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Menschen und Schicksale
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„Manuskripte brennen nicht“

 


„Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakov (1891-1940) gilt heute als berühmtester russischer Roman des 20. Jahrhunderts. Das Buch spiegelt die Passion Jesu mit dem großen Terror in der Sowjetunion und den Moskauer Schauprozessen der Jahre 1936-38. Bulgakov stammte aus einem alten russischen Priestergeschlecht. Zwölf Jahre arbeitete er an diesem Werk, das erst Jahrzehnte nach seinem Tod erscheinen durfte.

 

Der Meister ist ein Schriftsteller auf verlorenem Posten. Weil er ein Buch über den Prozess Jesu geschrieben hat, wird er in die Psychiatrie eingewiesen. Margarita heißt seine Muse. Als Kunstwerk ist „Der Meister und Margarita“ mit seinem magischen Surrealismus der Gegenentwurf zum sowjetischen Realismus. Michail Bulgakov ließ sich von Goethes „Faust“ zu einem religiösen Roman inspirieren. Dabei kehrte er die Verhältnisse um: Nicht Margarethe (Gretchen ) sitzt im Kerker, sondern Faust. Bulgakov verwandelt Gretchen zurück in seine ursprüngliche Gestalt. Die russische Margarita ist eine würdige Nachfolgerin der frühen christlichen Heiligen. Mit unerschütterlichem Mut bekämpft sie den Drachen Furcht in ihrer Brust und schließt, um ihren Geliebten befreien zu können, einen Pakt mit dem Teufel. Voland nennt er sich nach einer Selbstbezeichnung des Mephistopheles in Goethes „Faust“ (V. 4023). In einer grotesken Umkehrung seiner Rolle als Geist, der stets vereint, ist der Moskauer Teufel ein Anwalt des Lebens und der Liebenden.

 

Nach der Oktoberrevolution wurden Priester ermordet oder in Vernichtungslager deportiert und Kirchen und Klöster als Viehställe, Lagerhallen, Kinos oder Gefängnisse missbraucht. Die russische orthodoxe Kirche spaltete sich. Viele Popen flohen ins Ausland. Der Patriarch Tichon passte sich an und leugnete vor der Weltöffentlichkeit das große Martyrium seiner Kirche. Andere Priester gingen als Katakombenkirche in den Untergrund. Ein Verein der Gottlosen betrieb atheistische Polemik.

 

Bulgakovs Roman beschreibt auf der ersten Seite zwei dieser antikirchlichen Agitatoren. In einem Moskauer Park treffen sich der Chefredakteur einer Zeitung und ein Lyriker. Er bekommt den Auftrag, ein antireligiöses Werk zu schreiben, in dem bewiesen werde, dass Jesus nie existiert habe und die Evangelien Lügen verbreiten. In ihr Gespräch platzt der Teufel. Er weiß alles über die beiden Gottlosen, kann ihre Gedanken lesen und ihr Schicksal voraussagen. „Ja, wir sind Atheisten“, bekennt einer der Materialisten. „Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat Bewusstsein und glaubt schon lange nicht mehr an die Märchen über Gott.“ Der vermerkwürdige Fremde verweist auf die Gottesbeweise Kants und erhält die zornige Antwort: „Für solche Beweise müßte man den Kant drei Jahre nach Solowki verbannen!“

 


Das alte Kloster Solowki liegt im Inselreich des Weißen Meeres. An diesem heiligen Ort des Gebetes und der Buße errichtete Stalin ein Vernichtungslager. Die westliche Welt kannte das russische Golgatha, aber protestierte nicht. Maxim Gorki und andere Schriftsteller besuchten Solowki und priesen zynisch die politische Umerziehung, die in diesem Gulag stattfinde.

 

Grotesk waren die Verhältnisse überall in der Sowjetunion. Menschen verschwanden spurlos. Langjährige Wegbegleiter des Diktators bezeichneten sich in absurden Schauprozessen der Sabotage und wurden liquidiert. Inmitten dieser Sonnenfinsternis veranstaltete die Amerikanische Botschaft einen Ball, zu deren Gästen auch das Ehepaar Bulgakov zählte. Jelena Bulgakova, Urbild der Margarita, berichtet in ihrem Tagebuch vom 23. April 1935 von einem Hexensabbat inmitten einer seltsamen Menagerie: „Hinter einem Netz, das vor das Orchester gespannt war, lebendige Vögel und Fasanen. Gespeist wurde an kleinen Tischen im riesigen Speisesaal. In der Ecke lebendige Bären, Zicklein und Hähne in Käfigen. Zum Essen Akkordeonmusik. Eine Treppe höher hatten sie eine Schaschlik-Braterei eingerichtet. Dort tanzte man kaukasische Tänze.“

 

Bulgakov hatte mehrfach vergeblich versucht, die Sowjetunion zu verlassen. Um als Schriftsteller zu überleben, war er zu Anpassungen bereit. Er überarbeite sein Buch, strich Passagen, vernichtete das Manuskript, schrieb es aus dem Gedächtnis neu und litt dabei über Jahre unter dramatischen Angststörungen. Lang anhaltende Panikattacken erlauben es ihm nicht, die Wohnung zu verlassen. Schließlich kann er das Tageslicht nicht mehr ertragen.

 

Der Roman nimmt an seiner berühmtesten Stelle diese Grenzerfahrung auf. Voland begegnet dem Meister in der geschlossenen Psychiatrie. Das Manuskript, sagt der Meister, sei vernichtet. Er habe es im Ofen verbrannt. Darauf antwortet der Teufel: „Das kann nicht sein, denn Manuskripte brennen nicht.“ Dann gibt er dem Meister das Manuskript zurück. Doch er braucht es nicht mehr. Er kennt den Roman auswendig.

 

Als der Roman über dreißig Jahre nach Bulgakovs Tod im Jahr 1973 vollständig veröffentlicht und sofort zum Kultbuch wird, weiß jeder Leser wie wahr dieser paradoxe Satz ist. Denn Manuskripte brennen tatsächlich nicht, wenn sie im Gedächtnis aufbewahrt sind. So hatte Bulgakows Freundin Nadeschda Mandelstam die Gedichte ihres in der Verbannung verstorbenen Mannes auswendig gelernt und über die Zeit des großen Terrors hinweg gerettet.

 

Wie die Christen in den Katakomben, so hielt Michail Bulgakov in aussichtsloser Lage an seiner Berufung fest. Auch Schreiben kann ein Opfer sein. „Es gibt keinen Schriftsteller, der verstummen kann,“ schrieb er an Stalin (30. Mai 1931), „und wenn er verstummt, dann ist er eben kein wahrer Schriftsteller.“ Doch was ist das Opfer ohne die Liebe, die Passion ohne die compassio? „Man hat mich zerbrochen“, klagt der Meister, als Margarita in der Psychiatrie auftaucht, um ihn zu befreien. Nun erlebt er das Mysterium der Wandlung: „Ich fürchte nichts, weil ich schon alles durchlebt habe. Sie haben mich zu sehr geängstigt, jetzt kann mich nichts mehr ängstigen“.

 

Bulgakov starb an den Folgen einer Nierensklerose. Seine Frau hielt dem Meister die Hand. Sie berichtet: „In den Augen lag ein Staunen. Sie füllten sich mit einem seltsamen Licht.“ Bulgakov glaubte, dass Ehen im Himmel gestiftet werden. So heisst es auch im Roman über den Meister und seine Muse, „sie seien in alle Ewigkeit füreinander bestimmt.“ Daher erzählt „Der Meister und Margarita“ von dem unauslöschlichen Siegel der Liebe.

 

Michail Bulgakow. Der Meister und Margarita. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Luchterhand Literaturverlag. Frankfurt a.M. 1990. 556 Seiten.