geht, befiehlt er Askese im Schmuck der Rede und aller detailsüchtigen Ausführungen und -fühlungen. Brentano fordert mehr, als sie geben darf und kann. Der Beichtvater, erklärt sie, „habe ihr verboten Häuser, Wege, Steine, Orte zu beschreiben, denn das gehöre nicht zur Sache, und es sei ganz gegen sein Gewissen als Beichtvater dieses zu dulden.“ Vielleicht sollte er selbst Priester werden? Brentano überlegt ernstlich diesen Weg zu gehen, obwohl er weiß, dass seine noch bestehende zweite Ehe diesem Schritt im Wege steht. Es geht um die Befehlsgewalt über die innere Welt der Seherin.

So kann der Dichter das Ganze ihrer Schau nur im Fragment seiner Aufzeichnungen protokollieren. Wie soll daraus jemals ein Buch entstehen? Ärger, Kummer und Verdruss breitet sich auf allen Seiten aus. Die Seherin wird zunehmend gereizter. Die Priester und der Arzt drängen Brentano, endlich Ruhe zu geben. In Dülmen steht der Himmel offen. Wer braucht da noch ein Erbauungsbuch? Brentano notiert: „Verwirrung und Schweinerei um sie her“, „verzweifelt eckelhafte Umgebung“, die Schwester und Pflegerin der Bettlägrigen sei ein „Thier“. Luise Hensel wählt nicht so drastische Worte:

„Die Schwester der Emmerick, welche eine Zeit lang ihre Pflegerin sein sollte, war eine sehr arme Natur, unfähig, den höheren Werth und Beruf ihrer Schwester auch nur zu ahnen. Schlecht und boshaft war sie wol nicht, nur dumm und täppisch, gewohnt mit Vieh umzugehn und darum in keiner Weise geeignet, eine zarte Pflege zu übernehmen.“

 

 

 

Natürlich versöhnen sich die Seherin und ihr Dichter wieder. Nach ihrem Tod steht Brentano vor einem Wust von Papieren. Schon die erste Niederschrift am Krankenbett ist kein Original. Bei Visionen kann es keine Urschrift geben. Denn die wird allein im Himmel aufbewahrt. Das Geschaute ruht unsagbar im unergründlichen Geheimnis. Es geht niemals in den Besitz der Welt über. Aber es schenkt ihr im Abglanz einen Hinweis auf ein Höheres. So wollen auch die Visionsberichte gelesen werden. Sie sind „wie die Staubgemälde auf Schmetterlingsflügeln“, sagt Brentano. Er ordnet und überarbeitet die Texte, er kürzt, erweitert, er streicht Passagen, füllt Leerstellen aus. Dabei ist er achtsam und feinfühlig und oft an der Grenze seiner gestalterischen Kraft: „Ich sitze einsam wie in der Wüste voll Sandwogen, über einem Schatz flüchtiger Blätter schützend gebeugt und verschmachte mitten im Gewühle der Welt.“

Luise Hensel hat die Seherin mehrfach besucht und Jahrzehnte nach ihrem Tod darüber Bericht gegeben. Wie Brentano so erging es auch ihr: Sie füllt sich erkannt bis in alle Tiefen ihres Wesens. „Glaube mir, wer zu mir kommt, dem sehe ich auf den Grund des Herzens; das hat mir Gott gegeben“, sagt die Seherin und ergänzt:„Dein Wille ist gut.“ Dann nimmt sie Luise Hensel in die Arme. Beide lieben die Handarbeit. Die Dichterin arbeitet an einem Korporale, das sie zum Teil bereits mit einer Spitze besetzt hatte. Anna Katharina Emmerick setzt diese Näharbeit fort und stickt in die Mitte, wo nach der Konsekration die Hostie gelegt wird, ein Kreuz aus rotem Garn. Dann küsst sie es und sagt: „Dütt Pläcksken hebbe ich gewaltig lef.“

Durch den Bericht der Luise Hensel sind auch Einblicke in die Kompetenzstreitigkeiten am Bett der Kranken möglich. Brentano hatte sich einen Schlüssel zur Kammer der Seherin besorgt und besuchte sie in der Nacht, um ungestört arbeiten zu können. Anna Katharinas Leib bestand nur aus Haut und Knochen. Luise Hensel, die sie gelegentlich mit gewärmten Wein wusch und ihre Wäsche wechselte, hat detailliert darüber berichtet:

„Ihre feinen Knochen waren von weißer durchsichtiger Haut umgeben, die so weit war, daß die leichten Gebeide fast schlotterten. Man sah alle Sehnen und Adern durch die feine Haut. Von Muskelfleisch war keine Spur zu sehn, weshalb jede Bewegung bei ihr ein Wunder war. Sie zeigte mir ihre ganz fleischlosen Beine und fragte mich mit einem mitleidigen Blick auf sie: ob ich wohl je so magere Beine gesehn; sie glaubte sie habe die Zehrung. Ein andermal fragte sie scherzend, ob ich ihr Rückgrat fühlen wolle, und führte meine Hand unter ihre Decke, sie auf die Mitte des Leibes legend, und da fühlte ich allerdings mit etwas Grausen deutlich ihr Rückgrat, um welches herum nur lose, weite, faltige Haut zu fühlen war. Man fühlte gleichsam einen ausgenommenen Leib; von der Leber und anderen Eingeweiden war gar nichts zu bemerken.“

Das Fastenwunder von Dülmen hatte bis zum preußischen Königshof Wellen geschlagen. Der Leibarzt des Königs Friedrich Wilhelm III. hatte die Seherin untersucht. Eine Kommission hatte sie über Wochen wie ein gefangenes Tier gehalten, um dem Gerücht der Nahrungslosigkeit den Boden zu entziehen. Ein Blick auf den nackten Leib hätte allen Zweifel zerstreut. Pater Limberg wollte, dass endlich Ruhe in Dülmen einkehrte. „Daß der gute, sehr ängstliche und etwas unbeholfene Pater Limberg dabei mit Clemens Brentano in Conflict kam, ist natürlich zu begreifen und nach beiden Seiten hin durch die große Verschiedenheit der Naturen zu entschuldigen“, notiert Luise Hensel. „Der Eine ganz Poesie, Feuer und Leben, der Andere sehr prosaisch, langsam und scrupelös.“ Der alte Pater Lambert „schien mir ein frommer, kindlicher Mann zu sein, aber ohne alle Bildung. Seine äußere Erscheinung hatte etwas Rohes, was man bei einem Franzosen selten findet. Die liebe Emmerick hielt viel auf den guten alten Mann.“

Während der Näharbeiten am Abend wurde Luise Hensel mehrfach Zeugin der Entrückungen. Sie hielt es aber für unschicklich über diese Zustände Aufzeichnungen zu machen und diese gar zu veröffentlichen. Doch auch sie gerät in Konflikt mit dem besorgten Beichtvater: „Pater Limberg sah ungern, daß ich während der Vision bei ihr gewesen und verhörte mich über alles, was sie in diesem Zustande gesprochen. Er gebot mir auch Schweigen über alles, was sie im höheren Zustande gesagt, weil er in seiner Ängstlichkeit immer Aufsehen fürchtete und neue Untersuchungen.“ Jeder arbeitete auf seine Art am Mythos der Heiligen. Was Luise Hensel erlebte, passte kaum in das Bild der großen Büßerin, die freiwillig Leiden für die Unbußfertigen auf sich nahm.

Die Tochter eines armen westfälischen Kötters hatte auch schalkhafte und ironische Seiten. Gelegentlich muss sie wohl auch der Übermut ergriffen haben. „Du sollst auch Alles sehen“, hatte sie Brentano versprochen. Luise Hensel fordert sie auf: „Begehre, was du von Gott haben willst; ich kann dir’s erlangen.“ Natürlich zögert die Freundin. Nicht weil sie meint, Gott ungebührlich herauszufordern, sondern weil sie glaubt, der Sehergabe nicht gewachsen zu sein. Denn insgeheim wünschte sie sich Teilhabe am Charisma der Seherin und sah doch ein, „wie wenig ich der ungeheuren Aufgabe entsprechen würde und darüber zu Grund gehn könne wie der unglückliche Judas an seinem Apostulat.“ Wer erträgt schon das Wunder?

In der Adventszeit besucht Luise Hensel wieder die Seherin und bringt Stoffe mit, aus denen Kinderjäckchen und Häubchen genährt werden sollen. Eine filigrane Arbeit, die viel Zeit und den genauen Blick erfordert. Nun gibt es in der Kammer kein Licht. Daher scheint es unsinnig, wenn Anna Katharina Emmerick bekundet, die Näharbeiten in der Dezembernacht vollenden zu wollen. Am nächsten Morgen ist die Arbeit erledigt und die Seherin lacht über die Verwunderung der Freundin. Trotz Aufklärung und Antiklerikalismus geschehen in Westfalen noch immer Wunder. Doch nicht jedes Wunder eignet sich für die Propaganda, und nicht jede Offenbarung tut der Seele gut. Pater Limberg und Brentano berichten von einem Gesicht der Seherin. Es betreffe die Zukunft der Freundin. Eine Gerüchteküche vernebelt die Sinne. Ein Gesicht habe sie gehabt, sagt die Seherin, aber sie habe den Inhalt Brentano nicht mitgeteilt. Dann widerruft sie diese Mitteilung.

Anna Katharina Emmerick ist mit der unsichtbaren Welt vertraut und so ergeben sich zuweilen auch seelsorgerliche Gespräche über das Schicksal der Verstorbenen. Luise Hensel denkt an ihren Vater. Wie mag es dem protestantischen Geistlichen im Jenseits ergehen, da er doch „als lutherischer Prediger den Irrtum gelehret“? Die Nonne hat einen ökumenischen Weitblick, vielleicht sogar eine Hoffnung auf die Allversöhnung: „Glaube nur: Christus hat nicht umsonst drei Stunden so qualvoll am Kreuz gehangen und die Arme so weit ausgebreitet; es sind viel mehr gerettet als wir meinen.“

Am 13. Februar 1824 wurde Anna Katharina Emmerick beerdigt. Ein holländischer Kaufmann war im Auftrag eines anonymen Münsteraner Reliquiensammlers nach Dülmen gekommen, um den Leichnam zu einem sehr hohen Preis zu erwerben. Vergeblich. Aber Gerüchte blieben, er habe den Leib der Heiligen nachts aus dem Grab entwendet. Was an der Sache wahr sein könne, bewegte Luise Hensel. Sie ließ in der Nacht vom 19. und den 20. März das Grab öffnen und fand den Leib unversehrt. Auf das Grab pflanzte sie einen kleinen Rosenstrauch und streute Nelken auf die Erde.

 

 

 

 

 

Literatur

 

Joseph Adam. Clemens Brentanos Emmerick-Erlebnis. Bindung und Abenteuer. Herder Verlag 1956. (Eine germanistische Dissertation am Lehrstuhl von Walther Rehm, 1955)

Luise Hensel. Erinnerungen an Anna Katharina Emmerick. In: Hochland 13.2 (1916). S. 398-424. (Ich danke Bruder Gerold Zenoni OSB, Kloster Einsiedeln, für die Kopie dieses Aufsatzes.)