Hier auf der homepage des Gymnasiums Andreanum/Hildesheim, meiner ehemaligen Schule, geht es zum Beitrag:

 

https://www.andreanum.de/index.php/unsere-schule/geschichte/alte-andreaner/historische-andreaner-innen/43-rudolf-otto

Der Beitrag kommt bald.

 

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"Sie ist ohne Zweifel eine der größten Seherinnen aller Zeiten."

(Patrick Catry über Adrienne von Speyr)

 

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"Es ging ihm um die Heilung der Augen des Herzens, um das Sehendwerden für das Eigentliche:

für Grund und Ziel der Welt und unseres Lebens, für den lebendigen Gott."

(Joseph Kardinal Ratzinger über Hans Urs von Balthasar)

 

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"Sehen Sie, Sie geben meinem Erleben immer einen so schönen Sinn;

Sie erfassen es so unendlich viel besser als ich,

und es ist mir so, dass Ihre Führung das Erlebte für mich sinn- und gnadenvoll gestaltet."

 

(3. April 1941, Nachlass VIII. 34)

 

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"Die grenzenlose Liebe, die ich in diesen Jahren zu Ignatius bekommen habe.

Für ihn gehe ich ins Feuer, für ihn trete ich gern aus seinem Orden aus,

wenn es ihm Spaß macht, d.h. wenn es in seinen Plänen zur größeren Ehre Gottes liegt."

(Sommer 1946, Nachlass IX. 197f.)

 

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"Das Ganze ist so peinlich."

(Nachlass IX. 252)

 

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"Die Absolutsetzung 'Inspiration' gegen äußeren Gehorsam ist unkirchlich."

(1. Juli 1948, Nachlass IX.465)

 

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"Das letzte Geheimnis der Sünde bleibt in Gott verborgen:

er hat die Welt geschaffen, in der es die Versuchung gibt."

(Unser Auftrag 165)

 

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"A. antwortet auf eine Frage:

Nein, die Therese Neumann habe ich nie angetroffen."

(1963, Nachlass III. 403)

 

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"Katharina Emmerich hat angeblich das Leben des Herrn in Visionen erlebt.

(...) Selbst wenn diese Visionen echt sind, sind sie großenteils steril.

Das meiste von dem, was gezeigt wird, ist ziemlich gleichgültig.

(...) So besteht der Verdacht, dass sie sich selbst in das Bild hineinprojeziert.

In der wahren Vison verliert man den Kontakt mit dem Alltag,

man wird in eine andere Wahrheit, die der Vision hinein, fortgerissen."

(Nachlass IV. 382)

 

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Ein Gespräch mit Hans Urs von Balthasar:

 

https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/hans-urs-von-balthasar-wuchtig-kantig-und-eigenwillig-art-189743

 

Eintragung ins Gästebuch des "New Afghan Restaurant“ an der Pir Baba Road

(Der Bericht wurde im Sommer 1996 geschrieben)

 


„Inschallah. Wenn Gott will, wird unsere Maschine um 8.52 Uhr in Peshawar landen!“, bekennt die Stimme aus dem Bordlautsprecher. Und wenn Gott nicht will? Der Ruf des Muezzin hatte die schlaflose Nacht beendet. In den nördlichen Gebirgsdörfern von Chitral erklingt er im vielstimmigen Widerhall ebenso wie auf den Monitoren in den schwülen Wartehallen des Flughafens von Karashi. Allah ist groß, und überall in der muslimischen Welt beugen sich vor ihm die Herzen. „Islam“ bedeutet Hingabe an den Willen Gottes. Die Rhythmen des Tages und der Woche, des Jahres und der Jahrzehnte sind auf ihn ausgerichtet. Der alte Mann auf der Landstraße nach Mingora wirft sich zum Gebet in den Staub. Neben seinem Haupt rollt die Karawane der schweren Trucks. Wenn Gott will, kommt er unter die Räder. Beim Nachmittagsgebet wird die Kreuzung zum Ort des Gebetes, denn die Moschee kann die Zahl der Frommen nicht fassen. Der Angestellte unterbricht höflich das Gespräch, entschuldigt sich und geht für fünf Minuten zum Mittagsgebet.

„Bismillahir rahmanir rahim!“ Im Namen Gottes, des gnädigen, des Barmherzigen! Mit der ersten Sure des Heiligen Koran werden die Gäste der PIA (Pakistan International Airlines) auf dem Inlandflug vom indischen Ozean zu den Ausläufern des Karakorum begrüßt. Pakistani tragen Gebetskäppchen, Pathanen einen Turban auf dem Kopf. Frauen sind züchtig verschleiert. Sie kehren von einer Hochzeitsfeier zurück, wie die hennarote Färbung von Fingerspitzen und Fußsohlen der jugendlichen Mütter und ihrer Kinder zeigt. Übermüdet quengeln die Kleinen. Gelassen kümmert sich der Vater um die Töchter seiner beiden, offensichtlich überforderten Frauen.

Im staubigen Dunst von Peshawar tauchen endlose Siedlungen aus Lehmhütten und Zelten auf. Aus der urbanen Sicht von Lahore und Islamabad gehört die Grenzstadt am Kabul-Fluß zum „Wilden Westen“ Pakistans. Nicht nur wegen der drei Millionen afghanischen Flüchtlinge, die hier zum Teil in der zweiten Generation leben. Vor ihrem Elend hat die Welt die Augen geschlossen. In Peshawar gibt es keinen Tourismus, und auch die Eroberer von Alexander dem Großen bis zur britischen Koloninalmacht haben kein dauerhaftes Reich errichten können. Bedeutende Heiligtümer aus buddhistischer, hinduistischer und muslimischer Tradition, britische Festungen und Bewässerungssysteme zeugen von der wechselvollen Geschichte. Über den Khyber-Paß ist Peshawar mit Afghanistan verbunden. Wichtiger noch sind die Pässe und Pfade über die hohen Berge nach Nuristan und in die Ebene von Ghazni.

 

 

Am Khyber-Pass

 

Die von den Engländern gezogene Grenze zwischen Indien und Afghanistan (1893) ist künstlich. Denn von Peshawar bis in den Süden zieht sich das alte Stammesgebiet (Tribal Areas) der Pathanen mit seinen über 15 Millionen Einwohnern. Ausländer dürfen es offiziell nicht betreten, Pakistani nur mit einer Einreisegenehmigung. Hier herrschen eigene, uralte Stammesgesetze und ein Ehrencode, den es unter allen Umständen zu verteidigen gilt: Gastfreundschaft (melmastia) und Sippenehre (nang), Vergeltung bei Streitigkeiten bis zur Blutrache (badal), aber auch die Pflicht, dem Gegner Gnade zu gewähren, wenn dieser Unterwerfung signalisiert (nanwatai). Pashto ist die Sprache dieser Stammesgebiete. In ihr haben Dichter wie Khushal Khan Khattak (1613-1689), Kriegerpoet der Pathanen, den geistigen und militärischen Widerstand gegen die persisch sprechenden Mogulherrscher formiert, und noch heute lebt hier der Traum vom Land Pashtunistan, in dem der Nordwesten Pakistans mit dem Osten Afghanistans vereint ist. Wie überall in der indomuslimischen Kultur ist das Englische gemeinsames Verständigungsmittel. In den Basaren der Nordwestprovinz trifft man aber auch afghanische Teppichhändler mit guten deutschen Sprachkenntnissen. Unter Mohammed Zahir Shah (1914-2007), dem letzten König von Afghanistan, herrschte ein reger bildungspolitischer Austausch zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Universität Kabul. Nach dem Einmarsch der Roten Armee wurden Kontakte zu ostdeutschen Universitäten (Jena) gepflegt.

Abid Zareef Khan ist Pathane, Leiter einer Privatschule und stolzer Besitzer eines 26 Jahre alten VW-Käfers. Vierspurig brandet der Verkehr durch die Stadt. Zwischen überladenen Bussen und buntbemalten Motor Rikshas trotten Eselkarren und Wasserbüffelgespanne. Man ruft sich zu, schreit, schimpft, lacht und flucht. Die linke Hand am Steuer, die rechte auf der Hupe. Überholt wird kreuz und quer wie auf dem Jahrmarkt. Die schwarzweiß gemusterten Halstücher der Männer, in der Mittagsglut zum Abtupfen des Schweißes oder Schneuzen der Nase benutzt, dienen jetzt in der Abenddämmerung als Atemschutz. Der Polizist am Straßenrand trägt eine Atemmaske. Ein apokalyptisches Szenario wie aus einem expressionistischen Gedicht. Der Feueratem des Dämons legt einen Schleier aus Staub und Abgasen über seine Braut. Durch die verschmutzten Scheiben des Wagens ist nur wenig zu sehen. Abid reißt das Steuer nach links, um einem Kameltreiber und seinen Tieren auszuweichen. Die Sonne ist untergegangen. Trotzdem fahren die meisten Fahrzeuge ohne Licht oder haben wenigstens die Rückleuchten ausgeschaltet. Man glaubt auf diese Weise die Energie der Autobatterie zu sparen. Ja, das sei sehr gefährlich, kommentiert Abid. Jeden Moment könne ein Unfall passieren - Inschallah. Bodenwellen sollen den schnellen Verkehr bremsen. Doch niemand drosselt das Tempo. Wenn der Wagen über sie springt, lacht Abid; „German car is good for jumping!“ Und er zeigt stolz auf die Mitte des Lenkrades mit den Symbolen „Wolf“ und „Burg“.

Zwei Engel wolle er mir vorstellen, hatte Abid gesagt. An der großen Straße Nummer 5 nach Jalalabad rasten die Truckfahrer, wenn sie den Khyber-Paß glücklich passiert haben. Das typische Restaurant besteht hier aus einem großen offenen Raum ohne Mobilar. Mit dem Verzehr einer Mahlzeit erwirbt sich der Gast zugleich das Recht, auf einer der nackten Holzpritschen übernachten zu dürfen. Fünfzig Fernfahrer liegen nebeneinander ausgestreckt, richten ihre Blicke auf einen Fernsehapparat und genießen den Frieden Allahas. „Salam aley kum!“ Morgen schon können sie auf der Fahrt nach Kabul zwischen die Fronten geraten. Gekocht wird vor dem Restaurant. Aus einem Topf schöpft der Wirt Reis und füllt ihn in eine Plastiktüte. Scharfgewürztes Fleisch gibt er auf ein Schälchen. Der Bäcker holt aus dem Feuerloch im Boden nacheinander sechs runde Fladenbrote. Sie sind Grundnahrungsmittel und ersetzen als Esshilfe den Gebrauch von Messer und Gabel.

 

 

 

Swat Valley

 

Straße und Basar gehören zur Welt des Mannes. Hier geschieht alles öffentlich: die fromme Bezeugung des Glaubens wie die Geschäfte des Geldwechslers, das Ausweiden der Schlachttiere und das Mahlen der Gewürze. Der Dentist kramt in alten Gebissen und sucht für seinen Kunden einen passenden Zahnersatz, der Messerverkäufer demonstriert an einem Eisenpfahl die Schärfe der Schneide aus russischem Raketenstahl. Am Straßenrand arbeitet der Friseur, und der Schuster flickt einen Koffer. Aus der Presse fließt der Saft des Zuckerrohrs, während nebenan drei Männer hocken und in den Abwasserkanal urinieren. Hinter dem Schleier und der Haustür verborgen liegt die Welt der Frau. Hier legt sie den Chaddar ab. Er bedeckt bei Bedarf ihr Haupt und das Gesicht. Den Ganzschleier des Burqa mit der vergitterten Öffnung für die Augen wirft sie in glücklichen Augenblicken als Liebeszelt über das Haupt des Geliebten. Die Frau des Teppichhändlers stillt den Säugling in Gegenwart des Gastes. Wer es sich leisten kann, setzt auf sein Haus eine Dachterrasse mit hohen Mauern, damit die Frauen und Töchter den Blicken der männlichen Öffentlichkeit entzogen im Freien wandeln können. Auch wir sind im inneren Bezirk angekommen. „Meine Engel!“, sagt Abid. Dass die beiden Lehrerinnen dem Orden der Benediktiner angehören, ist ihnen äußerlich nicht anzusehen. Durch päpstlichen Dispens ist es auch ihnen erlaubt, Schleier und Ordensgewand abzulegen. Christen in Afghanistan und Pakistan führen ein Leben im Verborgenen.

Abid verteilt das Essen und schenkt Cola ein. Für östliche Technik und westliche Konsumgüter gibt es keine kulturellen, nationalen oder religiösen Grenzen. Noch in den letzten Dörfern des Karakorum und des Hindukusch steht neben der Moschee eine Werbung für Pepsi-Cola, und der afghanische Geschäftsmann hält beim Überqueren der Straße in der einen Hand das Handy, in der anderen seine Frau in der blauen Burqa. In Pakistan herrscht striktes Alkoholverbot. Weder in den Duty-Free Läden der Flughäfen noch in den Bars der großen Hotels ist er erhältlich. Doch hinter dem Schleier sind nicht nur schöne Frauen verborgen. Plötzlich steht eine Flasche Whiskey auf dem Tisch. Auch Abids Engel sprechen ihm zu, allerdings nicht ohne vor der Mahlzeit nach katholischem Brauch gebetet zu haben.

Den Genuß von Alkohol hatte der Prophet Muhammed (570-632) untersagt, nicht aber das Rauchen von Drogen. Deshalb begrüßen uns die Sufis beim Schrein des Chishti-Mystikers Abdur Rachman (1653-1711) mit einem Klümpchen schwarzen Afghanen. Es ist Donnerstagnacht. Bald beginnt Juma, der islamische Feiertag. Grund, durch Tanz und Musik in den Gesang der unsichtbaren Welt der Engel (jinn) einzustimmen. Nicht nur Perlen und weibliche Anmut weiß der Islam durch einen Schleier vor unberufenen Blicken zu schützen. Sag’ es niemand, nur dem Weisen: Denn wer wird dem biederen Frommen in der Moschee verraten, dass auch Gesang und Tanz ein Gebet sind? Der Mullah pocht auf den arabischen Urtext des Koran, der Mystiker aber sieht das Geheimnis Gottes auch in der Mitte der Rosenblüte und im aufsteigenden Duft des cardamomgewürzten Tees. Das Sichtbare kann dem Weisen Gleichnis des Unsichtbaren werden. Der Unwissende sieht nur den breiten Graben zwischen der westlichen und indomuslimischen Kultur. Der Wissende aber hört hinter den verschleierten Gottesbräuten Judentum, Christentum und Islam das gleiche Herz der Gottessehnsucht schlagen.

 

„Wer könnte wohl den Menschen Glauben geben?
Er schenkt den Glauben jedem Gläubigen.
Wer könnt’ zum Himmel von der Erde steigen?
Die Möglichkeit dazu gab Jesu Er.
Wer könnte sich mit Gott wohl unterreden?
Doch damit hat Er Moses hoch geehrt.“

 

Wenn der letzte Schleier fällt, was bleibt anderes als die Liebe? Von ihr sang Abdur Rachman, den die Pathanen zärtlich Baba (Vater) nennen. Ihm gehören diese Nacht und der kommende Tag. Südwestlich von Peshawar, inmitten eines riesigen Gräberfeldes, liegt sein neu restaurierter Schrein. Die Straße zum Heiligtum gilt als äußerst gefährlich, denn sie führt durch eine Region, in der Mörder, entflohene Häftlinge und Diebesgesindel ihr Unwesen treiben. Jederzeit könnten sie uns auf den unbeleuchteten Straßen durch eine Straßensperre stoppen, kommentiert Abid.

 

 

 

 Eine Welt hinter dem Schleier

 

Ohne Gottes Willen erreicht niemand sein Ziel. Wer hier ankommt, kann kein Fremder sein, gleichgültig, welche Sprache er spricht und in welchem Winkel der Erde er geboren wurde. Gott ist einer, und diese Welt ist eine. Deshalb begrüßt uns der Wächter vor dem umzäunten Heiligtum als Freunde und führt uns über den dunklen Pfad dem Gesang entgegen.

 

„Vor Ihm wirft sich die Erde betend nieder,
Der Himmel beugt sich im Gebet vor ihm.
Anbetend steht vor Ihm der Baum im Walde,
Ein jedes Gras ist Zunge seine Lobes.
In Seinem Lobpreis sind beständig alle,
Ob’s Engel sind, ob Geister, ob der Mensch.
Sein Lob verkündet jeder Fisch im Wasser,
Im Hain singt jeder Vogel seinen Preis.“

 

Auf einem überdachten Platz in der Mitte des Gartens sitzt der alte Sänger. Er hält die Augen geschlossen, denn die zweizeiligen Pashtoverse (landay) des litaneiartigen Gesanges (qawwali) stehen in seiner Seele geschrieben. Die königsblaue Farbe von Umhang und Turban kennzeichnen seinen Rang. Drei Musikanten begleiten ihn mit Schlaginstrumenten: einer Art Bongo und einer umgedrehten Waschschüssel, der schwebende Rhythmen entlockt werden. Im Sprechgesang rezitiert der Alte Rachman Babas Gottespoesie, seine Schüler wiederholen die Worte im schöpferischen Widerhall. So wurden durch Jahrtausende die großen religiösen Dichtungen der Menschheit von den Upanischaden bis zum Enuma Elisch tradiert, so memorieren Pakistans Kinder noch heute die arabischen Suren, die Muhammed einst aus dem Mund des Engels Gabriel vernahm. Das gesprochene Wort weist über die inhaltlichen Aussagen hinaus. Religiöse Sprache ist Magie. Deshalb wird auch der Gast vom Gesang des Alten ergriffen. Seine Schüler umgeben ihn in Kreisen. Unter ihnen Gesichter mit auffällig heller Hautfarbe. Die Verwandtschaft mit den Völkern Nordeuropas wird in Pashtunistan gerne betont. Die Jungen begleiten den Meister mit rhythmischem Händeklatschen. Zuweilen blitzt der Griff eines Revolvers unter ihren Gewändern hervor. Pathanen sind Waffenliebhaber. In Bannu, Kohat und besonders in Darra Adam Khel baut der Büchsenmacher innerhalb einer Woche jedes gewünschte Objekt nach. Auf Holzpritschen in der Hütte nebenan ruhen die Alten. Auch hier in der Küche (langar), die nach altem Brauch jedem Gast offensteht, ist die Luft vom süßlichen Duft des Rauschgiftes geschwängert. Tee kreist. Der Fremde wird eingeladen, in den innersten Kreis zu treten. Er legt die rechte Hand auf die Brust und bekundet mit leicht angedeuteter Verbeugung seinen Dank für die Ehre.

 

„Im Namen meines Gottes will ich singen“

 

Jeden Tag rufe Rachman Baba seine Seele, bekennt der fünfundsiebzig Jahre alte Sänger Painda Khan. Solle er zwei Tage hintereinander nicht an diesem Ort erscheinen, mögen die Freunde zu ihm auf den Hof kommen, denn er sei dann gewiß bettlägerig. Da aber die Nähe eines Heiligen Gesundheit an Seele und Leib schenkt, war Painda Khan noch nie krank gewesen. Das Rad des Pfaus ist Symbol der Ganzheit, der Einheit in der Vielfalt der Farben und Formen. Muhammeds Pferd Buraq trug einen Pfauenschweif. „Pfau“ nannte sich ein Jünger Rachman Babas. Vor dem Betreten des umzäunten Grabes zieht der Besucher wie in einer Moschee die Schuhe aus und legt sie mit den Sohlen aneinander. Eine Almosenbüchse erinnert an die heilige Pflicht (zakat). Oben im hohen Baum über dem Grab wacht ein echter Pfau. Die Seele des Verstorbenen sei in ihm, heißt es.

 

 

Mädchen in Saidu-Sharif

 

In Saidu-Sharif (Swat-Tal), nordwestlich von Peshawar, wird Hochzeit gefeiert. Ob im Flugzeug oder Hotel: die Reste der Mahlzeit werden auf den Teppichboden geworfen. Dieses Hochzeitsbankett muß üppig und die Gesellschaft sehr zufrieden gewesen sein, wie die zahlreichen Speisereste auf dem Boden des Hotel Royal Palace signalisieren. Jetzt bewegen sich zwei Tänzerinnen lasziv im Kreis der Männer. Bleiben sie mit kreisenden Hüftbewegungen vor einem stehen, darf dieser mit Hilfe seiner Freunde einen Tanz „kaufen“. Aus dicken Bündeln lassen sie Geldscheine über dem Kopf der Frau regnen. Wenn diese Bereitschaft signalisiert, springt der Mann von seinem Sitzplatz auf. Die anderen begleiten das Geschehen mit schrillen Lustschreien und Klatschen. Allah ist ein sittenstrenger Gott. Doch hier bricht noch einmal uraltes Erbe hervor. Ischtar läßt die Männer tanzen, und der Bräutigam folgt ihren Reizen mit eindeutiger Bewegung des Unterleibes.

Die Pubertät fordert strikte Geschlechtertrennung. Das Mädchen verschwindet hinter dem Schleier. Anders als bei Kindern und Männern gilt das Photographieren von Frauen als obszön. Deshalb hat der Tanz im grellen Scheinwerferlicht der Videokamera einen besonderen Reiz. Die Inszenierung ist nicht ohne symbolische Funktion: Hier die Huren mit langem offenen Haar und nacktem Bauch, dort im separierten Raum die weiblichen Hochzeitsgäste mit der Jungfrau. Die Mädchen hatten meine Begleiterin in ihren Kreis gezogen, um sie der Braut vorzustellen. Alle sind neugierig, auch die Braut. Doch sie weiß, dass sie an diesem Tag schamvoll die Augen niederzuschlagen hat. Die Kontrastierung von Heiliger und Hure ist ein beliebtes Klischee des Unterhaltungsfilms. Der Mann steht im Konflikt zwischen einer züchtig im Burqa gekleideten Frau zu seiner Rechten und einer europäischen Frau, freizügig gekleidet, einer Flasche Bier in der Hand und einer Zigarette im Mundwinkel.

Einförmiger Sprechgesang dringt aus der Schule von Islampur. Die Jungen sitzen auf der Dachterrasse, andere werden auf freiem Feld unterrichtet. Der Lehrer schreibt an die Tafel: „The teachers are clever.“ Einige Jungen gehen nicht zur Schule. Sie arbeiten in den Webereien. Auffallend viele Mädchen laufen auf der Straße herum und betreuen ihre kleinen Geschwister. Gewiß, es gäbe auch eine Mädchenschule in Islampur, beruhigt uns der Weber. Beim Rundgang durch sein Dorf führt er uns in Handwerksbetriebe und signalisiert, wenn ein Blick tabu ist. Unvermittelt bleibt er stehen und deutet auf ein Gebäude. Dort liege die Mädchenschule. Deshalb sei hier für Männer der Weg zu Ende. Angesprochen auf seine familiären Verhältnisse, erzählt er von seiner zukünftigen Frau. In vier Wochen werde Hochzeit sein. Sein Vater habe die Braut ausgesucht. „Ist sie schön?“ Er lächelt. „Besitzt Du ein Photo von ihr?“ Erneut lächelt er. „Kennst Du Deine Braut?“ Jetzt antwortet der Weber. Ja, er habe sie einmal im Alter von vier Jahren gesehen. Dann zeigt er uns stolz den Rohbau der neuen Moschee, den seine Familie finanziert hat.

 

 

Lernen ohne Bücher, ohne Tafel und Kreide

 

Zwischen Moslems und Hindus gibt es auch nach der Unabhängigkeit Pakistans von Indien (14. August 1947) noch Spannungen. Unserem muslimischen Freund Mohammed wird der Eintritt in den Sikh-Tempel Gor Khati von Peshawar verweigert. Wir als Christen dagegen sind hier ebenso willkommen wie in der Mahabat Khan Moschee, wo dem Hindu als „Ungläubigen“ der Zutritt versagt bleibt. Das reiche buddhistische Erbe dieser Region wurde dank umfangreicher japanischer Hilfe restauriert und vor Dieben geschützt. In Shahbaz Garhi, so wird erzählt, lebten einst Buddha in der Gestalt des Prinzen Visvantaras und der weiße Elefant Chanaka Dheri, der die Fähigkeit des Regenmachens besaß. Hier sind die weltberühmten Edikte des buddhistischen Königs Ashoka (272-231 v.Chr.) in der alten Gandhara-Schrift Kharoshti in Stein gemeißelt, eine frühe Magna Carta des Humanismus. Sie fordern zu religiöser Toleranz, Achtsamkeit vor allem Lebendigen, Pilgertum und Armenfürsorge auf.

 

 

Im Restaurant bei Takht-i-Bahi

 

Unweit der Ashoka-Inschriften liegen Überreste des buddhistischen Klosterkomplexes von But-Kara und die Tempelanlage von Takht-i-Bahi, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Mohammed führt uns durch den Innenhof mit seinen 35 Stupas und über 30 Bodhisattva-Kapellen. Ein Arbeiter bietet kleine antik aufbereitete Buddhastatuen zum Verkauf an. Über den Hang steigen wir auf den Berggipfel. In der Ebene liegen die Lager von Peshawar und fern am Horizont Afghanistan, das Land, aus dem man flüchtet. Ein Vers von Khushhal Khan Khatak geht mir durch den Kopf: „Ich habe Hunde, Wölfe hier gesehen!“ Achtsamkeit vor dem Leben lautete Buddhas oberstes Gebot. Sie gilt auch dem Brudertier im zerbombten Zoo von Kabul: den von Schrapnell-Kugeln zerfetzten indischen Elefanten, dem Löwen, der durch die Explosion einer Handgranate erblindete und nun statt Fleisch Reis und Karotteneintopf zu fressen bekommt.

Von der Militärbasis in Peshawar hatten wir in vielen Nächten den Start von Flugzeugen verfolgen können. Es hieß, sie dienten der Versorgung der Taliban, jener verlorenen Generation von Kindern des heiligen Krieges (jehad), die nun nach der Macht griffen. Im amerikanischen Club von Peshawar, dem zentralen Treffpunkt von Vertretern der Hilfskommitees aus aller Welt, hieß es, Pakistan und die USA unterstützten sie. Pakistan trage die Hauptlast der Flüchtlinge und müsse daher ein Interesse an der baldigen Beendigung des Krieges haben. Die USA sähen in den Taliban als sunnitischen Muslimen einen Widerpart zum schiitischen Iran. Vor allen Dingen seien sie an den Bodenschätzen im Norden des Landes interessiert. Zudem gelte Afghanistan als eines der großen Drogenanbaugebiete (Vakhan) Asiens und als Kaderschmiede des Weltterrorismus. Ramzi Yusuf, der einen Terroranschlag auf das World Trade Centre in New York ausgeübt hatte, sei hier ausgebildet worden. Als ich Mohammed nach seiner Beurteilung der politischen Lage frage, zählt er die wechselnden Führer seit dem Einmarsch der Roten Armee (27. Dezember 1979) bis zum Sturz der Regierung von Burhanuddin Rabbani (27. September 1996) auf: Hafizullah Amin, Babrak Kamal, Najibullah, Rabbani, Mulla Muhammad Umar. Der 27. sei ein Schicksalstag in der blutigen Geschichte Afghanistans. Doch habe König Amanullah Khari am 27. Juli 1919 auch die Unabhängigkeit von den Briten erreicht. Mehr sagt er nicht.

Mohammeds Freunde wohnen im Universitätsviertel von Peshawar. Sie kommen aus Norwegen, der Schweiz, aus England oder Australien. Ihre Kinder besuchen die kleine internationale Schule. Vor das bewachte Grundstück dürfen sie keinen Schritt alleine gehen. Im Schlafzimmer der Kinder hängen Photographien von Koalas, Känguruhs und dem Münsterländer Jagdhund. Daneben ein Bild, das ihre Mutter mit dem Dalai Lama zeigt. Die Schüsse in der Nacht hören sie nicht mehr. Wenn ihre Mutter nach einem Einsatz in Afghanistan wiederkommt, ist sie von Wut, Trauer und Ohnmachtsgefühlen erfüllt. Im Kreis der Familie und der Freunde gewinnt sie neuen Mut. Für die Kinder sind die Tage, wo ihre Mutter jenseits der Grenze arbeitet, von großer innerer Anspannung. Die unzähligen Minen aus russischer Besatzungszeit sind noch nicht weggeräumt. Täglich fallen ihnen Afghanistans Kinder zum Opfer. Kann man die Sorge um das eigene Leben ablegen? Darf aus Liebe das Leben gewagt werden? Das Grenzland ist eine Schule des Lebens. Dass der Mensch inmitten einer heillosen Welt Freundschaft, Vertrauen, Liebe schenken und erfahren kann, wenn er in der Dunkelheit ein Licht anzündet, lernen die Kinder hier. Ihre Mutter erzählt von einem einsamen Spaziergang am Rande eines afghanischen Dorfes. Nach der Rückkehr habe ihr Fahrer, der auch für ihre Sicherheit verantwortlich ist, gesagt, sie sei soeben über ein Minenfeld gelaufen. „Aber keine Sorge. Sie explodieren nur bei Panzern!“

 

 

Gastfreundschaft in einem afghanischen Lager

 

Auch Mohammed vertraut man sein Leben bedingungslos an. Beim Abstieg vom Klosterberg von Takht-i-Bahai singt er fröhliche Lieder aus Badakhshan. Sadat fährt uns zum Fluß. Bei einer kleinen Bootsfahrt kühlen wir die staubigen Füße im Wasser. Vorbei geht die Fahrt an einem Lager. Die Kinder winken und rufen Mohammeds Namen. Seit fünfzehn Jahren wohnen Mitglieder seiner Familie hier. Seine Frau lebe noch in der Nähe von Nangarhar. Weiter oben am Fluß reinigt ein Bauer seinen Traktor. Anschließend füllt er den Wassertank, seift seinen Körper ein und wäscht sich die Haare. Kinder springen vom Rücken der Wasserbüffel ins erfrischende Naß. Mohammed knackt Mandeln zwischen seinen Zähnen. In der Bude am Ufer genießen wir den würzigen Fisch. Dann geht es über den Ambela und Buner Paß durch unwegsame Mondlandschaft wieder ins Gebirge. Wasserfälle haben weite Teile der Straße weggespült. Immer wieder setzt der Wagen auf. Mohammed klatscht beim Vorbeifahren einer Kuh auf den Rücken. Die wehrt sich mit den Hinterläufen und schlägt eine Beule in den Wagen. Sadat lacht.

Das Wesen des Heiligen ist Freundschaft, wie das Wort „wali“ andeutet. Es bedeutet zugleich „Heiliger“ und „Freund“. Deshalb suchen die Pilger bei einem Besuch des Grabmales (mazar) von Pir Baba den freundschaftlichen Zuspruch und konkrete Hilfe bei körperlichen Gebrechen und Unfruchtbarkeit. Wie „Baba“ ist auch „Pir“ (der Alte) Ehrentitel eines Sufiheiligen. Sayyid Ali Shah von Tarmez, genannt Pir Baba, ist Nachkomme des Propheten und zugleich Pashtunistans größter Heiliger. Der aufsteigende Pfad zu seinem Schrein führt an Verkaufsständen mit allerlei Trödelkram vorbei. Unten im Bach wird ein Kleintransporter gereinigt. Anschließend wirbt der Fahrer durch vielstimmiges Hupkonzert um Kunden. Wir haben die Schuhe abgelegt, Füße, Arme und Gesicht bei der großen Waschanlage im Zentrum der Moschee gereinigt. Mohammed verabschiedet sich zum Gebet. Ohne Opferbereitschaft gibt es keine Annäherung an das Heilige. So schreibt das Ritual den Tausch von Scheinen in Opfermünzen vor. Wir erhalten zwei Säckchen voller Münzen. Hinter dem Geldwechsler öffnet sich unter einem Torbogen der letzte Aufstieg zum Schrein des Pir Baba.

Auf einer überdachten Mauer sitzen Bettler mit leprös verkrüppelten Gliedmaßen und entstellten Gesichtszügen. Einige fordern lautstark das Geldopfer ein, andere blicken den Fremden demutsvoll an. Zur rechten des Pilgerpfades befinden sich kleine Verkaufsstände mit Parfümfläschchen und pulverisierter Holzkohle, die, als Lidstrich verwendet, Zeichen der Pilgerschaft ist. Wir geben reichlich, doch einige schreien: „Gib mehr!“ Besorgt richtet sich der Blick nach oben. Werden die Almosen für den Rückweg reichen? Das Heiligtum besteht aus einem weiten, beinahe leeren Raum. Ein Bild der Sammlung und des Friedens. Mütter mit ihren Kindern haben sich auf dem blanken Fußboden niedergelassen. In der Mitte des hohen Raumes, von einem Gitterzaun geschützt, stehen die Schreine von Pir Baba und seinem Sohn. Einzeln treten die Pilger hier ein. Väter heben ihre Söhne hoch, damit sie den Schrein des Heiligen küssen können. Über dem Grabmahl hängt ein Bild von dem zentralen Heiligtum der Muslime, der Kaaba. Die Wallfahrt (hadsch) nach Mekka gehört zu den heiligen Pflichten des Muslim. Dem Wissenden aber deutet das Bild ein Geheimnis an: Auch hier ist Mekka, und die Kaaba liegt in jedem Herzen, das sich zu Gott bekehrt. Ein Pilger verteilt rosagefärbtes Fettgebäck. Süß ist der Friede Allahs. Dann folgt der Abstieg an den Krüppeln vorbei. „Gib mehr!“ rufen sie. Das Geld ist ausgegangen. Der Geldwechsler nimmt ein winziges Holzstäbchen und will mir das Zeichen der Pilgerschaft auftragen. Erst beuge ich mich vor, zucke aber bei der ersten Berührung meines rechten Augenlides zurück.

Auf der Rückfahrt machen wir Rast bei Adul‘rahim im „New Afghan Restaurant“ an der Pir Baba Road. Der Wirt reicht mir das Gästebuch und bittet mich, meine Adresse einzutragen und ein Photo von ihm zu machen. Was ich ihm schulde, frage ich den Wirt. Nichts, sagt Abdul‘rahim und legt die rechte Hand auf seine Brust. „Salaam alay kum!“ sage ich zum Abschied. „Waalay kum as salaam! Nächstes Jahr in Afghanistan!“ entgegnet er und nimmt mich in die Arme. Inschallah!

 

 

 

Hinweis: Ich danke Annemarie Schimmel für die Erlaubnis, aus ihrem Werk „Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker“ (1987) zu zitieren.

 

 

 

„Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Agnes Miegel

 

Die junge Agnes Miegel (1879-1964)

(Photo: Gottheil und Sohn Königsberg)

 

 

 

Helene Miegel (1858-1913), die Mutter der Dichterin, war mit sechs Jahren Vollwaise. Ihr Bruder nahm sich das Leben. Im Alter von 18 Jahren hatte sie als Rotkäppchen verkleidet den Silvesterball der Königsberger Kaufmannschaft besucht und hier ihren späteren Mann kennengelernt. Gustav Adolf Miegel (1838-1917) war zwanzig Jahre älter als sie. Agnes blieb ihr einziges Kind, nachdem ihr jüngerer Bruder bei der Geburt gestorben war.

Nach Abschluss einer Königsberger „Höheren Mädchenschule“ besuchte Agnes Miegel ein Mädchenpensionat in Weimar. Hier wurde ihr bewußt, dass sie ihr Leben nicht nach dem klassischen Rollenmuster der Zeit verbringen wollte. Sie suchte nicht die Versorgung durch eine Ehe, sondern die geistige Unabhängigkeit als Dichterin.

Der erste Gedichtband der 22-jährigen Agnes Miegel erscheint unter dem schlichten Titel „Gedichte“ (1901) im Cotta Verlag. Er wird durch ein Widmungsgedicht („Eva“) an eine jung verstorbene Freundin und die Klage der Liebesgöttin Venus („Die Statue“) eröffnet. Das produktive Erlebnis der schöpferischen Verwandlung von Schmerzes in Schönheit, versteht die junge Dichterin als „Wunder“ der Sprache. Diese Gabe des dichterischen Wortes mit seiner therapeutischen Kraft entdeckt bereits die Schülerin, als sie ein erstes Gedicht auf die verstorbene Freundin wie im Diktat empfängt. In der kleinen Skizze „Meine ersten Verse“ vergleicht die leidenschaftliche Tänzerin („Mädchenlied“, „Liebe“, „Das Tanzlied der Margarete von Valois“) das Schreiben mit der Leichtigkeit tänzerischer Bewegung:

„Oh, wie die Feder über das Papier lief! Wie sie tanzte zwischen blauem Tintenfaß und blauen Linien! Es war wie ein Zauber. Man war immer noch voll Trauer und Sehnsucht, gewiß, aber da war eine Freude, eine Freude, strahlender als Sonne, glühend in der eigenen kleinen Brust, wie Wort auf Wort sich formte, diese Sehnsucht zu sagen.“

Agnes Miegels dichterischer Impuls entzündete sich in der Berührung durch Frauenschicksale und Frauengestalten. Weit entfernt von Erbaulichkeit und romantischen Gefühlen offenbart sich in den Gedichten eine bedingungslose Hingabe an Leben und Liebe. Dabei erkundet sie mit feministischem Spürsinn Möglichkeiten eines radikal gelebten Frauenlebens in der Jahrhundertwende. Wohl deshalb empörte sich Peter Harden, ein früher Kritiker, über diese feministische Ästhetik: „Agnes Miegel jedoch stellt den weiblichen Körper aufs Piedestal, begeistert sich für seine sinnliche Schönheit“.

Noch heute wirken viele Gedichte kühn, wie etwa die Identifikation mit der Liebesgöttin der alten Sumerer („Wie Ischtar“):

 

„Leben - nimm mich selber hin, -
Ich habe nichts als mich nur hinzugeben, -
Mehr gab dir Ischtar selbst, die Göttin, nicht,
Da sie den Weg betrat, den niemand mehr
Jemals zurückgeht.“

 

Wie Agnes Miegel im Kontext der Frauenbewegung der Jahrhundertwende wahrgenommen wurde zeigt eine Würdigung in den „Sozialistischen Monatsheften - Internationale Revue des Sozialismus“ (Juni 1904). Ihr Autor Arthur Schulz (1878-1917) stammte aus der Memelniederung, studierte in Königsberg Rechts- und Staatswissenschaft, durfte aber wegen seiner sozialdemokratischen Tätigkeit das Referendariat in Ostpreußen nicht absolvieren. Schulz stellt Agnes Miegel ebenbürtig neben Stefan George und Hugo von Hofmannsthal und nennt sie „die begabteste Dichterin der jüngsten Generation“. Ihre Gedichte seien „nach Inhalt und Form unschätzbare Dokumente eines weiblichen und höchstpersönlichen Liebesgefühls“, das weit über allen Subjektivismus hinaus ins Überpersönliche verweist „wie hinübergerettete Klänge aus den eleusinischen Mysterien, die Stimmen des ungeborenen Lebens, das aus der innersten Tiefe des weiblichen Wesens zum Lichte der Sonne hindrängt“. Auch das Thema ihrer Balladen handele „zum grösseren Teil von dem seelischen Erleben und Erleiden der Frauen.“ „Das Leitmotiv all dieser Balladen ist eine gegen die Gitter und Schranken des grauen Daseins stürmisch andrängende Sehnsucht nach Schönheit, Grösse und Lebensfreude. Über ihre Verse liegt eine im Sinne Nietzsches dionysische Grundstimmung, wie trunkenes Sonnenlicht, gebreitet.“

Börries von Münchhausen (1874-1945) rühmte sich als Entdecker der jungen Dichterin. Er hatte erste Gedichte in seinem Göttinger Musenalmanch (1898) veröffentlicht und ohne ihr Einverständnis redigiert. Als Agnes Miegel ein Jahr später nach Berlin zieht, um hier am Kaiser-Friedrich-Krankenhaus eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu beginnen, kommt es zu einer Affäre. Bald entdeckt sie, dass Börries von Münchhausen weitere Beziehung zu Frauen und zu ihrer Freundin Lulu von Strauß und Torney hat.

„Wie ihr zusammen gewesen seid, weiß ich nicht“, schreibt Agnes Miegel an Lulu, um dann im Brief vom 19. März 1902 ein Bekenntnis abzulegen, das sie in vielen Variationen wiederholen wird: „Ich liebe die Menschen. Aber ich liebe die Frauen mehr. Darum lieben sie mich auch.“

Die Affäre zwischen Lulu und Börries war ebenfalls kurz gewesen und endete in einem unüberbietbaren Zynismus des Freiherrn, der am 21. Februar 1902 an Lulu schrieb:

„Bis jetzt haben Sie manches vom geschlechtslosen trockenen Jüngferchen an sich gehabt, und die Enge des Lebens hatte ihren 28 Jahren die Altjüngferlichkeit von 38 gegeben. Von jetzt ab sind Sie aber - neben der Freundin - auch ein Weib für mich. Ein Weib, eins von den Weibern, den vielen, die ich geküsst und umarmt habe. Glauben Sie mir: Es ist - auch vom Hofstandpunkt! - keine schlechte Gesellschaft!“

Diese Erfahrungen stürzen Agnes Miegel eine tiefe Krise. Will, kann sie überhaupt Männer lieben? Will sie eine Familie und Kinder haben? Kinderwunsch und heterosexuelle Beziehung sind damals noch nicht zu trennen, ein Kind adoptieren kann eine alleinstehende Frau nicht, bedauert Agnes Miegel: „Weißt Du, es ist eigentlich gemein, daß ein selbständiges weibliches Wesen kein Kind haben darf.“ (Brief vom 19. Juli 1902 an Lulu)

Im Herbst 1902 folgt Agnes Miegel ihrer Freundin Lise Marczinowski nach England, wo sie für einige Monate im Boarding House der Clifton High School junge Engländerinnen betreuen. Organisiert werden diese pädagogischen Einsätze von Helene Adelmann (1842-1915), einer bedeutenden Gestalt der deutschen Frauenbewegung. Mit ihrem Buch „Ratschläge für deutsche Erzieherinnen in England“ (1895) und durch die Gründung eines Vereins in London bereitet sie die jungen Lehrerinnen gewissenhaft auf ihren Einsatz vor. Im Heim der deutschen Lehrerinnen in London besucht Agnes Miegel Kurse bei Helene Adelmann und Magdalene Gaudian und geht damit die Verpflichtung ein, nach der Rückkehr das deutsche Lehrerexamen nachzuholen.

In Clifton nimmt sie Abschied von allen Kinderwünschen. Sie schreibt an Lulu (20. November 1902):

„Gesund bin ich unberufen sehr, und wenn es mir möglich wäre, ein Neutrum zu werden und nicht alle 4 Wochen daran erinnert zu werden, daß ich schwächeren Geschlechtes bin, so wäre ich perfectly happy. (…) Ich versteh nicht wie ich mir mal Kinder wünschen konnte - es ist zu unästhetisch, die Schmerzen gehen ja vorbei - aber neun Monate sich zum horreur - oder mit Schiller zu reden, mir nicht zur Freude, anderen zum Schrecken, herumgehn, nachher ein Junges werfen und zuletzt alt und faltig herumzupilgern und Windeln zu waschen - all das könnte ich nicht mehr, und schon der Gedanke daran könnte mich vom Heiraten auch des Erzengels Michael abbringen. Obwohl man eigentlich annehmen könnte, daß einem Erzengel sowohl solche Gedanken als auch die nun wie soll ich sagen: Werkzeuge, dazu abgehen.“

In dieser Zeit der Rollenfindung entdeckt sie Hermann Hesses Erstlingswerk „Romantische Lieder“ (1898). Sie spiegeln eine ambivalente Stimmung von Liebesverlangen und Einsamkeit, Heimweh und Todessehnsucht. Agnes Miegel bedankt sich für die „wundervollen Heimwehverse“ (26. Januar 1903) einer verwandten Seele. So beginnt ein Briefwechsel voller Fürsorge. Hesse erzählt von seinem baltischen Großvater, Landarzt in Paide/Estland und Gründer eines Waisenhauses und rückt damit seine Biographie in Nachbarschaft zu Ostpreußen. Doch Agnes Miegel klärt selbstbewusst die Beziehungsebene: „Ich freue mich eines äußerst gesunden Appetits und bin, was für eine versemachende Weiblichkeit ja beinah bedauerlich ist, ausgesprochen rundlich“, schreibt sie (8. Februar 1903). „Daß Sie vergnügt sind oder sein können, wäre mir sehr tröstlich zu hören; denn ich hatte ordentlich Bange für Sie, ich bin so gern vergnügt.“

Aus England schickt sie ihm im Februar 1903 ihre „Gedichte“ mit einem Widmungsgedicht, in dem sie ihre Seelenlage im Bild der verwelkenden Rose offenbart:

 

„Staub, Kinder, Lärm und Bettelnot
Und Pferdetrott und Sonnenbrand,
Und auf des schmutzgen Pflasters Rand
Lag halbverwelkt ein Röslein rot.

Gepflückt an ferner Gartenwand
Im Morgenschein, als Sommerzier,
Und starb nun arm und elend hier,
Im Großstadtstaub, am Straßenrand.“

 

Agnes Miegel und Hermann Hesse werden sich nie persönlich begegnen. Doch wird ihre Freundschaft über sechzig Jahre währen. Aus England zurückgekehrt will Agnes Miegel in Berlin das Lehrerinnenexamen ablegen (April 1904). Schwere gesundheitliche Probleme plagen sie. Sie glaubt zu erkennen, dass sie für den Lehrberuf nicht geschaffen ist. Ohne Abschluss kehrt sie in die elterliche Wohnung nach Königsberg zurück. Im April 1906 besucht sie die „Maidenschule zur landwirtschaftlichen Ausbildung“, eine wirtschaftliche Frauenschule in München-Geiselgasteig und wird auch diese Ausbildung nicht abschließen. Im Herbst 1906 kehrt sie für immer nach Königsberg zurück. Die Eltern brauchen ihre Hilfe.

Die zweite Geburt hatte bei Helene Miegel einen schweren manisch-depressiven Schub ausgelöst. Er kehrte in Steigerungen periodisch wieder. Agnes Miegel verzichtete auf berufliche Selbständigkeit und begibt sich wieder in die Abhängigkeit von den Eltern, um ihre Mutter in häuslicher Pflege begleiten zu können. Helene Miegel starb in geistiger Umnachtung in der Provinzial-Heil-und-Pflegeanstalt Kortau. Nach dem Tod der Mutter beugt sich Agnes Miegel, selbst seit früher Kindheit immer wieder von schwerer Krankheit aus der Bahn geworfen, den Rollenerwartungen und betreut über viele Jahre ihren pflegebedürftigen erblindeten Vater. Erst nach seinem Tod wird sie frei für ein selbstbestimmtes Leben an der Seite einer Frau.

Elise Schmidt (1896-1972) zieht in ihre Königsberger Wohnung. Die junge Frau stammt von der Küste des Baltischen Meeres, die Agnes Miegel wie die Kurische Nehrung seit früher Kindheit liebte und oft besuchte. In der Zeit des Einzugs der Lebensgefährtin schrieb sie das berühmte Gedicht über das Ostseebad „Cranz“. Ein Bild weiblicher Geborgenheit („im warmen Schoß“) voller Lebensfreude unter Frauen („Meeres Töchter“):

 

„An dieser Bucht hab ich als Kind gespielt,
Der Sand war sonndurchglüht und weich und warm.
Geborgen wie in einer Greisin Arm
Lag ich am Hang der Düne.

Drunten hielt
Schnaubend der Brandung schäumendes Gespann.
Auf flockig weiße Mähnen schien das Licht.
Und manchmal sahn, mit triefendem Gesicht
Grünäugig mich des Meeres Töchter an,
Und warfen Muscheln an den Strand und Tang
Und duckten jäh mit schrillem Möwenschrei.
Der feuchte Seewind strich an mir vorbei.
Ich aber lag geborgen an dem Hang
Der weißen Düne. In den Sand gekrallt
So wie ein Kätzchen liegt im warmen Schoß.
Und wohlig blinzelnd und gedankenlos
Spürt ich, sie wacht:
heilig, vertraut, uralt.“

 


Fast 46 Jahre wird diese glückliche Partnerschaft dauernd. 1955 wird Agnes Miegel ihre Freundin adoptieren, was damals wohl der einzige Weg einer juristisch legitimierten gleichgeschlechtlichen Beziehung war.

An der Seite ihrer Frau fühlt sich Agnes Miegel zu neuer dichterischer und journalistischer Arbeit befreit. Es folgen Jahre hoher Produktivität und zahlreicher Anerkennungen. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu Kants 200. Geburtstag wurde Agnes Miegel Ehrendoktorin der Albertina. Die Verleihung der philosophischen Ehrendoktorwürde an eine Frau, die zudem weder Abitur noch Studium vorzuweisen hatte, war eine ungewöhnliche Auszeichnung. Anlässlich des 50. Geburtstages am 9. März 1929 erhält sie das freie Wohnrecht in einer neuen, größeren Wohnung.

Nach der Machtergreifung arrangiert sich Agnes Miegel aus geopolitischen Gründen mit den Nationalsozialisten. Als Folge des Versailler Vertrages sind Königsberg und Ostpreußen vom Deutschen Reich durch einen Korridor getrennt. Dieses Lebensgefühl der Isolation wird durch die unmittelbare Grenze und das durchaus berechtigte Gefühl der Bedrohung durch die Sowjetunion mit ihren System der stalinistischen Lager gesteigert. Spät, im zweiten Kriegsjahr 1940 und nach der Besetzung des Baltikums durch die Rote Armee, tritt sie in die Partei ein. Wie Anna Achmatova wird sie das Requiem dieser apokalyptischen Zeit dichten („Abschied von Königsberg“, „Wagen an Wagen“, „Zum Gedächtnis der Tiere“).

In den Nächten vom 26./27. und 29./30. August 1944 wird Königsberg durch britische Bomber in ein Flammenmeer verwandelt. Ende Oktober ziehen endlose Flüchtlingstrecks durch die Stadt. Die Angst vor den Russen ist mehr als berechtigt wie die Eroberung Königsbergs durch Stalins Armee zeigen wird. Sie hat auch die Menschen in Schweden ergriffen. Am 6. Februar 1944 notiert Astrid Lindgren in ihr Tagebuch: „Die Russen sind nun beinahe bis zur estnischen Grenze vorgedrungen und die Esten fliehen in Scharen. Nach Finnland und Schweden. Viele kommen in kleinen Booten auf Gotland an. Alles lieber, als den Russen in die Hände zu fallen.“ (Lindgren 367)

„Alle Leute sind wie vom Fieber geschüttelt, aus Angst vor Russen, Abwandern, martervoll Sterben. Alles packt und schleppt, - selbst in ruhigsten Friedenszeiten könnte die Bahn so viel Gepäck in Monaten nicht bewältigen - jetzt verstopft es die Bahnsteige, die Hallen - und hindert alles - Es ist wie eine Massenpsychose, Gott bewahre einen, da rein zu geraten“, schreibt Agnes Miegel am 30. Oktober 1944 an Ina Seidel.

Am 26. Januar 1945 beginnt die Beschießung der Stadt. Am 27. Februar werden Teile der Bevölkerung evakuiert, unter ihnen Agnes Miegel und ihre Lebengefährtin. Für zwei Jahre finden sie Aufnahme in dem dänischen Flüchtlingslager Oksbøl. Dann ziehen sie nach Niedersachsen. Hier beziehen Agnes Miegel und Elise Schmidt die untere Etage eines Haus in Bad Nenndorf. 17 Jahre liegen zwischen den Lebensaltern der Frauen als die nächste Generation in ihr Leben tritt. Heimgart von Hingst (1922-1978) arbeitet als Schulsekretärin und wird nach Agnes Miegels Tod den Nachlass betreuen und ins Deutsche Literaturarchiv Marbach überführen.

In einem Verfahren vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss Hannover wird Agnes Miegel am 12. Februar 1949 freigesprochen. Noch lange über ihren Tod hinaus wurde sie besonders von Frauen viel gelesen. Agnes Miegels Werk erhält zahlreiche Auszeichnungen. Politiker wie Theodor Heuss oder Willy Brandt lassen sich gerne neben ihr ablichten. 1979 ehrt die Bundespost ihr Gedenken durch eine Briefmarke.

35 Jahre später beginnt eine Demontage, die Formen des Rufmordes und der Auslöschung der Erinnerung („damnatio memoriae“) annimmt. Dabei wurde besonders betont, dass Agnes Miegels Name auf der Liste jener Künstlerinnen und Künstler stand, die als unabkömmlich galten und deshalb von Kriegs- und Arbeitsdienst freigestellt wurden. Diese Liste der sogenannten „Gottbegnadeten“ (BArch R 55/20252a) ist öffentlich zugänglich. Sie nennt 1200 Personen, 30 Orchester und Kapellen, drei Chöre und vier Quartette.

Hier finden sich Namen von deutschen Künstlerinnen und Künstlern wie: Hans Carossa, Gerhardt Hauptmann, Richard Strauss, Carl Orff, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Hans Knappersbusch, Walter Gieseking, Wilhelm Kempff, Lina Carstens, Paula Wessely, Willy Birgel, Beppo Brem, O.W. Fischer, Willy Fritsch, Gustav Fröhlich, Gustav Knuth, Viktor de Kowa, Theo Lingen, Bernhard Minetti oder Heinz Rühmann.

 

 

Es ist daher Luise F. Puschs Urteil über Agnes Miegel entschieden zuzustimmen:

„Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.
 
Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.“

 

Agnes Miegel und ihr Werk ist es inzwischen still geworden. Eine Zeit des Vergessens schadet wahrer Dichtung niemals. Denn Miegels Gedichte liegen wie Perlen im Meer des kulturellen Gedächtnis’. Das Wahre, das Gute und Schöne ist unzerstörbar. Franz Lennartz nannte Agnes Miegel „die größte deutsche Balladendichterin seit der Droste-Hülshoff“ (Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts 1984) und Karl Ernst Knodt, ein früher Kritiker, sagte im altväterlichen Stil: „Der alte Fontane hätte an diesem Preussenmädchen seine besondere Freude haben müssen.“

 

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Literatur und Quellen

Werke (Auswahl)

Agnes Miegel. Gesammelte Werke. Band I-VI. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1952ff.

Agnes Miegel. Ostland. Gedichte. Diederichs Verlag. Jena 1940.


Agnes Miegel. Mein Bernsteinland und meine Stadt. Gräfe und Unzer Verlag. Königsberg 1944.

Agnes Miegel. Du aber bleibst in mir. Flüchtlingsgedichte. Hameln 1949.


Agnes Miegel. Alt-Königsberger Geschichten. Eingeleitet von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1981.

Agnes Miegel. Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. von Anni Piorreck. Diederichs Verlag. Düsseldorf/Köln 1979.

 

Weiterführende Literatur (Auswahl)


Martin Kakies. Elche zwischen Meer und Memel. Hugo Bermühler Verlag. Berlin 1936.


Marianne Kopp. Agnes Miegel. Untersuchungen zur dichterischen Wirklichkeit in ihrem Werk. München 1988. (=Dissertation)

Marianne Kopp. Als ich nach Weimar in die Pension kam… Aus Briefen und Erinnerungen von Agnes Miegel über ihre Zeit im Mädchenpensionat 1894 bis 1896. Jahresgabe der Agnes-Miegel-Gesellschaft 2013-2015.


Marianne Kopp. Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung. Agnes Miegel an Lulu von Strauß und Torney. Briefe 1901 bis 1922. Maro Verlag. Augsburg 2009.

Marianne Kopp. Abschied von Königsberg. Zerstörung Königsbergs, Flucht, Flüchtlingsleben und Neubeginn. Agnes Miegels Lebensweg 1944-1953 dokumentiert in privaten Briefen. Jahresgabe 2017/2018 der Agnes-Miegel-Gesellschaft.

Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Berlin 2015.

Jürgen Manthey. Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Hanser Verlag. München 2005.


Wilhelm Sahm. Geschichte der Pest in Ostpreußen. Leipzig 1905.
 

Uwe Wolff. Agnes Miegel lesen in der Quarantäne. Arnshaugk 2020.

 

 

 

 

 

 

 

Gedanken und Erfahrungen beim Ordnen meiner Bibliothek

 

 

 

Dieses Geschenk von Robert Gernhardt (1987) für meinen Sohn Jaakob habe ich nicht entsorgt!

 

 

Die stillen Tage nach der Jahreswende verbringe ich gerne in meiner Bibliothek. Alle Jahre wieder versuche ich die Bestände zu entstauben, zu ordnen und auf einen Kernbestand der mir wirklich wichtigen Bücher zu reduzieren. Bisher verlief dieses Unternehmen stets unbefriedigend. „Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde“, klagte Kohelet (12.12), voller Selbstironie, nachdem er sein eigenes Buch vollendet hatte. Das Weisheitsbuch der Bibel gehört zur Weltliteratur. Dagegen haben die meisten Bücher aus meinen Beständen bereits nach wenigen Jahren ihren Glanz verloren. Mit dem Zeitgeist, der sie hervorgebracht hat, ist auch ihr Geist erloschen. Nur welche Bücher sind wichtig, welche sind nichtig?

 

Tobias Blumenberg hat in seinem Ratgeber „Der Lesebegleiter“ Vorschläge für den Kernbestand einer Bibliothek gemacht. Der Lieblingssohn des Philosophen Hans Blumenberg gilt seitdem als „Deutschlands belesenster Zahnarzt“. Die hohen Summen, die einige seiner Kollegen gerne in Aktien, Gold und Immobilien anlegen, investierte Blumenberg in den Erwerb einer Bibliothek von über 30000 Büchern. Sie standen im ehemaligen Ravensburger Blumenberg-Archiv in Bücherregalen bis zur Zimmerdecke, umlagerten in stabil errichteten Stapeln den Schreibtisch des Philosophen, füllten Garderobe und Garage, den Fitnessraum im Keller und die Sauna. Dann kam ein Umzug, den jeder Bücherfreund fürchtet.

 

Bei meinem letzten Umzug in das Haus am Waldrand hatte ich die Chance verpasst, die Bestände zu reduzieren. Sie füllten Haus, Dach, Keller und ein kleines rotes Gartenhaus mit Kaminofen. Die Kinder nannten es „Engelhaus“, weil ich hier viele meine Bücher schrieb. Die Bücherflut hatte ganz unerwartet mit Buchbesprechungen für die Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ begonnen. In der Folge bekam ich viele Freiexemplare zugeschickt. Unübersichtlich wurde es erst, als mir die gesamte Taschenbuchproduktion für meine Kolumne mit Buch-Tipps ins Haus geliefert wurde. Ich errichtete immer neue Regale für neue Bücher. Schließlich standen sie über das ganze Haus verteilt in Zweierreihen. Als ich einsah, dass ich den größten Teil meiner Sammlung niemals werde lesen können, war es zu spät. Wohin mit den Büchern?

 

Die Antiquare lächelten milde, als ich ihnen einen der zahlreichen Reprints des Zweitausendundeins Verlages anbot. Alle hatten die vielbändige Zeitschrift „Die Fackel“ von Karl Krauss gekauft. Keiner hatte darin gelesen. Die Universitätsbibliothek Hildesheim nahm mir einige hundert wissenschaftlicher Bücher ab. Allerdings nur unter der Voraussetzung, rigoros ausmisten zu dürfen. So lautete auch die Vorgabe der Dombibliothek. Nur Schwester Monica vom Kloster Marienrode erbarmte sich meiner. Sie betrieb ein kleines Antiquariat mit großer Willkommenskultur. Doch nach einer vierten Kofferraumladung mit zwei Metern Eugen Drewermann, einem Meter Hans Küng und 82 Büchern von Anselm Grün musste auch sie freundlich sagen: „Jetzt machen wir erst einmal eine Pause!“

 

Dennoch fuhr ich aus dem Kloster bereichert nach Hause. In einem Büchermagazin hatte sich ein Wasserrohrbruch ereignet und die Kirchenväter überflutet. Nun saß ein stiller Büßer mit Mund-Nasen-Schutz über den in Leder gebundenen Bänden des Heiligen Augustin und behandelte die Einbände mit Ethanol. Bücher lieben es warm und trocken. Das hatte ich nicht berücksichtigt, als ich mit Karl Barth, Søren Kierkegaard und Martin Luther die gesamte moderne protestantische Theologie in den Keller ausgelagert hatte. Nun wusste ich Rat dank Schwester Monica und kaufte mir in der Glückauf-Apotheke ein Fläschchen reinen Alkohol.

 

Im Laufe der vergangenen Jahreswechsel hatte ich mich von gut der Hälfte meiner Bestände getrennt und einige Male den großen gefräßigen Papiercontainer bis zum Rand mit vergilbten und schäbig aussehenden Taschenbüchern von Heinrich Böll, Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser und vielen anderen modernen Autoren gefüllt. Wie schnell war die Zeit selbst über Nobelpreisträger hinweggegangen! Nun besaß ich nur noch gebundene Ausgaben. Doch allen Versuchen, die Bestände auf das Wesentliche zu reduzieren, steht das Leben des Lesers entgegen. Selbst bei streng eingehaltener Askese kommen immer wieder neue Bücher ins Haus und schaffen Platzprobleme. Was tun, wenn die Regale im Laufe des Jahres wieder überquellen? Der Philosoph und Anglist Ulrich Horstmann verriet mir ein Geheimnis: Für jedes Buch, dass er neu erworben habe und behalten wolle, müsse ein anderes aus seiner Sammlung weichen. Gute Idee. Aber welches Buch soll es sein?

 

Für mich gibt es alle Jahre wieder nur eine Lösung: Ohne viel Federlesens trenne ich mich von Büchern. Längst habe ich mich von der Illusion befreit, ich fände jemanden, dem ich sie schenken könnte. Bei Hanns-Josef Ortheil im Institut für Literaturwissenschaft und Literarisches Schreiben habe ich früher viele Bücher und Bildbände ausgelegt und bekam nur Ärger mit dem Hausmeister. Die Bücherbasare der Kirchen lehnen jede Annahme von neuen Lieferungen ab.

 

Nun gut, ich könnte Bücher über medimops oder booklooker verhökern. Aber ich habe keine Krämerseele. Im Ort haben wir eine alte rote britische Telephonzelle, die zum Bücherschrank umgebaut wurde. Aber mir geht es nicht mehr um ein gutes Werk oder einen würdigen neuen Besitzer meiner nie gelesenen Bücher. Ich will mich einfach trennen von Werken, die ich einst sammelte, weil ich glaubte, ich werde sie eines Tages lesen. Einige haben vierzig Jahre auf mich gewartet. Ich hatte immer etwas Besseres zu tun, als sie aufzuschlagen. Also, ab in die Bücherschränke!

 

Kaum habe ich die Bücher von Christoph Ransmayr entsorgt, begegne ich einem sehr belesenen Menschen, der Ransmayr neben W.G. Sebald für einen der bedeutendsten Autoren der Gegenwart hält. Vielleicht ist ein Unrecht wieder gut zu machen? Es gibt im Leben viele Fragen, die nicht geklärt werden müssen. Die Bücher sind nicht mehr im Haus. Dafür sind im vergangenen Corona-Jahr 2020 die Bücher der verfemten Agnes Miegel in mein Leben getreten. Mir gefallen ihre frühen Gedichte. Vielleicht gehört die Dichterin Ostpreußens zu jenen längst vergessenen Dichtern wie Edzard Schaper oder Ernst Wiechert, die eines Tages wieder gelesen werden, weil wir ihre Substanz im Zeitgebundenen entdecken? Bücher haben wie Menschen ein Schicksal.

 

Meine Sammlung deutscher Literatur ist alphabetisch geordnet. Da steht der Pour le Mérite-Träger Ernst Jünger neben dem Pazifisten Hans Henny Jahnn und der Katholik Reinhold Schneider neben dem Atheisten Arno Schmidt. Eine Büchersammlung vereint Unvereinbares. Widersprüche und Ungereimtheiten auszuhalten ist eine Lebensaufgabe. Neben den Gedichten von Benn stehen Brentanos Aufzeichnungen über Anna Katharina Emmerick.

 

Von den Büchern, die im vergangenen Jahr erschienen sind, habe ich keines meinen Beständen hinzugeführt. Was für mich bestimmt ist, findet eines Tages den Weg zu mir. Das scheint ein Gesetz des Lesens zu sein. So habe ich jetzt das Lieblingsbuch von Sting gelesen: Michail Bulgakovs Roman „Der Meister und Margarita“. Eine Groteske im Stil von E.T.A.Hoffman und ein indirekter Kommentar auch zur Pandemie. Der Nachteil meiner neuen Liebe: Ich habe mir sämtliche Bücher über den großen russischen Autor des 20. Jahrhunderts bestellt.

 

Beglückend sind Bücher, die ich mit der Erfahrung eines langen Leselebens noch einmal lese. Theodor Fontanes überwältigende Seelenromane, allen voran „Unwiederbringlich“, „Celine“ und „Effi Briest“. Welch eine Liebe zum Menschen, welche historische Bildung, welch genauer Blick ins Wesentliche. Neben Fontane steht Friedrich de la Motte Fouque, der Autor ungezählter zu recht vergessener Romane. Aber seine Liebesgeschichte „Undine“ ist überwältigend schön. Sie hat Maler wie John William Waterhouse, Musiker wie E.T.A.Hoffmann, Antonin Dvorak und Dichter wie Hans Christian Andersen („Die kleine Seejungfrau“) inspiriert. Bei der diesjährigen Sichtung meiner Bücher bin ich nur bis Fouques „Undine“ gekommen. Ich nahm das Buch aus dem Regal, schlug es wieder auf und versank in eine andere Welt.